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Dienstag, 8. April 2014

Fundstelle - 20 mm bei Celle

Manchmal macht man Funde, die auf den ersten Blick umspektakulär und unscheinbar sind.  Dieser Fund könnte in die Kategorie "der Krieg war vor Deiner Haustür" eingeordnet werden. 

Kürzlich fand ich auf einem Acker zahlreiche auffällig große Patronenhülsen. Zufall? Nein - bei dieser Anhäufung nicht. Viele würden jetzt sagen: "Das ist doch nur Schrott..."  - Ja, vom Materialwert stimmt das. Vom historischen Aspekt, steckt aber auch dahinter eine Geschichte, die erzählt werden will. Es hilft also nichts - man muss recherchieren. 

Bild: neun gefundene Hülsen des Kalibers 20 mm. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: neun gefundene Hülsen des Kalibers 20 mm. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Patronenhülsen sind kleine Stolpersteine der Geschichte. Jede besitzt eine Prägung - den so genannten Bodenstempel. Dieser enthält meist Angaben zum Kaliber, Produktionsort und Herstellungsjahr. Die gefundenen Hülsen haben folgende Stempel: 

ST   1943 
RH  1944
RH  1944
K2   1944
GB   1944
RH   1944
ST      43
K2    1944
RH   1943

Bild: Bodenstempel ST 1943. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Bodenstempel RH 1944. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Was steht hinter diesen kryptischen Angaben? Das lässt sich durch eine Recherche in Erfahrung bringen: 

RH = Raleigh Cycle Co., Nottingham, U.K.
K2  = Kynoch (I.C.I.), Standish, Lancastershire, U.K. (1943-1944)
GB = Greenwood & Batley, Ltd., Leeds, U.K. 
ST  = ROF Steeton Yorkshire 

Das jeweils eingeprägte Jahr steht für das Herstellungsjahr. 

Alle gefundenen Hülsen stammen demnach aus Produktionsstätten in Groß Britannien und wurden in der Zeit zwischen 1943 und 1944 hergestellt. Das Kaliber 20 mm wurde im Zweiten Weltkrieg sowohl für Bordkanonen von Flugzeugen eingesetzt, als auch für  Geschütze der Flugabwehr. Bis heute ist es ein gängiges Kaliber für leichte Panzerkanonen und Flugabwehr. Die gefundenen Hülsen stammen allerdings nachweislich aus Bordmaschinenkanonen - offensichtlich britischen. 

Weiterhin lassen sich die Fundumstände analysieren. Die Hülsen konnten in einem schmalen Korridor auf dem Acker gefunden werden. 

Bild: Streuung der gefundenen Hülsen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Die Fundumstände deuten darauf hin, dass die Hülsen von einem Luftangriff stammen. Durch Übertragung der Fundorte ins aktuelle Satellitenbild erkennt man schnell in welcher Richtung der Angriff erfolgt sein muss. Entweder wurden die Geschosse im Luftkampf verschossen, oder in einem Bodenangriff. 

Bei einem Luftkampf hätten die einzelnen Hülsen einen großen Fallweg gehabt. Da sie jedoch dicht beieinander lagen kann man, trotz nachträglicher Bearbeitung des Ackers, annehmen, dass es sich nicht um einen Luftkampf handelte. Vermutlich wurden die sie also in einem Boden-Luft-Angriff verschossen. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass vor Ort ein Angriff eines britischen Jagdbombers auf ein Bodenziel erfolgt sein muss. Dieser ereignete sich wahrscheinlich zwischen 1944 und 1945, da die vorher produzierten Geschosse zunächst an die Front gelangen mussten. Was genau beschossen wurde, lässt sich anhand der Funde natürlich nicht nachvollziehen. Vermutlich handelte es sich um einen Angriff eines britischen Fliegers auf Bodenziele - im Extremfall sogar auf Zivilisten. Dies wäre nicht ungewöhnlich für diese Zeit. 

Es konnte gezeigt werden, dass auch solche Funde eine interessante Geschichte erzählen, die zunächst unscheinbar sind. 

Viele Grüße, 

Hendrik

Reaktionen:

1 Kommentar:

  1. Sehr interessant! Du hast Recht: zu jedem Fund lässt sich eine Geschichte erzählen - sofern man bereit ist sich darauf einzulassen.

    Viele Grüße, Christian

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