f Die ehemalige Zugbrücke bei Klein Hehlen ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 22. Oktober 2019

Die ehemalige Zugbrücke bei Klein Hehlen


Ortskundige wissen - die Straßennamen „Kaninchengarten“ und „Zugbrückenstraße“ in Klein Hehlen sind kein Produkt des Zufalls, denn beide erinnern an Ortsbezeichnungen aus vergangenen Zeiten. Die historischen Zusammenhänge und die Ergebnisse neuerer Nachforschungen werden nachfolgend erläutert.

Bereits in der 1826 erschienenen Beschreibung der Stadt Celle von Ernst Spangenberg wird „eine Zugbrücke über die Aller, nach dem sogenannten Kaninchenholtze bey Kleinen-Hehlen“ genannt.[1] In historischen Karten aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist die Brücke noch verzeichnet.[2] Sie lag hart nördlich der heutigen Bundesstraße 214, im südlichen Bereich eines Flussbogens der Aller, der heute noch als Altarm erhalten ist. Die einstige Zugbrücke sucht man heute im Gelände vor Ort vergebens – und so stellt sich die Frage nach ihrem Verbleib.


[1] Spangenberg, Historisch-topografisch-statistische Beschreibung der Stadt Celle im Königreich Hannover, S. 12 f.
[2] Insbesondere: Plan von der Gegend der einen Seite der Stadt Celle, NLA HA Kartensammlung Nr. 31 c/14 k.


Bild: Namensherkunft der "Zugbrückenstraße"; Quelle: unveröffentlichtes Manuskript der Celler Straßennamen, Archiv Altmann. 


Die Antwort auf diese Frage liegt sprichwörtlich tiefer im Kaninchenbau beziehungsweise - mit Hinblick auf die Örtlichkeiten - im sogenannten „alten Kaninchengarten“. Dieser befand sich einst am westlichen Allerufer und erstreckte sich bis zur alten Schäferei.[1] Um letztere rankt sich so manch spannende Erzählung, denn unter anderem verstarb dort nach langer Krankheit Herzog Christian Ludwig gegen Abend des 15. März 1665.

Sein jüngerer Bruder, Georg Wilhelm, schätze die Schäferei und das hiesige Lusthaus ebenfalls sehr. Nach seinem Tode im Jahr 1705 ebbten die fürstlichen Besuche ab – erst Caroline Mathilde, die Anfang 1772 als geschiedene Frau des Königs von Dänemark nach Celle verbannt wurde, suchte die Schäferei westlich der Stadt wieder regelmäßig auf. 

Nach ihrem Tode ging das Areal an verschiedene Eigentümer über. Zu diesem Zeitpunkt gehörte der alte Kaninchengarten bei der Schäferei jedoch schon längst der Vergangenheit an.


[1] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 580.


Bild: "Zugbrücke" und "Kaninchengarten"; Quelle: Der Speicher. 


Bereits unter der Herrschaft Christian Ludwigs wurde das Gelände des alten Kaninchengartens, bzw. dessen Holznutzungsrechte, gegen ein neues Revier auf der östlichen Allerseite an die Gemeinde Klein Hehlen getauscht.[1] Östlich des Klein Hehlener Baches befanden sich die Unterkunft des Kaninchenmeisters sowie weitere Gebäude der herzoglichen Kaninchenzucht, die im Jahr 1772 mit Abbruchbedingung verkauft worden sind.[2] 

In der Folge fiel das Areal zurück an die Gemeinde Klein Hehlen, die im Gegenzug die ehemals herzogliche Zugbrücke unterhalten sollte[3]. Aufgrund der betriebsamen Allerschifffahrt war vor Ort keine andere Brückenkonstruktion möglich – die Brücke musste für ein- und ausfahrende Schiffe geöffnet werden können.


[1] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 204.
[2] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 581.
[3] Breling, Heimatkundliche Beiträge aus der Umgebung von Celle, S. 3.


Bild: "Zugbrücke" und "Kaninchengarten"; Quelle: Historisch-Topografisch-Statistische Beschreibung der Stadt Celle, E. Spangenberg. 

Die morsch gewordene Zugbrücke verfiel in den Folgejahren allerdings zunehmend - im Jahr 1870 brach ein Soldat durch die marode Brücke und ertrank. Daraufhin wurde der Gemeinde Klein Hehlen der Befehl erteilt die Brücke auf eigene Kosten neu errichten zu lassen.[1] Die Kosten für dieses Unterfangen wurden mit 12.000 Talern veranschlagt. 

Kurz vor Beginn der Arbeiten legte ein Bürger jedoch dar, dass die Gemeinde Klein Hehlen nach dem Wegegesetz von 1849/50 nur bis an die Grenze ihrer Feldmark die Wege zu unterhalten hätte. Da der Fluss dem Fiskus gehörte, war die Gemeinde Klein Hehlen rechtlich hierfür nicht zuständig. 

Am 28. Mai 1873 trug der Gemeindevorsteher Gudehus gegenüber der Celler Verwaltung sein Anliegen auf „Abbruch derselben im Interesse der öffentlichen Sicherheit“ vor.[2] Damit war das Schicksal der Zugbrücke besiegelt, denn beide Seiten hatten offenbar kein Interesse diese zu unterhalten, sodass die Brücke schließlich abgebrochen wurde.[3]


[1] Cellesche Zeitung vom 21.07.1892.
[2] Stadtarchiv Celle, Best. 11, G Nr. 0008, Dokument Nr. 27.
[3] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 581.

Bild: Zugbrücke südlich von Klein Hehlen - zwischen der ehemaligen Schäferei und Celle; Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Die Geschichte der Brücke wäre jedoch unvollständig dargelegt, würde man die wechselvollen Ereignissen des Jahres 1757 unbeachtet lassen, als es in Celle im Zuge des Siebenjährigen Krieges beinahe zur Schlacht gekommen wäre. Seit dem 15. August 1757 war Celle von französischen Truppen besetzt – bis in den Dezember rückten stetig weitere Einheiten nach.[1] 

Hintergrund war, dass der französische Marschall und Herzog von Richelieu, Louis-François-Armand de Vignerot du Plessis, die unter seinem Oberbefehl stehenden französischen Truppen, aus taktischen Gründen, hinter die Aller zurücknehmen wollte.[2] Dicht auf die zurückweichenden französischen Truppen folgte die alliierte Armee unter dem Oberbefehl Herzog Ferdinands von Braunschweig, deren Spitzen am Morgen des 13. Dezember Altenhagen und Garßen erreichten.[3]

Die französischen Truppen hatten die Allerbrücken in der Umgebung entweder abbrechen oder verschanzen lassen und darüber hinaus sämtliche Schiffe, die eine Überquerung der Alliierten hätten erleichtern können, in Brand gesetzt.[4] Tatsächlich zeigt der von Johann Heinrich Steffens um 1760 gezeichnete „Plan der environs von Celle wo die französische und alliierte Armee im Jahre 1757 campieret hat“, dass die Brücke südlich von Klein Hehlen nicht abgerissen worden ist, sondern mit Verschanzungen versehen wurde.


[1] Mastnak / Tänzer, Celle im Siebenjährigen Krieg, S. 56.
[2] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 340.
[3] Von Westphalen, Geschichte der Feldzüge des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, Bd. 1, S. 432.
[4] Von Sichart, Geschichte der königlich-hannoverschen Armee, Bd. 3, S. 300.


Bild: Lager der französischen und der alliierten Truppen bei Celle. Die gezackten Linien symbolisieren die jeweiligen Biwaks bzw. Feldlager. ; Quelle: Plan der environs von Celle wo die französische und alliierte Armee im Jahre 1757 kampiert hat, J.H. Steffens, um 1760. 


Während die alliierte Armee auf den Höhenzügen nördlich der Aller bei Groß Hehlen, Altenhagen und Bostel lagerte, hielten die französischen Truppen die Stadt Celle und das südliche Ufer der Aller von Winsen bis Schwachhausen besetzt – die Masse der Einheiten biwakierte auf den Flächen zwischen der Schäferei und Westercelle.[1]
Ein, für die Morgenstunden des 16. Dezember vorgesehener, Angriffsplan Herzog Ferdinands, dessen zufolge zwischen Stedden und Boye Brücken über die Aller geschlagen werden sollten, konnte nicht im vorgesehenen Zeitrahmen umgesetzt werden und scheiterte.[2] Da es jedoch bereits zu eigenen Truppenbewegungen gekommen war, musste der alliierte Oberbefehlshaber davon ausgehen, dass sein Plan von französischer Seite durchschaut- und somit nicht wiederholbar war.

Nach mehreren Tagen und Nächten in der Eiseskälte des Winters 1757 entschied sich Marschall Richelieu zu einem weiträumig angelegten Angriff. Während der Hauptangriff über die Flanken erfolgen sollte, wurden im zentralen Bereich Ablenkungsmanöver vorbereitet. Hierfür hatte General Caraman mit zwei Infanterieregimentern, zwei Grenadierkompanien, zwei Piquets, 200 Freiwilligen (hier: die Jäger Richelieus) und dem Fischer’schen Corps die Brücke bei der Schäferei zu passieren und einen Scheinangriff auf Groß- und Klein Hehlen auszuführen.[3] 

Dies geht ebenfalls aus dem „Plan de la Position deL’Armée Alliée à Altenhagen et de celle des François à Zelle despuis de 13 jusqu’au 24 de Decemb: 1757“ hervor, der eine detaillierte Truppenaufstellung beinhaltet. Laut der Karte wird die Brücke bei der Schäferei, südlich von Klein Hehlen, als sogenannte „Ponts et routes que les François preparerent pour le passage de l’Aller“ bezeichnet – was wohl selbsterklärend dafür steht, dass diese Brücke Seitens der französischen Truppen mit Absicht nicht abgerissen worden war, um sie später selbst noch nutzen zu können. Stattdessen hatte man sich hier sicherlich bewusst für Verschanzungen entschieden.


[1] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 357f.
[2] Von Reden, Feldzüge der Alliierten Armee, erster Teil, S. 84.
[3] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 364.

Bild: Stellungen der beiden Armeen und geplanter Angriff der französischen Truppen am 25.12.1757; Quelle: Plan de la Position deL’Armée Alliée à Altenhagen et de celle des François à Zelle despuis de 13 jusqu’au 24 de Decemb: 1757.


Einige Verschanzungen, welche offenbar angelegt worden waren, um die Brücke südlich von Klein Hehlen zu sichern, sind in historischen Karten noch verzeichnet. So zeigt der „Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und Weiden“ aus dem Jahr 1768 zwei Schanzen - sogenannte „Batterien“ - im Bereich der Brücke.



Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k, Google Earth. 

Die Schanzen, bzw. Batterien, waren als defensive Flussverteidigungen auf der südlichen Allerseite angelegt worden. Die nachstehende Karte, bzw. der „Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und Weiden“ zeigt zwei der Batterien in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Brücke. Diese waren offenbar zur Verteidigung derselbigen errichtet worden. Zu beachten ist, dass die Karte - wie damals nicht ungewöhnlich - nicht nach Norden ausgerichtet ist. 

Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k


Die mittlere Batterie liegt im zentralen Bereich - direkt gegenüber der ausladenden, ehemaligen Flussschleife der Aller. Von hier aus ließ sich einst der, auf die Brücke zulaufende, Weg zwischen der Schäferei und Klein Hehlen einsehen und sicherlich auch mit Artilleriebeschuss belegen. Es handelte sich hierbei um die größte der Batterien - sie ist heute noch im Gelände als Erdwall sichtbar –  direkt an einem schmalen Wanderweg oberhalb des ehemaligen Flusslaufes. 

Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k

Vermutlich sind schon viele Spaziergänger, Radfahrer und Wanderer an der ehemaligen Batterie / Schanze vorbeigekommen, ohne diese als solche zu erkennen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn heute ist an Ort und Stelle nur noch ein abgeflachter Erdhügel zu erkennen. 

Bild: Reste der einstigen mittleren Batterie heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die Seitenflügel des Erdwalles verlaufen, wie in der Karte aus dem Jahr 1768 deutlich zu erkennen ist, in einem weiten Winkel zueinander. Die grundsätzliche Form des Walles lässt sich im Gelände auch heute noch nachvollziehen. In der weiteren Umgebung finden sich keine vergleichbaren Formationen. 

Bild: Reste der einstigen mittleren Batterie heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 


Von der Zugbrücke, die sich einst im südlichen Teil des Allerbogens befand, ist heute nichts mehr im Gelände zu erkennen. Anlässlich einer militärischen Übung der Eisenbahnpioniere wurde im Jahr 1892 eine Feldbahn mit einer Spurweite von 60 cm über die Aller errichtet. Diese Feldbahn erhielt eine entsprechende Alleebrücke, die an eben jener Stelle gebaut wurde, an der sich zuvor die Zugbrücke befunden hatte. Bereits damals war von der ursprünglichen Brückenkonstruktion nicht mehr vorhanden. 

Heute kann man in diesem Bereich nur noch andeutungsweise eine ehemalige Wegverbindung erkennen. Die Wegspur beginnt kurz hinter dem heutigen Busdepot und trifft im rechten Winkel auf den ehemaligen Flussarm. An der gegenüberliegenden Seite deutet eine Lücke im Buschwerk den weiteren Verlauf auf der nördlichen Flussseite an. 

Bild: Standort der ehemaligen Zugbrücke heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Der Standort der ehemaligen Brücke war sicherlich mit Bedacht gewählt. Nur wenige Meter weiter nördlich fallen die Böschungen des südlichen Flussufers steil ab. Da man von hieraus , unter Berücksichtigung des damals deutlich lichteren Baumbestandes, einen guten Überblick auf die nördliche Flussseite hatte, wurden in diesem Bereich vermutlich die Verschanzungen / Batterien angelegt. 


Bild: Uferböschung im Bereich der ehemaligen Zugbrücke heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Im übrigen Verlauf ist der alte Flussarm der Aller bereits relativ stark verlandet und zugewuchert. Hier findet sich heute ein kleines Stückchen Wildnis, in dem die Natur wieder die Oberhand gewonnen zu haben scheint. 


Bild: Verlandeter Teil der alten Flussschleife heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Folgt man dem alten Flusslauf weiter abwärts, werden deutliche Gemeinsamkeiten mit dem heutigen Lauf der Aller erkennbar. Zwar führt der Altarm im Vergleich eine deutlich geringere Wassermenge - die Breite des Flusses dürfte dagegen den aktuellen Verhältnissen recht nahe kommen. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass es ohne eine Brücke sehr schwer gewesen sein dürfte den Strom zu überqueren. 

Bild: unterer Teil der alten Flussschleife heute; Quelle: H. Altmann, 2019.

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass es westlich von Celle - unmittelbar vor der ehemaligen Schäferei - eine alte Zugbrücke gegeben hat. Wann genau diese entstanden ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Es liegt jedoch nahe, dass die Brücke ursprünglich mit der Verlegung des Kaninchengartens einher gegangen sein dürfte. Diese herrschaftliche Jagdanlage wurde zunächst auf der südlichen Seite der Aller betrieben - später jedoch auf die Klein Hehlener Seite des Flusses verlagert, wo sie noch bis ins späte 18. Jahrhundert existierte. 

In den einschlägigen historischen Quellen zur Celler Geschichte taucht die Zugbrücke kaum auf und findet - wenn überhaupt - nur beiläufige Erwähnung. Dies liegt vermutlich darin begründet, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten gab, um die Aller zu überqueren. 

Im Winter des Jahres 1757 geriet die Brücke jedoch umso stärker in den Fokus und wurde - allem Anschein nach - durch französische Truppen, die das Südufer der Aller besetzt hielten, verteidigt. In diesem Zusammenhang dürften auch die teilweise noch erkennbaren Verschanzungen zu sehen sein. 

Auch wenn sowohl die einstige Zugbrücke als auch der ehemalige Kaninchengarten mittlerweile längst aus der Landschaft verschwunden sind, erzählen die wenigen verfügbaren Quellen durchaus ein spannendes Kapitel der jüngeren Celler Geschichte. 

H. Altmann



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