f Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Der Scheinflugplatz am Bornriethmoor bei Beutzen


Abseits von besiedelten Gebieten und wichtiger Infrastrukturverbindungen entstand unmittelbar zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eine geheime militärische Anlage im Bornriethmoor südöstlich von Oldendorf. Da historische Quellen nur noch in geringem Umfang vorliegen, geben archäologische Methoden weiteren Aufschluss zu den Zusammenhängen.

Wie kaum in einer anderen Zeit entstanden ab der Phase der Wiederaufrüstung ab Mitte der Dreißigerjahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wichtige technologische Neuerungen, die darauf abzielten militärische Vorteile zu erzielen. Durch ihrerseits neuartig hervorgebrachte Entwicklungen versuchten die jeweils gegnerischen Kriegsparteien fortlaufend einander zu übertrumpfen – der Zweite Weltkrieg war somit auch ein Kampf um die Innovation neuer Technologien. Diese dienten nicht zuletzt zur Aufklärung feindlicher Standorte, Anlagen und Stellungen, d.h. zur Gewinnung militärisch relevanter Informationen.

Bereits im Ersten Weltkrieg erlangte die Aufklärung aus der Luft durch Beobachtungsflüge und fotografische Aufnahmen gesteigerte Bedeutung für das Militär. Im Zweiten Weltkrieg kamen diese grundsätzlichen Methoden erstmals großflächig und auf der Grundlage verbesserter Kameratechnik zum Einsatz. Den Nutzen für die militärische Aufklärung belegen unter anderem tausende alliierter Luftbilder, die bis heute zur Rekonstruktion der damaligen Geschehnisse herangezogen werden können. Auch wenn einzelne Zeitzeugenberichte etwas anderes nahelegen, dürften den Westalliierten die meisten Rüstungs- und Militärstandorte im Raum Celle im Laufe des Krieges unter anderem durch die Luftaufklärung bekannt geworden sein. Um Angriffen vorzubeugen, wurden umfangreiche Luftschutzmaßnahmen ergriffen – so auch für den Fliegerhorst Faßberg.

Neben Tarn- und Verdunkelungsmaßnahmen im Bereich des Fliegerhorstes wurde gegen Ende August 1939 eine Tagesscheinanlage (Tag-Scheinflughafen) mit entsprechenden Attrappen bei Beutzen angelegt.[1] Der Standort dieser Scheinanlage konnte im Gelände bereits nachgewiesen werden. Darüber hinaus wurde in der Misselhorner Heide – im Bereich unweit des Tiefental – eine Nachscheinanlage (Nacht-Scheinflughafen) installiert. Diese Anlage wurde jedoch bereits drei Tage später als ungeeignet befunden und ebenfalls nach Beutzen verlegt.[2] Der dortige Standort unweit des Bornriethmoores bot ideale Voraussetzungen. Er entsprach auch den allgemeinen Luftwaffendienstvorschriften, wonach ein die Scheinanlagen einen Sicherheitsabstand von mindestens 1 km zu allen Seiten einhalten mussten.[3] 

Bild: Bornriethmoor um 1936. Quelle: Messtischblatt Nr. 3226 Sülze, 1:25.000, 1936. 

Das Bornriethmoor wurde früher lediglich zum Torfabbau genutzt – in zeitgenössischen Karten sind zahlreiche Torfstiche im Bereich des Moores zu erkennen.[4] Der Torf wurde vor allem insbesondere für den Betrieb der Salzsiedepfannen in der Saline Sülze benötigt. Zwischen 1590 und 1720 soll der Torfverbrauch von 5 Millionen Stück Torf auf über 10 Millionen Stück gestiegen sein.[5] Daher wurden die größeren Moore in der Umgebung der Reihe nach ausgebeutet. 

Bis auf die Höfe Beutzen, Dehningshof und Severloh gab es in dieser Gegend keine Besiedlung und auch keine größeren landwirtschaftlich genutzten Flächen – wirtschaftliche Schäden waren daher kaum zu befürchten. Mangels anderweitiger Lichtquellen in der näheren Umgebung konnte die Nachtscheinanlage darüber hinaus die gewünschte Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Bild: Hof Beutzen um 1929. Quelle: privates Fotoalbum, Archiv Altmann. 

Die Scheinanlagen hatten grundsätzlich den Zweck feindlichen Luftstreitkräften die gesuchten oder sonstige angriffswürdige Ziele vorzutäuschen und von den wirklichen Zielen abzulenken.[6] Wenn möglich, wurden die Scheinanlagen in der Nähe oder zumindest im Wirkungsbereich von Flakstellungen oder in der Nachbarschaft von Fliegerhorsten errichtet, wo die einmal militärisch und wirtschaftlich leichter zu betreuen waren und zum anderen bewirken sollten, feindliche Flugzeuge in die Nähe von Stellungen der aktiven Luftverteidigung zu locken.[7] Es ist daher nicht verwunderlich, dass nahezu alle Flugplätze in der Umgebung über entsprechende Scheinanlagen verfügten (z.B. Dedelstorf, Wesendorf und Hustedt).

Für Tagscheinanlagen war ein relativ hoher Aufwand erforderlich, um die Gebäude und Infrastrukturanlagen einer tatsächlich genutzten Einrichtung nachzustellen. Wirkungsvoller - und deutlich einfacher umsetzbar - waren Nachtscheinanlagen, die durch entsprechende Beleuchtung militärische Ziele suggerierten. Von einfachen Petroleumlampen und Rauchöfen bis zu elektrischen Beleuchtungsanlagen, die teilweise sogar wechselnde Lichtwirkungen erzeugen konnten, war so ziemlich alles vertreten, was in geeigneter Weise Lichterscheinungen hervorrief, die zum Bombenabwurf reizen konnten.[8] Zu eben jenem Zweck wurde die Scheinanlage unweit des Bornriethmoores östlich von Beutzen errichtet.

Bild: Übersichtskarte Scheinflugplatz. Quelle: Open Street Map. 

Besetzt soll die Anlage von bis zu acht Soldaten gewesen sein, die für die Instandhaltung und Bedienung zuständig waren.[9] Ob die Mannschaften in einer Baracke südlich von Oldendorf – im Bereich des heutigen „Haus der Natur“ – untergebracht waren, konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Grundsätzlich lag die Betreuung und Bedienung der Scheinanlagen in der Hand von Einheiten der Luftschutztruppe z.b.V. („zur besonderen Verfügung“), die im Regelfall in nahegelegenen Baracken untergebracht waren.[10]

Bild: gemauerter Schaltbunker. Quelle: Altmann, 2020. 

Die Scheinanlage bei Beutzen dürfte über verschiedene Bestandteile für Täuschungsmanövern verfügt haben. Im Gelände finden sich noch massiv gemauerte Relikte eines Gebäudes, das sehr wahrscheinlich als splittersicherer Unterstand einen Trafo oder sonstige Schalttechnik beherbergte. Darüber hinaus sollen auf dem Scheinflugplatz auch Attrappen von Flugzeugen vorhanden gewesen sein.[11] Dies ist durchaus plausibel, denn die Scheinanlage konnte tagsüber durch feindliche Aufklärer leicht als solche identifiziert werden. Die Flugzeugattrappen sollten offenbar zumindest einen gewissen Flugbetrieb suggerieren, um den Schein zu wahren.

Der Scheinflughafen bei Beutzen soll sich nach zeitgenössischen Aussagen für den Fliegerhorst Faßberg bewährt haben. Alliierte Flugzeuge sollen die Scheinanlage demzufolge mehrfach bombardiert haben, wobei allerdings keine größeren Schäden entstanden sind.[12] Tatsächlich belegen alliierte Luftaufnahmen mehrere Bombenkrater im Bornriethmoor.[13] Auf aktuellen Satellitenbildern sind die Krater nicht zu erkennen. Ebenso zeigen moderne Laserscandaten, die Unebenheiten der Bodenoberfläche normalerweise detailliert wiedergeben, keine besonderen Auffälligkeiten. Der Grund hierfür: der weiche, moorastige Untergrund dampfte die Explosionswirkung und nachströmendes Wasser füllte die Bombenkrater, sodass diese mit der Zeit verlandeten. 

Bild: Bombenkrater, Bornriethmoor. Quelle: Altmann, 2020. 

Bild: Bombenkrater, Bornriethmoor. Quelle: Altmann, 2020. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen konnten die Einschlagskrater allerdings eindeutig als solche identifiziert werden. Sie liegen verstreut im Gelände und lassen keine Rückschlüsse auf einen einzigen koordinierten Angriff zu – vielmehr scheint es sich um die Spuren mehrerer Luftangriffe auf den Scheinflugplatz zu handeln. Insoweit ist jedenfalls belegt, dass die Scheinanlage bei Beutzen ihren Bestimmungszweck erfüllt hat – offensichtlich hat es tatsächlich Luftangriffe gegeben, deren Spuren sich noch heute erkennen lassen.

Bild: Barackenfundamente. Quelle: Altmann, 2020. 

Neben den Relikten des befestigten Unterstandes und einigen Bombenkratern sind noch weitere Spuren des ehemaligen Scheinflugplatzes im Gelände feststellbar. Einige Betonfundamente deuten auf Baracken im südlichen Bereich des angetäuschten Flugfeldes hin. Unmittelbar am Rand des Bornriethmoores befinden sich mindestens zwei große quadratische Gruben – diese könnten möglicherweise als Feuerlöschteiche gedient haben.

Bild: quadratische Teiche. Quelle: Altmann, 2020. 

In historischen Quellen findet der Scheinflugplatz Beutzen kaum Erwähnung. In einer umfangreichen Nachkriegsaufstellung ehemaliger militärischer Anlagen im Raum Celle werden zwar andere Scheinanlagen in der näheren Umgebung aufgelistet – die Anlage bei Beutzen wird jedoch nicht genannt.[14] Dies ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich – immerhin gab es im Raum Celle eine erhebliche Anzahl ehemals militärisch genutzter Anlagen. Die vergleichsweise kleine Scheinanlage bei Beutzen lag abseits von besiedelten Bereichen und wichtiger Infrastrukturanlagen – vermutlich war sie aus damaliger Sicht einfach nicht erwähnenswert. Später wurden die Flächen des ehemaligen Scheinflugplatzes wieder einer land- bzw. Forstwirtschaftlichen Verwendung zugeführt.

Aus heutiger Sicht wirkt die Scheinanlage am Bornriethmoor vergleichsweise unspektakulär. Sie belegt allerdings die aufwendigen Bemühungen, die im Zweiten Weltkrieg im Rahmen von Luftschutzmaßnahmen ergriffen worden sind.

H. Altmann

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[1] Stärk, Fassberg S. 84.
[2] Stärk, Fassberg S. 84.
[3] Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 559.
[4] Messtischblatt Nr. 3226, 1:25:000, 1936.
[5] V..d. Kammer/Saur/Scheidt, Niedersächsische Bauern in der Lüneburger Heide, S. 24.
[6] Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 559.
[7] Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 559.
[8] Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 561.
[9] Glombek, Chronik der Gemeinde Faßberg, S. 287.
[10] Hampe, Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, S. 361.
[11] Glombek, Chronik der Gemeinde Faßberg, S. 287.
[12] Stärk, Fassberg S. 90.
[13] 14th Squadron USAAF, 25.04.1945, Frame 3133.
[14] NLA Hannover, Nds. 120 Lüneburg, Acc. 51/79, Nr. 61.

Dienstag, 5. Oktober 2021

Wo blieb der Jahrhundertdenkstein?


Seine Herkunft wird in Sagen und Legenden beschrieben. Seine Verwendung als Denkmal ist anhand von Überlieferungen und historischen Fotografien belegt. Dennoch bleibt heute die Frage nach dem Verbleib des sogenannten "Jahrhundertdenksteins". 

In ihrem 1949 erschienenen Werk "Celler Sagen aus Stadt und Land" berichten Paul Alpers und Georg Breling vom Riesenstein im Linhop bei Gockenholz. In weiteren Sammlungen niedersächsischer Sagen und Legenden taucht die Erzählung zur Mitte des 20. Jahrhunderts ebenfalls auf. 

Der Sage nach soll ein Riese namens Roland, der einst bei Celle wohnte, mit anderen Riesen, die allerdings bei Höfer lebten, im Streit gewesen sein. Um die Festung der verfeindeten Riesen zu zerstören, soll Roland versucht haben einen schweren Stein nach Höfer zu schleudern. Das Vorhaben misslang - der Stein war so schwer, dass die Schleuder bzw. eine Kette riss und der Stein nur bis nach Gockenholz flog und dort in der Feldmark "im Linhop" liegen blieb. 

Weiter heißt es bei Alpers/Breling, dass der riesige Stein dort von Birken umwachsen bis ins Jahr 1913 liegen blieb. Dann habe ihn der seinerzeitige Besitzer der Gemeinde Lachendorf zur Errichtung des Denkmals zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig geschenkt, heißt es bei Alpers und Breling weiter. Der Stein habe 25 Zentner (1,25 Tonnen) gewogen. 

Zugegeben: diese Geschichte klingt zunächst als wäre sie frei erfunden. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass sie zumindest in Teilen auf einen wahren Kern zurückgeht. 

Bild: die alte Feldflur "Auf dem Linhop" bei Gockenholz. Quelle: Karte von der Feldmark Gockenholz, 1853. 

Auf historischen Karten sind nördlich von Gockenholz noch im 19. Jahrhundert die Flurbezeichnungen "Das Linhopsgehäge" sowie "Auf dem Linhop" zu finden. Diese Bezeichnung ist bereits an sich bemerkenswert, denn sie könnte auf eine alte Hofstelle ("Hop") hindeuten. Woher diese auffälligen Flurnamen stammen wird im "Celler Flurnamenbuch", das Paul Alpers und Friedrich Barenscheer 1952 veröffentlichten, nicht aufgelöst. Sie erwähnen darin lediglich, dass die Flurbezeichnung auf den Namen "Lindow" (1678) zurückzuführen sei. Für die Zusammenhänge um den Jahrhundertdenkstein ist dies jedoch nicht weiter von Belang. 

Es stellt sich die Frage wer den Stein vom "Linhop" abtransportieren ließ. Laut Alpers/Breling war es der seinerzeitige Besitzer der Flächen. Aus den Unterlagen zur Real- und Spezialteilung im Jahre 1853 geht hervor, dass ein Großteil der Flur "Auf dem Linhop" zu diesem Zeitpunkt der damals noch eigenständigen Gemeinde Gockenholz gehört hat. Dies scheint auch nicht weiter verwunderlich - es handelte sich größtenteils um Moor- und Heideland, das ursprünglich als Allmende durch die Allgemeinheit genutzt worden ist. Vereinzelt befand sich in dieser Allmende auch privater Besitz - beispielsweise in Form von Bienenzäunen. Im Zuge der Real- und Spezialteilung kam es zur Aufteilung der Gemeinheiten, die fortan zu größeren Teilen in Privatbesitz übergingen. 

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen sind noch heute sichtbar. Sobald das Land in Privatbesitz ging, hatten die Eigentümer ein Interesse die Flächen möglichst wirtschaftlich zu nutzen. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass der sogenannte Jahrhundertdenkstein in den Jahren bzw. Jahrzehnten nach der Verkoppelung, d.h. der Real- und Spezialteilung, im Zuge der Urbarmachung der Brachflächen von dort abtransportiert worden ist. 

Bild: die alte Feldflur "Auf dem Linhop" bei Gockenholz. Quelle: Preuß. Messtischblatt, 1901, public domain; Google Earth.  

Wie Alpers und Breling schrieben, soll der tonnenschwere Stein aus der Gockenholzer Feldmark nach Lachendorf transportiert worden sein, um dort ab 1913 als Bestandteil der Denkmals zur Erinnerung an die Völkerschlacht von Leipzig weitere Verwendung zu finden. Die Schlacht bei Leipzig hatte damals einen enormen Stellenwert in der historischen Betrachtung eingenommen. Mit rund 600.000 beteiligten Soldaten handelte es sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts um die größte Schlacht bis dato überhaupt. Die Schlacht hatte darüber hinaus eine entscheidende Wende gegen die französischen Truppen sowie deren Verbündete im Rahmen der Befreiungskriege auf deutschem Boden bewirkt. Durch den Sieg der Koalition gegen die Armee unter Napoleon Bonaparte, musste sich diese auf ihren Rückzug begeben. Die Schlacht bei Leipzig läutete damit das Ende der französischen Fremdherrschaft Hierzulande ein. 

Bemerkenswert ist, dass Lachendorf im Jahr 1913 ein eigenes Denkmal in Erinnerung an das einhundertjährige Gedenken an die Völkerschlacht erhielt. Auf der Spitze des Denkmals befand sich offenbar der tonnenschwere Findling aus der Gockenholzer Feldmark. Der sogenannte "Jahrhundertdenkstein" diente unter anderem als Postkartenmotiv. 

Bild: Postkartenmotiv des Jahrhundertdenksteins in Lachendorf. Quelle: Postkarte, 1914.  

Das Lachendorfer Denkmal wies bereits optisch offenbar deutliche Ähnlichkeiten zum Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig auf, das am 18. Oktober 1913 eingeweiht wurde. Auch das Lachendorfer Denkmal wurde im Jahr 1913 eröffnet. Ebenso scheint die Form des Lachendorfer Denkmals an sein Pendant in Leipzig angelehnt worden zu sein. 

Die Spur des Jahrhundertdenksteins lässt sich aber noch weiter verfolgen. Eine weitere Ansicht zeigt das Denkmal mutmaßlich auf dem alten Platz vor dem Rathaus. Die Aufnahme muss nach 1918 entstanden sein, denn auf dem Denkmal ist bereits eine Gedenktafel für die Opfer des Ersten Weltkrieges angebracht worden. 

Von der Perspektive scheint es als wäre das Bild aus fast demselben Winkel wie die Aufnahme aus dem Jahr 1914 entstanden. Die leicht abgeflachte Kante des großen Findlings auf der Spitze lässt diesen Schluss jedenfalls zu. Aber: die Anordnung der aufgeschichteten Steine passt nicht zueinander. Wurde das Denkmal zwischenzeitlich versetzt? Auch die Gebäude im Hintergrund unterscheiden sich. Die neuere Aufnahme scheint außerdem vor ausgewachsenen Nadelbäumen entstanden zu sein, während auf jener Aufnahme aus dem Jahr 1914 im Hintergrund eindeutig Laubbäume zu erkennen sind. 

Bild: Der alte Platz vor dem Rathaus mit dem sogenannten Jahrhundertdenkmal. Quelle: Martin Wittmann, Kurt W. Seebo, Lachendorf - Beiträge zur Geschichte des Dorfes, S. 172. 

Die Lachendorfer Ortschronik von Martin Wittmann und Kurt-Werner Seebo liefert einen Hinweis darauf, was aus dem alten Denkmal geworden ist. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es offenbar Überlegungen eine weitere Gedenktafel für die Opfer des Krieges am Denkmal anzubringen. Eine entsprechende Tafel wurde am Volkstrauertag im Jahr 1959 auch befestigt. 

Allerdings musste das Denkmal im bereits im Jahr 1967 im Zuge der Verlegung der Ortsdurchfahrt weichen. Es wurde daher - unter Mithilfe von Soldaten der Bundeswehr aus Munster - im Juli 1967 abgebrochen, berichteten Wittmann und Seebo in der Ortschronik. Am Rehrkamp wurde wenig später eine neue Gedenkstätte mit drei großen Beton-Stelen durch die Firma Claussen gestaltet. An diesen Stelen wurden die Tafeln zum Gedenken an den einhundertjährigen Jahrestag der Völkerschlacht, an den Ersten Weltkrieg sowie an den Zweiten Weltkrieg montiert. Die neue Gedenkstätte am Rehrkamp wurde am Volkstrauertag im Jahr 1968 eingeweiht. 

Bild: heutiges Denkmal in der Spitze Westerberg/Rehrkamp in Lachendorf. Quelle: Altmann, 2021. 

Die Frage nach dem Verbleib des im Jahr 1913 errichteten Denkmals wäre damit geklärt. Doch wo blieb der Jahrhundertdenkstein? Seine ursprüngliche Herkunft und sein letztlicher Verbleib geben somit bis heute Rätsel auf. 

H. Altmann



Dienstag, 10. August 2021

Faßberg: Relikte des alten Bombenübungsplatzes


Ein beständiges Brummen liegt über den freien Flächen zwischen Faßberg, Oerell und Brambostel. Ein Bomber des Typs Junkers Ju 88 steuert ein einsames Bahnhofsgelände an. Wenig später schlagen die Bomben in den Heideboden. Rauch steigt auf – die Übung ist beendet.

So in etwa könnten sich die Szenen des Übungsbetriebs auf dem Bombenabwurfplatz nördlich von Faßberg früher abgespielt haben. Viel ist leider nicht über die Geschichte dieses ehemaligen Übungsareals bekannt – wenige schriftliche Belege, alliierte Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg, moderne Laserscandaten und nicht zuletzt Beobachtungen im Gelände vor Ort sind die einzig verfügbaren Quellen, die Aufschluss zur Historie des Bombenübungsplatzes geben. 

Wie einsame Zähne aus Stahlbeton ragen drei massive Beobachtungsbunker aus dem Wald. Als der Übungsplatz noch in Betrieb war, gab es hier nur eine weite Gras- und Heidelandschaft – doch die Natur hat das Areal wieder für sich vereinnahmt. Am besten erhalten geblieben sind die rund vier Meter hohen Beobachtungsbunker. 

Bild: alter Beobachtungsbunker (Nr. 3). Quelle: H. Altmann, 2021. 

Drei dieser Bunker gab es früher auf dem alten Bombenübungsplatz. Sie waren in fast gleichmäßigen Abstand zueinander errichtet und bildeten hierbei ein gleichschenkliges Dreieck. Die Beobachtungsbunker dienten zur Überwachung der Abwurfübungen und sollten das Personal vor den Auswirkungen der Abwurfmunition schützen. Zu diesem Zweck besaßen die Bunker eine Wandstärke von ca. 75 cm aus massivem Stahlbeton sowie verriegelbare Sichtschlitze - jeweils ausgerichtet auf die entsprechenden Abwurfbereiche. 

Bild: Beobachtungsbunker, verriegelbarer Sichtschlitz aus Metall. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Von den drei Bunkern sind heute nur noch zwei offen begehbar. Der südlichste Bunker (Nr. 1) wurde zugemauert. 

Die Bunker besaßen Außenleitern und waren möglicherweise über eine Kabelverbindung miteinander verbunden. Im Innern führte eine Leiter in die obere Etage - die Leitern wurden jedoch nach Kriegsende sämtlich entfernt. 

Bild: zugemauerter Beobachtungsbunker (Nr. 1). Quelle: H. Altmann, 2021. 

Die Bunker bestanden jeweils aus vier schmalen Räumen - zuzüglich einem sehr schmalen Eingangsbereich. Die gesamte Konstriktion war auf Stabilität ausgerichtet. Durch zwei Liken gelangte man von den unteren Räumen in die obere Etage. In dieser waren ebenfalls Sichtschlitze angebracht, um die weiter entfernten Abwürfe beobachten zu können. Die Decke bestand aus einer eingezogenen Stahlplatte. 

Bild: Beobachtungsbunker, Oberschoss. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Bild: Beobachtungsbunker, Untergeschoss, Eingangsbereich. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Der rund 420 ha große Übungsplatz entstand bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. In einigen Quellen heißt es hierzu, dass der Platz im Jahr 1936 rund zwei Kilometer nördlich des Fliegerhorstes entstand.[1] Zu beachten ist, dass die Pläne zur abschließenden Errichtung einer Bombenschule in Faßberg wohl bereits bis Anfang Dezember 1934 umgesetzt werden sollten, sodass die Notwendigkeit eines entsprechenden Übungsgeländes hieraus erwachsen sein könnte und mit den Baumaßnahmen schon vor 1936 begonnen worden sein könnte.[2]

Bild Übersichtskarte. Quelle: Openstreetmap, zusätzliche Eintragungen: H. Altmann, 2021. 

Gesichert ist, dass der Bombenübungsplatz über mehrere Bodenziele verfügte, um den Abwurf von Übungsbomben aus Zement sowie scharfer Sprengbomben zu trainieren. Die Ziele wurden durch sogenannte Entfernungskreise markiert – eine Art Anzeigefeld mit Pfeil markierte für die anfliegenden Piloten das entsprechende Ziel. Ein Plan der Bauleitung, erstellt im Mai 1936 gibt über die Zieleinrichtungen näheren Aufschluss.[3] 

Im Westen des Übungsplatzes war eine Art Fabrikgelände durch betonierte Flächen und niedrige Mauern angetäuscht. Hiervon sind heute nur noch einige grobe Betonklötze übrig. 

Bild ehemaliges Fabrikgelände (Bodenziel). Quelle: H. Altmann, 2021. 

Im zentralen Bereich des Übungsgeländes existierte ein Bahnhofsgelände, das aus mehreren Gebäuden, einer Rampe sowie Gleisanlagen bestand.[4] Das Bahnhofsgelände diente zu Übungszwecken sogar als Ziel für scharfe Sprengbombenabwürfe, während über den anderen Objekten lediglich Zementbomben abgeworfen worden sind. 

Die Zementbomben besaßen im Innern eine Glasampulle, die mit einer Chemikalie gefüllt war. Beim Aufschlagen der Zementbombe zerbrach die Ampulle und setzte künstlichen Nebel frei, der dem Beobachtungspersonal in den Bunkern signalisierte, ob der jeweilige Abwurf das Ziel getroffen hatte und die Übung bestanden war oder nicht. Auf historischen Luftbildern der Alliierten, die im April 1945 aufgenommen worden sind, lassen sich die Bahnhofsanlagen noch recht gut ausmachen.

Bild ehemaliges Bahnhofsgelände (Bodenziel). Quelle: H. Altmann, 2021. 

Das ehemalige Bahnhofsgelände ist inzwischen nur noch bruchstückhaft erkennbar. Eine Rampe, Trümmer völlig zerstörter Bunkergebäude und die gradlinig verlaufende Waldschneise sind das Einzige, was noch auf dieses Relikt hindeutet. 

Bild ehemaliges Bahnhofsgelände, gradliniger Streckenverkauf ist noch erkennbar. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Im Norden des Bahnhofsgeländes gab es zwei massive Hallenbauten, die jedoch völlig zerstört worden sind – sei es durch Bombenabwürfe oder Sprengungen nach Kriegsende.


Bild ehemalige Hallenkonstruktion im nördlichen Bereich. Quelle: H. Altmann, 2021. 


Bild ehemalige Hallenkonstruktion im nördlichen Bereich. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Bild ehemalige Hallenkonstruktion im nördlichen Bereich. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Im östlichen Bereich des ehemaligen Bombenabwurfplatzes befinden sich noch die Relikte zweier Brückenkonstruktionen aus Beton. In der unmittelbaren Nähe der weiter östlich gelegenen Brücke sind tiefe Sprengkrater zu erkennen – ein Zeichen, dass auch dieses Bodenziel seinerzeit scharfen Abwurfmitteln ausgesetzt gewesen sein muss. Einzelne Berichte erwähnen sogar ein altes Binnenschiff, das ebenfalls als Übungsziel auf den Bombenabwurfplatz geschleppt worden sein soll.[5]

Bild angetäuschte Brückenkonstruktion (Bodenziel). Quelle: H. Altmann, 2021. 

Neben den zuvor genannten Baulichkeiten existieren im nördlichen Bereich des ehemaligen Übungsgeländes noch Bunkeranlagen. Diese scheinen jedoch weniger als Übungsziele gedient zu haben sondern waren vermutlich eher zur Lagerung von Materialien vorgesehen. Die Bunker verfügten über massive Türen sowie verstärkte Deckenkonstruktionen.

Bild: Bunker im Nordosten des Geländes. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Bild: Bunker im Nordosten, verstärkte Türen. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Im nordöstlichen Bereich des Bombenabwurfplatzes steht noch ein Bunker, der einst über eine massive Stahlkuppel verfügte. Der Zweck dieser Anlage ist noch nicht abschließend geklärt. Möglicherweise diente sie ebenfalls als Bodenziel, um den Angriff auf Verteidigungsanlagen, wie insbesondere die französische Maginot-Linie zu trainieren – oder es handelte sich hierbei um einen sicheren Unterstand für Beobachtungen auf das Übungsgelände.

Bild Übersichtskarte. Quelle: Openstreetmap, zusätzliche Eintragungen: H. Altmann, 2021. 

Über den militärischen Übungsbetrieb auf dem Bombenabwurfplatz liegen kaum Informationen vor. Die Anlage befand sich abgelegen von ziviler Infrastruktur. Zeitzeugenberichte existieren nur sehr begrenzt. 

Eine umfangreichere Darstellung der Ereignisse liefert der Diplom-Theologe Hans Stärk, der zwischen 1967 und 1970 als Militärpfarrer in Faßberg tätig war. In seinem 1970 erschienenen Werk sammelte Stärk zahlreiche Zeitzeugenberichte – insbesondere von ehemaligen Militärangehörigen. Stärks Buch gibt damit authentische Einblicke in die Geschichte des Fliederhorstes Faßberg und liefert auch einige Hinweise zum ehemaligen Bombenabwurfplatz.

Unter anderem hatte Stärk schriftliche Darstellungen von Oberst Kurt Hake in sein Buch aufgenommen – Hake war bis kurz vor Kriegsende Kommandeur des Fliegerhorstes. Er berichtet insbesondere von der Erprobung neu entwickelter Zeitzünder für die Firma Rheinmetall-Borsig auf dem Bombenabwurfplatz. 

Vornehmlich ging es darum herauszufinden, ob der empfindliche Zündmechanismus direkten MG-Beschuss im Luftkampf überstehen konnte.[6] Zu diesem Zweck wurde die Bombe auf einen Sockel gelegt und aus ca. 300 m Entfernung mit Maschinengewehren (MGs) beschossen. Sie detonierte jedoch nach dem heftigen Beschuss nicht, sodass nach einer gewissen Wartezeit nachgesehen wurde – in diesem Moment kam es zur Explosion. Fünf Menschen fanden hierbei den Tod.[7]

Bild: Bombenkrater im östlichen Bereich des ehemaligen Bombenübungsplatzes. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Deutlich glimpflicher ging ein weiterer Versuch aus, wie sich Oberst Hake später erinnerte. Eine Sprengbombe sollte unter einer Junkers Ju 87 für den späteren Abwurf montiert werden. Beim Versuch die Bombe einzurasten, fiel diese zu Boden – das Personal flüchtete aus dem Bereich. Ein Brandmeister kroch später vorsichtig unter das Flugzeug und befestigte ein Seil, sodass zunächst die Maschine aus der Gefahrenzone herausgezogen werden konnte.[8] 

Nach einer längeren Wartezeit wurde ebenfalls die immer noch scharfe Bombe an einem Seil befestigt. Ein vorgespannter Traktor, an dessen Rücksitz eine Panzerplatte angebracht worden war, schleifte die Bombe am langen Seil über das Rollfeld, um sie zur Detonation zu bringen. „In großen Schleifen ging die Fahrt, die Bombe hüpfte hinter dem Trecker wie ein Fisch, aber nichts geschah“, erinnerte sich Hake später.[9] Wie die Gefahr schließlich beseitigt werden konnte lässt sein Bericht offen.

Bild: Stellungssystem (Gräben) im Bereich des ehemaligen Bombenübungsplatzes. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Als die nächtlichen Luftangriffe im weiteren Kriegsverlauf stetig zunahmen, gewann das Fliegerhorst an Bedeutung durch die zunehmende Stationierung von Nachtjagdgeschwadern. So lag die II. Staffel des Nachtjagdgeschwaders 4 von Mitte bis Ende Februar auf dem Platz.[10] 

Weitere Staffeln verschiedener Nachtjagdverbände folgten im Laufe des Jahres 1944. Durch seine gesteigerte Bedeutung geriet der Fliegerhorst zunehmend in den Fokus der alliierten Luftaufklärung. Wie andere Anlagen verfügte der Fliegerhorst Faßberg ebenfalls über Flakschutz. Die Flak des Horstes, unter Führung eines Oberleutnants der Reserve, zwang bis Kriegsende noch alliierte Flugzeuge zur Landung bzw. schoss sie ab.[11]

Bild: Munitionslager einer einstigen Flakstellung. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Die alten Flakstellungen sind auf den alliierten Luftaufnahmen deutlich zu erkennen. Zwei dieser Flakstellungen befanden sich unmittelbar südlich des Bombenabwurfplatzes – im Nordosten des Fliegerhorstes. Relikte dieser Anlagen sind noch heute im Gelände erkennbar. 

Die Flakstellungen verfügten jeweils über zwei abseits gelegene Munitionslager sowie drei Flak-Boxen aus viereckig angeschütteten Sandwällen. Die östliche der beiden Stellungen verfügte über mindestens sechs kreisförmig um die Stellung angeordnete Deckungslöcher. Das Ausmaß der Stellungen würde zu Geschützen des Kalibers 3,7 cm passen. Am 4. sowie am 7. April 1945 kam es zu massierten Luftangriffen durch B-17 Bomber der 8. US Air Force – zur Verteidigung gegen diese hochfliegenden Verbände waren die 3,7 cm Geschütze nicht geeignet. Ein größeres Feld von Bombenkratern erstreckt sich östlich des heutigen Flugplatzgeländes.

Bild: Bombenkrater im östlichen Bereich des Rollfeldes. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Vom Bombenabwurfplatz bis in den Wald nördlich von Schmarbeck sind diverse Verteidigungsstellungen und Splitterschutzgräben zu finden. Mindestens acht dieser, teils mehrfach verzweigten, Grabensysteme sind heute noch im Gelände zu erkennen. Die Zweckbestimmung dieser, vergleichsweise recht aufwändig angelegten, Stellungen ist bis heute nicht abschließend geklärt. 

Möglicherweise sollten sie zur Verteidigung oder Sicherung des Fliegerhorstes dienen. Zur Erdverteidigung des Horstes gab Stärk an, dass diese auf der einen Seite des Rollfeldes dem stellvertretenden Generalkommando Hamburg und zur anderen Seite dem stellvertretenden Generalkommando Hannover unterstand.[12] Dies würde zumindest erklären, dass die auffälligen Stellungssysteme nur im (nord-)östlichen Bereich des Rollfeldes anzutreffen sind.

Bild: Stellungssystem im östlichen Bereich des Rollfeldes. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Im Zuge der Verteidigung des Fliegerhorstes bei Kriegsende konnten die Stellungen jedenfalls keine Wirkung entfalten, denn die britischen Truppen näherten sich am frühen Nachmittag des 16. April 1945 aus Trauen, d.h. aus westlicher Richtung.[13] 

Oberstleutnant Heinz Maletta, der als letzter Kommandant die Verteidigung des Fliegerhorstes befehligte, gab später an er habe die Hauptabwehrkraft, in Panzerabwehrkommando, mit Stellungen in Richtung Süd- und Südwest des Horstes verlegt – diese Kräfte mussten aber auf höheren Befehl ihre panzerbrechenden Waffen an andere Einheiten abgeben.[14] 

Die letzten Kräfte der Verteidigung verfügten somit lediglich über Handfeuerwaffen und verteidigten schließlich nur noch den Bereich zwischen dem Rollfeld und Schmarbeck – bis sie sich letztendlich den britischen Truppen ergaben.[15] Von militärischem Nutzen waren die ausgebauten Stellungssysteme im (Nord-)osten des Rollfeldes somit nicht.

Bild: Stellungssystem im Bereich des Bombenübungsplatzes. Quelle: H. Altmann, 2021

Der Fliegerhorst und seine zugehörigen Flächen wurden zunächst durch die britischen Streitkräfte besetzt, die den Platz bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 noch für letzte Kampfoperationen sowie zur Versorgungszwecken nutzten. 

Ob ein weiter östlich gelegenes Areal, das laut historischen Luftbildern ebenfalls über künstliche Bodenziele für Flugübungen verfügte, in der Nachkriegszeit durch die britischen Besatzungstruppen verwendet worden ist, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. In den vorhandenen Überlieferungen zum eigentlichen Bombenabwurfplatz taucht diese Fläche unmittelbar östlich des Faßbergs nicht auf.

Bild: bauliche Relikte östlich des Faßbergs. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Die Existenz des ehemaligen Bombenübungsplatzes bei Faßberg heute nur noch wenigen bekannt. Die Relikte dieser militärischen Anlage lassen sich heute höchstens noch anhand historischer Luftbilder sowie mittels moderner Laserscanaufnahmen ausmachen. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen durch die ehrenamtliche Bodendenkmalpflege konnte eine Vielzahl der Relikte des Bombenübungsplatzes lokalisiert und dokumentiert werden. Trotzdem werfen die historischen Zusammenhänge des Areals bis heute Fragen auf, die sicherlich noch weiterführende Nachforschungen erforderlich machen.

H. Altmann

Ehrenamtlich Beauftragter für die archäologische Denkmalpflege

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[1] Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 60f.
[2] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945, Bd. 7, S. 143.
[3] NLA Nds. 220 Acc. 103/77.
[4] Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 61.
[5] Glombeck, Chronik der Gemeinde Faßberg, S. 270.
[6] Hake, in: Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 203 ff.
[7] Hake, in: Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 203 ff.
[8] Ebd.
[9] Ebd.
[10] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945, Bd. 7, S. 149.
[11] Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 99.
[12]Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 94.
[13]Saft, Krieg in der Heimat – das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, S. 231 ff.
[14]Stärk, Fassberg – Geschichte des Fliegerhorstes und des gemeindefreien Bezirks Faßberg, S. 99 f.
[15] Saft, Krieg in der Heimat – das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, S. 232.


Samstag, 7. August 2021

FAN-Exkursion am 24.07.2021

Bild: Besprechung der historischen Quellen. Quelle: Heinz-Dieter Freese, 2021. 

Eine spannende Mischung historischer Orte aus verschiedenen Epochen erwartete die Teilnehmenden der FAN-Exkursion am 24. Juli 2021 im Landkreis Celle. Der ehrenamtlich Beauftragte für die archäologische Denkmalpflege und Heimatforscher, Hendrik Altmann, begleitete die Gruppe bei hochsommerlichen Temperaturen zu den einzelnen Anlaufpunkten.

Erstes Ziel war ein kreisrunder Erdwall im Neustädter Holz bei Celle. Vorbei am Standort einer längst abgetragenen Zugbrücke über die Aller und an der ehemaligen Schäferei – die zeitweise als Rückzugsdomizil der Celler Herzöge diente – erläuterte Hendrik Altmann anhand historischer Karten die Entwicklung der Umgebung. 

Im tiefen Unterholz stieß die Gruppe schließlich auf den vermeintlichen Ringwall – worum konnte es sich hierbei handeln? Ein Begräbnisplatz? Eine Verteidigungsanlage? Ein altes Wasserreservoir? Hendrik Altmann lieferte schließlich die Auflösung: ein künstliches Wasserbecken, das eventuell auch als Anlage zur Entenjagd der Herzöge gedient haben könnte.

Nach einer ausgiebigen Frühstückspause und nördlich von Scheuen bei Celle fortgesetzt werden. Vorbei an einem alten Einsatzhafen (Flugplatz), den die Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg nutzte, gelangte die Gruppe schließlich zum Ziel: Bunkerrelikte der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Celle. Hendrik Altmann erläuterte, dass kurz vor Kriegsende hier ebenfalls (chemische) Spitzenkampfstoffe eingelagert worden waren, deren Abtransport sehr wahrscheinlich unmittelbar vor Eintreffen der britischen Truppen Mitte April 1945 erfolgte. 

Bild: Eingangsbereich eines zerstörten Lagerbunkers. Quelle: Altmann, 2021. 

LIDAR-Aufnahmen und historische Luftbilder lieferten einen Überblick über die gesprengten Relikte – die archäologische Betrachtungsweise der Teilnehmenden steuerte weitere Erkenntnisgewinne bei. Der mögliche Funktionszusammenhang eines röhrenförmigen Bunkers wurde diskutiert.

Bild: Begutachtung einer teilweise erhalten gebliebenen Bunkerröhre. Quelle: Heinz-Dieter Freese, 2021. 

Als nächstes steuerte die FAN-Exkursion den historischen Klosterort Wienhausen an. Dort, im urwüchsigen Waldgelände des „Sundern“, wurde eine kreisförmige Mehrfach-Wall-Graben-Anlage begutachtet. Der auffällige Ringwall war unter anderem in 2013 archäologisch untersucht worden – die Archäologin Dr. Cornelia Lohwasser hatte eine Magnetometer-Prospektion durchgeführt und Sondengänger hatten die Anlage nach Metallfunden abgesucht. Erkenntnisreiche Funde konnten seinerzeit nicht festgestellt werden, sodass offene Fragen zu der Anlage bestehen. Könnte es sich gar um die sagenumwobene Mundburg handeln, deren Lokalisierung in der Fachliteratur bis heute nicht abschließend geklärt werden konnte? Lebhaft diskutierten die Teilnehmenden diese und weitere Deutungen zum aufgefundenen Ringwall.

Bild: mehrfacher Ringwall bei Wienhausen. Quelle: Altmann, 2019.

Nach kurzer Pause bei einem leckeren Eis unter den alten Lindenbäumen des Klosterortes brach die FAN-Exkursion zum letzten Ziel auf: Nordburg. Bereits im Jahre 1202 im Zuge der Erbteilung Heinrichs des Löwen urkundlich erwähnt, verfügt Nordburg über einen denkmalrechtlich erfassten Burgplatz. Oberirdische Relikte der Burg werden noch bis ins 18. Jahrhundert im Schrifttum bezeugt und noch im ausgehenden 19. Jahrhundert als „große Schantze“ dokumentiert. Anhand verschiedener Kartenwerke gab Hendrik Altmann einen historischen Überblick. 

Bild: Nordburg zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Quelle: NLA HA Kartensammlung Nr. 31 c/21 pg, Kennzeichnung als public domain

Von wem, wann und zu welchem Zweck die Nordburg allerdings erbaut worden ist, konnte bis heute jedoch noch nicht abschließend nachgewiesen werden. An den Fundamenten des Glockenturms – im Bereich des alten Burgplatzes liegt heute ein Friedhof – konnten die Teilnehmenden große Blöcke aus Raseneisenstein in Augenschein nehmen. Ziegel- und Steinreste in den Randbereichen regen hier zu interessanten Spekulationen an. Weitere Erkenntnisgewinne werden an dieser Stelle wohl erst künftige archäologische Untersuchungen liefern. 

Bild: Blick auf den Wallberg in Nortburg - heute als Friedhof genutzt. Quelle: Altmann, 2021. 

H. Altmann


Ein ausführlicher Bericht zur Exkursion ist unter dem folgenden Link abrufbar: 



Dienstag, 27. Juli 2021

Was wissen wir über die Geschichte der Nordburg?

Sie ist eines der großen Rätsel der regionalhistorischen Forschung im Raum Celle. Bis heute ist weder geklärt, wann sie erbaut wurde – noch, wann sie wieder verschwand. Die Nordburg zählt daher zu den interessantesten geschichtlichen Relikten des Landkreises. Archäologische Ausgrabungen, die weitere Hinweise liefern könnten, stehen bis heute noch aus.

Als sich namenhafte Historiker mit der Historie der Nordburg befassten, waren die schriftlichen Quellen bereits sehr überschaubar. So berichten die tradierten Überlieferungen von Raubrittern, die auf einem benachbarten Galgenberg gehängt worden sein sollen[1] sowie von Einfällen der Slawen in das Bistum Hildesheim, wogegen die Nordburg als nördlichste Grenzfestung Einhalt gebieten sollte.[2] Die lückenhaft überlieferte Historie der Nordburg bot in der Vergangenheit also bereits viel Spielraum für Interpretationen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Auswertung der vorliegenden historischen Quellen mit Blick auf die weitere Erforschung der Nordburg unumgänglich.

Unzweifelhaft geht die erste urkundliche Erwähnung Nordburgs auf das Ereignis zurück, als König Otto IV. im Mai 1202 in Paderborn in Anwesenheit der Bischöfe von Hildesheim und Paderborn, der Äbte von Corvey und Werden sowie einer größeren Anzahl von Grafen, Edlen und Ministerialen die Erbauseinandersetzung seines Vaters, Heinrichs des Löwen, beurkundete.[3] 

In dieser denkwürdigen Aufteilung der väterlichen Besitztümer fiel dem älteren Sohn Heinrich V. unter anderem der Bereich westlich „...Danlo usque Nortburg, a Nortburg usque in Flotwide...“ zu.[4] Sein Bruder – der künftige König – Otto IV. erbte hingegen die östlich von Nordburg – in Richtung Braunschweig – gelegenen Landstriche.[5] Dies spricht zweifelsohne dafür, dass Nordburg bereits zu dieser Zeit ein markanter Ort gewesen sein muss, der sich für eine strategische Grenzziehung anbot.

Bild: Nordburg zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Quelle: NLA HA Kartensammlung Nr. 31 c/21 pg, Kennzeichnung als public domain

Die eindeutige Erwähnung der Burganlage bleiben die historischen Quellen jedoch schuldig. Annahmen, wonach es in Nordburg eine Verteidigungsanlage gab, „(...) einen befestigten Platz, welcher ein Glied gewesen ist in dem von niedersächsischen Fürsten, wahrscheinlich von dem Ludolphinger Heinrich I., Herzog von Sachsen, deutscher König von 919 bis 936 angelegten Verteidigungssystem gegen die Wenden (Anm.: Slawen)“[6] lassen sich somit anhand von historischen Urkunden nicht belegen. Die „landläufige Erklärung (...), dass es die nördlichste Burg des Bistums Hildesheim (oder der Brunonen?) gewesen sei“[7] kann durch schriftliche Belege ebenfalls nicht bestätigt werden. 

Es ist außerdem fraglich, ob diese Erklärung für die Namensgebung Nordburgs überhaupt zutreffen kann, denn die Urkunden des Hochstifts Hildesheim lassen die Nordburg als Verteidigungsanlage vollständig unerwähnt.[8] Dies ist insoweit beachtlich, da andere Orte und Verteidigungsanlagen in der direkten Umgebung, wie beispielsweise die Mundburg sowie einige Dörfer im alten Gau Flutwidde, bereits rund 150 bis 100 Jahre vor Nordburg explizite Erwähnung finden.[9] Dies deutet entweder auf eine Lücke in der historischen Überlieferung oder darauf, dass die Verteidigungsanlage in Nordburg erst in der Zeit unmittelbar vor 1202 entstanden sein könnte. 

Andere Vermutungen legen nahe, dass innerhalb des Burgwalls um 1000 durch den Grafen Bruno VI., dem Erbauer der Altenceller Burg, eine Befestigung angelegt worden ist.[10] Auch diese These wirft mehr Fragen auf, als dass sie hierauf Antworten liefert. Eine abschließende Klärung kann vermutlich nur durch archäologische Ausgrabungen erzielt werden.

Bild: Nordburg zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Lage des Wallbergs ist gut erkennbar. Das rechteckige Symbol bezeichnet den Friedhof sowie die Kapelle. Quelle: Verkoppelungskarte Nordburg, 1860. 

Neben den Fragen zu ihrer Entstehungszeit, ihrem Erbauer und ihrer ursprünglichen Bestimmung ist bis heute ungeklärt, wen die Burg in den Jahrhunderten nach ihrer Errichtung beherbergte. Den Meyerhof von Nordburg hatte der Herzog um 1330 an den Ritter Balduin von Dahlem verpfändet.[11] Nach den Schadensverzeichnissen von 1377 wurden in der Zeit des Lüneburger Erbfolgekrieges in Nordburg Pferde geraubt und, der Meyer gefangen genommen und erst gegen ein Lösegeld von 20 Mark Schatzung wieder freigelassen.[12] Es ist nur eine Vermutung, dass auch die berüchtigten Raubritter und Gutsherren derer von Quitzow aus der Mark Brandenburg ebenfalls auf der Nordburg zugegen waren.[13]

Gewiss ist, dass die Nordburg in den Besitz der Familie von Hodenberg gelangte. Die von Hodenberg, ein altes niedersächsisches Adelsgeschlecht, hatten ihren Ursprung im 12. Jahrhundert in der Grafschaft Hoya an der Weser.[14] Angehörige des Geschlechts hatten bis ins 17. Jahrhundert gehobene Stellungen an verschiedenen adeligen Höfen sowie im Militärdienst inne – unter anderem in Celle.

 Ein Zweig derer von Hodenberg übte bis ins frühe 17. Jahrhundert den Besitz über die Nordburg aus. Der Cellescher Hofmarschall Wilhelm von Hodenberg besaß zu dieser Zeit die Güter Hudemühlen, Schwachhausen und Holm.[15] Ob er es veranlasste Teile der alten Nordburg abtragen und in Schwachhausen erneut aufbauen zu lassen, ist ungewiss.[16] Einen wichtigen Hinweis liefert hierzu das „Extract“ aus dem Lagerbuch des Amtes Eicklingen aus dem Jahr 1666. In Bezug auf Nordburg macht das Lagerbuch die folgende Angabe:

„Zehnten
Kümt an den Junker nach Schwachhausen, Fleischzehnten geben sie nicht. 
N: für 50 Jahren ist dieses Dorf dem Herrn (Anm.: d.h. dem Herzog) absolut gewesen, nach der Zeit aber, daß Schwachhausen gebaut worden, hat sie Wilhelm von Hodenberg an sich gebracht.“ [17]

Bild: Auszug Lagerbuch Eicklingen. Quelle: Archiv Altmann. 

Aus der Angabe des Lagerbuchs des Jahres 1666, ließe sich schlussfolgern, dass der adelige Sitz in Schwachhausen möglicherweise um 1615 erbaut worden ist.[18] Der Ort selber ist durch urkundliche Erwähnungen allerdings bereits seit Ende des 13. Jahrhunderts bestätigt.[19] Die Aussage „daß Schwachhausen gebaut worden“ ist daher vermutlich so zu verstehen, dass die Errichtung der Wasserschlossanlage in Schwachhausen in die Zeit um 1615 eingeordnet werden kann. 

Es wird vermutet, dass Baumaterial der alten Nordburg abgetragen und nach Schwachhausen gebracht worden sein könnte.[20] Dies würde jedenfalls erklären, dass in Nordburg keine oberirdischen Relikte der einstigen Burganlage vorzufinden sind. In der um 1660 erschienenen Topographia der Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg zeigt ein Kupferstich des Matthäus Merian die Wasserschlossanlage in Schwachhausen.[21]

Bild: Kupferstich von der Nordansicht der Schwachhäuser Wasserschlossanlage. Kupferstich v. Matthäus Merian, Zeiller, Toporaphia und eigentliche Beschreibung der vornembsten Stäte, Schlösser auch anderer Plätze und Örter in denen Herzogtümern Braunschweig und Lüneburg (...), S. 221. 

Sofern die Erbauung der prachtvollen Anlage tatsächlich Wilhelm von Hodenberg zuzurechnen ist, hätte dieser selber allerdings kaum noch einen Nutzen daraus gezogen, denn er verstarb bereits im Jahr 1625.[22] Seine Tochter Sophia Ilse von Hodenberg erbte die Güter Schwachhausen und Holm – sie heiratete am 7. September 1634 Friedrich Schenk von Winterstedt, der im Jahr 1629 zum Hofmeister des Prinzen Georg Wilhelm zu Celle und 1633 zum Hauptmann zu Gifhorn ernannt worden war.[23] 

Sophia Ilse von Hodenberg starb bereits dreieinhalb Jahre am 21. April 1638 im Kindbette.[24] Die Güter gingen demzufolge auf Friedrich Schenk von Winterstedt über, der fortan auch das Lehen über die Nordburger Bauern besaß.[25]

Bild: Nordburg heute - der Friedhof auf dem ehemaligen Wallberg. Die ovale Fläche der einstigen Burganlage ist noch deutlich erkennbar. Links unten ist ein Teil des ehemaligen Wallgrabens zu sehen. 

Die Geschichte der Nordburg könnte somit bereits Anfang des 17. Jahrhunderts als beendet eingestuft werden. Die Kapelle scheint jedoch als letztes Element überdauert zu haben. Bereits 1251 wurde ein „Giselbertus sacerdos de Nortborch“ in der Stiftungsurkunde der Bröckeler Pfarrkirche genannt.[26] Das Patronatsrecht erhielt 1303 das Kloster Wienhausen.[27] In der Gründungsurkunde des Priesterkalands von 1471 wurde ein „Hinricus Schulner, plebanus in Nortborch“ erwähnt und somit das Bestehen einer Pfarrkirche in Nordburg belegt.[28] Die Kapelle zu Nortborch wird später im Präbendenverzeichnis von 1543 ausdrücklich erwähnt.[29] Der Standort der Kapelle ist kartografisch unter anderem durch die Kurhannoversche Landesaufnahme von 1781 belegt. 

Die letzte Nachricht der Nortburger Kapelle datiert ins Jahr 1809 aus einem Eintrag ins Totenbuch: „Am 24. Januar 1809 starb zu Nortburg Ehemann Hans Heinrich Wilke im Alter von 75 Jahren. Dieser ist war der erste, welcher, nachdem die Capelle zu Nortburg verfallen war und bei den schlechten Zeitumständen noch nicht wieder ausgebessert werden konnte, nur durch den dortigen Schullehrer Bahrs zu Grabe gesungen und auf diese Weise öffentlich beerdigt wurde.“[30] Später wurde auf dem Standort der ehemaligen Kapelle ein einfacher Glockenturm errichtet, der bis heute dort steht.

Bild: heutiger Glockenturm auf dem Friedhof in Nordburg. Er fußt teilweise auf altem Raseneisenstein, der eventuell bereits in Zeiten der Burganlage hierher gebracht worden sein könnte. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Berichte über die letzten auffindbaren Relikte der Nortburg existierten bereits zur Mitte des 18. Jahrhunderts. In diesen ist von den „Rudera des Schlosses“ die Rede.[31] Die Relikte werden noch im ausgehenden 19. Jahrhundert bezeugt als „grosse Schanze“ bei Nordburg.[32] 

In seinem Schreiben vom 17. Januar 1955 an Prof. Dr. Sprockhoff führte der Oberkreisdirektor, Dr. Axel Bruns, aus, dass sichtbare Reste der alten Anlage nicht mehr vorhanden seien, dass jedoch Mauerresste, Kalk- und Ortstein bei den Ausschachtungen von Gräbern auf dem in der ehemaligen Burganlage befindlichen Friedhof zutage kamen.[33] Bruns regte in seinem Schreiben an, dass Ausgrabungen vorgenommen werden sollten, um eine weitere Zerstörung der Überreste zu verhindern. Hierzu kam es jedoch bis heute nicht.

Bild: Berg des Friedhofs in Nordburg und angrenzende Wallwiese. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Aufgrund weniger schriftlicher Quellen und mangels archäologischer Ausgrabungen sind die historischen Zusammenhänge der Nordburg bis heute noch weitgehend ungeklärt. Insbesondere ist ungewiss wann und von wem die Anlage erbaut wurde, zu welchem Zweck sie diente und welchen Einflüssen sie im Lauf der Geschichte ausgesetzt war. Auch ist bis heute unklar, wann der Abriss erfolgte. Vor diesem Hintergrund wären gezielte archäologische Ausgrabungen notwendig, um weiterführende Erkenntnisse über die Nordburg zu gewinnen.

H. Altmann

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Quellenangaben

[1] Alpers / Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, 73.
[2] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[3] von Heinemann, Geschichte von Braunschweig und Hannover, Bd. 1, S. 292.
[4] Grotefend/Fiedler, Urkundenbuch der Stadt Hannover, Erster Teil, Urkunde Nr. 2.
[5] Böttger, Grenzen zwischen den Alloden des Herzogs Heinrich des Löwen bei der Theilung derselben unter seine Söhne, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, Jg. 1860, S. 71.
[6] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[7] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[8] Janicke, Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, Erster Teil.
[9] Ausführlich: Meier, Die frühmittelalterliche Münzstätte „Mundburg“ des Bistums Hildesheim, in: Deutsche Münzblätter, Jg. 58. Nr. 431, S. 153-162, 181-187, 224-228.
[10] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 271.
[11] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 271.
[12] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 271.
[13] Wilkens, Besondere Begebenheiten und Faktoren in der Geschichte des Dorfes, Kreisarchiv Celle.
[14] Debler, Großes Universal Lexicon, Bd. 13, S. 336.
[15] Debler, Großes Universal Lexicon, Bd. 13, S. 336.
[16] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[17] Extract aus dem Lagerbuch der Amtsvogtei Eicklingen, 1666, NLA Hann. 74 Celle Nr. 50.
[18] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[19] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 283.
[20] Wilkens, Die Nordburg, eine alte Grenzfestung, in: CZ – Sachsenspiegel v. 12.04.1952.
[21] Zeiller, Toporaphia und eigentliche Beschreibung der vornembsten Stäte, Schlösser auch anderer Plätze und Örter in denen Herzogtümern Braunschweig und Lüneburg (...), S. 221.
[22] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 284.
[23] Clericus, Vierteljahresschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie, 4. Jg., S. 47.
[24] Clericus, Vierteljahresschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie, 4. Jg., S. 47.
[25] Extract aus dem Lagerbuch der Amtsvogtei Eicklingen, 1666, NLA Hann. 74 Celle Nr. 50.
[26] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 271.
[27] Klosterarchiv Wienhausen, Urkunde 137 (=Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, Bd. 3, S. 690, Nr. 1440).
[28] Bühring/Maier, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle, in: Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Bd. 34, S. 271.
[29] Bettinghaus, Heimathskunde der Kirchengemeinde Wienhausen, III. Theil, S. 38.
[30] Bettinghaus, Heimathskunde der Kirchengemeinde Wienhausen, III. Theil, S. 38 f.
[31] Grupen, Origines Germaniae oder das älteste Teutchland unter Römer, Franken und Sachsen, S. 266.
[32] Müller, Vor- und Frühgeschichtliche Alterthümer der Provinz Hannover, S. 331.
[33] Schreiben des Oberkreisdirektors an Prof. Dr. Sprockhoff, 17.01.1955, Stadtarchiv Celle.