f Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 18. September 2020

Der Kalisalzschacht Habighorst


Nur wenige Überreste erinnern noch an die Zeit des Kalibergbaus im Landkreis Celle. Die ehemaligen Schacht-, Förder- und Verarbeitungsanlagen sind fast überall zurückgebaut worden. Weithin sichtbar ist heute nur noch die Abraumhalde des ehemaligen Schachtes „Niedersachsen“ bei Wathlingen. Die historisch ebenfalls interessanten Relikte des Kalibergbaus bei Habighorst erhalten dagegen deutlich weniger Aufmerksamkeit.

Verschwunden sind die Schacht- und Fördergebäude, die einst nördlich der Straße zwischen Höfer und Habighorst – im Bereich der heutigen Habighorster Höhe – anzutreffen waren. Verborgen unter Baumwipfeln und bedeckt mit dichtem Strauchwerk lassen sich die Reste der alten Abraumhalde nur noch erahnen. Die wechselvolle Geschichte des ehemaligen Kalischachtes ist in Vergessenheit geraten – nachfolgend ein kurzer Blick in die Vergangenheit. 

Die Entdeckung der Salzvorkommen bei Höfer und Habighorst darf der geschichtlichen Überlieferung zugeschrieben werden: alte Erzählungen rankten sich um auffällige Vertiefungen in der örtlichen Umgebung. Natürliche Erdfälle – namentlich die sogenannte Krieger- sowie die Zwerchkuhle – deuteten Anfang des 20. Jahrhunderts bereits auf einen größeren Salzstock in den Gemarkungen hin.[1] Durch obertägige Beobachtungen, Wünschelrutenbegehungen und Probebohrungen verdichteten sich die Hinweise. Die hieraus resultierenden Entwicklungen sollten das Landschaftsbild in den folgenden jahren nachhaltig verändern. 

Bild: Lage des Kalischachtes Habighorst. Quelle: AMS; 3227 ESCHEDE GSGS 4414; 4th ed 1954. 

Am 4. Mai 1905 wurde die gothaische Gewerkschaft Fallersleben zu Thal mit dem Verwaltungssitz in Celle gegründet.[2] Der hannoversche Kaufmann Friedrich C. Krüger war Repräsentant der Gewerkschaft. Gleichwohl war er ebenfalls Repräsentant der, knapp ein Jahr später gegründeten Gewerkschaft Mariaglück, deren Gerechtsame in unmittelbarer Nachbarschaft, in der Gemarkung Höfer lag. Eine enge Verbindung beider Bergwerksunternehmen bestand daher von Beginn an – diese sollte sich in den Folgejahren noch festigen. 

Bild: Lage des Kalischachtes heute. Luftbild, H. Altmann, 2017. 

Im August 1909 erfolge eine Bohrung im Bereich der heutigen Habighorster Höhe, die in ca. 127m Teufe auf Steinsalz, in 511,70m Teufe auf das erste Kalilager und in 868,45m auf das zweite Kalilager stieß.[3] Nach den ersten Bohrungen vergingen eineinhalb weitere Jahre, in denen entsprechende Kontrollbohrungen den Fund der untertätigen Lagerstätten bestätigten. In der Zwischenzeit erfolgte die Gründung der „Bergbaugesellschaft Fallersleben mbH“ als Trägergesellschaft. 

Mit der Nachbargewerkschaft „Mariaglück“ verständigte man sich darauf, nach Abteufen der Schächte, untertägige Verbindungsstrecken zu schaffen. Durch den zweiten Ein- bzw. Ausgang wurden die Schächte jeweils sicherer – außerdem konnte auf diese Weise die untertägige Bewetterung, d.h. die Belüftung, verbessert werden. 

Bild: Postkarte des Schachtes Fallersleben-Habighorst, 1912. Sammlung H. Altmann. 

Ende 1909 hatte die Bergbaugesellschaft Fallersleben mbH die benötigten Grundstücke erworben, auf denen schließlich die übertägigen Schachtanlagen errichtet wurden. Bei der Anlage des Schachtes selber wurde auf das sogenannte Tiefkälteverfahren zurückgegriffen wodurch ein Eindringen von Grundwasser vermieden werden sollte. Bei dem Verfahren werden in regelmäßigen Abständen zum eigentlichen Schachtloch Gefrierlöcher gebohrt in die geschlossene Rohre eingesetzt werden, durch die während des Bohrens tiefgekühlte Flüssigkeit geleitet wird, sodass der Boden ringsum gefriert.[4] 

Die Bautätigkeiten verzögerten sich jedoch – erst Ende Januar 1912 konnte mit dem eigentlichen Abteufen des Schachtes begonnen werden.[5] Ende 1913 war die vorgesehene Endteufe von 650 m erreicht. Der Bau der übertägigen Anlagen war im Jahr 1914 schließlich abgeschlossen. Im Jahr 1916 hatte die Schachtanlage Habighorst eine bescheidene Förderung von Kali- und Steinsalz aufgenommen.[6] Der Abtransport geschah über einen Gleisanschluss der Kleinbahn, der vom Schachtgelände Mariaglück bei Höfer verlängert wurde. Die Energiezufuhr erfolgte ebenfalls von Mariaglück aus – hierhin wiederum war eine Stromleitung von der Allerzentrale bei Oldau verlegt worden. 

Bild: Relikte / Fundamente der übertägigen Schachtanlagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Gesellschaftliche Umstrukturierungen und die Eingliederung in den Aschersleben-Konzern führten schließlich dazu, dass die Aktienmehrheiten an den Bergwerksgesellschaften Habighorst und Mariaglück im Juni 1917 in einer Hand vereinigt wurden.[7] Dieser Umstand bedeutete allerdings auch den Niedergang des Schachtes Habighorst, da es nicht profitabel erschien, vor Ort weiterhin zwei Schächte parallel zu betreiben. 

Hinzu kam, dass in Gebieten, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund des Versailler Vertrages abgetreten werden mussten, ebenfalls Kalischächte in Betrieb waren, deren Fördermengen in der Nachkriegszeit ausgeweitet wurden. Die Monopolstellung der deutschen Kaliindustrie geriet daraufhin ins Wanken. Im Ergebnis kam es zu einem Überangebot auf dem Weltmarkt – Kaliunternehmen im Deutschen Reich waren also bestrebt, die Förderung aus weniger profitablen Schächte einzustellen. 

Nach der Stilllegungsverordnung des Jahres 1921 wurde das Kaliwerk Habighorst planmäßig bis zum Jahr 1953 stillgelegt.[8] Fortan diente der Schacht nur noch als einziehender Wetterschacht für den weiterhin in Betrieb stehenden Kalischacht Mariaglück. 

Bild: Relikte / Fundamente der übertägigen Schachtanlagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde es ruhig um den Schacht Habighorst. Erst als die deutsche Rüstungswirtschaft und Infrastruktur immer massiver von alliierten Luftangriffen in Bedrängnis gerieten, kam stillgelegten Bergwerken die gesteigerte Aufmerksamkeit des Rüstungsministeriums zu. Im März 1944 fand in diesem Zusammenhang eine Untersuchung der Schächte bei Höfer und Habighorst statt.[9] Tatsächlich wurden beide Anlagen begutachtet, allerdings wurde nur der Schacht Habighorst für eine Rüstungsproduktion weiter ausgebaut. 

In untertägigen Kavernen auf der 710m Sohle sollte die Leipziger Maschinenfabrik und Schriftgießerei „Schelter & Giesecke“ als Zulieferungsbetrieb der Focke-Wulf Flugzeugbau GmbH einziehen.[10] Das Leipziger Unternehmen sollte unter anderem Federbeine für Flugzeuge des Typs FW-190 herstellen, deren Endmontage anderenorts erfolgen konnte. Das streng geheime Rüstungsprojekt firmierte unter dem Decknamen „Löwe“ und sah sich bereits in seiner Anfangsphase vielfältigen Problemen ausgesetzt. 

Bild: Relikte / Fundamente der übertägigen Schachtanlagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die größte Schwierigkeit bestand im Frühjahr 1944 darin, dass die ursprünglich auf dem Schacht Habighorst installierte Fördermaschine bereits längst zurückgebaut worden war – die Seilfahrt in den Schacht war aus diesem Grund zunächst nur über den Schacht Mariaglück möglich. Von den Bemühungen, im letzten Kriegsjahr eine neue Fördermaschine zu organisieren und diese vor Ort in Betrieb zu nehmen, berichten auch die Schriftwechsel des Bergamtes Celle mit dem Oberbergamt Clausthal zum „Stand der Verlagerungsaktion“. So hatte die Leipziger Maschinenfabrik im Juni 1944 offenbar schon zahlreiche Produktionsmaschinen angeliefert. 

Eine Fördermaschine, die nötig war um die Produktionsmaschinen in die unterirdischen Werkshallen – in 710m Tiefe – zu befördern, befand sich aber noch gar nicht an Ort und Stelle, sondern wurde währenddessen noch beim Kaliwerk Krügershall bei Teutschenthal (Sachsen-Anhalt) demontiert.[11] Erst im Februar 1945 – gut zwei Monate vor Kriegsende – war die neue Fördermaschine halbwegs einsatzbereit auf dem Schacht Habighorst montiert.[12]

Bild: Seitenansicht des neuen Förderturms nach Kriegsende. Quelle: Sammlung H. Altmann, 2020. 

Ein anderes Problem zeigte sich bei der Bewetterung der unterirdischen Fertigungsräume. Alleine für die Firma Schelter & Giesecke wurde mit einer schichtweisen Belegschaft von 300 – 500 Personen kalkuliert. In einer Tiefe von 710m lag die durchschnittliche Gebirgstemperatur bei 28°C. Um einen laufenden Regelbetrieb zu gewährleisten, war eine zusätzliche Frischluftzufuhr zwingend erforderlich.[13] Diese sollte durch große Schraubenlüfter hergestellt werden – allerdings führten Lieferengpässe dazu, dass diese Lüfter bis Ende 1944 nicht wie geplant installiert werden konnten.[14] 

Da neben der Firma Schelter & Giesecke noch weitere Unternehmen, wie beispielsweise die Opel AG[15], für die Verlagerung in den Schacht Habighorst vorgesehen waren, wäre eine entsprechende Belüftung allerdings unabdingbar gewesen. Durch die Opel AG hätten Fahrwerke für die Messerschmidt Me-262 – das erste in Serie gefertigte Strahlflugzeug – im Schacht Habighorst hergestellt werden sollen.[16] Auf dieses ehrgeizige Unterfangen weist ein Schreiben vom 6. März 1945 hin. 

Bild: Relikte / Fundamente der übertägigen Schachtanlagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Zu einer Realisierung der untertägigen Rüstungsproduktion bei Habighorst kam es jedoch nicht mehr. Obgleich ober- und untertägig erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, verblieben die Einrichtungen bei Kriegsende überwiegend in unfertigem Zustand. Noch heute befinden sich im Bereich der Habighorster Höhe einige alte Bunker bzw. deren Überreste aus dieser Epoche des Kalischachtes. 

Unabhängig vom geheimen Rüstungsprojekt „Löwe“ erfolgte noch die Einlagerung wichtiger Bibliotheks-, Archiv- und weiterer Kulturgutbestände in den Schacht Mariaglück, um diese vor den Einwirkungen durch Luftangriffe zu schützen.[17] Nach Kriegsende wurden die Schächte und Anlagen durch Einheiten der Alliierten inspiziert – die noch vorhandenen Produktionsanlagen- und Werkzeugmaschinen wurden größtenteils demontiert und abtransportiert. 

Bild: Relikte / Abraumhalde. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Der Schacht Habighorst wurde fortan nur noch als Bewetterungsschacht für Mariaglück verwendet – die übertägigen Schachtgebäude lagen brach. Konkret handelte sich dabei um eine Wohnbaracke, eine Mühle, die Schachthalle, eine Werkstatt, das Fördermaschinenhaus, ein Wohnhaus und einen kleinen Stall.[18] Die Gebäude befanden sich in einem derart desolaten Zustand, dass sich die Samtgemeindeverwaltung Eschede in einem Schreiben an das Bergamt Celle 1986 schließlich hierüber beklagte.[19] 

Bild: Relikte / Abraumhalde. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die Kali und Salz GmbH (später K+S AG) veranlasste in der Folge den Komplettabbruch der Schachtanlagen auf der Habighorster Höhe. Bis Anfang 1995 wurden die meisten Gebäude vollständig abgerissen. Nur die alte Seilscheibe, die einst hoch oben auf dem Förderturm gethront hatte, wurde als Denkmal in den Eingangsbereich des Schachtgeländes Mariaglück nach Höfer gebracht, wo sie noch heute an die Geschichte des Kalibergbaus vor Ort erinnert. 

Bild: Eingangsbereich des ehem. Schachtgeländes Mariaglück - links die alte Seilscheibe des Schachtes Habighorst. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Am 8. Juli 1977 rollte der letzte Förderwagen aus dem Schacht Mariaglück, der daraufhin ebenfalls stillgelegt wurde. Ab 2001 wurden die übertägigen Werksanlagen vollständig zurückgebaut. In einem letzten Schritt wurden die Bergwerke mit Lauge aus anderen Bergwerksstandorten sowie Wasser aus der Aschau geflutet. Ab 2016 erfolgte die Verfüllung des Schachtes Habighorst – ein Jahr später begann die Verfüllung des Schachtes Mariaglück. Die Arbeiten wurden bis Ende 2018 abgeschlossen und die Schachteingänge mit massiven Betondeckeln verschlossen. 

Bild: Betondeckel des Schachtes Habighorst. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Vor Ort ist kaum noch etwas vom einstigen Betrieb der Schachtanlage Habighorst zu erkennen. Mit geübtem Blick lassen sich jedoch noch einige Relikte jener Tage aufspüren. Betonfundamente, ehemalige Gleisverläufe und alte Bunker zeugen von der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Kalibergwerke. 

Inzwischen erinnert der neu aufgewertete Eingangsbereich zum ehemaligen Schachtgelände Mariaglück an die historischen Hintergründe. Die Tatsache, dass es auf der Habighorster Höhe ebenfalls einen Kalischacht gegeben hat, ist allerdings wohl nur noch Ortskundigen bekannt. 

H. Altmann


[1] Wittmann, Höfer – Beiträge zur Geschichte eines Dorfes, S. 286 ff.

[2] Slotta, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3, S. 339.

[3] Ebd.

[4] Buja, Ingenieurhandbuch Bergbautechnik: Lagerstätten und Gewinnungstechnik, S. 245.

[5] Slotta, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3, S. 340.

[6] Wittmann, Höfer – Beiträge zur Geschichte eines Dorfes, S. 287.

[7] Slotta, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3, S. 341.

[8] Schreiben des Preußischen Oberbergamtes an den Minister für Handel und Gewerbe vom 14.02.1925, Bundesarchiv, R 3101/31227.

[9] Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüneburg, Bundesarchiv, RW 21-42/6.

[10] Altmann, Die Luftmunitionsanstalt 4/XI und die Untertageverlagerung Löwe, S. 135.

[11] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal zum Stand der Verlagerungsaktion vom 30.06.1944, BaCl Hann. 184, Acc. 9 Nr. 3750.

[12] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal zum Stand der Verlagerungsaktion vom 27.02.1945, BaCl Hann. 184, Acc. 9 Nr. 3750.

[13] Bericht über den Stand der Bewetterungsmaßnahmen Mariaglück/Habighorst, Bundesarchiv, R 3101/31227.

[14] Altmann, Die Luftmunitionsanstalt 4/XI und die Untertageverlagerung Löwe, S. 141.

[15] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal zum Stand der Verlagerungsaktion vom 23.01.1944, BaCl Hann. 184, Acc. 9 Nr. 3750.

[16] Schreiben des Reichswirtschaftsministeriums an das Oberbergamt Clausthal vom 06.03.1945, BaCl Hann. 184, Acc. 9 Nr. 3025.

[17] Altmann, Die Luftmunitionsanstalt 4/XI und die Untertageverlagerung Löwe, S. 177.

[18] Slotta, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3, S. 342.

[19] Hoppe/Seebo, Spuren des Salzes in einer Landgemeinde, S. 60. 


Dienstag, 1. September 2020

Schieß- und Sprengplatz Tiefental

Das Tiefental südlich von Hermannsburg ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Die ausgedehnten Heideflächen fügen sich romantisch in die sanfte Hügellandschaft. Auf den ersten Blick ist daher leicht zu übersehen, dass sich an diesem Ort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein Schießplatz der Luftwaffe – und nach Kriegsende ein Sprengplatz der britischen Streitkräfte befand. 

Der Parkplatz „Eicksberg“ ist ein gerne angesteuerter Ausgangspunkt für Wandertouren über die Heideflächen des mittleren Lüßplateaus. Diese gehen fast nahtlos in die Misselhorner Heide über und bieten somit einen schönen Rundkurs durch die traditionell anmutende Heidelandschaft. Die Senke des Tiefentals entstand im Ausgang der letzten Eiszeit – sie diente bereits dem Missionsgründer und Hermannsburger Pastor Ludwig Harms um 1860 als Ort für Predigten. 

In der näheren Umgebung des Tiefentals finden sich noch zahlreiche weitere, auffallend symmetrische Bodensenken, deren Ursprung deutlich jüngeren Datums ist. Was in kaum einem Wanderführer zu lesen ist: als das Tiefental touristisch noch nicht erschlossen war, diente das Areal zeitweise zu militärischen Zwecken. 


Bild: Übersichtskarte Tiefental. Grün: Stellungsgraben. Gelb: Sprengtrichter. Blau: Parkplatz "Eicksberg". Grau: Scheibenanlage des Schießplatzes. Quelle: Google Earth, Eintragungen: H. Altmann.

Zunächst wurde das Tiefental als Schießplatz der Luftwaffe genutzt. Die Umgebung bestand vor ihrer Aufforstung mit den, heute ausgewachsenen, Kiefernbeständen in den Dreißigerjahren noch aus weiten Heideflächen. Diese eigneten sich bestens für militärische Flugmanöver – insbesondere die Übung von Angriffen im Tiefflug. Der Fliegerhorst Faßberg besaß zwar ein direkt benachbartes Areal zu Übungszwecken – einen weiteren Anflug konnte man im Bereich des Tiefentals üben. Das auffällige Tal war vermutlich auch deswegen ausgewählt worden, weil sich die Piloten im Anflug gut daran orientieren konnten.

Für die Übung der Angriffe im Tiefflug verfügte der Platz am Tiefental über eine spezielle Scheibenanlage, die es ermöglichte das Übungsziel auf einer ca. 190m langen Bahn zu verschieben. Es konnte somit ein Angriff auf bewegliche Ziele trainiert werden. Die Bahn verlief in Nord-Süd-Richtung und ist noch heute im Gelände erkennbar. 


Bild: aufgeschütteter Damm der ehemaligen Scheibenanlage im Gelände. Quelle: H. Altmann.

Die aus westlicher Richtung anfliegenden Flugzeuge konnten die, auf der Bahn beweglichen Ziele mit Bordmaschinengewehren beschießen, wobei ein Steil abfallender Hang im Tiefental als Kugelfang diente. Ein großer, in den weißen Heidesand gepflügter, Pfeil markierte diesen Hang – auf historischen Luftbildern ist er gut erkennbar und auch aus dem heutigen Landschaftsbild ist diese Markierung noch nicht völlig verschwunden. 


Bild: Luftbild Tiefental - Sicht im einstigen Anflug auf die Scheibenanlage und den Kugelfang. Quelle: H. Altmann.

Der gesamte Bereich des Schießplatzes war mit einem Brandschutzstreifen umgeben. Am nördlichen und am südlichen Ende der Scheibenanlage befanden sich kleinere, verbunkerte Gebäude in denen die Technik der Anlage untergebracht war. Diese Bunker dienten vermutlich auch der Bedienungsmannschaft der Scheibenanlage als Deckung. Weiter westlich befand sich eine kleinere Grabenanlage, die möglicherweise zu Beobachtungszwecken gedient haben könnte.

Bild: Relikte der alten Scheibenanlage. Quelle: H. Altmann. 


Heute erinnert nicht mehr viel an den alten Schießplatz der Luftwaffe. Lediglich ein aufgeschütteter Damm auf der Heidefläche südlich des Parkplatzes „Eicksberg“ sowie einige Betontrümmer deuten noch auf die Scheibenanlage hin. Der Kugelfang ist inzwischen wieder fast vollständig mit Heidekraut überwuchert. Nur noch ein Teil der alten Zielmarkierung weist auf die Stelle hin, die einst beim Tiefflug beschossen worden ist.

Bild: Luftbild Tiefental - Sicht auf den Kugelfang. Noch erkennbar: die einstige Zielmarkierung in Form eines Pfeiles. Quelle: H. Altmann. 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fiel der ehemalige Schießplatz unter britisches Kommando. In der Umgebung gab es zahlreiche Rüstungs- und Militäreinrichtungen, die über erhebliche Bestände an Munition, Granaten, Bomben sowie deren Bestandteile verfügten. Diese galt es unschädlich zu machen, wobei die erforderlichen Maßnahmen an einigen Standorten zunächst lokal durchgeführt wurden –so insbesondere im Bereich der ehemaligen Luftmunitionsanstalt 4/XI bei Höfer. 

Es zeigte sich aber bald, dass sich manche Standorte nicht zur Munitionsvernichtung eigneten – alleine schon wegen ihrer Nähe zu bewohnten Gebieten. Um größere Mengen Munition zu vernichten bedurfte es abgelegener Standorte, die aber trotzdem über eine gewisse Infrastruktur verfügten. Als einer dieser Standorte wurde das ehemalige Marinesperrzeugamt Starkshorn ausgewählt. Das Marinesperrzeugamt bestand aus etlichen Bunkern und wurde in den ersten Jahren nach Kriegsende als Sammelstelle für Munitions- und Sprengstoffbestände aus der gesamten Region genutzt. 

Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Die britischen Streitkräfte betrieben nach Kriegsende die „Demolition Area Starkshorn“. Wöchentliche Anlieferungen von mehreren hundert Tonnen an Munition, Sprengstoffen und deren Bestandteilen waren keine Seltenheit. Die straffe Terminierung des alliierten Kontrollrates führte zu einem hohen Zeitdruck im Demilitarisierungsprozess. Vor diesem Hintergrund konnten die Unmengen der zu vernichtenden Munition nicht nachhaltig verwertet werden. Stattdessen wurden riesige Massen an Munition einfach gesprengt, verbrannt oder schlichtweg vergraben. 

Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Das ehemalige Marinesperrzeugamt erschien bei Beginn der Aktion als sehr geeignet. Im weiteren Verlauf stieß die Einrichtung jedoch an ihre Kapazitätsgrenzen. Vermutlich war auch die Nähe der benachbarten Fernbahnlinie zwischen Hannover und Hamburg einer der Gründe dafür, dass Kontingente besonders großer Kaliber nicht im Marinesperrzeugamt vernichtet worden sind. Stattdessen verbrachte man diese Munition in das rund sieben Kilometer entfernte Tiefental. Dieses Areal lag weit entfernt von Siedlungen und zivilen Infrastruktureinrichtungen. 

Bild: Sprengtrichter im Bereich des Tiefentals - Blick in Richtung Norden. Quelle: H. Altmann. 

Zeitzeugen berichteten nach Kriegsende von Munitionsfunden und den Auswirkungen der Sprengungen. Bis nach Lutterloh sollen diese spürbar gewesen sein, berichtete Bauer Fritz aus Lutterloh am 01.04.1955 im Gespräch mit der Heimatforscherin Hanna Fueß. Noch Jahre nach den Sprengungen fanden spielende Jugendliche desöfteren Munitionsreste und stellten damit abenteuerliche Versuche an. 

Bild: Sprengtrichter und Trümmer im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Rund 70 große Sprengtrichter sind noch heute im Bereich des Tiefentals erkennbar. Einige davon wurden damals offenbar mehrfach für die Munitionsvernichtung verwendet. Die Trichter verlaufen halbkreisförmig um die alte Scheibenanlage des Schießplatzes. Während die Sprengkrater in der offenen Heidelandschaft bereits stark verlandet sind, blieben jene im bewaldeten Gelände vergleichsweise recht gut erhalten. 


Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Das Tiefental hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Die Zeiten des ehemaligen Schieß- und Sprengplatzes gehören zwar längst der Vergangenheit an. Allerdings haben sie bis heute Spuren im Gelände hinterlassen, die sich bei genauem Hinsehen heute noch erkennen lassen. 

H. Altmann



Donnerstag, 6. August 2020

Die Karpathen Öl AG bei Garßen


Vermögenswerte in Millionenhöhe erreichten im Sommer 1944 per Bahntransport den Ort Garßen bei Celle. Es handelte sich um Ausrüstung und Betriebsmaterial eines Unternehmens, dessen Geschichte heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. 

Während die Karpathen Öl AG in der lokalen Geschichtsüberlieferung überhaupt keinen Niederschlag findet, sind auch die archivalischen Quellen zu diesem, seinerzeit unter anderem in Celle ansässigen, Großunternehmen, äußerst mager. Möglicherweise ist dies den Wirren der letzten Kriegstage geschuldet – vielleicht aber auch dem Umstand, dass die Karpathen Öl AG ursprünglich weiter entfernt, im besetzten Polen, tätig war. Um die Zusammenhänge bei Kriegsende zu verstehen, ist es notwendig einen Blick in die Unternehmensgeschichte der Gesellschaft zu werfen. 

Die Gründung der Karpathen Öl AG erfolgte am 28. August 1942 und markierte einen Wendepunkt der deutschen Ölpolitik im polnischen Galizien. Am Eigenkapital der Gesellschaft beteiligten sich namenhafte deutsche Unternehmen: die DEA, die Deutsche Gasolin AG, die Gewerkschaft Elwerath, die Kohle Oel Union von Busse KG, die Continentale Oel AG, die Preußische Bergwerks- und Hütten AG und die Wintershall AG. In Spitzenzeiten waren bei der Karpathen Öl AG fast 33.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, die Bohrfelder und Verarbeitungsbetriebe erstreckten sich über knapp 400 Kilometer in West- sowie Ostgalizien und die Raffineriekapazitäten des Unternehmens reichten aus, um jährlich mehr als 600.000 Tonnen Rohöl zu verarbeiten. Dafür, dass deutsche Unternehmen derart ihre Interessen im Ausland verfolgen konnten, war nicht zuletzt der Expansionspolitik der nationalsozialistischen Führung geschuldet. 

Es ist anzunehmen, dass zur Mitte der Dreißigerjahre sowohl das Deutsche Reich, als auch Russland erhebliches Interesse an den polnischen Ölfeldern in Galizien hatten. Zunächst hatte Reichsaußenminister Ribbentrop versucht, auch für die ostgalizischen Ölgebiete im Rahmen des deutsch-sowjetischen-Nichtangriffspaktes („Molotow-Ribbentrop-Pakt“) den deutschen Einfluss zu sichern. Dies Misslang, sodass diese Gebiete zunächst, nach Einmarsch der Wehrmacht am 1. September 1939, durch sowjetische Truppen besetzt wurden. 

Der ungünstige Kriegsverlauf – insbesondere das Scheitern der Offensive im Kaukasus – und die Steigerung alliierter Luftangriffe auf Förderstätten, Raffinerien und chemische Anlagen im Reichsgebiet, führten Anfang 1943 zu einer Ausweitung der galizischen Ölproduktion. Dies wurde nicht zuletzt durch den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern bewerkstelligt, die ohnehin bereits im Rahmen der Produktion tätig waren. Ab Mitte 1943 regte sich hinsichtlich dieser Zwangsmaßnahmen in der Bevölkerung Widerstand und Anfang 1944 kam es sogar zu Angriffen ukrainischer Nationalisten auf einzelne Betriebsstandorte der Karpathen Öl AG. 

Dauernde Luftangriffe führten Mitte August 1944 dazu, dass die Karpathen Öl AG einen Antrag an den Celler Oberbürgermeister stellte, damit sie ihr Berliner Büro in den Stadtkreis Celle verlegen durfte. Man habe sich für Celle entschieden, weil „die Interessen unseres Unternehmens eng mit denen der hannoverschen grossen deutschen Erdölfirmen durch ihre Gesellschafter verknüpft“ seien. Nicht zuletzt die günstige verkehrs- und nachrichtenmäßige Anbindung ließen die Wahl auf Celle fallen. In Celle befand sich zudem die Deutsche Bohrmeisterschule, deren Vorstandsvorsitzender, Karl Große, ebenfalls Generaldirektor der Karpathen Öl AG war. Zur Unterbringung ihres Büros hatte die Firma bereits einen Mietvertrag mit der Harry Trüller AG für den Trüller Musterladen im Südwall in Celle geschlossen. 

Bild: Schriftwechsel der Karpathen Öl AG mit der Stadt Celle. Quelle: Stadtarchiv Celle, Best. 05 O, Nr. 0051. 

Mit dem Näherrücken der Roten Armee geriet die Karpathen Öl AG unter Zugzwang ihre Betriebsstätten aufzugeben und zumindest das Material weiter in westliche Richtung zu verlagern. Ende März wurde die Hauptverwaltung des Unternehmens in Lemberg (Polen) geräumt. Obwohl die Eroberung Ostgaliziens durch die Rote Armee mehrere Monate dauerte, gingen die dortigen Betriebsstätten schlussendlich verloren. Ab August 1944 vollzog sich der geordnete Rückzug der Karpathen Öl AG aus Galizien. Insgesamt 1.664 Waggonladungen mit Ausrüstungen und Betriebsmaterialien konnten evakuiert werden und gelangten in Ausweichlager nach Brandenburg, Niedersachsen und Hessen. Der Gesamtwert der ausgelagerten Materialien wurde auf rund 21,8 Millionen Reichsmark geschätzt. 

Das Celler Ausweichlager der Karpathen Öl AG befand sich, außerhalb des Stadtgebietes, bei Garßen. Es lag ungefähr im Bereich der heutigen Oderstraße – früher verfügte dieser Bereich über einen Bahnanschluss, der zur Kleinbahn führte. Auf historischen Karten ist das Gleis noch verzeichnet. 

Bild: Standort des Ausweichlagers der Karpathen Öl AG bei Garßen. Quelle: GSGS 1:25.000, AMS, 3rd Ed. 1951. 

Bei Kriegsende verfügte die Karpathen Öl AG noch über immense Werte in Form von Anlagen und Vorräten in den einzelnen Ausweichlagern. Diese wurden jedoch in den Tagen nach Kriegsende teilweise geplündert – in Garßen offenbar durch ukrainische Arbeiter, die zuvor bei der Gesellschaft beschäftigt waren. In Aufstellungen, die nach Kriegsende erstellt worden sind, wird die Karpathen Öl AG in Garßen als eines der Unternehmen im Stadtkreis Celle genannt, das Zwangsarbeiter beschäftigte. 

Im Rahmen der Verwertung von militärischen und gewerblichen Anlagen wurde die Karpathen Öl AG in einem Schreiben des Regierungspräsidenten an den Celler Landrat vom 25. August 1945 genannt. Laut Schreiben handelte es sich bei den vorhandenen Anlagen um Hallen und Baracken. Im späteren Verlauf beschlagnahmte die britische Militärverwaltung die noch vorhandenen Werte größtenteils. In den Sechzigerjahren führten ehemals bei der Karpathen Öl AG beschäftigte Zwangsarbeiter Entschädigungsprozesse gegen die einst beteiligten Gesellschaften. Im Regelfall blieben diese erfolglos. Das Landeskriminalamt Bremen wertete im November 1965 Listen aus, die bei der Celler Niederlassung der Karpathen Öl AG gefunden worden waren. 

Bild: Auszug aus: Aufstellung gewerblicher Betriebe. Quelle: Kreis-Archiv Celle, L 133b

Luftaufnahmen der Sechzigerjahre zeigen den Bereich des einstigen Ausweichlagers bereits mit neuer Bebauung. Lediglich der Verlauf der ehemaligen Bahntrasse ist noch gut zu erkennen. Bei genauem Hinsehen erkennt man außerdem eine alte Baracke, die sich seinerzeit noch an Ort und Stelle befand. 

Bild: Luftbild, 60er Jahre, Lage des ehem. Ausweichlagers bei Garßen. Quelle: Befliegung, NLD, 1965. 

Die letzte verbliebende Baracke der Karpathen Öl AG wurde schließlich 2017 auf Initiative des Erdölmuseums Wietze in Garßen abgebaut. Im Juni 2017 berichtete die Cellesche Zeitung, dass die abgebaute Baracke in Kooperation mit der Böhmetalbahn im Wietzer Erdölmuseum wieder aufgebaut werden soll. 

Bild: Abbau der letzten verbliebenen Baracke. Quelle: Erdölmuseum Wietze 

In Garßen erinnert heute nichts mehr an die Zeit in der ein Großunternehmen kurzzeitig Millionenwerte dorthin verbrachte. Längst sind die Flächen des ehemaligen Ausweichlagers neu bebaut worden. Der Gleisanschluss wurde inzwischen zurückgebaut. In den Celler Archiven finden sich bis heute nur wenige Hinweise auf diese Zusammenhänge. 

Bild: Lage des ehem. Ausweichlagers bei Garßen heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Möglicherweise fiel die Entscheidung, enorme Vermögenswerte nach Celle zu verlagern, aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und der Tatsache, dass die Karpathen Öl AG bereits seit August 1943 ein Büro in Celle unterhielt. 

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass sich der historische Hintergrund der Karpathen Öl AG im Raum Celle äußerst leider nur sehr lückenhaft nachvollziehen lässt. Dies scheint einerseits darin begründet, dass die Gesellschaft erst in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges nach Celle (Garßen) verlagerte. Darüber hinaus wurden die Vermögenswerte der Karparthen Öl AG offenbar beschlagnahmt und befanden sich einige Monate nach Kriegsende nicht mehr im Zugriff der lokalen Behörden - dies könnte die Aktenknappheit möglicherweise erklären. 

H. Altmann 

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Quellen: 

Karlsch, Ein vergessenes Großunternehmen. Die Geschichte der Karpaten Öl AG, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. 

Stadtarchiv Celle

Kreisarchiv Celle



Montag, 3. August 2020

Abwehrstellung auf dem Horstberg bei Diesten (?)


Obwohl sie vergleichsweise noch nicht allzu lange zurückliegen, weisen die Ereignisse der letzten Kriegstage bis heute noch viele ungeklärte Zusammenhänge auf. Ungereimtheiten stellen sich häufig bereits ein, wenn es um die Frage nach den letzten Kampfhandlungen geht. Ein Beispiel findet sich im nördlichen Teil des Landkreises - auf dem Horstberg bei Diesten. 

Der Horstberg, westlich der Straße zwischen Huxal und Diesten gelegen, sticht deutlich aus der Umgebung hervor. Die Anhöhe mit ihren ca. 78 m üNN weist nicht umsonst einen trigonometrischen Punkt aus - sie diente aufgrund ihrer Höhe einst zur Landesvermessung. Allerdings scheint der Höhenzug noch weitere historische Überraschungen parat zu halten. Eine Auswertung aktueller Geodaten lieferte kürzlich interessante Ergebnisse - in regelmäßigen Abständen finden sich auf dem Horstberg Vertiefungen, wobei es sich um angelegte Stellungen handeln könnte. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen scheint sich diese Vermutung zu bestätigen. Größe und Zustand der vermeintlichen Stellungen sprechen dafür, dass es sich um Relikte der letzten Kriegstage handeln könnte. Es sind einfache Deckungslöcher, die sicherlich ohne längere Vorbereitungszeit angelegt worden sind.

Bild: Stellungsloch auf dem Horstberg bei Diesten. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Fünf größere und weitere, etwas kleinere Stellungen befinden sich verteilt über den Horstberg. Im Nordosten lassen sich darüber hinaus eine ganze Reihe kleiner, trichterförmiger Vertiefungen beobachten - diese könnten möglicherweise von einem alten Sprengplatz stammen. Die großen Stellungslöcher wurden bereits größtenteils wieder von der Natur zurück "erobert" 

Bild: Stellungsloch auf dem Horstberg bei Diesten. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Soweit zu den Beobachtungen, die im Bereich des Horstberges gemacht werden konnten - wie sieht es mit dem historischen Hintergrund aus? Passen die vermeitlichen Stellungen überhaupt in das geschichtliche Gesamtbild der letzten Kriegstage vor Ort? 

In den letzten Kriegstagen befand sich die 15. schottische Division im Vormarsch auf Celle - die Stadt wurde am 12. April 1945 erreicht und ohne größere Kampfhandlungen besetzt. Vor ihrem Abrücken hatten sich die deutschen Truppen, die sich im Wesentlichen aus Wehrmachtsverbänden und Einheiten der Nebeltruppenschule zusammensetzten, strategische Flussübergänge gesprengt. Dies verschaffte zwar ein wenig Vorsprung vor den herannahenden britischen Truppen, konnte diese jedoch nicht aufhalten. Um die britischen Einheiten zu verlangsamen, wurden entlang der großen Vormarschrouten entsprechende Verteidigungspositionen besetzt - so u.a. an der Örtzebrücke bei Wolthausen und entlang der Reichsstraße in Richtung Weyhausen. 

Über Eversen kommend, schoben sich Einheiten des 2nd Fife and Forfar Yeomanry auf Hermannsburg vor. Diese britischen Einheiten waren unter anderem ausgestattet mit Panzern des Typs "Cruiser Tank A34 Comet" - einem relativ schnellen Kampfpanzer. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich südwestlich von Hermannsburg offenbar zwei Kompanien, die aus Angehörigen Soldaten der Panzertruppenschule Retsag (Budapest, Ungarn) gebildet worden war. Aufgrund der herannahenden Roten Armee hatte man sie ursprünglich aus Ungarn nach Bergen verlegt und in die dortige Panzertruppenschule eingegliedert. 

Die ungarischen Soldaten aus Retsag wurden der Kampfgruppe "Grosan" unterstellt und kamen in den letzten Kriegstagen zwischen Soltau und Faßberg zum Einsatz. Unter anderem verteidigten die Ungarn Beckedorf bei Hermannsburg, rund 3,5 km nördlich von Diesten. Sechs Gebäude wurden beim Schusswechsel mit britischen Einheiten in Brand geschossen. Die ungarischen Soldaten wichen daraufhin in Richtung Bonstorf aus. 

Kampfhandlungen am 15. April 1945. Quelle: U. Saft, Krieg in der Heimat, S. 225. 

Tatsächlich scheint es, dass sich die Stellungen auf dem Horstberg bei Diesten in den historischen Zusammenhang der letzten Kriegstage einordnen lassen. Aus militärischer Sicht ließ sich die heutige L 240 im Bereich zwischen Diesten und Huxal ausgezeichnet von der Anhöhe des Horstberges überwachen. Auch die direkt parallel zur Straße verlaufende Bahnstrecke hätte man von der Position des Horstberges aus gut im Blick gehabt. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich die vermeintlichen Stellungen ausschließlich auf der südlichen Seite des Horstberges befinden - eben in jener aus der im April 1945 die britischen Truppen herannahten. 

Horstberg bei Diesten. Quelle: GSGS, AMS M841, 4rd Ed. 1955. 

Vieles spricht somit dafür, dass es sich bei den Vertiefungen auf dem Horstberg bei Diesten tatsächlich um Stellungslöcher aus den letzten Kriegstagen handelt. Äußerst interessant wäre es, ob sich für diesen Ablauf noch weitere Belege finden lassen. 

H. Altmann

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Quellen: 

U. Saft, Die letzten Kriegstage




Sonntag, 12. Juli 2020

Urlaubsbeitrag; Küstenbatterien Tahkuna auf Hiiumaa (Estland)


Urlaubsbeitrag. Auf der estnischen Insel Hiiumaa, lassen sich noch heute spannende militärische Relikte aus verschiedenen Epochen aufspüren. In den dichten Kiefernwäldern verborgen finden sich unter anderem die Bunker und Geschützstellungen der ehemaligen Küstenbatterien Tahkuna, die ursprünglich den Seeweg nach St. Petersburg verteidigen sollten. 

Auf den großen westlichen Inseln Estlands, Saaremaa und Hiiumaa, gibt es einige kleine – jedoch sehr gut ausgestattete und spannende – Militärmuseen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: die Inseln wurden zu fast jeder Epoche von militärischen Konflikten beeinflusst. Im Jahr 1912 ließ Peter der Große im Norden der Insel Hiiumaa eine massive Küstenbatterie errichten, um die Hauptstadt des russischen Reiches, St. Petersburg, zu verteidigen. 

Im Rahmen der Operation Albion landeten deutsche Truppen im Oktober 1917 auf Saaremaa und begannen wenig später mit der Invasion der nördlich gelegenen Insel Hiiumaa. Militärische Bedeutung erlangten die Operationen allerdings nicht – in Russland kam es zur Revolution und als das deutsche Reich im Westen den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurden die Truppen von den estnischen Inseln abgezogen. 

Bild: Lage der Küstenbatterien, Tahkuna, Hiiumaa. Quelle: Hiiumaa Military Museum

Zwischen 1918 und 1940 wurde Hiiumaa abermals zum Standort des russischen Militärs ausgebaut. Im Jahr 1941 wurden sechs schwere Küstenbatterien auf der Insel fertiggestellt. Das Eiland verfügte darüber hinaus angeblich noch über 38 Maschinengewehrbunker, 57 gedeckte MG-Stellungen, 46 km Stacheldrahthindernisse, 19 km Seehindernisse und 7.000 Landminen. Trotzdem waren die meisten Stellungen noch nicht fertiggestellt, als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion erfolgte. 

Bereits im Oktober 1941 marschierten deutsche Truppen auf Hiiumaa ein. Die Insel wurde recht schnell besetzt und nach dem erfolgreichen Abschluss der Mission wurden die meisten deutschen Truppen an die Leningrader Front verlegt. Auch in dieser Zeit entfalteten die schweren Küstenbatterien somit keine militärische Wirkung. 

Am 2. Oktober 1944 erreichte die Rote Armee die Insel. Auf deutscher Seite gab es offenbar keine Bestrebungen Hiiumaa zu verteidigen – stattdessen verlegten die deutschen Truppen auf die südlich gelegene Inseln Saaremaa. Abermals blieb eine militärische Bedeutung der Einrichtungen auf Hiiumaa aus. 

Bild: Beobachtungsturm des Kontrollbunkers der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Nach Kriegende nutze die russische Armee Hiiumaa weiterhin als Standort und baute diesen noch erheblich aus. Unter anderem wurden schwere Panzerverbände und mehrere tausend Soldaten auf der Insel stationiert. Zwischen 1950 und 1960 existierten über 30 Militärbasen auf Hiiumaa. 

Im Rahmen dieser gesteigerten Aufrüstung wurde ebenfalls die Küstenbatterie in Tahkuna erneut reaktiviert. In weiten Teilen wurde die Insel somit zum absoluten Sperrgebiet – erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden die militärischen Bereiche wieder für Zivilisten zugänglich. 

Bild: Lage der Küstenbatterien, Tahkuna, Hiiumaa. Quelle: Hiiumaa Military Museum

Noch heute gehören die Stellungen der Küstenbatterien in Tahkuna wohl zu den mit am besten erhaltenen Bunkern im Baltikum. In vielen der Anlagen sind noch Inventargegenstände vorhanden, was wohl an sich schon eine Seltenheit ist. Über die alten Bahndämme – die eigens zur Versorgung der Küstenbatterien angelegt worden sind – erreicht man heute die einzelnen Geschützstellungen. 

Im östlichen Bereich befindet sich die 180 mm Batterie sowie ein dazugehöriges Kontrollzentrum – unter Tage versteht sich. Wer sich traut, kann hunderte Meter freizugänglicher unterirdischer Bunkerwelt auf mehreren Etagen erleben. Eine Taschenlampe ist allerdings zwingender Begleiter. 

Bild: Eingang zum Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Eingang zum Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: tiefere Etagen im Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: unterirdischer Heizungsraum. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Schlaflager für Soldaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Munition. Quelle: H. Altmann. 

Bild: unterirdische Bunkerräume. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Artilleriegranaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Artilleriegranaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Beobachtungsturm. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Stellung einer 180 mm Batterie. Quelle: H. Altmann. 

Im westlichen Bereich befinden sich links der Straße die 12 Inch Batterie sowie beiderseits der Straße die 130 mm Batterie aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Auch hier gibt es jede Menge freizugänglicher Bunker, Stellungen und Anlagen zu bestaunen. 

Bild: Militärmuseum Hiiumaa. Quelle: H. Altmann. 

Im Militärmuseum der Insel Hiiumaa kann man sich über die Zusammenhänge informieren und spannende Hintergrunddetails zur Militärgeschichte der Insel erfahren. Das Museum befindet sich praktischerweise in unmittelbarer Nähe zu den Küstenbatterien von Tahkuna. Trotz dieses vermeintlich touristischen Touches gibt es im Bereich der Küstenbatterien von Tahkuna für Interessierte noch jede Menge authentische Erlebnisse zu sammeln. 

H. Altmann