f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 16. Februar 2021

Abstürze britischer Bomber in Beedenbostel


Von den Auswirkungen durch direkte Kriegshandlungen blieb der Landkreis Celle bis April 1945 im Wesentlichen verschont. Einzige Ausnahme: die zunehmende Bedrohung durch Luftangriffe. Als die Bombardierungen größerer Städte ab 1943 zunahmen, wuchs auch im ländlichen Raum die Gefährdung aus der Luft. Dies zeigt auch der Absturz zweier schwerer britischer Bomber, die in der Nacht vom 19. Auf den 20. Februar 1944 direkt über Beedenbostel abstürzten. Vier Höfe gerieten dabei in Brand. 

Ab Mitte 1943 vermerkte der Beedenbostler Lehrer Friedrich Thies in der örtlichen Schulchronik, dass es zu vermehrten Überflügen alliierter Flugzeuge über den Ort kam. Es blieb allerdings zunächst noch bei Notabwürfen vereinzelter Sprengbomben, kleinen Mengen abgeworfener Beleuchtungskörpern und zu Boden gefallenen Treibstofftanks. Mit Beginn des Jahres 1944 steigerten sich die fliegerischen Aktivitäten über dem Ort und damit offenbar auch das Gefahrenpotential. 

Am 10. Februar 1944 wurde der Ort von zurückkehrenden Bomberverbänden aus Richtung Braunschweig überflogen. Laut Zeitzeugen sowie der Darstellung in der Schulchronik wurden diese Verbände durch deutsche Jagdflugzeuge angegriffen, wobei es zum Abwurf mehrerer Sprengbomben kam, die im Bereich des neuen Friedhofs und entlang der Bahnstrecke in Richtung Höfer niedergingen. Dieses Ereignis forderte glücklicherweise keine Menschenleben – es kam nur zu Gebäude- und Straßenschäden, die anschließend in Gemeinschaftsarbeit behoben werden konnten. 

Nur wenige Tage später, in der Nacht vom 19. zum 20. Februar wurde Beedenbostel erneut durch Luftkämpfe heimgesucht. Einige Bewohner des Ortes wurden durch das laute Brummen der großen Flugzeugmotoren aus dem Schlaf gerissen. Zwei schwere Bomber der britischen Royal Air Force waren über Beedenbostel abgeschossen worden und stürzten brennend auf die Ortschaft. Es handelte sich um zwei Maschinen des Typs Handley Page Halifax MK III des Nr. 158 (LW 501) sowie des No. 35 Squadron (HX 325), die in der Nacht des 19./20. Februar 1944 planmäßig bei einem Luftangriff auf Leipzig hätten beteiligt sein sollen. 

Bild: Handley Page Halifax MK III. Quelle: Wikimedia Commons, Public domain

Die Maschine mit der Kennung LW 501 war mit seiner siebenköpfigen Crew unter dem Flight Officer Holmes um 00:06 Uhr vom Flugfeld Lissett der RAF südwestlich von Bridlington, im östlichen Yorkshire mit Kurs auf Leipzig abgehoben. Das Operations Record Book enthält lediglich den Hinweis „Nothing was heard from this aircraft since it took off.“ Aufzeichnungen der Commonwealth War Graves Commission (CWGC) belegen, dass die meisten Crewmitglieder beim Absturz der Maschine ums Leben kamen und zunächst in einem Massengrab in Beedenbostel bestattet wurden. Dies ist belegt durch die Aussage der Frau des damaligen Pastors Uhlhorn aus Beedenbostel, die gegenüber der Celler Heimatforscherin und Redakteurin, Hanna Fueß, angab, dass Mitte April 1947 das Massengrab geöffnet wurde und die darin befindlichen Leichen ehemaliger RAF Soldaten exhumiert und auf einen Ehrenfriedhof umgebettet wurden. 

Die Maschine mit der Kennung HX 325 war mit ihrer siebenköpfigen Crew um 23:51 Uhr vom Flugfeld Graveley der RAF, acht Kilometer südlich von Huntingdon abgehoben. Ihre Aufgabe hätte in einer sogenannten „Pathfinder Mission“ bestanden, d.h. in der Markierung des Ziels für den Bomberverband mittels Brandbomben und Leuchtmitteln. 

Hierzu kam es allerdings nicht - das Operations Record Book enthält für die Maschine des No. 35 Squadron den Hinweis „This aircaft is missing“.Tatsächlich belegen Zeitzeugen und weitere Quellen, dass sowohl LW 501 als auch HX 325 durch deutsche Nachjäger über Beedenbostel abgeschossen wurden. Hauptmann der Luftwaffe Ludwig Meister beanspruchte demzufolge die Abschüsse der britischen Halifax Maschinen durch seine Ju 88 am 20. Februar 1944 über Beedenbostel. 

Mindestens sechs der Crewmitglieder aus HX 325 gelang der Absprung aus dem abstürzenden Flugzeug. Auf dem Beedenbostler Friedhof wurde nur der Flight Sergeant Kenneth Knight bestattet und später, zusammen mit den RAF Angehörigen aus LW 501, auf den britischen Ehrenfriedhof nach Hannover Limmer umgebettet. Der Pilot von HX 325, Douglas Julian Sale, überlebte den Absturz schwer verwundet und verstarb später an seinen Verletzungen in einem Krankenhaus in Frankfurt a.M. Zeitzeugenberichten zufolge sei einer der abgesprungenen RAF Angehörigen auf einem Weidepfahl gelandet, habe sich hierbei schwer verletzt und sei durch die örtliche Bevölkerung vor seinem Weitertransport versorgt worden. 

Den restlichen Crewmitgliedern gelang es nach erfolgreichem Absprung offenbar sich abzusetzen – sie gerieten allerdings in den Tagen nach dem Absturz in deutsche Gefangenschaft. Einer der abgesprungenen RAF Soldaten wurde im Bereich Gockenholz aufgefunden und durch Zivilisten festgenommen. Man brachte ihn zunächst in das örtliche Spritzenhaus der Feuerwehr und sperrte ihn dort ein. Am nächsten Tag wurde der Gefangene abgeholt. 

Für Beedenbostel und seine Bewohner waren die Ereignisse der Nacht zum 20. Februar 1944 fatal. Der Ort war hell erleuchtet vom Feuerschein brennender Flugzeugteile und Brandbomben. Darüber hinaus explodierten mehrere Sprengbomben im Ortskern. „Brennend kamen die Flugzeuge heruntergeheult“, berichtete Lehrer Thies in der Schulchronik später. 

Die erste Maschine stürzte demnach im Süden des Dorfes, unweit der Straße nach Ahnsbeck und der Bahnstrecke auf einer Weide zu Boden. Der Rumpf des Flugzeugs war in zwei Teile gebrochen und der ausgetretene Treibstoff brannte laut Zeitzeugenaussagen noch bis zum nächsten Morgen. Aus den weiteren Ereignissen lässt sich schließen, dass es sich bei diesem Flugzeug vermutlich um LW 501 gehandelt haben könnte. 

Bild: Skizze der Abstürze am 19./20. Februar 1944. Quelle: eigene Darstellung; Kartengrundlage: GSGS, 4414, Ed. 2 1945, Sheet 3327. 

Die andere abstürzende Maschine ging im Westen des Dorfes in Höhe des alten Gockenholzer Wegs zu Boden. Dabei zerbrach das schwer getroffene Flugzeug über Beedenbostel und seine mitgeführte Brandmunition verstreute sich über dem Dorf. 

Es liegt nahe, dass es sich hierbei um HX 325 gehandelt haben könnte, da dieses Flugzeug aufgrund seiner geplanten Mission mit entsprechenden Kontingenten an Brandmunition, wie insbesondere Stabbrandbomben, ausgestattet war. Vier Höfe standen in der Folge in Brand - Feuerwehrkräfte aus Beedenbostel, Höfer, Eldingen, Ahnsbeck, Lachendorf, Celle, Wienhausen, Wathlingen, Nienhagen, Winsen, Wietze, Dedelstorf, Hohnhorst und Bergen waren an den Löschmaßnahmen beteiligt. 

Bild: Auszug der Darstellung durch Fr. Engelke. Quelle: Engelke, in: Hanna Fueß Berichte, erzählt am 19. Juni 1947, KrA Celle. 

Im kollektiven Gedächtnis blieb der Bomberabsturz in Beedenbostel lange als „schauriges“ Ereignis erhalten. Obwohl dies eigentlich nicht zum Kriegsende im engeren Sinne zählt, liegt auf der Hand, dass ein derart einschneidendes Ereignis die allgemeine Sicht auf das Kriegsgeschehen vor Ort geprägt haben wird. 


H. Altmann 


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Uhlhorn, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Operations Record Book No. 158 Squadron, 19./20. Februar 1944, AIR 27 1049, National Archives London. 

Operations Record Book No. 35 Squadron, 19./20. Februar 1944, AIR 27 381, National Archives London. 

https://35squadron.wordpress.com/2017/07/15/halifax-hx325-19021944/, anbgerufen am 10.02.2021, 21:56 Uhr. 

Thies, Schulchronik Beedenbostel, Fortsetzung am 20.11.1947, Kreisarchiv Celle. 

Engelke, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Zeitzeugenaussage HB, Gockenholz, 2020. 

Tagebuch der Schwester Schulz, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Graves Concentration Report, CWGC, in: https://35squadron.wordpress.com/2017/07/15/halifax-hx325-19021944/, anbgerufen am 10.02.2021, 21:56 Uhr. 

Bowman, Nachtjagd: Defenders of the Reich.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Hambühren, Sonnabend 26. November 1944: „Aufsicht bei 275 Judenfrauen“


Im Frühjahr 1944 entstand tief unter Hambühren eine Großbaustelle. Für das geheime untertägige Rüstungsprojekt „Hirsch“ musste auch oberirdisch Infrastruktur geschaffen werden. Die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG beschäftigte zeitweise hunderte weibliche jüdische KZ-Häftlinge vor Ort. 

Mit dem Bau der Lufthauptmunitionsanstalt Hambühren 1/XI wurde bereits zur Mitte der 1930er Jahre begonnen.[1] Die Rüstungseinrichtung, deren Ausdehnung große Teile der heutigen Gemeinde Hambühren und Ovelgönne vereinnahmte, konnte bis zum Kriegsende nicht vollständig fertiggestellt werden. Der voranschreitende Kriegsverlauf, die zunehmende Bedrohung durch alliierte Luftangriffe und das hiermit verbundene Erfordernis sicherer Produktionsstätten bescherten Hambühren allerdings noch zusätzliche Rüstungsprojekte. 

Am 3. Mai 1944 wurde im Rahmen einer Tagung des Jägerstabs in Lüneburg, an der alle Dienststellen und Behörden der Rüstungsinspektion XI teilnahmen, der Firma Focke-Wulf die Grube Prinz Adalbert bei Hambühren zugewiesen.[2] Untertage sollte eine sichere Produktionsstätte für Flugzeugteile eingerichtet werden. Der Ausbau der Grube bzw. einzelner Abschnitte sowie der Schachtanlagen, die mit den Tarnnamen „Hirsch I“ und „Hirsch II“ versehen waren, stand unter der Leitung eines Regierungsbaurates als Sonderdezernent des Baubevollmächtigten im Rüstungsministerium unter Albert Speer.[3]

Die Realisation des Vorhabens gestaltete sich jedoch schwierig, da die Schachtanlagen bereits im Jahr 1926 stillgelegt worden waren, „sodass alles Material vom Schienennagel bis zur Fördermaschine erst beschafft werden“ musste.[4] Während die untertägigen Ausbaumaßnahmen Anfang des Jahres 1945 keineswegs abgeschlossen waren,[5] liefen die oberirdischen Arbeiten bis Ende des Jahres 1944 auf Hochtouren. Zu dieser Zeit war bereits die Oberbauleitung Ost-Hannover-Süd der Einsatzgruppe „Hansa“ der Organisation Todt (OT) in Hambühren untergebracht.[6]

Im August des Jahres 1944 gelangten 400 jüdische Frauen in einem ersten Transport aus Auschwitz über das KZ-Bergen-Belsen in das Lager III nach Hambühren/Ovelgönne.[7] Dieses Barackenlager befand sich östlich des heutigen Wiesenwegs in Ovelgönne – in Höhe der Einmündung des Ostlandrings.[8] Aufsicht über das – auch als „Waldeslust“ bezeichnete - Lager III führte SS-Oberscharführer Karl Heinrich Reddehase.[9] Er wurde am 16.05.1946 vom britischen Militärgericht in Celle zum Tode verurteilt und am Morgen des 11.10.1946 im Zuchthaus Hameln gehängt.[10]



[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 33.
[2] Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüneburg 01.04.-30.06.1944, NLA Nds. 800 Acc. 2014/036 Nr. 16.
[3] Ebd.
[4] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 31.07.1944, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[5] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 23.01.1945, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[6] Stellenbesetzung bei OT-Oberbauleitungen, Bundesarchiv R 50-I/59.
[7] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[8] G.S.G.S. Map, Winsen (Aller), Sheet 3325, 1:25:000; 4th Edition.
[9] Deposition of Karl Heinrich Reddehase, 30.01.1946.
[10] Fabisch, Muna Hambühren, S. 59.

Bild: Transportverlauf bis nach Waldeslust (Hambühren); Quelle: DEGOB; Goldberger; 1946. 

Die Zusammenhänge des Lagers III „Waldeslust“ wurden bereits umfassend recherchiert[1] - allerdings war über die Beteiligung ortsansässigen Unternehmen im Zusammenhang mit der Beschäftigung von KZ-Häftlingen bis heute wenig bekannt. Bekannt dagegen ist die lange Liste von Firmen und Handwerksbetrieben, die damals in Hambühren tätig waren – schließlich wurden die Betriebe vor Ort zur Gewerbesteuer veranlagt.[2] 

Ein Abgleich der Geschäftsfelder der ortsansässigen Betriebe mit den Tätigkeitsbeschreibungen überlebender ehemaliger KZ-Häftlinge zeigt Übereinstimmungen. Ehemalige Häftlinge gaben an, dass sie unter anderem im Straßenbau arbeiten mussten.[3] Die Landwirtin und Zeitzeugin Frieda Glier aus Ovelgönne bestätigte dies am 26. Juni 1947 im Gespräch mit der Redakteurin Hanna Fueß wie folgt:[4]

„Die Jüdinnen, die hier waren, arbeiteten an der Oldauer Straße, etwa 40 bis 50 Frauen; sie luden Steine ab und bauten das Fundament für Baracken in der Ausschachtung. Die Jüdinnen lagen im Lager III, das war an der neuangelegten Straße von Hambühren bis Oldau, es war früher ein Waldweg. Frauen in feldgrauer Kleidung waren als Bewachung bei ihnen.“




[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58 ff.; Wienecke, Besondere Vorkommnisse nicht bekannt, S. 154 ff; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284; Plattner, in: Füllberg-Stolberg/Jung/Riebe/Scheitenberger: Frauen in Konzentrationslagern, S. 75f.
[2] Gemeindearchiv Hambühren, Fach 67 Nr. 7, Gewerbesteuer Hambühren 1935-1951.
[3] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[4] Glier, in: Schulze Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945 – 1949, S. 94.

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Straßenbauarbeiten wurden zu dieser Zeit insbesondere durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ausgeführt. Das bereits im Jahr 1910 gegründete, in Westercelle ansässige, Unternehmen wurde nach dem Tod des Gründers im Jahr 1928 von dessen Schwiegersohn, Helmut Thiele, weitergeführt.[1] 

Thiele war Mitglied der Wirtschaftsgruppe Bauindustrie[2] - in den 30er Jahren erhielt das Bauunternehmen diverse Großaufträge verschiedener Truppengattungen. So war es vor Kriegsbeginn unter anderem am Bau der Heeresmunitionsanstalt Scheuen, der Anlage von Gleisanlagen in Unterlüß, Bauarbeiten auf dem Flugplatz Dedelstorf und Arbeiten im Bereich des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne beteiligt.[3]




[1] Möller, Celle-Lexikon, S. 224.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71.
[3] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15f.

Bild: Straßenbauarbeiten an der Straße Unterlüß-Lutterloh durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1937. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Deutschlandweit war das Westerceller Unternehmen auf diversen Baustellen eingesetzt und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges intensivierte sich das Auftragsvolumen. Zwischen 1943 und 1945 rechnete das Unternehmen gegenüber der Einsatzgruppe Russland-Süd der Organisation Todt (OT), Oberbauleitung Lützow ab – bei Kriegsende bestanden noch erhebliche Restforderungen aus dem „Fronteinsatz Westküste“.[1]




[1] Schreiben betreffend Gesamtforderungen der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vom 26.09.1945, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.

Bild: Einbindung der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG in die Ogranisation Todt. Quelle: Firmenchronik S. 17.

Eigenen Angaben zufolge standen die Auslandstätigkeiten in Bezug auf die OT in Zusammenhang mit Straßen-, Bahnhofs- und Gleisbauarbeiten in der Ukraine sowie Arbeiten am Atlantikwall in Frankreich.[1] Dort wurden eine Festungsanlage an der Steilküste zwischen Le Pornichet und Le Croisic sowie die Flakstellungen auf der Höhe 16 erbaut.[2] Aber auch in unmittelbarer Nähe des Westerceller Firmensitzes war das Bauunternehmen unter der Leitung von Helmut Thiele im Zuge von Baumaßnahmen während des Krieges tätig. 




[1] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.
[2] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.

Bild: Gleisbauarbeiten bei Ehlershausen durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1938/1939. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Viele der Arbeiten konnten bis Kriegsende nicht vollständig abgeschlossen werden – mehrere Rechnungen gegenüber den jeweiligen Oberbauleitungen der OT blieben daher unbeglichen. Dieser Umstand veranlasste die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG die offenen Gesamtforderungen in Höhe von 543.074,42 Reichsmark mit Schreiben vom 26. September 1945 an den Leiter der Abrechnungsstelle der Oberbauleitung Wiesbaden und Giessen, geltend zu machen - unterzeichnet durch Helmut Thiele.[1]

Eine, dem Schreiben beigefügte, Rechnungsaufstellung enthält die Rechnung Nr. 5326 vom 19. Juni 1945 an die OT Oberbauleitung Ost-Hannover Hambühren i.H.v. 2.294,14 Reichsmark.[1] Gegenstand der Rechnung war folgender: „Auf Schacht I Lagerplatz für Packlage hergestellt, Steine losgebrochen, gesammelt und aufgeladen in der Zeit vom 1.-30.11.44.[2] Die in der Rechnung aufgeführten Positionen beinhalten 1.975 Tagwerke für „ausländische Arbeiterinnen“, die á 70 Pfennig zuzüglich 20 % Unkostenpauschale angesetzt worden sind.[3] 

Die beiliegende Einzelaufstellung der Tagelohnarbeiten belegt, dass diese 1.975 Tagwerke von jüdischen Frauen verrichtet worden sind.[4] Zwischen dem 01.11.1944 und 29.11.1944 arbeiteten demnach jeden Tag – auch an Sonntagen – mindestens 40 - in Spitzenzeiten hunderte jüdische Frauen an dem Bauprojekt.[5] Eine handschriftlich ausgefüllte Tätigkeitsliste belegt, dass darin namentlich genannte Aufsichtspersonen bis zu 10 Stunden täglich Aufsicht bei „Judenfrauen“ führten.[6] Am Sonntag, den 26. November 1944 wurden demnach 275 jüdische Frauen beaufsichtigt.[7]

Bild: Standort des ehemaligen Lagers "Waldeslust" - heute der Ostlandring in Ovelgönne. Quelle: H. Altmann; 09/2019.

Eine ähnliche Rechnung, nebst beiliegender Aufstellung über die Tagelohnarbeiten, datiert auf den 20. Juni 1945. Darin wurden 400 Tagwerke ausländischer Arbeiterinnen – ebenfalls á 70 Pfennig, zuzüglich 20 % Unkostenpauschale – für die „Baustelleneinrichtung in Oldau sowie Gleistransport und Gleisbau in der Zeit vom 20.11. bis 30.11.1944“ abgerechnet.[8] Es liegt nahe, dass die ausländischen Arbeiterinnen bei diesem Arbeitseinsatz ebenfalls Jüdinnen aus dem Lager III waren. Im Februar 1945 wurde das Lager III aufgelöst – die vor Ort befindlichen Jüdinnen wurden in das KZ Bergen-Belsen gebracht.[9]

An anderen Orten scheint das Vorgehen ähnlich gewesen zu sein. Mit Hinblick auf Bautätigkeiten in Unterlüß liegt nahe, dass die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ebenfalls jüdische KZ-Häftlinge eingesetzt hat. In einem Schreiben an die Gemeinde Unterlüß vom 29. Januar 1945 wird das Bauunternehmen neben weiteren Betrieben genannt, die Frauen aus dem sogenannten Tannenberglager bei Altensothrieth – rund 6 km westlich von Unterlüß – beschäftigt haben.[10] Auch in diesem Fall gaben überlebende Häftlinge an, dass sie unter anderem zu Straßenbauarbeiten eingesetzt worden waren.[11]. Und auch in diesem Fall war die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vor Ort mit derartigen Baumaßnahmen beauftragt.[12]

In der Nachkriegszeit steigerte die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ihr Auftragsvolumen nochmals. Helmut Thiele ließ am Sitz der Firma in Westercelle im Jahr 1965 einen Neubau der Verwaltungszentrale errichten.[13] 

Das Unternehmen verfügte über eine vielseitige Auftragslage: Baumaßnahmen am Autobahnkreuz Hannover-Ost, Straßenbaumaßnahmen, Ausbau der Südtangente bei Celle, Errichtung von Sportanlagen – u.a. in Nienhagen, Bau des Allerwehres bei Osterloh, Regulierung der Aller im Bereich Altencelle bis Schwachhausen, Kanalbau, Ingenieurbauprojekte, Brückenbauten – u.a. Bau der Straßenbrücke über die Aller am Harburger Berg im Jahr 1952, Bau der Kläranlage der Stadt Celle, Bauarbeiten für die Papierfabrik in Lachendorf, uvm.[14] Im Jahr 1973 wurde der Finkenweg in Westercelle in die Helmut-Thiele-Straße umbenannt.[15]




[1] Ebd.
[2] Rechnung vom 19.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[3] Ebd.
[4] Aufstellung der Tagelohnarbeiten für die OT-Bauleitung Hambühren auf Schacht I, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[5] Ebd.
[6] Handschriftliche Aufstellung für die OT-Bauleitung in Hambühren der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[7] Ebd.
[8] Rechnung vom 20.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[9] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 285.
[10] Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG an die Gemeinde Unterlüß vom 29.01.1945, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[11] Wolf, DEGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 286.
[12] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15; Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG betreffend der gewerblichen Niederlassung auswärtiger Firmen in Unterlüß vom 10.07.1944, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[13] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 10.
[14] Ebd. S. 19 ff.
[15] Straßenverzeichnis, Straßenumbenennungen und entfallene Straßen Stadt Celle, Stand 10/2017, S. 1.

Bild: Neubau der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Hauptverwaltung Westercelle, erbaut im Jahr 1965. Quelle: Firmenchronik S. 10. 

Bild: Ehemaliges Hauptverwaltungsgebäude der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

In einer umfassenden Auswertung untersuchte eine Bewertungskommission die Celler Straßennamen und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus. [1] Hierin wurde u.a. festgestellt, dass Thiele, „da der Gewinn seiner Firma in den Jahren 1937 bis 1944 exorbitant (auf durchschnittlich über ein Zehnfaches) angestiegen war (...) als typischer Nutznießer des NS-Systems (galt), der aufgrund seiner zahlreichen Mitgliedschaften in den verschiedenen NS-Organisationen mit lohnenden Rüstungsaufträgen betraut wurde. Ob weitere Erklärungen von Thiele und ein Gutachten diesen Vorwurf tatsächlich entkräften, konnte im Rahmen dieser Recherche nicht geklärt werden“, schloss die Stellungnahme seinerzeit zu Helmut Thiele.[2]



[1] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71f.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 72.


Bild: Helmut-Thiele-Straße in Westercelle. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

Die Bewertungskommission kam später hinsichtlich Helmut Thiele zu der in seiner Einschätzung, dass das Material nicht für eine Umbenennung ausreiche.[1] In der dritten Sitzung der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle stimmten die Anwesenden dieser Einschätzung zu – der Straßenname blieb, da seinerzeit keine entsprechenden Belege vorlagen.[2]

Quellenseitig ist belegt, dass sich die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG insbesondere in den letzten Kriegsjahren günstiger Arbeitskräfte bediente, die sich – wie im Fall von Hambühren – teilweise auch aus KZ-Häftlingen zusammensetzten. Diese Ereignisse fanden nicht in fernen Ländern statt, sondern in ca. 10 km Entfernung vom Westerceller Firmensitz. 

So spannend Rüstungsprojekte, wie die untertägige Flugzeugproduktion in Hambühren auch sein mögen, darf nicht in Vergessenheit geraten, dass sie zu erheblichen Teilen auf einem Fundament der Ausbeutung und des Unrechts errichtet worden sind.

H. Altmann




[1] Stadt Celle, Bewertung Jantzen, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20618.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:30 Uhr.
[2] Protokoll der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle am 03.09.2010, 11 Uhr, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20614.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:37 Uhr.