f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Zonengrenze Niedersachsen


"Mitten durch Deutschland zieht sich eine 1.345 km lange Demarkationslinie. 525 km davon bilden die Ostgrenze des Landes Niedersachsen" - so heißt es in einer Broschüre des Niedersächsischen Ministeriums für Bundesangelegenheiten aus dem Jahr 1971. Welche Spuren lassen sich heute noch von dieser innerdeutschen Grenze noch finden? 

Rund 50 km östlich von Celle verlief bis zum 17. Februar 1990 die innerdeutsche Grenzlinie zur ehemaligen DDR. Bis zu diesem Datum - und dem damit verbundenen Niedergang der Grenzeinrichtungen - war eine Überquerung der Demarkationslinie nur an ausgewählten Punkten möglich. Einst bestand die innerdeutsche Demarkationslinie aus eine Vielzahl infrastruktureller Grenzeinrichtungen, von denen bis heute im Gelände noch einige erkennbar sind. In diesem Beitrag soll eine kleine Auswahl ehemaliger Grenzeinrichtungen vorgestellt werden. 

Bild: Skizze des Sperrgürtels der sowjetischen Besatzungszone - der ehem. DDR. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Früher verlief im Bereich der Demarkationslinie ein tief gestaffeltes Sperrsystem aus Zäunen, Stacheldrahtsperren, Minengürteln, Bunkern, Beobachtungstürmen und vielen weiteren Einrichtungen. Bereits am 25.05.1952 beschloss der Ministerrat der DDR die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie", die später durch die "Verordnung zum Schutze der Staatsgrenze der DDR" ersetzt wurde. Entlang der Demarkationslinie wurde demgemäß eine ca. 5 km breite Sperrzone errichtet. Die daran anschließende 500 m Zone durfte nur mit einem besonderen Berechtigungsausweis betreten werden. 

Unmittelbar entlang der Demarkationslinie auf dem gebiet der DDR wurde ein 10 m breiter Streifen abgeholzt und umgepflügt. Bei einem Betreten dieses Streifens hatte die Grenzpolizei ohne Aufruf zu schießen. 

Die Chronik des Mauerbaus und die Geschichte der Grenzziehung lässt sich anhand verschiedener Quellen nachvollziehen und soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr soll das Augenmerk darauf gelenkt werden, dass sich die ehemalige innerdeutsche Grenze in knapper Entfernung zum Landkreis Celle befand. 

Bild: ehemalige Demarkationslinie. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Kurz hinter Wittingen war damals sprichwörtlich die "westliche" Welt zu Ende. In Waddekath - knapp 3 km östlich von Wittingen - verlief die unmittelbare Grenzlinie. 

Bild: Schild der Zonengrenze. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Kurz vor Waddekath, auf westlicher Seite der Demarkationslinie, befand sich ein Übersichtspunkt mit Sicht in den Ort Waddekath sowie auf einen Beobachtungsturm. derartige Übersichtspunkte gab es in regelmäßigen Abständen entlang der Demarkationslinie - der nächste befand sich südlich im Ort Radenbeck. 

Bild: Übersichtspunkt Radenbeck. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

In Waddekath erinnert heute noch ein Straßenschild an den einstigen Grenzverlauf - doch lassen sich auch abseits der Straße noch einige Hinterlassenschaften aus der Zeit des innerdeutschen Grenzverlaufs finden. 

Bild: Grenzverlauf, Waddekath heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Unmittelbar vor Waddekath wurde die Bahnstrecke unterbrochen die, bis zur Errichtung der Demarkationslinie, zwischen Wittingen und Diestorf verlief. Noch heute findet man die abgetrennten Bahngleise im Wald bei Waddekath. 

Bild: abgeschnittene Bahnstrecke; Wittingen-Diestorf, Waddekath heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Gegend lag unmittelbar in der Sperrzone - daher wurde hier eine umfangreiche Infrastruktur geschaffen. Diese diente einerseits dazu, Grenzübertritte in beiden Richtungen zu verhindern - andererseits sollte in diesem Bereich ein militärischer Aufmarsch binnen kürzester Zeit ermöglicht werden können. 

Kilometerlange Betonstraßen verliefen entlang der Demarkationslinie - im Extremfall hätten sich hier Panzer und Kolonnen zusammenziehen können. Noch heute sind viele dieser Relikte erhalten geblieben und können bei genauem Hinsehen im Gelände aufgefunden werden. 

Bild: Betonstraße nördlich von Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In den angrenzenden Wäldern finden sich ebenfalls noch militärische Hinterlassenschaften aus der Zeit der einstigen Sperrzone. Unter anderem sind in einigen Bereichen noch Lauf- bzw. Deckungsgräben erhalten geblieben. 

Bild: Deckungsgraben; Forst Vier. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Es finden sich darüber hinaus auch Gebäude, bzw. Relikte, die sich nicht mehr eindeutig zuordnen lassen. Die Möglichkeit Zeitzeugen zu befragen ist relativ eingeschränkt, da einst nur ein überschaubarer Personenkreis Zugang zur Sperrzone hatte. 

So finden sich beispielsweise nördlich von Hasselhorst, knapp hinter dem ehemaligen Sperrstreifen, noch Mauerreste, die vermutlich zu einer Wachbaracke gehört haben könnten. 

Bild: Mauerreste nördlich Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Erhalten geblieben ist auch ein ehemaliger Beobachtungsbunker an der Straße zwischen Hasselhorst und Lindhof - dieser dient heute als Unterschlupf für Fledermäuse. 

Bild: ehem. Beobachtungsbunker nördlich Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Am 15.09.1961 wurde die Grenzpolizei der DDR in einer Stärke von 50.000 Mann als Kommando Grenze in die Nationale Volksarmee (NVA) eingegliedert. Entlang der Sperrzone entstanden Kasernenbauten für die Grenzkommandos - so beispielsweise auch an der Straße zwischen Bonese und Schmölau. 

Der Abschnitt wurde durch das Grenzkommando Nord und zugeordneten Grenzregiment 24 "Fritz Heckert" für den Bezirk Salzwedel gesichert. In Bonese war das II. Grenzbataillon GR-24 stationiert. Heute liegt die Kasernenanlage brach. 

Bild: ehem. Kaserne des GR-24 an der Straße zw. Bonese und Schmölau. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Weitere Einrichtungen bzw. Kasernen der Grenzkommandos gab es in Neuekrug, Holzhausen, Dahrendorf, und Dähre. 

Neben den Einrichtungen der Grenzkommandos, gab es damals auch Anlagen der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). Auf dem 108 m hohen Schwabenberg bei Bergmoor / Diestorf unterhielten die sowjetischen Streitkräfte seit 1967 eine Abhöranlage. In Hochzeiten waren rund 500 sowjetische Soldaten in der Einrichtung untergebracht. Im Sommer 1991 verließen die letzten sowjetischen Soldaten die Abhöranlage - das meiste Material war zu diesem Zeitpunkt bereits abtransportiert worden. Heute liegt das Areal brach. 

Bild: ehem. Abhöranlage des GSSD auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Anlage verfügte einst über einen rund 70 m hohen Antennenträger aus massivem Stahlbeton. Dieses Objekt wurde allerdings im Sommer 1998 gesprengt, da es zusehends verfiel und eine Gefahr für die Flugsicherheit darstellte. 

Darüber hinaus war die Abhöranlage autark - sie verfügte dementsprechend über eigene Versorgungsanlagen, Küche und Kantine sowie ein eigenes Heizwerk. 

Bild: ehem. Heizwerk auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Nach Abzug der sowjetischen Truppen fiel das Areal brach. Ausgeplündert von Metall- und Schrottsammlern diente es fortan für die "wilde" Müllentsorgung. Im Volksmund hielt sich nur der einstige Name des sogenannten "Café Moskau". Jugendliche aus der Umgebung nutzten die leerstehenden Gebäude für Partys. 

Die massiven Gebäude der ehemaligen Abhöranlage sind bis heute größtenteils erhalten geblieben. Sie sind meist zweistöckig und verfügen noch über den alten Tarnanstrich. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Dem Anschein nach sind die Gebäude dem Verfall preisgegeben. In ihrem Innern blättert der Putz von den Wänden, teilweise wurden die Einrichtungen durch Vandalismus stark in Mitleidenschaft gezogen. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In einigen Bereichen wurden die Gebäude komplett entkernt - Fußböden herausgerissen und Trennwände durchbrochen. Von ihrem einstigen Stolz hat die ehemalige Abhöranlage bei Bergmoor vieles eingebüßt.

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Im hinteren Teil des Areals findet man noch heute einen alten Trimm-Dich-Pfad aus verschiedenen Turn- und Sportgeräten. Dieser diente einst den Soldaten der GSSD körperlich in Form zu bleiben, denn das gesamte Areal misst gerade einmal eine Gesamtfläche von 23 ha. Heute stehen die alten Sportgeräte allerdings nur noch verlassen herum. 

Bild: ehem. Sportgeräte auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Neben den Kasernen- und Unterkunftsgebäuden sind noch einige kleinere Nebengebäude erhalten geblieben. Es handelte sich dabei vermutlich um Lagergebäude und Wachbaracken. In Teilen weisen diese Anlagen mittlerweile jedoch einen stark vernachlässigten Zustand auf. 

Bild: ehem. Nebengebäude Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Nebengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die ehemaligen Garageneinrichtungen sind bereits stark in Mittleidenschaft gezogen. Die Türen sind aus den Angeln gefallen, die Höfe mit allerlei Pflanzen überwuchert und die Gebäude ans sich sind schon teilweise eingestürzt. 

Bild: ehem. Garagenanlage auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Es zeigt sich, dass die ehemalige Sperrzone im Bereich zwischen Wittingen und Diestorf auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch zu Teilen erkennbar ist. In vielen Bereichen hat sich die Natur allerdings den alten Anlagen wieder bemächtigt. 

Aus heutiger Sicht erscheint es selbstverständlich von West nach Ost und umgekehrt zu reisen. Den Meisten dürfte dabei kaum mehr bewusst sein, dass eine "Reise" von Diestorf nach Wittingen noch 40 Jahren undenkbar gewesen ist und in rund 50 km Entfernung von Celle bereits die einstige Landesgrenze lag. Die trennende Sperrzone gehört zum Glück der Vergangenheit an - ihre Relikte sind jedoch als mahnende Zeitzeugen der Geschichte bis heute auffindbar. 

H. Altmann


Donnerstag, 26. September 2019

Update: ein vergessener Rüstungskomplex bei Unterlüß


In der Umgebung von Unterlüß existierte früher eine erhebliche Anzahl von Rüstungsanlagen. Nicht alle davon waren bis Kriegsende fertiggestellt worden. Zu einer dieser Einrichtungen liegen neue Erkenntnisse vor, die nachfolgend vorgestellt werden. 

Bereits im vergangenen Jahr wurde hier über Relikte berichtet, die möglicherweise zu einem ehemaligen Rüstungskomplex bei Unterlüß gehört haben könnten. Allerdings gestaltet sich die Quellenlage recht schwierig - eindeutige Belege, die eine militärische Nutzung der Anlage belegen könnten, lagen bislang nicht vor. 

Die Anlage, die aus mindestens drei Gebäuden in einer Größe von 16 x 67m bestand, befand sich westlich des Ortes Unterlüß und weist zumindest auf historischen Luftbildern die Merkmale einer militärischen bzw. rüstungstechnischen Einrichtung auf. Insbesondere die abgeschiedene Lage im Hochwald scheint auf einen solchen Zusammenhang hinzudeuten. Wie bereits berichtet wurde, sollte diese Anlage über eine Bahnstrecke mit der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund, die sich im Norden von Unterlüß befand, verbunden werden. Diese Bahnstrecke wurde allerdings bis zum Ende des Krieges nicht mehr fertiggestellt - es sind lediglich in einigen Abschnitten noch Teile des Bahndamms im Gelände vorhanden. 

Bild: Verlauf der ehemaligen Werksbahnstrecke. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Lange wurde spekuliert, zu welchem Zweck die drei Gebäudefundamente im Hochwald gedient haben mögen. Die Anbindung an die ehemalige Munitionsanstalt Eschengrund, die massive Bauweise und die Abgeschiedenheit legen jedenfalls eine militärischen bzw. rüstungstechnische Nutzung nahe. 

Zeitzeugen berichten, dass sich vor Ort ein Sägewerk befunden haben soll. Dort sollen  dieser Aussage zufolge Holzkisten für Munition und Waffen aus der Fabrikation der Rheinmetall-Borsig AG hergestellt worden sein. Die Theorie eines Sägewerks oder einer Kistenfabrik wird durch verschiedene Zeitzeugenaussagen aus Unterlüß gestützt. 

In der offiziellen Firmenchronik der Firma Rheinmetall sucht man vergeblich nach Informationen zu der vermeintlichen Rüstungsanlage im Hochwald. In der Chronik, die anlässlich des 111-jährigen Bestehens des Schießplatzes Unterlüß vom Unternehmen selbst herausgegeben wurde, wird man dagegen fündig. Darin heißt es, im Jahr 1944 seien  südlich vom Eschengrund drei Hallen errichtet worden - das sogenannte "Projekt Hochwald". Diese, im Bau befindliche Einrichtung, verfügte demnach über eine Presserei, eine Hämmerei sowie einen Härteofen. 

Diese Darstellung erlaubt zumindest eine Vermutung zu erhärten - die als "Projekt Hochwald" bezeichnete Einrichtung gehörte offenbar tatsächlich zu den Rüstungsanlagen der Rheinmetall-Borsig AG und entstand offenbar in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Die Anlage wurde, der Quelle zufolge, in Hallenbauweise errichtet. Dies passt zu den vor Ort aufgefundenen drei Fundamenten, die in regelmäßigen Abständen Vertiefungen - vermutlich für die Verankerung von Metallstangen - aufweisen. 

Bild: Teil eines Hallenfundaments. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Zeitzeugen berichteten, dass sich im Norden der drei Hallenbauten noch in der Nachkriegszeit ein Strom- bzw. Transformatorhaus befunden habe. Dieses Transformatorhaus befand sich offenbar in der nordöstlichen Ecke des Jagen 348 - also nicht weit entfernt von den drei Hallenfundamenten. Bei Bauarbeiten wurde in diesem Bereich zudem ein massives Erdkabel gefunden. 

Für schwere Maschinen, wie solche die in der Schießplatz-Chronik genannt werden, wäre eine Starkstromversorgung unerlässlich gewesen. Es deutet somit einiges darauf hin, dass die Bauarbeiten am "Projekt Hochwald" im Jahr 1944 bereits recht weit vorangeschritten waren. 

Bild: Schacht im Hallenfundament. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Hallenfundamente weisen zudem in den Gussbeton eingelassene Schächte auf. Diese Schächte waren allerdings keine Zugänge zu Kellerräumen oder dergleichen. Vielmehr waren im Untergrund insbesondere Wasserleitungen verlegt worden - in den Schächten waren entsprechende Absperrventile untergebracht. Historische Luftbilder legen nahe, dass die Leitungen in westlicher Richtung nach Unterlüß verliefen. 

Die Hallenbauweise war typisch für Rüstungseinrichtungen, die erst in den letzten Monaten des Krieges entstanden. In Unterlüß gab es solche fundamentierten Hallen gleich an mehreren verschiedenen Stellen - und auch andernorts, wie insbesondere im Bereich der oberirdischen Anlagen der Untertageverlagerung "Löwe" bei Habighorst/Höfer - wurde im Zuge des raschen Bauablaufs auf die Hallenbauweise zurückgegriffen. 

Es ist naheliegend, dass diese relativ mobilen Hallen nach Kriegsende leicht demontiert werden konnten. Aus anderen Bereichen in Unterlüß wurden gleich mehrere solcher Hallenkonstruktionen an unterschiedliche Unternehmen veräußert. Es wäre daher denkbar, dass auch die Hallenbauten des "Projektes Hochwald" einen entsprechenden Abnehmer fanden und anderswo wieder aufgebaut worden sind. 

In Karten der unmittelbaren Nachkriegszeit ist im Bereich der Hallenfundamente eine Werkstatt verzeichnet. Offenbar wurde also wenigstens eines der Gebäude noch weiter genutzt. Ob es sich bei dieser Nutzung tatsächlich um ein Sägewerk handelte, ließ sich bislang nicht einwandfrei klären. 

Bild: Umgebungskarte Unterlüß, 1956. Quelle: NLA Hannover Kann. 180 Lüneburg Acc. 3/150 Nr. 257.

Im Flächennutzungsplan der Gemeinde Unterlüß, mit Stand des Jahres 1955, ist im Bereich der Fundamente ein abgegrenzter Bereich verzeichnet. Laut Karte handelt es sich dabei um einen "Bausplitter" im Außenbereich von Unterlüß, der aus zwei Gebäudeteilen bestand. 

Bild: Flächennutzungsplan Unterlüß, 1955. Quelle: NLA Hannover Kann. 180 Lüneburg Acc. 3/150 Nr. 257. 

Zeitzeugenaussagen zufolge wurden die Fundamente in den 70er und 80er Jahren als Übungsziele bzw. Hubschrauberlandeplätze der Bundeswehr genutzt. Hierfür wurde eine größere Bodenplatte eines der Fundamente geräumt und mit einer rot-weißen H-Markierung versehen. Als auch diese Nutzung des Areals eingestellt wurde, nutzten nach und nach Unbekannte den Bereich, um illegal Müll und Bauschutt abzuladen. 

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die drei Gebäudefundamente im Hochwald bei Unterlüß dem sogenannten "Projekt Hochwald" zugehörig waren. Die Anlage verfügte über schwere Maschinen, einen Werkbahnanschluss zur Munitionsanstalt Eschengrund sowie über Rohrleitungsanschlüsse und einen Starkstromanschluss. Insgesamt spricht die Ausstattung der Einrichtung stark dafür, dass an dieser recht abgelegenen Stelle eine Produktion stattfinden sollte. Laboreinrichtungen sind dagegen wohl eher nicht vorhanden gewesen - für diese wäre der geplante Werkbahnanschluss nicht erforderlich gewesen. Was genau in den Anlagen des "Projektes Hochwald" hergestellt werden sollte ist allerdings bislang nicht geklärt. 

Für die lokale Forschung bleiben also noch einige Fragen offen, die hoffentlich in der Zukunft noch beantwortet werden können. 

H. Altmann



Dienstag, 20. August 2019

Das alte Denkmal in Oppershausen


Mitten in Oppershausen steht ein altes Denkmal, dessen Bedeutung heute sicherlich kaum jemand kennt. Und mehr noch: dieser verwitterte Stein ist vermutlich das letzte Relikt der Oppershäuser Landwehr... 

Mit dem Fahrrad ist der ein oder andere hier vielleicht schon einmal vorbeigekommen. Je nach Fahrtrichtung erfasst der Blick sicherlich zunächst die Einfahrt zum alten Oppershäuser Gutshof oder den renovierten Gutskrug direkt an der Hauptstraße. In direkter Nachbarschaft hierzu fällt bei genauerem Hinsehen ein verwitterter und moosbewachsener Gedenkstein ins Auge. Er befindet sich auf einer kleinen, mit Eichen bestandenen Freifläche - direkt gegenüber der Einfahrt zum Gutshof. 

Dem flüchtigen Betrachter könnte sich der Eindruck aufdrängen, dass eine religiöse Bedeutung innehabe und gar in Bezug zur naheliegenden Maria-Magdalenen-Kapelle stehen könnte. Diese Annahme geht jedoch fehlt - und genau genommen scheint dieser Stein nicht nur eine Bedeutung gehabt zu haben. 

Bild: Gedenkstein mitten in Oppershausen. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Detaillierte Hinweise und Erklärungen sucht man vor Ort leider vergebens. Im Verzeichnis der Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Band 34, Landkreis Celle findet sich der schnörkellose Hinweis auf ein "profanes", d.h. ein nicht im religiösen Bezug stehendes, Denkmal auf dem Platz vor der Kapelle. Dieses Denkmal sei, zur Erinnerung an einen in Gegenwart der königlichen Familie stattgefunden Gottesdienst im Jahr 1855 errichtet worden. 

Nachdem Ernst August I. im November 1851 verstarb bestieg sein Sohn als König Georg V. den Thron des Königreichs Hannover. In seinem, bereits 1897 erschienen Werk zur "Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen" berichtete der Wienhäuser Pastor Wilhelm Bettinghaus über den Besuch der königlichen Familie im Spätsommer des Jahre 1855. 

In der Gemeinde Wienhausen - und zwar in der Heide hinter Oppershausen - fand zu dieser Zeit ein großes Artillerie-Manöver statt, so Bettinghaus. Die königliche Familie war zu diesem Anlass angereist und hatte im Celler Schloss ihre Wohnung bezogen. Bei dieser Gelegenheit besuchte die königliche Familie ebenfalls das Kloster Wienhausen und wohnte  am 23. September 1855 einem Gottesdienst in der Oppershäuser Maria-Magdalenen-Kapelle bei. Es war die Gedächtnisfeier zum Jahrestag des 300 jährigen Augsburger Religionsfriedens. Der Wienhäuser Pastor Meyer hielt die Predigt und im Anschluss an die Feierlichkeiten wurde ein Denkmal an jenen denkwürdigen Tag eingeweiht

Bei dem Artillerie-Manöver, dass Bettinghaus beschreibt, handelte es sich zweifelsohne um die Manöver auf der Allerheide, die vom 24. August bis zum 24. September 1855 angesetzt worden waren. Der Übungsplan des Manövers weist ab dem 23. September einige handschriftliche Korrekturen auf, sodass Grund zu der Annahme besteht, dass der Ablauf nachträglich an den königlichen Besuch angepasst werden musste. Die Übungen wurden schließlich bis zum 26. September 1855 abgehalten. 

Ein interessantes Detail zur Geschichte des Denkmals blieb jedoch bislang scheinbar unbeachtet - bis zur Versetzung an seinen heutigen Standort befand sich der Stein offenbar an einem anderen historischen Ort in Oppershausen. 

Bild: Gedenkstein mitten in Oppershausen. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die hintere, mittlerweile stark verwitterte Inschrift des Gedenksteins lautet: 

Dieses, 
einst in der Landwehr 
errichtete Denkmal, 
wurde 1855 hierher ver-
setzt. 

Insoweit dürften zwei Dinge feststehen. Erstens stand das Denkmal bis 1855 nicht dort, wo es heute steht, sondern in der Landwehr. Zweitens: es war bereits an seinem vorherigen Standort ein Denkmal, denn anders kann die Inschrift wohl kaum gedeutet werden. Unweigerlich stellt sich die Frage wo sich die besagte "Landwehr" befunden haben mag - und vor allem: worum es sich dabei wohl gehandelt haben kann. 

Dem Grunde nach kann eine "Landwehr" sowohl eine alte Grenzziehung, d.h. ein Erdwerk oder Graben, als auch eine befestigte Schanze gewesen sein. Dergleichen sucht man heute in Oppershausen allerdings vergeblich. Lediglich alte Karten könnten noch Aufschluss geben, wo sich die besagte Landwehr einst befunden haben könnte. 

Der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 ist zu entnehmen, dass der Ort Oppershausen im Norden von den sogenannten "Holzwiesen" begrenzt wurde. Hierbei handelte es sich sicherlich um feuchte Wiesen, die mit Schilf und brackigen Gräsern bewachsen waren. Östlich der Holzwiesen befindet sich der Verlauf der Wienhäuser Gemeindegrenze - diese trifft hier auf die Lachendorfer Gemeindegrenze. Mit diesen Grenzverläufen waren, anders als in der heutigen Zeit, wesentliche gesellschaftliche und politische Zusammenhänge verbunden. Hiernach richtete sich unter anderem die Gerichtsbarkeit, das Steuerwesen und die kirchlichen Zuständigkeiten. 

Bild: Grenzverläufe bei Oppershausen im 18. Jahrhundert. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Eine Landwehr in Form eines befestigten Erdwerks lässt sich der Kurhannoverschen Landesaufnahme allerdings nicht entnehmen. es wäre also möglich, dass der Begriff "Landwehr" lediglich den Treffpunkt der Gemeindegrenzen markiert. 

Unter Zuhilfenahme der Flurnamensammlung für Oppershausen lässt sich die Lage der Landwehr weiter eingrenzen. Die Sammlung, erstellt vom Lehrer Gate aus Wienhausen, beinhaltet rund 50 Flurnamen aus der Gemarkung Oppershausen. Unter der Nummer 5 findet sich "die Landwehr" in einer Übersichtskarte in etwa dort markiert, wo sich heute die "Stettiner Straße" und die Straße "In den Tannen" befinden. 

Im Rahmen einer ersten Änderung des örtlichen Bebauungsplans Nr. 2 "Landwehr" hatte der Wienhäuser Rat am 10. Oktober 1989 über eine entsprechende Vorlage entschieden, die diese Flur ebenfalls mit der Bezeichnung "Landwehr" benannt hat. 

In ihrem bereits 1952 erschienenen Werk "Celler Flurnamensammlung" stellten Paul Alpers und Friedrich Barenscheer bereits Überlegungen an, ob die Landwehr in der Nähe des Dorfes Oppershausen auf eine frühere Befestigung hinweisen soll. Allerdings können sie diese These weder be- noch widerlegen. 

Die in den Jahren 1831 / 1832 eingemessene Verkoppelungskarte des Dorfes und der Gemarkung Oppershausen könnte ebenfalls Informationen zur Lage und Beschaffenheit liefern. 

Bild: Oppershausen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Quelle: Verkoppelungskarte 1831 / 1832. 

In der Gegend des, auf Grundlage der Flurbezeichnung bereits als möglichen Standorts der Landwehr eingegrenzten, Bereiches lassen sich in der Karte diverse historische Flurformen erkennen. Nordöstlich der Kapelle scheint es eine Art ringförmigen Wassergraben zu geben - dieser wurde allerdings durch die Neuanlage der späteren Stettiner Straße durchschnitten (in der Karte schwach in rot erkennbar). 

Ohnehin hat sich die Feldflur in diesem Bereich stark verändert. Durch Anlage des Osterbruchkanals, der Wasser aus den alten Flussarmen der Aller in die westlich gelegenen Osterbruchwiesen transportiert, wurde die Flur "Landwehr" nochmals durchkreuzt. 

Im preußischen Messtischblatt von 1899 ist sowohl die Veränderung der Flurnutzung als auch die voranschreitende Bebauung im nördlichen Teil Oppershausens erkennbar. 

Bild: Oppershausen zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle: preußisches Messtischblatt, 1899.  

Inzwischen sind die Flächen der ehemaligen Landwehr vollständig überbaut. Es lässt sich somit nicht mehr abschließend klären welchen Zweck die Landwehr früher einmal gehabt haben mag. Alpers und Barenscheer vermuten bei derartigen Hinweisen aus alten Flurnamen, dass es sich um Schutzbereiche gehandelt hat, die bei Gefahr aufgesucht werden konnten. 

Hierbei wäre jedoch stets zu hinterfragen in welcher Zeit eine solche Einrichtung Schutz hätte bieten sollen. In den letzten geschichtlichen Epochen hätte ein kleines Erdwerk sicherlich kaum jemandem ausreichenden Schutz bieten können. Die weitläufigen und menschenleeren Heideflächen der nördlich gelegenen Allerheide hätten da vermutlich mehr geholfen. 

Da historische Aufzeichnungen und Karten bislang keine weiteren Erkenntnisse zur Oppershäuser Landwehr liefern konnten, wäre deren genaue Erforschung vermutlich nur anhand von entsprechenden Bodenfunden möglich. Dass es in Oppershausen eine Landwehr gegeben hat, ist zumindest gesichert. Sowohl anhand des Flurnamens als auch aufgrund der Tatsache, dass der im September 1855 versetzte Gedenkstein zuvor in dieser   besagten Landwehr gestanden hat. 

H. Altmann



Donnerstag, 8. August 2019

Vater Philipp - ein Arresthaus in Celle


Zwischen dem heutigen Rathaus und dem französischen Garten - also in bester Lage  - stand einst eine Arrestanstalt. Aus dem Stadtbild ist das Gebäude mittlerweile verschwunden. Lediglich alte Karten, Zeichnungen und Fotografien zeigen das ehemalige Militärgefängnis, das den auffälligen Namen "Vater Philipp" trug. 

Als alte Garnisonstadt ist Celle schon seit den Zeiten des Königreichs Hannover bekannt - die lokale Militärgeschichte reicht allerdings noch um weiter in die Geschichte zurück. Bereits in der frühen Neuzeit wurde Celle zu einer sogenannten rondellierten Stadtfestung ausgebaut. Christian der Ältere benannte die Stadt schon in recht früh - in einem am 18. Mai 1625 ergangenen Edikt - als "Festung Zelle". Eine regelmäßige militärische Präsenz war Celle somit seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gewohnt. 

Für militärische Zwecke schien Celle und seine Umgebung bestens geeignet. So boten die umliegenden Dörfer genügend Kapazitäten für Einquartierungen und eine ausreichende Versorgung der Truppen. Die einst noch vorhandenen Heideflächen eigneten sich zudem hervorragend für die Abhaltung von Manövern und Exerzierübungen

In Folge der Schlacht bei Langensalza fiel das ehemalige Königreich Hannover an Preußen - die machtpolitische Veränderung war von erheblichen Ausschreitungen auf den Straßen  der Stadt Celle begleitet. Im Zuge der Annexion wurde die Stadt zum Quartier und Standort preußischen Militärs sowie unter preußische Verwaltung gestellt. Mit dieser politischen Entwicklung war gleichermaßen die Funktion der Stadt als "Residenz" beendet. 

Mit der allerhöchsten Kabinettsorder (A.K.O.) wurde bereits im September 1866 das 2. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 77 aufgestellt. Im Deutsch-Französischen Krieg war das Regiment südlich von Saarbrücken eingesetzt, wobei der 6. August 1870 die Feuertaufe mit der Schlacht bei Spichern brachte. Nach Beendigung der Feindseligkeiten am 25. Juli 1871 wurde Celle zur Garnisonstadt für das Regiment.  

Bild: Feldfahnen des Regiments vor den neuen Infanterie-Kaserne in Celle. Quelle: Geschichte des 2. hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77, Schimmelpfeng, S. 209. 

In Celle waren die Unterbringungsmöglichkeiten zunächst noch unzureichend. Die Truppen wurden daher unter anderem in der Cambridge-Dragoner-Kaserne (heute: CD-Kaserne) und der ehemaligen Burgkaserne untergebracht. 

Der Bau der Großen Infanterie-Kaserne (heute: Neues Rathaus) im Bereich des einstigen Wildgartens erfolgte von 1869 bis 1872. Es folgten das Offizierskasino im Jahr 1876, das Lazarett in 1878 (später: Finanzamt) sowie die Garnisonskirche im Jahr 1902. 

Bild: ehemalige Große Infanteriekaserne (heute: Neues Rathaus), zwischen Kaserne und Offizierskasino (unten im Bild) badend sich das einstige Arresthaus. Quelle: H. Altmann, 2016. 

Die preußischen Truppen waren allgemein für ihren unbedingten Gehorsam und ihre vorbildliche Disziplin bekannt. Was dabei jedoch regelmäßig nicht bedacht wird: die Durchsetzung dieser Tugenden erfolgte stets unter strengen Sanktionen. Gängiges Mittel war seinerzeit der militärische Arrest. Auch in Celle gab es, unmittelbar südlich des Magnusgrabens eine eigene Arrestanstalt für Truppenangehörige. Sie trug den Namen "Vater Philipp" - und fand Eingang in so manches Soldatenlied: 

In Celle an der Aller steht ein großes Haus, 
Drinnen sitzen viele, möchten gerne raus. 
Tust Du sie dann fragen nach des Hauses Namen, 
Rufen sie heraus: 
Vater Philipps Haus. 

Quelle: Die Revolution marschiert, P. Schlichtings handschriftliche Sammlung, 1935. 

Bild: Lage des ehemaligen Arresthauses. Quelle: Katasterkarte, 1925. 

Die Bezeichnung "Vater Philipp" wurde noch viele Jahre später als umgangssprachlicher Ausdruck für Arrestanstalten verwendet. Ihr Ursprung liegt vermutlich bei der Lehr-Escadron-Kaserne in der Lindenstraße 36/36a / Ecke Fellnerstraße in Berlin-Kreuzberg. Wohnhaft war hier der preußische Platzmajor Philipp, ein Militär der alten Schule. Die dortige Arrestanstalt verfügte über 134 Arrestzellen und 10 Gerichtszimmer. 


Die Celler Arrestanstalt wird zwar um einiges kleiner gewesen sein - trotzdem dürfte hier dasselbe Protokoll wie andernorts angewandt worden sein. Der Arrest wurde insbesondere bei unerlaubtem Ausgang, Verspätungen und sonstigen Ausrutschern der Soldaten angesetzt. 

Bild: das ehemaligen Arresthauses. Quelle: Stadtarchiv Celle, StadtA CE F 01 21.03.01. Nr. 0027 (ehemaliges Arresthaus, "Vater Philipp"). 

Der Haupteingang des Arresthauses befand sich auf dessen nördlicher Seite in Richtung Magnusgraben bzw. der heutigen Maulbeerallee. Der Gebäudekomplex der Arrestanstalt setzte sich aus insgesamt drei Bestandteilen zusammen: dem Hauptgebäude, einem Kohlenschuppen sowie einer Asch- und Müllgrube. 


Bild: Ausschnitt aus der Foto-Collage "Zur Erinnerung an meine Dienstzeit, Harder und Söhne, Celle, 1905, Archiv Dr. Haack. 

Südlich an die vollständig eingezäunte Arrestanstalt schlossen sich das alte und das neue Kammergebäude der Kaserne an. In unmittelbarer Nachbarschaft lagen ebenfalls noch das alte Exerzierhaus, das später als Gelände der Offiziersreitbahn diente und die Handwerkstätten. 

Obwohl es sich eigentlich dabei nicht um ein repräsentatives Gebäude der Infanteriekaserne handelte, findet sich das Arresthaus neben dem Hauptgebäude, der einst stattlichen Burgkaserne und dem Offizierskasino als Motiv auf zeitgenössischen Postkarten. 

Bild: Arresthaus "Vater Philipp". Quelle: Postkarte, gelaufen am 15.10.1906 von Celle nach Dahlenburg, Archiv Altmann.  

Detaillierte Quellen zur Nutzung des Arrestgebäudes sind leider nicht mehr vorhanden. Ebenso ist nicht abschließend geklärt, wie lange der "Vater Philipp" in Benutzung war. Offenbar überdauerte die Einrichtung sowohl den Ersten Weltkrieg als auch die Zeit der Weimarer Republik. 


Ein Fotoalbum der in Celle stationierten Nebel-Abteilung 1 zeigt Bilder eines Umzugs mit verkleideten Soldaten. Darunter ist ebenfalls eine Gruppe Soldaten, die sich - offenbar auf Bettlaken - improvisierte Sträflingskleidung geschneidert hat. Vor sich tragen sie einen vergitterten Holzrahmen, mit der Beschriftung "Vater Philipp". Das Bild schein gegen Ende der 30er Jahre aufgenommen worden zu sein. 

Bild: Verkleidete Soldaten "hinter Gittern". Quelle: Fotoalbum, Nebel-Abteilung 1, Archiv Altmann. 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zogen britische Streitkräfte der Britischen Rheinarmee (BAOR, "British army of the rhine") auf das Areal der Großen Infateriekaserne, die fortan den Namen "Taunton Barracks" trug. Über die genaue Nutzung der einzelnen Gebäudeteile ist aus dieser Zeit nichts bekannt. 

Das Arresthaus "Vater Philipp" blieb während der britischen Besatzungszeit als Nebengebäude zur Hauptkaserne erhalten. 


Bild: ehemaliges Arrestgebäude 1996 / 1997. Quelle: Archiv Dr. Haack. 

Im Januar 1995 übernahm die Stadt Celle das ca. 12 Hektar große Kasernengelände. In den Vorjahren waren bereits umfangreiche Vorübergegangen angestrengt worden, um insbesondere die ehemalige Große Infanteriekaserne als Neues Rathaus umzugestalten. Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurde das alte Arrestgebäude vollständig abgerissen. Lediglich ein Teilstück einer Mauer blieb erhalten und erinnert heute noch an das einstige Gebäude. 



Bild: Mauerteilstück des ehemaligen Arrestgebäudes. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die Backsteine des ehemaligen Arrestgebäudes wurden abtransportiert und fanden teilweise andernorts Wiederverwendung. Einige der Backsteine tragen noch gut lesbare Signaturen der Brennereien bzw. Ziegeleien aus denen die Steine einst geliefert worden waren. 

Bild: Backstein mit Sugnatur "W. Stille". Quelle: H. Altmann, 2019. 

Vor Ort erinnert lediglich das erhalten gebliebene Mauerstück an das einstige Arresthaus "Vater Philipp" - die Aufzeichnungen, Quellen und Literatur schweigen zur Geschichte des Bauwerks jedoch. Weder in den umfassenden Stadtchroniken noch in Aufsätzen finden sich Informationen zu der Arrestanstalt. 

Ein letztes zeitgetreues Überbleibsel des "Vater Philipp" ist im Untergeschoss des Neuen Rathauses zu finden. In einem Seitengang der Eingangshalle - für Besucher zugänglich, von den meisten bisher jedoch vermutlich unbemerkt - steht eine alte hölzerne Zellentür mit massiven Metallbeschlägen. 

Bild: ehemalige Zellentür im Neuen Rathaus. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die alte Zellentür verfügt noch über einen kleinen Sehschlitz sowie über massive Schließriegel. Eine kleine Tafel aus Messing weist auf den historischen Zusammenhang hin.  

Bild: ehemalige Zellentür im Neuen Rathaus. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Obgleich sich diese Einrichtung einst mitten in der Stadt befand, dürfte die Geschichte des "Vater Philipp" heute den meisten vollkommen unbekannt sein. Außer alten Postkarten, Fotos oder topografischen Katasterkarten existieren so gut wie keine zeitgenössischen Quellen mehr, die Hinweise auf die ehemalige militärische Arrestanstalt liefern. 

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die vorhandenen Informationen zusammenzutragen, damit die Geschichte des "Vater Philipp" in Celle nicht vollständig in Vergessenheit gerät. 

H. Altmann