f Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 11. Juni 2018

Dieser Fund gibt Rätsel auf...


Bei Bauarbeiten kommen gelegentlich spannende Funde ans Tageslicht. So konnten beispielsweise bei Baumaßnahmen im "Pottgarten" in Altencelle aufregende neue Erkenntnisse im Rahmen der archäologischen Untersuchungen gewonnen werden. Nun kam beim Pflastern eines Garagenhofes in der Hildebrandstraße ein interessanter Stein zu Tage, der offenbar eine Inschrift trägt und bisweilen Rätsel aufgibt...

Schlecht gestaunt haben sie nicht - als sie ihren Garagenhof pflastern wollten, stießen die Bewohner eines Miethauses in der Celler Hildebrandstraße - unweit der Hannoverschen Heerstraße - auf einen beschrifteten Stein. Rund 45 cm hoch, 30 cm breit und ca. 8 cm dick ist die Steinplatte, die in deutlich erkennbaren Zeichen die Beschriftung "AL 702" trägt. Die Finder konnten sich zunächst keinen Reim auf diesen Fund machen - weitere Objekte waren in der rund 40 cm tiefen Grube auch nicht zu entdecken. Beim Einbringen von Mineralgemisch war der seltsame Stein zutage gekommen. 

Bild: Fundort in der Hildebrandstraße. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Lässt man die Fundumstände zunächst außer Acht, wirft der Stein an sich bereits Fragen auf. Es handelt sich hierbei um einen massiven Körper, der im oberen Bereich leicht abgerundet ist. Die Aufschrift AL 702 befindet sich in der unteren Hälfte. 

Die Kombination aus Buchstaben und Zahlen scheint in den Körper gepresst worden zu sein. Es handelt sich offenbar um eine Art Abdruck, die möglicherweise unter Hitzeeinfluss in eingeprägt worden ist. Um die Prägung ist der Abdruck einer Platte erkennbar auf der die Zeichen offenbar angebracht waren. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Das Material des Steins ist bislang noch unbestimmt. Auffällig sind allerdings die blasenartigen Aufwerfungen an der Oberseite. Der Körper scheint also unter Hitzeeinfluss gegossen worden zu sein, wobei während des Erkaltens Luftblasen nach Außen drangen. Möglicherweise handelt es sich um ein Gemisch aus Bitumen und anderen Stoffen. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

An einer Seite der Steinplatte war ein kleines Stück abgebrochen. In diesem Bereich zeigt sich der Struktur der Oberfläche besonders deutlich. Es handelt sich um ein dunkles Material, das zahlreiche Lufteinschlüsse aufweist. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Das Bruchstück zeigt ebenfalls eine Vielzahl von Lufteinschlüssen. Dies legt den Schluss nahe, dass der Stein insgesamt kein Naturprodukt ist, bzw. dass er künstlichen Ursprungs sein muss. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Besonders eigenartig erscheint die Inschrift der Steintafel. In der Facebookgruppe "Du kommst aus Celle, wenn..." in die der Fund eingestellt war, kamen skurrile Theorien auf, worum es sich hierbei wohl handeln könnte. Von einem Grabstein oder einem Grenzstein war unter anderem die Rede. 

Letztere Annahme stützte auch der Celler Kulturlandschaftsforscher und Autor Florian Friedrich, der im Raum Celle bereits etliche alte Grenzsteine ausgewertet hat. Die Echtheit von Grenzsteinen wurde früher oft durch das Vergraben sogenannter "Zeugen" verifiziert. Dabei wurden Bruchstücke von Tonscheiben unterhalb des eigentlichen Grenzsteins platziert, um so die Echtheit des jeweiligen Grenzpunktes zu bestätigen. Ebenfalls war es früher üblich, dass mehrere unsichtbare Grenzsteine einen "echten" Grenzstein im Schnittpunkt gedachter Sichtachsen belegen sollten. 

Dass es sich um einen alten Grenzstein handeln könnte leuchtet durchaus ein. Allerdings gab es noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch keine Hildebrandstraße. Die heutige Bebauung erfolgte erst in den 60er Jahren. Wie historische Karten belegen, befanden sich vorher lediglich Felder in diesem Bereich. 

Bild: Gegend der Hildebrandstraße um 1925. Quelle: Katasterkarte Celle, 1925. 

Es stellt sich somit die Frage, welche Grenze in diesem Bereich einst verlaufen sein mag. Das Celler Katasteramt teilte auf Anfrage mit, dass sich die Feldfluren vor Ort im Laufe der Zeit verändert haben. Allerdings scheint es sich hiernach nicht um einen alten Grenzstein zu handeln, denn der aufgefundene Stein passt seiner Beschriftung nach weder zu den bekannten Fluren - noch konnten bisher vergleichbare Grenzsteine aufgefunden werden. 

Anfragen beim Celler Bomann-Museum, dem Celler Stadtarchiv und der Stadt Celle verliefen bislang ebenfalls ohne Ergebnis. Vergleichbare Steine kamen bisher nicht ans Tageslicht. 

Kurios ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass die einstige Stadtgrenze Celles tatsächlich unweit der heutigen Hildebrandstraße verlief. Karten aus den 50er Jahren zeigen die ehemalige Grenze noch, die südlich entlang des Waldwegs und östlich an der Hannoverschen Heerstraße verlief. 

Bild: Verlauf der einstigen Stadtgrenze. Quelle: Messtischblatt 1950, Google Earth.  

Ob es sich bei dem Fund also tatsächlich um einen alten Grenzstein handelt, oder vielleicht um etwas ganz anderes, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden. Die kryptische Beschriftung und das Erscheinungsbild würden zu einem Grenzstein passen - es stellt sich jedoch die Frage zu welcher Grenze dieser Stein einst gehört haben mag. 

Im Ergebnis ist es jedoch sehr erfreulich, dass der Fund bekannt wurde. Vermutlich werden bei privaten Baumaßnahmen häufiger Funde gemacht, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Gerne können solche Funde per E-Mail an die folgende Adresse gemeldet werden: found-places@live.de Eine Weiterleitung an die zuständigen Stellen erfolgt selbstverständlich. 

Über weitere Hinweise zu dem Steinfund würde ich mich sehr freuen. Diese können gerne  ebenfalls an die o.g. E-Mail-Adresse gerichtet werden. Sofern es neue Erkenntnisse gibt, wird dieser Eintrag natürlich aktualisiert. 


H. Altmann






Mittwoch, 6. Juni 2018

Die ehemaligen Flentje Häuser in Celle


Celle ist überregional für das größte zusammenhängende Fachwerk-Ensemble bekannt. Dieser glückliche Umstand gründet sich nicht zuletzt darauf, dass die Celler Innenstadt während des Zweiten Weltkriegs von Bombenangriffen verschont geblieben ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Fachwerkhäuser gleich alt sind, denn an einigen Stellen wurde die alte Bausubstanz geschickt ersetzt... 

Die Fachwerkhäuser sind der Stolz und das Aushängeschild Celles - und das nicht erst in heutiger Zeit. Umso stärker wird seit jeher darauf geachtet, dass sich Neubauten harmonisch in das Stadtbild einfügen. So ist für Touristen - aber vermutlich auch für viele Einheimische - manchmal nicht sofort zu erkennen, welches Gebäude tatsächlich alt ist und welches nur vorgibt es zu sein. 

Ein gutes Beispiel sind die ehemaligen Flentje Häuser. Schon dieser Name dürfte heute den meisten Cellern kaum mehr geläufig sein. Dabei handelt es sich um Gebäude inmitten der Innenstadt, in der Zöllnerstraße Nummer 44 - 46, die im Jahr 1960 abgebrochen und neu aufgebaut wurden. Heute sind diese Häuser den meisten vermutlich als Standort der Handelskette Müller bekannt. 

Die Geschichte der Flentje Häuser war von Höhen und Tiefen geprägt. Erstmals wurde hier bereits im Jahr 1836 ein Kaufhaus von Karl Wasserfall gegründet. Im Jahr 1895 übernahmen die neuen Inhaber Goedecke und Mittelmann das gleichnamige Kaufhaus. 

Bild: Flentje Häuser an der Ecke Zöllnerstraße / Poststraße. Quelle: Lüneburger Heimatkalender 1958. 

Im Jahr 1909 zog in das Gebäude schließlich das Unternehmen Flentje und Beck ein. Dieses überdauerte beide Weltkriege - auch, weil es sich gegen die örtliche Konkurrenz durchsetzen konnte. Diese bestand unter anderem in dem Traditionskaufhaus der Familie Freidberg am Markt 5 - 9. Bereits seit dem Jahr 1895 existierte das Freidbergische Kaufhaus am Markt - der damals beliebtesten Einkaufsstraße in Celle. 

Bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik kam es zu Problemen für die jüdische Familie Freidberg. Plakate wurden mit Hakenkreuzen beschmiert - ja, es kam sogar das Gerücht auf, dass die Ornamente an der Eingangstür des Kaufhauses gegen Christen gerichtet seien. Der Architekt des Gebäudes, Otto Haesler, bemühte sich um Klarstellung. Die Anfeindungen nahmen jedoch nicht ab - im Gegenteil. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wuchsen die Erschwernisse für die jüdischen Kaufleute. Am 01.04.1933 postierten sich SS-Männer mit Plakaten vor dem Kaufhaus. Die Geschäfte liefen zunehmend schlecht und im November des Jahres 1936 entschied Ida Freidberg das Unternehmen an den Konkurrenten Flentje & Beck zu verkaufen.  Sie selbst emigrierte in die USA. Celle war somit um ein Kaufhaus ärmer geworden. 

Unter dem Traditionsnamen Gödecke & Mittelmann führten die Inhaber Flentje das Kaufhaus in der Zöllnerstraße fort. Es entwickelte sich zu einem beliebten Modezentrum vor Ort und über die Grenzen der Stadt hinaus. Zu einem ersten Umbau des Stammhauses in der Zöllnerstraße 44 - 46 kam es bereits im Jahr 1937 - allerdings blieben hierbei die Außenfassaden erhalten. man richtete ein modernes Kaufhaus ein, das über großzügige Schaufensterauslagen verfügte. Hierauf wies man durch entsprechende Anzeigen (siehe Bild rechts: CZ vom 11./12.03.1939) auch explizit hin. Wie bereits eingangs erwähnt blieb die Celler Innenstadt durch alliierte Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs glücklicherweise verschont. So konnte auch das Kaufhausgebäude in der Zöllnerstraße nach Kriegsende von den Inhabern Flentje weiter betrieben werden. 

Bis zum Jahr 1960 zierten die mittlerweile als "Flentje Häuser" bekannten Gebäude das Celler Stadtbild. Besonders auffällig war das Gebäude an der Ecke Zöllnerstraße / Poststraße, da es aufgrund seiner Höhe viele der umliegenden Gebäude überragte. Auffällig war insbesondere der treppenförmige Giebel mit dem vorstehenden Erker. Darstellungen aus den späten 40er Jahren zeigen die Flentje Häuser als markante Fachwerkgebäude. 

Bild: Flentje Häuser in der Zöllnerstraße 44-46. Quelle: Adressbuch Celle 1949. 

Im Jahr 1960 sollte an Ort und Stelle das Warenhaus "Kepa" entstehen. Für dessen Neubau wurde der Abriss der Flentje Häuser notwendig. Dieser fand im Jahr 1960 statt und rief eifrige Diskussionen hervor. Allerdings entschied sich der Architekt die traditionelle Fachwerkfassade mit ihrer Holzkonstruktion zu belassen. Dagegen wurde der Neubau des Karstadtgebäudes auf Grundlage einer modernen Kombination von Stahlbeton und Fachwerk gewagt - eine Mischung die sich bis heute schwer in den baulichen Kontext der Innenstadt einfügt. 

  
Bild: links: Flentje Häuser vor dem Abbruch 1960; rechts: Neubau im Juli 1961. Quelle: Lüneburger Heimatmalender 1962. 

Das neue Erscheinungsbild der ehemaligen Flentje Häuser fügte sich so gut in das Celler Stadtbild, dass vielen Cellern heute schon nicht mehr bewusst sein wird, dass sich jemals andere Gebäude an Ort und Stelle befunden haben. 

Das neue Kaufhaus Kepa konnte sich an seinem neuen Standort in der Zöllnerstraße 44 - 46 bis ins Jahr 1980 behaupten - dann bezog schließlich das Unternehmen Karstadt - zunächst mit seinem "Hobby-Haus" das Gebäude. Zu diesem Zeitpunkt besaßen die Häuser bereits das charakteristische Aussehen, das sie bis heute behalten haben. 

Vor einigen Jahren bezog schließlich die Handelskette Müller die Gebäude und ist seither darin ansässig. Von Innen mag sich in der Zwischenzeit vieles verändert haben - äußerlich sind die Neubauten, die auf die ehemaligen Flentje Häuser folgten - so erhalten geblieben, wie sie im Jahr 1961 fertiggestellt wurden. 

Heute dürfte mitunter nur noch wenigen Cellern der bauliche Wandel bekannt sein, der sich vor noch nicht allzu langer Zeit inmitten der altehrwürdigen Fachwerkstadt vollzogen hat. 

Bild: Innenstadt Celle; Am Markt; Stechbahn; Zöllnerstraße; Poststraße. Quelle: H. Altmann, 2014. 

Was die bauliche Zukunft in Celle mit sich bringen mag ist schwer abzuschätzen. Heute sind die Gestaltungen der Außenfassaden durch entsprechende denkmalrechtliche Vorschriften reglementiert. Insgesamt kann man nur hoffen, dass das traditionelle Stadtbild mit seinen Fachwerkhäusern noch möglichst lange Bestand haben wird. 

H. Altmann



Mittwoch, 30. Mai 2018

Historische Aufnahme am Lönsstein bei Müden


Historische Fotografien tragen immer etwas Einzigartiges und Spannendes in sich - besonders dann, wenn die abgebildeten Orte einen gewissen Wiedererkennungswert aufweisen. Kürzlich erhielt ich ein Bild das noch einige Fragen aufwirft...

Bei einem Flohmarktbesuch fand ich das alte Foto, dass offenbar Uniformierte zur Zeit des Dritten Reiches vor einem massiven Gedenkstein zeigt. Durch die rückseitige Bildbeschriftung war es relativ einfach den Ort der Aufnahme ausfindig zu machen:  

"Abgang von Wietzendorf nach Munster 1933 - Aufgenommen am Lönsdenkmal in Müden a. d. Örtze" 

Mit diesem Hinweis konnte der Lönsstein bei Müden, der noch heute ein sehr beliebtes Ausflugsziel ist, als Entstehungsort der Aufnahme ausgemacht werden. Die Identität der abgebildeten Personen konnte bislang allerdings noch nicht geklärt werden. 

Zunächst scheinen die Uniformen in diesem Zusammenhang weiterhelfen zu können. Offenbar handelt es sich bei den getragenen Uniformen um solche der Sturmabteilung (SA) der NSDAP. Der diagonal verlaufende Gürtelriemen und der markante Mützenadler unterstützen diese Annahme. 

Bild: Uniformierte posieren vor dem Lönsstein bei Müden, 1933*. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Schwierig einzuordnen sind dagegen die anderen sichtbaren Abzeichen. Der Form und Größe nach erinnern sie an Insignien des Reichsarbeitsdienstes (RAD). In diesem Zusammenhang ergibt jedoch die SA-Uniform keinen Sinn. Der Hinweis "Abgang nach Munster" deutet darauf hin, dass es sich um eine Gruppe gehandelt hat, die sich nur vorübergehend im Raum Müden / Wietzendorf aufhielt. Möglicherweise handelte es sich um eine Fortbildung oder ähnliches. 

Der Lönsstein ist allerdings noch immer an Ort und Stelle auf dem Wietzer Berg bei Müden aufzufinden. Als weithin sichtbares Denkmal war der Stein schon immer ein beliebtes Ausflugsziel, wie zeitgenössische Quellen belegen können. So enthielt beispielsweise der "Heideführer" aus den 30er Jahren eine Zeichnung von Friedrich Hans Koken, die den Lönsstein zeigt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser Ort für so manches Foto eine gute Kulisse bot. Im Dritten Reich wurde Hermann Löns als heimatverbundener Heidedichter oftmals von der nationalsozialistischen Propaganda instrumentalisiert. Es ist somit durchaus plausibel, dass die oben gezeigte Aufnahme an diesem Ort entstand. 

Die nachfolgende Aufnahme zeigt den Stein aus einer ähnlichen Perspektive wie auf dem historischen Foto. 

Bild: Lönsstein bei Müden. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Durch eine Aufnahme aus der entsprechenden Perspektive lässt sich das historische Foto in die aktuelle Ansicht einbinden. Dabei verschweigt diese Vergleichsaufnahme allerdings, dass sich die Landschaft um den Lönsstein stark gewandelt hat. Wo sich 1933 noch ausgedehnte Heideflächen erstreckten, wachsen heute ausgedehnte Kiefernwälder bzw. wurden Äcker angelegt. 

Bild: Abgleich der Bilder*. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Möglicherweise kann noch jemand Hinweise zu diesem Bild beisteuern. Über weitere Informationen  hierzu würde ich mich sehr freuen: 

E-Mail: found-places@live.de 

H. Altmann
_________________________

* Die gezeigten Fotos wurden im Rahmen der regionalhistorischen Forschung als Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens ungekürzt veröffentlicht. 





Montag, 28. Mai 2018

Das Celle-Lager bei Scheuen: die neue Ausstellung im Bomann-Museum


Mit militärischen Gefangenenlagern wird heute vornehmlich die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht. Häufig gerät dabei in Vergessenheit, dass bereits im Ersten Weltkrieg ein organisiertes System von Lagern für Kriegsgefangene gegeben hat. Nun wurde im Celler Bomann-Museum eine neue Ausstellung eröffnet, die sich mit vier Lagern befasst, die sich einst vor den Toren der Stadt Celle - und sogar im Celler Schloss - befanden... 

Am Freitag, den 25.05.2018 fand im großen Festsaal des Celler Schlosses die feierliche Vorstellung und anschließende Eröffnung der neuen Ausstellung "Hinter Stacheldraht" statt. Nach Grußworten von Jan Philipp Reemtsma, des Museumsdirektors Dr. Jochen Meiners, des Bürgermeisters Heiko Gevers sowie Erläuterungen von Prof. Dr. Jochen Oltmer (Universität Osnabrück) und der Kuratorin der Ausstellung, Hilke Langhammer, öffneten die Ausstellungsräume im Celler Bomann-Museum erstmalig für Besucher ihre Pforten. 

Bild: Jan Philipp Reemtsma spricht im großen Festsaal des Celler Schlosses. Quelle H. Altmann. 

Hilke Langhammer hatte für die Recherchen zur neuen Ausstellung keine Mühen gescheut -  neben detaillierten Auswertungen von Archivbeständen besuchte sie unter anderem die Nachfahren ehemaliger Häftlinge im europäischen Ausland. Am Ersten Weltkrieg waren 40 Staaten direkt bzw. indirekt beteiligt - rund 70 Mio. Soldaten wurden insgesamt mobilisiert. Es handelte sich damit seinerzeit um den gewaltigsten jemals da gewesenen Konflikt, der bis dato ungeahntes Leid verursachte, als Urkatastrophe des 21. Jahrhunderts in die Geschichte einging und völlig neue Maßstäbe darin setzte, was Menschen anderen Menschen antuen können. 

Umso erfreulicher ist es, dass sich im Rahmen der aktuellen Ausstellung ein reger Austausch zwischen den ehemals feindlich gesonnenen Nationen entwickelt hat. So erhielt Hilke Langhammer für die Ausstellung zahlreiche Exponate als Leihgaben von den Angehörigen ehemaliger Lagerinsassen. Zum Festakt im Celler Schloss waren zudem viele Angehörige angereist - es war somit auf gewisse Weise auch ein europäisches Event. 

Zu der Ausstellung wurde vom Bomann-Museum ein entsprechender Begleitband herausgegeben, in dem die Zusammenhänge und Hintergründe der Lager und der Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg von verschiedenen Autoren eingehend dargestellt werden. 

Prof. Dr. Jochen Oltmer setzt sich darin mit den Kriegsgefangenenlagern im Europa des Ersten Weltkriegs auseinander. Hilke Langhammer verfasste einen Beitrag über das Celler Schloss als Internierungslager für "Feindstaatenausländer". Rainer Voss (Kreisarchiv Celle) verfasste, unter Beteiligung von Anja Ittrich (Kreisarchiv Celle), einen ausführlichen Beitrag über das Kriegsgefangenenlager in Scheuen bei Celle.  Rolando Anni befasste sich in seinem Textbeitrag mit den italienischen Kriegsgefangenen im Cellelager 1917-1919. Carlo Perucchetti schrieb über italienische Musik und Musiker während der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg. Florian Friedrich widmet seinen Beitrag Celle im Ersten Weltkrieg und schildert die Ereignisse aus Celler Sicht im Spiegel der Celleschen Zeitung. Das Celler Stadtarchiv, unter der Leitung von Sabine Maehnert, leistete für die Recherchen ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Abgerundet wird der Begleitband durch Biografien von ehemals Internierten im Celler Schloss. 

Bild: Hilke Langhammer erläutert die neue Ausstellung. Quelle H. Altmann. 

Vielen Cellern werden die Zusammenhänge um das ehemalige Kriegsgefangenenlager Scheuen sowie der weiteren Lager im Raum Celle nicht geläufig sein. Am 11. November 2018 jährt sich der Waffenstillstand von Compiégne zum 100. Mal. Es liegt also schon eine ganze Weile zurück, dass im Raum Celle tausende Kriegsgefangene untergebracht waren. 

Die aktuelle Ausstellung informiert anschaulich und detailliert über den Alltal im sogenannten "Celle-Lager" bei Scheuen und über die oft gegensätzlichen Verhältnisse im Lageralltag der Inhaftierten im Celler Schloss. Es ist daher sehr anzuraten sich die Ausstellung, die noch bis zum 11.11.2018 gezeigt wird, einmal anzuschauen. Ein Vorgriff auf die Ausstellung soll in diesem Beitrag daher nicht erfolgen - vielmehr sollen grundlegende Informationen an die Hand gegeben werden sowie einige Impressionen, wie es vor Ort heute ausschaut. 

Wo sich einst die Baracken des Celle-Lagers befanden sind mittlerweile längst Wohnhäuser gebaut worden. Bis auf einen Gedenkstein und den einstigen Lagerfriedhof sind keine Spuren des einstigen Kriegsgefangenenlagers mehr vorhanden. Dabei waren die Dimensionen des Lagers früher durchaus so beeindruckend, dass sich sogar einige Celler neugierig auf den Weg nach Scheuen machten, um die dort entstandene Barackenstadt in Augenschein zu nehmen. 

Bild: Blick in das Celle-Lager. Quelle: Veröffentlicht mit Genehmigung von Carlo Perucchetti. 

Das Lager befand sich unmittelbar südlich des Dorfes Scheuen und war durch die heutige L 240 sowie die bestehende Bahnverbindung infrastrukturell günstig gelegen. Zunächst war man auf eine größere Anzahl Kriegsgefangener nicht vorbereitet - die deutsche Generalität hatte zugesichert, dass ein siegreicher Ausgang des Krieges bis Weihnachten 1914 möglich sei. 

Als es schließlich anders kam, sich der Krieg im Westen zum Stellungskrieg entwickelte und auch die Zahl der Gefangenen an den Fronten im Osten und Süden stetig zunahm, entstanden im Reichsgebiet rund 175 zentrale Lager - eines von ihnen war jenes bei Scheuen. Es waren hier insbesondere italienische Kriegsgefangene aus der 12. Isonzoschlacht untergebracht. 

Der Lagerkomplex maß eine Fläche von ca. 432 Quadratkilometern. Er war auf einer Heidefläche südlich von Scheuen angelegt worden und verfügte über alle Einrichtungen, die zur Unterbringung einer großen Anzahl Häftlingen notwendig war. Insbesondere waren Küchen und eine Wäscherei vorhanden. In den Kriegsjahren waren insgesamt rund 30.000 Häftlinge im Celle-Lager untergebracht, wobei die maximale Belegung 10.000 Häftlinge offenbar nicht überschritt. 

Die Gefangenen wurden auf Arbeitsstellen in der Umgebung verteilt. Neben dem Stammlager bei Scheuen gab es weitere Lager bei Müggenburg, im Hahnenmoor sowie bei Eschede. Bei Räderloh gab es einst ebenfalls ein Kriegsgefangenenlager im Postmoor

Bild: Planskizze vom Celle-Lager. Quelle: Veröffentlicht mit Genehmigung von Carlo Perucchetti. 

Heute gibt es so git wie keine Spuren mehr von dem Lagerkomplex bei Scheuen. Die Holzbaracken wurden längst abgetragen. Auf einem Teilbereich des ehemaligen Areals wurde der Segelflugplatz errichtet. Lediglich der Lagerfriedhof und ein Gedenkstein erinnern noch an das einstige Celle-Lager. 

Auf historischen Luftbildern und der nach diesen angefertigten Karte des britischen War Office von 1945 sind noch Wege und Gebäude zu erkennen. 

Bild: Kartenoverlay Celle-Lager. Quelle: War Office 1945; Google Earth. 

Allerdings ist unklar, ob die Baracken des Celle-Lagers tatsächlich noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs erhalten geblieben sind. Wahrscheinlicher ist, dass vor Ort Unterkünfte für Arbeiter der Heeresmunitionsanstalt eingerichtet worden sind. Von den ursprüngliche Baracken wurde sicherlich einiges an Material für den Aufbau der umliegenden Neubauen verwenden. Hierzu könnten auch die Barackenbauten am Waldkater - am ehemaligen Feldflugplatz Hustedt - zählen. 

Beim Vergleich der historischen Karten mit aktuellen Luftaufnahmen erkennt man, dass lediglich ein Teilbereich des ehemaligen Lagers überbaut worden ist. Den restlichen Bereich nehmen heute der Segelflugplatz sowie einige Waldflächen ein. 

Bild: Scheuen; Bereich des ehem. Celle-Lager. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Im Gelände hat die Natur längst jede Spur des einstigen Lagers vereinnahmt. Spuren, wie Geländevertiefungen oder verbliebene Baulichkeiten sucht man vergeblich. Bei näherer Betrachtung der vorhandenen Bilder des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers verwundert dieser Umstand nicht - die Baracken bestanden größtenteils aus Holz. Was an verwertbarem Material noch vorhanden gewesen ist, wurde offenbar von der umliegenden Bevölkerung abtransportiert. 

Bild: Bereich des ehem. Celle-Lagers heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

In einem Teil des einstigen Lagerareals befindet sich heute eine Kiefernschonung, sodass auch im unbebauten Bereich alle sichtbaren Spuren verwischt sind. Im Bereich des heutigen Segelflugplatzes sind natürlich ebenfalls keine baulichen Relikte mehr zu erkennen. 

Bild: Bereich des ehem. Celle-Lagers heute; Segelflugplatz Scheuen. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Im Abgleich der historischen Karten sowie der vorliegenden Luftbilder aus dem Jahr 1945 sind auf den Flächen südlich von Scheuen noch entsprechende Baulichkeiten vorhanden gewesen. Allerdings ist über die Nachnutzung der Barackenbauten bisher wenig bekannt. 

Bild: Bereich des ehem. Celle-Lagers heute; Segelflugplatz Scheuen. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Die heute noch vorhandenen Wege haben nichts mehr gemein mit den einstigen Lagerstraßen. Das Gelände war damals völlig frei von Bäumen - die heute bestehenden Wegverläufe werden somit erst später entstanden sein. 

Bild: Bereich des ehem. Celle-Lagers heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Die Kriegsgefangenen wurden unter anderem in der Landwirtschaft und für besondere Bauprojekte eingesetzt. Insbesondere führten sie Meliorationsarbeiten in der Umgebung aus und halfen so die umliegenden Moore in nutzbares Land umzuwandeln. Das Lager in Scheuen war somit nicht der einzige Mittelpunkt - vielmehr waren es die einzelnen Arbeitsstellen auf denen die Häftlinge eingesetzt waren. 

Bild: Bereich des ehem. Celle-Lagers heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

In Scheuen erinnert heute nur noch ein Gedenkstein an das Vorhandensein des einstigen Lagers. Dieser befindet sich am Hermannsburger Weg und weist darauf hin, dass die Straße von Häftlingen des Celle-Lagers errichtet wurde. 

Bild: Scheuen - Blick in Richtung des ehem. Celle-Lagers heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Geblieben ist zudem noch der alte Friedhof des Lagers inmitten des heutigen Wohngebiets. Rund 250 Häftlinge starben insgesamt im Celle-Lager - nicht zuletzt bedingt durch die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. 

Bild: Scheuen Friedhof des ehem. Celle-Lagers heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Da vor Ort kaum noch sichtbare Spuren vorhanden sind und keine Zeitzeugen mehr von den Ereignissen berichten können, ist es umso wichtiger an das Geschehen zu erinnern. Die neue Ausstellung im Celler Bomann-Museum zeigt die Geschichte des Celle-Lagers sehr detailliert und anschaulich aufbereitet. Durch die vielen ausgestellten Exponate ist die Ausstellung auf mehreren Ebenen interessant und regt den Besucher zum Staunen - aber auch zum Nachdenken an. 

Bild: Eröffnung der Ausstellung am 25.05.2018. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Ein Ziel der Ausstellung ist es die unterschiedlichen Abläufe in den Celler Kriegsgefangenenlagern aufzuzeigen. Während die Häftlinge in Scheuen oft an Unterversorgung und den prekären Zuständen des Lageralltags litten, konnten die Häftlinge, die im Celler Schloss untergebracht waren, weitergehende Privilegien in Anspruch nehmen. Bei den letztgenannten handelte es sich vorwiegend um Zivilisten und militärische Gefangene von höherem Stand. 

Bild: Eröffnung der Ausstellung am 25.05.2018. Quelle: H. Altmann, 2017. 

In mehreren Abschnitten werden mithilfe unterschiedlicher Medien die historischen Zusammenhänge erläutert. Zeitgenössische Fotografien runden die Schautafeln und Erläuterungen ab, sodass insgesamt ein gutes Verhältnis von Bild und Text getroffen wurde. 

Bild: Eröffnung der Ausstellung am 25.05.2018. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Detaillierte Hintergrundinformationen zu den Celler Lagern im Ersten Weltkrieg sind darüber hinaus dem Begleitband zur Ausstellung sowie dem Werk "Die Baracke der Dichter" von Oskar Ansull zu entnehmen. 


             
Bild: Bücher zum Celle-Lager und weiteren Gefangenenlagern im Raum Celle. 




H. Altmann




Dienstag, 15. Mai 2018

Die Knochenkämpe bei Wienhausen


Wo sich einst ausgedehnte Äcker und Weiden befanden, sind mittlerweile Wohnhäuser errichtet worden und asphaltierte Straßen entstanden. Das Landschaftsbild im südlichen Teil Wienhausens hat sich stark gewandelt. Im Laufe der Zeit verschwanden auch viele der traditionellen Flurbezeichnungen. So zeigen nur noch alte Karten die sogenannten "Knochenkämpe", die bislang in keiner schriftlichen Quelle Erwähnung finden... 

Flurbezeichnungen sind heute noch in vielen Gegenden verbreitet und geben Aufschluss insbesondere über die historische Landnutzung, Lage bestimmter Flächen sowie die Ortsgeschichte. Die Ortsbezeichnungen sind gelegentlich nicht ohne Weiteres mit heutigen Gegebenheiten in Einklang zu bringen und erfordern daher eine Deutung. Im Rahmen der Flurnamenforschung werden entsprechende Interpretationen und Muster gesucht, die es erlauben von bereits bekannten Ortsbezeichnungen auf unbekannte Namen zu schließen. 

In der südlichen Feldmark Wienhausens sind ebenfalls einige historische Flurnamen überliefert, die aus heutiger Sicht die Phantasie hinsichtlich historischer Ereignisse anregen mögen. So heißt eine der letzten Querstraßen vor dem Waldgebiet im Süden ("Sundern") Knokenriehe. Laut der Flurnamensammlung von F. Barenscheer war der ursprüngliche Name (= "Knöchernen Reihe"), (F. Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, S. 102). Eine Deutung / Interpretation für diese Bezeichnung gibt F. Barenscheer indes nicht. 

Bild: Knokenriehe, Straßenzug in Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In der Vergangenheit gab es immer wieder Spekulationen, ob es in diesem Bereich früher einmal einen alten Friedhof aus Zeiten der Pest gegeben haben könnte. Dabei scheint der vermutete Zusammenhang zwischen der Pest und in dieser Zeit angelegten Friedhöfen möglicherweise deswegen besonders reizvoll, da genaue Überlieferungen fehlen. Die Lücken in der schriftlichen Überlieferung können vor diesem Hintergrund recht bequem gerechtfertigt werden - einerseits liegen die Pestepidemien schon eine beträchtliche Zeit zurück (1348 / 1350). Andererseits erscheint uns heute die Anlage von behelfsmäßigen Bestattungsplätzen im Zuge dieser Notlage durchaus plausibel. Der Zusammenhang wird daher regelmäßig hingenommen, ohne ihn weiter zu hinterfragen. 

Bereits in einem vorangegangenen Beitrag wurden die Ereignisse der Pest in Wienhausen untersucht. Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob es im Bereich der sogenannten "Elendswiese" und des "Schwarzen Hamm" früher einmal Bestattungen von Pesttoten gegeben haben könnte. Die Elendswiese war erst im Jahr 1820 vom Wienhäuser Kloster angekauft worden (Auskunft v. Klosterarchiv), doch könnte der Flurname bereits älter sein. Es soll dort einst ein Haus für die Pestkranken gegeben haben. Auch eine Kapelle, die dem heiligen St. Fabian geweiht war und sich östlich des Klosters befand, diente zur Bekämpfung der Pest. So wurden einige Messen hierher verlagert. Die Kapelle wurde bereits vor 1352 errichtet und schließlich im Jahr 1531 im Zuge der Reformation wieder abgerissen (Klosterarchiv Urk. 311a bzw. 363). Die Zusammenhänge wurden bereits erläutert (siehe hier). 

Genaue Ortsbeschreibungen für Pestfriedhöfe gibt es im Raum Wienhausen keine. Es liegt jedoch nahe, dass der Ort mit seinem Kloster eine Zufluchtsstätte für die Leidenden und Kranken bildete und dass entsprechende Friedhöfe tatsächlich angelegt worden sind - auch, um Ansteckungen zu vermeiden. Auch in späteren Zeiten diente das Kloster zu derartigen Zwecken, wie die teilweise noch vorhandenen Baulichkeiten zur Krankenpflege heute noch belegen können. 

Da uns heute nur wenige schriftliche Quellen aus der Zeit der Pest in Wienhausen vorliegen, bleibt die Annahme, die Knokenriehe sei ein Bezeichnung aus jenen Tagen, bis auf Weiteres reine Spekulation. Die vorhandenen Quellen, wie insbesondere die Wienhäuser Klosterchronik aus der Zeit der Äbtissin Luitgard III. (1342 - 1359) geben keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Knokenriehe und der Pest in Wienhausen. 

Der Wienhäuser Pastor W. Bettinghaus wertete im Rahmen seiner heimatkundlichen Forschungen ebenfalls viele Nachweise zur Pest in Wienhausen aus (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 44ff.). Allerdings gibt auch er keine schlüssige Erklärung für den Namen Knokenriehe an. 

Als besonders anschauliche Quelle im Bereich der Flurnamenforschung dienen unter anderem die Karten, die im Rahmen der sogenannten Verkoppelung gezeichnet wurden. Die Karten sind deswegen von unschätzbarem Wert, da sie - in verschiedenen Farben gezeichnet - sowohl den Stand vor der Verkoppelung, als auch den Stand nach der Verkoppelung ausweisen. Sie veranschaulichen somit die Landschaftsentwicklung sehr eindrucksvoll und geben demjenigen, der die Karten zu interpretieren vermag, einen einzigartigen Einblick in die Entstehung der heutigen Kulturlandschaft. 

Bild: Karte Langlinger Holz. Quelle: Verkoppelungskarte, Langlinger Holz, Planche 1, 1828. 

Für den südlichen Bereich Wienhausens liegt die Karte des Langlinger Holzes, Planche I., erstellt auf der Grundlage der Vermessung von F. H. J. Kaufmann im Jahre 1828 vor. Auf der Karte sind insbesondere Teile der Wienhäuser Feldfluren sowie die Lage der damaligen Wegverbindungen (z.B. Postweg und Lageweg) gut erkennbar. Südlich des Postwegs weist die Karte zwei Feldfluren mit der Bezeichnung "Knochen Camp" aus (s.o.). 

Für eine maßstabsgetreue Lokalisierung der Knochenkämpe ist es möglich die Verkoppelungskarte als Overlay in das aktuelle Satellitenbild zu referenzieren. Dabei fällt auf, dass sich die Knochenkämpe einst links und rechts am Weg nach Sandlingen lagen. Diesen Weg scheint es jedoch damals noch nicht gegeben zu haben. Als Verbindungsweg zwischen Wienhausen und Sandlingen wurde früher vorwiegend der sogenannte Wienhäuser Kirchweg genutzt. Allerdings deuten die Grenzen der damaligen Feldfluren darauf hin, dass sich zwischen den Feldern bereits entsprechende Wege befanden - auch wenn diese sicherlich nicht die Hauptwege darstellten. 

Bild: Referenzierung der Verkoppelungskarte. Quelle: Verkoppelungskarte, Google Earth, H. Altmann. 

Die Knochenkämpe tauchen namentlich weder in der Flurnamensammlung von F. Barenscheer auf, noch werden sie in der entsprechenden Aufstellung, die im Celler Stadtarchiv einsehbar ist, aufgeführt. Möglicherweise waren die Flurbezeichnungen nur auf der relativ früh gezeichneten Karte des Langlinger Holzes vermerkt und wurden auf der später entstandenen Verdoppelungskarte für die Gemeinde Wienhausen nicht mehr erwähnt. Es liegt somit möglicherweise ein Übertragungsfehler vor, der dazu führte, dass die Knochenkämpe bisher  in der Wienhäuser Flurnahmenbetrachtung keine Aufmerksamkeit erfahren konnten. 

Wie dem auch sei - es stellt sich natürlich die Frage in welchen zeitlichen und sachlichen Zusammenhang die Bezeichnung Knochenkamp einzuordnen ist. Hierfür können zunächst weitere historische Karten herangezogen werden. Die 1780 entstandene Kurhannoversche Landesaufnahme zeigt die Flächen südlich von Wienhausen noch als Acker- und Heideland. Inmitten der teils brachliegenden Landschaft zeit die Karte unter anderem den Krugkamp, der anteilig dem Wienhäuser Dorfkrug gehörte. 

Bild: südliche Wienhäuser Feldmark um 1780. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Die Karte zeigt allerdings im Bereich der Knochenkämpe weder auffällige Markierungen noch erwähnt sie die Flurbezeichnung. 

In der späteren Entwicklung kam es zur Bepflanzung mit schnell wachsenden Fuhrengehölzen in der südlichen Feldflur. Weite Teile der alten Äcker wurden aufgegeben, da die sandigen Böden im Bereich der dortigen Fünenverwehungen nicht mehr ertragreich genug waren. Das Messtischblatt von 1899 zeigt die Flächen südlich des Postwegs bereist als Waldgebiet, so wie es uns heute bekannt ist. 

Bild: südliche Wienhäuser Feldmark um 1899. Quelle: Preuß. Messtischblatt, 1899. 

Damit befinden sich die Flächen, die in der Verkoppelungskarte von 1828 als Knochenkämpe erwähnt werden, in einer Entfernung von rund 1,3 km zum Kloster Wienhausen (Luftlinie). 

Heute ist das Gelände und die Flächen ringsum mit dichtem Wald bestanden - nur an wenigen Stellen sind noch kleinere Anhäufungen und Gräben erkennbar, die auf die einstigen Ackerflächen hindeuten können. Die Bezeichnung der Knochenkämpe ist restlos aus kartografischen Aufzeichnungen verschwunden und allgemein heute nicht mehr geläufig. 

Bild: Blick über Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2014

In Hinblick auf die lückenhafte Überlieferung scheint eine Datierung der Flurbezeichnung Knochenkämpe anhand von Karten schwierig. Weitere Rückschlüsse könnten sich allerdings aus der Auswertung anderweitiger Faktoren ergeben. 

Die Bezeichnung Knochenkamp ins Plattdeutsche übersetzt hieße "Knokenkamp" - die Ähnlichkeit zur weiter nördlich liegenden Knokenriehe ist sehr auffällig. Interessant ist, dass der Ortsname Knokenkamp früher durchaus überregional gebräuchlich gewesen ist. Beispielsweise erwähnt F. Woeste bereits 1882 diesen Ortsnamen im Zusammenhang mit "Kerkhof (= Kirchhof) oder Gottesacker sowie Kösterskämpen (= die Kämpe des Küsters)", (F. Woeste, Wörterbuch der westfälischen Mundart, 1882, S. 124). 

In der Chronik von Wülfinghausen findet der Knokenkamp ebenfalls in der Nähe zum Kloster Erwähnung (H. Stoffregen, Chronik von Wülfinghausen, 1. Teil - das Kloster, S. 1). Nach späteren Deutungen handelte es sich bei diesem Knokenkamp um das sogenannte "Knochenfeld", den Bereich einer alten Richtstätte (A. Ringeling, Unbeschriftete Gedenksteine, Zeitungsartikel 1963). 

Bild: Postweg südlich von Wienhausen; einst erstreckten sich hier Äcker. Quelle: H. Altmann, 2018

Der Zusammenhang zu Richtstätten erscheint mit Hinblick auf Wienhausen sehr weit hergeholt, da solche Plätze bisher für diesen Ort nicht bekannt sind. Allerdings hatte der Ort bereits im Jahr 1054 das Marktrecht mit Zoll, Münze, Gerichtsbarkeit sowie Fähr- und Schifffahrtsrecht durch Heinrich III. verliehen bekommen. Inwiefern diese rechts tatsächlich ausgeübt wurden, ist jedoch bislang nicht bekannt. 

Für die umliegenden Orte finden sich bis heute ebenfalls Hinweise auf mögliche ehemalige Gerichtsstätten, die bis heute keinen Niederschlag in der regionalhistorischen Forschung gefunden haben. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch hier ein solcher Bezug vorliegt. Die Annahme einer mittelalterlichen Richtstätte, die sogar zwei Begräbnisplatze (Knochenkämpe) erforderte, wobei jedoch keine Prozesse bzw. Hinrichtungen für diesen Ort bekannt sind, erscheint indes auf wackeligen Beinen zu stehen. 

Bild: Postweg südlich von Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2018

Das Begräbniswesen der Gemeinde Wienhausen lässt die Knoken- bzw. Knochenkämpe unerwähnt. W. Bettinghaus konstatierte in seiner 1901 explizit zur Gemeinde Wienhausen herausgegebenen Heimatkunde lediglich: 

"Von den ältesten Zeiten bis zum Jahr 1534 war der jetzige Pfarrgarten Begräbnisplatz für die Glieder der Gemeinde; von 1534 - 1788 war der Kirchhof östlich von der Kirche, wo jetzt das Organistenhaus und der Glockenturm stehen." 

Damit erschöpft sich das Wienhäuser Begräbniswesen auf Flächen, die sich nahe des Klosters befinden. Dies ist grundsätzlich typisch und entspricht dem damaligen Verlangen, dem Glaubenszentrum auch nach dem Tode möglichst nahe zu stehen. 

Dennoch scheint es außergewöhnliche Begräbnisse im Bereich Wienhausens gegeben zu haben, die bisher nur wenig Niederschlag in der lokalen Geschichtsschreibung gefunden haben. So war im Siebenjährigen Krieg offenbar eine erhebliche Anzahl französischer Soldaten in Wienhausen und den umliegenden Ortschaften stationiert, um die hier befindlichen Allerbrücken zu sichern. Die Ereignisse des Kriegswinters von 1757 / 1758 führten dazu, dass die französischen Regimenter die Aller schließlich überquerten und weiter in nordöstliche Richtung vorstießen. 

Im ehemaligen Jagdschloss, dass sich einst mitten in Wienhausen befand (siehe hier), war zu dieser Zeit ein Lazarett eingerichtet worden (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 52f.). 

Auch als die Truppen bereits weitergezogen waren, sollen in Wienhausen noch etliche französische Soldaten an Krankheiten und Seuchen gestorben sein. Ohne Angabe seiner originalen Quelle berichtet W. Bettinghaus in seiner Heimatkunde: 

"Im Winter 1757 auf 1758 starben sie in den Hospitälern zu Celle wie die Fliegen. Auf der Diele eines nahe bei einem Krankenhause gelegenen Hauses waren die Leichen wie Säcke mit Getreide aufgespeichert. Bis Februar 1758 sollen 5.000 - 6.000 Personen gestorben und im Wildgarten begraben sein..." 

Und weiter: 

"Auch unter den französischen Soldaten in Wienhausen brach die Seuche aus und (man) richtete das hiesige Jagdschloss als Hospital ein. Diejenigen, welche der Tode ereilte, wurden neben demselben im Garten begraben." (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 52f.). 

Bild: Weg von Wienhausen nach Sandlingen heute; Lage der Knochenkämpe links und rechts des Weges. Quelle: H. Altmann, 2018

Könnte es sich bei den Knochenkämpen also möglichherweise um Bestattungsplätze aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges handeln? Wurden diese (Not-)Friedhöfe angelegt, um die Mengen an Toten Soldaten unterzubringen, die infolge der Kriegsauswirkungen zu Tode kamen? 

Diese Fragen wären sicherlich im Rahmen künftiger archäologischer Untersuchungen in Augenschein zu nehmen. Dabei wäre zu klären, ob die überlieferten Zahlen von 5.000 - 6.000 Toten überhaupt zutreffend sein können. Auch müsste in Erfahrung gebracht werden, ob die Toten unmittelbar im Bereich des Klosters im sogenannten Wildgarten beziehungsweise in der Nähe des einstigen Jagdschlosses bestattet wurden. 

Aus relativ aktuellen Schilderungen von Anwohnern der Knokenriehe war in der jüngeren Vergangenheit zu entnehmen, dass in diesem Bereich bereits Knochenteile gefunden worden sein sollen. Archäologische Untersuchungen haben hier noch nicht stattgefunden. 

Bild: Waldpfad südlich von Wienhausen heute; einst erstreckten sich hier Äcker. Quelle: H. Altmann, 2018

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Zusammenhänge der Knoken- bzw. Knochenkämpe noch weitgehend im Dunkeln liegen. Die Bezeichnung scheint jedoch nicht zufällig zu sein. Auch die räumliche Nähe zur Knokenriehe deutet nicht auf eine willkürliche Begebenheit hin. 

Aus welcher Zeit die Bezeichnung Knoken- bzw. Knochenkämpe stammt ist bislang unklar. Für die bisher oft vertretene Annahme, dass es sich bei der Knokenriehe um eine Bezeichnung handelt, die auf alte Pestfriedhöfe hindeutet, finden sich bisher keine eindeutigen Hinweise. Die Ereignisse, welche sich zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Wienhausen zutrugen, könnten eine mögliche Erklärung für die Bezeichnung liefern. 

Allerdings bleibt auch diese These bis zu einer handfesten Überprüfung durch archäologische Untersuchungen lediglich als Annahme im Raum stehen. Insofern konnte bis zu diesem Zeitpunkt der aktuelle Forschungsstand wiedergegeben werden. 


H. Altmann