f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 1. September 2020

Schieß- und Sprengplatz Tiefental

Das Tiefental südlich von Hermannsburg ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Die ausgedehnten Heideflächen fügen sich romantisch in die sanfte Hügellandschaft. Auf den ersten Blick ist daher leicht zu übersehen, dass sich an diesem Ort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein Schießplatz der Luftwaffe – und nach Kriegsende ein Sprengplatz der britischen Streitkräfte befand. 

Der Parkplatz „Eicksberg“ ist ein gerne angesteuerter Ausgangspunkt für Wandertouren über die Heideflächen des mittleren Lüßplateaus. Diese gehen fast nahtlos in die Misselhorner Heide über und bieten somit einen schönen Rundkurs durch die traditionell anmutende Heidelandschaft. Die Senke des Tiefentals entstand im Ausgang der letzten Eiszeit – sie diente bereits dem Missionsgründer und Hermannsburger Pastor Ludwig Harms um 1860 als Ort für Predigten. 

In der näheren Umgebung des Tiefentals finden sich noch zahlreiche weitere, auffallend symmetrische Bodensenken, deren Ursprung deutlich jüngeren Datums ist. Was in kaum einem Wanderführer zu lesen ist: als das Tiefental touristisch noch nicht erschlossen war, diente das Areal zeitweise zu militärischen Zwecken. 


Bild: Übersichtskarte Tiefental. Grün: Stellungsgraben. Gelb: Sprengtrichter. Blau: Parkplatz "Eicksberg". Grau: Scheibenanlage des Schießplatzes. Quelle: Google Earth, Eintragungen: H. Altmann.

Zunächst wurde das Tiefental als Schießplatz der Luftwaffe genutzt. Die Umgebung bestand vor ihrer Aufforstung mit den, heute ausgewachsenen, Kiefernbeständen in den Dreißigerjahren noch aus weiten Heideflächen. Diese eigneten sich bestens für militärische Flugmanöver – insbesondere die Übung von Angriffen im Tiefflug. Der Fliegerhorst Faßberg besaß zwar ein direkt benachbartes Areal zu Übungszwecken – einen weiteren Anflug konnte man im Bereich des Tiefentals üben. Das auffällige Tal war vermutlich auch deswegen ausgewählt worden, weil sich die Piloten im Anflug gut daran orientieren konnten.

Für die Übung der Angriffe im Tiefflug verfügte der Platz am Tiefental über eine spezielle Scheibenanlage, die es ermöglichte das Übungsziel auf einer ca. 190m langen Bahn zu verschieben. Es konnte somit ein Angriff auf bewegliche Ziele trainiert werden. Die Bahn verlief in Nord-Süd-Richtung und ist noch heute im Gelände erkennbar. 


Bild: aufgeschütteter Damm der ehemaligen Scheibenanlage im Gelände. Quelle: H. Altmann.

Die aus westlicher Richtung anfliegenden Flugzeuge konnten die, auf der Bahn beweglichen Ziele mit Bordmaschinengewehren beschießen, wobei ein Steil abfallender Hang im Tiefental als Kugelfang diente. Ein großer, in den weißen Heidesand gepflügter, Pfeil markierte diesen Hang – auf historischen Luftbildern ist er gut erkennbar und auch aus dem heutigen Landschaftsbild ist diese Markierung noch nicht völlig verschwunden. 


Bild: Luftbild Tiefental - Sicht im einstigen Anflug auf die Scheibenanlage und den Kugelfang. Quelle: H. Altmann.

Der gesamte Bereich des Schießplatzes war mit einem Brandschutzstreifen umgeben. Am nördlichen und am südlichen Ende der Scheibenanlage befanden sich kleinere, verbunkerte Gebäude in denen die Technik der Anlage untergebracht war. Diese Bunker dienten vermutlich auch der Bedienungsmannschaft der Scheibenanlage als Deckung. Weiter westlich befand sich eine kleinere Grabenanlage, die möglicherweise zu Beobachtungszwecken gedient haben könnte.

Bild: Relikte der alten Scheibenanlage. Quelle: H. Altmann. 


Heute erinnert nicht mehr viel an den alten Schießplatz der Luftwaffe. Lediglich ein aufgeschütteter Damm auf der Heidefläche südlich des Parkplatzes „Eicksberg“ sowie einige Betontrümmer deuten noch auf die Scheibenanlage hin. Der Kugelfang ist inzwischen wieder fast vollständig mit Heidekraut überwuchert. Nur noch ein Teil der alten Zielmarkierung weist auf die Stelle hin, die einst beim Tiefflug beschossen worden ist.

Bild: Luftbild Tiefental - Sicht auf den Kugelfang. Noch erkennbar: die einstige Zielmarkierung in Form eines Pfeiles. Quelle: H. Altmann. 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fiel der ehemalige Schießplatz unter britisches Kommando. In der Umgebung gab es zahlreiche Rüstungs- und Militäreinrichtungen, die über erhebliche Bestände an Munition, Granaten, Bomben sowie deren Bestandteile verfügten. Diese galt es unschädlich zu machen, wobei die erforderlichen Maßnahmen an einigen Standorten zunächst lokal durchgeführt wurden –so insbesondere im Bereich der ehemaligen Luftmunitionsanstalt 4/XI bei Höfer. 

Es zeigte sich aber bald, dass sich manche Standorte nicht zur Munitionsvernichtung eigneten – alleine schon wegen ihrer Nähe zu bewohnten Gebieten. Um größere Mengen Munition zu vernichten bedurfte es abgelegener Standorte, die aber trotzdem über eine gewisse Infrastruktur verfügten. Als einer dieser Standorte wurde das ehemalige Marinesperrzeugamt Starkshorn ausgewählt. Das Marinesperrzeugamt bestand aus etlichen Bunkern und wurde in den ersten Jahren nach Kriegsende als Sammelstelle für Munitions- und Sprengstoffbestände aus der gesamten Region genutzt. 

Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Die britischen Streitkräfte betrieben nach Kriegsende die „Demolition Area Starkshorn“. Wöchentliche Anlieferungen von mehreren hundert Tonnen an Munition, Sprengstoffen und deren Bestandteilen waren keine Seltenheit. Die straffe Terminierung des alliierten Kontrollrates führte zu einem hohen Zeitdruck im Demilitarisierungsprozess. Vor diesem Hintergrund konnten die Unmengen der zu vernichtenden Munition nicht nachhaltig verwertet werden. Stattdessen wurden riesige Massen an Munition einfach gesprengt, verbrannt oder schlichtweg vergraben. 

Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Das ehemalige Marinesperrzeugamt erschien bei Beginn der Aktion als sehr geeignet. Im weiteren Verlauf stieß die Einrichtung jedoch an ihre Kapazitätsgrenzen. Vermutlich war auch die Nähe der benachbarten Fernbahnlinie zwischen Hannover und Hamburg einer der Gründe dafür, dass Kontingente besonders großer Kaliber nicht im Marinesperrzeugamt vernichtet worden sind. Stattdessen verbrachte man diese Munition in das rund sieben Kilometer entfernte Tiefental. Dieses Areal lag weit entfernt von Siedlungen und zivilen Infrastruktureinrichtungen. 

Bild: Sprengtrichter im Bereich des Tiefentals - Blick in Richtung Norden. Quelle: H. Altmann. 

Zeitzeugen berichteten nach Kriegsende von Munitionsfunden und den Auswirkungen der Sprengungen. Bis nach Lutterloh sollen diese spürbar gewesen sein, berichtete Bauer Fritz aus Lutterloh am 01.04.1955 im Gespräch mit der Heimatforscherin Hanna Fueß. Noch Jahre nach den Sprengungen fanden spielende Jugendliche desöfteren Munitionsreste und stellten damit abenteuerliche Versuche an. 

Bild: Sprengtrichter und Trümmer im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Rund 70 große Sprengtrichter sind noch heute im Bereich des Tiefentals erkennbar. Einige davon wurden damals offenbar mehrfach für die Munitionsvernichtung verwendet. Die Trichter verlaufen halbkreisförmig um die alte Scheibenanlage des Schießplatzes. Während die Sprengkrater in der offenen Heidelandschaft bereits stark verlandet sind, blieben jene im bewaldeten Gelände vergleichsweise recht gut erhalten. 


Bild: Sprengtrichter im westlichen Teil. Quelle: H. Altmann. 

Das Tiefental hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Die Zeiten des ehemaligen Schieß- und Sprengplatzes gehören zwar längst der Vergangenheit an. Allerdings haben sie bis heute Spuren im Gelände hinterlassen, die sich bei genauem Hinsehen heute noch erkennen lassen. 

H. Altmann



Donnerstag, 6. August 2020

Die Karpathen Öl AG bei Garßen


Vermögenswerte in Millionenhöhe erreichten im Sommer 1944 per Bahntransport den Ort Garßen bei Celle. Es handelte sich um Ausrüstung und Betriebsmaterial eines Unternehmens, dessen Geschichte heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. 

Während die Karpathen Öl AG in der lokalen Geschichtsüberlieferung überhaupt keinen Niederschlag findet, sind auch die archivalischen Quellen zu diesem, seinerzeit unter anderem in Celle ansässigen, Großunternehmen, äußerst mager. Möglicherweise ist dies den Wirren der letzten Kriegstage geschuldet – vielleicht aber auch dem Umstand, dass die Karpathen Öl AG ursprünglich weiter entfernt, im besetzten Polen, tätig war. Um die Zusammenhänge bei Kriegsende zu verstehen, ist es notwendig einen Blick in die Unternehmensgeschichte der Gesellschaft zu werfen. 

Die Gründung der Karpathen Öl AG erfolgte am 28. August 1942 und markierte einen Wendepunkt der deutschen Ölpolitik im polnischen Galizien. Am Eigenkapital der Gesellschaft beteiligten sich namenhafte deutsche Unternehmen: die DEA, die Deutsche Gasolin AG, die Gewerkschaft Elwerath, die Kohle Oel Union von Busse KG, die Continentale Oel AG, die Preußische Bergwerks- und Hütten AG und die Wintershall AG. In Spitzenzeiten waren bei der Karpathen Öl AG fast 33.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, die Bohrfelder und Verarbeitungsbetriebe erstreckten sich über knapp 400 Kilometer in West- sowie Ostgalizien und die Raffineriekapazitäten des Unternehmens reichten aus, um jährlich mehr als 600.000 Tonnen Rohöl zu verarbeiten. Dafür, dass deutsche Unternehmen derart ihre Interessen im Ausland verfolgen konnten, war nicht zuletzt der Expansionspolitik der nationalsozialistischen Führung geschuldet. 

Es ist anzunehmen, dass zur Mitte der Dreißigerjahre sowohl das Deutsche Reich, als auch Russland erhebliches Interesse an den polnischen Ölfeldern in Galizien hatten. Zunächst hatte Reichsaußenminister Ribbentrop versucht, auch für die ostgalizischen Ölgebiete im Rahmen des deutsch-sowjetischen-Nichtangriffspaktes („Molotow-Ribbentrop-Pakt“) den deutschen Einfluss zu sichern. Dies Misslang, sodass diese Gebiete zunächst, nach Einmarsch der Wehrmacht am 1. September 1939, durch sowjetische Truppen besetzt wurden. 

Der ungünstige Kriegsverlauf – insbesondere das Scheitern der Offensive im Kaukasus – und die Steigerung alliierter Luftangriffe auf Förderstätten, Raffinerien und chemische Anlagen im Reichsgebiet, führten Anfang 1943 zu einer Ausweitung der galizischen Ölproduktion. Dies wurde nicht zuletzt durch den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern bewerkstelligt, die ohnehin bereits im Rahmen der Produktion tätig waren. Ab Mitte 1943 regte sich hinsichtlich dieser Zwangsmaßnahmen in der Bevölkerung Widerstand und Anfang 1944 kam es sogar zu Angriffen ukrainischer Nationalisten auf einzelne Betriebsstandorte der Karpathen Öl AG. 

Dauernde Luftangriffe führten Mitte August 1944 dazu, dass die Karpathen Öl AG einen Antrag an den Celler Oberbürgermeister stellte, damit sie ihr Berliner Büro in den Stadtkreis Celle verlegen durfte. Man habe sich für Celle entschieden, weil „die Interessen unseres Unternehmens eng mit denen der hannoverschen grossen deutschen Erdölfirmen durch ihre Gesellschafter verknüpft“ seien. Nicht zuletzt die günstige verkehrs- und nachrichtenmäßige Anbindung ließen die Wahl auf Celle fallen. In Celle befand sich zudem die Deutsche Bohrmeisterschule, deren Vorstandsvorsitzender, Karl Große, ebenfalls Generaldirektor der Karpathen Öl AG war. Zur Unterbringung ihres Büros hatte die Firma bereits einen Mietvertrag mit der Harry Trüller AG für den Trüller Musterladen im Südwall in Celle geschlossen. 

Bild: Schriftwechsel der Karpathen Öl AG mit der Stadt Celle. Quelle: Stadtarchiv Celle, Best. 05 O, Nr. 0051. 

Mit dem Näherrücken der Roten Armee geriet die Karpathen Öl AG unter Zugzwang ihre Betriebsstätten aufzugeben und zumindest das Material weiter in westliche Richtung zu verlagern. Ende März wurde die Hauptverwaltung des Unternehmens in Lemberg (Polen) geräumt. Obwohl die Eroberung Ostgaliziens durch die Rote Armee mehrere Monate dauerte, gingen die dortigen Betriebsstätten schlussendlich verloren. Ab August 1944 vollzog sich der geordnete Rückzug der Karpathen Öl AG aus Galizien. Insgesamt 1.664 Waggonladungen mit Ausrüstungen und Betriebsmaterialien konnten evakuiert werden und gelangten in Ausweichlager nach Brandenburg, Niedersachsen und Hessen. Der Gesamtwert der ausgelagerten Materialien wurde auf rund 21,8 Millionen Reichsmark geschätzt. 

Das Celler Ausweichlager der Karpathen Öl AG befand sich, außerhalb des Stadtgebietes, bei Garßen. Es lag ungefähr im Bereich der heutigen Oderstraße – früher verfügte dieser Bereich über einen Bahnanschluss, der zur Kleinbahn führte. Auf historischen Karten ist das Gleis noch verzeichnet. 

Bild: Standort des Ausweichlagers der Karpathen Öl AG bei Garßen. Quelle: GSGS 1:25.000, AMS, 3rd Ed. 1951. 

Bei Kriegsende verfügte die Karpathen Öl AG noch über immense Werte in Form von Anlagen und Vorräten in den einzelnen Ausweichlagern. Diese wurden jedoch in den Tagen nach Kriegsende teilweise geplündert – in Garßen offenbar durch ukrainische Arbeiter, die zuvor bei der Gesellschaft beschäftigt waren. In Aufstellungen, die nach Kriegsende erstellt worden sind, wird die Karpathen Öl AG in Garßen als eines der Unternehmen im Stadtkreis Celle genannt, das Zwangsarbeiter beschäftigte. 

Im Rahmen der Verwertung von militärischen und gewerblichen Anlagen wurde die Karpathen Öl AG in einem Schreiben des Regierungspräsidenten an den Celler Landrat vom 25. August 1945 genannt. Laut Schreiben handelte es sich bei den vorhandenen Anlagen um Hallen und Baracken. Im späteren Verlauf beschlagnahmte die britische Militärverwaltung die noch vorhandenen Werte größtenteils. In den Sechzigerjahren führten ehemals bei der Karpathen Öl AG beschäftigte Zwangsarbeiter Entschädigungsprozesse gegen die einst beteiligten Gesellschaften. Im Regelfall blieben diese erfolglos. Das Landeskriminalamt Bremen wertete im November 1965 Listen aus, die bei der Celler Niederlassung der Karpathen Öl AG gefunden worden waren. 

Bild: Auszug aus: Aufstellung gewerblicher Betriebe. Quelle: Kreis-Archiv Celle, L 133b

Luftaufnahmen der Sechzigerjahre zeigen den Bereich des einstigen Ausweichlagers bereits mit neuer Bebauung. Lediglich der Verlauf der ehemaligen Bahntrasse ist noch gut zu erkennen. Bei genauem Hinsehen erkennt man außerdem eine alte Baracke, die sich seinerzeit noch an Ort und Stelle befand. 

Bild: Luftbild, 60er Jahre, Lage des ehem. Ausweichlagers bei Garßen. Quelle: Befliegung, NLD, 1965. 

Die letzte verbliebende Baracke der Karpathen Öl AG wurde schließlich 2017 auf Initiative des Erdölmuseums Wietze in Garßen abgebaut. Im Juni 2017 berichtete die Cellesche Zeitung, dass die abgebaute Baracke in Kooperation mit der Böhmetalbahn im Wietzer Erdölmuseum wieder aufgebaut werden soll. 

Bild: Abbau der letzten verbliebenen Baracke. Quelle: Erdölmuseum Wietze 

In Garßen erinnert heute nichts mehr an die Zeit in der ein Großunternehmen kurzzeitig Millionenwerte dorthin verbrachte. Längst sind die Flächen des ehemaligen Ausweichlagers neu bebaut worden. Der Gleisanschluss wurde inzwischen zurückgebaut. In den Celler Archiven finden sich bis heute nur wenige Hinweise auf diese Zusammenhänge. 

Bild: Lage des ehem. Ausweichlagers bei Garßen heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Möglicherweise fiel die Entscheidung, enorme Vermögenswerte nach Celle zu verlagern, aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und der Tatsache, dass die Karpathen Öl AG bereits seit August 1943 ein Büro in Celle unterhielt. 

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass sich der historische Hintergrund der Karpathen Öl AG im Raum Celle äußerst leider nur sehr lückenhaft nachvollziehen lässt. Dies scheint einerseits darin begründet, dass die Gesellschaft erst in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges nach Celle (Garßen) verlagerte. Darüber hinaus wurden die Vermögenswerte der Karparthen Öl AG offenbar beschlagnahmt und befanden sich einige Monate nach Kriegsende nicht mehr im Zugriff der lokalen Behörden - dies könnte die Aktenknappheit möglicherweise erklären. 

H. Altmann 

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Quellen: 

Karlsch, Ein vergessenes Großunternehmen. Die Geschichte der Karpaten Öl AG, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. 

Stadtarchiv Celle

Kreisarchiv Celle



Montag, 3. August 2020

Abwehrstellung auf dem Horstberg bei Diesten (?)


Obwohl sie vergleichsweise noch nicht allzu lange zurückliegen, weisen die Ereignisse der letzten Kriegstage bis heute noch viele ungeklärte Zusammenhänge auf. Ungereimtheiten stellen sich häufig bereits ein, wenn es um die Frage nach den letzten Kampfhandlungen geht. Ein Beispiel findet sich im nördlichen Teil des Landkreises - auf dem Horstberg bei Diesten. 

Der Horstberg, westlich der Straße zwischen Huxal und Diesten gelegen, sticht deutlich aus der Umgebung hervor. Die Anhöhe mit ihren ca. 78 m üNN weist nicht umsonst einen trigonometrischen Punkt aus - sie diente aufgrund ihrer Höhe einst zur Landesvermessung. Allerdings scheint der Höhenzug noch weitere historische Überraschungen parat zu halten. Eine Auswertung aktueller Geodaten lieferte kürzlich interessante Ergebnisse - in regelmäßigen Abständen finden sich auf dem Horstberg Vertiefungen, wobei es sich um angelegte Stellungen handeln könnte. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen scheint sich diese Vermutung zu bestätigen. Größe und Zustand der vermeintlichen Stellungen sprechen dafür, dass es sich um Relikte der letzten Kriegstage handeln könnte. Es sind einfache Deckungslöcher, die sicherlich ohne längere Vorbereitungszeit angelegt worden sind.

Bild: Stellungsloch auf dem Horstberg bei Diesten. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Fünf größere und weitere, etwas kleinere Stellungen befinden sich verteilt über den Horstberg. Im Nordosten lassen sich darüber hinaus eine ganze Reihe kleiner, trichterförmiger Vertiefungen beobachten - diese könnten möglicherweise von einem alten Sprengplatz stammen. Die großen Stellungslöcher wurden bereits größtenteils wieder von der Natur zurück "erobert" 

Bild: Stellungsloch auf dem Horstberg bei Diesten. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Soweit zu den Beobachtungen, die im Bereich des Horstberges gemacht werden konnten - wie sieht es mit dem historischen Hintergrund aus? Passen die vermeitlichen Stellungen überhaupt in das geschichtliche Gesamtbild der letzten Kriegstage vor Ort? 

In den letzten Kriegstagen befand sich die 15. schottische Division im Vormarsch auf Celle - die Stadt wurde am 12. April 1945 erreicht und ohne größere Kampfhandlungen besetzt. Vor ihrem Abrücken hatten sich die deutschen Truppen, die sich im Wesentlichen aus Wehrmachtsverbänden und Einheiten der Nebeltruppenschule zusammensetzten, strategische Flussübergänge gesprengt. Dies verschaffte zwar ein wenig Vorsprung vor den herannahenden britischen Truppen, konnte diese jedoch nicht aufhalten. Um die britischen Einheiten zu verlangsamen, wurden entlang der großen Vormarschrouten entsprechende Verteidigungspositionen besetzt - so u.a. an der Örtzebrücke bei Wolthausen und entlang der Reichsstraße in Richtung Weyhausen. 

Über Eversen kommend, schoben sich Einheiten des 2nd Fife and Forfar Yeomanry auf Hermannsburg vor. Diese britischen Einheiten waren unter anderem ausgestattet mit Panzern des Typs "Cruiser Tank A34 Comet" - einem relativ schnellen Kampfpanzer. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich südwestlich von Hermannsburg offenbar zwei Kompanien, die aus Angehörigen Soldaten der Panzertruppenschule Retsag (Budapest, Ungarn) gebildet worden war. Aufgrund der herannahenden Roten Armee hatte man sie ursprünglich aus Ungarn nach Bergen verlegt und in die dortige Panzertruppenschule eingegliedert. 

Die ungarischen Soldaten aus Retsag wurden der Kampfgruppe "Grosan" unterstellt und kamen in den letzten Kriegstagen zwischen Soltau und Faßberg zum Einsatz. Unter anderem verteidigten die Ungarn Beckedorf bei Hermannsburg, rund 3,5 km nördlich von Diesten. Sechs Gebäude wurden beim Schusswechsel mit britischen Einheiten in Brand geschossen. Die ungarischen Soldaten wichen daraufhin in Richtung Bonstorf aus. 

Kampfhandlungen am 15. April 1945. Quelle: U. Saft, Krieg in der Heimat, S. 225. 

Tatsächlich scheint es, dass sich die Stellungen auf dem Horstberg bei Diesten in den historischen Zusammenhang der letzten Kriegstage einordnen lassen. Aus militärischer Sicht ließ sich die heutige L 240 im Bereich zwischen Diesten und Huxal ausgezeichnet von der Anhöhe des Horstberges überwachen. Auch die direkt parallel zur Straße verlaufende Bahnstrecke hätte man von der Position des Horstberges aus gut im Blick gehabt. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich die vermeintlichen Stellungen ausschließlich auf der südlichen Seite des Horstberges befinden - eben in jener aus der im April 1945 die britischen Truppen herannahten. 

Horstberg bei Diesten. Quelle: GSGS, AMS M841, 4rd Ed. 1955. 

Vieles spricht somit dafür, dass es sich bei den Vertiefungen auf dem Horstberg bei Diesten tatsächlich um Stellungslöcher aus den letzten Kriegstagen handelt. Äußerst interessant wäre es, ob sich für diesen Ablauf noch weitere Belege finden lassen. 

H. Altmann

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Quellen: 

U. Saft, Die letzten Kriegstage




Sonntag, 12. Juli 2020

Urlaubsbeitrag; Küstenbatterien Tahkuna auf Hiiumaa (Estland)


Urlaubsbeitrag. Auf der estnischen Insel Hiiumaa, lassen sich noch heute spannende militärische Relikte aus verschiedenen Epochen aufspüren. In den dichten Kiefernwäldern verborgen finden sich unter anderem die Bunker und Geschützstellungen der ehemaligen Küstenbatterien Tahkuna, die ursprünglich den Seeweg nach St. Petersburg verteidigen sollten. 

Auf den großen westlichen Inseln Estlands, Saaremaa und Hiiumaa, gibt es einige kleine – jedoch sehr gut ausgestattete und spannende – Militärmuseen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: die Inseln wurden zu fast jeder Epoche von militärischen Konflikten beeinflusst. Im Jahr 1912 ließ Peter der Große im Norden der Insel Hiiumaa eine massive Küstenbatterie errichten, um die Hauptstadt des russischen Reiches, St. Petersburg, zu verteidigen. 

Im Rahmen der Operation Albion landeten deutsche Truppen im Oktober 1917 auf Saaremaa und begannen wenig später mit der Invasion der nördlich gelegenen Insel Hiiumaa. Militärische Bedeutung erlangten die Operationen allerdings nicht – in Russland kam es zur Revolution und als das deutsche Reich im Westen den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurden die Truppen von den estnischen Inseln abgezogen. 

Bild: Lage der Küstenbatterien, Tahkuna, Hiiumaa. Quelle: Hiiumaa Military Museum

Zwischen 1918 und 1940 wurde Hiiumaa abermals zum Standort des russischen Militärs ausgebaut. Im Jahr 1941 wurden sechs schwere Küstenbatterien auf der Insel fertiggestellt. Das Eiland verfügte darüber hinaus angeblich noch über 38 Maschinengewehrbunker, 57 gedeckte MG-Stellungen, 46 km Stacheldrahthindernisse, 19 km Seehindernisse und 7.000 Landminen. Trotzdem waren die meisten Stellungen noch nicht fertiggestellt, als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion erfolgte. 

Bereits im Oktober 1941 marschierten deutsche Truppen auf Hiiumaa ein. Die Insel wurde recht schnell besetzt und nach dem erfolgreichen Abschluss der Mission wurden die meisten deutschen Truppen an die Leningrader Front verlegt. Auch in dieser Zeit entfalteten die schweren Küstenbatterien somit keine militärische Wirkung. 

Am 2. Oktober 1944 erreichte die Rote Armee die Insel. Auf deutscher Seite gab es offenbar keine Bestrebungen Hiiumaa zu verteidigen – stattdessen verlegten die deutschen Truppen auf die südlich gelegene Inseln Saaremaa. Abermals blieb eine militärische Bedeutung der Einrichtungen auf Hiiumaa aus. 

Bild: Beobachtungsturm des Kontrollbunkers der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Nach Kriegende nutze die russische Armee Hiiumaa weiterhin als Standort und baute diesen noch erheblich aus. Unter anderem wurden schwere Panzerverbände und mehrere tausend Soldaten auf der Insel stationiert. Zwischen 1950 und 1960 existierten über 30 Militärbasen auf Hiiumaa. 

Im Rahmen dieser gesteigerten Aufrüstung wurde ebenfalls die Küstenbatterie in Tahkuna erneut reaktiviert. In weiten Teilen wurde die Insel somit zum absoluten Sperrgebiet – erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden die militärischen Bereiche wieder für Zivilisten zugänglich. 

Bild: Lage der Küstenbatterien, Tahkuna, Hiiumaa. Quelle: Hiiumaa Military Museum

Noch heute gehören die Stellungen der Küstenbatterien in Tahkuna wohl zu den mit am besten erhaltenen Bunkern im Baltikum. In vielen der Anlagen sind noch Inventargegenstände vorhanden, was wohl an sich schon eine Seltenheit ist. Über die alten Bahndämme – die eigens zur Versorgung der Küstenbatterien angelegt worden sind – erreicht man heute die einzelnen Geschützstellungen. 

Im östlichen Bereich befindet sich die 180 mm Batterie sowie ein dazugehöriges Kontrollzentrum – unter Tage versteht sich. Wer sich traut, kann hunderte Meter freizugänglicher unterirdischer Bunkerwelt auf mehreren Etagen erleben. Eine Taschenlampe ist allerdings zwingender Begleiter. 

Bild: Eingang zum Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Eingang zum Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: tiefere Etagen im Kontrollbunker der 180 mm Stellung. Quelle: H. Altmann. 

Bild: unterirdischer Heizungsraum. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Schlaflager für Soldaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Munition. Quelle: H. Altmann. 

Bild: unterirdische Bunkerräume. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Artilleriegranaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Lagergestell für Artilleriegranaten. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Beobachtungsturm. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Stellung einer 180 mm Batterie. Quelle: H. Altmann. 

Im westlichen Bereich befinden sich links der Straße die 12 Inch Batterie sowie beiderseits der Straße die 130 mm Batterie aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Auch hier gibt es jede Menge freizugänglicher Bunker, Stellungen und Anlagen zu bestaunen. 

Bild: Militärmuseum Hiiumaa. Quelle: H. Altmann. 

Im Militärmuseum der Insel Hiiumaa kann man sich über die Zusammenhänge informieren und spannende Hintergrunddetails zur Militärgeschichte der Insel erfahren. Das Museum befindet sich praktischerweise in unmittelbarer Nähe zu den Küstenbatterien von Tahkuna. Trotz dieses vermeintlich touristischen Touches gibt es im Bereich der Küstenbatterien von Tahkuna für Interessierte noch jede Menge authentische Erlebnisse zu sammeln. 

H. Altmann

Dienstag, 30. Juni 2020

Feuerwachturm auf dem Haußelberg


Auf dem Haußelbergs ruht ein massives, gegossenes Betonfundament. An einigen Stellen ragen verrostete Metallstreben aus dem moosüberwachsenen Bodensockel hervor. Der einstige Zweck dieser Anlage erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Eine Spurensuche. 

Ganz einfach ist es nicht den Haußelberg überhaupt zu finden. Er befindet sich rund 2,5 km südlich der Ortschaft Gerdehaus in der Gemeinde Südheide - allerdings sticht die flache Anhöhe mit ihren 117 m über NN in dem umliegenden Gelände kaum ins Auge. Trotzdem nutzte Carl Friedrich Gauß den Haußelberg als einen von mehreren Dreieckspunkten im Zuge der Landvermessung. Ein, sich in der Nähe des Fundaments befindlicher Gauß-Stein erinnert an dieses Ereignis. Ein Zusammenhang zwischen Fundament und Gauß-Stein ergibt sich allerdings sprichwörtlich allerhöchstens um drei Ecken. 

Als Gauß seine Vermessungen durchführte, war die Umgebung des Haußelberges noch unbewaldet - ansonsten hätten ihm wohl die Bäume jede Fernsicht genommen. Erst die Aufforstungsmaßnahmen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten den ausgedehnten Baumbewuchs. Dieser wiederum steht mit dem seltsamen Fundament in direktem Zusammenhang. 

Bild: moosüberwachsenes Fundament auf dem Haußelberg. Quelle: H. Altmann. 

Auf topografischen Karten wird die Gegend um den Haußelberg bereits zur Mitte des 20. Jahrhunderts als fast durchgängig bewaldet gezeigt. Im Süden und Westen schlossen sich bereits zu dieser Zeit die ausgedehnte Waldungen an, die sich über das Lüßplateau erstreckten. Diese großen Waldgebiete waren seit jeher von der Gefahr durch Waldbrände bedroht - und sind es bis heute. 

Bild: Kartenausschnitt - Haußelberg (Bildmitte). Quelle: G.S.G.S.; 1:25.000 TK. 

Um entstehende Waldbrände schnellstmöglich zu identifizieren und bekämpfen zu können, sollte auf dem Haußelberg ein massiver Feuerwachturm errichtet werden. Im Erläuterungsbericht des Staatshochbauamtes zum ersten Kostenvoranschlag vom 8. Dezember 1955 wurde ein 18 m hoher Turm in quadratischer Grundform veranschlagt, für den mit Kosten i.H.v. 16.000 € kalkuliert wurde. Die erforderlichen Rundhölzer für den Bau sollte die Forstverwaltung beisteuern. 

Bild: Vorderseite, Erläuterungsbericht - Errichtung eines Feuerwachturms auf dem Haußelberg. Quelle: NLA Hannover, Nds. 240 Celle, Acc. 2003/130 Nr. 2. 

Dieser erste Entwurf sah demnach vier Etagen des Turmes vor, die jeweils über Sprossenleitern erreicht werden konnten. Den oberen Abschluss des Turmes bildete ein kleiner überdachter Holzunterstand, der über große Fenster - für die Beobachtungstätigkeit - verfügte. 

Bild: erster Entwurf für einen quadratischen Turm. Quelle: NLA Hannover, Nds. 240 Celle, Acc. 2003/130 Nr. 2. 

Bereits am 22. Dezember 1955 wurde der erste Entwurf von der Forstabteilung des Regierungspräsidiums in Lüneburg an das Staatshochbauamt Celle zurückgegeben. Es sei unverständlich, warum der Turm in quadratischer - und nicht in Dreiecksform - entworfen worden sei, hieß es laut Schreiben. 

Darüber hinaus machte die Forstabteilung nun auch konkrete Vorgaben - u.a. sollten statt den Sprossenleitern feste Bohlentreppen verbaut werden, an diesen sollten feste Geländer und Handläufe montiert werden und das Wachhäuschen sollte über eine abschließbare Einstiegsluke verfügen. Einen Monat später, am 25. Januar 1956, legte das Celler Staatshochbauamt einen angepassten Entwurf für den Feuerwachturm vor. 

Bild: zweiter Entwurf für einen quadratischen Turm. Quelle: NLA Hannover, Nds. 240 Celle, Acc. 2003/130 Nr. 2. 

Der angepasste Entwurf wies die gewünschte Dreiecksform des Turmes auf. Auch der Aufbau des Wachhäuschens fiel nun etwas massiver aus - es verfügte nun zu allen Seiten über Fenster. Zusätzlich erhielt der Turm auf der obersten Etage eine Plattform mit einer umlaufenden Reling. 

Kosteneinsparungen würden sich aus dieser Anpassung jedoch nicht ergeben, so hieß es in dem Schreiben. Tatsächlich fielen die Kosten für die Dreieckskonstruktion aufgrund der hierfür nötigen gesteigerten Lohnkosten höher aus. 

Außerdem wies das Celler Amt darauf hin, dass der Turm am Haußelberg sich in einem sehr bekannten Ausflugsgebiet befände - aus landschaftlichen Gründen riet man daher nach wie vor zu einem quadratischen Turm. 

Bild: zweiter Entwurf für einen quadratischen Turm. Quelle: NLA Hannover, Nds. 240 Celle, Acc. 2003/130 Nr. 2. 

Mit Blick auf das heute noch vorhandene dreieckige Fundament ist offensichtlich, wer sich am Ende durchgesetzt hat. Bis auf dieses ist von dem Feuerwachturm auf dem Haußelberg allerdings nichts übrig geblieben. Die Holzkonstruktion scheint nur einen vergleichsweise kurzen Bestand gehabt zu haben. Bereits im Jahr 1970 wurde der Feuerwachturm gesprengt


Bild: moosüberwachsenes Fundament auf dem Haußelberg. Quelle: H. Altmann. 

Stolpert man im Unterholz heutzutage zufällig über die Relikte des ehemaligen Feuerwachturms, denkt man vielleicht zunächst an einen Zusammenhang zu den weit verbreiteten Rüstungsrelikten der Umgebung - wie beispielsweise dem ehemaligen Fliegerschießplatz Faßberg. 

Erst die Recherche in Archiven erlaubt diesbezüglich einen tieferen Einblick in die Geschichte - ab und zu lohnt es sich also genauer hinzuschauen. 

H. Altmann

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Quellen:  
NLA Hannover, Nds. 240 Celle, Acc. 2003/130 Nr. 2
- Topografische Karte, 1:25.000, G.S.G.S., 1950
- Cellesche Zeitung v. 12.09.2019
- Ortsbegehungen


Donnerstag, 18. Juni 2020

Der Tod von Arthur Maurice Crow


Flugbesatzungen waren bei ihren Einsätzen im Zweiten Weltkrieg gleich mehreren Gefahren ausgesetzt. Während ihren Missionen konnte es zu technischen Problemen kommen, sie konnten durch gegnerische Jagdflugzeuge abgeschossen werden oder Treffer durch Flugabwehrgeschütze vom Boden erhalten. Falls sich derartiges ereignete, war es Glück, wenn sie das eigene Flugzeug noch rechtzeitig verlassen konnten, ihr Fallschirm sich öffnete und sie heile den Erdboden erreichten. Das eigene Überleben war damit jedoch längst noch nicht gesichert, wie das tragische Schicksal eines im Landkreis Celle abgestürzten Piloten belegt.

Verlässt man den hannoverschen Stadtteil Ahlem in Richtung des kleinen Ortes Harenberg, eröffnet sich zur Rechten, an einer kleinen Anhöhe gelegen, der sogenannte „Englische Friedhof“. Auf ihm sind vorwiegend Soldaten der britischen Royal Air Force (RAF) begraben. Eine Mitarbeiterin des Grünpflegebetriebs bestätigte, dass hier ausschließlich die Gefallenen aus dem norddeutschen Raum bestattet worden sind. 

In einem der ersten Gräberblöcke, in der zweiten Reihe liegt – fast direkt am Außengang – das Grab von Flight Lieutenant Arthur Maurice Crow. In den Stein ist der 29. Dezember 1944 als Todesdatum eingraviert – allerdings nicht, dass Crow an jenem Tag mit seinem Fallschirm östlich von Celle absprang. Das schicksalhafte Verbrechen, das zu seinem Tod führte, ist heute nur noch anhand von den historischen Ermittlungsakten nachzuvollziehen. 

Bild: Englischer Friedhof, Hannover-Ahlem. Quelle: Altmann, 2020. 

Der Reihe nach: Arthur Maurice Crow wurde im Jahr 1921 in Dundee, Schottland geboren. Als Flight Sergeant der RAF war er im Dezember 1941 im Rahmen der Landung britischer Truppen auf die von deutschen Truppen besetzte norwegische Insel Vågsøy beteiligt. Während des Rückfluges leistete der junge Navigator seinem Piloten so gute Unterstützung, dass ein über zehn minütiger Angriff zweier deutsche Jagdflugzeuge unbeschadet überstanden wurde. Crow erhielt für diesen Einsatz die Distinguished Service Order (DSO).[1] 

A.M. Crow, Quelle: findagrave
Im Rang eines Flight Lieutenant war Crow später zunächst beim 240. Squadron (Sq.) und später beim 244. Sq. im Rahmen von Aufklärungs- und Fotomissionen eingesetzt.[2] Die Aufgabe dieser Einheiten bestand vorwiegend darin mittels eingebauter Spezialkameras Luftaufnahmen zu machen, die nach Auswertung dem Bomber Command zur Planung der alliierten Luftoperationen zur Verfügung gestellt wurden. Die Einheit der Crow angehörte war an der Luftaufklärung des streng geheimen Raketentestzentrums von Peenemünde beteiligt – darüber hinaus war das Squadron an etlichen anderen brisanten Orten auf dem europäischen Kontinent eingesetzt.



[1] Second Supplement tot he London Gazette, 05.06.1942, S. 2521.
[2] AIR 27 2028 54; AIR 27 2028 53.

Für die Luftaufklärung wurden spezielle Flugzeuge des Typs de Havilland Mosquito eingesetzt – sie verfügten über leistungsstarke 1.290 PS Rolls-Royce-Merlin Motoren sowie zusätzliche Kraftstofftanks, die hohe Reichweiten für die Aufklärungsmissionen ermöglichten.[1] Ende Dezember 1944 hatten Crow und sein Pilot, der Flight Lieutenant Olaf Patrick Olson, ihre Mosquito XVI MM 396 aus dem süditalienischen San Severo auf den Flugplatz Tangmere in Südengland überführt.[2]

Am 27. Dezember 1944, waren der 23 jährige Crow und sein Pilot Olson aus Tangmere zu einem Einsatz im Raum Stuttgart / Reutlingen aufgebrochen, um Luftaufnahmen von Bahnstrecken zu machen.[3] Hierzu kam es jedoch nicht, denn ihre Maschine hatte technische Probleme - die Mission musste abgebrochen werden. Der Rückflug nach Tangmere war nicht möglich, sodass die beiden stattdessen das Flugfeld Coltishall, einige Kilometer nördlich von Norwich ansteuerten und dieses schließlich auch erreichten. Aufgrund der Wetterverhältnisse wurde am 28. Dezember 1944 bekanntgegeben, dass die Aufklärungsmissionen des 244. Sq. am kommenden Tag vom Flugfeld North Coates geflogen werden sollten – Flugzeuge, Besatzungen sowie Bodenpersonal wurde an den ca. 122 Kilometer entfernten Standort verlegt.

Die „Summary of Events“ des 244. Sq. berichtet, dass das Wetter über dem europäischen Kontinent am 29. Dezember nicht besonders gut war – dennoch konnten einige Aufklärungsergebnisse erzielt werden. Crow und Olson sollten an diesem Tag mit ihrer Mosquito (XVI NS 791) Bahn- und Gleisanlagen zwischen Hannover und Stendal aus der Luft fotografieren. Der planmäßige Start verzögerte sich um 14 Minuten, sodass Crow und Olson um 10:34 Uhr mit ihrem Flugzeug vom Flugfeld in North Coates abhoben. 



[1] Munson, Die Weltkrieg II Flugzeuge, S. 82f.
[2] AIR 27 2028 54.
[3] AIR 27 2028 53.

Bild: de Havilland Mosquito. Quelle: Archiv Altmann. 

Im Regelfall lässt sich aus heutiger Sicht kaum mehr bestimmen, welche Flugzeuge für gegnerische Abschüsse im Einzelfall verantwortlich waren. Die de Havilland Mosquito war allerdings ein derart exotischer Flugzeugtyp, dass sich deutsche Piloten gelegentlich stolz zeigten, wenn es ihnen gelang ein solch schnelles gegnerisches Aufklärungsflugzeug abzuschießen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 635 km/h – und unter Berücksichtigung des zeitlich leicht verzögerten Starts – hatten Crow und Olson ca. gegen 12:00 Uhr Mittags den Luftraum über Celle erreicht.

Zur selben Zeit befand sich Oberfeldwebel Erich Büttner in seiner Me 262 A der 3. Gruppe des Jagdgeschwaders 7 „Nowotny“ im Anflug auf diesen Luftraum.[1] Die Gruppe war aus dem Erprobungskommando Nowotny hervorgegangen, das vormals in Lechfeld stationiert gewesen war. Am 10. Dezember 1944 verlegte sie mit 14 Maschinen des Typs Me 262 A auf den Flugplatz Brandenburg-Briest. Die strahl-/ düsengetriebenen Jagdbomber waren mit ihrer Spitzengeschwindigkeit von 870 km/h in Flughöhen von 6.000 m den alliierten Flugzeugen weitaus überlegen – so auch der de Havilland Mosquito. Entsprechend ungleich verlief das Aufeinandertreffen: für den 29. Dezember 1944 verzeichnete Büttner den Abschuss eines britischen Flugzeugs vom Typ Mosquito.[2] Die Summary of Events des 244. Sq. vermerkte lediglich: „Aircraft failed to return.“[3] 

Anderen britischen Quellen zufolge erfolgte der Abschuss etwa 2 km westlich von Gockenholz.[4] Allerdings ist der genaue Ort nicht bestätigt – es war niemand vor Ort, der den Absturz der Mosquito beobachtete. Im Gegensatz zu Formationen mehrerer Flugzeuge befanden sich keine anderen Maschinen in der Nähe, als Crow und Olson getroffen wurden. Ihr Flug erfolgte schließlich als geheime Aufklärungsmission. Vermutlich gelang es den beiden die Mosquito noch kurzzeitig in der Luft zu halten – das Flugzeug ging dann wohl irgendwo hinter Ahnsbeck / Bunkenburg im Bereich des weitläufigen Schmarloh zu Boden.



[1] Forsyth, Jagdgeschwader 7 „Nowotny“, S.25.
[2] Forsyth, Jagdgeschwader 7 „Nowotny“, S.25.
[3] AIR 27 2028 54; AIR 27 2028 53.
[4] RAF Special Investigation Branch, Ref: SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Me 262. Quelle: Archiv Altmann. 

Crow und Olson gelang der Absprung aus der brennenden Maschine, der am hellen Wintertag jedoch nicht unbemerkt bleiben konnte. Und so kam es: der zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alte Friedrich Homann aus Ahnsbeck beobachtete gegen 12:00 einen langsam zu Boden gleitenden Fallschirm.[1] Gemeinsam mit seinem Nachbarn, Friedrich Dellinghausen, radelte er zu der Stelle, an der Crow bereits gelandete war – sie waren die ersten. Olson war wohl in einigen Kilometern Entfernung zu Boden gegangen. 

Auf den „Halt!“-Ruf Homanns erhob Crow seine Hände und übergab ein Messer. Die beiden Bauern durchsuchten den Navigator nach weiteren Waffen – noch drei kleinere Messer nahmen sie ihm ab, wie sich Homann später erinnerte. Anschließend verbanden sie die Wunden ihres Gefangenen und reichten ihm Zigaretten. Soweit handelten Homann und Dellinghausen so, wie es die Verordnung „10 Gebote über Flugzeugbruchbergung“ des Luftgaukommando XI vom 9. September 1944 verlangte. 

Im Rahmen einer Befragung gab Homann später an, dass ein SS-Untersturmführer namens Gante aus Lachendorf mit weiteren SS-Soldaten den Absprungort erreichte. Gante sagte, er habe bereits den anderen Piloten des Flugzeuges gefangen genommen und bat daher um die Übergabe des Navigators. In diesem Moment preschte ein VW Kübelwagen über den Acker – besetzt mit drei weiteren SS-Leuten.



[1] Statement by Friedrich Homann, Celle 08.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Gebote zur Flugzeugbruchbergung, Luftgaukommando XI, 09.09.1944. Quelle: Archiv Altmann. 

Was Arthur Maurice Crow bei seinem Absprung nicht ahnte: er war in einer Gegend gelandet, in der es von SS-Mannschaften wimmelte. Durch die Ansiedlung der Nebeltruppe sowie der Heeresgasschutzschule in Celle waren im Raum auch SS-Werfer-Abteilungen stationiert. Bereits im Sommer 1944 wurde die SS-Werfer-Abteilung aus der SS-Werfer-Ausbildungs- und Ersatzabteilung im Raum Celle gebildet – die Werfer-Batterien lagen in Langlingen, Ahnsbeck, Lachendorf, Offensen – der Stab in Langlingen. 

Auch als die kämpfende Truppe ausgerückt war, verblieb die 8. SS-Werfer-Ausbildungs- und Ersatzabteilung in diesen Ortschaften. Die Einheiten verfügten über einen Übungsplatz, der sich in den „Allerdreckwiesen“ zwischen Nordburg, Schwachhausen, Ahnsbeck und Lachendorf befand, der aber wohl nie mit schwerem Gerät genutzt worden ist – in Aufzeichnungen der ehemaligen Wehrmachtsgutsverwertungsstelle Celle taucht der Platz noch auf. 

Kurzum: Arthur Maurice Crow war in einem Gebiet vollbesetzt mit Angehörigen der Waffen SS gelandet.

Bild: Schriftwechsel der im Raum Flotwedel einquartierten 8. SS-Werfer-Ausbildungs- und Ersatzabteilung. Quelle: Archiv Altmann. 

Der SS-Sturmmann Robert Speil war bereits seit Februar des Jahres 1944 in einer SS-Werfer-Einheit Langlingen stationiert.[1] Am Mittag des 29. Dezember 1944 wurde er als Fahrer angefordert und erreichte mit einem VW Kübelwagen des Stabsquartier in Langlingen, wo er den SS-Untersturmführer Heinrich Friedrich Uhrig sowie den SS-Oberscharführer Alwin Krevet einsammelte. 

Einige Minuten zuvor hatte Krevet noch mit Kameraden und seiner Verlobten in der Gaststätte Masemann in Langlingen zu Mittag gegessen als gegen 12:00 Uhr plötzlich der SS-Untersturmführer Uhrig durch die Tür hereinkam und einen der Männer aufforderte ihn zu begleiten.[2] Seine Kammeraden aßen bereits – daher sollte Krevet mitkommen. Vor der Abfahrt erhielt ein anderer SS-Soldat von Uhrig den Befehl für Krevet eine Maschinenpistole Typ 40 (MP 40) und für Uhrig selber eine Pistole des Typs Parabellum 08 (P 08) zu bringen.[3]

Bild: Parabellum-Pistole, P 08, "Luger". Quelle: Archiv Altmann. 

Entsprechend bewaffnet erreichten beide den VW Kübelwagen in dem der SS-Sturmmann Speil schon wartete. Speil erhielt von Uhrig den Befehl über Nordburg und Ahnsbeck in Richtung Beedenbostel zu fahren.[4] Rechts der Straße zwischen Ahnsbeck und Beedenbostel trafen die drei SS-Soldaten auf eine Ansammlung mehrerer Personen auf einem benachbarten Acker.[5] Speil steuerte den Wagen über das Feld – einige SS-Soldaten kamen bereits mit dem gefangenen Piloten entgegen.[6] 

Bild: Straße zwischen Ahnsbeck und Beedenbostel, Bereich der Landestelle A.M. Crows. Quelle: Altmann, 2020. 

Krevet erkannte den SS-Untersturmführer Gante aus Lachendorf, Uhrig sprang aus dem VW und ging Gante entgegen, um einige Worte mit ihm zu wechseln.[7] Später erinnerte sich Krevet, dass der Pilot eine blaue RAF-Uniform trug. Die Besprechung zwischen Gante und Uhrig konnten die anderen nicht näher verfolgen. Schließlich stiegen Gante, Uhrig und der gefangene Crow zu Speil und Krevet in den VW Kübelwagen. Speil erinnerte sich später, dass der Pilot hinter ihm Platz nahm, Krevet rechts daneben, Krevet hinter den beiden und Uhrig vorne rechts auf dem Beifahrersitz.[8] Es wurde noch der Fallschirm des Abgesprungenen eingesammelt – dann begann die Fahrt.



[1] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[7] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[8] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Fahrtstrecke zwischen Landestelle Crow und Ahnsbeck, Halt bei Lachendorf. Quelle: GSGS Map 1945. 

SS-Untersturmführer Uhrig befahl zunächst in Richtung Langlingen zu fahren. An einer Kreuzung vor dem Ort wurde der SS-Untersturmführer Gante abgesetzt. Nach einem erneuten Wortwechsel nahm Uhrig dem Gefangenen dessen persönliche Gegenstände ab – es handelte sich um Karten, eine Tabakdose, Geld und einen Tintenfüller.[1] 

Uhrig sagte zu Gante, das er den Gefangenen mitnehmen und in Langlingen befragen wolle.[2] Anschließend wurde die Fahrt fortgesetzt – sie führte über Ahnsbeck und Helmerkamp in Richtung Langlingen. Kurz vor Neuhaus erhielt Speil von Uhrig den Befehl rechts einzubiegen.[3] Auf der Fahrt hatte sich dieser mit dem Piloten auf Englisch unterhalten – weder Krevet noch Speil waren der Sprache mächtig und verstanden folglich nicht worum es ging.[4]

Bild: Straße zwischen Helmerkamp und Neuhaus, Abbiegestelle. Quelle: Altmann, 2020. 

Rund 600 m nachdem der VW in die Seitenstraße in Richtung Nordburg eingebogen war, sollte Speil den Wagen anhalten.[5] Uhrig, Krevet und der gefangengenommene Crow stiegen aus. Die zwei verschwanden mit dem Gefangenen in einem Waldweg zur Linken und bogen dann rechts ab, sodass Speil sie aus den Augen verlor – er selber blieb im Wagen sitzen.[6] Später sagte Speil aus, dass Krevet eine MP 40 und Uhrig eine P 08 bei sich trugen. 

Bild: Straße in Richtung Nordburg. Quelle: Altmann, 2020. 

Uhrig ging zur Linken des Gefangenen und wies nach einigen Metern Krevet an, dass er zurückgehen und den Wagen holen solle.[7] Als sich dieser abwandte und sich in Richtung des Wagens bewegte, fiel ein Schuss. Krevet drehte sich unvermittelt um, sah Uhrig mit der P 08 in der Hand und rannte zu ihm.[8] 

Auf seine Frage was passiert sei, antwortete Uhrig, dass der Gefangene versucht habe zu fliehen – Uhrig war aufgeregt, wie Krevet bemerkte.[9] Er selbst war seiner eigenen Aussage zufolge ebenfalls mit der Situation überfordert. Uhrig wies ihn an den Wagen zu holen, um den Toten abzutransportieren. Wenige Minuten später erreichte Krevet den VW Kübel und den wartenden Speil, der den Wagen bis zur Leiche fuhr.[10]



[1] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[7] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[8] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[9] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[10] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Fahrtstrecke zwischen Helmerkamp und Langlingen. Quelle: GSGS Map 1945. 

Der tote Crow lag mit dem Gesicht zu Boden – Blut strömte aus seinem Kopf, erinnerte sich Speil später.[1] Uhrig fühlte den Puls des Toten und gab einen zweiten Schuss aus einer Distanz von ca. 10 – 20 cm auf dessen Hinterkopf ab.[2] Der SS-Mann Ernst Haun reinigte später die Waffe des SS-Untersturmführers Uhrig – seiner Aussage nach, ersetzte er zwei fehlende Patronen im Magazin.[3] 

Unmittelbar nach dem zweiten Schuss nahm Uhrig dem toten Crow weitere Gegenstände ab – unter anderem dessen Armbanduhr.[4] Anschließend bedeckten die SS-Soldaten den Toten mit einer Jacke, denn dieser blutete stark – sie luden die Leiche in den VW.[5] Auf der Rückfahrt nach Langlingen wurde kein Wort gesprochen. Dort angekommen erstattete Uhrig in der Schreibstube Bericht bei seinem Vorgesetzten – danach wurde die Leiche Crows noch am selben Nachmittag zum Langlinger Friedhof gebracht und dort bestattet.[6] Hier sollte sie jedoch nicht lange bleiben.



[1] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Ernst Haun, Celle 28.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Statement by Robert Speil, Celle 30.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Friedhof Langlingen. Quelle: Altmann, 2020. 

Im Februar 1945 erhielten der SS-Sturmmann Jakob Engle und der Oberkanonier Georg Danisch vom SS-Untersturmführer Uhrig den Befehl die Leiche zu exhumieren.[1] Die SS-Soldaten rüsteten sich mit Gasschutzbekleidung aus, über die sie vor Ort ohnehin verfügten und trafen sich nachts um 3:00 Uhr am Langlinger Friedhof. Von dort aus verbrachten sie die sterblichen Überreste Crows mit einem Lastwagen der SS an die Straße, die von Langlingen nach Nordburg führt.[2] Der genaue Ort lag 750 m jenseits der Allerbrücke, in der letzten Kiefernschonung vor Nordburg – ca. 100 m rechts der Straße.[3] Heute befindet sich hier in etwa die Einmündung zum Baßlohweg. 

Der SS-Soldat Ernst Haun erinnerte sich später, dass ihm der SS-Untersturmführer Uhrig nach Abrücken aus Langlingen, noch während der letzten Kriegstage sagte, dass er froh sei, den toten Piloten vom Friedhof entfernen habe zu lassen.[4] Er wog sich offenbar durch seine Vorkehrungen in Sicherheit, denn – kurz nach Kriegsende – Mitte Mai 1945 gab Uhrig in einem Gespräch mit Krevet an, dass englische Soldaten einen Kranz an dem Grab des Piloten in Langlingen niedergelegt hätten und dass man dem Grab eine Einfassung geben wolle.[5] Dabei bemerkte Uhrig: „Wenn die wüssten, dass das Grab leer ist...“



[1] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Meldung Gemeindedirektor Langlingen, 31.07.1951, Arolsen-Archives, 2.2.2.9., 77164427.
[4] Statement by Ernst Haun, Celle 28.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Alwin Krevet, Celle 31.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Baßlohweg zwischen Langlingen und Nordburg. Quelle: Altmann, 2020. 

Kurz vor Kriegsende - die Front kommt täglich näher - wird die 8. Batterie der SS-Werfer-Ausbildungs- und Ersatzabteilung aus der Gegend abgezogen und in den Norden von Celle verlegt. Am Abend des 12. April 1945 ist es schließlich soweit: das 3. Bataillon des 334. Infanterie Regiments der 84 US Infanterie Division rückt in Langlingen ein. Ob der SS-Untersturmführer Uhrig wenige Tage später kurzzeitig in Gefangenschaft geriet, ist nicht abschließend geklärt. Seine damalige Ehefrau, Lotte Uhrig, wohnte zu dieser Zeit in Böckelse einige Kilometer südlich von Langlingen und erinnerte sich später wie ihr Mann unmittelbar nach Kriegsende in Zivilkleidung zu ihr kam.[1]

Dass ihr Mann untertauchte wunderte Lotte Uhrig wenig – schließlich hatte er ihr bereits im Dezember 1944 von der Erschießung des RAF Piloten berichtet.[2] In der späteren Befragung durch die britische Militärpolizei legte sie ein Geständnis ab und erinnerte sich darin auch, dass ihr Mann aufgrund seines Handelns am 29. Dezember 1944 eine schriftliche Belobigung des SS-Hauptamtes erhalten hatte.[3] Als seine Ehefrau gegen ihn aussagte, war der ehemalige SS-Untersturmführer Uhrig bereits einige Monate auf der Flucht. Er wusste, dass ihn die britische Militärpolizei suchen würde und verließ daher zunächst die britische Besatzungszone.

Ein entsprechendes Arbeitszeugnis bescheinigte Uhrig die zeitweise Beschäftigung als Gespannführer auf einem Bauernhof in Eltze zwischen dem 21. April und 28. Juni 1945.[4] Bis Anfang August 1945 hielt er sich bei einem befreundeten Ehepaar im Hessischen Möttau, ca. 40 km nördlich von Frankfurt a. Main auf.[5] Die Militärpolizei kam dem Versteck auf die Schliche, weil Uhrigs Vater, der eigentlich im Raum Odenwald lebte, Kartoffeln in die weit entfernte Gegend von Frankfurt lieferte – man schloss folgerichtig, dass die Lieferungen vielleicht zur Versorgung Uhrigs gedacht waren.[6] Als die Militärpolizei vor Ort eintraf, verschaffte das befreundete Ehepaar Uhrig einen Vorsprung – erneut konnte er sich dem Zugriff seiner Verfolger entziehen.[7]



[1] Statement by Lotte Uhrig, Weilburg 08.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Lotte Uhrig, Weilburg 08.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Lotte Uhrig, Weilburg 08.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Wrede, Zeugnis Friedrich Uhrig vom 28.06.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Inge Opgen-Rhein, Düsseldorf 22.09.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Headquarters Mil. Gov. Det H-82 Co D 2nd Mil. Gov. Regt., 11.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[7] Statement by Inge Opgen-Rhein, Düsseldorf 22.09.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Möttau, Hessen. Quelle: GSGS Map 1945. 

Im August 1945 traf sich Uhrig noch einmal mit seiner Ehefrau in seiner Geburtsstadt Frankfurt a. Main – er hatte sich gefälschte Ausweispapiere besorgt, die auf den Namen Heinz Rink lauteten.[1] Auf die Frage seiner Ehefrau, weswegen er einen falschen Namen angenommen habe, gab Uhrig an, dass er von den Behörden wegen der Erschießung des englischen Fliegers gesucht würde. Was er nicht wusste: er war mittlerweile einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher der Polizei der britischen Royal Air Force.[2] Weil diese seiner Person nicht habhaft werden konnte, wurde seine Ehefrau verhaftet – mit Erfolg. Lotte Uhrig legte am 8. Oktober 1945 ein umfassendes Geständnis ab.[3] Darin gab sie unter anderem den aktuellen Aufenthaltsort Uhrigs in Angersbach bei Lauterbach im Vogelsberg preis.



[1] Statement by Lotte Uhrig, Weilburg 08.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Headquarters Mil. Gov. Det H-82 Co D 2nd Mil. Gov. Regt., 11.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Lotte Uhrig, Weilburg 08.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Angersbach, Hessen. Quelle: GSGS Map 1945. 

Als die Militärpolizei wenig später in Angersbach eintraf, befand sich Friedrich Uhrig alias Heinz Rink gerade im Rathaus der Stadt, um sich abermals in eine andere Stadt umzumelden.[1] Ein falscher Schnurrbart, Brille und eine simulierte Verletzung am rechten Unterarm konnten die Polizeibeamten nicht täuschen. Am 13. Oktober 1945 berichtete der Daily Telegraph, dass der ehemalige SS-Untersturmführer Uhrig erfolgreich verhaftet werden konnte.[2] Man brachte ihn zunächst ins Gefängnis nach Weilburg – später wurde er nach Celle überstellt.[3] Mit seiner Festnahme endete zwar die mehrmonatige Verfolgungsjagd – seiner Taten war Uhrig allerdings noch nicht überführt.

Die Special Investigation Branch der RAF hatte in den zurückliegenden Wochen umfangreiches Beweismaterial gegen Uhrig zusammengetragen.[4] Corporal Shackleton der RAF Police Unit 84 Group fasste die Ermittlungsergebnisse in seinem Bericht vom 3. November 1945 zusammen.[5] Hieraus geht auch hervor, dass die Militärpolizei am 22. Oktober 1945 das vermeintliche Grab von Arthur Maurice Crow auf dem Langlinger Friedhof öffnete und feststellte, dass es leer war. Nur einen Tag später verhörte Shackleton den SS-Oberscharführer Krevet, woraufhin dieser ihm den tatsächlichen Begräbnisort zwischen Langlingen und Nordburg nannte.[6]



[1] Headquarters Mil. Gov. Det H-82 Co D 2nd Mil. Gov. Regt., 11.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Daily Telegraph, 13.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Headquarters Mil. Gov. Det H-82 Co D 2nd Mil. Gov. Regt., 11.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Shackleton, 03.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Shackleton, 03.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: An dieser Stelle wurde die Leiche Crows von den SS-Leuten verscharrt. Quelle: Altmann, 2020. 

Am 24. Oktober untersuchte die Militärpolizei den Ort – in einem Meter Tiefe stießen sie auf die sterblichen Überreste eines RAF Flight Lieutenants. Anhand einer Wäschereinummer sowie eines Abzeichens des „Goldfish Club“ konnte Crow schließlich identifiziert werden.[1] Der Goldfish Club war eine Vereinigung der RAF-Angehörige beitreten konnten, wenn sie einen Absprung aus einem über See abgestürzten Flugzeug überlebt hatten. Crow war am 13. Mai 1943 eingetreten.[2] Seine Leiche wurde exhumiert und zur Obduktion nach Celle gebracht, wo weitere Erkenntnisse zu den Todesumständen ermittelt werden konnten.

Auch der Beschuldigte Uhrig wurde nun eingehend befragt. In einer ersten Aussage gab er an, das Abbiegen vom Weg zwischen Helmerkamp nach Neuhaus befohlen zu haben, um schneller nach Langlingen zu gelangen.[3] Neben dieser fragwürdigen Darstellung schilderte Uhrig, dass der Gefangene unvermittelt aus dem Wagen gesprungen und in den Wald gelaufen sei.[4] Er und der Fahrer des VW hätten dem Flüchtenden hinterhergeschossen, woraufhin dieser zu Boden ging.[5] Den Tod habe man nicht festgestellt – vielmehr war der Angeschossene noch am Leben, so Uhrig, der ebenfalls angab Puls und Atmung überprüft zu haben.[6] Sie hätten den Verwundeten in den Wagen verladen, um ihn in Langlingen medizinisch versorgen zu können, so Uhrig weiter – unterwegs sei der Gefangene allerdings verstorben.[7]



[1] Shackleton, 03.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[7] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Bereich der Erschießung - vor Errichtung der Stromtrasse war das Gelände bewaldet. Quelle: Altmann, 2020. 

Zur übergangsweisen Bestattung des Verstorbenen auf dem Langlinger Friedhof machte der Befragte Uhrig recht abenteuerliche Angaben. So habe er die Leiche seiner Aussage nach in Langlingen an andere SS-Leute übergeben und „nie wieder gesehen“ – nur durch Erzählungen habe Uhrig von der Bestattung auf dem Friedhof erfahren.[1] 

Erst als der Langlinger Bürgermeister ihn eindringlich gebeten hätte, die Leiche vom Friedhof zu entfernen, habe er davon nachhaltig Kenntnis genommen. Er selbst sei allerdings wegen der herannahenden Front so sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, dass er keine Zeit gehabt habe sich damit zu befassen.[2] Möglicherweise, so Uhrig, hätten Kammeraden davon gehört und die Sache selber in die Hand genommen – er allerdings habe weder ein Ausgraben der Leiche befohlen, dieses selber durchgeführt – noch wüsste er, wer es getan haben könnte.[3]



[1] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 23.10.1945, National Archives, WO 309 165 107.

Bild: Kartenskizze zum zwischenzeitigen Bestattungsort. Quelle: Archiv Altmann. 

Am 1. November 1945 wurde Uhrig erneut vernommen und bestätigte, dass er seine Aussage bereits gemacht habe und dabei die Wahrheit gesagt hätte.[1] Ein folgenschwerer Fehler, denn Corporal Shackleton konfrontierte ihn unvermittelt damit, dass er gelogen habe. Anschließend führte man Krevet und Speil in den Raum und legte Uhrig die erdrückenden Ermittlungsergebnisse dar. Hierauf bat der Beschuldigte seine Aussage ergänzen zu dürfen.[2] 

Unter Bestätigung, dass er zuerst Unwahrheiten geschrieben habe, erläuterte Uhrig, dass er sich mit dem Piloten während der Fahrt unterhalten habe.[3] Dabei hatte er das Gefühl, dass der Gefangene habe austreten wollen. Er ließ daher den Wagen anhalten und ging mit dem Piloten in den Wald. Als sich dieser 8 – 10 m von ihm entfernt aufhielt, hatte Uhrig das Gefühl, dass der Gefangene versuche zu fliehen, woraufhin er einen Schuss auf Crow abgab, der sofort zu Boden ging.[4] Der Puls des Angeschossenen sei fast nicht mehr spürbar gewesen, als Uhrig einen zweiten Schuss auf den Verletzten abgab.[5] Persönliche Gegenstände wurden dem Toten abgenommen – der Fallschirm wurde laut Uhrig zwischen seiner Ehefrau und Krevets Verlobten aufgeteilt.[6]

Kurz bevor die Truppe abzog habe Uhrig, auf Geheiß des Langlinger Bürgermeisters, drei Männern den Befehl erteilt die Leiche vom Friedhof wegzuschaffen.[7] Ob es tatsächlich eine solche Veranlassung des Langlinger Bürgermeister gab bleibt ungewiss. In einer späteren Meldung über Gräber von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit im Juli 1951 gab der damalige Gemeindedirektor an, sowohl die Bestattung als auch die Umbettung seien ohne Mitwirkung der Gemeindeverwaltung erfolgt.[8]

Bild: Angaben des Langlinger Bürgermeisters nach Kriegsende. Quelle: Archiv Altmann. 

Zu seiner Verteidigung führte Uhrig im Verhörprotokoll an, er habe den Piloten nicht erschießen wollen – es sei also keine vorbereitete Handlung gewesen - sondern sei es vielmehr bei dessen Fluchtversuch geschehen. Uhrig führte an, er wollte sich nicht dafür verantworten, ohne den Gefangenen zurückzukehren. Verantworten musste er sich an den Prozesstagen am 18., 19. Und 20. Februar 1946 vor dem britischen Militärtribunal in Hannover allerdings trotzdem. Uhrig plädierte zwar auf „nicht schuldig“ wurde vom Gericht jedoch als schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. Am 15, Mai 1946 wurde das Urteil vom britischen Henker Albert Pierrepoint im Westflügel des Hamelner Zuchthauses vollstreckt.

Bild: Bereich in dem der SS-Sturmmann Speil den Wagen anhielt. Quelle: Altmann, 2020. 

Was sich genau am 29. Dezember 1945 im Waldstück zwischen Neuhaus und Nordburg ereignete, ist aus heutiger Sicht nur noch anhand der Ermittlungsunterlagen nachzuvollziehen. Ob der gefangengenommene Crow tatsächlich versucht hatte zu fliehen oder ob es sich um eine geplante Erschießung handelte, kann nicht mehr abschließend aufgeklärt werden. 

Für den Urteilsspruch war dieser Umstand jedoch nicht mehr ausschlaggebend, da Uhrig bereits zugegeben hatte auf den am Boden liegenden – und damit wehrlosen – Gefangenen einen weiteren, finalen Schuss abgegeben zu haben. Der Umstand, dass er in einem vorherigen Verhör falsche Angaben gemacht hatte, die vorliegenden Zeugenaussagen und die insgesamt eindeutige Beweislast trugen maßgeblich zur Verurteilung Uhrigs bei.



[1] Shackleton, 03.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[2] Shackleton, 03.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[3] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 01.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[4] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 01.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[5] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 01.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[6] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 01.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[7] Statement by Heinrich Friedrich Uhrig, Celle 01.11.1945, National Archives, WO 309 165 107.
[8] Meldung Gemeindedirektor Langlingen, 31.07.1951, Arolsen-Archives, 2.2.2.9., 77164427.

Bild: Grabstein, A.M. Crow. Quelle: Altmann, 2020. 

Flight Lieutenant Olaf Patrick Olson überlebte den Zweiten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft und kehrte nach Kriegsende in seine Heimat nach Neuseeland zurück.[1] Am 24. Dezember 1953 kam er bei einem schweren Zugunglück zwischen Tangiwai und Auckland zu Tode. 

Der Leichnam von Flight Lieutenant Arthur Maurice Crow wurde auf den britischen Militärfriedhof in Hannover-Ahlem gebracht, wo er bis heute ruht. So tragisch das Schicksal des jungen Navigators ist – seine Geschichte bleibt unvergessen.

H. Altmann

Veröffentlicht: 18.06.2020; 20:15 Uhr 



[1] Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107.