f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 19. Mai 2022

Lebendiges Archiv „Aller-Fuhse-Aue“


Die Landschaft und ihre Nutzung haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich gewandelt. Flussbegradigungen, die Flurbereinigungen im Zuge der Real- und Spezialteilungen sowie der stetige Rückgang bäuerlicher Betriebe und ein soziale Veränderungen haben unsere Umgebung in dieser Zeit beeinflusst. 

„Der prägende Einfluss der Landschaft schwindet zwar immer mehr, dennoch finden sich erhaltenswerte Spuren der historischen Kulturlandschaft“, heißt es in diesem Zusammenhang auf dem neuen Internet-Auftritt des Lebendigen Archives „Aller-Fuhse-Aue“. 

Um lokale Heimatvereine in ihren Tätigkeiten zu unterstützen, wurde auf Initiative des Regionalmanagements der LEADER-Region „Aller-Fuhse-Aue“ die Projektgruppe „Lebendiges Archiv“ ins Leben gerufen. Insbesondere sollten in diesem Rahmen eine bessere Vernetzung sowie Impulse für die strukturelle und inhaltliche Arbeit der Heimatvereine entstehen. 

Im Rahmen eines nun sichtbar gewordenen Projektes wurde in den Gemeinden der beteiligten Heimatvereine eine Beschilderung historischer Gebäude und Orte vorgenommen, die nicht mehr vorhanden bzw. sichtbar sind. Insgesamt 64 informationstafeln wurden alleine im Bereich der, im Landkreis Celle beteiligten, Heimatvereine konzipiert und aufgestellt. Gefördert wurde dieses Projekt im Landkreis Celle ebenfalls durch den Lüneburgischen Landschaftsverband e.V.. Darüber hinaus wurde eine neue Website eingerichtet, auf der Hinweise zu den einzelnen Informationstafeln abrufbar sind. Ebenfalls stehen dort weiterführende Details zu den beteiligten Heimatvereinen zur Verfügung. 

Die Website ist über den folgenden Link abrufbar: www.lebendiges-archiv-afa.de 

Am 18. Mai 2022 erfolgte in Schwachhausen die Präsentation des Projektes für alle sieben beteiligten Heimatvereine aus dem Landkreis Celle. An der historischen Kannenbank – direkt gegenüber dem ehemaligen Gutskrug – nahmen rund 60 Personen an der Veranstaltung teil. 

Bild: Präsentation des Projektes in Schwachhausen durch Hans-Heinrich Heidmann. 
Quelle: Hendrik Altmann. 

Bild: Präsentation des Projektes in Schwachhausen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 

Bild: Historischer Torbalken des ehemaligen Gutskruges zu Schwachhausen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 

Alleine in der Umgebung von Offensen und Schwachhausen weisen nun 20 neue Erläuterungstafeln auf denkwürdige historische Orte hin, die auf diese Weise für die Nachwelt weiterhin präsent sind. Zwei größere Informationstafeln, die jeweils zentral in den beiden Orten aufgestellt worden sind, erläutern die Standorte und Hintergründe der einzelnen Schilder und geben darüber hinaus Einblicke in die dorfgeschichtlichen Zusammenhänge. 

Die neuen Informationstafeln halten sicherlich selbst für Ortsansässige noch das ein oder andere spannende historische Detail parat. Die örtliche Dorfgeschichte lebt auf diese Weise hoffentlich noch lange sehr aktiv weiter. 

Bild: Übersichtskarte der Standorte der neuen Informationstafeln in Offensen und Schwachhausen. 
Quelle: Hendrik Altmann, Kartengrundlage: Open Street Map, Vollständige Karte

Bild: Informationstafel am alten Gut in Offensen. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel an der Langlinger Schleuse. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel am ehemaligen Bahnhof Offensen. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel an der Mühlenkanalbrücke/ehemaligen Viehtränke. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel an den ehemaligen Rieselfeldern bei Offensen. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel an der ehemaligen Gastwirtschaft Niemann in Offensen. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)

Bild: Informationstafel an der ehemaligen Bäckerei Susebach in Offensen. 
Quelle: Hendrik Altmann. Weitere Informationen (Klick)




Donnerstag, 21. April 2022

Der Scharfschießplatz am Haußelberg



Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde in Unterlüß eine Minenwerferschule eingerichtet. Auf den Flächen rund um den Ort entstanden Übungsgelände, um den Umgang mit den neuen Waffen zu trainieren. Historische Relikte aus dieser Zeit sind bis heute zu erkennen.

Eine unscheinbare Landkarte - auf Leinenstoff geklebt und auf ein praktisches Taschenformat gefaltet – zeigt die Südheide im Maßstab 1:100.000. Nordwestlich von Eschede – in der Nähe von Rebberlah – und nördlich von Lutterloh – circa am Haußelberg – sind große Flächen in der Karte markiert. Diese trägt die handschriftliche Bezeichnung „Übungsplatz Rebberlah“. Einen solchen trifft man heutzutage vor Ort nicht mehr an – die historischen Zusammenhänge werden im Folgenden dargestellt.

Bild: Rückseite der Landkarte "Übungsplatz Rebberlah Oldendorf". Quelle: Archiv Altmann. 

Als die Rheinische Metallwaaren- und Maschinenfabrik Actiengesellschaft am 1. September 1899 ein 1.040 Hektar großes Areal bei Unterlüß gepachtet und rund drei Monate später den regelmäßigen Schießbetrieb aufgenommen hatte, wurde der Grundstein für die Bedeutung dies hiesigen Rüstungsstandortes gelegt.[1] Der Kriegseintritt des Deutschen Kaiserreiches am 1. August 1914 ebnete den Weg in einen, in seinen Ausmaßen bis dahin unvorstellbaren Konflikt, der uns heute als Erster Weltkrieg bekannt ist. 

Als zunächst rasch gewinnbar eingeschätzt, entwickelte er sich zu einem zermürbenden Abnutzungs- und Verschleißkrieg. Bereits rund einen Monat nach Kriegsbeginn wurde die Vorstellung von einem schnellen Sieg an der Westfront von der militärischen Realität eingeholt. Die Schlacht an der Marne im September 1914 markierte eine entscheidende Wendung für den deutschen Vormarsch im Westen. Zunehmend verfestigten sich die Frontlinien – es entwickelte sich ein aufzehrender Stellungskampf.

In der verfahrenen Situation erboten sich militärtechnische Innovationen als mögliche Lösungsansätze. Während die großkalibrige Artillerie zwar in der Lage war, weite Bereiche unter Beschuss zu nehmen, so waren ihre Feuerüberfälle mitunter schwerfällig und es mangelte am nötigen Überraschungsmoment für rasche infanteristische Durchstöße. Neuartige Minenwerfer ermöglichten es diese Nachteile für schnelle Überfälle auszugleichen.
 
Bild: Deutscher mittlerer Minenwerfer, Kaliber 17 cm
Quelle: Wikipedia, Janmad, CC-Lizenz, no changes.
Es handelte sich dabei um Steilfeuergeschütze mit einem  gezogenen kurzen Rohr, die je nach Kaliber, verschiedenartige Geschosse verschießen konnten. Aufgrund ihrer kompakten Abmessungen eigneten sich Minenwerfer insbesondere für den Einsatz aus kleineren Feuerstellungen. Bei Kriegsbeginn verfügte das deutsche Heer lediglich über 70 schwere und 116 mittlere Minenwerfer.[2] Bis Anfang 1918 steigerten sich die Bestände auf 13.329 leichte, 2.476 mittlere und 1.322 schwere Minenwerfer.[3] 

Neben der Produktion der Werfer als solche und der Herstellung der nötigen Munition musste darüberhinaus auch die Truppe im Umgang mit den Werfern geschult werden. Um die Ausbildungssituation zu verbessern, wurde in Unterlüß eine Minenwerferschule eingerichtet.

Bild: Barackenlager der Minenwerferschule Unterlüß, Eingang. Quelle: Postkarte, Archiv Altmann. 

Bild: Barackenlager der Minenwerferschule Unterlüß, Eingang. Quelle: Postkarte, Archiv Altmann. 

Bereits im Oktober 1914 traf ein kleineres Kommando aus ca. 60 Offizieren und Unteroffizieren des Hannoverschen Pionier-Bataillon Nr. 10 aus Minden in Unterlüß ein.[4] In ihrer Anfangszeit waren die Minenwerfer der Pioniertruppe unterstellt – erst unter dem Oberkommando von Generalfeldmarschall von Hindenburg wurden die leichten Minenwerfer der Infanterie zugeordnet.[5] 

Neben der Minenwerferschule in Unterlüß existierte eine weitere bei Markendorf in der Nähe von Jüterbog. Diese Einrichtungen dienten vor allem der besonderen Ausbildung der Minenwerfereinheiten, die später dann noch gezielt in der Heeres-Minenwerferschule vervollständigt wurde.[6] Im Jahr 1915 erhielten ebenfalls Soldaten des württembergischen Pionier-Bataillons Nr. 13 eine entsprechende Ausbildung in Unterlüß.[7] Sehr wahrscheinlich hielten sich viele weitere Truppenteile zeitweise für Ausbildungszwecke in Unterlüß auf. Da die Ausbildungszeit an den Minenwerfern zunächst nur rund 10 Tage betrug, herrschte ein ständiger Wechsel der Einheiten.

Bild: Offiziersbaracke der Minenwerferschule Unterlüß. Quelle: Postkarte, Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 605. 

Bild: Offizier-Speiseanstalt der Minenwerferschule Unterlüß. Quelle: Postkarte, Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 606. 

Bild: Gartenanlagen in der Minenwerferschule Unterlüß. Quelle: Postkarte, Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 599. 

Die Offiziere wurden in Unterlüß anfänglich im Kurhotel untergebracht – die Unteroffiziere fanden Platz in Hubachs Hotel und in einzelnen privaten Quartieren.[8] Mit dem Ausbau der Minenwerfertruppe steigerte sich der Bedarf der Unterbringungsmöglichkeiten. Bereits im Dezember 1914 mussten Mannschaften ebenfalls in Schmarbeck und Eschede untergebracht werden.[9] Als bei Rebberlah ein Übungsplatz für die Infanterie eingerichtet wurde, mussten die Minenwerfersoldaten in andere Quartiere ausweichen.

Bild: Landkarte "Übungsplatz Rebberlah Oldendorf" - südlicher Teil: Übungsplatz der Infanterie bei Rebberlah. Quelle: Archiv Altmann. 

Im Frühjahr 1915 wurde mit der Errichtung von Holzbaracken westlich der Neuensothriether Straße in Unterlüß begonnen. Ab Frühsommer 1915 wurden diese durch die Soldaten der Minenwerferschule bezogen. Das Lager bot zunächst in zwei größeren Mannschaftsbaracken Platz für etwa 400 Mannschaften.[10] Eine zusätzliche Baracke war für die Offiziere vorgesehen. Darüber hinaus gab es eine Küche. Alle Gebäude waren mit elektrischem Licht sowie Telefonverbindungen ausgestattet.

Bild: Gartenanlagen in der Minenwerferschule Unterlüß. Quelle: Postkarte, Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 604. 

Allerdings reichten die Baracken an der Neuensothriether Straße mit Blick auf den Personalzuwachs der Minenwerferschule offenbar nicht aus. Auf historischen Fotos und Postkartenmotiven sind aufgebaute Mannschaftszelte zu erkennen, die neben den Baracken aufgebaut worden waren. Dass einige dieser Motive aus dem Jahr 1915 stammen, könnte dafür sprechen, dass der gesteigerte Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten vor allem während der ersten Kriegsjahre aufgetreten sein .

Bild: Barackenlager der Minenwerferschule Unterlüß, Eingang. Rechts im Bild: Zelt. Quelle: Postkarte, gelaufen am 30.11.1915, Archiv Altmann. 

Bild: Mannschaftszelt in der Minenwerferschule Unterlüß. Quelle: Postkarte, Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 600. 

Ab Herbst 1916 war der Standort mit dem eigenständigen Minenwerfer-Ersatzbataillon Nr. 5 belegt, das den ausgebildeten Ersatz für verschiedene andere Truppenteile stellte. Das Barackenlager wurde auf der östlichen Seite der Neuensothriether Straße um weitere Gebäude ergänzt, sodass es bis zu 3.000 Personen aufnehmen konnte.[11] Untergebracht waren offenbar ebenfalls eine feste Garnisonskompanie und Einheiten, die speziell für den Nahkampf ausgebildet wurden.

Bild: Mannschaften einer schweren Minenwerfereinheit in Unterlüß. Quelle: Gemeindearchiv Unterlüß, Foto Nr. 603.

Mit Voranschreiten des Krieges und der zunehmenden Vergrößerung der Minenwerfertruppe wuchs in Unterlüß neben Unterkünften auch der Bedarf an geeigneten Übungsarealen. Diese befanden sich zunächst in unmittelbarer Ortsnähe. Als diese Übungsplätze nicht mehr ausreichten, um den „scharfen Schuss“ zu trainieren, wurde noch im Jahr 1918 im Bereich des Haußelbergs ein ca. 2.070 Hektar großer „Scharfschießplatz“ angelegt. 

Bild: Landkarte "Übungsplatz Rebberlah Oldendorf" - nördlicher Teil: Scharfschießlatz am Haußelberg. Quelle: Archiv Altmann. 

Die Schmalspurbahn, die bis dahin die Übungsplätze westlich von Unterlüß mit dem Barackenlager der Minenwerferschule an der Neuensothriether Straße verband, wurde verlängert und bis an das neue Gelände am Haußelberg herangeführt. Die eingleisige Bahn hatte eine Spurweite vom 60 cm – ihr Endpunkt lag südlich des Haußelbergs an einer kleinen Rampe. Relikte der Bahnstrecke sind im Gelände bei genauem Hinsehen noch heute zu erkennen.

Bild: Landkarte "Übungsplatz Rebberlah Oldendorf" - nördlicher Teil: Scharfschießlatz am Haußelberg. Quelle: Archiv Altmann. 

Die angestrebte Nutzung des Scharfschießplatzes am Haußelberg wurde jedoch von der weltpolitischen Realität eingeholt. Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand von Compiègne in Kraft trat, war der Schießplatz offenbar noch nicht vollständig fertiggestellt. Anders als geplant, musste der Platz nun abgewickelt werden – die weitere Verwendung und der Rückbau der Schmalspurbahn waren zu klären.[12] Dies erfolgte erst nach einer aufwändigen Auseinandersetzung der beteiligten Eigentümer gegen Anfang der 1920er Jahre.

Obwohl das Übungsgelände am Haußelberg wohl nicht mehr für seinen eigentlichen Bestimmungszweck – das Scharfschießen mit Minenwerfern – zum Einsatz kam, scheint das Areal dennoch militärisch genutzt worden zu sein. Rund einen Kilometer westlich der Kieselguranlagen bei Wiechel sind im Gelände bis heute aufwändig angelegte Stellungssysteme erhalten geblieben. 

Bild: Teile des Stellungssystems am Haußelberg. Quelle: Altmann, 2022. 

Genau genommen handelt es sich um zwei einander gegenüber angelegte Systeme aus Lauf- und Verbindungsgräben – teilweise versehen mit Schützengräben und rückwärtigen Stellungen. Auf alliierten Luftbildern, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges aufgenommen worden sind, lassen sich die Stellungssysteme am Haußelberg eindeutig erkennen.

Bild: Übersichtskarte der Stellungssysteme am Haußelberg. Quelle: Archiv Altmann; Google Earth, 2022. 

Es dürfte sich dabei sehr wahrscheinlich um Anlagen handeln, die im Ersten Weltkrieg zu Übungszwecken angelegt worden sind. Möglicherweise um einerseits den Stellungsbau zu trainieren und andererseits, um darüber hinaus die Erstürmung und den Nahkampf zu üben. Die Stellungssysteme am Haußelberg sind lehrbuchartig angelegt – aus ihrer Beschaffenheit lassen sich Hinweise zum historischen Hintergrund ableiten.

Bild: Aufbau und Verwendung von Stellungen. Quelle: Dienstvorschrift Nr. 275, Feld-Pionierdienst aller Waffen, 1911

In ihrer vordersten Linie weisen die Stellungssysteme Schützengrabenlinien auf. Diese waren im Regelfall mindestens 1,40 Meter tief und an ihrer tiefsten Stelle ca. 0,60 Meter breit. Die Schützengräben verfügten entsprechend der Dienstvorschrift im Abstand von jeweils 6,00 Metern über sogenannte Schulterwehren. Im Kampf sollten diese gegen Schräg- und Längsfeuer schützen und die seitliche Wirkung von Artilleriegeschossen und Handgranaten einschränken, die in- oder nahe der Deckung explodieren.[13] 

Damit schützen sie den Soldaten in seinen Flanken, währen die sogenannten Brust- und Rückenwehren diese Aufgabe an Vorder- und Rückseite des Schützengrabens übernahmen. In den Räumen zwischen zwei Schulterwehren konnten zusätzliche Unterschlupfe eingerichtet werden.

Bild: Schulterwehren im Schützengraben. Quelle: Dienstvorschrift Nr. 275, Feld-Pionierdienst aller Waffen, 1911. 

Die Schulterwehren ragten klassischerweise in den Schützengraben hinein – dieser umlief sie in einem sogenannten „Umgang“. Üblicherweise stellte man die Schulterwehren beim Ausheben der Gräben her – in der Praxis ging man jedoch dazu über die Wehren nachträglich durch Sandsäcke zu ergänzen.

Bild: Schulterwehren im Schützengraben. Quelle: Dienstvorschrift Nr. 275, Feld-Pionierdienst aller Waffen, 1911. 

Bild: Teile des Stellungssystems am Haußelberg. Zu erkennen: eine Schulterwehr (Bildmitte). Quelle: Altmann, 2022. 

Neben der vordersten Linie der Schützengräben weisen die Stellungssysteme am Haußelberg auch rückwärtige Deckungsgräben auf. Über Verbindungsgräben, die regelmäßig eine Tiefe von etwa 1,80 Meter aufwiesen, waren die Deckungen mit der vordersten Linie verbunden. Hinzu kamen üblicherweise noch grabenmäßig angelegte Stellungen für Verbandsplätze, Aborte und Fernsprechstellen. Ob diese Einrichtungen im Bereich des Stellungssystems am Haußelberg ebenfalls vorgesehen waren, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. 

Bild: Teile des Stellungssystems am Haußelberg. Quelle: Altmann, 2022. 

Bild: Teile des Stellungssystems am Haußelberg. Quelle: Altmann, 2022. 

Es ist quellenmäßig nicht überliefert welche Übungsszenarien vor Ort erprobt werden sollten – möglicherweise waren die Stellungen am Haußelberg zur Übung von Nahkampfsituationen vorgesehen. Aus einer gesonderten Stellung, die sich nördlich der beiden größeren Stellungssysteme befand, könnten die Übungen beobachtet worden sein.

In welchem funktionalen Zusammenhang die Stellungssysteme am Haußelberg stehen, konnte bislang noch nicht abschließend geklärt werden. Ihre Beschaffenheit deutet darauf hin, dass die Anlage in der Zeit des Ersten Weltkrieges entstanden sein dürfte und zu Übungszwecken diente. Eine Verbindung zu dem damals neu eingerichteten Scharfschießplatz erscheint naheliegend – allerdings kam es kriegsbedingt nicht mehr zur planmäßigen Inbetriebnahme des Übungsplatzes für die Minenwerfer. Eventuell stehen die Stellungssysteme am Haußelberg somit nicht ausschließlich mit der Minenwerferschule in Verbindung, sondern vielmehr mit den ebenfalls vor Ort stationierten Nahkampfeinheiten.

Bild: Teile des Stellungssystems am Haußelberg. Zu erkennen: eine Schulterwehr (Bildmitte). Quelle: Altmann, 2022. 

Die offenen Fragen lassen sich möglicherweise im Rahmen weitergehender Recherchen beantworten. Festzuhalten ist, dass Unterlüß im Zuge des Ersten Weltkrieges als Rüstungsstandort enorm an Bedeutung gewann. Der gesteigerte Bedarf an Rüstungsgütern und die Verfügbarkeit entsprechender Flächen trugen nachhaltig dazu bei, dass sich die Gegend als Entwicklungs-, Produktions- und Übungsstandort etablierte.

H. Altmann

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[1] 111 Jahre Rheinmetall-Schießplatz Unterlüß, Chronik, S. 8.
[2] Biermann, Lehrbuch für Minenwerfer, S. 16.
[3] Reibert, Die Deutschen Minen- und Granatwerfer im Ersten Weltkrieg 1914 – 1918, S. 66.
[4] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 16.
[5] Reibert, Die Deutschen Minen- und Granatwerfer im Ersten Weltkrieg 1914 – 1918, S. 66.
[6] Schwarte, Der grosse Krieg, 1914 – 1918, Bd. 8, S. 37.
[7] Knies, Das württembergische Pionier-Bataillon Nr. 13 im Weltkrieg 1914 – 1918, S. 174.
[8] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 16.
[9] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 16.
[10] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 16.
[11] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 16.
[12] Gedicke, Chronik der politischen gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 17.
[13] Dienstvorschrift Nr. 275, Feld-Pionierdienst aller Waffen, 1911, S. 125.


Freitag, 11. März 2022

Erdöl aus dem Landkreis Celle

Bild: Bohrtürme bei Nienhagen, undatiert - verm. um 1915. Quelle: Archiv Altmann. 

Die weltweit erste Tiefbohrung nach Erdöl fand hier statt. Vorkommen des Rohstoffs konnten in der Umgebung erkundet und erschlossen werden. Bis heute sind im Landkreis Celle und seinen angrenzenden Bereichen einige Erdölfelder vorhanden. 

Aus dem Landschaftsbild sind sie längst verschwunden - Fördertürme findet man im Landkreis Celle nur noch im Erdölmuseum in Wietze oder als Baudenkmal in Nienhagen. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren Anlagen zur Gewinnung und Zwischenlagerung von Erdöl im Raum Celle dagegen vielerorts anzutreffen. Bedeutende Erdölfelder liegen noch heute bei Thören, Wietze, Rixförde und Nienhagen

Bereits vor der gezielten Exploration, d.h. der Erkundung untertägiger Erdölvorkommen, war deren Vorhandensein bereits bekannt. Vielerorts trat der dickflüssige Rohstoff zutage - beispielsweise in den Teerkuhlen bei Hänigsen. Zunächst konnte man das Öl aber nur im Schöpfbetrieb gewinnen - erst die moderne Fördertechnik bereitete den Weg für die Massenproduktion. 

Bild: Bohrtürme bei Wietze, undatiert - verm. um 1890. Quelle: Archiv Altmann. 

Den Grundstein der Erdölindustrie im Raum Celle legte Georg Hunäus. Im Auftrag des Königreiches Hannover war er ab 1856 eigentlich auf der Suche nach Braunkohle- und Schiefervorkommen - im Bereich östlich von Hannover stieß er jedoch auf bedeutende Erdölvorkommen. In Wietze ließ Hunäus die weltweit erste Tiefenbohrung nach dem schwarzen Gold durchführen. 

Erst um 1899 setzte der Ölboom ein. In Spitzenzeiten waren alleine in Wietze 52 Gesellschaften tätig - das Feld deckte zeitweise bis zu 80 Prozent der deutschen Inlandsnachfrage ab. Über 2.000 Bohrungen erfolgten in der näheren Umgebung von Wietze. Viele der kleineren Gesellschaften gingen später in der Deutschen Erdöl AG (DEA) auf. Das Unternehmen war insbesondere im Landkreis Celle vielerorts präsent. 

Bild: Bohrung der DEA im Raum Celle, undatiert, verm. 60er Jahre. Quelle: Archiv Altmann. 

Auch im Bereich Nienhagen konnten bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts fündige Bohrungen vorgewiesen werden. Das Feld Nienhagen zählt damit ebenfalls zu den ältesten nachgewiesenen Förderstätten für Erdöl in Deutschland. Es erstreckte sich bis über Eicklingen hinaus in die Samtgemeinde Flotwedel. 

Bild: Bohrtürme bei Eicklingen, 1940. Quelle: Archiv Altmann. 

Im Jahr 1909 wurde im Forst Brand zwischen Nienhagen und Hänigsen an der Fundstelle EH 1 in 170 m Tiefe eine ölführende Schicht entdeckt. Im Schöpfbetrieb lieferte diese täglich bis zu 100 l Öl. Bis 1920 erfolgten weitere Bohrungen, die erfolgreich waren. Aufgrund der vergleichsweise geringen Fördertiefe war zeitweise sogar angestrebt das Erdöl im Bergwerksbetrieb zu gewinnen. 

Dieses Verfahren wurde im Ölschacht bei Wietze tatsächlich umgesetzt. Aus untertägigen Stollen wurde teils ölhaltiger Sand gefördert, der gewaschen und vom Öl separiert wurde. 

Bild: Deutsche Erdöl-Akt.-Ges. Mineralölwerke Wietze. Schachtbetrieb. Quelle: Mansfeld-Museum im Humboldt-Schloss, https://nat.museum-digital.de/object/175438?navlang=de 

Von 1918 bis 1922 wurden bei Wietze zwei Schächte niedergebracht, um unter Tage Öl und ölhaltige Sande zu fördern. Motiviert war dieses Vorhaben wohl nicht zuletzt auch durch den Ersten Weltkrieg und das hierdurch hervorgerufene Handelsembargo. Die deutsche Erdölindustrie war daher geneigt die Förderstätten im Inland auf das Äußerste auszubeuten. 

Mittels Gefrierverfahren konnten beide Schächte abgeteuft werden. Drei untertägige Sohlen (222 m, 246 m und 296 m) wurden aufgefahren - insgesamt ein 96 km langes Streckennetz entstand unter Tage. 

Die Bergleute im Ölschacht erhielten die umgangssprachliche Bezeichnung "Ölmuckel" - im "Öl muckeln" bedeutete nichts anderes als im Ölbergbau tätig zu sein. Der Ölberg bei Wietze zeugt heute noch von dieser Methode der Ölgewinnung. 

Bild: Ölschacht bei Wietze. Quelle: Archiv Altmann. 

Während im Ölschacht bei Wietze noch bis 1963 bergmännisch Öl gewonnen wurde, kam es bei Nienhagen nie zur Inbetriebnahme es Schachtes. Hintergrund war die erfolgreich niedergebrachte Bohrung EH 32 aus der das Erdöl eruptiv an die Tagesoberfläche sprudelte. Monatelang konnte das auslaufende Öl aus dieser Bohrung abgeschöpft werden. Die Notwendigkeit des Schachtförderbetriebes war damit vom Tisch. 

Bild: Bereits fertiggestelltes Schachtgebäude der Elwerath bei Nienhagen. Quelle: Archiv Altmann. 

An die 1.000 Bohrungen wurden in dieser Folge alleine im Gebiet der Gemeinde Nienhagen niedergebracht. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts steigerte sich der Bohr- und Förderbetrieb im Feld Nienhagen zunehmend. Die Weltwirtschaftskrise zeigte ihre Auswirkungen, konnte aber durch den steigenden Bedarf an Erdölprodukten relativ gut überstanden werden. 

Zu Beginn der Dreißigerjahre stieg die jährliche Erdölförderung im Feld Nienhagen stetig an. 1933 belief sie sich auf 114.000 t - 1934 waren es bereits 138.000 t und 1935 schon 147.000 t. Gegen Ende der Dreißigerjahre nahmen die Bohraktivitäten außerhalb der Gemarkung Nienhagen stark zu. Auch im Raum Eicklingen und Wienhausen erfolgen nun Sondierungen. Die jährlich Fördermenge stieg bis 1939 - auch kriegsbedingt - weiter an und betrug schließlich 183.000 t. 

Bild: Erdölanlagen bei Nienhagen. Quelle: 3426_WATHLINGEN_GSGS_4414_(AMS_M841)_4th_ed_1955. 

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieben die Ölanlagen im Raum Celle weitgehend von größeren Angriffen verschont - vereinzelt kam es zu Beschuss durch Jagdflugzeuge. Das Ölfeld bei Nienhagen wurde 1945 mehrfach massiv bombardiert. Am schwersten wurden die Anlagen am 08.04.1945 getroffen - sie blieben jedoch bis nach Kriegsende betriebsbereit. 

Die unmittelbare Nachkriegszeit war von erheblichen Materialengpässen begleitet - es gelang aber, die Erdölförderung bei Nienhagen aufrecht zu erhalten. Allerdings war die jährlich geförderte Menge stetig rückläufig. 1949 waren es noch 76.000 t, 1950 wurden noch 68.000 t gefördert, 1951 waren es 64.000 t. Bis 1956 fiel die Fördermenge auf 46.000 t. Unrentable Bohrlöcher wurden verfüllt - die infrastrukturellen Einrichtungen wurden im Laufe der Zeit folglich immer weiter demontiert.  

Bis heute sind die Spuren und Relikte aus der Hochzeit der Erdölförderung bei Nienhagen zu finden - weite Bereiche der ehemaligen Ölförderbereiche wurden aber inzwischen renaturiert. 

Bild: Relikte ehemaliger Erdölanlagen bei Nienhagen. Quelle: Altmann, 2021. 

Auch zwischen Ovelgönne und Rixförde waren bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auf Ölvorkommen gestoßen. Explorationen der Deutschen Mineralöl AG und der Gewerkschaft Brigitta lieferten vielversprechende Hinweise auf Ölvorkommen. 

Die Förderung begann in den Dreißigerjahren, nachdem die Wintershall AG sowie die Gewerkschaft Elwerath mehrere erfolgreiche Bohrungen niedergebracht hatten. Bis Ende 1970 wurden im Ölfeld bei Rixförde rund 450 Bohrungen durchgeführt. 


Bild: Erdölanlagen bei Nienhagen. Quelle: 3325_WINSEN_(Aller)_GSGS_4414_(AMS_M841)_4th_ed_1955

Östlich des Rixförder Grabens war damals ein Erdölwerk mit einem beträchtlichen Speichertank errichtet worden. Von hier aus verliefen Rohrleitungen in Richtung Oldau, wo das Öl in Kesselwagen der Bahn verladen wurde. 

Nur noch wenige Relikte der ehemaligen Ölanlagen sind bei Rixförde noch zu finden. Erst bei genauerem Hinsehen fallen die Rohrleitungen auf, die an manchen Stellen noch aus dem Boden ragen. Teilweise wurden die alten Bohrgestänge auch bereits neuen Verwendungen zugeführt - an einer Stelle dienen sie beispielsweise zur Stabilisierung einer Brücke über den Rixförder Graben. 

Bild: Relikte ehemaliger Erdölanlagen bei Rixförde. Quelle: Altmann, 2021. 

Bild: Relikte ehemaliger Erdölanlagen bei Rixförde. Quelle: Altmann, 2021. 

Bei Thören wurden ab 1904 ebenfalls Explorationen auf Erdöl durchgeführt. Gefördert wurde ab 1940 und der kleine Ort Thören wuchs rasant zu einem Industriestandort. Im Norden des Dorfes entstanden Baracken, Öltanks, eine Ölkläranlage und Bohrbetriebe. Durch eine unterirdische Leitung wurde das Erdöl nach Wietze gepumpt. 

Die Entwicklung des Ortes zu einem wichtigen Standort der Erdölförderung brachte den Grundeigentümern - ebenso wie in anderen Orten auch - hohe finanzielle Rückflüsse aus Förderzinsen ein. Es kam allerdings auch zu Verwerfungen für jene Eigentümer, die keine gesonderten Verträge mit den Förderunternehmen abgeschlossen hatten - im Zuge der Erdölverordnung vom 13.12.1934 wurde Ihnen die Förderzinsen quasi abgesprochen. Die Zeitschrift "Der Spiegel" berichtete über diese Zusammenhänge im Jahr 1953

Bild: Erdölanlagen bei Thören. Quelle: 3324_THOEREN_GSGS_4414_(AMS_M841)_Ed4_10.1954_McM87148

Auch bei Thören sind die Spuren der ehemaligen Erdölförderung nur noch bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen. Einige Becken der Ölkläranlage lassen sich mit Mühe noch im Gelände wiederfinden - die meisten Einrichtungen wurden restlos abgebaut. 

Längst sind die Zeiten vorbei, als aus den Bohrlöchern im Raum Celle das Erdöl zu Tage sprudelte. Der Rückgang der Erdölförderung war nicht zuletzt dadurch begründet, dass in anderen Ländern deutlich ergiebigere Vorkommen entdeckt und gefördert werden konnten. Der Marktpreis für Öl veranlasste die Anbieterseite letztlich unrentable Förderungen einzustellen. 

Bild: Erdölförderung im Raum Celle, undatiert, verm. 50er Jahre (?). Quelle: Archiv Altmann. 

Wäre eine Wiederaufnahme der Erdölförderung im Raum Celle möglich? 

Die Antwort auf diese Frage ist nicht so einfach - schon alleine, weil die Erdölforderung im LK Celle nie vollständig beendet worden ist. Die Abwesenheit von Bohrtürmen und sonstigen auffälligen Anlagen mag darüber hinwegtäuschen - doch bis heute wird im Raum Celle und angrenzenden Gebieten Erdöl und Erdgas gefördert. 

So ist dem Jahresbericht des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) für das Jahr 2020 zu entnehmen, dass in Niedersachsen insgesamt 583.451 t Erdöl und 5.307. 984.267 m^3 Erdgas gefördert wurden. Hinzu kommen noch einmal 34.600.368 m^3 Erdölgas. Auf das Feld Nienhagen entfielen hiervon 4.130 t Erdöl und 43.920 m^3 Erdölgas. In Wardböhmen/Bleckmar betrug die Förderung von Erdgas im Jahr 2020 insgesamt 34 274 274 m^3. 

Den größten Anteil an der inländischen Erdölgewinnung nimmt das Bundesland Schleswig-Holstein ein - von dort stammten im Jahr 2020 mehr als 57 % der nationalen Gesamtförderung. In Bezug auf die Erdgasförderung stammten mehr als 94 % der nationalen Gesamtförderung aus Niedersachsen. 

Bild: Pferdekopfpumpe bei Nienhagen. Quelle: Archiv Altmann, 2021. 

Insbesondere der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar 2022 und die hiermit einhergehenden Wirtschaftssanktionen warfen die Frage auf, wie die nationale Versorgung mit Erdöl und Erdgas gesichert werden kann. 

Das Thema ist an sich nicht neu - schon seit Langem steht die Frage nach der Versorgungssicherheit im Raum. Theorien wie "Peak Oil" (Hubbert) existieren bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Auch die sicherheitspolitischen Implikationen knapper Ressourcen dürften heute eigentlich niemanden wirklich überraschen. Könnte die Steigerung der regionalen Förderung in diesem Zusammenhang eine Lösung sein? 

Es kommt darauf an. Nach Aussage des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie e.V. könnte die Erdölförderung aus heimischen Lagerstätten durchaus Vorteile aufweisen. Neue Explorations- und Fördertechnologien könnten möglicherweise einen Beitrag leisten, um bislang unzugängliche oder kleinere Vorkommen besser zu nutzen. Wenig umstritten ist, dass die Produktion auf bereits erschlossenen Feldern (S. 33, "already produced") vergleichsweise günstig ist. 

Allerdings sprechen wohl ebenso Gründe gegen ein neues Erdölfieber im Raum Celle. Die meisten Explorations- und Fördereinrichtungen wurden im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte teils aufwendig demontiert und renaturiert. In vielen Bereichen wären daher umfangreiche Investitionen notwendig, die sich wiederum auf den Preis auswirken würden. Diese Investitionen würden sich aber nur lohnen, wenn der weltweite Ölpreis die Förderkosten übersteigt. Das produzierte Öl/Gas wäre dann jedenfalls kein günstiges mehr (S.98). 

Bild: Erdölanlagen der DEA im Raum Celle, undatiert, verm. 60er Jahre (?). Quelle: Archiv Altmann. 

Hinzu kommt, dass sich die örtlichen Gegebenheiten in den zurückliegenden Jahren verändert haben. Die einstigen Ölfördergebiete im LK Celle befinden sich heute - wie beispielsweise bei Nienhagen - im Bereich von ausgewiesenen Naturschutzgebieten. In anderen Bereichen befinden sich inzwischen Siedlungsgebiete. Vor diesem Hintergrund wären vermutlich aufwendige und wiederum kostenintensive Genehmigungsverfahren notwendig. 

Darüber hinaus würden die sicheren und die wahrscheinlichen Erdölreserven in Deutschland (2020: ca. 27,7 Mio. t) zusammen genommen nicht ausreichen, um den Verbrauch eines einzigen Jahres (2020: ca. 96,2 Mio. t) auch nur annähernd zu decken. Hinzu käme, dass man diese Vorräte ja auch nicht einfach ohne Weiteres sofort fördern könnte. 

Bild: Erdölbohrung im Raum Celle, undatiert, verm. 60er Jahre (?). Quelle: Archiv Altmann. 

Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass ein Erdölboom, wie es ihn im 19. und 20. Jahrhundert im Landkreis Celle durchaus gegeben hat, aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich ist. Die zukünftige Entwicklung dürfte wohl sehr davon abhängen, wie sich der Bedarf - und damit auch der Preis - für diese knappen Ressourcen entwickelt. 

Es ist jedoch nicht zu vernachlässigen, dass die Wiege der Erdölförderung im Landkreis Celle liegt. Viele wichtige Erkenntnisse über die Erkundung und Förderung von Erdöl gehen hierauf zurück. 

H. Altmann

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Stand: 11.03.2022
Quellen: s. Text (Links)