f Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 4. Februar 2026

Die Köhler-Kompanie der Waffen-SS in Wienhausen



Mit Augenzeugen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sprechen, ist inzwischen – über 80 Jahre nach Kriegsende – nahezu unmöglich geworden. Noch lebende Zeitzeugen waren damals meistens zu jung, um heute über Kriegsereignisse berichten zu können. 

Viele Informationen dürften somit inzwischen unwiederbringlich verloren gegangen sein, sofern sie nicht bereits gesichert werden konnten. Genau dies geschah vor einigen Jahren, als der mittlerweile bereits verstorbene Malermeister Hermann Strothmann aus Wienhausen in einem ausführlichen Gespräch über persönliche Erlebnisse aus Kriegszeiten in Wienhausen berichtete. Unter anderem erzählte er von einer Köhler-Kompanie der Waffen-SS, die in Wienhausen eingesetzt war.

Als Schüler war Strothmann noch zu jung für den Kriegsdienst und verbrachte seine Freizeit mitunter damit, den Soldaten der Köhler-Kompanie bei deren Arbeit zuzusehen. Die SS-Soldaten produzierten im Wald zwischen Wienhausen, Bockelskamp und Groß Eicklingen Holzkohle, die zum Antrieb der damals eingesetzten Holzgas-LKW benötigt wurde. Hintergrund war die im fortschreitenden Kriegsverlauf zunehmende Betriebsstoffverknappung. Die Verwendung von Holzkohle als Treibstoff war unter anderem aus deswegen vorteilhaft, da sie günstig und dezentral hergestellt werden konnte und die Produktion damit weniger anfällig für Luftangriffe war.

In Wienhausen und den benachbarten Ortschaften waren im Lauf des Zweiten Weltkriegs verschiedene Wehrmachts- und SS-Einheiten untergebracht. Dass Strothmann beispielsweise die Einheiten der Nebelwerfer oder des Technischen Bataillon Mineralöl mit der von ihm beschriebenen SS-Köhler-Kompanie verwechselte, ist jedoch aufgrund seiner detaillierten Darstellungen nahezu ausgeschlossen. Der Hinweis auf die Anwesenheit der besagten Köhler-Kompanie bei Wienhausen ist auch deshalb erwähnenswert, weil über diese Einheiten insgesamt nur sehr spärliche Informationen vorliegen.

Bild: vermutlicher Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen. Strothmann berichtete, dass die Einheit unmittelbar südlich des Postwegs angesiedelt war. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Über die offiziellen Hintergründe erfuhr Strothmann damals von den SS-Soldaten nur wenig. Angeführt wurde die Truppe seinen Angaben zufolge von einem Saarländer, der zuvor im Bergbau tätig gewesen war und sich daher mit Kohle auskannte. Ihm unterstanden rund 20 Soldaten, wie sich Strothmann erinnerte. Bei dieser Mannschaftsstärke kann daher nicht von einer kompletten Kompanie ausgegangen werden. 

Aktuelle Recherchen belegen, dass die Köhlerkompanien regelmäßig zugweise aufgeteilt worden sind und dann in kleineren Gruppen an verschiedenen Orten zum Einsatz kamen.[1] Strothmann erinnerte sich, dass es sich bei den SS-Soldaten vorwiegend um Jugoslawen und Rumänen gehandelt habe. Auch diese Aussage deckt sich mit den verfügbaren Quellennachweisen. Demnach waren bei den Köhler-Kompanien vorwiegend kriegsverwendungsunfähige Unterführer und ältere Mannschaften eingesetzt, die aus dem südosteuropäischen Raum stammten.[2]

Die Arbeiten wurden größtenteils von Hand verrichtet – die Bäume wurden mit Handsägen gefällt, zu Meterenden gesägt, das Holz gespalten und das Scheitholz in speziellen Kohlenmeilern aufgestapelt. Diese Meiler bestanden aus großen Metallringen, wie Strothmann berichtete. Mindestens vier Stück bildeten die Umrandung. Das Holz in traditionellen Kohlenmeilern zu verkohlen, d.h. einzugraben und mit Erde zu überhäufen, war viel zu aufwändig. 

Die vorgefertigten Kohlenmeiler verfügten über gebohrte Lufteinlässe, um die Luftzufuhr zu regulieren. Nachdem das Holz in den Meilern gestapelt war, wurden diese mit Lehm abgedichtet. In der Mitte des Meilers befand sich gut brennbares Kienholz, das mit einem langen Haselnussstock von Außen entzündet wurde. Nach rund vier Tagen, wurden die Metallringe abgebaut und Holzkohle nach dem Abkühlen in Papiersäcke gefüllt. Der SS-Köhlertrupp verfügte laut Strothmann über einen Raupenschlepper sowie einen Anhänger, mit dem Baumstämme aus dem Wald gezogen werden konnten und die Säcke mit der fertigen Holzkohle zum Wienhäuser Bahnhof transportiert werden konnten.

Bild: auf historischen Luftbildern ist der Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen nicht zu erkennen. Möglicherweise wurde die Einheit erst dort stationiert, nachdem die Überflüge stattfanden. Quelle: NARA, public domain. 

Wie Strothmann berichtete, hatten sich die SS-Soldaten im Wald einen Brunnen gebohrt, eine einfache Toilette gebaut und eine Baracke errichtet. Diese war notwendig, da es im Winter sehr kalt wurde. Hieraus folgt, dass die SS-Köhler vermutlich erst im Laufe des Jahres 1944 nach Wienhausen kamen, da sie offenbar nur einen Winter dort blieben. Neben den genannten Einrichtungen errichtete die Truppe laut Strothmann auch noch eine Feldscheune.

Die Abläufe, die Strothmann sehr detailreich beschrieb, werden in gleicher Art und Weise in einigen Berichten aus dem Nachlass von Wolfgang Vopersal erwähnt. Dessen Nachlass umfasst in erster Linie die Sammlung der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, die von Wolfgang Vopersal, dem Dokumentar des Verbandes, aufgebaut und verwaltet wurde.[3] 

Für einen Beitrag, den Vopersal im Jahr 1976 in der Zeitschrift „Der Freiwillige“ publizierte, hatte er entsprechende Informationen ehemaliger Angehöriger der Köhlerkompanien zusammengetragen.[4] Aufgrund der erheblichen Überschneidungen steht somit fest, dass im Wald bei Wienhausen tatsächlich eine Köhler-Kompanie der Waffen-SS bzw. Teile einer solchen zum Einsatz gekommen sind.

Strothmann berichtete, dass die Kohlenmeiler und die Baracke in unmittelbarer Nähe des alten Postwegs südlich des Wienhäuser Bahnhofs befunden haben. Seiner Beschreibung zufolge kommt für den genauen Standort nur ein Bereich in Frage. Dort lassen sich bei genauer Betrachtung noch flache, rechteckige Bodenstrukturen erkennen, die von ehemaligen Gebäuden stammen können. 

Sehr wahrscheinlich befanden sich die Einrichtungen der Köhler-Kompanie dort, wo zuvor die Erdölbohrung „Wienhausen Nr. 2“ niedergebracht worden war. Die Bohrstelle wurde nie für die Erdölförderung genutzt. Bis heute weist der Bereich einen schweren, lehm- und tonhaltigen Boden auf. Für die Abdichtung der Kohlenmeiler war diese Gegebenheit sicher ideal.

Bild: rechts im Bild - Lage der ehemaligen Erdölbohrstelle "Wienhausen Nr. 2" bei Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Am 19. Februar 1945 gegen Mittags – Strothmann befand erneut bei den SS-Köhlern – setzte unvermittelt ein Tieffliegerangriff auf die Bahnstrecke Celle-Gifhorn ein. Von einer Anhöhe im Wald beobachtete Strothmann, wie zwei alliierte Kampfflugzeuge einen Personenzug beschossen, der in Richtung Langlingen unterwegs war. In mehreren Anläufen beschossen die Flugzeuge den Zug – drei Menschen starben. Die Verletzten wurden in die Celler Krankenhäuser gebracht.[5] Strothmann selbst blieb während des Tieffliegerangriffs bei der Köhler-Kompanie in Deckung.

Bis zum Herannahen der Front, blieben die Soldaten der Köhler-Kompanie in Wienhausen. Um den 8. April 1945 trafen in der Gegend zunehmend zurückflutende deutsche Truppenteile ein. Die SS-Köhler schlossen sich dieser Absetzungsbewegung an. Was sie noch tragen konnten, verluden sie auf ihren Anhänger und den Raupenschlepper und fuhren in Richtung Uelzen. Bei Neu Darchau überquerten sie die Elbe auf einer Fähre. Durch Ludwigslust gelangte die Gruppe weiter nach Osten – bis wohin genau, war Strothmann nicht bekannt. 

Offenbar gerieten die Soldaten der Köhler-Kompanie in Gefangenschaft, konnten sich jedoch aus einem provisorisch eingezäunten Sammelbereich bei Dunkelheit absetzen. In den Nächten marschierten sie durch Waldgebiete – tagsüber hielten sie sich versteckt. Mit einem alten, notdürftig reparierten Kahn setzten sie wieder zurück über die Elbe. Nach mehreren Tagen Fußmarsch kamen die SS-Köhler wieder in Wienhausen an. Wohin sie von hieraus weiter gelangten, wusste Strothmann nicht mehr. Allerdings hätte er wohl kaum etwas über den abenteuerlichen Rückmarsch der Truppe erfahren können, wenn diese nicht tatsächlich wieder in Wienhausen Halt gemacht hätte.

Bild: Ausschnitt aus Unterlagen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain. 

Aus den Aufzeichnungen Vopersals geht hervor, dass im Verlauf des Sommers 1944 insgesamt drei selbstständige Köhler-Kompanien der Waffen-SS aufgestellt wurden.[6] Dies basierte allerdings lediglich auf den Hinweisen, die Vopersal von ehemaligen Angehörigen dieser Einheiten erhalten hatte. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es darüber hinaus weitere Köhler-Kompanien gab oder dass diese im Zeitablauf anders gegliedert waren. 

Laut Vopersal wurde die 1. SS-Köhler-Kompanie bei der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der SS in Wien im Juli 1944 aufgestellt. Es ist als unwahrscheinlich anzusehen werden, dass von dieser Einheit Teile nach Norddeutschland gelangt sind. 

Die 2. SS-Köhler-Kompanie wurde durch das Amt X, d.h. das Amt für Kraftfahrzeugwesen beim SS-Führungshauptamt Bereich des Scharmützelsees südöstlich von Berlin aufgestellt. Die Aufgabe der Einheit bestand darin, den Bedarf an Holzkohle und Tankholz für den Kraftfahrzeugpark des SS-Führungshauptamtes sicherzustellen. 

Die 3. SS-Köhler-Kompanie wurde mit Wirkung vom 2. Mai 1944 in Stadtroda (Thüringen) aufgestellt. Nach den Informationen Vorpersals verteilte sich diese Kompanie auf Meiler- und Tankholzsstationen in Böhmisch-Mähren, Deutsch-Eylau, Aila/Thüringen, Unna, Westf. Radolfzell und Eichstätt.[7]

Bild: Gliederung der sog. Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain. 

Die weite Streuung der Einheiten der 3. SS-Köhler-Kompanie überrascht. Sofern dies den damaligen Verhältnissen entsprach, könnte die Köhlereinheit in Wienhausen möglicherweise zu eben dieser 3. SS-Köhler-Kompanie gehört haben. Denkbar wäre aber auch, dass tatsächlich mehr als diese drei SS-Köhler-Kompanien existierten und die Einheit in Wienhausen eventuell einer solchen angehörte.

Neben der militärischen Zugehörigkeit jener SS-Köhlereinheit bei Wienhausen ist bislang auch ihr genauer Einsatzort bei Kriegsende unbekannt. Quellenseitig ist belegt, dass die genannten SS-Köhler-Kompanien – trotz mangelnder Ausbildung und Ausrüstung – zuletzt zu Kampfeinsätzen herangezogen worden sind. Laut Strothmann verfügten die SS-Köhler lediglich über Handfeuerwaffen – Karabiner des Typs 98. Eine Kampfausbildung hatten vermutlich die wenigsten von ihnen.

Relativ gut dokumentiert ist der Einsatz der 2. Köhler-Kompanie als Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des „Unternehmens Eisberg“. Es galt die aus Berlin ausgelagerten Einrichtungen des SS-Führungshauptamtes südwestlich von Berlin gegen vorrückende Verbände der Roten Armee zu verteidigen. Entsprechende Aufstellungsbefehle belegen die Gliederung der hierzu herangezogenen Truppenteile ab dem 31. Januar 1945. Genannt wird dabei auch die 2. Köhler-Kompanie und ihr Einsatzraum bei Bad Saarow am Scharmützelsee.[8]

Obwohl der Abzug der SS-Köhler aus Wienhausen in östliche Richtung auf den ersten Blick zu diesen Ereignissen zu passen scheint, ist es fraglich, ob die rund zwanzig Mann starke Gruppe tatsächlich zu den operativen Vorbereitungen des „Unternehmens Eisberg“ gehörte. Insbesondere die Tatsache, dass die Köhler-Einheit aus Wienhausen erst Anfang April abrückte, spricht eher dagegen. Wahrscheinlicher ist es, dass die Einheit aus Wienhausen bei Kriegsende in einem anderen Frontabschnitt eingesetzt werden sollte. Nach Aussage Strothmanns kam die Gruppe kurz nach Kriegsende wieder vollständig nach Wienhausen zurück. Dies könnte bedeuten, dass sie nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligt gewesen ist.

Im Gespräch kam Strothmann seinerzeit eher beiläufig auf die SS-Köhlereinheit. Auf Rückfragen konnte er dann jedoch erstaunlich viele Details benennen. Sein Zeitzeugenbericht vervollständigt die Recherchen rund um die historischen Zusammenhänge währen des Zweiten Weltkriegs in Wienhausen.

H. Altmann

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Stand:     04.02.2026

[1] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[2] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[3] Bundesarchiv, Unterlagen zum Einsatz der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg, https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/unterlagen-zum-einsatz-der-waffen-ss-im-zweiten-weltkrieg/, abgerufen: 01.12.2025.
[4] Vopersal, Die Prüf- und Versuchsabteilung der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der Waffen-SS in Wien (1941 – 1945), in: Der Freiwillige 17/1976.
[5] Hendrik Altmann, Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945, Blogeintrag: www.found-places.blogspot.com2015/02/tieffliegerangriff-bei-wienhausen-am-19.html.
[6] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[7] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[8] Befehl für Gliederung, Ausbildung und Einsatz der Alarmeinheiten des SS-FHA vom 31.01.1945, NARA, T-175 R-169.


Sonntag, 4. Januar 2026

Existierte zwischen Osterloh und Oppershausen eine alte Mühle?

Möchte man heute in der Landschaft den eigenen Standort bestimmen oder einen Grenzverlauf nachvollziehen, reicht häufig bereits ein Smartphone aus. Noch vor rund 200 Jahren existierten dagegen nur wenige präzise Landkarten unserer näheren Umgebung. Die dörflichen Grenzen hatten weniger einen politischen sondern vielmehr einen wirtschaftlich geprägten Charakter. Relevant waren insbesondere die traditionellen Weideberechtigungen, die mangels überregionaler Festlegung nicht selten Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten waren.

Ohnehin war die Landschaft individueller ausgestaltet, als es heutzutage der Fall ist. Äcker und Wiesen wurden regelmäßig nicht gradlinig angelegt, denn rundliche Feldfluren eigneten sich besser für die Bewirtschaftung mit Gespannen. Auch war die Landschaft viel stärker durch althergebrachte Flurbezeichnungen geprägt. Von diesen sind im Laufe der Zeit viele abhanden gekommen. Dies nicht zuletzt, weil man die alten Bezeichnungen nach umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen im 19. Und 20. Jahrhundert schlichtweg nicht mehr benötigte. Mit den alten Flurnamen geriet jedoch auch die historische Geländenutzung in Vergessenheit.

Auch wenn der Niedergang der dörflichen Romantik beklagenswert sein mag – durch die Auswertung historischer Quellen bieten sich nun umso spannendere Einblicke in die längst vergangene Regionalgeschichte. Ein Beispiel hierfür sind die historischen Hinweise auf eine alte Mühle, die sich einst nördlich der Aller zwischen Oppershausen und Osterloh befunden haben könnte.


Recherche in historischen Karten...

Die vielzitierte Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1781[1] weist an der besagten Stelle unmittelbar am Rande der Oppershäuser Gemarkung den Flurnamen „Mühlenberg“ aus. Durch die dunkle Schraffierung wird in der Karte deutlich auf eine Geländeerhebung hingewiesen. Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs verlief ein Weg. In der Karte direkt benachbarte Feldfluren weisen auf alte Äcker in direkter Nachbarschaft hin. Gebäude sind in der Karte nicht verzeichnet.

Bild: Mühlenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781. 

Zusätzliche Informationen liefert eine historische Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung“, die Ende des 18. Jahrhunderts von der Topografischen Landesaufnahme kopiert wurde.[2] In dieser Karte ist der Mühlenberg als „Mullenberg“ verzeichnet. 

Unmittelbar nördlich sind ebenfalls die o.g. Ackerflächen verzeichnet. Weiter nördlich schließt sich eine als „Mullenheide“ bezeichnete Fläche an. Es steht zu vermuten, dass in dieser Karte ältere Flurnamen aufgenommen worden sind, die in der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1781 keinen Eingang fanden.

Bild: Mullenheide und Mullenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung", NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg, public domain. 

Als eine weitere historische Karte gibt die „Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen“, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann näheren Aufschluss über die lokalen Begebenheiten.[3] Es handelt sich hierbei um die Karte, in der die örtlichen Zustände vor und nach der sogenannten Real- und Spezialteilung festgehalten worden sind. Diese allgemein auch als Verkoppelung bezeichnete Flurbereinigung zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte einen der umfangreichsten organisatorischen Eingriffe in die traditionell gewachsene dörfliche Feldflur dar. 

Die Verkoppelungskarte weist an der Stelle der genannten Flurbezeichnungen – abweichend zu den älteren Kartenwerken – auf die Flur „Im Mollershoop“ hin. In der angrenzenden „Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle“, aufgemessen im Jahre 1849 durch B.F. Walte ist ein Weg, der aus Osterloh in Richtung Oppershausen führt mit der Bezeichnung „nach dem Möllershoop“ versehen.[4]

Bild: Mollershoop zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Ausschnitt der Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann. 

In den später erschienenen Kartenwerken des 19. und 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise dem fortgeführten Preußischen Messtischblatt, werden die genannten Flurnamen nicht mehr erwähnt. 

Erst in der aktuellen Ausgabe der topografischen Karte 1:25.000 tauchen die Flurnamen „Im Möllershoop und Lippelsberg“, „Möllerhoopsweg“ und „Möllershop“ wieder auf. Allerdings sind sie an völlig anderen Stellen verortet, als in den historischen Karten. So beispielsweise ist der „Möllershop“ um ca. 700 Meter in westliche Richtung gewandert.


Deutung der Flurnamen

Es ist anzunehmen, dass der Möllershoop auf eine ehemalige Hofstelle des Müllers hinweist. Der Mühlen- bzw. Mullenberg mag die Anhöhe bezeichnen auf oder bei der sich die alte Mühle befand. Die Mullenheide scheint dagegen eine angrenzende Heidefläche gewesen zu sein, die nur aufgrund ihrer Nähe zum Müllerhof und der Mühle ihre Bezeichnung erhielt. Heideflächen gehörten vor der Real- und Spezialteilung im Regelfall zur sogenannten Allmende und waren damit der Allgemeinheit zugänglich. Dass die Mullenheide zum Müllerhof gehörte ist daher unwahrscheinlich.

Bild: alte Eichen im Bereich des Möllerhoops heute. Quelle: H. Altmann, 2025

Die historischen Flurnamen konzentrierten sich ursprünglich auf einer begrenzten Fläche. Erst durch – vermutlich falsche Übernahme aus anderen Karten – verschoben sich die Flurbezeichnungen später. 

Alle genannten Flurnamen deuten auf das Vorhandensein einer alten Mühle und eventuell sogar auf eine Hofstelle hin. Eine alte Mühle vermuteten bereits Paul Alpers und Friedrich Barenscheer in dieser Gegend.[5] Allerdings gingen sie offenbar aufgrund der Wegbezeichnung davon aus, dass die Mühle bei Osterloh gestanden habe.


Schriftliche Quellen?

Mühlen waren einst ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt. Sie transformierten den Rohstoff Getreide in das Lebensmittelvorprodukt Mehl und waren somit essentiell für die vorindustrielle Gesellschaft. Auch wirtschaftlich hatten Mühlen regelmäßig große Bedeutung, denn die Bauern konnten ihr Getreide üblicherweise nicht selber mahlen – sie mussten es abliefern und für die Dienstleistung des Müllers ein Entgelt entrichten. Es liegt auf der Hand, dass Mühlen anhand schriftlicher Quellen teilweise bis ins Mittelalter gut belegbar sind. Sie waren regelmäßig Gegenstand herrschaftlicher Urkunden und wurden als solche darin vielfach erwähnt.

Auch in Bezug auf die vermutete Mühle am Rande der Oppershäuser Gemarkung scheint es, als gäbe es eindeutige schriftliche Belege. Mit gesiegelter Urkunde vom 6. Mai 1590 belehnt Wilhelm, Landgraf zu Hessen, Hans von Oldershausen, Sohn Dietrichs, nebst seinen Brüdern Thomas, Lippolt und Dietrich mit 4 Hufen zu Hasen und einer Mühle zu Oppershausen.[6] Bis in das Jahr 1674 finden sich in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs urkundliche Hinweise auf diese Mühle zu Oppershausen.[7] 

Es verlockt, diese Quellen mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen im Landkreis Celle in Verbindung zu bringen. Immerhin ist in unmittelbarer Nähe des vermeintlichen Standorts der Mühle sowie des Müllerhofs auch der Flurname „Lippoltsberg“ zu finden. Es handelt sich hierbei um eine der höchsten Binnendünen in der Samtgemeinde Flotwedel. Die Sage, ein Riese namens Lippolt habe an dieser Stelle den Sand aus seinen Schuhen ausgeschüttet[8], mag zum Schmunzeln anregen – die Namensherkunft klärt sie jedoch nicht.

Bei genauer Durchsicht der urschriftlichen Quellen zeigt sich jedoch: die genannten Urkunden können nicht mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen in Verbindung gebracht werden. Das alte niedersächsische Adelsgeschlecht der von Oldershausen wurde mit den Urkunden wahrscheinlicher mit der Mühle in Opperhausen, nördlich von Kalefeld, beliehen. Für den vermuteten Mühlenstandort der Oppershäuser Mühle fehlen somit bislang schriftliche Quellenbelege. Möglicherweise ein Indiz darauf, dass es sich um eine private Mühle gehandelt haben könnte. Doch auch die örtlich einschlägigen Schatzregister schweigen zu der vermuteten Mühle.


Erkenntnisse aus Ortsbegehungen

In historischen Karten des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind keinerlei Gebäude im Bereich des Mühlenbergs bzw. des Müllerhofes verzeichnet. Möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits längst abgebrochen waren. Umso anspruchsvoller gestaltet es sich heute, also rund 250 Jahre später, im Gelände noch sichtbare Spuren zu finden. 

Unterstützt werden die Untersuchungen vor Ort durch moderne Laserscanaufnahmen. Diese geben Aufschluss über Bodenunebenheiten – auch wenn diese so schwach ausgeprägt sind, dass sie dem menschlichen Auge ansonsten verborgen bleiben würden.

Bild: Mühlenberg heute. Quelle: H. Altmann, 2025

Die in den historischen Karten als „Mühlenberg“ bezeichnete Stelle hebt sich als markantes Plateau vom übrigen Gelände ab. Mit einer Breite von rund 40 Metern und einer Länge von etwa 60 Metern wäre der Mühlenberg groß genug gewesen, um eine Mühle darauf zu errichten. 

Zwar befindet sich unmittelbar südlich an den Mühlenberg angrenzend ein Tümpel, der vermutlich von einem alten Flussarm der Aller stammen kann. Dieser Altarm muss jedoch bereits vor sehr langer Zeit von der Aller abgeschnitten gewesen sein. In den historischen Karten wurde er nicht verzeichnet. Dieser Erkenntnis folgend, spräche einiges dagegen, dass es sich bei der vermuteten Mühle um eine Wassermühle handelte. Stattdessen liegt es näher, dass es sich um eine Windmühle – sehr wahrscheinlich auf dem exponierten Plateau des Mühlenbergs – gehandelt haben dürfte.

Bild: Mühlenberg heute - im Vordergrund: verlandeter Altarm der Aller. Quelle: H. Altmann, 2025

Die Laserscandaten liefern weitere Erkenntnisse im Bereich des mutmaßlichen Mühlenstandorts. Bereits die historischen Karten weisen darauf hin, dass sich in unmittelbarer Nähe des „Möllerhoops“ d.h. des Müllerhofes einst alte Ackerfläche befanden. Dies wird durch die Laserscanaufnahmen bestätigt. 

Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs liegen schwach ausgeprägte Strukturen von Wölbäckern, die sich eindeutig von der Umgebung abgrenzen. Weiter nordöstlich des Mühlenbergs befindet sich ein kleinerer umwallter Kamp. Dieser ist auch in den historischen Karten verzeichnet worden. Aus diesen lässt sich schließen, dass die Umwallung des Kamps sehr wahrscheinlich angelegt wurde, weil dieser in der „Mullenheide“ lag. Die Umwallung war somit erforderlich, um den Privatbesitz von der Allmende abzugrenzen. 

Umgeben ist der Kamp von angepflanzten Eichen. Mit einem gemessenen Stammumfang von ca. 2,5 Metern sind diese Eichen rund 120 Jahre alt und damit zu jung, um über das tatsächliche Alter des Kamps oder gar der „Mullenheide“ Aufschluss geben zu können. Diese müssen bereits bei der Erstellung der Kurhannoverschen Landesaufnahme im Jahr 1781 vorhanden gewesen sein. Bei den heutigen Eichen scheint es sich demzufolge um spätere Nachpflanzungen zu handeln.

Bild: Begrenzung des alten Kamps nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.

Nördlich des alten Kamps zeichnen sich in den Laserscanaufnahmen deutlich die Überreste alter Flussmeander ab. Ortsbegehungen bestätigen dies – tatsächlich zeigen sich im Gelände entsprechende Relief- und Bewuchsmerkmale. 

Die alten Flussschleifen scheinen jedoch deutlich älter sein und dürften mit der vermuteten Mühle nichts zu tun gehabt haben.

Bild: Überreste alter Flussmeander nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.

Markant sticht in den Laserscanaufnahmen ein leicht geschwungener Graben hervor, der aus Richtung Süden auf den alten „Möllerhoopsweg“ trifft. In diesem Bereich befindet sich eine kleine Senke, in der eine rechteckige Bodenstruktur auffällt. Ihren Ausmaßen zufolge könnte es sich um ein altes Gebäudefundament handeln. Diese Bodenstruktur liegt inmitten der alten Wölbäcker.


Weitere Nachforschungen erforderlich

Mehrere eindeutige Flurnahmen sowie alte Äcker deuten auf die Existenz der alten Mühle hin. Inwiefern die vorhandenen Bodenstrukturen hierzu passen, kann möglicherweise im Rahmen weiterer Nachforschungen geklärt werden. Ebenso sind weitere Untersuchungen zu möglicherweise noch vorhandenen schriftlichen Quellen nötig. 

So bleibt bis auf Weiteres lediglich die substantiierte Annahme, dass es zwischen Osterloh und Oppershausen einen ehemaligen Mühlenstandorts gab.

Hendrik Altmann


Stand: 01/2026

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[1] Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781.

[2] NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg.

[3] NLA Hann.; Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, Celle 211.

[4] NLA Hann.; Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle, Celle 203.

[5] Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, S. 162.

[6] NLA HA Dep. 31 A Nr. 157

[7] NLA HA Dep. 31 A Nr. 256

[8] Aplers/Breling, Celler Sagen aus Stadt und Land, S. 8 f.




Donnerstag, 27. November 2025

Dorfchronik Offensen-Schwachhausen



Im Landkreis Celle zählen Offensen und Schwachhausen eher zu den kleineren Dörfern. Flughäfen, Einkaufszentren oder Schwimmbäder sucht man hier vergebens. Aber: beide Ortschaften haben in der Vergangenheit Großes geleistet und setzen diese Tradition bis heute fort.

Als Pionierin der regionalen Stromversorgung versorgte die Staugenossenschaft Offensen-Schwachhausen die nähere Umgebung früher erstmals mit Elektrizität. Seit Jahrzehnten richten Offensen und Schwachhausen alle vier Jahre eines der größten Schützenfeste im Landkreis aus. Althergebrachte Traditionen werden gelebt, an nachfolgende Generationen weitergegeben und neue Dorfbewohner werden aktiv in das Dorfleben integriert. Aus der Geschichte und der Gegenwart von Offensen und Schwachhausen gibt es einiges zu berichten. 

Es ist daher nur konsequent, dass die nun fertiggestellte Dorfchronik mit über 1.000 Seiten als eine der umfangreichsten im Kreisgebiet erscheint.


Bild: Auszug aus der Chronik. Quelle: H. Altmann. 

Die Dorfchronik berichtet ausführlich über die Entstehung, Entwicklung und alle Details der Dörfer Offensen und Schwachhausen. 

Von den archäologischen Urnenfunden in der Feldmark über die adeligen Gutssitze bis zum Bau der Eisenbahn – von den landwirtschaftlichen Entwicklungen und Erdölbohrungen – bis hin zu den Ereignissen des Siebenjährigen Krieges sowie des Ersten und des Zweiten Weltkriegs – präsentiert die Chronik ein umfassendes Werk zur Aufarbeitung der dörflichen Geschichte.

Bild: Kupferstich des ehemaligen adeligen Sitzes Schwachhausen. Quelle: Sammlung Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V. 

Bild: Bau der Allerbrücke Schwachhausen im Jahr 1931. Quelle: Sammlung Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V. 

Bild: Landwirtschaft in früheren Zeiten in Offensen. Quelle: H. Altmann. 

Bild: das alte Feuerwehrhaus in Offsensen. Quelle: Sammlung Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V. 

Bild: Tradition bis heute - der sog. Katersteig an Pfingsten. Quelle: H. Altmann. 

In der Vergangenheit war der Erfolg zahlreicher Projekte nicht zuletzt auf den gemeinschaftlichen Einsatz der Dorfbewohner zurückzuführen. In guten wie in schlechten Zeiten bewies die Dorfgemeinschaft einen festen Zusammenhalt. Die tragende Gemeinschaft schaffte es unter anderem, in der Nachkriegszeit hunderten Flüchtlingen ein sicheres Zuhause zu bieten. 

Erneut zeigte sich der dörfliche Zusammenhalt bei dem schweren Hochwasser im Winter 2023/2024 als Häuser, Höfe und Felder durch die Wassermassen der Aller bedroht waren.

Bild: Hochwasser 2023/2024 in Schwachhausen. Quelle: H. Altmann. 

Die nun fertiggestellte Dorfchronik ist mehr als eine Zusammenfassung historisch relevanter Daten. Über dreizehn Jahre lang arbeitete das Chronikteam des Heimatvereins Offensen-Schwachhausen e.V. intensiv an der Realisierung des Projekts. Die Erstellung der gebundenen Dorfchronik war dabei ein wesentlicher – bei Weitem jedoch nicht der einzige – Bestandteil. 

Zahlreiche Vortragsveranstaltungen, umfangreiche Quellenauswertungen, Gespräche und nicht zuletzt die Installation von 22 Hinweis- sowie zusätzlich zweier großer Informationstafeln im Zuge des sogenannten "Lebendigen Archivs" gehörten ebenfalls zur Verwirklichung des Chronik-Projekts.

Bild: v. Links: Hendrik Altmann und Hans-Heinrich Heidmann vor der Informationstafel in Offensen. Quelle: Sammlung Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V. 

Die Chronik wurde damit zu einem weiteren Projekt der Dorfgemeinschaft. Ihre Erstellung erfolgte im Auftrag des Heimatvereins Offensen-Schwachhausen e.V. unter der Leitung von Hans-Heinrich Heidmann. 

Das umfangreiche Werk wurde vom Chronikteam in Eigenarbeit erstellt. Von der Bearbeitung der Texte bis zur Erstellung der Druckdaten erfolgte die Bearbeitung ausschließlich durch das Chronikteam des Heimatvereins.

Bild: das Chronikteam im Jahr 2025. Quelle: H. Altmann. 

Die Chronik wirkt über die Dorfgrenzen hinaus. Eingebettet in die heutige Samtgemeinde Flotwedel gibt es zahlreiche thematische Überschneidungen zu den angrenzenden Gebieten von Offensen und Schwachhausen. Inhaltlich verkörpert die Chronik den dörflichen Leitgedanken „Altes erhalte – Neues gestalte“. Daher haben Ereignisse bis einschließlich des Jahres 2025 Eingang in die Dorfchronik gefunden.

Die Dorfchronik kann vorbestellt werden (siehe unten). Da das Buch mit über 1.000 Seiten recht gewichtig ist, bietet sich ein postalischer Versand nicht an – ist grundsätzlich aber möglich. Nach Kontaktaufnahme (siehe unten) wird alles Weitere per E-Mail mitgeteilt.

H. Altmann

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Bestellungen an: found-places@live.de

Bitte die Empfängeradresse und gewünschte Stückzahl angeben.

Preis: 30,00 EUR, ggf. zzgl. Versandkosten

Verfügbarkeit: ab 15.12.2025 – nur solange der Vorrat reicht.





Montag, 25. August 2025

Die vergessenen Köhlerplätze in der Südheide


Im Rahmen der Auswertung von Laserscanaufnahmen im Bereich der heutigen Gemeinde Südheide konnte eine erhebliche Anzahl flacher, rundlicher Hügelstrukturen identifiziert werden. Bodenproben und die Auswertung historischer Quellen legen nahe, dass es sich hierbei um ehemalige Köhlerplätze handelt. Die Auswertung der vorhandenen Informationen gewährt einen Einblick in einen Wirtschaftszweig, der in den zurückliegenden 200 Jahren stark in Vergessenheit geraten ist.

Die Landschaft der Südheide hat sich in den zurückliegenden 200 Jahren erheblich gewandelt. Historische Kartenwerke, wie beispielsweise das im Jahr 1838 erschienene Hermannsburger Kartenblatt des „Topografischen Atlas des Königreis Hannover und Herzogtums Braunschweig von August Papen“[1] zeigen die Gegend zwischen Hermannsburg, Eschede und Hösseringen noch als größtenteils offene Heidelandschaft. Geprägt war diese durch weitläufige Heideflächen, die lediglich vereinzelt durch die – zumeist herrschaftlichen – Holtzungen unterbrochen wurden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, insbesondere als Folge der Flurreform im Zuge der Real- und Spezialteilung, die intensive Aufforstung der Heide. Der Celler Studienrat und Kommissar für Naturdenkmalpflege, Dr. Hermann Rüggeberg, konstatierte hierzu[2]:

„(...) Seit etwa 1860 geht die Fläche der Heide jährlich um Tausende von Morgen zurück. Nicht lange mehr wird es dauern und auch wir in unserer Südheide müssen mühsam suchen, wenn wir noch ein Stückchen davon finden wollen, das uns nur eine schwache Vorstellung von früheren Weiten gibt. (...) Das Reich der braunen Heide, von der Aller bis zur Elbe, einst nur unterbrochen von laubholzumsäumten Bächen, den grünen Flächen der Hofeichen in den Dörfern und einigen urwüchsigen Waldbeständen wie dem Lüßwalde, der Göhrde und der Raubkammer, wird jetzt immer mehr zu einer zusammenhängenden Kiefernforst, deren Schönheit zu entdecken späteren Generationen vorbehalten bleiben mag. (...)“

Bild: Landschaftsverhältnisse in Niedersachsen gegen Ende des 18. Jahrhunderts. 

Mit seiner Einschätzung lag Rüggeberg scheinbar nicht ganz falsch, denn die in der Südheide noch vorhandenen Heideflächen dürften ihre Existenz vorrangig dem Umstand verdanken, dass sie mittlerweile größtenteils unter Naturschutz stehen. Das äußere Erscheinungsbild ist jedoch nur ein Teilaspekt der gänzlich veränderten wirtschaftlichen Nutzungsweise der Landschaft. Aus der extensiven Weidehaltung auf den Flächen der allgemein verfügbaren Allmende entwickelte sich die zunehmende forstwirtschaftliche Nutzung. Hiermit einhergehend verschwanden auch einige gut erkennbare Spuren älterer Zeiten, bzw. wurden durch Bewuchs und Humusauftrag verdeckt. Aus heutiger Sicht ist es eine Herausforderung, die noch vorhandenen Spuren aufzuspüren und zu interpretieren.

Eine fortschrittliche Technologie, um in der Weite der heutigen Kiefernwälder der Südheide historische Spuren der einstigen Kulturlandschaft zu entdecken, ist die Auswertung sogenannter Lidar-Aufnahmen. Die Abkürzung steht für „Light imaging, detection and ranging“ – kurz gesagt eine Methode, um Abstand und Geschwindigkeit zu messen. Das Verfahren ist vielseitig einsetzbar. In der modernen Archäologie dient es dazu, Bodenunebenheiten zu bildlich darzustellen. Mittels feiner Laserabtastung können auch in Waldgebieten die Höhenverhältnisse des Bodens dargestellt werden. 

Störender Bewuchs durch Bäume und Sträucher wird ausgeblendet. Dies ist insbesondere in den Wäldern der Südheide von Vorteil, da hier, neben dem Waldbestand, auch ein dichter Bodenbewuchs durch Heidelbeeren vorhanden ist. Dieser gleicht natürliche sowie menschengemachte Unebenheiten nahezu vollständig aus. Erst die Auswertung von Lidar-Aufnahmen liefert in solchen Gegenden nähere Erkenntnisse über die tatsächliche Bodenbeschaffenheit.

Bild: Auswertung von LIDAR-Scans im Bereich des Lüßwaldes. Deutlich erkennbar sind die markierten, rundlichen Bodenstrukturen.. 

Im Rahmen der systematischen Auswertung der Lidar-Scans konnte eine Reihe auffälliger Bodenstrukturen in den Wäldern der Gemeinde Südheide ausfindig gemacht werden. Es handelt sich um kreisrunde abgeflachte Hügel. Diese weisen jeweils einen Durchmesser von etwa drei bis vier Meter und eine Höhe von bis zu rund 50 Zentimeter auf. Mit dem bloßen Auge wären diese unscheinbaren Relikte kaum auszumachen. Hinzu kommt, dass die flachen Hügel abseits von Wegen mitten im Wald liegen. 

Aufzufinden sind sie meistens in Gruppen mehrerer gleichartiger Hügel. Derartige Gruppierungen sind nördlich von Queloh, Starkshorn sowie südlich von Schafstall und südlich wie auch östlich von Unterlüß anzutreffen. Rund 70 dieser Hügel konnten im Bereich der genannten Orte im Gelände nachgewiesen werden. Weitere befinden sich im Wald südlich von Rebberlah sowie im Waldgebiet der Sprache zwischen Lachtehausen und Lachendorf. Es stellt sich die Frage, was es mit diesen Bodenstrukturen auf sich haben könnte.

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen und hierbei durchgeführten Probegrabungen zeigten sich im Bereich der Hügel jeweils Reste von Holzkohle in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. In direkter Umgebung der Hügel wurde dagegen keine Holzkohle im Boden aufgefunden. 

Ein Zusammenhang mit Waldbränden kann somit ausgeschlossen werden. Es ist nachgewiesen, dass der Holzkohleauftrag lediglich im unmittelbaren Bereich der Hügel vorliegt. Es kam daher die Vermutung auf, dass ein Zusammenhang zu ehemaligen Köhlerstätten bzw. Kohlenmeilern bestehen könnte.

Bild: Probegrabung an einem Verdachtspunkt. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus der Probegrabung. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus der Probegrabung. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bekanntermaßen stellt die Köhlerei ein Verfahren zur Gewinnung von Holzkohle dar, bei dem mitunter Scheitholz, aber auch minderwertige Holzsorten, wie Stuckenholz – zumeist aufgeschichtet – mit Erde überhäuft wird und dann unter nahezu vollständigem Luftabschluss verkohlt. Die Meiler brennen tagelang und unter ständiger Beaufsichtigung des Kohlmeisters bzw. des Köhlers. Das Endprodukt – die Holzkohle – weist einen entscheidenden Vorteil auf gegenüber dem Rohholz auf: das geringere Gewicht. In Zeiten, in denen der Großteil der Fracht mit Pferd und Wagen transportiert werden musste, war es deutlich wirtschaftlicher, einen Karren Holzkohle, statt einem Karren Rohholz zu transportieren. 

Hinzu kam, dass früher in der breiten Bevölkerung ein erheblicher Brennholzverbrauch pro Kopf bestand. Auch der Betrieb von Hochöfen erfolgte bis ins 19. Jahrhundert meistens mit Holzkohle, bis sich schließlich die Umstellung auf den Einsatz von Steinkohle durchsetzte.[3] Damit bestand jedenfalls in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung ein erheblicher Bedarf an Holzkohle.

Die Köhlerei reihte sich in ein forstwirtschaftliches System, das im Ergebnis zu einer erheblich gründlicheren Holznutzung führte, als dies heutzutage der Fall ist.[4] Erst nachdem Werk- und Bauholz aus dem Waldbestand herausgeschlagen waren, verwerteten Holz- und Kohlenbrenner die Reste – unter anderem die ansonsten wertlosen Stucken.

Obgleich ein Zusammenhang der im Gelände nachgewiesenen Holzkohlehügel mit ehemaligen Kohlenmeilern naheliegend erscheint, reichen diese Indizien noch nicht für eine abschließende Bestätigung aus. Wie eingangs dargelegt, hat sich das Landschaftsbild der Südheide im Zeitablauf stark gewandelt. Bei vielen der heutigen Waldflächen handelte es sich vor rund 200 Jahren um Heideflächen. Es darf insoweit als recht unwahrscheinlich angenommen werden, dass Kohlenmeiler auf offenen Heideflächen angelegt wurden, zu denen man das schwere Holz zunächst umständlich hätte transportieren müssen.

Bild: Lage der Köhlerplätze zwischen Starkshorn, Siedenholz und Unterlüß, markiert in der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1778 bzw. 1777, Kartenblätter Hermannsburg und Holdenstedt.

Die genaue Lokalisierung und Einmessung der Köhlerplätze ermöglicht einen Abgleich mit den kulturhistorischen Landschaftsverhältnissen anhand von historischen Kartenwerken. Diese lassen sich anhand aktueller Geodaten mittels Satellitenbildern georeferenzieren, so dass die Informationen aus den historischen Karten mit den eingemessenen Standorten der Köhlerplätze abgleichen werden können. Hierfür wurden insbesondere die Kartenwerke der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1777[5] sowie der Topografische Atlas des Königreichs Hannover und Herzogtums Braunschweig von August Papen aus dem Jahr 1838[6] herangezogen. 

Im direkten Abgleich zeigt sich, dass die Köhlerplätze insbesondere im Bereich der ehemals königlichen Holzungen des Hassel sowie des Lüß konzentriert waren. Die Holzkohlehügel befanden sich demzufolge nicht auf offenen Heideflächen, sondern im Bereich ehemals dichter Wälder. Gleichwohl ist festzustellen, dass sich das Erscheinungsbild dieser Bereich heutzutage kaum von der Bewaldung der umliegenden Kiefernforsten unterscheidet.

Bild: Lage der Köhlerplätze zwischen Starkshorn, Siedenholz und Unterlüß, markiert in Google Earth. 

Es stellt sich die Frage, ob für den Bereich der Südheide quellenmäßige Überlieferungen für die Köhlerei existieren. In einem Beitrag über das Forstwesen in der Lüneburger Heide hielt der Regierungs- und Forstrat Berthold diesbezüglich fest:[7]

„Die Köhlerei, andernorts ehemals von Poesie umwoben, hat in der Heide niemals große Ausdehnung gehabt.“

Fest steht, dass der Regierungs- und Forstrat Berthold (1876 – 1963) die Blütezeit der Köhlerei in seinen eigenen Zuständigkeitsbereichen selber nicht erlebt haben dürfte. Diese zählte zwar schwerpunktmäßig zu den Nebenbetrieben der Forstverwaltung[8] - ihr Hauptfeld lag allerdings im Bereich des Harzes. Der Darstellung über die forstwirtschaftlichen Verhältnisse des Königreichs Hannover von Burckhardt ist zu entnehmen, dass im Durchschnitt der vier Rechnungsjahre 1859 bis 1864 in den dortigen Kohlenmeilern insgesamt 45.182 Normalklafter (= ca. 112.855 Kubikmeter Holz) Kohlholz, d.h. Scheit- Knüppel-, Stöcker- und Stuckenholz, verkohlt wurden.[9] In den Lüneburger Landen wurden im gleichen Zeitraum lediglich 6.000 Normalklafter (= ca. 15.000 Kubikmeter Holz) Holz verkohlt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussage Bertholds durchaus zutreffend – die Köhlerei erreichte in der Heide längst nicht dieselbe Bedeutung, die sie in Regionen wie insbesondere dem Harz innehatte. Dennoch belegen die Darstellungen Burckhardts, dass die Köhlerei auch in der hiesigen Gegend präsent gewesen ist.

Bild: bei Forstarbeiten zerstörter Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: bei Forstarbeiten zerstörter Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus dem Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Nicht abschließend geklärt bleibt bis auf Weiteres, in welcher Zeit die Anfänge der Köhlerei im Raum Celle zu suchen sind. Diesbezüglich legen einige Quellen nahe, dass bereits vor den oben genannten Angaben Burckhardts Köhlereistellen in der Celler Gegend unterhalten worden sind. So zeigt der „Grundriss von dem herrschaftlichen privaten Forsten, Die Sprache, der Finkenherdt und das Neue Gehege genannt, welche in der Königlichen und Churfürstlichen Burgvogtei Celle belegen“, aufgenommen durch E. J. Laenge im Jahr 1780, einen Platz im nördlichen Teil der Sprache, der als „vormalige Kohlstellen“ bezeichnet wurde.

Bild: Alte Köhlerstellen in der Sprache bei Lachtehausen/Celle. Quelle: Grundriss von denen Herrschaftlichen privativen Forsten Die Sprache, der Finkenherd und das Neue Gehaege genannt, welche in der Königlichen und Churfürstlichen Burgvoigtei Celle belegen, Zeichner: E. J. Laenge, NLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Lachtehausen 1 k, CC-BY-NC-SA-Lizenz. 

Bei Ortsbegehungen konnten dieselben rundlichen Bodenstrukturen angetroffen werden, wie sie im Bereich der Südheide zu finden sind. Bodenproben ergaben auch für diese Stellen in der Sprache eindeutige Befunde von Holzkohleresten. Es darf damit als gesichert betrachtet werden, dass es sich tatsächlich um ehemalige Köhlerplätze handelt. Die Bezeichnung „vormalige Kohlstellen“ in der historischen Karte legt allerdings nahe, dass diese Köhlerplätze im Jahr 1780 bereits aufgegeben worden waren. Immerhin zeigt dieser Fund, dass im Raum Celle bereits vor 1780, also noch rund 80 Jahre bevor Burckhardt dies für das Königreich Hannover bestätigt, Köhlerei betrieben wurde.

Bild: Holzkohlereste aus einem Kohlemeiler in der Sprache. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bislang liegen zu den Köhlerplätzen lediglich fragmentierte Quellenfunde vor, die allerdings einen interessanten Einblick in die historischen Zusammenhänge geben. Erstmalig ist die Einrichtung eines Köhlereibetriebs in einem Bericht des Oberforstamtes Celle an die Königliche Domänenkammer aus dem Jahr 1848 erwähnt.[10] Die Domänenkammer war als Behörde im Kurfürstentum bzw. im Königreich Hannover für die Finanzverwaltung sowie die fiskalische Verwaltung des staatseigenen Grundbesitzes zuständig. Sie hatte ihren Sitz im Leineschloss in Hannover. 

Im Schreiben vom 20. Juli 1848 berichtete das Celler Oberforstamt, dass in den Forsten der Hermannsburger Amtsverwaltung geringwertiges Holz und Erdstucken vorhanden seien, die keinen Absatz fänden. Daher zeigte man sich erfreut, als sich im Sommer des Jahres 1848 ein Harzer Köhler bereiterklärte 120 Malter[11] dieses minderwertigen Holzes zu verarbeiten.

Nachdem der Köhler jedoch die ersten 80 Malter verkohlt und diese nach Ilsenburg abgefahren hatte, hat er sich nicht mehr sehen lassen.[12] Seine Arbeiter ließ er unbezahlt zurück. Neben dem Holz hatte er offenbar auch die Forstverwaltung gehörig verkohlt. Diese war um Schadensbegrenzung bemüht und überließ den Arbeitern das verbliebene Holz, damit sie es verarbeiten und so ihren gerechten Lohn erhalten konnten. Aus dem leichtfertig gewährten Vertrauensvorschuss gegenüber dem betrügerischen Köhler wollte man offenbar entsprechende Lehren ziehen – das Schreiben der Forstverwaltung schloss mit folgenden Worten:

„Künftig wird übrigens keinem Köhler das Wegschaffen von Kohlen gestattet werden dürfen, ehe er nicht das empfangene Holz bezahlt hat. (...)“

Obwohl diese Erfahrungen der Forstverwaltung mit dem betrügerischen Köhler unerfreulich geendet hatten, wurden Bestrebungen unternommen, die anfallenden Erdstucken einem neuen Köhlereibetrieb zuzuführen. Das Totholz steigerte den Bestand schädlicher Insekten und behinderte den Forstbetrieb. Die Forstverwaltung sah daher in der Köhlerei eine Maßnahme den Wald nachhaltig und gesund bewirtschaften zu können.

Mit Schreiben vom 16. August 1848 eröffnete die Domänenkammer gegenüber dem Celler Oberforstamt, dass die Verwertung der minderwertigen Holzbestände durch einen Köhlereibetreib neu überdacht werden müsse.[13] Bislang sei die Verarbeitung insbesondere aufgrund der Abgelegenheit der Forstreviere unrentabel gewesen – nun ergäben sich durch die Errichtung der Eisenbahnstrecke neue Absatzmöglichkeiten. Gemeint war hiermit die Bahnstrecke zwischen Harburg und Lehrte, die am 1. Mai 1847 in Betrieb genommen wurde. Vor diesem Hintergrund bat die Domänenkammer um Mitteilung, welche Holzmengen aus den Forstbereichen Hankensbüttel, Eschede und Dannhorst im Durchschnitt dem angestrebten Köhlereibetrieb zugeführt werden könnten.[14] 

Konkret strebte man die Einrichtung eines Köhlereibetriebs an, der die minderwertigen Holzbestände vor Ort verkohlte und per Eisenbahn zu den Hüttenwerken im Harz verfrachtete. Aufgrund der Möglichkeit des Bahntransports erhoffte man sich Wettbewerbsvorteile gegenüber den Harzer Köhlereibetrieben, deren Einzugsgebiete regelmäßig schwerer zugänglich waren als die Forsten im norddeutschen Flachland.

Bereits am 23. August 1848 erreichte der Bericht über „disponsibles Holzmaterial zum Köhlerei-Betriebe“ der Forstinspektion Eschede das Celler Oberforstamt.[15] Für einen solchen Betrieb seien alleine die Bereiche der herrschaftlichen Sprache und in den Siedenholzer-, Queloher- und Mieler Forstbehängen geeignet, so die örtliche Forstinspektion. Weiter gab sie an, dass im Neustädter Holze die Stucken von den armen Einwohnern der Celler Vorstädte gerodet würden und alles weitere Kiefernholz dort nicht zur Verkohlung geeignet sei.[16]

Im Garßener Holze sowie im Scheuener Bruch stünden die eingeleiteten Teilungen einer entsprechenden Holzverwertung entgegen.[17] Gemeint waren hiermit die Flurbereinigungsmaßnahmen im Zuge der Real- und Spezialteilung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Raum Celle durchgeführt worden sind. Auch im Bereich der Weyhäuser sowie der Unterlüßer Forstbehänge stünden diese Zusammenhänge einer Verwendung der Holzbestände für einen Köhlereibetrieb entgegen, so die Forstinspektion. Die dortigen Restbestände könnten erst nach Befriedigung der Interessenten der Real- und Spezialteilungen verwendet werden.

Im Bereich der Helmerkämper Forst würden jährlich nur kleinere Flächen abgeholzt und die Nadelholzbestände befänden sich auf tiefgründigem Boden, so die Forstinspektion. Gegen die Einrichtung eines dortigen Köhlereibetriebes wurden außerdem die hohen Transportkosten bis zur Eisenbahn angeführt.

Insgesamt schätzte die Escheder Forstinspektion, dass aus der Sprache rund 520 Klafter Erdstucken und aus den Siedenholzer sowie Queloher Behängen etwa 600 Klafter Erdstucken jährlich für den Köhlereibetrieb bereitgestellt werden könnten. Hinzu kämen für die Jahre 1848 und 1850 zusätzliche 250 Klafter aus dem Mieler Forstbezirk. In Aussicht gestellt wurden außerdem rund 800 Klafter aus den Unterlüßer und Kohlenbacher Forstbehängen, die jedoch erst nach Abschluss der Flurbereinigungsmaßnahmen verfügbar seien. Sofort stünden dem Köhlereibetrieb aus dem Bereich der Escheder Forstinspektion damit 1.250 Klafter Erdstucken und kleinere Bestände minderwertigen Holzes zur Verfügung. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass sich die verfügbaren Holzbestände in einer Entfernung von höchstens 1,5 Stunden zur Eisenbahnstrecke befänden.[18]

Entsprechende Berichte lieferten am 25. August 1848 auch die Forstinspektionen Dannhorst[19] und am 30. August 1848 ebenfalls die Forstinspektion Hankensbüttel[20]. Die Details der darin enthaltenen Aufstellungen über die verfügbaren Holzmengen sollen an dieser Stelle nicht eingehend dargestellt werden. Während die Dannhorster Forstinspektion gehorsamst vermeldete, dass über mehrere Jahre hinweg auch noch aus älteren Abholzungsplätzen Erdstucken gewonnen werden könnten und darüber hinaus „taugliche Kohlplätze oder Meilerstellen überall zu finden“ seien, regten sich im Bereich der Hankensbüttler Forstinspektion mitunter Bedenken gegen die Einrichtung eines Köhlereibetriebs vor Ort. Zwar wurde eine jährliche Menge an Erdstucken von rund 600 Klafter in Aussicht gestellt.[21] 

Im Schreiben an das Celler Oberforstamt bemerkte die Forstinspektion, dass die Distanz zwischen den Köhlerplätzen und dem Verladepunkt an der Bahnstrecke bei Eschede mit mindestens vier Meilen sehr weit entfernt sei. Außerdem wäre die Anlage eines Kohlenschuppens erforderlich, der aus Effizienzgründen im Bereich von Wahrenholz oder Betzhorn anzulegen wäre. Allerdings müssten für ein solches Kohlenmagazin zusätzliche Forstbedienstete angestellt werden, da man mit dem Widerstand der örtlichen Bevölkerung gerechnet wurde. Es sei zu befürchten, dass in dortiger Gegend sich Leute finden werden, die mit der Einrichtung eines Köhlereibetriebs für den Harz unzufrieden sind und die eventuell sogar Brandstiftungen unternehmen könnten, so die Hankensbüttler Forstinspektion.[22] Obgleich diese Darstellung aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirkt, reichte sie das Celler Oberforstamt mit Schreiben vom 2. September 1848 an die Domänenkammer weiter. Die Einrichtung eines Köhlereibetriebs in der Forstinspektion Hankensbüttel wurde damit verworfen.

Mit Schreiben vom 16. September 1848 wandte sich die Domänenkammer in der Angelegenheit schließlich an das Königliche Berg- und Forstamt in Claustal.[23] Das Augenmerk sei darauf gerichtet, die „weniger gesuchten Holzsortimente ertragbar zu machen und (dies) durch eine Verwandlung des Holzes in bessere Kohle“ zu erreichen.[24] Im Folgenden wies die Domänenkammer darauf hin, dass die hergestellte Holzkohle per Eisenbahn zu den Harzer Hüttenwerken angeliefert werden könnte. Synergien entstünden bei dieser Vorgehensweise dadurch, dass mit der Eisenbahnverwaltung eine günstige Vereinbarung getroffen werden könnte, um die Steinwagen, die von Herzberg nach Hamburg-Harburg gelaufen waren, auf dem Rückweg für den Transport der Holzkohle zu verwenden. Auch machte die Domänenkammer darauf aufmerksam, dass das Holz zur Verkohlung in den Harzer Forsten vereinzelter und somit mühsamer zu gewinnen sei. Insgesamt wurde angestrebt, dass die eingesetzten Köhler im Raum Celle auf eigenes Risiko und eigene Kosten sowie unter Aufsicht der Forstbeamten tätig werden sollten. Empfohlen wurde für ein derartiges Projekt einen Versuch im Bereich der Forstinspektion Eschede zu unternehmen.

Das Berg- und Forstamt Claustal zeigte sich durchaus interessiert an dem Vorschlag. Gleichwohl enthielt das Erwiderungsschreiben vom 30. September 1848 einige Rückfragen zu den voraussichtlich anfallenden Kosten.[25] Die hergestellte Kohle war nach Darstellung des Berg- und Forstamtes Claustal lediglich in den „Unterharzischen Hütten“ – vorwiegend in der Okerhütte – wirtschaftlich einsetzbar.[26] Die Bleihütte Oker diente im 19. Jahrhundert der Buntmetallgewinnung. Um offene Fragen zu der Qualität und Lagerung der hergestellten Kohle zu erhalten, stellte das Berg- und Forstamt Claustal in Aussicht zunächst eigene Beamte in den Bereich der Forstinspektion Eschede entsenden zu wollen. Hierauf reagierte die Domänenkammer mit Schreiben vom 12. Oktober 1848 und machte darin entsprechende Angaben zu den nachhaltig lieferbaren Mengen sowie der hierauf entfallenden Abgabepreise.[27] Darüber hinaus verwies die Domänenkammer darauf, dass der Forstmeister Thielemann aus Eschede für die Rückfragen der Beamten des Berg- und Forstamtes Claustal zur Verfügung stünde.[28]

Insoweit enden die bislang recherchierten Aufzeichnungen über die Bestrebungen in der hiesigen Gegend einen Köhlereibetrieb zu etablieren. Inwiefern diese im Ergebnis erfolgreich waren, lässt sich somit nicht mehr abschließend beurteilen. Allerdings legen die, im Gelände der ehemaligen Forstinspektion Eschede nachgewiesenen, Überreste ehemaliger Kohlenmeiler nahe, dass das seinerzeitige Vorhaben tatsächlich umgesetzt worden ist. Eventuell wurde der Köhlereibetrieb nicht darüber hinausgehend ausgedehnt, da die hergestellte Holzkohle nach und nach durch effizientere Energieträger verdrängt wurde.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die hiesigen Köhlerplätze quellenmäßig bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert nachweisbar sind. Ob die Köhlerei schon vorher in größerem Umfang betrieben worden ist, bleibt fraglich. Ihre Blüte fiel sehr wahrscheinlich in die Mitte des 19. Jahrhunderts und somit in das Zeitalter der aufstrebenden Industrialisierung. Die historischen Zusammenhänge belegen die erheblichen Wechselwirkungen, die sich insbesondere aus der veränderten Landschaftsnutzung nach der Real- und Spezialteilung ergaben. Zudem belegt die Thematik, welchen maßgeblichen Einfluss die Errichtung der Eisenbahn damals auf die Ansiedlung neuer Wirtschaftsbetriebe entfaltete.

Vielen Dank an Marlies, die sehr bei der Übersetzung alter Schriften unterstützt hat.

H. Altmann

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[1] Blatt 32, Hermannsburg, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – Kartenabteilung, Sign. Kart. N 25 675 – 32.
[2] Rüggeberg, in: Der Speicher, Helmke/Hohls, Celle 1930, S. 231 – 247, S. 231.
[3] Kremser, Niedersächsische Forstgeschichte, Rotenburg (Wümme), S. 136.
[4] Kremser, Niedersächsische Forstgeschichte, Rotenburg (Wümme), S. 139.
[5] Blatt 97 Eschede und Blatt 91 Hermannsburg.
[6] Blatt 32 Hermannsburg.
[7] Berthold, Forstwesen, in: Benecke, Lüneburger Heimatbuch, Bd. 1, Harburg, 1914, S. 441.
[8] Burckhardt, Die forstwirtschaftlichen Verhältnisse des Königreichs Hannover, Hannover 1864, S. 112.
[9] Ebd., S. 112.
[10] Schreiben des Oberforstamtes v. 20.07.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[11] Malter = Volumenmaß. Ein Malter = ca. 1,5 cbm Holz.
[12] Schreiben des Oberforstamtes v. 20.07.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[13] Schreiben Domänenkammer v. 16.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[14] Ebd.
[15] Schreiben Forstinspektion Eschede v. 23.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Ebd.
[19] Schreiben Forstinspektion Dannhorst v. 25.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[20] Schreiben Forstinspektion Hankensbüttel v. 30.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[21] Ebd.
[22] Ebd.
[23] Schreiben Domänenkammer v. 16.09.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[24] Ebd.
[25] Schreiben Berg- und Forstamt Claustal v. 30.09.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[26] Ebd.
[27] Schreiben Domänenkammer v. 12.10.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[28] Ebd.