f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 20. August 2019

Das alte Denkmal in Oppershausen


Mitten in Oppershausen steht ein altes Denkmal, dessen Bedeutung heute sicherlich kaum jemand kennt. Und mehr noch: dieser verwitterte Stein ist vermutlich das letzte Relikt der Oppershäuser Landwehr... 

Mit dem Fahrrad ist der ein oder andere hier vielleicht schon einmal vorbeigekommen. Je nach Fahrtrichtung erfasst der Blick sicherlich zunächst die Einfahrt zum alten Oppershäuser Gutshof oder den renovierten Gutskrug direkt an der Hauptstraße. In direkter Nachbarschaft hierzu fällt bei genauerem Hinsehen ein verwitterter und moosbewachsener Gedenkstein ins Auge. Er befindet sich auf einer kleinen, mit Eichen bestandenen Freifläche - direkt gegenüber der Einfahrt zum Gutshof. 

Dem flüchtigen Betrachter könnte sich der Eindruck aufdrängen, dass eine religiöse Bedeutung innehabe und gar in Bezug zur naheliegenden Maria-Magdalenen-Kapelle stehen könnte. Diese Annahme geht jedoch fehlt - und genau genommen scheint dieser Stein nicht nur eine Bedeutung gehabt zu haben. 

Bild: Gedenkstein mitten in Oppershausen. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Detaillierte Hinweise und Erklärungen sucht man vor Ort leider vergebens. Im Verzeichnis der Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Band 34, Landkreis Celle findet sich der schnörkellose Hinweis auf ein "profanes", d.h. ein nicht im religiösen Bezug stehendes, Denkmal auf dem Platz vor der Kapelle. Dieses Denkmal sei, zur Erinnerung an einen in Gegenwart der königlichen Familie stattgefunden Gottesdienst im Jahr 1855 errichtet worden. 

Nachdem Ernst August I. im November 1851 verstarb bestieg sein Sohn als König Georg V. den Thron des Königreichs Hannover. In seinem, bereits 1897 erschienen Werk zur "Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen" berichtete der Wienhäuser Pastor Wilhelm Bettinghaus über den Besuch der königlichen Familie im Spätsommer des Jahre 1855. 

In der Gemeinde Wienhausen - und zwar in der Heide hinter Oppershausen - fand zu dieser Zeit ein großes Artillerie-Manöver statt, so Bettinghaus. Die königliche Familie war zu diesem Anlass angereist und hatte im Celler Schloss ihre Wohnung bezogen. Bei dieser Gelegenheit besuchte die königliche Familie ebenfalls das Kloster Wienhausen und wohnte  am 23. September 1855 einem Gottesdienst in der Oppershäuser Maria-Magdalenen-Kapelle bei. Es war die Gedächtnisfeier zum Jahrestag des 300 jährigen Augsburger Religionsfriedens. Der Wienhäuser Pastor Meyer hielt die Predigt und im Anschluss an die Feierlichkeiten wurde ein Denkmal an jenen denkwürdigen Tag eingeweiht

Bei dem Artillerie-Manöver, dass Bettinghaus beschreibt, handelte es sich zweifelsohne um die Manöver auf der Allerheide, die vom 24. August bis zum 24. September 1855 angesetzt worden waren. Der Übungsplan des Manövers weist ab dem 23. September einige handschriftliche Korrekturen auf, sodass Grund zu der Annahme besteht, dass der Ablauf nachträglich an den königlichen Besuch angepasst werden musste. Die Übungen wurden schließlich bis zum 26. September 1855 abgehalten. 

Ein interessantes Detail zur Geschichte des Denkmals blieb jedoch bislang scheinbar unbeachtet - bis zur Versetzung an seinen heutigen Standort befand sich der Stein offenbar an einem anderen historischen Ort in Oppershausen. 

Bild: Gedenkstein mitten in Oppershausen. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die hintere, mittlerweile stark verwitterte Inschrift des Gedenksteins lautet: 

Dieses, 
einst in der Landwehr 
errichtete Denkmal, 
wurde 1855 hierher ver-
setzt. 

Insoweit dürften zwei Dinge feststehen. Erstens stand das Denkmal bis 1855 nicht dort, wo es heute steht, sondern in der Landwehr. Zweitens: es war bereits an seinem vorherigen Standort ein Denkmal, denn anders kann die Inschrift wohl kaum gedeutet werden. Unweigerlich stellt sich die Frage wo sich die besagte "Landwehr" befunden haben mag - und vor allem: worum es sich dabei wohl gehandelt haben kann. 

Dem Grunde nach kann eine "Landwehr" sowohl eine alte Grenzziehung, d.h. ein Erdwerk oder Graben, als auch eine befestigte Schanze gewesen sein. Dergleichen sucht man heute in Oppershausen allerdings vergeblich. Lediglich alte Karten könnten noch Aufschluss geben, wo sich die besagte Landwehr einst befunden haben könnte. 

Der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 ist zu entnehmen, dass der Ort Oppershausen im Norden von den sogenannten "Holzwiesen" begrenzt wurde. Hierbei handelte es sich sicherlich um feuchte Wiesen, die mit Schilf und brackigen Gräsern bewachsen waren. Östlich der Holzwiesen befindet sich der Verlauf der Wienhäuser Gemeindegrenze - diese trifft hier auf die Lachendorfer Gemeindegrenze. Mit diesen Grenzverläufen waren, anders als in der heutigen Zeit, wesentliche gesellschaftliche und politische Zusammenhänge verbunden. Hiernach richtete sich unter anderem die Gerichtsbarkeit, das Steuerwesen und die kirchlichen Zuständigkeiten. 

Bild: Grenzverläufe bei Oppershausen im 18. Jahrhundert. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Eine Landwehr in Form eines befestigten Erdwerks lässt sich der Kurhannoverschen Landesaufnahme allerdings nicht entnehmen. es wäre also möglich, dass der Begriff "Landwehr" lediglich den Treffpunkt der Gemeindegrenzen markiert. 

Unter Zuhilfenahme der Flurnamensammlung für Oppershausen lässt sich die Lage der Landwehr weiter eingrenzen. Die Sammlung, erstellt vom Lehrer Gate aus Wienhausen, beinhaltet rund 50 Flurnamen aus der Gemarkung Oppershausen. Unter der Nummer 5 findet sich "die Landwehr" in einer Übersichtskarte in etwa dort markiert, wo sich heute die "Stettiner Straße" und die Straße "In den Tannen" befinden. 

Im Rahmen einer ersten Änderung des örtlichen Bebauungsplans Nr. 2 "Landwehr" hatte der Wienhäuser Rat am 10. Oktober 1989 über eine entsprechende Vorlage entschieden, die diese Flur ebenfalls mit der Bezeichnung "Landwehr" benannt hat. 

In ihrem bereits 1952 erschienenen Werk "Celler Flurnamensammlung" stellten Paul Alpers und Friedrich Barenscheer bereits Überlegungen an, ob die Landwehr in der Nähe des Dorfes Oppershausen auf eine frühere Befestigung hinweisen soll. Allerdings können sie diese These weder be- noch widerlegen. 

Die in den Jahren 1831 / 1832 eingemessene Verkoppelungskarte des Dorfes und der Gemarkung Oppershausen könnte ebenfalls Informationen zur Lage und Beschaffenheit liefern. 

Bild: Oppershausen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Quelle: Verkoppelungskarte 1831 / 1832. 

In der Gegend des, auf Grundlage der Flurbezeichnung bereits als möglichen Standorts der Landwehr eingegrenzten, Bereiches lassen sich in der Karte diverse historische Flurformen erkennen. Nordöstlich der Kapelle scheint es eine Art ringförmigen Wassergraben zu geben - dieser wurde allerdings durch die Neuanlage der späteren Stettiner Straße durchschnitten (in der Karte schwach in rot erkennbar). 

Ohnehin hat sich die Feldflur in diesem Bereich stark verändert. Durch Anlage des Osterbruchkanals, der Wasser aus den alten Flussarmen der Aller in die westlich gelegenen Osterbruchwiesen transportiert, wurde die Flur "Landwehr" nochmals durchkreuzt. 

Im preußischen Messtischblatt von 1899 ist sowohl die Veränderung der Flurnutzung als auch die voranschreitende Bebauung im nördlichen Teil Oppershausens erkennbar. 

Bild: Oppershausen zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle: preußisches Messtischblatt, 1899.  

Inzwischen sind die Flächen der ehemaligen Landwehr vollständig überbaut. Es lässt sich somit nicht mehr abschließend klären welchen Zweck die Landwehr früher einmal gehabt haben mag. Alpers und Barenscheer vermuten bei derartigen Hinweisen aus alten Flurnamen, dass es sich um Schutzbereiche gehandelt hat, die bei Gefahr aufgesucht werden konnten. 

Hierbei wäre jedoch stets zu hinterfragen in welcher Zeit eine solche Einrichtung Schutz hätte bieten sollen. In den letzten geschichtlichen Epochen hätte ein kleines Erdwerk sicherlich kaum jemandem ausreichenden Schutz bieten können. Die weitläufigen und menschenleeren Heideflächen der nördlich gelegenen Allerheide hätten da vermutlich mehr geholfen. 

Da historische Aufzeichnungen und Karten bislang keine weiteren Erkenntnisse zur Oppershäuser Landwehr liefern konnten, wäre deren genaue Erforschung vermutlich nur anhand von entsprechenden Bodenfunden möglich. Dass es in Oppershausen eine Landwehr gegeben hat, ist zumindest gesichert. Sowohl anhand des Flurnamens als auch aufgrund der Tatsache, dass der im September 1855 versetzte Gedenkstein zuvor in dieser   besagten Landwehr gestanden hat. 

H. Altmann



Donnerstag, 8. August 2019

Vater Philipp - ein Arresthaus in Celle


Zwischen dem heutigen Rathaus und dem französischen Garten - also in bester Lage  - stand einst eine Arrestanstalt. Aus dem Stadtbild ist das Gebäude mittlerweile verschwunden. Lediglich alte Karten, Zeichnungen und Fotografien zeigen das ehemalige Militärgefängnis, das den auffälligen Namen "Vater Philipp" trug. 

Als alte Garnisonstadt ist Celle schon seit den Zeiten des Königreichs Hannover bekannt - die lokale Militärgeschichte reicht allerdings noch um weiter in die Geschichte zurück. Bereits in der frühen Neuzeit wurde Celle zu einer sogenannten rondellierten Stadtfestung ausgebaut. Christian der Ältere benannte die Stadt schon in recht früh - in einem am 18. Mai 1625 ergangenen Edikt - als "Festung Zelle". Eine regelmäßige militärische Präsenz war Celle somit seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gewohnt. 

Für militärische Zwecke schien Celle und seine Umgebung bestens geeignet. So boten die umliegenden Dörfer genügend Kapazitäten für Einquartierungen und eine ausreichende Versorgung der Truppen. Die einst noch vorhandenen Heideflächen eigneten sich zudem hervorragend für die Abhaltung von Manövern und Exerzierübungen

In Folge der Schlacht bei Langensalza fiel das ehemalige Königreich Hannover an Preußen - die machtpolitische Veränderung war von erheblichen Ausschreitungen auf den Straßen  der Stadt Celle begleitet. Im Zuge der Annexion wurde die Stadt zum Quartier und Standort preußischen Militärs sowie unter preußische Verwaltung gestellt. Mit dieser politischen Entwicklung war gleichermaßen die Funktion der Stadt als "Residenz" beendet. 

Mit der allerhöchsten Kabinettsorder (A.K.O.) wurde bereits im September 1866 das 2. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 77 aufgestellt. Im Deutsch-Französischen Krieg war das Regiment südlich von Saarbrücken eingesetzt, wobei der 6. August 1870 die Feuertaufe mit der Schlacht bei Spichern brachte. Nach Beendigung der Feindseligkeiten am 25. Juli 1871 wurde Celle zur Garnisonstadt für das Regiment.  

Bild: Feldfahnen des Regiments vor den neuen Infanterie-Kaserne in Celle. Quelle: Geschichte des 2. hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77, Schimmelpfeng, S. 209. 

In Celle waren die Unterbringungsmöglichkeiten zunächst noch unzureichend. Die Truppen wurden daher unter anderem in der Cambridge-Dragoner-Kaserne (heute: CD-Kaserne) und der ehemaligen Burgkaserne untergebracht. 

Der Bau der Großen Infanterie-Kaserne (heute: Neues Rathaus) im Bereich des einstigen Wildgartens erfolgte von 1869 bis 1872. Es folgten das Offizierskasino im Jahr 1876, das Lazarett in 1878 (später: Finanzamt) sowie die Garnisonskirche im Jahr 1902. 

Bild: ehemalige Große Infanteriekaserne (heute: Neues Rathaus), zwischen Kaserne und Offizierskasino (unten im Bild) badend sich das einstige Arresthaus. Quelle: H. Altmann, 2016. 

Die preußischen Truppen waren allgemein für ihren unbedingten Gehorsam und ihre vorbildliche Disziplin bekannt. Was dabei jedoch regelmäßig nicht bedacht wird: die Durchsetzung dieser Tugenden erfolgte stets unter strengen Sanktionen. Gängiges Mittel war seinerzeit der militärische Arrest. Auch in Celle gab es, unmittelbar südlich des Magnusgrabens eine eigene Arrestanstalt für Truppenangehörige. Sie trug den Namen "Vater Philipp" - und fand Eingang in so manches Soldatenlied: 

In Celle an der Aller steht ein großes Haus, 
Drinnen sitzen viele, möchten gerne raus. 
Tust Du sie dann fragen nach des Hauses Namen, 
Rufen sie heraus: 
Vater Philipps Haus. 

Quelle: Die Revolution marschiert, P. Schlichtings handschriftliche Sammlung, 1935. 

Bild: Lage des ehemaligen Arresthauses. Quelle: Katasterkarte, 1925. 

Die Bezeichnung "Vater Philipp" wurde noch viele Jahre später als umgangssprachlicher Ausdruck für Arrestanstalten verwendet. Ihr Ursprung liegt vermutlich bei der Lehr-Escadron-Kaserne in der Lindenstraße 36/36a / Ecke Fellnerstraße in Berlin-Kreuzberg. Wohnhaft war hier der preußische Platzmajor Philipp, ein Militär der alten Schule. Die dortige Arrestanstalt verfügte über 134 Arrestzellen und 10 Gerichtszimmer. 


Die Celler Arrestanstalt wird zwar um einiges kleiner gewesen sein - trotzdem dürfte hier dasselbe Protokoll wie andernorts angewandt worden sein. Der Arrest wurde insbesondere bei unerlaubtem Ausgang, Verspätungen und sonstigen Ausrutschern der Soldaten angesetzt. 

Bild: das ehemaligen Arresthauses. Quelle: Stadtarchiv Celle, StadtA CE F 01 21.03.01. Nr. 0027 (ehemaliges Arresthaus, "Vater Philipp"). 

Der Haupteingang des Arresthauses befand sich auf dessen nördlicher Seite in Richtung Magnusgraben bzw. der heutigen Maulbeerallee. Der Gebäudekomplex der Arrestanstalt setzte sich aus insgesamt drei Bestandteilen zusammen: dem Hauptgebäude, einem Kohlenschuppen sowie einer Asch- und Müllgrube. 


Bild: Ausschnitt aus der Foto-Collage "Zur Erinnerung an meine Dienstzeit, Harder und Söhne, Celle, 1905, Archiv Dr. Haack. 

Südlich an die vollständig eingezäunte Arrestanstalt schlossen sich das alte und das neue Kammergebäude der Kaserne an. In unmittelbarer Nachbarschaft lagen ebenfalls noch das alte Exerzierhaus, das später als Gelände der Offiziersreitbahn diente und die Handwerkstätten. 

Obwohl es sich eigentlich dabei nicht um ein repräsentatives Gebäude der Infanteriekaserne handelte, findet sich das Arresthaus neben dem Hauptgebäude, der einst stattlichen Burgkaserne und dem Offizierskasino als Motiv auf zeitgenössischen Postkarten. 

Bild: Arresthaus "Vater Philipp". Quelle: Postkarte, gelaufen am 15.10.1906 von Celle nach Dahlenburg, Archiv Altmann.  

Detaillierte Quellen zur Nutzung des Arrestgebäudes sind leider nicht mehr vorhanden. Ebenso ist nicht abschließend geklärt, wie lange der "Vater Philipp" in Benutzung war. Offenbar überdauerte die Einrichtung sowohl den Ersten Weltkrieg als auch die Zeit der Weimarer Republik. 


Ein Fotoalbum der in Celle stationierten Nebel-Abteilung 1 zeigt Bilder eines Umzugs mit verkleideten Soldaten. Darunter ist ebenfalls eine Gruppe Soldaten, die sich - offenbar auf Bettlaken - improvisierte Sträflingskleidung geschneidert hat. Vor sich tragen sie einen vergitterten Holzrahmen, mit der Beschriftung "Vater Philipp". Das Bild schein gegen Ende der 30er Jahre aufgenommen worden zu sein. 

Bild: Verkleidete Soldaten "hinter Gittern". Quelle: Fotoalbum, Nebel-Abteilung 1, Archiv Altmann. 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zogen britische Streitkräfte der Britischen Rheinarmee (BAOR, "British army of the rhine") auf das Areal der Großen Infateriekaserne, die fortan den Namen "Taunton Barracks" trug. Über die genaue Nutzung der einzelnen Gebäudeteile ist aus dieser Zeit nichts bekannt. 

Das Arresthaus "Vater Philipp" blieb während der britischen Besatzungszeit als Nebengebäude zur Hauptkaserne erhalten. 


Bild: ehemaliges Arrestgebäude 1996 / 1997. Quelle: Archiv Dr. Haack. 

Im Januar 1995 übernahm die Stadt Celle das ca. 12 Hektar große Kasernengelände. In den Vorjahren waren bereits umfangreiche Vorübergegangen angestrengt worden, um insbesondere die ehemalige Große Infanteriekaserne als Neues Rathaus umzugestalten. Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurde das alte Arrestgebäude vollständig abgerissen. Lediglich ein Teilstück einer Mauer blieb erhalten und erinnert heute noch an das einstige Gebäude. 



Bild: Mauerteilstück des ehemaligen Arrestgebäudes. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die Backsteine des ehemaligen Arrestgebäudes wurden abtransportiert und fanden teilweise andernorts Wiederverwendung. Einige der Backsteine tragen noch gut lesbare Signaturen der Brennereien bzw. Ziegeleien aus denen die Steine einst geliefert worden waren. 

Bild: Backstein mit Sugnatur "W. Stille". Quelle: H. Altmann, 2019. 

Vor Ort erinnert lediglich das erhalten gebliebene Mauerstück an das einstige Arresthaus "Vater Philipp" - die Aufzeichnungen, Quellen und Literatur schweigen zur Geschichte des Bauwerks jedoch. Weder in den umfassenden Stadtchroniken noch in Aufsätzen finden sich Informationen zu der Arrestanstalt. 

Ein letztes zeitgetreues Überbleibsel des "Vater Philipp" ist im Untergeschoss des Neuen Rathauses zu finden. In einem Seitengang der Eingangshalle - für Besucher zugänglich, von den meisten bisher jedoch vermutlich unbemerkt - steht eine alte hölzerne Zellentür mit massiven Metallbeschlägen. 

Bild: ehemalige Zellentür im Neuen Rathaus. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die alte Zellentür verfügt noch über einen kleinen Sehschlitz sowie über massive Schließriegel. Eine kleine Tafel aus Messing weist auf den historischen Zusammenhang hin.  

Bild: ehemalige Zellentür im Neuen Rathaus. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Obgleich sich diese Einrichtung einst mitten in der Stadt befand, dürfte die Geschichte des "Vater Philipp" heute den meisten vollkommen unbekannt sein. Außer alten Postkarten, Fotos oder topografischen Katasterkarten existieren so gut wie keine zeitgenössischen Quellen mehr, die Hinweise auf die ehemalige militärische Arrestanstalt liefern. 

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die vorhandenen Informationen zusammenzutragen, damit die Geschichte des "Vater Philipp" in Celle nicht vollständig in Vergessenheit gerät. 

H. Altmann




Freitag, 24. Mai 2019

Ein Zufallsfund: von Seeckt Kaserne, Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung


Bereits in Mitte der Dreißigerjahre liefen die Planungen für den Bau einer neuen Kaserne im Norden von Celle. In zeitgenössischen Dokumenten ist in diesem Zusammenhang von der "Verlegung einer neuen Waffengattung" in die Stadt die Rede. Heute ist bekannt: es handelte sich dabei um die sogenannte Nebeltruppe. Kürzlich aufgetauchte Fotos vermitteln spannende Eindrücke aus der ehemaligen Kaserne an der Hohen Wende. In diesem Zusammenhang kam es zu einem beeindruckenden Zufallsfund. 

Vor rund zwei Jahren erwarb ich auf einem Flohmarkt in Hannover ein altes Foto das offensichtlich aus einem Gebäude im Norden der ehemaligen von Seeckt Kaserne an der Hohen Wende in Celle aufgenommen worden war. Das Bild wurde in Richtung Norden / Groß Hehlen aufgenommen und zeigt ein Einfahrtstor der einstigen Kaserne. Zu erkennen sind ebenfalls ein offener Schlagbaum, ein Wachhäuschen sowie eine im Wind flatternde Hakenkreuzfahne. 

Auf der linken Seite ist ein, der Aufnahmeposition gegenüberliegendes Kasernengebäude zu erkennen - im Hintergrund eröffnen sich die weiten Felder im Norden der Stadt Celle. 

Bild: Foto aus der ehem. von Seeckt Kaserne, Celle. Quelle: Archiv Altmann. 

Die Rückseite des Fotos wurde mit dem folgenden handschriftlichen Hinweis versehen: 

Celle - Kaserne 
der Nebel-Lehr u. Versuchs-Abt. 
1937-1938

Bild: Rückseite - Foto aus der ehem. von Seeckt Kaserne, Celle. Quelle: Archiv Altmann. 

Die Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung wurde am 06.10.1936 in Bremen, im Wehrkreis X gegründet. Am 10.10.1937 fand die Verlegung nach Celle, in den Wehrkreis XI, statt. Die Einheit gliederte sich in drei Kompanien. Die Einheit war untergebracht in den neuen, im Norden der Stadt Celle entstandenen, Gebäuden der von Seeckt Kaserne. 

Im Rahmen der Verlegung kam es im Raum Celle zu maßgeblichen Veränderungen der militärischen Infrastruktur - unter anderem entstand nördlich der Aller ein neuer Truppenübungsplatz zwischen Klein Hehlen und BoyeAm 24.10.1939 erfolgte die Umbenennung in die Nebel-Lehr-Abteilung. 

Kürzlich gelangte ich in den Besitz eines historischen Fotoalbums mit der Beschriftung "Nebel-Abtlg. 1". Die Nebel-Abteilung 1 wurde ursprünglich am 01.10.1934 in der Prinz-Georg-Kaserne in Königsbrüsk, Sachsen, aufgestellt. Die Einheit selber war nie in Celle untergebracht. Allerdings diente die in Celle beheimatete Nebel-Lehr-Abteilung bis zum 31.10.1939 als Ersatztruppenteil für die gesamte Nebeltruppe. Es liegt daher nahe, dass das Fotoalbum von einem Soldaten der Nebel-Abteilung 1 stammt, der vormals zur Nebel-Lehr-Abteilung gehörte und in Celle stationiert war. 

Bild: Fotoalbum - Nebel-Abteilung 1. Quelle: Archiv Altmann. 

Das Fotoalbum beinhaltet so manch eine Überraschung und vielseitige Aufnahmen aus der Celler Kaserne sowie der Umgebung. Ein Foto, das im ersten Drittel des Albums eingeklebt wurde, fiel mir jedoch sofort ins Auge. Es handelt sich um eine verblüffend ähnliche Aufnahme wie jene, die ich rund zwei Jahre zuvor zufällig auf einem Flohmarkt erstanden hatte (!)

Bild: oben: Aufnahme im Album - darunter: Foto vom Flohmarkt. Quelle: Archiv Altmann. 

Ein direkter Vergleich der Aufnahmen bestätigt die Vermutung - sie sind nahezu identisch. Lediglich einige Gebrauchsspuren bei dem Foto vom Flohmarkt weichen von der Aufnahme im Album ab. 

Schaut man einmal ganz genau hin, erkennt man deutlich, dass selbst die leichte Verwackelung im Bereich der Fahne und ebenso ein kleiner Bildfehler in der Mitte der Aufnahme völlig identisch sind. 

Bild: oben: Aufnahme im Album - darunter: Foto vom Flohmarkt. Quelle: Archiv Altmann. 

Der kleine Fehler in der Mitte der Aufnahmen (kleiner schwarzer Punkt) stammt vermutlich von einer Verunreinigung auf der Kameralinse. Dies spricht stark dafür, dass die Aufnahmen mit ein und derselben Kamera gemacht worden sind. Doch wie ist zu erklären, dass sich die Bilder auch ansonsten - insbesondere hinsichtlich der Perspektive - so stark gleichen? 

Es handelt sich vorliegend sehr wahrscheinlich um zwei Abzüge, die von derselben Aufnahme stammen. Damals war es üblich, dass von einem Negativ mehrere Abzüge  - beispielsweise für befreundete Kameraden - gemacht wurden. 

Verschiedene Abzüge derselben Aufnahme - und noch dazu an unterschiedlichen Orten zu anderer Zeit - zu erhalten, grenzt allerdings schon an einen beeindruckenden Zufall. 

H. Altmann



Donnerstag, 2. Mai 2019

Das Barackenlager bei Steinhorst


Man erzählte sich, dass hier ein KZ entstehen sollte...“

In einem Waldstück zwischen Steinhorst und der ehemaligen Gastwirtschaft „Großer Kain“, an der heutigen Bundesstraße 4, befinden sich moosbewachsene Fundamente und Trümmer. Offenbar stammen die Relikte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und gehörten zu einem Lager, dass sich bei Ende des Krieges noch im Aufbau befand. 

Nach Kriegsende entstanden Gerüchte, wonach dort ein KZ entstehen sollte. Auch wenn diese Gerüchte nicht stimmten, stellt sich doch die Frage, zu welchem Zweck dieses Lager diente bzw. dienen sollte. Was ist heute noch darüber bekannt? Dieser Beitrag  dient als Zusammenfassung der bisher vorliegenden Erkenntnisse.

Östlich von Steinhorst, an der ehemaligen Gastwirtschaft „Großer Kain“, mündet die Landstraße 282 auf die Bundesstraße 4 – fast genau auf halber Strecke zwischen Uelzen und Gifhorn. Etwa 500 m vor der Kreuzung, in Richtung Steinhorst gelegen, befinden sich Hinterlassenschaften eines ehemaligen Barackenlagers nördlich der Landstraße 282. Vorbeifahrenden fallen die verwitterten Fundamente und maroden Mauerreste jedoch ebenso wenig ins Auge, wie sie den meisten Ortsansässigen bekannt sein dürften.

Bild: Lage des Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: Google Earth. 

Historische Luftbilder, aufgenommen von Aufklärungsflugzeugen der US Air Force, zeigen das Barackenlager Anfang April 1945 deutlich. Der 9. April 1945, als die Aufnahmen entstanden, war ein klarer, sonniger Tag. Die erkennbaren Schattenverläufe legen nahe, dass die Luftbilder zwischen 09.00 und 10.00 Uhr morgens entstanden sein müssen. 

Bei genauem Hinsehen ist erkennbar, dass sich das Lager noch im Ausbau befand – größere, helle und daher das Sonnenlicht reflektierende Flächen deuten auf bereits errichtete Fundamente im nordwestlichen Bereich des Barackenlagers hin. Im östlichen Teil scheinen zu diesem Zeitpunkt schon einige überdachte Baracken vorhanden gewesen zu sein –  die Schattenverläufe weisen hier auf vorhandene Satteldächer hin.

Bild: Luftaufnahme des Barackenlagers, 09.04.1945. Quelle: USAAF, NARA.  

Insgesamt 13 gebäudeähnliche Strukturen sind auf dem Luftbild zu erkennen, wobei kleinere Bauten von Bäumen verdeckt sein können. Zehn der Baracken deuten von ihren Abmessungen auf Unterkünfte hin. Sie weisen eine Länge von ca. 30 m und eine Breite von rund 14 m auf. 

Insgesamt hätten die Unterkünfte des Barackenlagers damit über eine Nutzfläche von etwa 4.200 m2 verfügt. Das Lager als solches hatte eine Ausdehnung von knapp 3,6 ha.

Bild: Lage des Barackenlagers, heute. Quelle: Google Earth. 

Schriftliche Quellen zur Geschichte und Entstehung des Barackenlagers sind so gut wie nicht vorhanden. In der Chronik der Paul König GmbH, einem (Beton-)Bauunternehmen mit Sitz in Hankensbüttel, findet sich ein Hinweis darauf, dass Unternehmen bereits in den 1930er Jahren an verschiedenen Bauprojekten im Bereich des ehemaligen Flugplatzes Dedelstorf beteiligt gewesen ist.[1] 

Zum Ende des Krieges war das Unternehmen am Bau einer Flugzeughalle am Standort Dedelstorf sowie bei den beginnenden Baumaßnahmen an einem Barackenlager westlich des Großen Kains beteiligt.[2]




[1] Chronik; 100 Jahre König – Baugeschichte, https://www.koenig-beton.de/_media/media/historie.pdf, Abgerufen am: 10.04.2019, 22:18 Uhr.
[2] Chronik; 100 Jahre König – Baugeschichte, https://www.koenig-beton.de/_media/media/historie.pdf, Abgerufen am: 10.04.2019, 22:18 Uhr.

Bild: Vermessung von Relikten im Bereich des ehemaligen Barackenlagers, heute. Quelle: H. Altmann.

Bereits die geografische Nähe des Barackenlagers und des ehemaligen Flugplatzes bei Dedelstorf lässt darauf schließen, dass beide Einrichtungen miteinander in Verbindung standen. Der Bau des Fliegerhorstes erfolgte ab Sommer 1936 in mehreren Abschnitten und dauerte und wurde zu wesentlichen Teilen bis 1939 abgeschlossen.[1] Das Rollfeld bestand zunächst ausschließlich aus einem geebneten Untergrund, der mit Gras und Klee bepflanzt wurde.[2] Ab Dezember 1944 wurde allerdings mit dem Bau einer betonierten Rollbahn im südlichen Teil des Flugfeldes begonnen.[3] 

Die Angaben hierzu sind laut den vorliegenden Quellen teilweise widersprüchlich. So soll die Rollbahn einerseits als Ausbau der heutigen Bundesstraße 4 erfolgt sein[4] - andererseits legen alliierte Luftbilder vom 9. April 1945 nahe, dass sich die, damals noch als solche bezeichnete, Reichsstraße 4 aufgrund des dichten Baumbestandes nicht als Start- bzw. Landebahn eignete. 

Vielmehr scheint die besagte Rollbahn in Ost-West-Richtung im südlichen Bereich des Flugfeldes verlaufen zu sein.[5] Fertiggestellt wurde dieses Bauprojekt allerdings nicht – Spuren davon sind im Gelände nur noch mit sehr genauem Hinsehen erkennbar.




[1] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 103.
[2] DeZeng, Luftwaffe Airfields 1935-45 – Germany (1937 Borders), S. 118.
[3] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.
[4] Seyffarth / Tronnier, Dedelstorf – eine Kaserne in der Heide – Geschichte des Standortes Dedelstorf 1935-1994, S. 133.
[5] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.

Bild: Übersichtskarte der auffindbaren Relikte des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am Bau der Rollbahn sollen unter anderem italienische Militärinternierte beteiligt gewesen sein, die zuvor aus dem Offizierslager (kurz: „Oflag“) 83 bei Wietzendorf eigens zu diesem Zweck nach Dedelstorf überstellt worden waren.[1] 

Die italienischen Offiziere waren im Rahmen des Militärputsches interniert worden, in dessen Zuge am 24. Juli 1943 der italienische Diktator Benito Mussolini von einer Gruppe um den Marschall Badoglio verhaftet worden war.[2] Durch den Abfall des ehemaligen Bündnispartners genossen die italienischen Militärinternierten keinen besonders hohen Stand im Deutschen Reich – im Gegenteil: man stufte sie vielmehr als Verräter ein.




[1] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 373.
[2] Michaelis, Die Endphase des 2. Weltkrieges und seine Folgen, in: Der Zweite Weltkrieg, Bertelsmann Lexikon-Verlag, S. 542 f.

Bild: das einstige Barackenlager befand sich links der Straße zwischen Steinhorst, kurz vor Erreichen der Kreuzung am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Über den Einsatz der italienischen Militärinternierten als Zwangsarbeiter im Bereich des Flugplatzes Dedelstorf liegen keine Unterlagen von deutscher Seite vor. Überstellungsbefehle, Gefangenenliste oder sonstige Dokumente, die detaillierten Aufschluss zur Unterbringung oder zum Arbeitseinsatz bei Dedelstorf geben könnten, sind nicht mehr vorhanden. Wohl aber existieren mehrere Berichte ehemaliger italienischer Häftlinge, die weitere Informationen zu den Zusammenhängen liefern.

Die Ankunft der italienischen Offiziere erfolgte demzufolge am 17. Februar 1945 am Bahnhof in Repke.[1] Die vorliegenden Quellen geben die Anzahl der bei Dedelstorf eingetroffenen italienischen Militärinternierten mit rund 214 Personen an.[2] Es liegt nahe, dass für diese entsprechende Unterkunftsmöglichkeiten eingerichtet worden sein müssen. 

Allerdings nehmen nur wenige Quellen hierauf Bezug – bei den meisten Berichten stehen die schlechten Lebensbedingungen, die mangelhafte Ernährung und die raue Behandlung durch die deutschen Bewacher im Vordergrund. Es ist daher in vielen Fällen nicht möglich, Rückschlüsse auf die genaue Lage der Unterkünfte zu ziehen.




[1] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Bechelloni, Deportati E Internati della Sicilia, S. 36; Ferrara, La vera storia deglui uffiviali italiani deportati nel campo di Unterlüss, http://www.associazioni.milano.it/aned/tr_udine/1998/1/article/1998-1--A-6.htm , abgerufen am 08.04.2019, 19:33; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[2] Guaresch, Relazioni Testimonianze, in: Il Grande Diario, S. 3; Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: mittlerweile wachsen Bäume im Bereich des ehemaligen Barackenlagers - es ist aus einiger Entfernung daher praktisch nicht mehr zu erkennen. Quelle: H. Altmann.

Dennoch finden sich stichhaltige Hinweise dafür, dass die italienischen Militärinternierten in dem, sich noch im Bau befindlichen, Barackenlager westlich des Großen Kains untergebracht worden sind. Unter anderem heißt es, dass die Italiener in einem Barackenlager in drei Kilometer Entfernung zum Flugplatz Dedelstorf untergebracht waren.[1] Die Relikte des Barackenlagers westlich der Straßenkreuzung am Großen Kain, liegen exakt drei Kilometer vom ehemaligen Flugplatz entfernt.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  

Bild: Bausandgrube im nordöstlichen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 18. Februar – also am Folgetag nach der Ankunft in der Gegend – wurden die Italiener in Gruppen für die Arbeit eingeteilt und zum Barackenlager gebracht.[1] Diego Are, der als Offizier interniert worden war, hielt die Ereignisse in seinem Tagebuch[2] folgendermaßen fest:

„Sie teilten uns in Dreiergruppen ein. Meine Gruppe kommt nach drei Kilometern, mitten in dem Flugzeuge versteckenden Fichtenwald, an einen Punkt wo Baracken hergestellt werden. Von einigen ist bereits die Decke zu sehen, von den anderen ist nur die Basis erstellt. Hilfsarbeiter zeigen uns unsere Arbeit: Wagen aufladen, „Populit-Platten“ transportieren, Erdboden begradigen.“

Aufgrund der hohen Belegung mit Flugzeugen, mussten diese teilweise in den Auflockerungsbereichen des Flugplatzes abgestellt werden. Hierzu wurden in der Nordwestecke und in der Südwestecke zu beiden Seiten der Landstraße zwischen Steinhorst und Hankensbüttel Lichtungen in die dort befindlichen Wälder geschlagen.[3] In diesen Bereichen wurden anschließend sogenannte Splitterschutzwälle aufgeschüttet und Flugzeuge abgestellt. Es liegt nahe, dass die italienischen Internierten auf dem Weg vom Flugplatz zum Barackenlager an solchen Abstellplätzen vorbeikamen.

Die Erwähnung von „Populit-Platten“ im Tagebuch[4] von Diego Are ist ebenfalls interessant. Bei Populit handelte es sich um einen experimentellen Zement-Baustoff, der mit Fasern von Pappeln und Algen vermischt wurde. Der Baustoff kam auch zur Zeit des Dritten Reiches zum Einsatz. Im Bereich des Barackenlagers westlich des Großen Kains finden sich noch heute zerbrochene Reste dieser alten Populit-Platten.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  
[3] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 102.
[4] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  

Bild: Reste von "Populit-Platten" - die Überreste finden sich überall im Areal des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Aufgrund der allgemeinen Entkräftung und Erschöpfung, die maßgeblich auf die Verhältnisse im Oflag 83 zurückzuführen war, kam es zwischen dem 18. Und 24. Februar 1945 zu einer kollektiven Arbeitsverweigerung durch die italienischen Offiziere.[1] Einerseits sahen sich die Internierten körperlich außerstande die schwere Arbeit zu verrichten – darüber hinaus lehnte man es offenbar auch ab die deutsche Kriegswirtschaft aktiv zu unterstützen.[2] 

Nachdem Verhandlungsversuche ergebnislos verlaufen waren, erschienen laut Zeitzeugenberichten am 24. Februar 1945 Beamte der Gestapo im Lager.[3] Offenbar zur Machtdemonstration und als Strafmaßnahme wurden Schwache und Kranke ausselektiert – den Quellen nach schwanken die Angaben hierzu zwischen 21[4] und 25[5] Personen. Diego Are hielt hierzu fest[6]:

„Der Dolmetscher der Gestapo gibt bekannt, dass diese 25 Arbeiter ins Straflager geschickt werden und meldet, dass allen die nicht arbeiten wollen, das gleiche geschehen wird.“

Hierauf berichten die vorliegenden Quellen einheitlich, dass sich mehrere (40 oder 44) weitere der italienischen Internierten neben die soeben ausgewählten Personen gestellt hätten.[7] Sowohl die unfreiwillig ausgewählten, als auch die freiwillig hervorgetretenen Offiziere wurden schließlich in das Arbeitserziehungslager nach Unterlüß überstellt.[8] Ungeachtet dieses Vorgangs ging der Arbeitseinsatz für die in Dedelstorf verbliebenen Italiener weiter.




[1] Guaresch, Relazioni Testimonianze, in: Il Grande Diario, S. 3; Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77.
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[3] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 78.
[4] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 82.
[5] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[6] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[7] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 82; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Bechelloni, Deportati E Internati della Sicilia, S. 36; Ferrara, La vera storia deglui uffiviali italiani deportati nel campo di Unterlüss, http://www.associazioni.milano.it/aned/tr_udine/1998/1/article/1998-1--A-6.htm , abgerufen am 08.04.2019, 19:33; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[8] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 373.

Bild: überall im Bereich des ehemaligen Barackenlagers liegen Trümmer verstreut. Quelle: H. Altmann.

Diego Are, der ebenfalls in Dedelstorf verblieb, schilderte in seinem Tagebuch den weiteren Verlauf der Arbeiten im März und Anfang April 1945. Die italienischen Internierten mussten in dieser Zeit Forstarbeiten ausführen und hierbei schwere Baumstämme per Hand transportieren.[1] 

In der Anlage zum Befehl OKL Gen.Qu. (Abt. LwBod.Org.II) vom 20. Dezember 1944 („Silberprogramm“) wurde für den Standort Dedelstorf angegeben: „Flugplatz, Ausbau einer Landstraße als Behelfsstartbahn, außerdem Startbahnneubau 1.700 x 50 m“.[2] 

Da vorhandenen Startbahnen für die neu entwickelten Düsenflugzeuge zu kurz waren, sollte der Startbahnneubau den Flugplatz für den Einsatz dieser neuartigen Waffen aufwerten. Im westlichen Bereich musste daher ein größerer Bereich von Bäumen befreit werden, wobei sehr wahrscheinlich die italienischen Internierten zum Einsatz gekommen sind.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[2] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.

Bild: Reste von Fundamenten im Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 8. März 1945 findet sich ein weiterer Eintrag im Tagebuch[1] von Diego Are, der Bezug auf das Barackenlager nimmt:

„Wir verlassen die Kaserne des Flugplatzes und wechseln dorthin, wo die Baracken gebaut werden – drei Kilometer entfernt. Die erste Baracke ist bedeckt, aber noch nicht fertig. Sie ist für unsere Unterbringung bestimmt. Das Wasser wird aus der Erde geholt, wozu man durch einen engen Gang hinuntergeht.“




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 29. März 1945 wechselten die Italiener offenbar zurück in die Kasernen.[1] Am 7. April, also knapp eine Woche vor der Ankunft der US Truppen, wurden die italienischen Internierten nach Celle geschickt, „um den Bahnhof von Trümmern zu befreien“, wie Diego Are in seinem Tagebuch[2] vermerkte. „Besser so. Wir nähern uns der Front und der Freiheit,“ so Are weiter. 

Allerdings könnte insoweit eine Verwechselung vorliegen, da der Celler Bahnhof erst am 8. April 1945 durch einen schweren alliiertenBombenangriff getroffen wurde und daher die Datumsangabe nicht ganz exakt ist.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

In Steinhorst scheint man von diesen Ereignissen offenbar so gut wie nichts mitbekommen zu haben. Erst nach Kriegsende machten Gerüchte die Runde, dass dort ein Konzentrationslager gebaut werden sollte.[1] Dies traf zwar nicht zu - vielmehr entstand dieses Gerücht aus den spärlichen Informationen vorhanden waren. Die älteren Steinhorster, also diejenigen die das Kriegsende bereits als Erwachsene erlebten, berichteten nach Ende des Krieges offenbar nur wenig über die Zusammenhänge. 

Es wurde nicht darüber gesprochen, man fragte nicht danach – man wollte das lieber nicht so genau wissen.[2] Ursprünglich stand das Land, auf dem das Barackenlager westlich der heutigen Bundesstraße 4 errichtet wurde, im Eigentum der Familie des ehemaligen Bürgermeisters Hasselmann. Doch offenbar erhielten auch die einstigen Eigentümer keine genauen Informationen darüber, zu welchem Zweck das Gelände genutzt werden sollte. 




[1] Hr. Hasselmann, Gespräch am 28.03.2019; Fr. Pagel, Gespräch am 04.04.2019.
[2] Hr. Hasselmann, Gespräch am 28.03.2019.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Fundamente für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Die Bandbreite der heute vorliegenden Zeitzeugenberichte reicht von Darstellungen, wonach an Ort und Stelle noch keine Baracken gestanden hätten bis hin zu Aussagen denen zufolge Fundamente, niedrige Mauern, gemauerte Kaminanschlüsse und Baumaterial vor Ort vorzufinden waren. 

Angehörige Soldaten des Dedelstorfer Flugplatzes berichteten später, dass sie auf ihrem Weg nach Steinhorst mit dem Fahrrad an dem Barackenlager vorbeikamen und manchmal sogar eine geladene Pistole dabei hatten – aus Sorge vor Überfällen von Arbeitern aus dem Lager.[1] Demzufolge sollen sich auch bereits Wachmannschaften bei dem Barackenlager befunden haben.[2]

Der Bau des Barackenlagers begann – einigen Zeitzeugen zufolge – bereits im August / September 1944.[3] Der Ausbau des Lagers war demzufolge jedoch bei Kriegsende noch längst nicht abgeschlossen. Vor Ort waren noch viele Baumaterialien vorhanden, die kurz nach Ende des Krieges von der Steinhorster Bevölkerung abgeholt wurden.[4] 

Im Bereich des Barackenlagers sollen sich bei Kriegsende demzufolge auch Teile gezimmerter Dachstühle befunden haben, die zusammen mit weiterem Baumaterial von der ortsansässigen abtransportiert wurden. Das Baumaterial wurde für verschiedene private Bauprojekte in Steinhorst verwendet – unter anderem zum Bau von Baracken an der Lachte. 

Zwischen Steinhorster Feuerwehrgebäude und dem heutigen Haus der Gemeinde entstanden bereits 1946 Unterkunftsbaracken für Polizeischüler.[5] Diese Baracken wurden anschließend mit Flüchtlingsfamilien belegt und später abgerissen. 




[1] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[2] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[3] Fr. Pagel, Gespräch am 04.04.2019; Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[4] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019; Hr. Lamprecht, Gespräch am 14.04.2019.
[5] Müller, Heideort Steinhorst Niedersachsen: Geschichte, in: https://steinhorster.blogspot.com/p/blog-page_16.html, abgerufen am 13.04.2019, 11:08 Uhr.

Bild: Abriss der ehemaligen Polizei-Baracken. Quelle: urspr.: Fr. Drögemüller, Steinhorst; zur Verfügung gestellt von Hans-Hartmuth Müller, Steinhorst, Blog: https://steinhorster.blogspot.com/ .

Bild: Abriss der ehemaligen Polizei-Baracken. Quelle: urspr.: Fr. Drögemüller, Steinhorst; zur Verfügung gestellt von Hans-Hartmuth Müller, Steinhorst, Blog: https://steinhorster.blogspot.com/ .

Nach dem Abriss der Baracken an der Lachte gelangte auch dieses Baumaterial in privaten Gebrauch. Unter anderem kamen Teile der gezimmerten Dachstühle beim Bau eines Schuppens der Familie Pagel zum Einsatz. 

Die Holzsparren stammen offenbar von einer Dachseite – stellen also lediglich die Hälfte eines kompletten Dachstuhls dar. Insgesamt weisen sie eine Breite von 2 x 7,00 m, d.h. 14,00 m auf und entsprechen somit genau der Breite der Baracken, die sich einst westlich des Großen Kains befunden haben.

Bild: Dachsparren im Schuppen von Georg Pagel - sie stammen von den ehemaligen Polizeibaracken. Zuvor sollen diese Dachsparren vom einstigen Barackenlager am Großen Kain abtransportiert worden sein. Quelle: H. Altmann.

Georg Pagel erinnert sich daran wie er als Jugendlicher mit seinem Vater, der seinerzeit Jagdaufseher war, lange Zeit nach Kriegsende in den Wäldern westlich des Großen Kains unterwegs war. Aus Neugier stieg er einige Stufen in einen alten Keller hinab – wurde jedoch von seinem Vater zurückgerufen. 

Dieser sorgte sich offenbar vor herumliegender, alter Munition. In den 1970er Jahren waren die Baulichkeiten des Barackenlagers demnach offenbar noch zu Teilen vorhanden – erst in den 1980er Jahren rückten Planierraupen an, um die Trümmer zusammenzuschieben.

Bild: Trümmerreste im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Bild: Trümmerreste im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Im Zuge der Beseitigung des Barackenlagers wurden die oberflächlich erhaltenen Gebäudestrukturen weitgehend zerstört. Erhalten geblieben sind lediglich einige der massiven, gegossenen Fundamente im Untergrund sowie die großen Bodenplatten der einstigen Barackengebäude. 

Kellerräume existierten vor Ort – nach bisherigen Erkenntnissen – offenbar nicht. Möglicherweise verfügten die Baracken über eine Art Parterre zu dem einige Stufen hinab führten. Die Anlage tiefer liegender Kellerräume erscheint vor dem Hintergrund, dass oberirdisch ausreichend Platz für eine Vielzahl weiterer Barackengebäude zur Verfügung stand, aus Effizienzgründen daher nicht sinnvoll.

Bild: Reste einer ehemaligen Kloake im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Bild: Fundamente im Bereich des einstigen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: Fundamente im Bereich des einstigen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Teilweise wurden die verschütteten Gemäuer mit dem damals umher liegenden Schrott verfüllt. So fanden sich in einer betonierten Vertiefung, die einst vermutlich als Kabelschaft oder Teil der Kanalisation vorgesehen war, einige alte Konservendosen, ein Deckel einer alten Feldflasche, Porzellanscherben sowie eine Vielzahl weiterer kleinteiliger Relikte. 

Bild: Konservendosen und weiterer Müll, der in einer betonierten Vertiefung vorgefunden wurde. Quelle: H. Altmann.


Insbesondere die kleineren Objekte geben weitere Hinweise auf die Geschichte des Barackenlagers. Ein Knopf, der die Beschriftung "Militaires Equipment" trägt, stammt aus französischer Produktion. Wie er zwischen den anderen Schrott im Loch gelangte, ist allerdings kaum noch zu klären. Möglicherweise wurde lediglich alte Militärkleidung entsorgt. 

Bild: französischer Uniformknopf - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.


Andere Objekte legen indessen nahe, dass sich im Lager möglicherweise Insassen bzw. Arbeiter verschiedener Nationalitäten befunden haben. So fand sich im Müll, in einer Vertiefung des Fundaments, eine Ein-Dinar-Münze aus Serbien - geprägt 1942. Serbien ging als Bündnispartner des Deutschen Reiches nach dem Umsturz in Rumänien im Spätsommer 1944 verloren. Während des Krieges waren allerdings bereits zahlreiche Arbeitskräfte ins Reichsgebiet gelangt.  


Bild: 1 Dinar, Münze - Serbien, 1942 - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament, Rückseite. Quelle: H. Altmann.

Bild: 1 Dinar, Münze - Serbien, 1942 - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament, Vorderseite. Quelle: H. Altmann.

Andere Objekte wiederum legen nahe, dass das Lager bei Kriegsende zu Teilen fertiggestellt worden sein könnte. So fanden sich massive Eisennägel, die offensichtlich zur Befestigung dickerer Holzbalken verwendet worden sein müssen. Dies lässt vermuten, dass die Arbeiten an den Baracken über bloße Fundamentierungsarbeiten hinausgegangen sein müssten. 


Zu welchem Gebäudeteil die Nägel, bzw. die Holzbalken gestammt haben, kann man nicht ohne Weiteres sagen. Allerdings sprechen ebenfalls einige der Zeitzeugen davon, dass die Baracken bei Kriegsende teilweise fertiggestellt waren bzw. Bauteile aus Holz vor Ort gelagert wurden. 


Bild: Eisennagel für einen Holzbalken - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Eine verbogene Fassung einer alten Glühbirne befand sich ebenfalls im Müllloch. Der Bauart nach kann dieses Objekt ebenfalls aus der Zeit stammen, in der das Barackenlager entstand. 

Bild: verbogenes Bauteil einer alten Glühbirne - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Das aufgefundene Bauteil der Glühbirne legt den Schluss nahe, dass vor Ort bereits elektrisches Licht vorhanden gewesen sein müsste. Dies wiederum lässt vermuten, dass sich das Lager zu Teilen bereits in Verwendung befand. 

Zweifelsfrei belegen lässt sich dies anhand eines einzelnen Zufallsfundes freilich nicht. Allerdings sprechen die vorliegenden Indizien sehr stark dafür, dass einige Gebäude des Lagers bei Kriegsende bereits kurz vor ihrer Fertigstellung standen bzw. die Bauarbeiten an ihnen schon beendet werden konnten. 


Bild: verbogenes Bauteil einer alten Glühbirne - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Im Ergebnis ist festhalten, dass zwischen dem Großen Kain und Steinhorst kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein großes Barackenlager entstehen sollte. Inwiefern dieses bei Kriegsende bereits fertiggestellt war, konnte abschließend nicht geklärt werden.  

Zeitzeugen haben hierzu unterschiedliche Angaben gemacht. In einigen der Berichte heißt es, dass es nie ein solches Barackenlager gegeben habe oder dieses nicht bezugsfertig gewesen sei. Andere wiederum berichteten, dass einzelne Gebäude schon genutzt worden seien. 


Unabhängig davon führen die baulichen Relikte vor Ort eindeutig zu dem Schluss, dass sich dort einst mehr als lediglich Fundamente befunden haben. Obwohl die vorhandenen Gebäudeteile größtenteils als günstiges Baumaterial abtransportiert wurden, sind die Spuren des Lagers heute noch auffindbar. 


Laut den vorliegenden Quellen sollte das Barackenlager als Unterkunft für Arbeitskräfte dienen, die unter anderem bei Baumaßnahmen im Bereich des ehemaligen Flugplatzes Dedelstorf eingesetzt wurden. Die Aufzeichnungen ehemaliger italienischer Militärinternierter legen nahe, dass diese ebenfalls beim Bau des Lagers mitwirkten und dieses offenbar auch zeitweise als Unterkunft nutzen sollten bzw. bereits taten. 


Bisher war über das Barackenlager und seine Geschichte so gut wie nichts bekannt. Anwohnern aus Steinhorst kannten die Zusammenhänge nur vom Hörensagen und alten Gerüchten. In Gesprächen mit älteren Steinholstern wurde deutlich, dass über das Lager  von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis heute nicht besonders viel gesprochen wurde. Da die Fundamente und Relikte des Barackenlagers sich an einer recht abgelegenen Stelle befinden, geriet die Geschichte in Vergessenheit. Man fragte nicht danach und man sprach nicht darüber. 


Aus heutiger Sicht zeigen die Zusammenhänge recht deutlich, wie einfach es im Dritten Reich gewesen ist, Lager in unmittelbarer Nachbarschaft zu besiedelten Gebieten zu errichten, ohne dass dies von der breiten Masse der Zivilbevölkerung hinterfragt worden wäre. 


Umso wichtiger ist es, die einstigen Geschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren, damit sie nicht vergessen bleiben. 

H. Altmann