
Mit Augenzeugen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sprechen, ist inzwischen – über 80 Jahre nach Kriegsende – nahezu unmöglich geworden. Noch lebende Zeitzeugen waren damals meistens zu jung, um heute über Kriegsereignisse berichten zu können.
Viele Informationen dürften somit inzwischen unwiederbringlich verloren gegangen sein, sofern sie nicht bereits gesichert werden konnten. Genau dies geschah vor einigen Jahren, als der mittlerweile bereits verstorbene Malermeister Hermann Strothmann aus Wienhausen in einem ausführlichen Gespräch über persönliche Erlebnisse aus Kriegszeiten in Wienhausen berichtete. Unter anderem erzählte er von einer Köhler-Kompanie der Waffen-SS, die in Wienhausen eingesetzt war.
Als Schüler war Strothmann noch zu jung für den Kriegsdienst und verbrachte seine Freizeit mitunter damit, den Soldaten der Köhler-Kompanie bei deren Arbeit zuzusehen. Die SS-Soldaten produzierten im Wald zwischen Wienhausen, Bockelskamp und Groß Eicklingen Holzkohle, die zum Antrieb der damals eingesetzten Holzgas-LKW benötigt wurde. Hintergrund war die im fortschreitenden Kriegsverlauf zunehmende Betriebsstoffverknappung. Die Verwendung von Holzkohle als Treibstoff war unter anderem aus deswegen vorteilhaft, da sie günstig und dezentral hergestellt werden konnte und die Produktion damit weniger anfällig für Luftangriffe war.
In Wienhausen und den benachbarten Ortschaften waren im Lauf des Zweiten Weltkriegs verschiedene Wehrmachts- und SS-Einheiten untergebracht. Dass Strothmann beispielsweise die Einheiten der Nebelwerfer oder des Technischen Bataillon Mineralöl mit der von ihm beschriebenen SS-Köhler-Kompanie verwechselte, ist jedoch aufgrund seiner detaillierten Darstellungen nahezu ausgeschlossen. Der Hinweis auf die Anwesenheit der besagten Köhler-Kompanie bei Wienhausen ist auch deshalb erwähnenswert, weil über diese Einheiten insgesamt nur sehr spärliche Informationen vorliegen.

Bild: vermutlicher Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen. Strothmann berichtete, dass die Einheit unmittelbar südlich des Postwegs angesiedelt war. Quelle: H. Altmann, 2025.
Über die offiziellen Hintergründe erfuhr Strothmann damals von den SS-Soldaten nur wenig. Angeführt wurde die Truppe seinen Angaben zufolge von einem Saarländer, der zuvor im Bergbau tätig gewesen war und sich daher mit Kohle auskannte. Ihm unterstanden rund 20 Soldaten, wie sich Strothmann erinnerte. Bei dieser Mannschaftsstärke kann daher nicht von einer kompletten Kompanie ausgegangen werden.
Aktuelle Recherchen belegen, dass die Köhlerkompanien regelmäßig zugweise aufgeteilt worden sind und dann in kleineren Gruppen an verschiedenen Orten zum Einsatz kamen.[1] Strothmann erinnerte sich, dass es sich bei den SS-Soldaten vorwiegend um Jugoslawen und Rumänen gehandelt habe. Auch diese Aussage deckt sich mit den verfügbaren Quellennachweisen. Demnach waren bei den Köhler-Kompanien vorwiegend kriegsverwendungsunfähige Unterführer und ältere Mannschaften eingesetzt, die aus dem südosteuropäischen Raum stammten.[2]
Die Arbeiten wurden größtenteils von Hand verrichtet – die Bäume wurden mit Handsägen gefällt, zu Meterenden gesägt, das Holz gespalten und das Scheitholz in speziellen Kohlenmeilern aufgestapelt. Diese Meiler bestanden aus großen Metallringen, wie Strothmann berichtete. Mindestens vier Stück bildeten die Umrandung. Das Holz in traditionellen Kohlenmeilern zu verkohlen, d.h. einzugraben und mit Erde zu überhäufen, war viel zu aufwändig.
Die vorgefertigten Kohlenmeiler verfügten über gebohrte Lufteinlässe, um die Luftzufuhr zu regulieren. Nachdem das Holz in den Meilern gestapelt war, wurden diese mit Lehm abgedichtet. In der Mitte des Meilers befand sich gut brennbares Kienholz, das mit einem langen Haselnussstock von Außen entzündet wurde. Nach rund vier Tagen, wurden die Metallringe abgebaut und Holzkohle nach dem Abkühlen in Papiersäcke gefüllt. Der SS-Köhlertrupp verfügte laut Strothmann über einen Raupenschlepper sowie einen Anhänger, mit dem Baumstämme aus dem Wald gezogen werden konnten und die Säcke mit der fertigen Holzkohle zum Wienhäuser Bahnhof transportiert werden konnten.

Bild: auf historischen Luftbildern ist der Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen nicht zu erkennen. Möglicherweise wurde die Einheit erst dort stationiert, nachdem die Überflüge stattfanden. Quelle: NARA, public domain.
Wie Strothmann berichtete, hatten sich die SS-Soldaten im Wald einen Brunnen gebohrt, eine einfache Toilette gebaut und eine Baracke errichtet. Diese war notwendig, da es im Winter sehr kalt wurde. Hieraus folgt, dass die SS-Köhler vermutlich erst im Laufe des Jahres 1944 nach Wienhausen kamen, da sie offenbar nur einen Winter dort blieben. Neben den genannten Einrichtungen errichtete die Truppe laut Strothmann auch noch eine Feldscheune.
Die Abläufe, die Strothmann sehr detailreich beschrieb, werden in gleicher Art und Weise in einigen Berichten aus dem Nachlass von Wolfgang Vopersal erwähnt. Dessen Nachlass umfasst in erster Linie die Sammlung der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, die von Wolfgang Vopersal, dem Dokumentar des Verbandes, aufgebaut und verwaltet wurde.[3]
Für einen Beitrag, den Vopersal im Jahr 1976 in der Zeitschrift „Der Freiwillige“ publizierte, hatte er entsprechende Informationen ehemaliger Angehöriger der Köhlerkompanien zusammengetragen.[4] Aufgrund der erheblichen Überschneidungen steht somit fest, dass im Wald bei Wienhausen tatsächlich eine Köhler-Kompanie der Waffen-SS bzw. Teile einer solchen zum Einsatz gekommen sind.
Strothmann berichtete, dass die Kohlenmeiler und die Baracke in unmittelbarer Nähe des alten Postwegs südlich des Wienhäuser Bahnhofs befunden haben. Seiner Beschreibung zufolge kommt für den genauen Standort nur ein Bereich in Frage. Dort lassen sich bei genauer Betrachtung noch flache, rechteckige Bodenstrukturen erkennen, die von ehemaligen Gebäuden stammen können.
Sehr wahrscheinlich befanden sich die Einrichtungen der Köhler-Kompanie dort, wo zuvor die Erdölbohrung „Wienhausen Nr. 2“ niedergebracht worden war. Die Bohrstelle wurde nie für die Erdölförderung genutzt. Bis heute weist der Bereich einen schweren, lehm- und tonhaltigen Boden auf. Für die Abdichtung der Kohlenmeiler war diese Gegebenheit sicher ideal.

Bild: rechts im Bild - Lage der ehemaligen Erdölbohrstelle "Wienhausen Nr. 2" bei Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2025.
Am 19. Februar 1945 gegen Mittags – Strothmann befand erneut bei den SS-Köhlern – setzte unvermittelt ein Tieffliegerangriff auf die Bahnstrecke Celle-Gifhorn ein. Von einer Anhöhe im Wald beobachtete Strothmann, wie zwei alliierte Kampfflugzeuge einen Personenzug beschossen, der in Richtung Langlingen unterwegs war. In mehreren Anläufen beschossen die Flugzeuge den Zug – drei Menschen starben. Die Verletzten wurden in die Celler Krankenhäuser gebracht.[5] Strothmann selbst blieb während des Tieffliegerangriffs bei der Köhler-Kompanie in Deckung.
Bis zum Herannahen der Front, blieben die Soldaten der Köhler-Kompanie in Wienhausen. Um den 8. April 1945 trafen in der Gegend zunehmend zurückflutende deutsche Truppenteile ein. Die SS-Köhler schlossen sich dieser Absetzungsbewegung an. Was sie noch tragen konnten, verluden sie auf ihren Anhänger und den Raupenschlepper und fuhren in Richtung Uelzen. Bei Neu Darchau überquerten sie die Elbe auf einer Fähre. Durch Ludwigslust gelangte die Gruppe weiter nach Osten – bis wohin genau, war Strothmann nicht bekannt.
Offenbar gerieten die Soldaten der Köhler-Kompanie in Gefangenschaft, konnten sich jedoch aus einem provisorisch eingezäunten Sammelbereich bei Dunkelheit absetzen. In den Nächten marschierten sie durch Waldgebiete – tagsüber hielten sie sich versteckt. Mit einem alten, notdürftig reparierten Kahn setzten sie wieder zurück über die Elbe. Nach mehreren Tagen Fußmarsch kamen die SS-Köhler wieder in Wienhausen an. Wohin sie von hieraus weiter gelangten, wusste Strothmann nicht mehr. Allerdings hätte er wohl kaum etwas über den abenteuerlichen Rückmarsch der Truppe erfahren können, wenn diese nicht tatsächlich wieder in Wienhausen Halt gemacht hätte.

Bild: Ausschnitt aus Unterlagen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain.
Aus den Aufzeichnungen Vopersals geht hervor, dass im Verlauf des Sommers 1944 insgesamt drei selbstständige Köhler-Kompanien der Waffen-SS aufgestellt wurden.[6] Dies basierte allerdings lediglich auf den Hinweisen, die Vopersal von ehemaligen Angehörigen dieser Einheiten erhalten hatte. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es darüber hinaus weitere Köhler-Kompanien gab oder dass diese im Zeitablauf anders gegliedert waren.
Laut Vopersal wurde die 1. SS-Köhler-Kompanie bei der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der SS in Wien im Juli 1944 aufgestellt. Es ist als unwahrscheinlich anzusehen werden, dass von dieser Einheit Teile nach Norddeutschland gelangt sind.
Die 2. SS-Köhler-Kompanie wurde durch das Amt X, d.h. das Amt für Kraftfahrzeugwesen beim SS-Führungshauptamt Bereich des Scharmützelsees südöstlich von Berlin aufgestellt. Die Aufgabe der Einheit bestand darin, den Bedarf an Holzkohle und Tankholz für den Kraftfahrzeugpark des SS-Führungshauptamtes sicherzustellen.
Die 3. SS-Köhler-Kompanie wurde mit Wirkung vom 2. Mai 1944 in Stadtroda (Thüringen) aufgestellt. Nach den Informationen Vorpersals verteilte sich diese Kompanie auf Meiler- und Tankholzsstationen in Böhmisch-Mähren, Deutsch-Eylau, Aila/Thüringen, Unna, Westf. Radolfzell und Eichstätt.[7]

Bild: Gliederung der sog. Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain.
Die weite Streuung der Einheiten der 3. SS-Köhler-Kompanie überrascht. Sofern dies den damaligen Verhältnissen entsprach, könnte die Köhlereinheit in Wienhausen möglicherweise zu eben dieser 3. SS-Köhler-Kompanie gehört haben. Denkbar wäre aber auch, dass tatsächlich mehr als diese drei SS-Köhler-Kompanien existierten und die Einheit in Wienhausen eventuell einer solchen angehörte.
Neben der militärischen Zugehörigkeit jener SS-Köhlereinheit bei Wienhausen ist bislang auch ihr genauer Einsatzort bei Kriegsende unbekannt. Quellenseitig ist belegt, dass die genannten SS-Köhler-Kompanien – trotz mangelnder Ausbildung und Ausrüstung – zuletzt zu Kampfeinsätzen herangezogen worden sind. Laut Strothmann verfügten die SS-Köhler lediglich über Handfeuerwaffen – Karabiner des Typs 98. Eine Kampfausbildung hatten vermutlich die wenigsten von ihnen.
Relativ gut dokumentiert ist der Einsatz der 2. Köhler-Kompanie als Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des „Unternehmens Eisberg“. Es galt die aus Berlin ausgelagerten Einrichtungen des SS-Führungshauptamtes südwestlich von Berlin gegen vorrückende Verbände der Roten Armee zu verteidigen. Entsprechende Aufstellungsbefehle belegen die Gliederung der hierzu herangezogenen Truppenteile ab dem 31. Januar 1945. Genannt wird dabei auch die 2. Köhler-Kompanie und ihr Einsatzraum bei Bad Saarow am Scharmützelsee.[8]
Obwohl der Abzug der SS-Köhler aus Wienhausen in östliche Richtung auf den ersten Blick zu diesen Ereignissen zu passen scheint, ist es fraglich, ob die rund zwanzig Mann starke Gruppe tatsächlich zu den operativen Vorbereitungen des „Unternehmens Eisberg“ gehörte. Insbesondere die Tatsache, dass die Köhler-Einheit aus Wienhausen erst Anfang April abrückte, spricht eher dagegen. Wahrscheinlicher ist es, dass die Einheit aus Wienhausen bei Kriegsende in einem anderen Frontabschnitt eingesetzt werden sollte. Nach Aussage Strothmanns kam die Gruppe kurz nach Kriegsende wieder vollständig nach Wienhausen zurück. Dies könnte bedeuten, dass sie nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligt gewesen ist.
Im Gespräch kam Strothmann seinerzeit eher beiläufig auf die SS-Köhlereinheit. Auf Rückfragen konnte er dann jedoch erstaunlich viele Details benennen. Sein Zeitzeugenbericht vervollständigt die Recherchen rund um die historischen Zusammenhänge währen des Zweiten Weltkriegs in Wienhausen.
H. Altmann
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Stand: 04.02.2026
[1] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[2] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[3] Bundesarchiv, Unterlagen zum Einsatz der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg, https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/unterlagen-zum-einsatz-der-waffen-ss-im-zweiten-weltkrieg/, abgerufen: 01.12.2025.
[4] Vopersal, Die Prüf- und Versuchsabteilung der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der Waffen-SS in Wien (1941 – 1945), in: Der Freiwillige 17/1976.
[5] Hendrik Altmann, Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945, Blogeintrag: www.found-places.blogspot.com2015/02/tieffliegerangriff-bei-wienhausen-am-19.html.
[6] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[7] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[8] Befehl für Gliederung, Ausbildung und Einsatz der Alarmeinheiten des SS-FHA vom 31.01.1945, NARA, T-175 R-169.




































