f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 6. Februar 2020

Recht und Pflicht zur Erinnerung


Im Rahmen ihres ersten Besuches der KZ-Gedenkstätte Auschwitz im Dezember 2019 betonte die Bundeskanzlerin die Verpflichtung, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Wie gestaltet sich Erinnerungskultur mit Blick auf heutige Generationen, die für den – durch ihre Vorfahren verübten – Holocaust persönlich nicht verantwortlich sind? 

Wer das Kriegsende im Alter von 15 Jahren erlebte, ist inzwischen 90 Jahre alt. Was als biologisch-mathematischer Fakt nüchtern daherkommt, entfaltet mit Blick auf das historische Bewusstsein einer Gesellschaft 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine immense Tragweite. In den kommenden Jahren werden immer weniger Menschen die Möglichkeit haben, mit ihren nächsten Angehörigen über die Zeit des Dritten Reiches und den Holocaust zu sprechen. Der direkte Bezug zur Geschichte geht damit nachhaltig verloren. 

Es zeigt sich, dass seit dem Untergang des Dritten Reiches bis in die heutige Zeit viele Zusammenhänge noch nicht vollständig aufgearbeitet worden sind. So ist das Kriegsende vielerorts nur durch einzelne Zeitzeugenaussagen festgehalten worden – eine kritische Auseinandersetzung mit weiteren Quellen ist jedoch nur selten anzutreffen. Ohnehin blenden viele Chroniken dieses Thema völlig aus, enden irgendwo um das Jahr 1930 und setzen mit dem Einmarsch alliierter Truppen bzw. erst danach wieder ein. Die Objektivität etlicher Dorfchroniken kann somit in Frage gestellt werden. Doch wer soll die entsprechenden Fragen stellen? Schließlich haben die Nachkriegsgenerationen von ihren Eltern und Großeltern meistens nur das erfahren, was heute ohnehin in den besagten Chroniken geschrieben steht. 


Bild: Cover, Krieg bei uns, Kriegserinnerungen von Mitbürgern aus dem Celler Raum, die hier ihre Heimat hatten oder sie hier gefunden haben. Quelle: Heidern / Biermann. 

In Gesprächen hört man häufig, dass die Zeit des Dritten Reiches in den Nachkriegsjahren hierzulande ein Tabuthema war. Man sprach darüber allerhöchstens auszugsweise – und oftmals eben gar nicht. Während beispielsweise in den USA oder in Großbritannien ehemalige Soldaten in Veteranenverbindungen ungehemmt die Geschichten aus Kriegszeiten mit einer breiten Öffentlichkeit teilen konnten, blieben vergleichbare Zusammenkünfte und Verlautbarungen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger oft im Verborgenen und genossen zudem einen höchst zwielichtigen Ruf. Im Ergebnis ist der Wissensverlust bis heute spürbar, denn die Kinder der einstigen Kriegsteilnehmer – unsere Eltern und Großeltern – erhielten schlichtweg kaum Antworten auf ihre Fragen. Ein heute 20 Jähriger, der sich für die Erlebnisse seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg interessiert, bekommt von seinen Eltern somit nicht selten zu hören „darüber hat Opa nie gesprochen“. Und Opa selber fragen? Oft nicht mehr möglich. 

Dem Vorwurf, dass bestimmte Themen im familiären Umfeld keinen Niederschlag fanden, ließe sich bequem entgegenhalten, dass man schließlich spätestens in der Schule erfährt, was es mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust auf sich hatte. Die Verantwortung von sich schieben ist ein Modell das Schule machen könnte – wäre es nicht das Modell, was Schule bereits macht. Natürlich steht die Geschichte des Dritten Reiches heute in jedem Lehrplan – allerdings werden dabei viel zu selten die damaligen Ereignisse unmittelbar vor der eigenen Haustür problematisiert. 

Ein Schüler aus Celle erfährt somit einiges über Reichsparteitage in Nürnberg, den deutschen Überfall auf die Sowjetunion, jüdische Ghettos in Polen und die Landung alliierter Truppen am 6. Juni 1944 in der Normandie. Vielleicht wird das Thema Bergen-Belsen behandelt. Allerdings erfährt er jedoch wohl kaum etwas über das Arbeitserziehungslager der Gestapo in Unterlüß, die KZ-Außenlager „Waldeslust“ bei Hambühren oder „Tannenberg“ bei Altensothrieth, die Relikte der vielen Rüstungseinrichtungen im Raum Celle – in denen vielfach Zwangsarbeiter beschäftigt wurden – und ebenfalls erhält er keine Informationen über die letzten Abwehrkämpfe deutscher Truppen an den Allerübergängen. Dabei sind es genau diese Ereignisse und Zusammenhänge, die ein Interesse und einen Zugang zu überregionalen und internationalen Kontexten eröffnen und festigen könnten. 


Bild: Bombenkrater vom Angriff am 04.04.1945 im Wald bei Unterlüß. Quelle: Altmann, 2020. 

So kommt es, dass bis heute viele Zusammenhänge weitgehend unbekannt sind. Beispiel: Unterlüß. 

Der Ort wies die höchste Anzahl lagermäßig untergebrachter, ausländischer Arbeitskräfte während des Zweiten Weltkrieges im Landkreis Celle auf. Laut der fortgeschriebenen Einwohnerzahl nach der Einwohnerkartei am 01.04.1944 lebten 7.999 Menschen in Unterlüß – davon 2.338 lagermäßig untergebrachte Ausländer. Die Konstellation der einzelnen Lager war vielschichtig und es lässt sich aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehen, wie viele Personen zu bestimmten Zeitpunkten innerhalb der unterschiedlichen Lagerkomplexe untergebracht waren. Laut Aktenlage wurde die entsprechende Meldekartei beim Bombenangriff auf den Ort am 04.04.1945 vernichtet. Aus heutiger Sicht gleicht die Ortsgeschichte diesbezüglich einem Puzzle mit ungewisser Anzahl an Einzelteilen. 


Bild: Unruhige Zeiten; Erlebnisberichte aus dem LK Celle 1945-1949, Grundlage waren die Zeitzeugenprotokolle der Heimatforscherin Hanna Fueß. Quelle: Schulze. 

Als die Celler Heimatforscherin und Redakteurin der Celleschen Zeitung, Hanna Fueß, in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Chronik der Kriegserlebnisse der Bevölkerung zu Protokoll nahm, fielen deren Aussagen in den meisten Fällen recht einseitig aus. So berichtete man auch in Unterlüß einhellig von den Plünderungen, Zerstörungen und Gefahren durch vagabundierende Ausländer, "Displaced Persons",  in den ersten Tagen und Wochen nach Kriegsende. 

Von der Zwangsarbeit in den Monaten und Jahren zuvor ist in den Erzählungen jedoch allerhöchstens beiläufig die Rede. Konnte der Unterlüßer Bevölkerung der massive Einsatz von Fremdarbeitern im eigenen Ort verborgen geblieben sein? Wohl kaum. Möglicherweise war die Anwesenheit von ausländischen Arbeitskräften zu Kriegszeiten bereits so sehr ins Alltagsgeschehen übergegangen, dass man sie schlichtweg nicht für erwähnenswert erachtete. 


Bild: Ausschnitt Zeitzeugenbericht. Quelle: H. Fueß, es berichteten Lehrer Kröger / Lehrer Busse am 02.06.1948. 

Darüber, das es in der Gemeinde ein Außenlager des KZ Bergen-Belsen gab, wollen allerdings viele tatsächlich nichts gewusst haben. Laut einer Meldung über Transporte (Konzentrationslagerhäftlinge, Kriegsgefangene, Zivilarbeiter usw.), die den Bezirk der Gemeinde Unterlüß während der Kriegszeit berührt haben, erklärte der damalige Gemeindedirektor Erich Müller (1945-1948), dass Konzentrationslagerhäftlinge seines Wissens nicht die Gemeinde Unterlüß berührt hätten. 

Aktuelle Recherchen zum KZ-Außenlager Tannenberg legen jedoch nahe, dass dieses Lager in Unterlüß seinerzeit bekannt gewesen sein muss. Schließlich fanden die Ereignisse im unmittelbaren und alltäglichen Umfeld der Einwohner statt – per Fußmarsch gelangten insbesondere jüdische Frauen zu ihren Arbeitsplätzen im Ort und der direkten Umgebung. In der bürokratischen Ordnung fanden die Ereignisse bereits in Zeiten des NS-Staates ihren Niederschlag. Schriftwechsel zwischen örtlichen Unternehmen und Gemeindeverwaltung im Januar 1944 behandeln unter anderem die Erfassung jüdischer Häftlinge im Rahmen der Lohnsummensteuer. Vor diesem Hintergrund ist undenkbar, dass das Gesehen irgendjemandem vor Ort verborgen blieb. Warum geriet dieses geschichtliche Kapitel also so stark in Vergessenheit? 


Bild: Protokoll Unterlüß, Tannenberglager. Quelle: DEGOB, 24.07.1945. 

Die Gründe – speziell in Unterlüß – sind vielschichtig; einen allumfassenden Erklärungsansatz dürfte man wohl vergeblich suchen. Abgesehen davon, dass man sich an die Zeit des Dritten Reiches grundsätzlich nicht besonders gerne erinnerte, treten in Unterlüß offenbar noch weitere Gründe hinzu, die eine offene Erinnerungskultur zumindest erschwert haben könnten. 

Mit Blick auf die geschichtliche Entstehung dürfte feststehen, dass Unterlüß kein besonders alter Ort ist. Anders als die historisch gewachsenen Bauerndörfer der Umgebung, blickt Unterlüß auf eine vergleichsweise junge Geschichte zurück. Dies alleine muss noch kein Grund für eine fehlende Identifikation mit der lokalen Geschichte sein – im Fall von Unterlüß tritt allerdings noch der Umstand hinzu, dass der Ort einer erheblichen Fluktuation, d.h. Zu- und Abwanderung unterlag. Besonders deutlich wird dies auch durch die Erweiterungen des Ortes in der Nachkriegszeit als zahlreiche neue Siedler aus ehemals deutschen Gebieten im Osten nach Unterlüß kamen und dort sesshaft wurden. Straßennamen wie „Breslauer Straße“, „Königsberger Straße“, „Posener Straße“ uvm. zeigen diesen Zusammenhang auf. Es erscheint nicht abwegig, dass einige der heutigen Ortsbewohner keine unmittelbare Verknüpfung zur früheren Ortsgeschichte haben. 


Bild: Hof Altensothrieth heute - unmittelbar südlich befand sich das Tannenberglager. Quelle: Altmann, 2020. 

Die große Anzahl von Arbeitskräften war damals ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Etliche Unternehmen zogen hieraus ihren Nutzen. In Rechnungen von Hoch-, Tief- und Straßenbaufirmen, Elektroinstallationsbetrieben, Maschinenbauunternehmen uvm. finden sich Hinweise auf den Einsatz von Arbeitskräften aus den Unterlüßer Lagern. Durch entsprechende Baumaßnahmen – die in Unterlüß meist in direktem oder indirektem Zusammenhang zur einst kriegswichtigen Rüstungsindustrie standen – war die Auftragslage örtlicher Handwerksbetriebe offensichtlich äußerst lukrativ. Wer hätte also ein Interesse gehabt über solche Zusammenhänge in der Nachkriegszeit zu sprechen? – Insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Betriebe unmittelbar nach Kriegsende fortbestanden. 

Sicher lassen sich noch weitere Gründe anführen, die dazu führten, dass es in Unterlüß zu einem Bruch in der Geschichte kam. Eine andere Umschreibung kann es wohl nicht geben, wenn Informationen zwischen den Generationen verloren gehen. Aus heutiger Sicht scheinen die zugrundeliegenden Ereignisse bereits so weit entfernt, dass für heutige Generationen kaum mehr zu begreifen ist, wie nah das alles einmal gewesen ist. Dabei ist allerdings auch zu beobachten, dass ein Interesse an der Zeit zwischen 1933 – 1945 besteht – es scheint, als fehle oftmals nur der entsprechende Zugang zu dieser Epoche. 


Bild: Holocaust-Gedenktag, 26.01.2020, Hermannsburg. Quelle: Rusitschka, 2020. 

Das große gesellschaftliche Interesse an der Aufarbeitung der Unterlüßer Lager zeigte sich zuletzt im Rahmen einer Veranstaltung zum Holocaust Gedenktag in Hermannsburg. Es hat sich allerdings in den vergangenen Wochen und Monaten auch schon einiges getan. Derzeit finden Abstimmungen zwischen der Rheinmetall AG, der Gemeinde Südheide sowie einer örtlichen Bürgerinitiative statt, die das Ziel verfolgen eine Gedenkstätte zu errichten, an der die respektvolle Erinnerung an die Insassen der Unterlüßer Lager gepflegt werden soll. Hierfür werden derzeit Informationen zusammengetragen und Umsetzungskonzepte erarbeitet. Die Aufarbeitung stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar, zumal im Bereich der Gemeinde Unterlüß rund 21 Lager existierten. 

Unterlüß ist bei weitem nicht der einzige Ort, der sich mit der Frage nach einem angemessenen Umgang mit seiner Geschichte auseinandersetzen muss. Dabei ist es wohl genau dieses „Muss“ das es heute vielfach so schwer macht, den passenden Zugang zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu finden. Ist es eine Pflicht sich mit diesen Ereignissen zu beschäftigen? Inwieweit kann die Auseinandersetzung mit der örtlichen Geschichte verpflichtend sein? 


Bild: Fundamente des Lagers "Grunewald" in Unterlüß" - in unmittelbarer Nachbarschaft zu neuen Siedlungsflächen. Quelle: Altmann, 2020. 

In heutiger Zeit tritt die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich äußerst selten in den alltäglichen Lebensbereich – rein rechtlich betrachtet kann heute niemand gezwungen werden sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. Dabei gab es in der Vergangenheit durchaus immer wieder Bestrebungen dies zu ändern – so hatte sich beispielsweise in einer kürzlich erfolgten Umfrage die Mehrheit der Befragten für verpflichtende Besuche von Schulklassen in Gedenkstätten ehemaliger Konzertrationslager ausgesprochen. Unabhängig vom ungewissen Erfolg verpflichtender Gedenkstättenbesuche wären diese ein wichtiges und deutliches Signal, dass dieser Teil der Geschichte nicht vergessen werden darf. 

Für eine moderne Erinnerungskultur reicht das allerdings noch nicht aus. 

Insbesondere für Menschen, die sich bislang kaum oder noch gar nicht mit dem Thema Holocaust beschäftigt haben, entsteht in Gedenkstätten häufig der Eindruck, die dort gezeigte Geschichte sei bereits vollumfänglich erforscht. Das Augenmerk fällt somit auf die Menge der bereits bekannten Informationen – was jedoch dazu führt, dass den bislang unbekannten Informationen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dabei spielte sich der Holocaust nicht ausschließlich in Konzentrationslagern ab – diese bildeten lediglich eine von vielen Facetten. 

Überspitzt formuliert, ergibt sich fast eine umgekehrte Situation zu damals. Unmittelbar nach Kriegsende sagten viele, sie hätten nicht gewusst was in den Lagern passierte, weil sie weit entfernt davon wohnten. Heute weiß fast jeder, was sich in den Konzentrationslagern ereignete. Aber nur wenige wissen, was dort geschah, wo sie heute wohnen. 

Genau hier muss eine moderne Erinnerungskultur ansetzen. 


Bild: Rüstungsrelikte bei Unterlüß. Quelle: Altmann, 2020. 

Mit Blick auf heutige Generationen stellt die Vermittlung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, des Dritten Reiches sowie des Holocaust eine Herausforderung dar, die sich ohne eigenes Interesse der Adressaten nur schwer bewältigen lassen wird. Um das Eigeninteresse, d.h. die Bereitschaft sich mit dem Thema eigenständig zu befassen, zu fördern, ist es notwendig Anreize zu schaffen, Ressourcen bereitzustellen und Hürden aus dem Weg zu räumen. 

Konkrete Maßnahmen in dieser Hinsicht wären unter anderem: 

  • In Schulen sollten regionalhistorische Zusammenhänge stärkere Beachtung erfahren. Dabei sollte auch die Geschichte im unmittelbaren Umfeld – vor der eigenen Haustür – thematisiert werden. 
  • Historische Unterlagen und Dokumente aus Archiven, Bibliotheken und Museen sollten digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht werden. 
  • Archive, die im Regelfall an Wochentagen zwischen 8:00 Uhr und 16:00 Uhr geöffnet haben, sollten eine Öffnungszeit an Sonnabenden einrichten, um für die arbeitende Bevölkerung erreichbar zu sein. 
  • Gemeinden sollten freiwillige bzw. ehrenamtliche Ortsdenkmalpfleger fördern und entsprechende Kontakte benennen können (z.B. auf der Website / im Mitteilungsblatt). In vielen Orten beschäftigen sich bereits Ortskundige mit derartigen Themen – Kommunen sollten hier stärker vernetzen. 

Es gibt auch durchaus bereits positive Beispiele in dieser Hinsicht. So benennt die Gemeinde Hambühren beispielsweise Heimatpfleger als Ansprechpartner auf ihrer Website. 

In einigen Orten hat eine Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Dritten Reiches und des Holocaust auch bereits stattgefunden. Insbesondere hat die Gemeinde Wienhausen umgehend reagiert, nachdem bekannt wurde, dass im April 1945 ein Zug mit KZ-Häftlingen den Ort die nahegelegene Bahnstrecke passierte. 


Bild: Drei Gräber bei Wienhausen. Quelle: Der Spiegel, 24.05.1947. 

In der Nähe der einstigen Massengräber wurde eine Gedenktafel an einer Sitzbank installiert, die auf die Zusammenhänge hinweist. Auf diese Weise wurde ein zeitgemäßer Umgang mit den historischen Zusammenhängen bewiesen, der nicht auf Vorwürfen gegenüber heutigen Generationen basierte, sondern vielmehr an deren Verantwortungsbewusstsein appelliert. 


Bild: Gedenken an tote KZ-Häftlinge. Quelle: CZ vom 25.05.2013. 

Neben diesen Beispielen gibt es jedoch noch eine Vielzahl von Sachverhalten im Raum Celle, die es aufzuarbeiten gilt. 

Häufig wird heute davon gesprochen, dass die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten werden muss. Allerdings ohne dabei konkrete Konzepte und Maßnahmen zu nennen. Die Praxis zeigt aber, dass an einigen Orten ein Bruch der Geschichte schon längst stattgefunden hat, weil eine Weitergabe von Informationen nicht erfolgte. Heutigen Generationen ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge der damaligen Zeit abzuverlangen setzt voraus, dass man für junge Menschen attraktive Anreize schafft, sich mit diesen Zusammenhängen zu beschäftigen. Das funktioniert aber nur, wenn man Geschichte in allen Facetten, objektiv und nachvollziehbar verfügbar macht. 

Aus der hohlen Hand kann Erinnerungskultur nicht entstehen – und da die naheliegenden Dinge oft greifbarer sind, als die weit entfernten, sollte künftig viel stärker auf eine Auseinandersetzung mit der Geschichte im unmittelbaren Einzugsbereich gesetzt werden. 


H. Altmann



Mittwoch, 8. Januar 2020

Tieffliegerangriff auf den Bahnhof Garßen


In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges geriet Celle und die Umgebung der Stadt vermehrt in den Fokus alliierter Luftangriffe. Am 14. Februar 1945 traf es einen Munitionszug im Bereich des Garßener Bahnhofs. 

Häufig liest man die Stadt Celle sei - bis auf den folgenschweren Bombenangriff am 8. April 1945 - von alliierten Luftangriffen verschont geblieben. In Vergleich zu größeren Städten mag dies aus damaliger Sicht zutreffen. Tatsächlich wurde das Stadtgebiet nur durch kleinere Angriffe in Mitleidenschaft gezogen. Größere Einwirkungen durch Fliegerbomben entstanden erstmals als bei der sogenannten Operation Clarion am 22. Februar 1945 Teile der Stadt direkt betroffen waren. Allerdings bereitete man sich innerhalb des Stadtgebietes durchaus auf die Bedrohung durch Fliegerangriffe vor - es wurden unter anderem Splitterschutzgräben und ein massiver Luftschutzbunker an der Petersburgstraße in Klein Hehlen errichtet. Ob diese Maßnahmen im Erstfall ausgereicht hätten mag dahingestellt bleiben. 

Auch wenn die Stadt Celle bis Anfang April 1945 nicht zum Ziel massiver Luftangriffe wurde, schlugen alliierte Tiefflieger im Landkreis immer wieder zu. Insbesondere Bahnstrecken und darauf befindliche Züge gerieten vielerorts in den Fokus angreifender Flugzeuge - so unter anderem auf der Bahnstrecke zwischen Wienhausen und dem Haltepunkt Offensen. In diesem Streckenabschnitt wurde am 19. Februar 1945 ein Personenzug unter Beschuss genommen. Bereits am 22. Januar 1945 war ein Personenzug bei Winsen durch Tiefflieger angegriffen worden. 

In den Lagemeldungen der Ordnungspolizei über Luftangriffe auf das Reichsgebiet findet sich für den 14. Februar 1945 ein weiterer Eintrag den Raum Celle betreffend. Die Lagemeldung für diesen Mittwoch lautet: 

"Garßen Krs. Celle: 13.25 Uhr: Tieffliegerangriff auf Munitionszug. 7 Waggons vernichtet. 25 Wohnhäuser schwer (beschädigt). Telefon- und Bahnleitungen total. 1 Wehrmachtsangehöriger gefallen, 6 Leichtverwundete." 

Der Munitionszug war zuvor in der Heeresmunitionsanstalt Scheuen abgefertigt worden und gelangte über das Anschlussgleis der Kleinbahn zum Zwischenhalt auf den Bahnhof Garßen. 

Bild: Kleinbahnstrecke zwischen Garßen und Scheuen. Einst rollten hier auch Munitionstransporte zur Hauptstrecke. Quelle: H. Altmann; 01/2020. 

Der Angriffszeitpunkt gegen 13:25 Uhr lässt vermuten, dass es Flugzeuge der USAAF waren, die den Angriff ausführten. Grundsätzlich führten die US Luftstreitkräfte ihre Operationen tagsüber - die britische Royal Air Force dagegen nachtsüber - aus. 

Der Tätigkeitsbericht der USAAF für den 14. Februar 1945 erwähnt den Angriff zwar nicht explizit - hier ist lediglich die Rede von einem Angriff auf einen Bahnhof. Allerdings schlagen sich in den Combat Operations zumeist Einsatzberichte der Bomberstaffeln nieder, während die Operationen durch Tiefflieger oft nur randläufige Erwähnung finden. 

Die Garßener Schulchronik berichtet für den 14. Februar, dass es während des Unterrichts eine "mächtige Detonation" gab, da feindliche Flugzeuge einen Munitionszug auf dem Bahnhof getroffen hatten. Eins der Flugzeuge, das in den Bereich des Luftdrucks der Detonation gekommen war, lag zerschmettert im Lehmkuhlenbusch. Der Pilot wurde auf dem Garßener Friedhof beigesetzt. 

Für die Celler Stadtverwaltung ergaben sich noch ganz andere Probleme - man sah die Celler Trinkwasserversorgung gefährdet.

Bild: Schreiben an den Präsidenten der Reichsbahndirektion vom 21.02.1945. Quelle: Archiv Altmann. 

In einem Schreiben an den Präsidenten der Reichsbahndirektion Hannover beschwerte sich die Verwaltung: 

"Vor einigen Tagen ist in der Gegend des Bahnhofs Garßen ein Munitionszug durch Beschuss feindlicher Flugzeuge teilweise zur Explosion gebracht worden. Dadurch hat unser in der Nähe liegendes Wasserwerk recht erheblichen Schaden gelitten. Bei einer etwas größeren Explosion würd die Wasserversorgung der Stadt Celle, der Muna Scheuen usw. in schwerster Weise beeinträchtigt worden sein. Unter diesen Umständen bitte ich darum doch darauf Bedacht zu nehmen, dass auf dem Bahnhof Garßen oder in seiner Nähe keine derartig gefährlichen Bahntransporte zu Stehen gebracht werden, sondern diese so weit weiterzurollen dass eine Gefährdung unserer Wasserwerksanlagen nicht mehr eintreten kann." 

In der Tat befand sich das Celler Wasserwerk zu dieser Zeit bereits in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Bahnhof Garßen. 

Bild: Lage des Wasserwerks und des Bahnhofs Garßen. Quelle: War Office; 1945. 

Tatsächlich lagen die Anlagen des Celler Wasserwerks nur ca. 400m Luftlinie entfernt vom ehemaligen Garßener Bahnhof. Die Sorge vor einer Beschädigung dieser wichtigen Versorgungseinrichtung war also durchaus berechtigt. 

Noch heute befindet sich das Celler Wasserwerk in diesem - mittlerweile geschützten und gesperrten - Bereich. Über einen eigenen Bahnhof verfügt Garßen heute nicht mehr. 

Bild: Lage des Wasserwerks und des Bahnhofs Garßen. Quelle: H. Altmann, 2014. 

In den weiteren Tagen und Wochen bis zum Kriegsende intensivierten sich die alliierten Luftangriffe stetig. Am 21. Februar kam es zu einem weiteren folgenschweren Tieffliegerangriff auf einen Munitionszug im Bahnhof von Eschede. 

Am 22. Februar begannen die USAAF und die RAF mit der Umsetzung der "Operation Clarion", in deren Zuge auch in Celle Infrastruktureinrichtungen zerstört werden sollten. Hierbei wurden unter anderem Bomben auf den Celler Güterbahnhof sowie auf die Nebenbahnstrecke Celle-Gifhorn - etwa in Höhe des Altenceller Bahnhofs - abgeworfen. 

Bild: Wasserwerk heute. Quelle: H. Altmann; 01/2020. 

In den Wäldern zwischen Garßen und Scheuen finden sich noch heute Spuren von den Luftangriffen auf die strategisch wichtigen Eisenbahnstrecken. Mächtige Bombenkrater zeugen von den einstigen Ereignissen. 

Ob die Krater tatsächlich von dem Tieffliegerangriff  auf den Garßener Bahnhof am 14. Februar 1945 stammen, ist allerdings nicht einwandfrei belegt, denn auch der Streckenabschnitt der zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Scheuen führte, geriet ins Visier alliierter Luftangriffe. 

Bild: Bombenkrater zwischen Garßen und Scheuen heute. Quelle: H. Altmann; 01/2020. 

Bei der systematischen Auswertung von Luftbildern und den Informationen aus Laserscandaten wird erkennbar, dass im Raum Celle deutlich mehr Fliegerbomben niedergingen, als man es aus heutiger Sicht vermuten könnte. Inwiefern es sich hierbei um sogenannte "Notabwürfe" oder gezielte Angriffe handelte, lässt sich aus heutiger Sicht in vielen Fällen nur in Abgleich mit den historischen Informationen zu den jeweiligen Orten ermitteln. 

Tieffliegerangriffe wie jener auf den Garßener Bahnhof sind heute meistens nur noch anhand von Archivbeständen und Zeitzeugeberichten nachvollziehbar. Umso wichtiger ist es diese Zusammenhänge zu dokumentieren, denn sie zeigen, dass welche Auswirkungen der Zweite Weltkrieg in der unmittelbaren Umgebung entfaltete. 

H. Altmann


Montag, 6. Januar 2020

Abschied vom Celler Lager im Großen Moor


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Brennmaterial im strengen Winter 1945/46 knapp. Inhaftierte der Celler Justizvollzugsanstalt wurden deswegen in verschiedenen Torfstichen eingesetzt um Heizmaterial zu gewinnen. Eines der dafür errichteten Lager war das sogenannte "Celler Lager" am Großen Moor. 

Bereits im Oktober 2017 wurde hier über das Celler Lager berichtet. Es wurde einst am Rand des Großen Moores, nördlich von Gifhorn, errichtet. Auf der ausgedehnten Fläche zwischen Neudorf-Platendorf und dem heutigen Elbe-Seitenkanal befanden sich zahlreiche Torfstiche. 

Neben dem Abbau von Torf wurden die Insassen der Celler Justizvollzugsanstalt ebenfalls bei der Gewinnung von Binsengras eingesetzt das in Bündeln zur Celler Bürstenfabrik "im Kreise" geliefert wurde. 

Allerdings währte die Existenz der Außenstelle der Celler Justizvollzugsanstalt am Rande des Großen Moores nur wenige Jahre. Später befand sich das Gelände in Privatbesitz. Wie nun bekannt wurde, begann kürzlich der Abriss der noch vorhandenen Gebäude - demnächst werden die restlichen Spuren des einstigen Celler Lagers im Großen Moor  somit wohl vollständig verschwunden sein. 

Hintergrundinformationen und der ursprüngliche Beitrag über das Celler Lager am Großen Moor sind hier abrufbar. 

Bild: Abriss des ehem. Celler Lagers im Großen Moor. Quelle: H. Altmann; 01/2020. 

Montag, 28. Oktober 2019

Veranstaltungshinweis: Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V.

Aus der Arbeit des Chronik-Teams

Von Straßen und Wegen – Von Brücken und Furten

Die Entwicklung der Infrastruktur in Offensen-Schwachhausen (Teil II)


Das Chronikteam führt am Sonntag, den 3. November 2019 um 15.00 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Offensen-Schwachhausen eine weitere Vortragsveranstaltung im Rahmen der Erstellung der Dorfchronik durch. 

Der erste Teil dieses Vortrags im Mai dieses Jahres befasste sich mit der Eisenbahnstrecke Celle – Gifhorn und dem Offensener Bahnhof.

Hans-Heinrich Heidmann beginnt im zweiten Teil mit der Vorstellung der Straßen und Wege einschließlich der Brücken und Furten in der Zeit vor den Agrarreformen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach 1860 wurde das heute noch weitgehend vorhandene Straßennetz in den Ortschaften Offensen und Schwachhausen wie auch in den beiden Gemarkungen nahezu komplett neu erstellt. Die Straßenbefestigungen innerhalb der Ortschaften um 1900 und der Neubau der Schwachhäuser Allerbrücke im Jahr 1931 werden anhand von Protokollen der Gemeindeversammlungen und Fotos anschaulich vorgestellt.

Berichte über die Pflasterarbeiten des Bürgersteigs durch die Offensener Anlieger 1977 beschließen die Vortragsveranstaltung.

Gäste aus den Nachbardörfern sind wieder herzlich willkommen.

Der Eintritt ist frei.


Bild: Dorfstraße Offensen 1930. Quelle: Archiv DGH, Postkarte, Offensen 1930.  



Dienstag, 22. Oktober 2019

Die ehemalige Zugbrücke bei Klein Hehlen


Ortskundige wissen - die Straßennamen „Kaninchengarten“ und „Zugbrückenstraße“ in Klein Hehlen sind kein Produkt des Zufalls, denn beide erinnern an Ortsbezeichnungen aus vergangenen Zeiten. Die historischen Zusammenhänge und die Ergebnisse neuerer Nachforschungen werden nachfolgend erläutert.

Bereits in der 1826 erschienenen Beschreibung der Stadt Celle von Ernst Spangenberg wird „eine Zugbrücke über die Aller, nach dem sogenannten Kaninchenholtze bey Kleinen-Hehlen“ genannt.[1] In historischen Karten aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist die Brücke noch verzeichnet.[2] Sie lag hart nördlich der heutigen Bundesstraße 214, im südlichen Bereich eines Flussbogens der Aller, der heute noch als Altarm erhalten ist. Die einstige Zugbrücke sucht man heute im Gelände vor Ort vergebens – und so stellt sich die Frage nach ihrem Verbleib.


[1] Spangenberg, Historisch-topografisch-statistische Beschreibung der Stadt Celle im Königreich Hannover, S. 12 f.
[2] Insbesondere: Plan von der Gegend der einen Seite der Stadt Celle, NLA HA Kartensammlung Nr. 31 c/14 k.


Bild: Namensherkunft der "Zugbrückenstraße"; Quelle: unveröffentlichtes Manuskript der Celler Straßennamen, Archiv Altmann. 


Die Antwort auf diese Frage liegt sprichwörtlich tiefer im Kaninchenbau beziehungsweise - mit Hinblick auf die Örtlichkeiten - im sogenannten „alten Kaninchengarten“. Dieser befand sich einst am westlichen Allerufer und erstreckte sich bis zur alten Schäferei.[1] Um letztere rankt sich so manch spannende Erzählung, denn unter anderem verstarb dort nach langer Krankheit Herzog Christian Ludwig gegen Abend des 15. März 1665.

Sein jüngerer Bruder, Georg Wilhelm, schätze die Schäferei und das hiesige Lusthaus ebenfalls sehr. Nach seinem Tode im Jahr 1705 ebbten die fürstlichen Besuche ab – erst Caroline Mathilde, die Anfang 1772 als geschiedene Frau des Königs von Dänemark nach Celle verbannt wurde, suchte die Schäferei westlich der Stadt wieder regelmäßig auf. 

Nach ihrem Tode ging das Areal an verschiedene Eigentümer über. Zu diesem Zeitpunkt gehörte der alte Kaninchengarten bei der Schäferei jedoch schon längst der Vergangenheit an.


[1] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 580.


Bild: "Zugbrücke" und "Kaninchengarten"; Quelle: Der Speicher. 


Bereits unter der Herrschaft Christian Ludwigs wurde das Gelände des alten Kaninchengartens, bzw. dessen Holznutzungsrechte, gegen ein neues Revier auf der östlichen Allerseite an die Gemeinde Klein Hehlen getauscht.[1] Östlich des Klein Hehlener Baches befanden sich die Unterkunft des Kaninchenmeisters sowie weitere Gebäude der herzoglichen Kaninchenzucht, die im Jahr 1772 mit Abbruchbedingung verkauft worden sind.[2] 

In der Folge fiel das Areal zurück an die Gemeinde Klein Hehlen, die im Gegenzug die ehemals herzogliche Zugbrücke unterhalten sollte[3]. Aufgrund der betriebsamen Allerschifffahrt war vor Ort keine andere Brückenkonstruktion möglich – die Brücke musste für ein- und ausfahrende Schiffe geöffnet werden können.


[1] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 204.
[2] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 581.
[3] Breling, Heimatkundliche Beiträge aus der Umgebung von Celle, S. 3.


Bild: "Zugbrücke" und "Kaninchengarten"; Quelle: Historisch-Topografisch-Statistische Beschreibung der Stadt Celle, E. Spangenberg. 

Die morsch gewordene Zugbrücke verfiel in den Folgejahren allerdings zunehmend - im Jahr 1870 brach ein Soldat durch die marode Brücke und ertrank. Daraufhin wurde der Gemeinde Klein Hehlen der Befehl erteilt die Brücke auf eigene Kosten neu errichten zu lassen.[1] Die Kosten für dieses Unterfangen wurden mit 12.000 Talern veranschlagt. 

Kurz vor Beginn der Arbeiten legte ein Bürger jedoch dar, dass die Gemeinde Klein Hehlen nach dem Wegegesetz von 1849/50 nur bis an die Grenze ihrer Feldmark die Wege zu unterhalten hätte. Da der Fluss dem Fiskus gehörte, war die Gemeinde Klein Hehlen rechtlich hierfür nicht zuständig. 

Am 28. Mai 1873 trug der Gemeindevorsteher Gudehus gegenüber der Celler Verwaltung sein Anliegen auf „Abbruch derselben im Interesse der öffentlichen Sicherheit“ vor.[2] Damit war das Schicksal der Zugbrücke besiegelt, denn beide Seiten hatten offenbar kein Interesse diese zu unterhalten, sodass die Brücke schließlich abgebrochen wurde.[3]


[1] Cellesche Zeitung vom 21.07.1892.
[2] Stadtarchiv Celle, Best. 11, G Nr. 0008, Dokument Nr. 27.
[3] Breling, Die herzogliche Schäferei, der Kaninchengarten und die Jägerei, in: der Speicher, S. 581.

Bild: Zugbrücke südlich von Klein Hehlen - zwischen der ehemaligen Schäferei und Celle; Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Die Geschichte der Brücke wäre jedoch unvollständig dargelegt, würde man die wechselvollen Ereignissen des Jahres 1757 unbeachtet lassen, als es in Celle im Zuge des Siebenjährigen Krieges beinahe zur Schlacht gekommen wäre. Seit dem 15. August 1757 war Celle von französischen Truppen besetzt – bis in den Dezember rückten stetig weitere Einheiten nach.[1] 

Hintergrund war, dass der französische Marschall und Herzog von Richelieu, Louis-François-Armand de Vignerot du Plessis, die unter seinem Oberbefehl stehenden französischen Truppen, aus taktischen Gründen, hinter die Aller zurücknehmen wollte.[2] Dicht auf die zurückweichenden französischen Truppen folgte die alliierte Armee unter dem Oberbefehl Herzog Ferdinands von Braunschweig, deren Spitzen am Morgen des 13. Dezember Altenhagen und Garßen erreichten.[3]

Die französischen Truppen hatten die Allerbrücken in der Umgebung entweder abbrechen oder verschanzen lassen und darüber hinaus sämtliche Schiffe, die eine Überquerung der Alliierten hätten erleichtern können, in Brand gesetzt.[4] Tatsächlich zeigt der von Johann Heinrich Steffens um 1760 gezeichnete „Plan der environs von Celle wo die französische und alliierte Armee im Jahre 1757 campieret hat“, dass die Brücke südlich von Klein Hehlen nicht abgerissen worden ist, sondern mit Verschanzungen versehen wurde.


[1] Mastnak / Tänzer, Celle im Siebenjährigen Krieg, S. 56.
[2] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 340.
[3] Von Westphalen, Geschichte der Feldzüge des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, Bd. 1, S. 432.
[4] Von Sichart, Geschichte der königlich-hannoverschen Armee, Bd. 3, S. 300.


Bild: Lager der französischen und der alliierten Truppen bei Celle. Die gezackten Linien symbolisieren die jeweiligen Biwaks bzw. Feldlager. ; Quelle: Plan der environs von Celle wo die französische und alliierte Armee im Jahre 1757 kampiert hat, J.H. Steffens, um 1760. 


Während die alliierte Armee auf den Höhenzügen nördlich der Aller bei Groß Hehlen, Altenhagen und Bostel lagerte, hielten die französischen Truppen die Stadt Celle und das südliche Ufer der Aller von Winsen bis Schwachhausen besetzt – die Masse der Einheiten biwakierte auf den Flächen zwischen der Schäferei und Westercelle.[1]
Ein, für die Morgenstunden des 16. Dezember vorgesehener, Angriffsplan Herzog Ferdinands, dessen zufolge zwischen Stedden und Boye Brücken über die Aller geschlagen werden sollten, konnte nicht im vorgesehenen Zeitrahmen umgesetzt werden und scheiterte.[2] Da es jedoch bereits zu eigenen Truppenbewegungen gekommen war, musste der alliierte Oberbefehlshaber davon ausgehen, dass sein Plan von französischer Seite durchschaut- und somit nicht wiederholbar war.

Nach mehreren Tagen und Nächten in der Eiseskälte des Winters 1757 entschied sich Marschall Richelieu zu einem weiträumig angelegten Angriff. Während der Hauptangriff über die Flanken erfolgen sollte, wurden im zentralen Bereich Ablenkungsmanöver vorbereitet. Hierfür hatte General Caraman mit zwei Infanterieregimentern, zwei Grenadierkompanien, zwei Piquets, 200 Freiwilligen (hier: die Jäger Richelieus) und dem Fischer’schen Corps die Brücke bei der Schäferei zu passieren und einen Scheinangriff auf Groß- und Klein Hehlen auszuführen.[3] 

Dies geht ebenfalls aus dem „Plan de la Position deL’Armée Alliée à Altenhagen et de celle des François à Zelle despuis de 13 jusqu’au 24 de Decemb: 1757“ hervor, der eine detaillierte Truppenaufstellung beinhaltet. Laut der Karte wird die Brücke bei der Schäferei, südlich von Klein Hehlen, als sogenannte „Ponts et routes que les François preparerent pour le passage de l’Aller“ bezeichnet – was wohl selbsterklärend dafür steht, dass diese Brücke Seitens der französischen Truppen mit Absicht nicht abgerissen worden war, um sie später selbst noch nutzen zu können. Stattdessen hatte man sich hier sicherlich bewusst für Verschanzungen entschieden.


[1] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 357f.
[2] Von Reden, Feldzüge der Alliierten Armee, erster Teil, S. 84.
[3] Renouard, Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763, S. 364.

Bild: Stellungen der beiden Armeen und geplanter Angriff der französischen Truppen am 25.12.1757; Quelle: Plan de la Position deL’Armée Alliée à Altenhagen et de celle des François à Zelle despuis de 13 jusqu’au 24 de Decemb: 1757.


Einige Verschanzungen, welche offenbar angelegt worden waren, um die Brücke südlich von Klein Hehlen zu sichern, sind in historischen Karten noch verzeichnet. So zeigt der „Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und Weiden“ aus dem Jahr 1768 zwei Schanzen - sogenannte „Batterien“ - im Bereich der Brücke.



Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k, Google Earth. 

Die Schanzen, bzw. Batterien, waren als defensive Flussverteidigungen auf der südlichen Allerseite angelegt worden. Die nachstehende Karte, bzw. der „Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und Weiden“ zeigt zwei der Batterien in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Brücke. Diese waren offenbar zur Verteidigung derselbigen errichtet worden. Zu beachten ist, dass die Karte - wie damals nicht ungewöhnlich - nicht nach Norden ausgerichtet ist. 

Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k


Die mittlere Batterie liegt im zentralen Bereich - direkt gegenüber der ausladenden, ehemaligen Flussschleife der Aller. Von hier aus ließ sich einst der, auf die Brücke zulaufende, Weg zwischen der Schäferei und Klein Hehlen einsehen und sicherlich auch mit Artilleriebeschuss belegen. Es handelte sich hierbei um die größte der Batterien - sie ist heute noch im Gelände als Erdwall sichtbar –  direkt an einem schmalen Wanderweg oberhalb des ehemaligen Flusslaufes. 

Bild: Lage der Batterien und der ehemaligen Zugbrücke zwischen der alten Schäferei und Celle; Quelle: Abriss der zur Schäferei gehörenden Gebäude, privativen Wiesen, Saatländereien, Holzungen und WeidenNLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Celle 60 k

Vermutlich sind schon viele Spaziergänger, Radfahrer und Wanderer an der ehemaligen Batterie / Schanze vorbeigekommen, ohne diese als solche zu erkennen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn heute ist an Ort und Stelle nur noch ein abgeflachter Erdhügel zu erkennen. 

Bild: Reste der einstigen mittleren Batterie heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die Seitenflügel des Erdwalles verlaufen, wie in der Karte aus dem Jahr 1768 deutlich zu erkennen ist, in einem weiten Winkel zueinander. Die grundsätzliche Form des Walles lässt sich im Gelände auch heute noch nachvollziehen. In der weiteren Umgebung finden sich keine vergleichbaren Formationen. 

Bild: Reste der einstigen mittleren Batterie heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 


Von der Zugbrücke, die sich einst im südlichen Teil des Allerbogens befand, ist heute nichts mehr im Gelände zu erkennen. Anlässlich einer militärischen Übung der Eisenbahnpioniere wurde im Jahr 1892 eine Feldbahn mit einer Spurweite von 60 cm über die Aller errichtet. Diese Feldbahn erhielt eine entsprechende Alleebrücke, die an eben jener Stelle gebaut wurde, an der sich zuvor die Zugbrücke befunden hatte. Bereits damals war von der ursprünglichen Brückenkonstruktion nicht mehr vorhanden. 

Heute kann man in diesem Bereich nur noch andeutungsweise eine ehemalige Wegverbindung erkennen. Die Wegspur beginnt kurz hinter dem heutigen Busdepot und trifft im rechten Winkel auf den ehemaligen Flussarm. An der gegenüberliegenden Seite deutet eine Lücke im Buschwerk den weiteren Verlauf auf der nördlichen Flussseite an. 

Bild: Standort der ehemaligen Zugbrücke heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Der Standort der ehemaligen Brücke war sicherlich mit Bedacht gewählt. Nur wenige Meter weiter nördlich fallen die Böschungen des südlichen Flussufers steil ab. Da man von hieraus , unter Berücksichtigung des damals deutlich lichteren Baumbestandes, einen guten Überblick auf die nördliche Flussseite hatte, wurden in diesem Bereich vermutlich die Verschanzungen / Batterien angelegt. 


Bild: Uferböschung im Bereich der ehemaligen Zugbrücke heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Im übrigen Verlauf ist der alte Flussarm der Aller bereits relativ stark verlandet und zugewuchert. Hier findet sich heute ein kleines Stückchen Wildnis, in dem die Natur wieder die Oberhand gewonnen zu haben scheint. 


Bild: Verlandeter Teil der alten Flussschleife heute; Quelle: H. Altmann, 2019. 

Folgt man dem alten Flusslauf weiter abwärts, werden deutliche Gemeinsamkeiten mit dem heutigen Lauf der Aller erkennbar. Zwar führt der Altarm im Vergleich eine deutlich geringere Wassermenge - die Breite des Flusses dürfte dagegen den aktuellen Verhältnissen recht nahe kommen. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass es ohne eine Brücke sehr schwer gewesen sein dürfte den Strom zu überqueren. 

Bild: unterer Teil der alten Flussschleife heute; Quelle: H. Altmann, 2019.

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass es westlich von Celle - unmittelbar vor der ehemaligen Schäferei - eine alte Zugbrücke gegeben hat. Wann genau diese entstanden ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Es liegt jedoch nahe, dass die Brücke ursprünglich mit der Verlegung des Kaninchengartens einher gegangen sein dürfte. Diese herrschaftliche Jagdanlage wurde zunächst auf der südlichen Seite der Aller betrieben - später jedoch auf die Klein Hehlener Seite des Flusses verlagert, wo sie noch bis ins späte 18. Jahrhundert existierte. 

In den einschlägigen historischen Quellen zur Celler Geschichte taucht die Zugbrücke kaum auf und findet - wenn überhaupt - nur beiläufige Erwähnung. Dies liegt vermutlich darin begründet, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten gab, um die Aller zu überqueren. 

Im Winter des Jahres 1757 geriet die Brücke jedoch umso stärker in den Fokus und wurde - allem Anschein nach - durch französische Truppen, die das Südufer der Aller besetzt hielten, verteidigt. In diesem Zusammenhang dürften auch die teilweise noch erkennbaren Verschanzungen zu sehen sein. 

Auch wenn sowohl die einstige Zugbrücke als auch der ehemalige Kaninchengarten mittlerweile längst aus der Landschaft verschwunden sind, erzählen die wenigen verfügbaren Quellen durchaus ein spannendes Kapitel der jüngeren Celler Geschichte. 

H. Altmann