f Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 9. April 2021

8. April 1945 - Bomber der US Air Force über Celle


Der 8. April 1945 markiert bis heute ein schreckliches Kapitel in der Geschichte der Stadt Celle. Beim Luftangriff der 9. US Air Force im Bereich des Celler Güterbahnhofs wurde unter anderem ein Zugtransport mit KZ-Häftlingen getroffen. Es kam zu einer Jagd auf entflohene Häftlinge, zu schweren Ausschreitungen und zu Erschießungen. Obwohl die Zusammenhänge schon mehrfach betrachtet wurden, geben aktuelle Recherchen neue Einblicke in die damaligen Abläufe des Luftangriffs.

Am 9. Februar 1945 war die 323rd Bomb Group der US Air Force auf den Flugplatz Denain/Prouvy in Nordfrankreich verlegt worden.[1] Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Einheit bereits seit zwei Jahren über schnelle, zweimotorige Mittelstreckenbomber des Typs Martin B-26 „Marauder“ (deutsch: „Plünderer“). Zwischen Mai 1943 und Anfang 1945 hatte die 323rd Bomb Group gemeinsam mit weiteren Verbänden nahezu alle Arten von denkbaren Bodenziele bombardiert. Unter anderem: Bahnanlagen, Flugplätze, Industrieanlagen, militärische Einrichtungen – darunter auch V-Waffen-Anlagen – in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Dementsprechend routiniert waren die Flugzeugbesatzungen im Umgang mit ihren Maschinen in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Der damals 23 jährige Theodore Vincent Harwood war als Pilot der 9. US Air Force in den Rang eines 1st Lieutenant im 456. Bombardement Squadron aufgestiegen, das der 323. Bombardement Group zugehörig war. Am frühen Nachmittag des 8. April 1945 starteten insgesamt 52 Flugzeuge des Typs B-26 von Harwoods Einheit in Denain/Prouvy, stiegen auf 11.300 Fuß Höhe und nahmen Kurs auf Norddeutschland.[2] Unterwegs stießen weitere Flugverbände der 394., 397. Und 387. Bombardement Group hinzu. 

Die Maschine, die Harwood und seine Besatzung an diesem sonnigen Frühlingstag nach ca. 3:45 Stunden Flugzeit nach Deutschland brachte, trug die Kennung 41-34967 und den Namen „Hell’s Belle“. Aufgrund des guten Wetters konnte der Angriff „auf Sicht“ geflogen werden – das offizielle Ziel war die „Ninhagen Oil Refinery“.[3] Was Harwood, seine Crew und die beteiligten Flugverbände nicht ahnten: der Einsatz sollte nicht reibungslos ablaufen. 

Bild: Flugzeugnase der "Hell's Belle". Quelle: Roger Freeman Collection FRE 4641 | American Air Museum in Britain, no changes, Object no: FRE 4641, CC-BY-NC

Nienhagen wurde am 8. April 1945 noch vor Ankunft der anfliegenden B-26-Verbände durch einen weiteren Luftangriff getroffen. In der Ortschronik heißt es hierzu, dass bereits ab 10:00 Uhr Tiefflieger über eine längere Zeit die, im Bereich des Bahnhofs befindlichen, Tankanlagen in Brand schossen.[4] Es konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden welche Tiefflieger für diesen Angriff verantwortlich waren. In den Beständen des Australian War Memorial befinden sich zwei Fotografien, die aus Bordkameras anfliegender Flugzeuge aufgenommen worden sind. 

Bilder: Celle, Germany. C. 1945-03. Cannon strikes from a Tempest fighter aircraft of RAF 2nd Tactical Air Force on a large oil storage drum at Celle; Celle, Germany. C. 1945-03. Cannon strikes from a Tempest fighter aircraft of RAF 2nd Tactical Air Force on a large oil storage drum at Celle; AWM; SUK13965, SUK13964, Public domain. 

Die Bilder lassen sich zweifelsfrei den großen Ölspeicheranlagen der Firma Wintershall zuordnen, die sich früher im Bereich des Bahnhofs Nienhagen befunden haben. Im Jahr 1935 waren im Bereich des ehemaligen Gutsparks in Nienhagen zwei Riesentanks für die Ölspeicherung errichtet worden, die ein Fassungsvermögen von je 15.000 Kubikmeter aufwiesen und damit zu ihrer Zeit die größten ihrer Art auf dem europäischen Kontinent waren. 

Bild: Ölanlagen im Bereich des Bahnhofs Nienhagen. Quelle: Petroleum Facilities of Germany, The Enemy Oil Comittee, March 1945, public domain. 

Eben diese Tanks wurden im April 1945 durch Tiefflieger beschossen und in Brand gesetzt. Den Bildbeschreibungen zufolge handelt es sich um einen Beschuss aus den Bordmaschinenkanonen eines „Tempest fighter“ Flugzeugs der 2nd Tactical Air Force der Royal Air Force auf einen großen Ölspeicher in Celle.[5] Flugzeuge des Typs „Hawker Tempest“ wurden allerdings nur von der britischen Royal Air Force (RAF) eingesetzt. 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass kein einziger Einsatzbericht der jeweiligen RAF Squadrons, die mit Maschinen des Typs Tempest ausgerüstet waren und zu jener Zeit in Norddeutschland operierten, Hinweise auf einen Luftangriff am 8. April 1945 auf Ölanlagen bei Nienhagen liefert. Ob eventuell eine Verwechselung vorliegen könnte, bleibt ungeklärt. Sehr wahrscheinlich handelte es sich nicht um Flugzeuge der RAF sondern der US Air Force, die Bodenziele in Brand schossen, damit die B-26 Staffeln ihr Ziel im Sichtflug ansteuern konnten.

Bild: brennende Ölspeichertank am Bahnhof Nienhagen. Quelle: Gedicke, Chronik Nienhagen. 

Als die B-26 „Marauder“ Staffeln den Luftraum erreichten, brannten die Öltanks bei Nienhagen bereits.[6] Ein seitlich aus einem Flugzeug aufgenommenes Foto zeigt drei B-26 währen diese ihre Bomben über Nienhagen ausklinkten.[7] In der linken unteren Bildhälfte sind die Bahnstrecke und die Gleisabzweigungen bei Celle gut erkennbar. 

Bild: Three Martin B-26 Marauders Aim Fresh Blows At The Nienhagen, Germany Oil Refinery Obscured By Thick Smoke From Previous Hits By 9Th Bombardment Division. Quelle: www.Fol3.com, NARA Reference: 342-FH-3A22118-57133AC, published with permission of Fold3.com

Über der Stadt selbst liegt dichter Qualm – laut Bildbeschreibung stammte dieser von einem zuvor erfolgten Luftangriff mittlerer und leichter Kampfflugzeuge auf Öltanks bei Nienhagen. Dies kann aber nicht zutreffen. Erstens liegt die Rauchwolke zu weit über Celle. Würde sie vom Angriff auf die Öltanks bei Nienhagen stammen, wäre die Wolke im Bild weiter nach Süden verlagert. Zweitens herrschte an jenem 8. April 1945 Wind aus südwestlicher Richtung. 

Der Qualm zog daher in von Nienhagen in nordöstliche Richtung, d.h. grob nach Flackenhorst/Bockelskamp ab. Die Qualmwolke von Nienhagen hätte sich daher unmöglich weiter nach Celle ausgebreitet. Diese Erkenntnis lässt jedoch kaum einen anderen Schluss zu, als dass der Luftangriff auf die Ölanlagen bei Nienhagen noch im vollen Gange gewesen sein muss, während bereits der Angriff auf den Celler Güterbahnhof erfolgte. Die beiden großen Öltanks, die sich südlich von Nienhagen an der Langerbeinstraße befanden, waren beim Tieffliegerangriff ebenfalls in Brand geschossen worden.[8] Dies führte zum ersten Problem der Bomberpiloten: der aufsteigende Qualm war so dicht, dass einige der Staffeln die Ölanlagen nicht erkennen konnten und wiederholt anfliegen mussten.[9] 

Bild: Ansicht des ehemaligen Bahnhofs Nienhagen heute. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Ein weitaus schwerwiegenderes Problem ereilte die Besatzung der Maschine „Hell’s Belle“ von 1st Lieutenant Harwood. Das Flugzeug war im Anflug auf die Ölanlagen bei Nienhagen als der Heckschütze plötzlich rief: „Flak at six o’clock.“[10] Das Flakfeuer stammte möglicherweise von einer Flakbatterie, die bei Burgdorf positioniert war – dies würde jedenfalls zur Richtungsangabe „six o’clock“ passen.[11] Kurz darauf war das Donnern detonierender Geschosse von Flugabwehrkanonen (Flak) und das Geräusch zerberstenden Metalls zu vernehmen. 

Der Bordingenieur kam zu Harwood – er war überströmt mit Hydraulikflüssigkeit. Ein Schrapnell einer Flakgranate hatte einen unter Druck stehenden Hydraulikschlauch durchrissen. Weitere Beschädigungen gab es im Bereich des Munitionslagers der Bordmaschinenkanonen. Die Fallschirme einiger Besatzungsmitglieder waren zerstört. Ein Treibstofftank im Inneren des Linken Flügels war durchlöchert – Kerosin drang aus. „Hell’s Belle“ brach aus der Formation. Die Besatzung erwog einen Absprung aus dem schwer beschädigten Flugzeug – es war jedoch nur noch ein intakter Fallschirm vorhanden. 

Man entschied sich stattdessen eine riskante Bruchlandung zu wagen. Aufgrund des Druckabfalls im Hydrauliksystem ließ sich das Fahrwerk nicht mehr ausfahren. Unter mühevollen Anstrengungen glückte die Landung schließlich auf einem weiter entfernten britischen Ausweichflugfeld. Bevor das Flugzeug über Nienhagen abdrehte, schaffte es der Bordingenieur den Bombenschacht manuell zu öffnen, sodass die darin befindlichen Bomben ausgeklinkt werden konnten. Eine an sich schon gefährliche Bruchlandung wäre mit dieser tödlichen Fracht sicherlich misslungen.

Bild: Bombenkrater im Wald südlich Nienhagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Im Sommer 2010 räumte der Kampfmittelbeseitigungsdienst bei Nienhagen mehrere amerikanische 250 kg Bomben. Hierbei stellte der zuständige Sprengmeister fest, dass diese Bomben beim Luftangriff am 8. April 1945 wohl ihr Ziel verfehlt hatten – an den Zündern war erkennbar, dass der Pilot Probleme beim Abwurf gehabt habe muss.[12] Gut möglich, dass es sich dabei um die notdürftig abgeworfenen Bomben der B-26 „Hell’s Belle“ handelte.

Bild: Rauchwolke der brennenden Ölanlagen bei Nienhagen - aus Celle aufgenommen. Quelle: StadtA CE, F 01, 21.06.02 Nr. 0010. 

Während über Nienhagen bereits tiefschwarze Rauchwolken lagen, ahnte man in Celle offenbar noch nichts von der herannahenden Katastrophe. Augenzeugen zufolge hatte der Luftangriff auf die Öltanks bei Nienhagen bereits am Vormittag eingesetzt. Die Bombardierung auf das Erölwerk durch eine geringe Anzahl schneller Kampfflugzeuge vermeldet der Bericht der Ordnungspolizei für 16:00 Uhr.[13] Dieselbe Quelle gibt für 18:10 bis 19:15 Uhr einen „Angriff durch etwa 80 Flugzeuge unter Abwurf von 360 Minen- und Sprengbomben“ auf die Stadt Celle an.[14] 60 Wohngebäude seien dabei schwer, mehrere hundert leicht bis mittel beschädigt worden und drei Industriebetriebe total zerstört worden. 

Der Polizeibericht benennt ebenfalls, dass ein Transportzug mit 3.500 KZ-Häftlingen getroffen worden sei. Die Chronologie der Ereignisse des 8. April 1945 ist insoweit eindeutig: der Luftangriff auf Nienhagen setzte ein, bevor die Bomben auf den Celler Güterbahnhof fielen. So zeigen Aufnahmen aus Celle zwei große Rauchsäulen, die südlich der Stadt – in Blickrichtung Nienhagen – am Horizont stehen. Eine weitere Aufnahme zeigt die deutlich nähere Rauchentwicklung vom Bereich des Celler Güterbahnhofs. Diese Bilder belegen eindeutig die zeitliche Abfolge des Luftangriffs.

Bild: Rauchwolke des Bombenangriffs auf den Celler Güterbahnhof am 8. April 1945. Quelle: StadtA CE, F 01, 21.06.02 Nr. 0011. 

Ein weiteres Ereignis steht in Zusammenhang mit den Geschehnissen an jenem 8. April 1945. In den Aufzeichnungen des Bockelskämper Lehrers Bernhard Otte und des Landwirts Emil Scheele findet der Luftangriff auf die Erdölwerke bei Nienhagen ebenfalls Erwähnung. Ebenfalls beschrieben ist der Absturz eines deutschen Jagdflugzeuges, das im Angriff auf die Bomberverbände abgeschossen worden ist.[15] Es handelte sich um den Unteroffizier Heinz Sonntag, der mit seiner Maschine des Typs FW 190-D auf Abfangkurs gegangen war.[16] 

Sonntag gehörte der 11. Staffel der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 301 und war an diesem Tag von dem Flugplatz Sachau (Sachsen-Anhalt) aufgestiegen.[17] Im Luftkampf abgeschossen, stürzte Sonntag in der Bockelskämper Feldmark ab. Das Flugzeug bohrte sich metertief in den Erdboden – Sonntag überlebte den Absturz nicht. Er hatte offenbar versucht aus der Maschine abzuspringen und war in einiger Entfernung – ohne geöffneten Fallschirm – zu Boden. Später wurde er in Wienhausen bestattet. Mitte der 80er Jahre wurden die Flugzeugüberreste geborgen.[18]

Bild: Bombenkrater im Wald südlich Nienhagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die Luftangriffe am 8. April 1945 richteten erheblichen Schaden an und forderten in Celle darüber hinaus zahlreiche Menschenleben. Während die materiellen Schäden im Stadtgebiet behoben worden sind, zeugen rund um Nienhagen noch zahlreiche Krater von den Bombenabwürfen. Die Einschläge reichten vom Bereich westlich der heutigen Bundesstraße 3 bei Nienhagen bis weit in das Waldgebiet „Brand“ südlich des Ortes. Auffällig ist, dass die Bombenkrater über eine weite Distanz verstreut sind. Ob dies damit zusammenhängt, dass der eigentliche Zielpunkt bei Nienhagen aufgrund einer starken Rauchentwicklung nicht treffsicher angesteuert werden konnte, lässt sich heute nicht mehr abschließend ermitteln. Die überlieferten Aussagen von Zeitzeugen legen diesen Schluss zumindest nahe. 

Im Ergebnis vermag eine auch noch so detaillierte Aufschlüsselung der Ereignisse des 8. April 1945 nicht zu kaschieren, dass dieser Tag unbeschreibliches Leid mit sich brachte. Neben den direkten Auswirkungen der Bombardierung kam es in Celle zu grausamen Verbrechen gegen entlaufene Häftlinge des KZ-Transportzuges. Die Zusammenhänge sind jedoch derart komplex und vielschichtig, dass die Aufarbeitung bis heute nicht in allen Punkten als abgeschlossen betrachtet werden kann. Vor diesem Hintergrund können die vorgestellten Ergebnisse helfen, die zeitliche Betrachtung in ein neues Licht zu setzen.

H. Altmann

Stand: 09.04.2021; veröffentlicht: 09.04.2021

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[1] Maurer, Combat Squadrons oft he Air Force, World war II, S. 559.

[2] monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[3] Headquarders 9th Bombardement Division, Field Order 839 & 840, 8. April 1945.

[4] Gedicke, Nienhagen, Bd. 2, S. 156.

[5] AWM, Accession Number SUK13965.

[6] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[7] NARA Reference Number: 342-FH-3A22118-57133AC, Fold3: https://www.fold3.com/image/48699916

[8] Gedicke, Nienhagen, Bd. 2, S. 156.

[9] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[10] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[11] Saft, Krieg in der Heimat, S. 65.

[12] Cellesche Zeitung v. 13.06.2010, Sprengmeister entschärft 250-Kilo-Blindgänger.

[13] Chef der Ordnungspolizei, Hauptamt Ordnungspolizei, Bericht v. 08.04.1945, Bundesarchiv, R/19, 341.

[14] Chef der Ordnungspolizei, Hauptamt Ordnungspolizei, Bericht v. 08.04.1945, Bundesarchiv, R/19, 341.

[15] Otte, Scheele, Bockelskamp in schwersten Tagen.

[16] Cammann, Flugzeugabsturz bei Bockelskamp 1945, in: Böse, Schriftenreihe des Heimatvereins „Altes Amt Eicklingen“, Heft 5/2015, 70 Jahre danach, Zeitzeugen erinnern sich, S. 31.

[17] Reschke, Chronik Jagdgeschwader 301/302 „Wilde Sau“.

[18] Cammann, Flugzeugabsturz bei Bockelskamp 1945, in: Böse, Schriftenreihe des Heimatvereins „Altes Amt Eicklingen“, Heft 5/2015, 70 Jahre danach, Zeitzeugen erinnern sich, S. 31.



Dienstag, 16. Februar 2021

Abstürze britischer Bomber in Beedenbostel


Von den Auswirkungen durch direkte Kriegshandlungen blieb der Landkreis Celle bis April 1945 im Wesentlichen verschont. Einzige Ausnahme: die zunehmende Bedrohung durch Luftangriffe. Als die Bombardierungen größerer Städte ab 1943 zunahmen, wuchs auch im ländlichen Raum die Gefährdung aus der Luft. Dies zeigt auch der Absturz zweier schwerer britischer Bomber, die in der Nacht vom 19. Auf den 20. Februar 1944 direkt über Beedenbostel abstürzten. Vier Höfe gerieten dabei in Brand. 

Ab Mitte 1943 vermerkte der Beedenbostler Lehrer Friedrich Thies in der örtlichen Schulchronik, dass es zu vermehrten Überflügen alliierter Flugzeuge über den Ort kam. Es blieb allerdings zunächst noch bei Notabwürfen vereinzelter Sprengbomben, kleinen Mengen abgeworfener Beleuchtungskörpern und zu Boden gefallenen Treibstofftanks. Mit Beginn des Jahres 1944 steigerten sich die fliegerischen Aktivitäten über dem Ort und damit offenbar auch das Gefahrenpotential. 

Am 10. Februar 1944 wurde der Ort von zurückkehrenden Bomberverbänden aus Richtung Braunschweig überflogen. Laut Zeitzeugen sowie der Darstellung in der Schulchronik wurden diese Verbände durch deutsche Jagdflugzeuge angegriffen, wobei es zum Abwurf mehrerer Sprengbomben kam, die im Bereich des neuen Friedhofs und entlang der Bahnstrecke in Richtung Höfer niedergingen. Dieses Ereignis forderte glücklicherweise keine Menschenleben – es kam nur zu Gebäude- und Straßenschäden, die anschließend in Gemeinschaftsarbeit behoben werden konnten. 

Nur wenige Tage später, in der Nacht vom 19. zum 20. Februar wurde Beedenbostel erneut durch Luftkämpfe heimgesucht. Einige Bewohner des Ortes wurden durch das laute Brummen der großen Flugzeugmotoren aus dem Schlaf gerissen. Zwei schwere Bomber der britischen Royal Air Force waren über Beedenbostel abgeschossen worden und stürzten brennend auf die Ortschaft. Es handelte sich um zwei Maschinen des Typs Handley Page Halifax MK III des Nr. 158 (LW 501) sowie des No. 35 Squadron (HX 325), die in der Nacht des 19./20. Februar 1944 planmäßig bei einem Luftangriff auf Leipzig hätten beteiligt sein sollen. 

Bild: Handley Page Halifax MK III. Quelle: Wikimedia Commons, Public domain

Die Maschine mit der Kennung LW 501 war mit seiner siebenköpfigen Crew unter dem Flight Officer Holmes um 00:06 Uhr vom Flugfeld Lissett der RAF südwestlich von Bridlington, im östlichen Yorkshire mit Kurs auf Leipzig abgehoben. Das Operations Record Book enthält lediglich den Hinweis „Nothing was heard from this aircraft since it took off.“ Aufzeichnungen der Commonwealth War Graves Commission (CWGC) belegen, dass die meisten Crewmitglieder beim Absturz der Maschine ums Leben kamen und zunächst in einem Massengrab in Beedenbostel bestattet wurden. Dies ist belegt durch die Aussage der Frau des damaligen Pastors Uhlhorn aus Beedenbostel, die gegenüber der Celler Heimatforscherin und Redakteurin, Hanna Fueß, angab, dass Mitte April 1947 das Massengrab geöffnet wurde und die darin befindlichen Leichen ehemaliger RAF Soldaten exhumiert und auf einen Ehrenfriedhof umgebettet wurden. 

Die Maschine mit der Kennung HX 325 war mit ihrer siebenköpfigen Crew um 23:51 Uhr vom Flugfeld Graveley der RAF, acht Kilometer südlich von Huntingdon abgehoben. Ihre Aufgabe hätte in einer sogenannten „Pathfinder Mission“ bestanden, d.h. in der Markierung des Ziels für den Bomberverband mittels Brandbomben und Leuchtmitteln. 

Hierzu kam es allerdings nicht - das Operations Record Book enthält für die Maschine des No. 35 Squadron den Hinweis „This aircaft is missing“.Tatsächlich belegen Zeitzeugen und weitere Quellen, dass sowohl LW 501 als auch HX 325 durch deutsche Nachjäger über Beedenbostel abgeschossen wurden. Hauptmann der Luftwaffe Ludwig Meister beanspruchte demzufolge die Abschüsse der britischen Halifax Maschinen durch seine Ju 88 am 20. Februar 1944 über Beedenbostel. 

Mindestens sechs der Crewmitglieder aus HX 325 gelang der Absprung aus dem abstürzenden Flugzeug. Auf dem Beedenbostler Friedhof wurde nur der Flight Sergeant Kenneth Knight bestattet und später, zusammen mit den RAF Angehörigen aus LW 501, auf den britischen Ehrenfriedhof nach Hannover Limmer umgebettet. Der Pilot von HX 325, Douglas Julian Sale, überlebte den Absturz schwer verwundet und verstarb später an seinen Verletzungen in einem Krankenhaus in Frankfurt a.M. Zeitzeugenberichten zufolge sei einer der abgesprungenen RAF Angehörigen auf einem Weidepfahl gelandet, habe sich hierbei schwer verletzt und sei durch die örtliche Bevölkerung vor seinem Weitertransport versorgt worden. 

Den restlichen Crewmitgliedern gelang es nach erfolgreichem Absprung offenbar sich abzusetzen – sie gerieten allerdings in den Tagen nach dem Absturz in deutsche Gefangenschaft. Einer der abgesprungenen RAF Soldaten wurde im Bereich Gockenholz aufgefunden und durch Zivilisten festgenommen. Man brachte ihn zunächst in das örtliche Spritzenhaus der Feuerwehr und sperrte ihn dort ein. Am nächsten Tag wurde der Gefangene abgeholt. 

Für Beedenbostel und seine Bewohner waren die Ereignisse der Nacht zum 20. Februar 1944 fatal. Der Ort war hell erleuchtet vom Feuerschein brennender Flugzeugteile und Brandbomben. Darüber hinaus explodierten mehrere Sprengbomben im Ortskern. „Brennend kamen die Flugzeuge heruntergeheult“, berichtete Lehrer Thies in der Schulchronik später. 

Die erste Maschine stürzte demnach im Süden des Dorfes, unweit der Straße nach Ahnsbeck und der Bahnstrecke auf einer Weide zu Boden. Der Rumpf des Flugzeugs war in zwei Teile gebrochen und der ausgetretene Treibstoff brannte laut Zeitzeugenaussagen noch bis zum nächsten Morgen. Aus den weiteren Ereignissen lässt sich schließen, dass es sich bei diesem Flugzeug vermutlich um LW 501 gehandelt haben könnte. 

Bild: Skizze der Abstürze am 19./20. Februar 1944. Quelle: eigene Darstellung; Kartengrundlage: GSGS, 4414, Ed. 2 1945, Sheet 3327. 

Die andere abstürzende Maschine ging im Westen des Dorfes in Höhe des alten Gockenholzer Wegs zu Boden. Dabei zerbrach das schwer getroffene Flugzeug über Beedenbostel und seine mitgeführte Brandmunition verstreute sich über dem Dorf. 

Es liegt nahe, dass es sich hierbei um HX 325 gehandelt haben könnte, da dieses Flugzeug aufgrund seiner geplanten Mission mit entsprechenden Kontingenten an Brandmunition, wie insbesondere Stabbrandbomben, ausgestattet war. Vier Höfe standen in der Folge in Brand - Feuerwehrkräfte aus Beedenbostel, Höfer, Eldingen, Ahnsbeck, Lachendorf, Celle, Wienhausen, Wathlingen, Nienhagen, Winsen, Wietze, Dedelstorf, Hohnhorst und Bergen waren an den Löschmaßnahmen beteiligt. 

Bild: Auszug der Darstellung durch Fr. Engelke. Quelle: Engelke, in: Hanna Fueß Berichte, erzählt am 19. Juni 1947, KrA Celle. 

Im kollektiven Gedächtnis blieb der Bomberabsturz in Beedenbostel lange als „schauriges“ Ereignis erhalten. Obwohl dies eigentlich nicht zum Kriegsende im engeren Sinne zählt, liegt auf der Hand, dass ein derart einschneidendes Ereignis die allgemeine Sicht auf das Kriegsgeschehen vor Ort geprägt haben wird. 


H. Altmann 


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Uhlhorn, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Operations Record Book No. 158 Squadron, 19./20. Februar 1944, AIR 27 1049, National Archives London. 

Operations Record Book No. 35 Squadron, 19./20. Februar 1944, AIR 27 381, National Archives London. 

https://35squadron.wordpress.com/2017/07/15/halifax-hx325-19021944/, anbgerufen am 10.02.2021, 21:56 Uhr. 

Thies, Schulchronik Beedenbostel, Fortsetzung am 20.11.1947, Kreisarchiv Celle. 

Engelke, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Zeitzeugenaussage HB, Gockenholz, 2020. 

Tagebuch der Schwester Schulz, Bericht über das Kriegsende, in: Hanna Fueß Berichte, Kreisarchiv Celle. 

Graves Concentration Report, CWGC, in: https://35squadron.wordpress.com/2017/07/15/halifax-hx325-19021944/, anbgerufen am 10.02.2021, 21:56 Uhr. 

Bowman, Nachtjagd: Defenders of the Reich.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Hambühren, Sonnabend 26. November 1944: „Aufsicht bei 275 Judenfrauen“


Im Frühjahr 1944 entstand tief unter Hambühren eine Großbaustelle. Für das geheime untertägige Rüstungsprojekt „Hirsch“ musste auch oberirdisch Infrastruktur geschaffen werden. Die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG beschäftigte zeitweise hunderte weibliche jüdische KZ-Häftlinge vor Ort. 

Mit dem Bau der Lufthauptmunitionsanstalt Hambühren 1/XI wurde bereits zur Mitte der 1930er Jahre begonnen.[1] Die Rüstungseinrichtung, deren Ausdehnung große Teile der heutigen Gemeinde Hambühren und Ovelgönne vereinnahmte, konnte bis zum Kriegsende nicht vollständig fertiggestellt werden. Der voranschreitende Kriegsverlauf, die zunehmende Bedrohung durch alliierte Luftangriffe und das hiermit verbundene Erfordernis sicherer Produktionsstätten bescherten Hambühren allerdings noch zusätzliche Rüstungsprojekte. 

Am 3. Mai 1944 wurde im Rahmen einer Tagung des Jägerstabs in Lüneburg, an der alle Dienststellen und Behörden der Rüstungsinspektion XI teilnahmen, der Firma Focke-Wulf die Grube Prinz Adalbert bei Hambühren zugewiesen.[2] Untertage sollte eine sichere Produktionsstätte für Flugzeugteile eingerichtet werden. Der Ausbau der Grube bzw. einzelner Abschnitte sowie der Schachtanlagen, die mit den Tarnnamen „Hirsch I“ und „Hirsch II“ versehen waren, stand unter der Leitung eines Regierungsbaurates als Sonderdezernent des Baubevollmächtigten im Rüstungsministerium unter Albert Speer.[3]

Die Realisation des Vorhabens gestaltete sich jedoch schwierig, da die Schachtanlagen bereits im Jahr 1926 stillgelegt worden waren, „sodass alles Material vom Schienennagel bis zur Fördermaschine erst beschafft werden“ musste.[4] Während die untertägigen Ausbaumaßnahmen Anfang des Jahres 1945 keineswegs abgeschlossen waren,[5] liefen die oberirdischen Arbeiten bis Ende des Jahres 1944 auf Hochtouren. Zu dieser Zeit war bereits die Oberbauleitung Ost-Hannover-Süd der Einsatzgruppe „Hansa“ der Organisation Todt (OT) in Hambühren untergebracht.[6]

Im August des Jahres 1944 gelangten 400 jüdische Frauen in einem ersten Transport aus Auschwitz über das KZ-Bergen-Belsen in das Lager III nach Hambühren/Ovelgönne.[7] Dieses Barackenlager befand sich östlich des heutigen Wiesenwegs in Ovelgönne – in Höhe der Einmündung des Ostlandrings.[8] Aufsicht über das – auch als „Waldeslust“ bezeichnete - Lager III führte SS-Oberscharführer Karl Heinrich Reddehase.[9] Er wurde am 16.05.1946 vom britischen Militärgericht in Celle zum Tode verurteilt und am Morgen des 11.10.1946 im Zuchthaus Hameln gehängt.[10]



[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 33.
[2] Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüneburg 01.04.-30.06.1944, NLA Nds. 800 Acc. 2014/036 Nr. 16.
[3] Ebd.
[4] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 31.07.1944, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[5] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 23.01.1945, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[6] Stellenbesetzung bei OT-Oberbauleitungen, Bundesarchiv R 50-I/59.
[7] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[8] G.S.G.S. Map, Winsen (Aller), Sheet 3325, 1:25:000; 4th Edition.
[9] Deposition of Karl Heinrich Reddehase, 30.01.1946.
[10] Fabisch, Muna Hambühren, S. 59.

Bild: Transportverlauf bis nach Waldeslust (Hambühren); Quelle: DEGOB; Goldberger; 1946. 

Die Zusammenhänge des Lagers III „Waldeslust“ wurden bereits umfassend recherchiert[1] - allerdings war über die Beteiligung ortsansässigen Unternehmen im Zusammenhang mit der Beschäftigung von KZ-Häftlingen bis heute wenig bekannt. Bekannt dagegen ist die lange Liste von Firmen und Handwerksbetrieben, die damals in Hambühren tätig waren – schließlich wurden die Betriebe vor Ort zur Gewerbesteuer veranlagt.[2] 

Ein Abgleich der Geschäftsfelder der ortsansässigen Betriebe mit den Tätigkeitsbeschreibungen überlebender ehemaliger KZ-Häftlinge zeigt Übereinstimmungen. Ehemalige Häftlinge gaben an, dass sie unter anderem im Straßenbau arbeiten mussten.[3] Die Landwirtin und Zeitzeugin Frieda Glier aus Ovelgönne bestätigte dies am 26. Juni 1947 im Gespräch mit der Redakteurin Hanna Fueß wie folgt:[4]

„Die Jüdinnen, die hier waren, arbeiteten an der Oldauer Straße, etwa 40 bis 50 Frauen; sie luden Steine ab und bauten das Fundament für Baracken in der Ausschachtung. Die Jüdinnen lagen im Lager III, das war an der neuangelegten Straße von Hambühren bis Oldau, es war früher ein Waldweg. Frauen in feldgrauer Kleidung waren als Bewachung bei ihnen.“




[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58 ff.; Wienecke, Besondere Vorkommnisse nicht bekannt, S. 154 ff; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284; Plattner, in: Füllberg-Stolberg/Jung/Riebe/Scheitenberger: Frauen in Konzentrationslagern, S. 75f.
[2] Gemeindearchiv Hambühren, Fach 67 Nr. 7, Gewerbesteuer Hambühren 1935-1951.
[3] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[4] Glier, in: Schulze Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945 – 1949, S. 94.

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Straßenbauarbeiten wurden zu dieser Zeit insbesondere durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ausgeführt. Das bereits im Jahr 1910 gegründete, in Westercelle ansässige, Unternehmen wurde nach dem Tod des Gründers im Jahr 1928 von dessen Schwiegersohn, Helmut Thiele, weitergeführt.[1] 

Thiele war Mitglied der Wirtschaftsgruppe Bauindustrie[2] - in den 30er Jahren erhielt das Bauunternehmen diverse Großaufträge verschiedener Truppengattungen. So war es vor Kriegsbeginn unter anderem am Bau der Heeresmunitionsanstalt Scheuen, der Anlage von Gleisanlagen in Unterlüß, Bauarbeiten auf dem Flugplatz Dedelstorf und Arbeiten im Bereich des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne beteiligt.[3]




[1] Möller, Celle-Lexikon, S. 224.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71.
[3] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15f.

Bild: Straßenbauarbeiten an der Straße Unterlüß-Lutterloh durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1937. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Deutschlandweit war das Westerceller Unternehmen auf diversen Baustellen eingesetzt und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges intensivierte sich das Auftragsvolumen. Zwischen 1943 und 1945 rechnete das Unternehmen gegenüber der Einsatzgruppe Russland-Süd der Organisation Todt (OT), Oberbauleitung Lützow ab – bei Kriegsende bestanden noch erhebliche Restforderungen aus dem „Fronteinsatz Westküste“.[1]




[1] Schreiben betreffend Gesamtforderungen der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vom 26.09.1945, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.

Bild: Einbindung der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG in die Ogranisation Todt. Quelle: Firmenchronik S. 17.

Eigenen Angaben zufolge standen die Auslandstätigkeiten in Bezug auf die OT in Zusammenhang mit Straßen-, Bahnhofs- und Gleisbauarbeiten in der Ukraine sowie Arbeiten am Atlantikwall in Frankreich.[1] Dort wurden eine Festungsanlage an der Steilküste zwischen Le Pornichet und Le Croisic sowie die Flakstellungen auf der Höhe 16 erbaut.[2] Aber auch in unmittelbarer Nähe des Westerceller Firmensitzes war das Bauunternehmen unter der Leitung von Helmut Thiele im Zuge von Baumaßnahmen während des Krieges tätig. 




[1] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.
[2] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.

Bild: Gleisbauarbeiten bei Ehlershausen durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1938/1939. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Viele der Arbeiten konnten bis Kriegsende nicht vollständig abgeschlossen werden – mehrere Rechnungen gegenüber den jeweiligen Oberbauleitungen der OT blieben daher unbeglichen. Dieser Umstand veranlasste die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG die offenen Gesamtforderungen in Höhe von 543.074,42 Reichsmark mit Schreiben vom 26. September 1945 an den Leiter der Abrechnungsstelle der Oberbauleitung Wiesbaden und Giessen, geltend zu machen - unterzeichnet durch Helmut Thiele.[1]

Eine, dem Schreiben beigefügte, Rechnungsaufstellung enthält die Rechnung Nr. 5326 vom 19. Juni 1945 an die OT Oberbauleitung Ost-Hannover Hambühren i.H.v. 2.294,14 Reichsmark.[1] Gegenstand der Rechnung war folgender: „Auf Schacht I Lagerplatz für Packlage hergestellt, Steine losgebrochen, gesammelt und aufgeladen in der Zeit vom 1.-30.11.44.[2] Die in der Rechnung aufgeführten Positionen beinhalten 1.975 Tagwerke für „ausländische Arbeiterinnen“, die á 70 Pfennig zuzüglich 20 % Unkostenpauschale angesetzt worden sind.[3] 

Die beiliegende Einzelaufstellung der Tagelohnarbeiten belegt, dass diese 1.975 Tagwerke von jüdischen Frauen verrichtet worden sind.[4] Zwischen dem 01.11.1944 und 29.11.1944 arbeiteten demnach jeden Tag – auch an Sonntagen – mindestens 40 - in Spitzenzeiten hunderte jüdische Frauen an dem Bauprojekt.[5] Eine handschriftlich ausgefüllte Tätigkeitsliste belegt, dass darin namentlich genannte Aufsichtspersonen bis zu 10 Stunden täglich Aufsicht bei „Judenfrauen“ führten.[6] Am Sonntag, den 26. November 1944 wurden demnach 275 jüdische Frauen beaufsichtigt.[7]

Bild: Standort des ehemaligen Lagers "Waldeslust" - heute der Ostlandring in Ovelgönne. Quelle: H. Altmann; 09/2019.

Eine ähnliche Rechnung, nebst beiliegender Aufstellung über die Tagelohnarbeiten, datiert auf den 20. Juni 1945. Darin wurden 400 Tagwerke ausländischer Arbeiterinnen – ebenfalls á 70 Pfennig, zuzüglich 20 % Unkostenpauschale – für die „Baustelleneinrichtung in Oldau sowie Gleistransport und Gleisbau in der Zeit vom 20.11. bis 30.11.1944“ abgerechnet.[8] Es liegt nahe, dass die ausländischen Arbeiterinnen bei diesem Arbeitseinsatz ebenfalls Jüdinnen aus dem Lager III waren. Im Februar 1945 wurde das Lager III aufgelöst – die vor Ort befindlichen Jüdinnen wurden in das KZ Bergen-Belsen gebracht.[9]

An anderen Orten scheint das Vorgehen ähnlich gewesen zu sein. Mit Hinblick auf Bautätigkeiten in Unterlüß liegt nahe, dass die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ebenfalls jüdische KZ-Häftlinge eingesetzt hat. In einem Schreiben an die Gemeinde Unterlüß vom 29. Januar 1945 wird das Bauunternehmen neben weiteren Betrieben genannt, die Frauen aus dem sogenannten Tannenberglager bei Altensothrieth – rund 6 km westlich von Unterlüß – beschäftigt haben.[10] Auch in diesem Fall gaben überlebende Häftlinge an, dass sie unter anderem zu Straßenbauarbeiten eingesetzt worden waren.[11]. Und auch in diesem Fall war die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vor Ort mit derartigen Baumaßnahmen beauftragt.[12]

In der Nachkriegszeit steigerte die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ihr Auftragsvolumen nochmals. Helmut Thiele ließ am Sitz der Firma in Westercelle im Jahr 1965 einen Neubau der Verwaltungszentrale errichten.[13] 

Das Unternehmen verfügte über eine vielseitige Auftragslage: Baumaßnahmen am Autobahnkreuz Hannover-Ost, Straßenbaumaßnahmen, Ausbau der Südtangente bei Celle, Errichtung von Sportanlagen – u.a. in Nienhagen, Bau des Allerwehres bei Osterloh, Regulierung der Aller im Bereich Altencelle bis Schwachhausen, Kanalbau, Ingenieurbauprojekte, Brückenbauten – u.a. Bau der Straßenbrücke über die Aller am Harburger Berg im Jahr 1952, Bau der Kläranlage der Stadt Celle, Bauarbeiten für die Papierfabrik in Lachendorf, uvm.[14] Im Jahr 1973 wurde der Finkenweg in Westercelle in die Helmut-Thiele-Straße umbenannt.[15]




[1] Ebd.
[2] Rechnung vom 19.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[3] Ebd.
[4] Aufstellung der Tagelohnarbeiten für die OT-Bauleitung Hambühren auf Schacht I, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[5] Ebd.
[6] Handschriftliche Aufstellung für die OT-Bauleitung in Hambühren der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[7] Ebd.
[8] Rechnung vom 20.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[9] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 285.
[10] Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG an die Gemeinde Unterlüß vom 29.01.1945, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[11] Wolf, DEGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 286.
[12] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15; Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG betreffend der gewerblichen Niederlassung auswärtiger Firmen in Unterlüß vom 10.07.1944, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[13] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 10.
[14] Ebd. S. 19 ff.
[15] Straßenverzeichnis, Straßenumbenennungen und entfallene Straßen Stadt Celle, Stand 10/2017, S. 1.

Bild: Neubau der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Hauptverwaltung Westercelle, erbaut im Jahr 1965. Quelle: Firmenchronik S. 10. 

Bild: Ehemaliges Hauptverwaltungsgebäude der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

In einer umfassenden Auswertung untersuchte eine Bewertungskommission die Celler Straßennamen und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus. [1] Hierin wurde u.a. festgestellt, dass Thiele, „da der Gewinn seiner Firma in den Jahren 1937 bis 1944 exorbitant (auf durchschnittlich über ein Zehnfaches) angestiegen war (...) als typischer Nutznießer des NS-Systems (galt), der aufgrund seiner zahlreichen Mitgliedschaften in den verschiedenen NS-Organisationen mit lohnenden Rüstungsaufträgen betraut wurde. Ob weitere Erklärungen von Thiele und ein Gutachten diesen Vorwurf tatsächlich entkräften, konnte im Rahmen dieser Recherche nicht geklärt werden“, schloss die Stellungnahme seinerzeit zu Helmut Thiele.[2]



[1] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71f.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 72.


Bild: Helmut-Thiele-Straße in Westercelle. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

Die Bewertungskommission kam später hinsichtlich Helmut Thiele zu der in seiner Einschätzung, dass das Material nicht für eine Umbenennung ausreiche.[1] In der dritten Sitzung der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle stimmten die Anwesenden dieser Einschätzung zu – der Straßenname blieb, da seinerzeit keine entsprechenden Belege vorlagen.[2]

Quellenseitig ist belegt, dass sich die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG insbesondere in den letzten Kriegsjahren günstiger Arbeitskräfte bediente, die sich – wie im Fall von Hambühren – teilweise auch aus KZ-Häftlingen zusammensetzten. Diese Ereignisse fanden nicht in fernen Ländern statt, sondern in ca. 10 km Entfernung vom Westerceller Firmensitz. 

So spannend Rüstungsprojekte, wie die untertägige Flugzeugproduktion in Hambühren auch sein mögen, darf nicht in Vergessenheit geraten, dass sie zu erheblichen Teilen auf einem Fundament der Ausbeutung und des Unrechts errichtet worden sind.

H. Altmann




[1] Stadt Celle, Bewertung Jantzen, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20618.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:30 Uhr.
[2] Protokoll der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle am 03.09.2010, 11 Uhr, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20614.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:37 Uhr.