f Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 19. Oktober 2018

Serumsforschung bei Unterlüß

        

Am Ortsausgang von Unterlüß stehen alte Backsteingebäude. Das Gelände wirkt verlassen - darf jedoch nicht betreten werden. Was hat es damit auf sich? 

Aus heutiger Sicht ist kaum vorstellbar, dass hier ein Pharmaunternehmen versuchte unmittelbar nach Kriegsende einen großen Produktions- und Vertriebsbetrieb einzurichten. 

Aber von Anfang an. Im Raum Celle existierten im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Rüstungsanlagen. Bei Kriegsende wurden diese Einrichtungen teilweise gesprengt - mancherorts blieben sie erhalten und wurden später zu anderen Zwecken verwendet. Da von den Anlagen in vielen Fällen noch Gefahr ausging, wurden sie meistens zunächst für einige Zeit von der alliierten Militärregierung verwaltet. In Bezug auf einige der leerstehenden Rüstungseinrichtungen fanden sich allerdings relativ schnell neue Verwendungsmöglichkeiten. So auch im Fall der ehemaligen Munitionsanstalt "Eschengrund" bei Unterlüß. 

Unterlüß wurde zu Kriegszeiten als Rüstungsstandort erweitert. Über den Schießplatz der Rheinmetall-Borsig AG hinaus gab es zahlreiche weitere Rüstungseinrichtungen, Barackenlager und entsprechende Infrastruktur. Am nördlichen Ortsausgang war die Munitionsanstalt "Eschengrund" entstanden, deren genauer Zweck bis heute nicht ganz geklärt ist. In zeitgenössischen Quellen wird berichtet dort sei "Sondermunition" hergestellt worden. 

Am 04.04.1945 wurde Unterlüß von einem schweren Bombenangriff durch amerikanische Bomberverbände getroffen. Der Ort war für die Bomberstaffeln eigentlich nur ein Ausweichziel, denn der Angriff hatte ursprünglich dem Fliegerhorst Fußberg gegolten.

Luftbilder vom 07.04.1945 zeigen die rauchenden Trümmer im nördlichen Bereich de Ortes. Beim Angriff wurden die Werksanlagen der Rheinmetall-Borsig AG getroffen - die angrenzende Munitionsanstalt Eschengrund wurde dabei aber kaum in Mitleidenschaft gezogen. 

Bild: Luftangriff am 04.04.1945 auf Unterlüß. Quelle: http://www.303rdbg.com/missionreports/351.pdf 

Bereits wenige Tage später - am 13.04.1945 - trafen britische Truppen in Unterlüß ein. Der Ort war überfüllt mit Menschen unterschiedlichster Herkunft - die meisten von ihnen waren während des Krieges zu Arbeitseinsatz zwangsverpflichtet worden und durch den Einmarsch der Alliierten nun befreit. Es ereigneten sich chaotische Szenen im Ort, da einige der ehemaligen Zwangsarbeiter plündernd durch die Straßen zogen, berichtete unter anderem der Unterlüßer Pfarrer Leibfeld am 13.11.1947 im Gespräch mit der ehemaligen CZ-Redakteurin Hannah Fueß. 

Mit dem alliierten Einmarsch fiel Unterlüß und die dort befindlichen Rüstungsanlagen in den Zuständigkeitsbereich der Militärregierung der westlichen Alliierten. Bereits am 14.07.1945 trat das Gesetz Nr. 52 in Kraft - gefolgt vom entsprechenden Befehl Nr. 124 der Militäradministration vom 30.10.1945. Das Gesetz ermöglichte staatlichen Unternehmen unter - bestimmten Umständen - ihre normale Geschäftstätigkeit weiter auszuüben. 


Für die Rheinmetall-Borsig AG als Rüstungsunternehmen traf dies jedoch nicht zu. Das Unternehmen wurde explizit aus dem Anwendungsbereich der Ausnahmeregelungen ausgeklammert. Damit stand das Unternehmen vor gravierenden Problemen. Produziert werden konnte und durfte nicht. Ein Zugriff auf die Firmenkonten war nicht mehr möglich. Eine Wiederaufnahme der geschäftlichen Tätigkeit blieb damit zunächst ungewiss. 


Es liegen Belege vor, dass bereits in Spätsommer / Herbst 1945 eine anderweitige Nutzung von Teilen des Rheinmetall-Borsig Firmengeländes in Erwägung gezogen wurde. Ein entsprechender Vermerk vom 11.09.1945, der dem Regierungspräsidium in Lüneburg vorlag, beinhaltet detaillierte Pläne in Unterlüß ein Institut zur Gewinnung von Seren - unter anderem gegen Maul- und Klauenseuche einzurichten. 


Die Verhandlungen wurden zunächst mit der ASID-Serumsinstitut GmbH geführt, die einen vorübergehenden Firmensitz in der Hannoverschen Straße Nr. 41 in Celle eingerichtet hatte. Das Unternehmen hatte konkrete Vorstellungen zu den Anforderungen an das mögliche Firmengelände. 


Die angestrebten Arbeitsgebiete gehen aus einem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Lüneburg vom 08.10.1945 hervor



  • Herstellung von Sera, Impfstoffen, pharmazeutischen und biologischen Heilmitteln, Desinfektionsmitteln, chirurgischem Nahtmaterial (Catgut)
  • Anbau von Heilpflanzen
  • Herstellung von Bekämpfungsmitteln gegen pflanzliche und tierische Schädlinge 
Es wurden unterschiedliche Möglichkeiten geprüft für die Pläne der ASID-Seruminstitut GmbH eine passenden Standort zu finden. Im Gespräch war unter anderem die Ansiedlung des Werksgeländes in der Domäne Trauen, in Unterlüß sowie im Bereich von Altensothrieth. 


Bild: Hof Altensothrieth heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Was hatte es mit der ASID-Seruminstitut GmbH auf sich? 


Die Anhaltische Serum-Institut Dessau GmbH (ASID GmbH)   entstand in den Zwanzigerjahren in Dessau und diente der Herstellung von Impfstoffen, Seren und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Insbesondere wurden zu Beginn der Dreißigerjahre Impfstoffe und Seren gegen Tierkrankheiten erzeugt und entsprechende Krankheiten erforscht. 


Ab dem 01.05.1938 wurden die Gesellschaften des ASID unter staatliche Kontrolle gestellt. Es entstand die ASID-Werksgemeinschaft - ein "NS-Musterbetrieb". Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Betriebe in den besetzten Gebieten Osteuropas in die ASID-Werksgemeinschaft integriert. So unter anderem in Wien, Prag und in der Ukraine. Der Betrieb war mittlerweile als "kriegswichtig" eingestuft, da er die Kriegswirtschaft mit pharmazeutischen Produkten wie Impfstoffen, Seren und sterilem Nahtmaterial (Catgut) versorgte. 


Anfang der 1940er Jahre beschäftigte die ASID-Werksgemeinschaft rund 3.000 Arbeitskräfte in 25 Unternehmen. Ab 1942 bandelte die ASID-Werksgemeinschaft auch mit der SS an, um mit inländischen Wettbewerbern mithalten zu können. Wie detailliert die Kooperation verlief ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Allerdings belegen die Protokolle des Nürnberger Ärzteprozesses, dass durch SS-Ärzte unter anderem am 27.08.1943 Impfversuche an KZ-Häftlingen im Konzentrationslager Buchenwald durchgeführt wurden - unter Leitung des SS-Arztes und Sturmbannführers Dr. Ding. Die Versuche fanden unter Einsatz von Typhus- und Fleckfiebererregern statt - gegen diese wurden verschiedene Impfstoffe verabreicht - so auch "ASID" und "ASID Adsorbat". 


Kurz vor Kriegsende waren die östlichen Standorte des ASID von der vorrückenden Roten Armee bedroht - sie mussten mehrfach verlagert werden. Es konnte allerdings nicht verhindert werden, dass Betriebe in der sowjetischen Besatzungszone verstaatlicht wurden. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Auflösungserscheinungen versuchten einige leitende Angestellte und wissenschaftliche Mitarbeiter der ASID in den westlichen Besatzungszonen eigene Unternehmen zu gründen. 


Entsprechendes geht aus dem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Lüneburg vom 08.10.1945 hervor. Darin heißt es unter anderem "der Ausfall unserer sämtlichen in der russisch besetzten Zone befindlichen Produktionsstätten für die übrigen Gebiete Deutschlands veranlasst uns, für die britische Zone ein selbstständiges Institut einzurichten." 


Ein Vermerk des Regierungspräsidiums in Lüneburg vom 06.10.1945 berichtet über die am Vortag geführten Verhandlungen zu einem möglichen Standort der "ASID-Serumsinstitut GmbH", die auf dem Gut Trauen bei Faßberg stattfanden. Danach beabsichtigte die Firma ASID ihren Betrieb geschlossen neu aufzubauen und suchte dafür geeignete Standorte im Regierungsbezirk Lüneburg. Augenblicklich sei die Firma in verschieden Teilniederlassungen zerspalten, so heißt es im Vermerk weiter. Die Firma ging davon aus, dass künftig Liefermöglichkeiten in die amerikanische Zone vorhanden wären. 


Fast zur selben Zeit wurden Verhandlungen für eine entsprechende Nutzung des ehemaligen Guts Altensothrieth geführt. 


Bild: Hof Altensothrieth heute. Quelle: Google Earth, 2018. 


Für die Bestrebungen der Vertreter der ASID war es von großer Wichtigkeit möglichst mit Besitzern größerer Ländereien zu verhandeln. Das Ziel war ein großes zusammenhängendes Territorium zu erwerben. Schon im o.g. Schreiben vom 06.10.1945 werden die ehemaligen Werksanlagen der Firma Rheinmetall-Borsig in Unterlüß als "gut geeignet" erwähnt. 

Am 01.11.1945 kam es zu Verhandlungen der ASID-Serumsinstitut GmbH mit der Rheinmetall-Borsig AG, um eine Unterbringung auf dem Gelände des Schießplatzes zu sondieren. Am 12.11.1945 unterbreitete die Rheinmetall-Borsig AG einen Vorschlag wonach eine Unterbringung in der sogenannten "Y-Anlage", d.h. der ehemaligen Munitionsfabrik Neulüß erfolgen könnte. 


Besprechungsprotokolle vom 15.11.1945 und 17.11.1945 belegen die Verhandlungen zwischen dem Regierungspräsidium in Lüneburg und Vertretern der ASID-Serumsinstitut GmbH. Darin heißt es unter anderem, dass die Lage des alten Guts Altensothrieth sei für die Zwecke der Gesellschaft günstig und einige der vorhandenen Gebäude wären für "den chemischen Betrieb außerordentlich geeignet."  



Bild: Hof Altensothrieth heute. Quelle: Altmann, 2018. 

In Kartenskizzen vom 06.12.1945 wurden die Flächen verzeichnet, die der ASID-Serumsinstitut GmbH im Bereich des Guts Altensothrieth übereignet werden sollten. 


Verzeichnet sind unter anderem Wohn- und Stallgebäude sowie Laboratorien, die nördlich der Landstraße 280 eingerichtet werden sollten. Die vorgesehenen Nutzungen der einzelnen Gebäude wurden in die nachfolgende Karte übertragen: 


Bild: Hof Altensothrieth - vorgesehene Nutzung für die ASID-Serumsinstitut GmbH. Quelle: War Office Map 1945. 

Tatsächlich waren die Verkaufsverhandlungen zum Ende des Jahres 1945 offenbar weitgehend abgeschlossen.

Am 06.12.1945 ging in der provisorischen Niederlassung der ASID-Serumsinstitut GmbH in der Hannoverschen Straße 45 in Celle ein entsprechendes Angebotsschreiben der Rheinmetall-Borsig AG ein. Darin wurde einerseits das Gut Altensothrieth zum Verkauf angeboten und andererseits die ehemalige Munitionsfabrikationsanlage Neulüß zur Verpachtung offeriert. 

Die vorliegende Aktenlage gibt allerdings keine Hinweise auf den Verlauf der Verkaufsverhandlungen. 


Im Sommer des Folgejahrs wurde allerdings die SERAG Süddeutsches Serum- und Arzneimittelwerk GmbH aus Neuherberg bei Schleißheim beim Regierungspräsidenten in Lüneburg vorstellig. Es wurde beabsichtigt eine, vom Hauptsitz bei München unabhängige, Gesellschaft in Niedersachsen zu gründen. Die Unterbringung der "Niedersächsischen Serum- und Arzneimittelwerk GmbH" sollte ebenfalls in Unterlüß erfolgen. Hierfür wurde eine Verwendung des Guts Altensothrieth sowie der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund angestrebt. 

Entsprechende Baupläne aus dem Jahr 1947 zeigen das Vorhaben im Bereich der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund. Hier sollten umfangreiche Stallungen zur Serumgewinnung, Fabrikation und sogar ein Quarantänegebiet entstehen. 


Bild: Ehemalige Munitionsanstalt Eschengrund bei Unterlüß. Quelle: Karte War Office 1945, Google Earth. 

Diesem Vorhaben stand scheinbar allerdings die Veräußerung bzw. Verpachtung des Guts Altensothrieth sowie der Munitionsfabrikation Neulüß im Wege. Daher berief man sich darauf, dass das vermögen der Rheinmetall-Borsig AG zum Zeitpunkt der Verkaufsverhandlungen unter bereits unter Kontrolle der alliierten Militärregierung stand. Die Verhandlungen mit der ursprünglich interessierten ASID-Serumsinstitut GmbH zogen sich wohl einige Zeit hin. 

Ein Schreiben der SERAG vom 20.06.1949 belegt, dass die Arbeiten in der Anlage Eschengrund bei Unterlüß nur unwesentlich vorangekommen waren. Es ist dahingehend von "wirtschaftlichen Schwierigkeiten" die Rede, die einen Ausbau der Serumproduktion in der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund zunächst verhinderten. 

Erschwerend hinzu kam, dass der Gleisanschluss, der vom Firmengelände der Rheinmetall-Borsig AG zur ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund verlief, Anfang Juni 1949 abgebrochen worden war. 

Neben den genannten umständen dürfte vor allem die veränderte Marktlage nach Kriegsende dazu beigetragen haben, das die geplante Serumproduktion in Unterlüß nicht anlief. Neue Impfstoffe waren zwischenzeitlich entwickelt worden und nicht zuletzt die Erfindung des Antibiotikums brachte maßgebliche Veränderungen mit sich. 

Allerdings brachte die Nachkriegszeit viele Veränderungen mit sich. Insbesondere durfte Rheinmetall den Betrieb in Unterlüß wieder aufnehmen und konnte einen Teil der Gebäude folglich selber nutzen. Teile der ehemaligen Munitionsanstalt wurden von einem Landwirt als Abstellt- und Lagerflächen genutzt. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Mittlerweile sind viele Gebäude der ehemaligen Munitionsanstalt abgerissen worden. Insbesondere der ehemalige Lagerbereich, in dem sich zahlreiche Munitionsbunker befanden, existiert heute nicht mehr. 

Von den ehemaligen Produktionshäusern, die nach Kriegsende auch die Laboratorien der Serumproduktion hätten beherbergen sollen, stehen heute nur noch wenige. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Entlang der Landstraße 280 befinden sich allerdings noch einige intakte Gebäude, die offenbar zeitweise als Scheunen verwendet wurden. Gemäß den entsprechenden Karten hätten auch diese Gebäude für die Unterstellung von Tieren im Rahmen der Serumproduktion diesen sollen. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Das Areal macht insgesamt einen recht verlassenen Eidruck. Das Betreten ist allerdings ohnehin nicht gestattet - die Bereiche der ehemaligen Munitionsanstalt Eschendrund befinden sich heute auf dem Gelände der Firma Rheinmetall. Schranken und Schilder weisen auf das Betretungsverbot hin. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Auf älteren Satellitenbildern sind noch weitere Gebäude im Bereich der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund erkennbar - allerdings fielen diese scheinbar im Laufe der Zeit in sich zusammen und wurden später abgetragen. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Über die Munitionsanstalt Eschengrund sowie die geplante Serumproduktion in Unterlüß finden sich heute so gut wie keine Informationen mehr. Auch die Ortschronik lässt die Zusammenhänge unerwähnt. 

Bild: Munitionsanstalt Eschengrund heute. Quelle: Altmann, 2018. 

Sicherlich hat sich der ein oder andere bereits gefragt, was es mit den leerstehenden Gebäuden am Ortsausgang von Unterlüß auf sich gehabt haben mag. Dahingehend konnte dieser Beitrag sicherlich etwas Licht ins Dunkel bringen. 

Insgesamt ist es dem Zufall geschuldet, dass sich im Hauptstaatsarchiv in Hannover eine Akte befand, die Informationen zu der geplanten Serumproduktion enthielt. Es ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte und allemal bemerkenswert, das ein solches Vorhaben im Raum Celle umgesetzt werden sollte. 

H. Altmann


Donnerstag, 6. September 2018

Legenden um den Silbersee


Heute ist er ein Badeparadies - historisch hatte der Silbersee bei Vorwerk allerdings eine ganz andere Funktion. Heute gibt es spannende Gerüchte darüber, was sich angeblich alles am Grund des Sees befinden soll.

Vielen dürfte die Geschichte "Der Schatz im Silbersee" von Karl May bekannt sein. Sie spielt im Wilden Westen und handelt von der Jagd nach Teilen einer geheimnisvollen Karte, die zu einem verborgenen Schatz im besagten See führen soll. Der Celler Silbersee hat mit all dem natürlich - außer seinem Namen - recht wenig gemeinsam. Aber auch zu ihm gibt es spannende Geschichten. 

So kursieren Gerüchte und Erzählungen nach denen von Schienen die Rede ist, die auf dem Grund des Silbersees verlaufen sollen. Auch andere Gerätschaften sollen sich noch in der Tiefe des Wassers verbergen. Was hat es mit diesen Gerüchten auf sich? 

Der Silbersee ist als Badesee bekannt. Er blickt auf eine interessante Entwicklung und Geschichte innerhalb des vergangenen Jahrhunderts zurück. 

Bild: Sildbersee bei Garssen heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Bereits vor dem ersten Weltkrieg gab es am Rand des heutigen Badesees eine Ziegelei. Dies ist ebenfalls auf dem preußischen Messtischblatt von 1899 zu erkennen: 

Bild: Ziegelei westlich von Garßen um 1899. Quelle: Messtischblatt 1899.

Am 20.11.1897 wurde verlautbart, dass eine Haltestelle an der Bahn Hannover - Hamburg neben der Lübbing'schen Ziegelei durch den Eisenbahnminister genehmigt wurde. Aufgrund der Wichtigkeit einer solchen Haltestelle für Garßen, auch für den Güterverkehr, wurde mit 10 Stimmen gegen 1 Stimme beschlossen, 10.000,- Mark zu den Anlagekosten zu bewilligen. 

Ebenfalls auf der Reichskarte aus dem Jahr 1904 ist hier die Ziegelei verzeichnet. Im Layer in Google Earth erkennt man deutlich, dass sich diese in unmittelbarer Nähe zur Bahnstrecke Hannover-Hamburg befand - heute liegt hier der Silbersee. 


Bild: Ziegelei westlich von Garßen um 1902. Quelle: Reichskarte 1902 / Google Earth.

Im Jahre 1899 hatte der Kreistag beschlossen, eine Kleinbahn von Celle nach Bergen zu bauen. Da sich aber die Verhandlungen zwischen dem Land- und Stadtkreis zerschlugen, wurde die Bahn zunächst nur von Bergen bis nach Garßen erbaut.

Im Mai 1901 wurde der Bahnbau in Angriff genommen und am 23. April 1902 die Bahn dem öffentlichen Verkehr übergeben. Am 12. Dezember 1904 war dann auch das Reststück bis Celle fertig, so daß die Züge von Bergen direkt nach Celle fuhren. Nur zweimal am Tag kamen die Züge auch nach Garßen, um die Ziegelei des Herrn Monheim zu bedienen.

Bild: Ziegelei westlich von Garßen um 1945. Quelle: War Office Map.

Allerdings war die Tongrube bereits um 1920 derart vertieft worden, dass ständig Grund- und Quellwasser nachdrang. Als die Firma Lühmann den Betrieb nach dem ersten Weltkrieg um 1919 wieder aufnahm, musste laufend Wasser abgepumpt werden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges siedelte die Firma Lühmann schließlich nach Peine um. 

Die nun brachliegende Betriebsfläche lief voll Wasser. Die nahegelegene OHE-Strecke war zeitweise durch nachrutschende Erde beeinträchtigt. 

Die Garßener Dorfjugend nutzte das Gelände nun inoffiziell als Badesee. Das Baden wurde nach dem Krieg offiziell zwar verboten - dies verhinderte jedoch nicht, dass es zu Badeunfällen kam. 

Bild: Silbersee westlich von Garßen um 1945. Quelle: War Office Map / Google Earth.

Bereits Ende der 60er entstand der Badesee - ein Unternehmer aus Brake erwarb später das Gelände und legte den Campingplatz an. Bereits 1972 wurden insgesamt rund 32.000 Besucher gezählt. Die OHE richtete einen eigenen Haltebahnhof am Strandbad ein: 

Bild: Haltepunkt Silbersee. Quelle: n.a.

Noch heute ranken sich Legenden um den Badesee. Auf dessen Grund sollen immer noch Loren auf den einstigen Schienen stehen und Masten vorhanden sein. Weiterhin sollen sich noch allerhand Gerätschaften aus dieser Zeit auf dem Grund befinden. 

Das scheint recht plausibel, denn der Betrieb wurde bereits bei beginn des Zweiten Weltkrieges aufgegeben und lag vermutlich eine Zeit lang brach. Vermutlich konnten nicht mehr alle Betriebseinrichtungen abgebaut werden - Wasser drang in die Grube ein. Als dieses nicht mehr abgepumpt wurde, versanken die Materialien einfach am Grund des Silbersees... 

Hendrik

Mittwoch, 5. September 2018

Blickwinkel #5: Zöllnerstraße, Celle


Schon in früheren Zeiten entstanden in Stadt und Landkreis herrliche Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten, Straßenszenen und alltäglichen Begebenheiten. Manchmal sticht erst beim direkten Vergleich mit heutigen Aufnahmen ins Auge, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. In der Serie Blickwinkel werden alte Fotografien im historischen und lokalen Kontext vorgestellt. 

Ein Blick auf das Postkartenmotiv verrät: die Aufnahme ist in der Zöllnerstraße in Celle entstanden. Quasi unverändert zeigen sich noch heute die markanten Fachwerkgiebel. Auf der rechten Straßenseite ist ein Steingiebel im Stil der Weserrenaissance mit einem vorgelagerten Erker zu erkennen - alles in allem kommt Cellern die Straßenszene sehr vertraut vor. Und doch gibt birgt das Bild einige interessante Details. 

Am Ende der Zöllnerstraße ist die alte städtische Mittelschule (Bürgerschule) zu erkennen. Heute befindet sich dort das Gebäude in dem C&A ansässig ist. Zur Linken ist das Schild der einstigen Haushalts- und Spielwarenhandlung Renners zu sehen - vielen Celler dürfte der Name geläufig sein. 

Interessant ist auch, dass die Straße damals für den öffentlichen Verkehr zugänglich war. Es gab noch keine Fußgängerzonen - auch Straßenbäume sucht man im historischen Bild vergebens. 

Bild: Zöllnerstraße, Celle, Postkarte gel. 07.10.1943. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Die Postkarte wurde am 07.10.1943 von einem in Celle stationierten Unteroffizier abgesendet. Die Feldpostnummer der Einheit befindet sich auf der Rückseite der Karte. Sie lautet: 05256. 

Ab September 1943 war diese Feldpostnummer dem Stab der 1. Abteilung des in Celle stationierten Werfer-Lehr-Regiments 1 zugeteilt. Die neue Truppengattung der "Nebelwerfer" war in Celle in der Heeresgasschutzschule untergebracht. Am 31.01.1942 war das 1. Werfer-Lehr-Regiment aufgestellt worden. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion wurde es 1942/1943 zumeist im südlichen Abschnitt der Ostfront eingesetzt. 

Bereits im Dezember 1943 nahm die Einheit im Raum Kiew an Abwehrkämpfen gegen die Rote Armee teil. In dem handgeschriebenen Kartentext ist unter anderem auch die Rede von einem Abmarsch an die Front - allerdings finden sich keine Informationen wohin genau der Kartenschreiber verlegt wurde. Ob er den Krieg überlebte oder diejenige, die diese Karte kurz vor seinem Abmarsch aus Celle erhielt? Man weiß es nicht.  

Als historische Garnisonsstadt beherbergte Celle im Zweiten Weltkrieg viele Soldaten aus den verschiedensten Teilen des Landes. Ihre Freizeit verbrachten diese vermutlich desöfteren in der Altstadt, die schon damals reizvolle Postkartenmotive bot. 

Bild: Zöllnerstraße, Celle, Postkarte gel. 07.10.1943. Quelle: Archiv H. Altmann. 

In manchen Bereichen hat sich das Bild der Zöllnerstraße bis heute sehr gewandelt - Straßenbeleuchtung, Fußgängerzone und Bäume markieren die wesentlichen Veränderungen zur Ansicht aus dem Jahr 1943. 

Die Häuserfronten der historischen Fachwerkbauten sind jedoch noch nahezu genauso erhalten, wie sie die 75 Jahre alte Aufnahme zeigt. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Celler Innenstadt von Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben ist. Im Jahr 1943 war das allerdings noch kaum abzusehen. 

Bild: Zöllnerstraße, Celle, Bildmontage. Quelle: H. Altmann. 

Obwohl die Zöllnerstraße seit es Postkarten gab stets ein beliebtes Motiv abgab, ist diese Postkarte aus meiner Sicht etwas besonderes, da sie eine alltägliche und scheinbar völlig normale Straßenszene zeigt, während in vielen Teilen der Welt der Zweite Weltkrieg tobte. 

H. Altmann


Dienstag, 4. September 2018

Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg bei Unterlüß


Altensothrieth / Unterlüß. Im Gedenken an die Inhaftierten des ehemaligen KZ-Außenlagers "Tannenberg" bei Altensothrieh fanden sich am 01.09.2018 ungefähr 100 Besucherinnen und Besucher am Standort des einstigen Lagergeländes bei Altensothrieth ein. 

Bis auf einige moosbewachsene Mauerreste und Betonfundamente erinnert heute nichts mehr an das Lager, das zwischen August 1944 und April 1945 als Arbeitslager für weibliche Häftlinge diente. Die überwiegende Mehrheit der zumeist jüdischen Frauen stammte aus Ungarn, Polen oder der Ukraine und war über verschiedene Zwischenstationen aus dem KZ Auschwitz nach Unterlüß gelangt. Hier angekommen mussten die Frauen unterschiedliche Tätigkeiten verrichten - insbesondere wurden sie zur Arbeit bei der Munitionsfabrikation der Firma Rheinmetall-Borsig eingesetzt. 

Das Lager Tannenberg diente daneben zeitweise ebenfalls zur Internierung italienischer Militärgefangener. 

Bild: Deportation, Selektion und Arbeitseinsatz - Stationen einer Inhaftierten des KZ-Außenlagers Tannenberg. Quelle: DEGOB-Protokolle. 

Die genaue Anzahl der Inhaftierten lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr genau ermitteln. Nach einer Aufstellung des KZ Bergen-Belsen befanden sich im März 1945 517 weibliche Häftlinge im Lager Tannenberg. Nach Schätzungen und Beobachtungen ehemaliger Häftlinge weicht diese Zahl jedoch nach oben ab. 

Die Frauen litten unter menschenunwürdigen Bedingungen im Lager - hinzu kam der strenge Winter des Jahres 1944/1945 und die Drangsalierungen durch das Lagerpersonal. Insbesondere die Aufseherinnen der SS blieben vielen Überlebenden in Erinnerung. Bei Kriegsende wurde das Lager von SS-Aufseherinnen und Wachmannschaften verlassen. Die Lagerinsassen wurden unmittelbar vor Eintreffen der britischen Truppen - durch Einheiten des Unterlüßer Volkssturms - auf Lastwagen in das KZ Bergen-Belsen gebracht, wo noch viele den dort herrschenden Krankheiten zum Opfer fielen. 

Über die Zusammenhänge und Hintergründe war in diesem Blog bereits berichtet worden - in der Celleschen Zeitung war am 02.03.2018 hierzu ein ausführlicher Beitrag erschienen. 

Im Rahmen der Protestaktion "Rheinmetall entwaffnen" hatten die Veranstalter am Nachmittag des 01.09.2018 zu einer Gedenkveranstaltung am Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers Tannenberg aufgerufen. Rund 100 Besucherinnen und Besucher fanden sich vor Ort ein - viele von ihnen waren zu Fuß aus Unterlüß gekommen. 

Bild: Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Gedenkveranstaltung fand im zugänglichen Bereich des ehemaligen Lagers statt und wurde von Vorträgen zur Geschichte des KZ-Außenlagers begleitet. Insbesondere nahmen an der Veranstaltung viele Jüngere teil, die großes Interesse an den historischen Zusammenhängen des einstigen Lagers zeigten. 

Bild: Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Im Anschluss wurde eine Gedenkminute für die Opfer des Nationalsozialismus und insbesondere für die Häftlinge des Außenlagers Tannenberg abgehalten. Teilnehmer legten Blumen nieder und errichteten im Bereich der Zufahrt zum einstigen Lagergelände eine provisorische Gedenktafel. 

Bild: niedergelegte Blumen am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Es handelte sich hierbei um die erste Gedenkveranstaltung die am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg überhaupt stattfand. Seitens der Gemeinde Unterlüß bzw. der heutigen Gemeinde Südheide gab bisher keine offiziellen Bestrebungen an den Ort zu erinnern. 

Axel Flader, Bürgermeister der heutigen Gemeinde Südheide gab an, "da es - geschichtlich gesehen - mehrere Sachverhalte in Unterlüß aufzuarbeiten gäbe, kann es nur als Aufgabe des Landes gesehen werden, die Sachverhalte zu ordnen, in einen geschichtlichen Kontext zu stellen und eine Gewichtung der Themen vorzunehmen." (CZ v. 02.03.2018). 

Bild: provisorisch errichtete Tafel am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Eine vorrangige Kompetenz des Landes bei der Aufarbeitung regionalhistorischer Sachverhalte gibt es aber nicht - vielmehr kommt es auf die Initiative vor Ort an. 

Vom  SPD-Ortsverein Südheide wird daher, mit Unterstützung der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten sowie Historikern aktuell angestrebt, im Bereich des ehemaligen KZ-Außenlagers eine dauerhafte Gedenktafel zu errichten. Die Überlegungen haben sich nach der Veröffentlichung der historischen Zusammenhänge konkretisiert - die Umsetzung ist allerdings noch in Arbeit. 

Die Gedenkveranstaltung vom 01.09.2018 stellt insofern einen wichtigen Beitrag dazu dar, die Erinnerung an das ehemalige KZ-Außenlager Tannenberg wach zu halten.  


H. Altmann


Donnerstag, 23. August 2018

Blickwinkel #4: Gastwirtschaft Hillmer, Wienhausen


Schon in früheren Zeiten entstanden in Stadt und Landkreis herrliche Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten, Straßenszenen und alltäglichen Begebenheiten. Manchmal sticht erst beim direkten Vergleich mit heutigen Aufnahmen ins Auge, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. In der Serie Blickwinkel werden alte Fotografien im historischen und lokalen Kontext vorgestellt. 

Ein Fachwerkhaus mit einem auffällig spitzen Erker - davor ein gedeckter Tisch, ein Motorrad und eine Pferdekutsche mit Insassen. Die Momentaufnahme entstand in den 30er oder 40er Jahren und wurde in Wienhausen aufgenommen. 

Zu sehen ist die ehemalige Gastwirtschaft "Zum Bahnhof", die einst von August Hillmer geführt wurde. Die Aufnahme stammt von einer Postkarte, die am 25.04.1943 in Celle abgestempelt wurde und anschließend nach Kärnten im Allgäu versandt wurde. 

Bild: Gastwirtschaft "zum Bahnhof", Wienhausen, Postkarte gel. 25.04.1943. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Über die Gastwirtschaft finden sich leider kaum Quellen. Eventuell gibt es noch Zeitzeugen, die darüber zu berichten wissen. In seiner Ortschronik "Erinnerungen eines Bürgermeisters" berichtete Albert Heinemann, dass am 16.12.1948 in der Gastwirtschaft Hillmer die Wahl des Ortsvorstehers stattfand. 

Das Adressbuch des Landkreises vermerkt für die Jahre 1948 und 1958 noch eine Bahnhofswirtschaft. Eine weitere Aufnahme zeigt das Gebäude von Innen. 

Bild: Gastwirtschaft "zum Bahnhof", Wienhausen, Postkarte gel. 25.04.1943. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Ein Wandkalender (links im Bild) zeigt den Sommerfahrplan des Jahres 1937. Es liegt also nahe, dass die Bilder bereits ca. 6 Jahre alt waren, als die Postkarte versendet wurde. 

Vielen Wienhäusern ist der markante Erker bis heute bekannt, denn das Gebäude hat sich äußerlich nur unwesentlich verändert. Heute befindet sich darin das Geschäft Tintenklecks

Bild: Gebäude in der Bahnhofsstraße heute. Quelle: Archiv H. Altmann, 2018. 

Leider versperren einige Bäume die freie Sicht, sodass der Bildvergleich in derselben Perspektive etwas eingeschränkt ist. Trotzdem konnte das historische Foto mit einer aktuellen Aufnahme abgeglichen werden. 

Bild: Gebäude in der Bahnhofsstraße, Wienhausen. Bildmontage. Quelle: H. Altmann. 

Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn historische Gebäude erhalten geblieben sind. Wichtig ist es allerdings auch die Geschichte dieser Häuser nicht zu vergessen. Leider finden sich über die einstige Gastwirtschaft Hillmer nur vergleichsweise wenige Quellen.  

Vielleicht finden sich ja noch Menschen, die etwas darüber berichten können - über weitere Informationen, Hinweise und Anekdoten freue ich mich immer. Gerne per E-Mail (found-places@live.de) oder Telefon (s. Impressum). 

H. Altmann

Dienstag, 21. August 2018

Die europäische Burgendatenbank (EBIDAT)


Heimatforscher in Niedersachsen dürfen sich über einen neuen, spannenden Link freuen: die europäische Burgendatanbank (EBIDAT). Niedersachsen wurde vollumfänglich darin aufgenommen. Am 21.08.2018 erfolgte die Vorstellung des Projekts im Rahmen von Fachvorträgen im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) in Hannover. 

Burgen - so denken vermutlich viele - sind steinerne Gemäuer, die auf Anhöhen errichtet wurden, von Burggräben umgeben sind und über Zugbrücken verfügen. 

Das stimmt so natürlich nicht, wie Dr. Markus C. Blaich (Stellvertr. Leiter Abteilung Archäologie, NLD) in seinem Vortrag richtigstellte - vielmehr finden sich in Niedersachsen völlig unterschiedliche Arten von Burgen. Im Harz beispielsweise sind es vorwiegend steinerne Hochburgen, während im übrigen Bundesland eine größere Anzahl von ehemals hölzernen Niederungsburgen anzutreffen ist. 

Trotz der großen Unterschiede konnten die niedersächsischen Burgen vollumfänglich in die europäische Burgendatenbank (EBIDAT) aufgenommen werden und sind künftig allgemein zugänglich. Aus Sicht der Denkmalbehörden und Archäologen ergeben sich diverse Vorteile aus diesem Projekt - insbesondere können die bereits vorhandenen Datenbanken nun durch neues Bild- und Kartenmaterial sowie weitere Informationen ergänzt werden. 

Bild: Vortrag Prof. Dr. Barbara Schock-Werner. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Prof. Dr. Barbara Schock-Werner (Präsidentin der Deutschen Burgenvereinigung) erläuterte den Projektrahmen, der durch die Unterstützung von Partnern und Förderern verwirklicht werden konnte. Gestartet worden war das Projekt "im Selbstversuch vor der Haustür" in Rheinland-Pfalz, wo die ersten Burgen inventarisiert wurden, so Dr. Rheinhard Friedrich, Leiter des Europäischen Burgenistituts. 

Die Vorgespräche zur Aufnahme der niedersächsischen Burgen in EBIDAT waren bereits am 05.07.2015 in Hannover erfolgt. Unterstützt hatte das Projekt auch der bekannte niedersächsische Mittelalterarchäologe und Burgenforscher Hans-Wilhelm Heine. Insgesamt wurden 1.397 Burgen in Niedersachsen erfasst, wie Dr. Rheinhard Friedrich erläuterte. Dabei erfolgte die Inventarisation der Burgen durch verschiedene Mitarbeiter, die hierfür auf standardisierte Eingabemasken zurückgreifen konnten. 

Über die Internetseite der EBIDAT ist nun eine Vielzahl der eingegebenen Datensätze freizugänglich abrufbar. Neben Angaben zum mutmaßlichen Alter, zum Baustil oder dem Erhaltungszustand sind darüber hinaus auch Hinweise für die Anreise beigefügt worden. 

Bild: Vortrag Dr. Rheinhard Friedrich. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Vorteile aus der aktuellen Burgeninventarisation erläuterte Dr. Markus C. Blaich insbesondere dahingehend, dass die bereits vorhandenen Datenbanken (ADABweb), die teilweise Bau- und Bodendenkmale getrennt darstellen, nun besser verknüpft werden können. Darüber hinaus waren die letzten vergleichbaren Erfassungen in den 1950er Jahren erfolgt - die umfangreiche Neuerfassung liefert somit auch eine wichtige Ergänzung aus Sicht der Denkmalbehörden. 

Anhand der Landkreise Goslar und Hildesheim veranschaulichte Dr. Markus C. Blaich, den unterschiedlichen Erfassungs- und Bearbeitungsstand der archäologischen Datenbanken. Im Abgleich mit bestehenden Datensätzen zeigte sich, dass im Raum Goslar bereits die meisten Burgen erfasst worden waren, während im Landkreis Hildesheim dagegen viele der bisher noch fraglichen Relikte nun erstmals bestätigt bzw. falsifiziert werden konnten. 

Aus Sicht der Denkmalbehörde trägt das EBIDAT-Projekt unter anderem zu einer besseren Vernetzung der Akteure bei. Zudem bieten die gesammelten und aktualisierten Daten eine wichtige Grundlage für die Arbeit der Behörde. 

Bild: Vortrag Dr. Markus C. Blaich. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Allerdings könnte das Projekt auch Risiken bergen. So wurden die Burgen erstmals systematisch in einer frei zugänglichen Datenbank erfasst. Bisher waren die Objekte nur in der, für die Öffentlichkeit unzugänglichen, internen Datenbank der Denkmalbehörde enthalten. Insofern könnten etwa Sondengänger, die nicht mit den Denkmalbehörden zusammenarbeiten, auf bislang wenig bekannte Bodendenkmäler aufmerksam werden. 

Um derartigen Risiken vorzubeugen wurden allerdings besonders sensible Datensätze nicht veröffentlicht und dienen bislang ausschließlich der Ergänzung der bisher bestehenden internen Datenbank des NLD. Der allumfassende Bearbeitungsstand ist somit nicht zugänglich. 

Für den Landkreis Celle wurden bislang die folgenden Burgen erfasst: 















Weitere Beiträge im Blog mit Bezug auf Burgen im Raum Celle (Auszug): 








H. Altmann