f 8. April 1945 - Bomber der US Air Force über Celle ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 9. April 2021

8. April 1945 - Bomber der US Air Force über Celle


Der 8. April 1945 markiert bis heute ein schreckliches Kapitel in der Geschichte der Stadt Celle. Beim Luftangriff der 9. US Air Force im Bereich des Celler Güterbahnhofs wurde unter anderem ein Zugtransport mit KZ-Häftlingen getroffen. Es kam zu einer Jagd auf entflohene Häftlinge, zu schweren Ausschreitungen und zu Erschießungen. Obwohl die Zusammenhänge schon mehrfach betrachtet wurden, geben aktuelle Recherchen neue Einblicke in die damaligen Abläufe des Luftangriffs.

Am 9. Februar 1945 war die 323rd Bomb Group der US Air Force auf den Flugplatz Denain/Prouvy in Nordfrankreich verlegt worden.[1] Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Einheit bereits seit zwei Jahren über schnelle, zweimotorige Mittelstreckenbomber des Typs Martin B-26 „Marauder“ (deutsch: „Plünderer“). Zwischen Mai 1943 und Anfang 1945 hatte die 323rd Bomb Group gemeinsam mit weiteren Verbänden nahezu alle Arten von denkbaren Bodenziele bombardiert. Unter anderem: Bahnanlagen, Flugplätze, Industrieanlagen, militärische Einrichtungen – darunter auch V-Waffen-Anlagen – in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Dementsprechend routiniert waren die Flugzeugbesatzungen im Umgang mit ihren Maschinen in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Der damals 23 jährige Theodore Vincent Harwood war als Pilot der 9. US Air Force in den Rang eines 1st Lieutenant im 456. Bombardement Squadron aufgestiegen, das der 323. Bombardement Group zugehörig war. Am frühen Nachmittag des 8. April 1945 starteten insgesamt 52 Flugzeuge des Typs B-26 von Harwoods Einheit in Denain/Prouvy, stiegen auf 11.300 Fuß Höhe und nahmen Kurs auf Norddeutschland.[2] Unterwegs stießen weitere Flugverbände der 394., 397. Und 387. Bombardement Group hinzu. 

Die Maschine, die Harwood und seine Besatzung an diesem sonnigen Frühlingstag nach ca. 3:45 Stunden Flugzeit nach Deutschland brachte, trug die Kennung 41-34967 und den Namen „Hell’s Belle“. Aufgrund des guten Wetters konnte der Angriff „auf Sicht“ geflogen werden – das offizielle Ziel war die „Ninhagen Oil Refinery“.[3] Was Harwood, seine Crew und die beteiligten Flugverbände nicht ahnten: der Einsatz sollte nicht reibungslos ablaufen. 

Bild: Flugzeugnase der "Hell's Belle". Quelle: Roger Freeman Collection FRE 4641 | American Air Museum in Britain, no changes, Object no: FRE 4641, CC-BY-NC

Nienhagen wurde am 8. April 1945 noch vor Ankunft der anfliegenden B-26-Verbände durch einen weiteren Luftangriff getroffen. In der Ortschronik heißt es hierzu, dass bereits ab 10:00 Uhr Tiefflieger über eine längere Zeit die, im Bereich des Bahnhofs befindlichen, Tankanlagen in Brand schossen.[4] Es konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden welche Tiefflieger für diesen Angriff verantwortlich waren. In den Beständen des Australian War Memorial befinden sich zwei Fotografien, die aus Bordkameras anfliegender Flugzeuge aufgenommen worden sind. 

Bilder: Celle, Germany. C. 1945-03. Cannon strikes from a Tempest fighter aircraft of RAF 2nd Tactical Air Force on a large oil storage drum at Celle; Celle, Germany. C. 1945-03. Cannon strikes from a Tempest fighter aircraft of RAF 2nd Tactical Air Force on a large oil storage drum at Celle; AWM; SUK13965, SUK13964, Public domain. 

Die Bilder lassen sich zweifelsfrei den großen Ölspeicheranlagen der Firma Wintershall zuordnen, die sich früher im Bereich des Bahnhofs Nienhagen befunden haben. Im Jahr 1935 waren im Bereich des ehemaligen Gutsparks in Nienhagen zwei Riesentanks für die Ölspeicherung errichtet worden, die ein Fassungsvermögen von je 15.000 Kubikmeter aufwiesen und damit zu ihrer Zeit die größten ihrer Art auf dem europäischen Kontinent waren. 

Bild: Ölanlagen im Bereich des Bahnhofs Nienhagen. Quelle: Petroleum Facilities of Germany, The Enemy Oil Comittee, March 1945, public domain. 

Eben diese Tanks wurden im April 1945 durch Tiefflieger beschossen und in Brand gesetzt. Den Bildbeschreibungen zufolge handelt es sich um einen Beschuss aus den Bordmaschinenkanonen eines „Tempest fighter“ Flugzeugs der 2nd Tactical Air Force der Royal Air Force auf einen großen Ölspeicher in Celle.[5] Flugzeuge des Typs „Hawker Tempest“ wurden allerdings nur von der britischen Royal Air Force (RAF) eingesetzt. 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass kein einziger Einsatzbericht der jeweiligen RAF Squadrons, die mit Maschinen des Typs Tempest ausgerüstet waren und zu jener Zeit in Norddeutschland operierten, Hinweise auf einen Luftangriff am 8. April 1945 auf Ölanlagen bei Nienhagen liefert. Ob eventuell eine Verwechselung vorliegen könnte, bleibt ungeklärt. Sehr wahrscheinlich handelte es sich nicht um Flugzeuge der RAF sondern der US Air Force, die Bodenziele in Brand schossen, damit die B-26 Staffeln ihr Ziel im Sichtflug ansteuern konnten.

Bild: brennende Ölspeichertank am Bahnhof Nienhagen. Quelle: Gedicke, Chronik Nienhagen. 

Als die B-26 „Marauder“ Staffeln den Luftraum erreichten, brannten die Öltanks bei Nienhagen bereits.[6] Ein seitlich aus einem Flugzeug aufgenommenes Foto zeigt drei B-26 währen diese ihre Bomben über Nienhagen ausklinkten.[7] In der linken unteren Bildhälfte sind die Bahnstrecke und die Gleisabzweigungen bei Celle gut erkennbar. 

Bild: Three Martin B-26 Marauders Aim Fresh Blows At The Nienhagen, Germany Oil Refinery Obscured By Thick Smoke From Previous Hits By 9Th Bombardment Division. Quelle: www.Fol3.com, NARA Reference: 342-FH-3A22118-57133AC, published with permission of Fold3.com

Über der Stadt selbst liegt dichter Qualm – laut Bildbeschreibung stammte dieser von einem zuvor erfolgten Luftangriff mittlerer und leichter Kampfflugzeuge auf Öltanks bei Nienhagen. Dies kann aber nicht zutreffen. Erstens liegt die Rauchwolke zu weit über Celle. Würde sie vom Angriff auf die Öltanks bei Nienhagen stammen, wäre die Wolke im Bild weiter nach Süden verlagert. Zweitens herrschte an jenem 8. April 1945 Wind aus südwestlicher Richtung. 

Der Qualm zog daher in von Nienhagen in nordöstliche Richtung, d.h. grob nach Flackenhorst/Bockelskamp ab. Die Qualmwolke von Nienhagen hätte sich daher unmöglich weiter nach Celle ausgebreitet. Diese Erkenntnis lässt jedoch kaum einen anderen Schluss zu, als dass der Luftangriff auf die Ölanlagen bei Nienhagen noch im vollen Gange gewesen sein muss, während bereits der Angriff auf den Celler Güterbahnhof erfolgte. Die beiden großen Öltanks, die sich südlich von Nienhagen an der Langerbeinstraße befanden, waren beim Tieffliegerangriff ebenfalls in Brand geschossen worden.[8] Dies führte zum ersten Problem der Bomberpiloten: der aufsteigende Qualm war so dicht, dass einige der Staffeln die Ölanlagen nicht erkennen konnten und wiederholt anfliegen mussten.[9] 

Bild: Ansicht des ehemaligen Bahnhofs Nienhagen heute. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Ein weitaus schwerwiegenderes Problem ereilte die Besatzung der Maschine „Hell’s Belle“ von 1st Lieutenant Harwood. Das Flugzeug war im Anflug auf die Ölanlagen bei Nienhagen als der Heckschütze plötzlich rief: „Flak at six o’clock.“[10] Das Flakfeuer stammte möglicherweise von einer Flakbatterie, die bei Burgdorf positioniert war – dies würde jedenfalls zur Richtungsangabe „six o’clock“ passen.[11] Kurz darauf war das Donnern detonierender Geschosse von Flugabwehrkanonen (Flak) und das Geräusch zerberstenden Metalls zu vernehmen. 

Der Bordingenieur kam zu Harwood – er war überströmt mit Hydraulikflüssigkeit. Ein Schrapnell einer Flakgranate hatte einen unter Druck stehenden Hydraulikschlauch durchrissen. Weitere Beschädigungen gab es im Bereich des Munitionslagers der Bordmaschinenkanonen. Die Fallschirme einiger Besatzungsmitglieder waren zerstört. Ein Treibstofftank im Inneren des Linken Flügels war durchlöchert – Kerosin drang aus. „Hell’s Belle“ brach aus der Formation. Die Besatzung erwog einen Absprung aus dem schwer beschädigten Flugzeug – es war jedoch nur noch ein intakter Fallschirm vorhanden. 

Man entschied sich stattdessen eine riskante Bruchlandung zu wagen. Aufgrund des Druckabfalls im Hydrauliksystem ließ sich das Fahrwerk nicht mehr ausfahren. Unter mühevollen Anstrengungen glückte die Landung schließlich auf einem weiter entfernten britischen Ausweichflugfeld. Bevor das Flugzeug über Nienhagen abdrehte, schaffte es der Bordingenieur den Bombenschacht manuell zu öffnen, sodass die darin befindlichen Bomben ausgeklinkt werden konnten. Eine an sich schon gefährliche Bruchlandung wäre mit dieser tödlichen Fracht sicherlich misslungen.

Bild: Bombenkrater im Wald südlich Nienhagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Im Sommer 2010 räumte der Kampfmittelbeseitigungsdienst bei Nienhagen mehrere amerikanische 250 kg Bomben. Hierbei stellte der zuständige Sprengmeister fest, dass diese Bomben beim Luftangriff am 8. April 1945 wohl ihr Ziel verfehlt hatten – an den Zündern war erkennbar, dass der Pilot Probleme beim Abwurf gehabt habe muss.[12] Gut möglich, dass es sich dabei um die notdürftig abgeworfenen Bomben der B-26 „Hell’s Belle“ handelte.

Bild: Rauchwolke der brennenden Ölanlagen bei Nienhagen - aus Celle aufgenommen. Quelle: StadtA CE, F 01, 21.06.02 Nr. 0010. 

Während über Nienhagen bereits tiefschwarze Rauchwolken lagen, ahnte man in Celle offenbar noch nichts von der herannahenden Katastrophe. Augenzeugen zufolge hatte der Luftangriff auf die Öltanks bei Nienhagen bereits am Vormittag eingesetzt. Die Bombardierung auf das Erölwerk durch eine geringe Anzahl schneller Kampfflugzeuge vermeldet der Bericht der Ordnungspolizei für 16:00 Uhr.[13] Dieselbe Quelle gibt für 18:10 bis 19:15 Uhr einen „Angriff durch etwa 80 Flugzeuge unter Abwurf von 360 Minen- und Sprengbomben“ auf die Stadt Celle an.[14] 60 Wohngebäude seien dabei schwer, mehrere hundert leicht bis mittel beschädigt worden und drei Industriebetriebe total zerstört worden. 

Der Polizeibericht benennt ebenfalls, dass ein Transportzug mit 3.500 KZ-Häftlingen getroffen worden sei. Die Chronologie der Ereignisse des 8. April 1945 ist insoweit eindeutig: der Luftangriff auf Nienhagen setzte ein, bevor die Bomben auf den Celler Güterbahnhof fielen. So zeigen Aufnahmen aus Celle zwei große Rauchsäulen, die südlich der Stadt – in Blickrichtung Nienhagen – am Horizont stehen. Eine weitere Aufnahme zeigt die deutlich nähere Rauchentwicklung vom Bereich des Celler Güterbahnhofs. Diese Bilder belegen eindeutig die zeitliche Abfolge des Luftangriffs.

Bild: Rauchwolke des Bombenangriffs auf den Celler Güterbahnhof am 8. April 1945. Quelle: StadtA CE, F 01, 21.06.02 Nr. 0011. 

Ein weiteres Ereignis steht in Zusammenhang mit den Geschehnissen an jenem 8. April 1945. In den Aufzeichnungen des Bockelskämper Lehrers Bernhard Otte und des Landwirts Emil Scheele findet der Luftangriff auf die Erdölwerke bei Nienhagen ebenfalls Erwähnung. Ebenfalls beschrieben ist der Absturz eines deutschen Jagdflugzeuges, das im Angriff auf die Bomberverbände abgeschossen worden ist.[15] Es handelte sich um den Unteroffizier Heinz Sonntag, der mit seiner Maschine des Typs FW 190-D auf Abfangkurs gegangen war.[16] 

Sonntag gehörte der 11. Staffel der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 301 und war an diesem Tag von dem Flugplatz Sachau (Sachsen-Anhalt) aufgestiegen.[17] Im Luftkampf abgeschossen, stürzte Sonntag in der Bockelskämper Feldmark ab. Das Flugzeug bohrte sich metertief in den Erdboden – Sonntag überlebte den Absturz nicht. Er hatte offenbar versucht aus der Maschine abzuspringen und war in einiger Entfernung – ohne geöffneten Fallschirm – zu Boden. Später wurde er in Wienhausen bestattet. Mitte der 80er Jahre wurden die Flugzeugüberreste geborgen.[18]

Bild: Bombenkrater im Wald südlich Nienhagen. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die Luftangriffe am 8. April 1945 richteten erheblichen Schaden an und forderten in Celle darüber hinaus zahlreiche Menschenleben. Während die materiellen Schäden im Stadtgebiet behoben worden sind, zeugen rund um Nienhagen noch zahlreiche Krater von den Bombenabwürfen. Die Einschläge reichten vom Bereich westlich der heutigen Bundesstraße 3 bei Nienhagen bis weit in das Waldgebiet „Brand“ südlich des Ortes. Auffällig ist, dass die Bombenkrater über eine weite Distanz verstreut sind. Ob dies damit zusammenhängt, dass der eigentliche Zielpunkt bei Nienhagen aufgrund einer starken Rauchentwicklung nicht treffsicher angesteuert werden konnte, lässt sich heute nicht mehr abschließend ermitteln. Die überlieferten Aussagen von Zeitzeugen legen diesen Schluss zumindest nahe. 

Im Ergebnis vermag eine auch noch so detaillierte Aufschlüsselung der Ereignisse des 8. April 1945 nicht zu kaschieren, dass dieser Tag unbeschreibliches Leid mit sich brachte. Neben den direkten Auswirkungen der Bombardierung kam es in Celle zu grausamen Verbrechen gegen entlaufene Häftlinge des KZ-Transportzuges. Die Zusammenhänge sind jedoch derart komplex und vielschichtig, dass die Aufarbeitung bis heute nicht in allen Punkten als abgeschlossen betrachtet werden kann. Vor diesem Hintergrund können die vorgestellten Ergebnisse helfen, die zeitliche Betrachtung in ein neues Licht zu setzen.

H. Altmann

Stand: 09.04.2021; veröffentlicht: 09.04.2021

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[1] Maurer, Combat Squadrons oft he Air Force, World war II, S. 559.

[2] monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[3] Headquarders 9th Bombardement Division, Field Order 839 & 840, 8. April 1945.

[4] Gedicke, Nienhagen, Bd. 2, S. 156.

[5] AWM, Accession Number SUK13965.

[6] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[7] NARA Reference Number: 342-FH-3A22118-57133AC, Fold3: https://www.fold3.com/image/48699916

[8] Gedicke, Nienhagen, Bd. 2, S. 156.

[9] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[10] Harwood, in: monache.blogspot.com/2007/06/my-fahters-b26-marauder-wwii-story-part.html, abgerufen: 16.12.2020, 20:56 Uhr.

[11] Saft, Krieg in der Heimat, S. 65.

[12] Cellesche Zeitung v. 13.06.2010, Sprengmeister entschärft 250-Kilo-Blindgänger.

[13] Chef der Ordnungspolizei, Hauptamt Ordnungspolizei, Bericht v. 08.04.1945, Bundesarchiv, R/19, 341.

[14] Chef der Ordnungspolizei, Hauptamt Ordnungspolizei, Bericht v. 08.04.1945, Bundesarchiv, R/19, 341.

[15] Otte, Scheele, Bockelskamp in schwersten Tagen.

[16] Cammann, Flugzeugabsturz bei Bockelskamp 1945, in: Böse, Schriftenreihe des Heimatvereins „Altes Amt Eicklingen“, Heft 5/2015, 70 Jahre danach, Zeitzeugen erinnern sich, S. 31.

[17] Reschke, Chronik Jagdgeschwader 301/302 „Wilde Sau“.

[18] Cammann, Flugzeugabsturz bei Bockelskamp 1945, in: Böse, Schriftenreihe des Heimatvereins „Altes Amt Eicklingen“, Heft 5/2015, 70 Jahre danach, Zeitzeugen erinnern sich, S. 31.



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