f 2017 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 8. August 2017

Die Bürokratie vergisst nicht.



Es ist bereits einige Jahre her, dass der Historiker Bernhard Strebel im Auftrag der Stadt Celle sein Gutachten zu Straßennamen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus am 30.11.2010 veröffentlichte. 

In seinem Gutachten beurteilte Strebel die Rolle des damaligen Landrats und späteren Oberbürgermeisters, Wilhelm Heinichen (1883 - 1967), grundsätzlich kritisch. Insbesondere wertete Strebel Quellen aus, die Maßnahmen belegen, wonach Heinichen Versuche unternahm, Juden aus dem Landkreis Celle nach "Buchenwalde" zu überstellen.  

Das Gutachten Strebels erfuhr (über-)regional Kritik und wurde schließlich durch ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte untersucht. In Auftrag gegeben hatte dieses Gegengutachten die Familie Heinichens (CelleHeute berichtete). 

Wilhelm Heinichen
Im Rahmen dieser Untersuchung wurden die Darstellungen Strebels teilweise als unbegründet verworfen. Das Gutachten des IfZ attestierte Heinichen, dass "seine Amtsführung zwischen 1933 und 1945 (...) keine Hinweise auf innere Nähe zum Nationalsozialismus (bietet)." Weiter führte das Gutachten aus, dass "aus den Akten eine Distanz, wie sie das sachliche, also vernehmlich unpolitische Ideal preußischer Verwaltungstradition kennzeichnet" hervorgeht. 

Das Gutachten resümiert, dass "ein ausführendes Organ eines verbrecherischen Staates (...) sich in Ausübung von Dienstpflichten notwendig zum Handlanger des Regimes (macht)." Heinichen habe "sich dem NS-Regime nicht angebiedert, sondern unauffällig sein Amt versehen." 


In den Nachkriegsjahrzehnten war es gute Tradition, sich auf die übergeordnete Befehlsketten zu berufen. Allerdings könnte man auf diese Weise auch problemlos die Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen als bloße "Ausübung von Dienstpflichten" deklarieren. 

Allen bisherigen Gutachten zur politischen Einschätzung des ehemaligen Celler Oberbürgermeisters Heinichen ist gemein, dass die überwiegende Quellenlage in eine Zeit zurückdatiert, in der gemeinhin nicht offiziell vom systematischen Völkermord gesprochen wurde. Erst infolge der Wannseekonferenz am 20.01.1942 wird die Systematik der Verfolgung von Juden historisch betrachtet als Auftakt zum Völkermord verstanden. 

Umso interessanter ist daher ein Gesuch des damaligen Landrates (Heinichen) vom 31.10.1944 - also aus einer Zeit, in der die Verfolgung von Juden an der Tagesordnung war. Das Schreiben war an die Bürgermeister des Landkreises gerichtet und betraf "Juden und jüdische Mischlinge I. Grades". 

Das Schreiben trägt Heinichens Unterschrift und verdeutlicht die erschreckend bürokratische Systematik der damaligen Kreisverwaltung. In seinem Amt als Landrat musste Heinichen die Konsequenzen seines eignen Handelns abschätzen können. Wer gegen Ende des Jahres 1944 die datenmäßige Erfassung jüdischer Personen veranlasste musste - insbesondere aufgrund seiner gehobenen Amtsteilung - davon ausgehen, dass diese Erfassung nicht zum Wohle der betreffenden Personen erfolgte. Andernfalls hätte ein politisch und gesellschaftlich informierter Mensch seine Augen vollkommen vor der Realität des Jahres 1944 verschließen müssen. Das ist für einen Landrat aber sehr unwahrscheinlich. 


Bild: Schreiben des Landrats vom 31.10.1944. Quelle: Dokument aus Privatbesitz. 

Das vorliegende Schreiben legt nahe, dass der damalige Landrat und spätere Oberbürgermeister den nationalsozialistischen Rassengedanken grundsätzlich verinnerlicht hatte. Andernfalls hätte er von jüdischen Mitbürgern oder jüdischen Personen sprechen können. Dies tat er jedoch nicht - stattdessen würdigte er Juden ganz im Sinne der NS-Ideologie auf ihre rassische Abstammung herab ("volljüdisch" bzw. "jüdische Mischlinge"). 

Sofern das Gutachten des IfZ Heinichen, für "seine Amtsführung zwischen 1933 und 1945 (...) keine Hinweise auf innere Nähe zum Nationalsozialismus" attestiert, wäre zu hinterfragen, wie jemand in dieser besonderen Amtsstellung seine Unterschrift unter ein solches Schreiben setzten konnte, ohne damit gleichzeitig eine innere Nähe zum Nationalsozialismus zu bestätigen.  

H. Altmann




Dienstag, 1. August 2017

Der alte Lachendorfer Bahnhof




Am 21.06.1902 wurde die Kleinbahn Celle-Wittingen AG gegründet. Bereits am 04.08. lag die staatliche Baugenehmigung für eine neue Bahnstrecke zwischen Celle und Wittingen vor. Der Bau begann schließlich im April des Jahres 1903. Schon im Juli des Jahres konnten die Gleise bis nach Lachendorf verlegt werden. 

Am 11.08. bzw. 12.08.1904 wurde die Bahnstrecke von einer Kommission der  Hannoverschen Eisenbahndirektion und Regierungsvertretern abgenommen. Nach erfolgreichem testet konnte am 15.08.1904 der Eröffnungszug pünktlich um 7:20 Uhr aus Celle ausfahren. Auch auf dem Lachendorfer alten Bahnhof wurde ein Halt eingelegt und gefeiert. Das Bahnhofsgebäude war pünktlich fertiggestellt worden. 

Bild: Lachendorfer Bahnhofsgebäude. Quelle: Postkarte, 1904. 


Ab dem 16.08.1904 verkehrten täglich vier Personenzüge in jeder Richtung. Zunächst stellte sich ein reger Schienenverkehr ein. Auch die Güterverbindung war gut frequentiert. Insbesondere der Anschluss zum Kaliwerk Mariaglück in Höfer trug hierzu bei. 

Durch den Mauerbau verlor die ostwärts verlaufende Bahnstrecke jedoch in den Nachkriegsjahrzehnten an Bedeutung. Der Personenverkehr wurde ab Mai 1974 eingestellt und in eine Busverbindung umgewandelt. 

Im Jahr 1999 wurde die Bahnstrecke zwischen Gockenholz und Beedenbostel nördlich von Lachendorf verlegt. Grund hierfür war unter anderem der Ausbau der Papierfabrik. Die ursprüngliche Streckenführung wurde daher im Bereich der Bahnhofsstraße unterbrochen. Der alte Bahnhof wird seither als Abstellgleis für Güterwagen verwendet. 

Historische Karten zeigen noch den ursprünglichen Streckenverlauf. Auch ein südlich abzweigendes Stichgleis zur Papierfabrik ist erkennbar. 

Bild: Ursprünglicher Gleisverlauf in lachendorf. Quelle: War Office Map 1945, Google Earth.  


Das eigentliche Bahnhofsgebäude wurde bereits zu Zeiten des Bahnverkehrs als Gaststätte umfunktioniert und ist bis heute weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben. 

Bild: Lachendorfer Bahnhofsgebäude. Quelle: H. Altmann. 


Die anderweitigen Bahnhofsgebäude sind heute verwaist. Vor allem die Anlagen der einstigen Güterabfertigung liegen heute brach. Leider sind die Gebäude von Vandalismus in Mitleidenschaft gezogen worden. 

Bild: Ehemalige Güterabfertigung. Quelle: H. Altmann. 


Bild: Ehemalige Güterabfertigung. Quelle: H. Altmann. 


Einige Meter weiter befindet sich ein weiteres Abstellgleis mit entsprechender Laderampe, da vor einem Prellbock endet. Hierbei handelt es sich um das Gleis das einst bis auf das Gelände der Papierfabrik verlief (Karte s.o.). 

Bild: Abstellgleis. Quelle: H. Altmann. 


Bis heute wird der Bahnhofsbereich genutzt, um Güterzüge zu "parken". Dabei ist heute kaum mehr vorstellbar, dass es sich hier früher um eine Durchgangsstrecke handelte...


Bild: Abgestellte Güterwagen. Quelle: H. Altmann. 


Das Gebäude der einstigen Güterabfertigung wurde zwar durch Vandalismus in Mitleidenschaft gezogen - an manchen Stellen sind dennoch historische Spuren erkennbar. Hierzu zählen auch die alten Stromabnehmer, die früher zur Anbindung an das oberirdische Stromnetz dienten. 

Bild: Stromabnehmer, Güterabfertigung. Quelle: H. Altmann. 


Der Aushang dient schon längst nicht mehr, um die Ankunft- oder Abfahrtszeiten von Zügen anzuzeigen...

Bild: Aushang, Güterabfertigung. Quelle: H. Altmann. 


Die großen hölzernen Schiebetüren wurden inzwischen herausgebrochen, das Gebäude rundherum mit Graffiti beschmiert. Hier erinnert nur noch wenig an die stolze Zeit des Lachendorfer Bahnhofs... 

Bild: Ehemalige Güterabfertigung. Quelle: H. Altmann. 


Am Römerweg steht noch das recht gut erhaltene Wagehäuschen. Die Wage diente früher, um ankommende Gespanne zu wiegen. 

Bild: Alter Wiegeschuppen. Quelle: H. Altmann. 


Weitere Impressionen vom Lachendorfer Bahnhof aus verschiedenen Epochen sind unter den nachfolgenden Links abrufbar: 


Bei allen historischen Entwicklungen, die der Lachendorfer Bahnhof in den vergangenen 113 Jahren erlebt hat, ist es schön, dass das traditionelle Bahnhofsgebäude noch so gut erhalten ist und darüber hinaus auch genutzt wird. Leider haben sich nicht alle Anlagen in diesem Zustand erhalten. 

H. Altmann



Falls jemand weitere (historische) Informationen, zur OHE in Lachendorf und Umgebung hat, würde ich mich sehr um eine Kontaktaufnahme freuen: 

found-places@live.de






Donnerstag, 27. Juli 2017

Auf der Fährte des letzten Panzers



Dieser Beitrag erzählt die tragische Geschichte einer Panzerbesatzung im April 1945 -  mitten in Deutschland - unmittelbar vor Kriegsende. Die Umstände machen diese Geschichte einzigartig und in all ihren Details erzählenswert. 

Auch 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bleiben die Schicksale tausender Soldaten ungeklärt. Auch in Deutschland gelten noch viele als vermisst - beziehungsweise sind die Umstände ihres Todes bis heute ungeklärt. Einer von Ihnen ist der damals 20 Jährige Heinz Friedrich. Seine Geschichte macht deutlich, wie schwierig es aus heutiger Sicht ist, die historischen Zusammenhänge aufzuklären. 

Als Angehöriger der 3. Kompanie des 5. SS-Panzer-Regiments der 5. SS-Division "Wiking" gehörte Friedrich zu einer jener Einheiten, die von der breiten Masse des deutschen Heeres als "Elitesoldaten" bezeichnet wurde. Er selbst hatte als Sturmmann der Waffen-SS am 29.08.1944 das Panzerkampfabzeichen in Silber und am 09.11.1944 das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen bekommen. 

Die 5. SS Division "Wiking" war eigentlich im südöstlichen Frontabschnitt eingesetzt. Am 19.01.1945 schrieb Friedrich an seine Familie aus der Nähe der Stadt Schieratz (später: Sieradz, Polen): "...er hat nicht mehr weit bis nach Schieratz der verfluchte Iwan. (...) diesmal soll es aber nach Westen gehen in die Nähe von Paderborn...". Friedrich sollte Recht behalten - tatsächlich verlegten ausgewählte Einheiten des 5. SS-Panzer-Regiments nach Westdeutschland. Zuvor schrieb Friedrich in einem weiteren Brief an seine Familie: "Hoffentlich ist uns das Glück holt und wir kommen bald ins Reich um Panzer zusammenzufassen." Diesen Brief vom 28.01.1945 beendete Friedrich mit den Worten: 

"Hoffentlich bleibt es so wie es bisher war und wir alle werden von dem verfluchten Krieg unversehrt herauskommen." 

Bild: Aktendeckel - Wochenmeldungen, 5. SS Panzer-Division Wiking. 


Am 09.02.1945 schrieb Friedrich seinem Vater, dass sein eigentlich zugesagter Urlaub untersagt wurde. Am 16.02.1945 um 24:00 Uhr hätte er sich in Paderborn zu melden - "wahrscheinlich gibt es dort Panzer, sodass wir in den Einsatz rollen können", heißt es in dem Brief weiter. 

Offenbar gelangte er pünktlich zum Meldeort, denn am 17.02.1945 verfasste Friedrich einen weiteren Brief an seine Familie, den er aus dem Truppenübungsplatz Sennelager bei Paderborn abschickte. Wie die Zeilen Friedrichs verraten, gehörte er einem sogenannten Abholkommando des 5. SS-Panzerregiments "Wiking" an, welches die Aufgabe hatte, Panzer aus Deutschland an die Front zu führen. Ein Himmelfahrtskommando. 

Von Paderborn aus gelangten die SS-Soldaten unter dem Kommando des SS-Haupturmführers Nikolussi-Leck über Versmold und Minden nach Hannover. Unterwegs vereinnahmte der Verband diverse Fahrzeuge - darunter insbesondere Halbkettenfahrzeuge mit 2 cm Maschinenkanonen als Bewaffnung. In Hannover konnten darüber hinaus schwere Panzer vom Typ Sd.KFZ 251 "Jagdpanther" übernommen werden. 

In der Stadt kam es schließlich zum Zusammentreffen mit US-Truppen der 84. US-Infanteriedivision. Einer der Jagdpanther wurde in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs Harnholz abgeschossen. Auch Friedrich bekam in Hannover die Schrecken des Krieges zu spüren. Sein ehemaliger Kamerad A. Gehlen erinnerte sich später: 

"(Friedrich) hatte mehrere Stunden mit seiner Flak nach allen Seiten gefeuert, als ich in einer Feuerpause merkte, dass er weinte. Da er in seinem gepanzerten Drehgestell nicht von Außen zu erkennen war, kroch ich von unten in seinen Richtstand. Meine Befürchtung, dass er evtl. verwundet sei, bestätigte sich nicht. Die tagelangen Strapazen, der fehlende Schlaf und die ungeheure Anspannung (...) hatten ihn so zermürbt...". 

Bild: Montage heute / 1945, abgeschossener Panzer am ehemaligen Bahnhof Hainholz


Auf abenteuerlichen Wegen gelangte die mittlerweile als "Kampfgruppe Wiking" operierende Einheit in den folgenden Tagen in den Raum Celle / Gifhorn. Die Spitzen der US-Truppen hatten die Kampfgruppe, bereits um den 12.04.1945 überrollt. A. Gehlen erinnerte sich später an diese Tage: 

"Von einer Front konnte man in diesem Abschnitt nicht mehr reden. Die Amerikaner befanden sich auf den Hauptstraßen des Gebietes im Vormarsch. Wir fuhren nur auf Seiten- und Feldwegen der Heide und hatten Befehl, den geordneten Aufmarsch der Amerikaner zu störend möglichst viele Transportkolonnen zusammenzuschießen." 

Die Panzerbesatzung des Jagdpanthers, in dem auch Heinz Friedrich saß, setzte sich wie folgt zusammen: 

  • J. Huff, Oberscharführer, Kommandant des Panzers
  • A. Gehlen, Rottenführer, Ladeschütze
  • H. Friedrich, Sturmmann, Richtschütze
  • Haarer (oder Hager), Sturmmann, Funker
  • G. Perchthold, Rottenführer, Fahrer
  • Ein unbekanntes Besatzungsmitglied (lt. A. Gehlen)
Nicht zuletzt durch Glück gelang der Kampfgruppe schließlich die Überquerung der Aller.  

Nur wenig wenig später, am 14.04.1945 kam es bei Ahnsbeck zu einem Panzergefecht mit Einheiten des 771. US Tank Destroyer Bataillon. Dabei wurden viele Fahrzeuge zerstört und Soldaten durch US-Einheiten gefangen genommen. Die Ereignisse wurden umfassend im Buch "Die letzten Kriegstage - Kampfhandlungen im Flohwedel und angrenzenden Ortschaften - 10. bis 20. April 1945" aufgearbeitet.

Das ist hier verfügbar (Klick). Leseprobe (Klick)

Bild: Buchcover - "Die letzten Kriegstage"


Lange wurde behauptet die letzten beiden Panzer der Kampfgruppe "Wiking" seien im Hahnenmoor versenkt worden. Im Rahmen der Nachforschungen zum o.g. Buch konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich bei den Panzerwracks, die nach Kriegsende noch zwischen Bokelberge und Wilsche im Wald standen nicht um Einheiten der Kampfgruppe Wiking handelte. Wahrscheinlich stammten diese Panzer vom 130. Panzer-Lehr-Regiment aus Braunschweig. 

Der Verbleib der Kampfgruppe Wiking gibt bis heute Rätsel auf. Anhand der zahlreichen Zeitzeugenaussagen und der vorhandenen After Action Reports der US-Truppen lässt sich nachvollziehen, dass die Einheiten der Kampfgruppe bis in den Raum Wittingen / Diesdorf gelangt sind. 

Den Aussagen seines Kameraden A. Gehlen zufolge, kam es am 16.04.1945 zu einem folgenschweren Gefecht, an dem die Panzerbesatzung beteiligt war. Zu dieser zeit gehörten zur Kampfgruppe nur noch der eine Jagdpanther, zwei Schützenpanzerwagen und ca. 100 Mann Infanterie. Während des Gefechts, das bis heute nicht einwandfrei lokalisiert werden konnte, gelang es der Panzerbesatzung unter ihrem Kommandanten J. Huff zwei US Panzer abzuschießen. 

Am Abend des 16.04.1945 erreichte ein Kradmelder die Einheit und überbrachte den Befehl, den Kampfplatz bei Nacht zu verlassen, berichtete A. Gehlen später. Ob diese Version so stattgefunden hat, lässt sich nicht eindeutig belegen - in einem Brief, den Fehlen im Jahr 1947, also unmittelbar nach Kriegsende verfasst hatte, schrieb er von einem Verlassen des Kampfplatzes aufgrund massiven Beschusses mit Brandmunition. 

Im Ergebnis ist jedoch entscheidend, dass der letzte Jagdpanther der Kampfgruppe Wiking nach Einbruch der Dunkelheit, in der nacht vom 16. auf den 17.04.1945 einen Stellungswechsel vornahm. Dieser sollte der Einheit zum Verhängnis werden, denn längst waren US-Verbände auf der Suche nach den vermeintlichen SS-Panzern. Dies belegen insbesondere die US Kriegsberichte. 

Bild: Erwähnung von deutschen Panzern nord-westlich von Hanum (östl. von Wittingen). Quelle: G-2 Tagesmeldungen des 638 Tank Destroyer Bataillon, April 1945. 


Nach einigen Kilometern musste der Jagdpanter stoppen. Ein Verteiler im Motor hatte sich verstellt und es stießen lange Feuerfahnen aus den Auspuffrohren, die in der Dunkelheit weithin sichtbar waren, so A. Gehlen. Im Morgengrauen des 17.04.1945 stellte die Panzerbesatzung den Verteiler neu ein. Ein Fahrzeug brachte Treibstoff und Munition. 

Vom Kommandanten Huff erhielten H. Friedrich und A. Gehlen den Befehl sich schlafen zu legen. "Huff übernahm die Wache im Turm", so A. Gehlen später. Friedrich schlief auf seiner Position am Richtsitz, der sich links der 8,8 cm Kanone befand. Gehlen schlief auf dem Fußboden zwischen dem Munitionsraum und dem Richtsitz. Der Funker Haarer konnte ebenfalls schlafen, während der Fahrer (Perchthold) und der Kommandant Huff den Panzer durch das Gelände steuerten. 

Plötzlich wurde der Jagdpanther durch eine Panzergranate auf der linken Turmseite getroffen. Gehlen vermutete später, dass es sich dabei um eine sogenannte "Schweißgranate" handelte. Vermutlich ist damit ein Hohlladungsgeschoss gemeint, dass beim Auftreffen die Panzerung durch eine Explosion einen heißen Plasmastrahl erzeugt. Dieser durchdringt selbst massive Panzerungen und verursacht im Innern des Panzers eine ungeheure Hitzewelle. 

Gehlen erinnerte sich später, dass sofort ca. 50 der mitgeführten Panzergranaten in Brand gerieten - "der ganze Innenraum war eine große Flamme". Für das schwere Maschinengewehr hatte der Panzer rund 2.000 Schuss an Bord sowie 20 Nebeltöpfe, die ebenfalls in Brand gerieten. Gehlen schaffte es irgendwie aus diesem Inferno ins Freie und zog sich aus der Turmluke. Sofort musste er sich seitlich fallen lassen, denn der Gegner hielt den deutschen Panzer unter schwerem MG Beschuss. 


Bild: Skizze deines Sd.KFZ. 173 "Jagdpanther" mit den Eingezeichneten Positionen. 


Seine Uniform, Gesicht und Haare waren verbrannt, erinnerte sich Gehlen später. Kurz darauf war der Kommandant des Panzers, J. Huff bei ihm. Er hatte den kürzesten Weg ins Freie, da er in der geöffneten Turmluke gesessen hatte. H. Friedrich und der Fahrer hätten im Panzer denselben Weg nehmen müssen, wie A. Gehlen. Allerdings hätte der Fahrer, G. Perchthold, auch noch seine Rückenlehne umklappen müssen. Daher nahm Gehlen an, die beiden hätten es nicht mehr aus dem brennenden Panzer herausgeschafft. 

Huff und Gehlen schleppten sich durch den Wald zu einer Bahnstation. "Im Wartesaal saßen Flüchtlinge, die bei unserem Auftauchen mit allen Zeichen des Entsetzens den Raum verließen", beschrieb Gehlen die Situation im Bahngebäude später. Später nahm sie ein privater Lastwagen mit ins bereits besetzte Wittingen. Hier gab es ein deutsches Militärlazarett. Aufgrund seiner schweren Verletzungen war er mehrere Tage nicht ansprechbar, erinnerte sich Gehlen. Huff erzählte ihm später, dass auch der Funker, der SS Sturmmann Haarer, ins Lazarett gelangt war. Der SS-Offizier Untersturmführer Schüssel habe den verletzten Funker neben dem Panzer auf dem Boden liegend entdeckt und ihn mit seinem Schwimmwagen ins bereits besetzte Wittingen gefahren. Bevor die US-Soldaten reagieren konnten, war der SS-Offizier wieder davon gebraust. 

Gehlen kehrte 1960 nach Wittingen zurück, schrieb er in einem Brief an Friedrichs Familie später. Er habe auch das Waldstück und den Bahnhof wiedergefunden. Doch besuchen konnte weder er, noch Friedrichs Familie diese Orte, denn ca. 100 m vor dem Bahnhof verlief die Zonengrenze der DDR. Das Bahnhofsgebäude war zum Wachlokal der Volkspolizei umfunktioniert worden und die Bahnlinie hatte man kurz vor der Grenze abgebrochen. 

Setzt man diese Informationen in den historischen Zusammenhang, passen die Angaben Fehlens nur auf einen einzigen Ort im gesamten Raum: Waddekath. 

Bild: Lagekarte Waddekath. Quelle: War Office Map 1945, Google Earth, eigene Darstellung. 


Waddekath lag nach dem Mauerbau unmittelbar am Grenzzaun. Hier gab es einen entsprechenden Grenzübergang, wobei die Volkspolizei den ehemaligen Bahnhof zu diesem Zweck umfunktioniert hatte. Dies berichteten unter anderem zahlreiche Anwohner mit denen ich vor Ort sprechen konnte. 

Heute ist der Ort stark verändert - die Bahnlinie auf der Ostseite der Zonengrenze ist komplett entfernt. Das einstige Bahnhofsgebäude steht noch zu Teilen und wird als Wohnhaus genutzt. 

Bild: Teil des ehemaligen Bahnhofsgebäudes. Quelle: H. Altmann. 


Mit der Errichtung der Zonengrenze wurde die Bahnstrecke zwischen Witzigen und Diesdorf stillgelegt. Noch heute liegt auf der westlichen Seite der tote Gleisstrang im Wald. Rund einhundert Meter bis vor den einstigen "Antifaschistischen Schutzwall" reichen die alten Bahngleise... 

Bild: Altes Bahngleis auf der westlichen Seite der Grenze. Quelle: H. Altmann. 


Ein Schild weist heute darauf hin, dass hier bis vor nicht allzu langer Zeit die östliche Grenze des politischen Europas verlief. Von den Grenzanlagen ist bis auf einige Erdwälle und erkennbare lichte Streifen im Wald nicht mehr viel zu sehen. Ein kleines Stück Grenze hat man bewusst stehen gelassen - als Museum und Mahnung. 

Bild: Waddekath heute. Quelle: H. Altmann. 


Die Beschreibung Gehlens lässt sich logisch nur dem Ort Waddekath zuordnen. Doch der genaue Abschussort des letzten Jagdpanthers der Kampfgruppe Wiking bleibt weiterhin unklar. Er kann sich jedoch nicht in allzu großer Entfernung befunden haben, da die SS-Soldaten schwer verletzt gewesen sind. Weite Fußmärsche wären in diesem Zustand unmöglich. 

Es ist daher anzunehmen, dass sich der Abschuss nördlich der Bahnstrecke zwischen Waddekath und Diesdorf ereignete. Wäre der Panzer südlich der Bahnstrecke abgeschossen worden, hätten sich die verletzten Soldaten nicht an der Bahnlinie orientiert, als sie sich in Richtung Waddekath schleppten - sie wären nämlich vorher auf die heutige L 8 gelangt. Statt der Bahnstrecke hätten sie sich an die Straße gehalten. Stattdessen liefen sie den Bahndamm entlang, was eigentlich nur einen Grund gehabt haben kann - sie stießen zuerst auf die Bahnstrecke. Dies ist aber nur möglich, wenn sie aus nördlicher Richtung kamen. 

In den Aufzeichnungen Gehlens ist mehrfach die Rede vom Abschuss amerikanischer Fahrzeugkolonnen. Diese konnten aus die Feuerstellung der Kampfgruppe ins Visier genommen werden. Der eigene Abschuss ereignete sich beim Verlassen dieser Feuerstellung. Da sich die US-Truppen zu dieser Zeit im Regelfall nur auf den Hauptstraßen aufhielten, können die Abschüsse eigentlich nur in Richtung der nördlich verlaufenden K 1390 oder aber hin zur L 8 erfolgt sein. Beides legt wiederum den Abschuss des Jagdpanthers in den Wäldern nordöstlich von Waddekath nahe. 

Nach Kriegsende wurde der letzte Panzer immer wieder mit dem Wrack des zerstörten Jagdpanthers mit der Turmnummer 123 in Verbindung gebracht. Unter anderem schrieb U. Saft in seinem Buch "Krieg in der Heimat", dass es sich bei dem Panzer auf dem Bild um jenen gehandelt habe, der "bei Suderwittingen" durch US Jagdbomber abgeschossen wurde. 

Bild: abgeschossener Jagdpanther 123. 


Doch es sprechen treffliche Gründe dagegen, dass es sich bei diesem Panzer tatsächlich um den letzten Jagdpanther der Kampfgruppe Wiking handelte. 

Zum einen handelte es sich bei den meisten der Jagdpanther der Kampfgruppe Wiking um Fahrzeuge, die neu in der Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover (MNH) übernommen wurden. Ob diese Panzer bereits zugeteilt waren ist fraglich. Die Turmnummer hätte eigentlich die Nummer eines bestimmten Panzers (1), seinen Zug (2) und die Kompanie (3) angegeben. 

Es wäre möglich, dass der letzte Jagdpanther nicht zu in Hannover übernommenen neuen Fahrzeugen gehörte. A. Gehlen schrieb später, dass der Panzerkommandant J. Huff den besagten Jagdpanther von einer Heereseinheit übernommen hätte. Dies müsste dann allerdings bereits um den 11. / 12.04.1945 passiert sein. Für den Raum, in dem die Kampfgruppe zu diesem Zeitpunkt operierte, käme als mögliche Heereseinheit unter anderem das 130. Panzer-Lehr-Regiment aus Braunschweig in Frage. Diese Einheiten verfügten ebenfalls über Jagdpanther und es hat vermutlich auch Berührungspunkte mit der Kampfgruppe Wiking gegeben. 

Bild: abgeschossener Jagdpanther 123 - andere Perspektive. 


Dennoch kann es sich beim Jagdpanther Nummer 123 nicht um jenen der Kampfgruppe Wiking handeln. Andere Aufnahmen zeigen den abgeschossenen Panzer 123 gegenüber eines amerikanischen M 10 Tank. Im Vordergrund ist eine Bahnlinie zu erkennen. Im Hintergrund eröffnet sich ein leicht ansteigendes Gelände. Weitere Aufnahmen zeigen Gebäude, in deren Nähe der Abschuss offenbar erfolgt ist. Dies alles passt nicht zu den Umständen des Abschusses des Jagdpanthers in dem unter anderem der Richtschütze Heinz Friedrich gesessen hat. 

Bild: abgeschossener Jagdpanther 123 - andere Perspektive. 


Durch die vorliegende Recherche konnte ein weiterer kurioser Zusammenhang ist das Schicksal des Rottenführers Georg Perchthold. A. Gehlen berichtete in seinen Briefen Perchthold sei der Fahrer der Jagdpanthers gewesen. Er hätte den längsten Weg zur Turmluke gehabt als der Panzer abgeschossen wurde. Aus diesem Umstand folgerte Gehlen, dass es der Fahrer unmöglich aus dem brennenden Panzer geschafft haben konnte. 

Am Kriegsdenkmal in Suderwittingen steht, unter hohen Rhododendren verborgen, ein steinernes Grabkreuz mit den Daten des Soldaten Perchthold / Berchthold. Letztere Schreibweise verwendete A. Gehlen, in seinem Schriftwechsel ebenfalls, sodass dies zu vernachlässigen ist. Das Todesdatum ist mit dem 20.04.1945 angegeben. 


Bild: Grab des Soldaten Perchthold / Berchthold in Suderwittingen. Quelle: H. Altmann. 


Wenn G. Perchthold den längsten Weg aus dem Panzer heraus hatte und erst vier Tage nach Abschuss des Panzers starb, muss er den Panzer logischerweise lebend verlassen haben. Dann hätte aber auch für Heinz Friedrich eine Chance bestanden, den Panzer zu verlassen, da sich sein Weg heraus weniger umständlich gestaltete. 

Falls Friedrich nicht bereits im Panzer tödlich verwundet wurde, könnten demnach beide Soldaten aus dem Panzer herausgekommen sein. A. Gehlen schloss dies aus, denn schließlich hätte der SS-Untersturmführer neben dem Funker auch die beiden weiteren Besatzungsmitglieder ins Lazarett nach Witzigen gefahren. Weil dies nicht geschah nahm Gehlen an, die anderen hätten es nicht heraus geschafft. Möglich ist jedoch auch, dass sich die Ereignisse überschnitten haben. 

G. Perchthold konnte zweifelsohne nur deswegen namentlich in Suderwittingen bestattet werden, weil man seine Erkennungsmarke gefunden hatte. Wäre er noch im Panzer gewesen, als man ihn fand, so hätte man auch den Richtschützen Heinz Friedrich auffinden und bestatten müssen. Es spricht somit einiges dafür, dass es G. Perchthold tatsächlich noch aus dem brennenden Panzer heraus schaffte. Und wenn er es geschafft hat wäre es für H. Friedrich grundsätzlich auch zu schaffen gewesen. Von Heinz Friedrich fehlt allerdings leider bis heute jeglicher Nachweis der Todesumstände. Spätere Anfragen bei der deutschen Kriegsgräberfürsorge blieben erfolglos. 

Bild: Waddekath heute. Quelle: H. Altmann. 


Vermutlich wäre der Abschuss eines deutschen Panzers bei Waddekath im Gedächtnis der Bevölkerung geblieben. Neben der Zonengrenze erschwerte aber noch ein weiterer Umstand, die historische Überlieferung. 

Zwischen Waddekath und Diesdorf kam es zwischen dem 18.04. und dem 20.04.1945 zu massiven Truppenbewegungen der Deutschen. In diesem Sektor operierte die Panzerdivision Clausewitz, die von Uelzen kommend in Richtung Fallersleben / Elm vorstoßen sollte. 

Die kurzfristige Aufstellung der Division bei Uelzen misslang allerdings, da die Kräfte nicht rasch genug massiert werden konnten. Daher erhielt Generalleutnant Unrein bereits am 15.04.1945 den Befehl zum Vorstoß nach Süden. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Truppen in Kampfgruppen zu gliedern und stückweise in Richtung Süden rollen zu lassen. 

Bild: Bericht über den Einsatz der Panzerdivision "Clausewitz". Quelle: GenLt. Unrein, 1947. 


Die Vormarschroute der einzelnen Kampfgruppen durchlief die Vormarschkorridore der Alliierten Truppen gradlinig von Nord nach Süd. Südlich von Uelzen befand sich die Grenze zwischen dem britischen und dem US Korridor, sodass die Kampfgruppen bei ihrem Durchstoß für einiges Chaos sorgten. 

Zwar operierten die deutschen Einheiten nicht in kompletter Divisionsstärke - doch verfügten sie über schwere Panzerunterstützung, die insbesondere Panther, Sturmgeschütze, Jagdpanther, Panzer IV sowie zahlreiche Halbkettenfahrzeuge und Panzerspähwagen umfasste. 

In seinem Nachkriegsbericht erläuterte Generalleutnant die Route der dritten Kampfgruppe über Bergmoor, Lindhof, Hasselhorst und Ohrdorf. Marschziel war ein Forsthaus 15 Km südlich von Wittingen. 

Bild: Bericht über den Einsatz der Panzerdivision "Clausewitz". Quelle: GenLt. Unrein, 1947.



Bild: ehemalige Lüneburger Frachtstraße. Hier fuhren damals die deutschen Kampfgruppen in Richtung Lindhof. Quelle: H. Altmann. 


F. Wiswinkel erlebte die Kampfhandlungen als Zehnjähriger in Lindhof. Niemand hatte hier überhaupt noch damit gerechnet, dass gekämpft werden würde. Die US-Truppen waren ja bereits durchgezogen - doch als die Kampfgruppen der Panzerdivision Clausewitz in den Ort kamen, nahm das Ganze seinen Lauf. Schon am Vorabend gab es Kampfhandlungen in Lindhof, an die sich Wiswinkel noch gut erinnert. 

Bereits als die erste der Kampfgruppen Lindhof passierte warnten die deutschen Soldaten die Bewohner nicht mehr ihre Häuser zu verlassen. Auch Wiswinkel versteckte sich mit seinen Geschwistern und seiner Großmutter unter einer Treppe. Draußen entwickelten sich  derweil die Gefechte zwischen den Deutschen und den US-Truppen. Amerikanische Soldaten erreichten Lindhof und begehrten Einlass in das Haus der Wiswinkels. Sie postierten sich am Eingang mit ihren Gewehren im Anschlag. 

Im Ort waren einige Sherman-Panzer der Amerikaner aufgefahren. Plötzlich erreichte ein deutscher Soldat die Haustür der Wiswinkels - offenbar nichts ahnend, dass amerikanische Soldaten im Gebäude waren. Durch Schüsse in Brust und Kopf starb der Deutsche im Hauseingang. Auf der Straße lagen verwundete US-Soldaten. In den Dachstuhl des Hauses schlug ein Geschoss ein - es krachte, Splitter flogen umher. Die US-Soldaten drängten die Familienmitglieder in den Keller. Erst als es in der Nacht draußen ruhiger wurde, zogen die US Truppen ab und die Menschen konnten wieder ins Freie. 

Aber schon bald hörte man erneut laute Panzermotoren. An den schwarzen Kombinationen der Besatzungen erkannten die Leute schnell, dass es sich um eine deutsche Einheit handeln musste. 

Der alten Lüneburger Frachtstraße in südliche Richtung folgend, erreichte die dritte Kampfgruppe schließlich auch Lindhof. Dabei verfuhren sich die Spitzenpanzer südlich von Bergmoor. Im breiten Waldgebiet zwischen Diesdorf, Waddekath und Lindhof mussten sich die deutschen Marschkolonnen neu ordnen. Die südlichen Teile erreichten bereits Lindhof und rückten weiter auf Hasselhorst vor. 

Währenddessen gab es erste Kontakte der Kampfgruppe mit der Bevölkerung in Lindhof. So waren die deutschen Soldaten offenbar behilflich aus einem abgeschossenen US Sherman-Panzer Schokolade zu holen und an die Kinder zu verteilen. 

Bild: Wegweiser an der alten Lüneburger Frachtstraße bei Lindhof. Quelle: H. Altmann. 


Hasselhorst war jedoch bereits durch US-Truppen besetzt. Außerdem war den US Verbänden das Vorrücken der ersten Kampfgruppen in diesem Raum nicht entgangen. Dementsprechend hatten sie ihre Verteidigung in Jübar, Hanum und Bornsen verstärkt. Man erwartete weitere von Norden anrückende Truppen. 

In Hasselhorst befand sich der linke äußere Bereich der amerikanischen Auffangstellung. Es war mehr oder weniger dem Zufall geschuldet, dass die dritte Kampfgruppe planmäßig von Lindhof in westliche Richtung nach Hasselhorst eindrehte und damit den schwachen äußeren Verteidigungsring der US Truppen mit voller Härte traf. 

Als die Spitzen der dritten Kampfgruppe Hasselhorst am Morgen des 19.04.1945 erreichten, wurde es bereits hell. Der deutsche Spitzenpanzer - es war nur noch einer vorhanden, da sich der Rest noch sammelte - wurde durch eine US PAK-Stellung ausgeschaltet. Es kam zum Gefecht zwischen den nachrückenden deutschen Truppen und den US-Einheiten in Hasselhorst. GenLt. Unrein befahl dem vorderen Teil der Marschkolonne ein Abdrehen in südliche Richtung. 

Aus historischen Militärberichten der US-Truppen geht das Zusammentreffen ebenfalls hervor. 


Bild: Anforderung weiterer Truppenteile. Quelle: Tagesmeldungen des 334. US Infantry Regiment vom 19.04.1945. 


Die deutsche Kampfgruppe unter Führung des GenLt. Unrein war derweil im Wald südlich von Lindhof untergezogen. Unrein bemerkte in seinem späteren Bericht, dass die vermissten Spitzenpanzer nun selbstständig - d.h. ohne seinen Befehl und ohne ihn zu benachrichtigen - Hasselhorst an. Nach Einnahme des Ortes sammelten sich die Panzer wieder selbstständig im Wald südlich von Bergmoor, d.h. nördlich von Hasselhorst. 

Bild: Lagekarte 19.04.1945. Quelle: War Office Map 1945, Google Earth, eigene Darstellung. 


Das Zusammentreffen blieb jedoch nicht folgenlos für die deutschen Truppen. Gegen 8:00 Uhr erschien ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug am Himmel. Es gab die Standorte der Deutschen bei Hasselhorst und Lindhof an die US Artilleriebatterien weiter, die bei Bornsen und Ohrdorf platziert waren. Wenig später setzte der gezielte Artilleriebeschuss auf die deutschen Truppen ein. 


Bild: Bericht über den Einsatz der Panzerdivision "Clausewitz". Quelle: GenLt. Unrein, 1947.


Der schwere Beschuss traf allerdings nicht nur die deutschen Truppen bei Lindhof - auch die Bevölkerung musste abermals um ihr Leben fürchten. Der Versuch der Wiswinkels die Stallungen des Viehs zu öffnen misslang - der Stall wurde vorher getroffen. Deckung suchend eilte F. Wiswinkel über die Dorfstraße in einen befestigten Erdbunker, der während der Luftangriffe im Krieg als Unterstand gedient hatte. In die Hausgiebel schlugen die Granaten ein. das Haus der Wiswinkels wurde stark zerstört. Trotz des schweren Artilleriebeschusses kam kein Zivilist in Lindhof ums Leben. 


Bild: Lindhof heute. Quelle: H. Altmann. 


Nachdem die Aufklärung vermeldet hatte, dass die Orte im Süden durch alliierte Truppen besetzt seien, befahl GenLt. Unrein den Wald nördlich von Lindhof zu erreichen. Ein weiteres Vorgehen in südliche Richtung wäre ohnehin bei Hanum zum Stehen gekommen, das die US-Truppen hier massive Kräfte massiert hatten. Diese gingen nun ihrerseits zum Angriff über, sodass südlich von Lindhof bereits Gefechte mit den vorrückenden amerikanischen Truppen entbrannten. 


Bild: Nördliche Ausfahrt Lindhof heute. Quelle: H. Altmann. 


Bei der nördlichen Ausfahrt aus Lindhof verfuhren sich einige der deutschen Einheiten. Die alte Lüneburger Frachtstraße zweigt hier hart nordwestlich ab, während die Straße nach Diesdorf gleichmäßig in nördliche Richtung verläuft. Die Einheiten, die fälschlicherweise nach Diesdorf fuhren, wurden dort von US-Truppen gefangengenommen. 


Bild: An der alten Lüneburger Frachtstraße bei Lindhof. Quelle: H. Altmann. 


Den verbliebenen Teilen der Kampfgruppe gelang schließlich doch noch der Durchbruch in Richtung Suderwittingen. Bis Fallersleben und schließlich sogar bis in den Elf gelangten Teile der Panzerdivision Clausewitz. GenLt. Unrein geriet schließlich am 24.04.1945 in amerikanische Gefangenschaft. Die verbliebenen Teile der Panzerdivision - es waren wohl nur noch 50 - 60 Mann erhielten den Befehl sich in östliche Richtung durchzuschlagen und sich der 12. Armee anzuschließen. Diese hatte den aberwitzigen Auftrag erhalten Berlin aus der Umklammerung durch die Rote Armee zu entsetzen. 

In Lindhof waren die Spuren des Kriegsendes noch lange sicht- und spürbar. Jahrzehntelang waren die Bäume in den angrenzenden Wäldern durch Metallsplitter gespickt. Überall lag Munition herum, mit der vor allem die Kinder jede Menge Blödsinn anstellten. Zwischen Lindhof und Hasselhorst stand ein verlassenes Halbkettenfahrzeug am Straßenrand. 

Auch an der Oberfläche finden sich teilweise noch Relikte von Fahrzeugteilen. Allerdings wurden die meisten Fahrzeuge nach Kriegsende verschrottet. 


Bild: Reste von Panzerteilen, Oberflächenfunde nördlich von Lindhof. Quelle: H. Altmann. 



Bild: Straße zwischen Lindhof und Hasselhorst heute. Quelle: H. Altmann. 


Zurück blieben auch die Toten. Alleine im Wald nördlich von Lindhof soll es damals zwischen 10 und 35 Grabstellen gegeben haben. Die Zahlen schwanken. Viele Bestattungen waren nach Kriegsende sehr einfach erfolgt. Die Gräber waren oft nur durch einfach Holzkreuze erkennbar. Im Laufe der Zeit gingen so einige Grabstellen verloren.  


Bild: Zeitungsbericht zu den Ereignissen bei Lindhorst. Quelle: Altmark Nachrichten vom 04.05.2001. 


Heute sind nur noch drei Gräber erkennbar, die sogar zu DDR-Zeiten durch die Anwohner gepflegt wurden. Es ist nicht geklärt wer die Toten in den Gräbern sind. Auch die Identitäten der anderen Bestatteten sind nicht überliefert. Über 200 Tote soll es bei Lindhof gegeben haben - ob diese Zahl stimmt ist jedoch nicht erwiesen. 

Bild: Zeitungsbericht zu den Ereignissen bei Lindhorst. Quelle: Altmark Nachrichten vom 04.05.2001.


Gepflegt werden die letzten drei Gräber immer noch. Sie werden sogar regelmäßig von den Anwohnern aus Lindhof bepflanzt - insbesondere F. Wiswinkel setzt sich seit längerem aktiv für die Pflege ein. 

Bild: Soldatengrab bei Lindhof heute. Quelle: H. Altmann. 


Bild: Soldatengrab bei Lindhof heute. Quelle: H. Altmann. 


Bild: Soldatengrab bei Lindhof heute. Quelle: H. Altmann. 


F. Wiswinkel erinnerte sich auch noch an einen deutschen Panzer, der bei Hasselhorst abgeschossen worden war. Allerdings handelte es sich sowohl bei keinem der Panzerwracks im Umkreis von Lindhof um einen Jagdpanther. 

Der Abschussort des letzten Panzers der Kampfgruppe Wiking scheint daher weiter in Richtung Waddekath gelegen zu haben. Die Nachforschungen zum Kriegsende in dieser Gegend zeigen jedoch, dass es nach Kriegsende kaum möglich war die Kampfspuren bestimmten Einheiten zuzuordnen. 

Es kommen somit einige Umstände zusammen, die es aus heutiger Sicht sehr schwer machen den exakten Verbleib des letzten Panzers zu klären. Der einstige Grenzverlauf und die starken Veränderungen vor Ort tragen erschweren die Suche nach Zeitzeugen. Die Gegend ist außerdem sehr weitläufig. 

Insgesamt haben mir mehrere Besuche vor Ort deutlich vor Augen geführt, dass der Zweite Weltkrieg direkt vor unserer Haustür stattfand. Die Gräber der meist noch sehr jungen Soldaten, die sich heute in den Wäldern befinden, erinnern an die tragischen und sinnlosen Opfer der letzten Kriegstage. Gleichzeitig ermahnen sie uns an das Unrecht und die Ausweglosigkeit des Krieges. Meine Hochachtung gilt daher jenen, die diese Gräber seit mehr als 70 Jahren pflegen, obwohl sie keinerlei persönliche Beziehung zu den Verstorbenen haben. 

H. Altmann

Vielleicht hat jemand weitere Hinweise zu den Kriegsereignissen in dieser Gegend. Ich würde mich sehr über weitere Informationen freuen. Auch auf den ersten Blick unwichtige Details helfen das Gesamtbild zu vervollständigen. 

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