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Donnerstag, 26. September 2019

Update: ein vergessener Rüstungskomplex bei Unterlüß


In der Umgebung von Unterlüß existierte früher eine erhebliche Anzahl von Rüstungsanlagen. Nicht alle davon waren bis Kriegsende fertiggestellt worden. Zu einer dieser Einrichtungen liegen neue Erkenntnisse vor, die nachfolgend vorgestellt werden. 

Bereits im vergangenen Jahr wurde hier über Relikte berichtet, die möglicherweise zu einem ehemaligen Rüstungskomplex bei Unterlüß gehört haben könnten. Allerdings gestaltet sich die Quellenlage recht schwierig - eindeutige Belege, die eine militärische Nutzung der Anlage belegen könnten, lagen bislang nicht vor. 

Die Anlage, die aus mindestens drei Gebäuden in einer Größe von 16 x 67m bestand, befand sich westlich des Ortes Unterlüß und weist zumindest auf historischen Luftbildern die Merkmale einer militärischen bzw. rüstungstechnischen Einrichtung auf. Insbesondere die abgeschiedene Lage im Hochwald scheint auf einen solchen Zusammenhang hinzudeuten. Wie bereits berichtet wurde, sollte diese Anlage über eine Bahnstrecke mit der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund, die sich im Norden von Unterlüß befand, verbunden werden. Diese Bahnstrecke wurde allerdings bis zum Ende des Krieges nicht mehr fertiggestellt - es sind lediglich in einigen Abschnitten noch Teile des Bahndamms im Gelände vorhanden. 

Bild: Verlauf der ehemaligen Werksbahnstrecke. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Lange wurde spekuliert, zu welchem Zweck die drei Gebäudefundamente im Hochwald gedient haben mögen. Die Anbindung an die ehemalige Munitionsanstalt Eschengrund, die massive Bauweise und die Abgeschiedenheit legen jedenfalls eine militärischen bzw. rüstungstechnische Nutzung nahe. 

Zeitzeugen berichten, dass sich vor Ort ein Sägewerk befunden haben soll. Dort sollen  dieser Aussage zufolge Holzkisten für Munition und Waffen aus der Fabrikation der Rheinmetall-Borsig AG hergestellt worden sein. Die Theorie eines Sägewerks oder einer Kistenfabrik wird durch verschiedene Zeitzeugenaussagen aus Unterlüß gestützt. 

In der offiziellen Firmenchronik der Firma Rheinmetall sucht man vergeblich nach Informationen zu der vermeintlichen Rüstungsanlage im Hochwald. In der Chronik, die anlässlich des 111-jährigen Bestehens des Schießplatzes Unterlüß vom Unternehmen selbst herausgegeben wurde, wird man dagegen fündig. Darin heißt es, im Jahr 1944 seien  südlich vom Eschengrund drei Hallen errichtet worden - das sogenannte "Projekt Hochwald". Diese, im Bau befindliche Einrichtung, verfügte demnach über eine Presserei, eine Hämmerei sowie einen Härteofen. 

Diese Darstellung erlaubt zumindest eine Vermutung zu erhärten - die als "Projekt Hochwald" bezeichnete Einrichtung gehörte offenbar tatsächlich zu den Rüstungsanlagen der Rheinmetall-Borsig AG und entstand offenbar in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Die Anlage wurde, der Quelle zufolge, in Hallenbauweise errichtet. Dies passt zu den vor Ort aufgefundenen drei Fundamenten, die in regelmäßigen Abständen Vertiefungen - vermutlich für die Verankerung von Metallstangen - aufweisen. 

Bild: Teil eines Hallenfundaments. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Zeitzeugen berichteten, dass sich im Norden der drei Hallenbauten noch in der Nachkriegszeit ein Strom- bzw. Transformatorhaus befunden habe. Dieses Transformatorhaus befand sich offenbar in der nordöstlichen Ecke des Jagen 348 - also nicht weit entfernt von den drei Hallenfundamenten. Bei Bauarbeiten wurde in diesem Bereich zudem ein massives Erdkabel gefunden. 

Für schwere Maschinen, wie solche die in der Schießplatz-Chronik genannt werden, wäre eine Starkstromversorgung unerlässlich gewesen. Es deutet somit einiges darauf hin, dass die Bauarbeiten am "Projekt Hochwald" im Jahr 1944 bereits recht weit vorangeschritten waren. 

Bild: Schacht im Hallenfundament. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Hallenfundamente weisen zudem in den Gussbeton eingelassene Schächte auf. Diese Schächte waren allerdings keine Zugänge zu Kellerräumen oder dergleichen. Vielmehr waren im Untergrund insbesondere Wasserleitungen verlegt worden - in den Schächten waren entsprechende Absperrventile untergebracht. Historische Luftbilder legen nahe, dass die Leitungen in westlicher Richtung nach Unterlüß verliefen. 

Die Hallenbauweise war typisch für Rüstungseinrichtungen, die erst in den letzten Monaten des Krieges entstanden. In Unterlüß gab es solche fundamentierten Hallen gleich an mehreren verschiedenen Stellen - und auch andernorts, wie insbesondere im Bereich der oberirdischen Anlagen der Untertageverlagerung "Löwe" bei Habighorst/Höfer - wurde im Zuge des raschen Bauablaufs auf die Hallenbauweise zurückgegriffen. 

Es ist naheliegend, dass diese relativ mobilen Hallen nach Kriegsende leicht demontiert werden konnten. Aus anderen Bereichen in Unterlüß wurden gleich mehrere solcher Hallenkonstruktionen an unterschiedliche Unternehmen veräußert. Es wäre daher denkbar, dass auch die Hallenbauten des "Projektes Hochwald" einen entsprechenden Abnehmer fanden und anderswo wieder aufgebaut worden sind. 

In Karten der unmittelbaren Nachkriegszeit ist im Bereich der Hallenfundamente eine Werkstatt verzeichnet. Offenbar wurde also wenigstens eines der Gebäude noch weiter genutzt. Ob es sich bei dieser Nutzung tatsächlich um ein Sägewerk handelte, ließ sich bislang nicht einwandfrei klären. 

Bild: Umgebungskarte Unterlüß, 1956. Quelle: NLA Hannover Kann. 180 Lüneburg Acc. 3/150 Nr. 257.

Im Flächennutzungsplan der Gemeinde Unterlüß, mit Stand des Jahres 1955, ist im Bereich der Fundamente ein abgegrenzter Bereich verzeichnet. Laut Karte handelt es sich dabei um einen "Bausplitter" im Außenbereich von Unterlüß, der aus zwei Gebäudeteilen bestand. 

Bild: Flächennutzungsplan Unterlüß, 1955. Quelle: NLA Hannover Kann. 180 Lüneburg Acc. 3/150 Nr. 257. 

Zeitzeugenaussagen zufolge wurden die Fundamente in den 70er und 80er Jahren als Übungsziele bzw. Hubschrauberlandeplätze der Bundeswehr genutzt. Hierfür wurde eine größere Bodenplatte eines der Fundamente geräumt und mit einer rot-weißen H-Markierung versehen. Als auch diese Nutzung des Areals eingestellt wurde, nutzten nach und nach Unbekannte den Bereich, um illegal Müll und Bauschutt abzuladen. 

Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die drei Gebäudefundamente im Hochwald bei Unterlüß dem sogenannten "Projekt Hochwald" zugehörig waren. Die Anlage verfügte über schwere Maschinen, einen Werkbahnanschluss zur Munitionsanstalt Eschengrund sowie über Rohrleitungsanschlüsse und einen Starkstromanschluss. Insgesamt spricht die Ausstattung der Einrichtung stark dafür, dass an dieser recht abgelegenen Stelle eine Produktion stattfinden sollte. Laboreinrichtungen sind dagegen wohl eher nicht vorhanden gewesen - für diese wäre der geplante Werkbahnanschluss nicht erforderlich gewesen. Was genau in den Anlagen des "Projektes Hochwald" hergestellt werden sollte ist allerdings bislang nicht geklärt. 

Für die lokale Forschung bleiben also noch einige Fragen offen, die hoffentlich in der Zukunft noch beantwortet werden können. 

H. Altmann


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