f Italienische Militärinternierte in Dedelstorf und Unterlüß ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 3. März 2020

Italienische Militärinternierte in Dedelstorf und Unterlüß


Es ist eine Geschichte von internationaler – wie regionaler Bedeutung, von großem Leid – aber auch von großer Tapferkeit. Die Historie der italienischen Militärinternierten ist vielschichtig und vielen sind die Zusammenhänge bis heute unbekannt. Am 24. Februar 1945 kam es zu Ereignissen im Raum Celle, die bis heute unvergessen in die Geschichte eingegangen sind.

Als Bündnispartner hatte Italien ursprünglich auf der Seite des Deutschen Reiches gegen die alliierten Streitkräfte gestanden. Am 10. Juli 1943 begannen diese im Rahmen der „Operation Husky“ mit der Landung aufSizilien mit ihrem Italienfeldzug. Innerhalb weniger Tage gelang die Besetzung der Mittelmeerinsel – den italienischen und deutschen Truppen war lediglich ein Ausweichen auf das italienische Festland möglich („Unternehmen Lehrgang“). Als Folge des alliierten Sieges auf Sizilien kam es zur Entmachtung des italienischen Diktators Benito Mussolini, der in der Nacht vom 24. zum 25. Juli 1943 als politischer Führer abgesetzt wurde. Als sein Nachfolger wurde Pietro Badoglio ernannt, dessen neue Regierung dem deutschen Bündnispartner zwar Loyalität versicherte – im Geheimen jedoch bereits ab dem 3. August 1943 Geheimverhandlungen mit den Alliierten führte. Mit dem Waffenstillstand von Cassibile strebte Pietro Badoglio für Italien militärisch einen neutralen Status an.

Es kam jedoch anders als geplant, denn die deutsche Wehrmacht besetzte kurzfristig mehr als zwei Drittel des Landes, schloss Rom ein und nahm ca. 800.000 italienische Soldaten gefangen. Auch in Albanien, Jugoslawien, Griechenland sowie den von italienischen Truppen besetzten Ägäis-Inseln werden tausende italienische Gefangene vereinnahmt.[1] Als militärische Gefangene kam ihnen ein besonderer Status zu, denn die deutsche Führung betrachtete die Nachfolgeregierung Mussolinis nicht als souveränen Staat im Sinne der Genfer Konvention. Somit konnten sich die italienischen Militärinternierten (IMI) nicht auf den für Kriegsgefangene geltenden Schutz der Genfer Konvention berufen. Als Zwangsarbeiter gelangten viele von ihnen ins Deutsche Reich, wo man sie zu verschiedenen Arbeitsmaßnahmen verpflichtete.

Eines der Lager, das die IMI aufnahm, war das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) X B in der Nähe des Dorfes Sandbostel bei Bremervörde. Zusammen mit seinem Zweiglager Wietzendorf war es eines der größten Durchgangslager für IMI, die sich dort allerdings in den meisten Fällen nur für kurze Zeit aufhielten, da sie rasch in entsprechende Arbeitskommandos weitertransportiert wurden. Eins dieser Arbeitskommandos betraf den Flugplatz der deutschen Luftwaffe bei Dedelstorf.




[1] Zentner, Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkriegs, S. 240.

Der Fliegerhorst Dedelstorf, dessen Lage durch die im Süden vorbeiführende heutige Bundesstraße 244 und die westliche gelegene B 4 gekennzeichnet wird, bestand aus einem ausgedehnten Rollfeld sowie weitläufigen Kasernenanlagen.[1] Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Platz von verschiedenen Kampf- und Jagdgeschwadern der deutschen Luftwaffe belegt. Wie die meisten Flugplätze in dieser Zeit, verfüge auch der Fliegerhorst Dedelstorf über ein Rollfeld, das auf die Anforderungen für Starts und Landungen von Propellerflugzeugen ausgelegt war. 

Mit dem fortschreitenden Kriegsverlauf und dem technologischen Fortschritt im Bereich der Düsenflugzeuge wollte der Fliegerhorst in den letzten Monaten vor Kriegsende jedoch noch entsprechend der Anforderungen dieser neuartigen Flugzeugtypen umgerüstet werden. Eine Erweiterung um eine feste Rollbahnstrecke war hierfür unabdingbar.




[1] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1939-1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 101ff.

Bild: Fliegerhorst Dedelstorf - erkennbar ist die neu errichtete Start- und Landebahn in Ost-West-Richtung (Bildmitte links). Quelle: USAAF, April 1945. 

Ausgeführt wurden die Arbeiten regelmäßig durch örtliche und regionale (Handwerks-)Betriebe, die ihrerseits gegenüber der jeweils zuständigen Oberbauleitung abrechneten. So rechnete beispielsweise die Firma Peter Büsche & Sohn, deren Verwaltungssitz in Hämelerwald im Landkreis Peine lag, gegenüber der OT-Oberbauleitung Ost Hannover-Süd mit Sitz in Hambühren ab. Die Organisation Todt (OT) war gleichgeschaltete Bautruppe im Dritten Reich, die vorwiegend mit der Realisierung von Bauprojekten im Rüstungssektor beauftragt war. Da etliche Rüstungsbauvorhaben bei Kriegsende unvollendet blieben, machten viele ehemals beauftragte Firmen nach Kriegsende ihre Forderungen gegenüber entsprechenden Abwicklungsstellen geltend. In den beigebrachten Unterlagen belegten die Betriebe sehr detailliert welche Arbeiten bzw. Forderungen unmittelbar vor Kriegsende noch offen waren.

So rechnete Peter Büscher & Sohn u.a. Baustellenlöhne i.H.v. 38.615 Reichsmark für die Monate Februar, März und April 1945 betreffend des Auftrags „Platzausbau Flugplatz Dedelstorf“ (Auftrag-Nr.: XII/X Gc. 297 (M)) ab.[1] Dem Schreiben liegt eine Aufstellung der beschäftigten Arbeiter sowie der geleisteten Arbeitsstunden bei, die erstaunlich viele italienische Namen beinhaltet. In dieser Aufstellung wird insbesondere der Arbeiter Diego Are genannt, der seine Erlebnisse nach Kriegsende in seinem Buch „Nebbia e Girasoli“ (Nebel und Sonnenblumen) festhielt.

Are war einer der 214 IMI, die sich am 16. Februar 1945 aus dem Offizierslager (Oflag) 83 bei Wietzendorf auf den Weg nach Dedelstorf machten. Die Italiener verließen das Lager als vermeintlich „freie“ Arbeiter – sie erhielten keine Bewachung auf dem Weg nach Dedelstorf. Mit dem Zug erreichten sie am 17. Februar den Bahnhof Repke, um von dort aus zu Fuß bis zum Flugplatz Dedelstorf zu gelangen.[2] Auf dem Weg versuchten sich die Offiziere etwas Essbares auf umliegenden Bauernhöfen zu ergattern. Are beschreibt, wie hungrig sich seine Kameraden auf Teller mit Kartoffelsuppe stürzten. Schließlich erreichten die 214 IMI den Flugplatz Dedelstorf.

Bild: Relikte der ehemaligen Start- und Landebahn. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Am 18. Februar 1945 wurden sie zum Arbeitseinsatz in drei Gruppen eingeteilt.[3] Die genauen Einsatzorte der Arbeiten sind nicht im Detail überliefert – es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die IMI im Bereich der neu zu errichtenden Rollbahn, beim Bau eines neuen Barackenlagers im Westen des Flugplatzes und bei Holzfällarbeiten im Bereich des nördlich gelegenen Scheinflugplatzes bei Bokel eingesetzt waren.[4] Im Bereich des neuen Barackenlagers, das sich in einem Waldstück westlich der einstigen Gastwirtschaft „Großer Kain“ befand, mussten die IMI sogenannte Populiplatten transportieren.[5] Es handelte sich dabei um ein neuartiges Baumaterial, das in Bruchstücken vor Ort noch heute auffindbar ist.




[1] Schreiben der Peter Büscher & Sohn GmbH vom 19.09.1945, Bundesarchiv R/50/1.
[2] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.
[3] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 77.
[4] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 77 f.
[5] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.


Bild: Barackenlager, westlich vom "Großen Kain". Quelle: USAAF, April 1945.

Bild: Relikte des Barackenlagers. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Bild: Relikte des Barackenlagers. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Die IMI sahen sich aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, die ihnen auferlegten Tätigkeiten auszuüben. Die spärliche Ernährung der vorausgegangenen Wochen hatten sie entkräftet – an schwere körperliche Arbeit war daher nicht zu denken.[1] Hinzu kam, dass sich die IMI einer offensichtlichen Verletzung der Genfer Konventionen ausgesetzt sahen.[2] Darüber hinaus wollten viele aus moralischen Gründen die deutsche Kriegswirtschaft nicht unterstützen.[3] 

Daher einigten sich die IMI darauf am kommenden Tag die Arbeit zu verweigern. Tatsächlich fallen die namentlichen Aufstellungen der italienischen Arbeiter für den Rest des Monats Februar 1945 recht spärlich aus.[4] Diego Are beschreibt in seinen Erinnerungen die zähen Verhandlungen, die in den letzten Februartagen offenbar zwischen den IMI, den Baufirmen, dem Aufsichtspersonal des Flugplatzes und der Oberbauleitung stattgefunden haben.[5] Auch intern scheint es zwischen den IMI Verhandlungen gegeben zu haben. Manche wollten nur körperlich erträgliche Arbeiten ausführen – andere dagegen lehnte alle Arbeit ab und wollten sogar lieber zurück ins Lager nach Wietzendorf zurück. Da sich die IMI strikt gegen die Arbeitsleistung verweigerten, wurde schließlich die Gestapo eingeschaltet.




[1] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.
[2] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 79.
[3] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.
[4] Namentliche Aufstellung zum Schreiben der Peter Büscher & Sohn GmbH vom 19.09.1945, Bundesarchiv R/50/1.
[5] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.


Am 24. Februar kam es schließlich zu einem einschneidenden Ereignis. Vertreter der Gestapo ließen die IMI vollständig vor den Hangar-Hallen des Flugplatzes antreten. Durch die Reihen der Angetretenen schritten Gestapo-Beamte und suchten unter den schwächsten IMI 21 Personen aus. Ein Befehlshaber der Gestapo verkündete daraufhin: „schaut euch eure Kameraden an! Ihr werdet sie nie wieder sehen!“[1] Währenddessen traten aus den Reihen der Angetretenen weitere Offiziere heraus und stellten sich an die Seite ihrer Kameraden. Unter den 18 Offizieren[2] im Dienstgrad eines Leutnants befand sich auch Giuliano Nicolini aus Stresa, einer Gemeinde am westlichen Ufer des Lago Maggiore. 26 Unterleutnants waren ebenfalls aus den Reihen hervorgetreten sowie zwei Offiziere im Dienstgrad eines Hauptmanns.[3] Insgesamt 44 Freiwillige waren bereit das Schicksal ihrer zuvor ausgewählten Kameraden zu teilen. Michele Montàgano, einer der Unterleutnants erinnerte sich später, dass unter den Wartenden unterschiedliche Reaktionen entstanden. Für die Jüngeren, die Zuhause keine Frau oder sogar Kinder hatten, war es einfacher – für die anderen umso schwerer.[4]

Befürchtet hatte man offenbar, dass man die zuvor Ausgewählten wohlmöglich erschießen wollte. Dies ist allerdings nicht durch Quellen belegt – lediglich einzelne Berichte von anwesenden Zeitzeugen aus den Reihen der IMI deuten darauf hin. Der Unterleutnant Mario Forcella berichtete beispielsweise später, dass die Todesstrafe in eine Deportation in das Lager Unterlüß umgewandelt worden sei.[5] Über den genauen Ablauf ist wenig bekannt. Michele Montàgano berichtete, dass die Hervorgetretenen Italiener von einem Traktor mit Anhänger abgeholt worden sind.[6] Auf der Fahrt hatten die italienischen Offiziere große Sorge: sie befürchteten irgendwo in den weiten Wäldern eine Grube ausheben zu müssen und erschossen zu werden.[7] Hierzu kam es jedoch nicht – der Transport erreichte schließlich das Arbeitserziehungslager (AEL) in Unterlüß.

Der größere Teil der IMI verblieb währenddessen auf dem Flugplatz Dedelstorf und musste dort in den letzten Kriegswochen schwere körperliche Arbeit verrichten. Unter den, in Dedelstorf verbliebenen, IMI war auch Diego Are, der in seinem Tagebuch die Tätigkeiten jener Zeit beschreibt.[8] Auch aus den Stundenlisten der italienischen Arbeitskräfte geht für die Monate März und April ein deutlicher Anstieg der Tätigkeiten und Arbeitszeiten hervor. Im Durchschnitt wurden pro Tag demnach zwischen 6 und 9 Stunden gearbeitet.[9] Ihre gelegentlichen Freizeiten nutzten die Italiener – mehr oder weniger offiziell – um sich in den Nachbardörfern mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Fertiggestellt werden konnten die Bauprojekte nicht mehr. Kurz vor Kriegsende und dem Eintreffen der US-Truppen schickte man die Italiener in Richtung Celle – und damit in die Freiheit.[10]




[1] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.
[2] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 85.
[3] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 86.
[4] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 86.
[5] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.
[6] Parodi, Gli eroi di Unterlüss, S. 86.
[7] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.
[8] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.
[9] Namentliche Aufstellung zum Schreiben der Peter Büscher & Sohn GmbH vom 19.09.1945, Bundesarchiv R/50/1.
[10] Are, Nebbia e Girasoli, Deutsche Übersetzung.

Bild: Fundtücke in einem Schacht des ehem. Barackenlagers. Quelle: H. Altmann, 2019. 

Während ihre Kameraden in Dedelstorf beim Ausbau des Flugplatzes eingesetzt waren, sahen sich die italienischen Offiziere in Unterlüß drakonischen Strafmaßnahmen ausgesetzt. Ihr neuer Aufenthaltsort wurde das dortige Arbeitserziehungslager (AEL) – ein Ort für „arbeitsvertragsbrüchige“ Ausländer – dessen Aufsicht der Gestapo unterstand.[1] Über dieses Lager ist heute sehr wenig bekannt. 

Bereits zur damaligen Zeit – wie auch unmittelbar nach Kriegsende bekam die Unterlüßer Bevölkerung von der Existenz des AEL und den dortigen Abläufen angeblich so gut wie nichts mit.[2] Der damalige Ortsgruppenleiter Hermann Denecke gab an, das AEL sei erst Anfang 1945 errichtet worden und er selber habe nicht gewusst, wo sich dieses Lager befand – eine Aussage, die der Quellenlage zufolge angezweifelt werden muss.[3] 

Bild: Lage des ehemaligen AEL - nördlich der heutigen Königsberger Straße in Unterlüß. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Nach Kriegsende räumte der damalige Gemeindedirektor Erich Müller ein, dass die Ausschreitungen und Misshandlungen im Lager allgemein bekannt waren.[4] Es wäre sehr überraschend, wenn die Bevölkerung von dem AEL nichts mitbekommen hätte, da sich dieses in unmittelbarer Ortsnähe hinter dem einstigen Männerlager III (heutiger Sportplatz) an der Müdener Straße befand. Rund 300 Personen waren laut dem letzten Wachdienstleiter in den letzten Wochen vor Kriegsende dort untergebracht.[5] Die tatsächliche Zahl dürfte wohl durchaus höher gelegen haben.

Bild: Auszug, Aussage Hermann Kühn. Quelle: Gemeindearchiv, Ordner 19. 

Bereits bei ihrer Ankunft wurden die italienischen Offiziere offenbar vom Aufsichtspersonal des AEL drangsaliert. Mario Forcella beschrieb später die Situation in deren Verlauf die Ankömmlinge gezwungen wurden im Kreis zu laufen, während die Peiniger mit Eisendraht verstärkte Gummischläuche herauszogen und blindlings auf die Laufenden einschlugen.[6] 

Umberto Beltrami, ebenfalls ein IMI, der jedoch zuvor nicht in Dedelstorf sondern an der Elbe Zwangsarbeit verrichten musste, berichtete von der Ankunft im AEL Unterlüß, dass den Ankömmlingen alle Erkennungszeichen abgenommen und die Köpfe in Kreuzform rasiert wurden – um sie im Falle einer Flucht zu erkennen.[7] In Unterlüß traf Beltrami schließlich auch auf die italienischen Offiziere aus Dedelstorf. Die kommenden Wochen verbrachten die Insassen unter schlimmsten Bedingungen – im Lager waren zu diesem Zeitpunkt unterschiedlichste Häftlinge zusammengepfercht – darunter auch viele schwerstkriminelle, wie Mario Forcella später schrieb.[8]




[1] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 368 f.
[2] Gedicke, Chronik der politischen Gemeinde Unterlüß, S. 171.
[3] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 372.
[4] Schreiben des Gemeindedirektors Müller betr. Aburteilung des Hermann Kühn, Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.
[5] Aussage Hermann Kühn, 04.07.1947, Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.
[6] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.
[7] Beltrami, Übersetzung; Stiftung NG.
[8] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.


Bild: Lage des AEL Unterlüß - das Lager befand sich ca. im Bereich des Buchstabens "T" vom Namen Tilemannsort. Quelle: War Office, 1945. 

Das AEL Unterlüß war die einzige Einrichtung dieser Art im Gau Osthannover.[1] Zentral zwischen den großen Industrieregionen Hamburg, Hannover, Bremen, Braunschweig und Salzgitter in der Mitte des Regierungsbezirks Lüneburg verortet, bot sich Unterlüß als ein recht abgelegener Standort förmlich an.[2] Es erscheint naheliegend, dass sich die Insassen daher auch aus vielen verschiedenen Herkunftsgebieten zusammensetzten. Unterlagen und Quellen zu den Abläufen und Strukturen im ehemaligen AEL Unterlüß gibt es nur wenige. So blieben auch die Arbeitstätigkeiten der Insassen weitestgehend unbekannt. 

Einige Aussagen deuten aber darauf hin, dass zumindest die Italiener zeitweise mit einer besonderen Tätigkeit betraut waren. So berichtete beispielsweise Michele Montàgano später, dass die Italiener Erdarbeiten im Lager verrichten mussten und später Kriegsmaterial von Zügen entladen und tarnen mussten.[3] In anderen Überlieferungen heißt es: „Ja, ja. Immer arbeiten. Am Schlimmsten war die Arbeit im Wald. Sie hatten Kriegsbeute: Wägen, viele Lastwägen aller Art. Und wir mussten sie ihrer Meinung nach tarnen. Also Äste aus dem Wald holen, sie auf den Schultern einige Kilometer tragen, um dann bei den geparkten Wägen anzukommen und sie mit den Ästen zu bedecken.[4] 

Der Abstellbereich für Fahrzeuge und anderweitiges Material befand sich im Waldgebiet zwischen Lünsholz und der Försterei Unterlüß. Der Forstmeister August Adolf Maske berichtete im Gespräch mit der Celler Redakteurin und heimatforserin Hanna Fueß, dass eine SS Division rund 3.000 motorisierte Fahrzeuge getarnt bei Unterlüß abgestellt habe.[5] Die Lehrer Wilhelm Busse und Robert Kröger berichteten es habe sich um eine gegen Fliegersicht getarnte Werkstattanlage der SS gehandelt.[6]

Bild: Sportplatz Unterlüß heute - einst Standort des Männerlagers III. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die Arbeit war äußerst beschwerlich, die Versorgung und die hygienischen Bedingungen im AEL waren mangelhaft. Die Insassen litten unter Krankheiten und Läusebefall.[7] Ein eigenes Krankenrevier gab es im AEL nicht – offenbar war allerdings der Werksarzt der Rheinmetall-Borsig AG gegen Honorarzahlung verpflichtet worden, die ärztliche Betreuung des AEL zu gewährleisten.[8] Zur ohnehin beschwerlichen Haftsituation der Insassen kam noch die rohe Behandlung der Aufseher hinzu. Die Frage, wer genau die Verantwortung über das AEL innehatte, lässt sich aus heutiger Sicht nur noch institutionell beantworten, da über persönliche Zuständigkeiten nur sehr wenige Informationen vorliegen. 

De facto unterstand das AEL der Kontrolle der Gestapo. In den späteren Kriegsjahren wurden Sicherungsaufgaben zunehmend durch ausländische SS-Einheiten wahrgenommen.[9] Die Bewachung des AEL in Unterlüß soll dementsprechend durch ukrainische SS-Angehörige erfolgt sein.[10] In den letzten vier Wochen vor dem Kriegsende arbeitete der Kriminalobersekretär Hermann Kühn als Wachdienstleiter im AEL.[11] In diese Zeit fällt offenbar eine Massenexekution an Insassen des AEL.[12] 

Bei der Exhumierung der 11 Toten im Juli 1945 wurde festgestellt, dass das Todesdatum zwischen dem 4. Und 13. April 1945 gelegen haben muss.[13] Sieben der Toten wieder Genickschüsse auf – die anderen vier zeigten Merkmale von Strangulierungen bzw. von Schädelverletzungen.[14] Man hatte die Leichen in einem Bombenkrater in unmittelbarer Nähe des AEL notdürftig bestattet – nach Kriegsende wurden die Toten auf den Unterlüßer Gemeindefriedhof umgebettet.




[1] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 370 f.
[2] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 370 f.
[3] Eine fast vergessene Geschichte: die 44 Helden von Unterlüß; Interview mit Michele Montàgano; Übersetzung; Stiftung NG.
[4] Deportati E Internati della Sicilia, Übersetzung; Stiftung NG.
[5] Forstmeister August Adolf Maske, Gespräch am 25.05.1948; Hanna Fueß Berichte; Kreisarchiv Celle.
[6] Wilhelm Kröger und Robert Busse, Gespräch am 02.06.1948; Hanna Fueß Berichte; Kreisarchiv Celle.
[7] Deportati E Internati della Sicilia, Übersetzung; Stiftung NG.
[8] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 374.
[9] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 372.
[10] Schreiben des Gemeindedirektors Müller betr. Aburteilung des Hermann Kühn, Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.
[11] Aussage Hermann Kühn im Spruchgerichtsverfahren Az. 49 164/47; Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.
[12] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 375.
[13] Schreiben des Gemeindedirektors Müller betr. Aburteilung des Hermann Kühn, Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.
[14] Schreiben des Gemeindedirektors Müller betr. Aburteilung des Hermann Kühn, Gemeindearchiv Unterlüß, Ordner 19.

Bild: Bombardierung von Unterlüß am 4. April 1945. Quelle: USAAF, April 1945. 

Dieses Ereignis steht allem Anschein nach in direktem Zusammenhang zu dem schweren Luftangriff, der sich am 4. April 1945 ereignete. Ausgeführt wurde der Angriff durch die 303. Bomb Group („Combat Mission No. 351“) gegen 10:35 Uhr.[1] 

Nachdem die Bombenabwürfe geendet hatten, lagen weite Teile im nordwestlichen Bereich von Unterlüß in Schutt und Asche. Während der Großteil der Bombenlast nördlich und südlich der Müdener Straße im Ortsteil Hohenrieth niederging, verfehlten jedoch einige Bomben diesen Bereich – so wurde offenbar auch das AEL an diesem Tag massiv beschädigt. 

Bild: Relikte von Bombenkratern westlich von Unterlüß - unmittelbar hinter dem ehemaligen Männerlager II Tielemannsort. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Mario Forcella erinnerte sich, dass die von der Arbeit zurückkehrende Gruppe der italienischen Offiziere die Baracke vollkommen zerstört vorfand, weil sie von den Alliierten bombardiert worden war.[2] Er gab weiterhin an, dass das Lager aufgegeben werden musste – Gefangene, die zu schwach zum Laufen waren, wurden von den Deutschen mit einem Schlag (gemeint wahrscheinlich: Schuss) ins Genick hingerichtet.[3] Aufgrund des gerichtsmedizinisch datierten Todeszeitpunktes zwischen dem 4. Und 13. April 1945 und auch wegen des Fundortes scheint es sich bei den aufgefundenen 11 Toten um eben jene hingerichteten Insassen des AEL zu handeln.




[1] Gedicke, Chronik der politischen Gemeinde Unterlüß, S. 186 ff.; Einsatzbericht der 303rd BG; Combat Mission No. 351.
[2] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.
[3] Forcella, Übersetzung; Stiftung NG.


Bild: Auffindung von Toten hinter dem ehemaligen Männerlager III. Quelle: Gemeindearchiv Unterlüß Ordner 19. 

Mit dem unfreiwilligen Umzug begann das letzte Kapitel der IMI in Unterlüß. Man brachte sie in das sogenannte Tannenberglager – ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Bergen-Belsen, das sich unmittelbar südlich des Gehöftes Altensothrieth befand. Einige der italienischen Offiziere erinnerten sich später noch daran, wie sie nach der Bombardierung in das rund fünf Kilometer entfernte Lager gebracht wurden in dem zu diesem Zeitpunkt bereits jüdische Frauen untergebracht waren.[1] 

Die Jüdinnen, die größtenteils aus der Ukraine und Polen stammten, waren im Sommer bzw. im Herbst des Jahres 1944 aus dem KZ Auschwitz nach Unterlüß gebracht worden. Sie verrichteten in der näheren Umgebung verschiedene Arbeitseinsätze – unter anderem waren sie im Straßen-, Gleis- und Bunkerbau sowie in der örtlichen Rüstungsproduktion beschäftigt. Die Bedingungen im Tannenberglager waren entwürdigend. Italienische Offiziere erinnerten sich, dass die Frauen in einem abgetrennten Bereich untergebracht waren und man von dort häufig Schreie, Gezeter und Geschimpfe vernahm – „Nachts sagen sie mit sehr leiser Stimme schmerzhafte Klagelieder in einer unbekannten Sprache.“[2]




[1] Beltrami, In der Hölle von Unterlüss und die Rückkehr: Wir im Lager. Zeitzeugenberichte von italienischen Militärinternierten in den Lagern der Nazis (1943 – 1945); Stiftung NG.
[2] Eine fast vergessene Geschichte: die 44 Helden von Unterlüß; Interview mit Michele Montàgano; Übersetzung; Stiftung NG.

Bild: Tannenberglager südlich von Altensothrieth bei Unterlüß. Quelle: USAAF, April 1945. 

In jenen Tagen zwischen dem 4. Und dem 13. April 1945 zeichnete sich das nahende Kriegsende bereits ab – das Leid der Insassen des Tannenberglagers hielt jedoch an. Am 6. April 1945 kam der Leutnant Giuliano Nicolini gewaltsam zu Tode. Zeitzeugenaussagen zufolge wurde er von einem ukrainischen Kapo, d.h. einem Funktionshäftling, erschlagen.[1] Nicolini sollte Kessel, in denen Essen zubereitet wurde, im kleinen benachbarten Flusslauf der Sothrieth waschen. Allerdings war er aufgrund der Anstrengung und der unzureichenden Ernährung der vorangegangenen Wochen nicht in der Lage sich aus seiner sitzenden Position am Fluss aus eigenen Kräften wieder zu erheben. 

Der Kapo schlug daraufhin mit seinem Schlagstock auf ihn ein – Nicolini brach schließlich sterbend zusammen. Er wurde anschließend einige hundert Meter entfernt hinter dem Tannenberglager begraben. Am 10. Juli 1946 wurde seine Leiche auf den Unterlüßer Gemeindefriedhof umgebettet.[2] In den frühen 50er Jahren wurde sein Leichnam exhumiert und in seine Heimatstadt Stresa überführt. Dort wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem örtlichen Friedhof zur Ruhe gebettet. Am 17. Januar 2016 wurde vor seinem ehemaligen Wohnsitz in Stresa, in einer kleinen Privatstraße nahe der Piazza Possi ein Stolperstein zu seinem Gedenken gesetzt.




[1] Brief Otto Wahl v. 14.06.1946, Privatarchiv Ambretta Sampietro.
[2] Gemeinde Unterlüß – Meldung der Gräber von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit; IST Archives, 2.1.2.1./70590984.

Bild: Brücke über die Sothrieth heute - im Hintergrund: Hof Altensothrieth. Quelle: H. Altmann, 2020. 

Die Situation der italienischen Offiziere im Tannenberglager änderte sich erst am 9. April 1945. An diesem Tag erhielten sie entsprechende Bescheinigungen über ihre offizielle Entlassung aus dem AEL Unterlüß, die gleichzeitig zur Vorlage beim Ernährungsamt zum Erhalt entsprechender Lebensmittelkarten vorgesehen waren.[1] 

Interessanterweise trugen eben jene Bescheinigungen die Unterschrift des einstigen (letzten) Wachdienstleiters des AEL – Hermann Kühn. Die Entlassungen wurden demnach ganz offiziell durch die Gestapo vorgenommen.




[1] Deportati E Internati della Sicilia, Übersetzung; Stiftung NG.


Bild: Bescheinigung zur Entlassung aus dem AEL Unterlüß. Quelle: Archiv A. Parodi. 

Die entlassenen italienischen Offiziere erhielten die Weisung nach Celle zu fahren. Nach etlichen Strapazen auf ihrem Weg erreichten sie schließlich das Ziel, erlebten dort letztlich auch die Ankunft der britischen Truppen und erhielten somit ihre Freiheit zurück. Nahrungsmittel konnten sich die Italiener unter anderem in der Trüller’schen Keksfabrik ergattern. 

Bild: Fabrik Trüller in Celle Quelle: Postkarte, Archiv H. Altmann. 

Nicht alle italienischen Offiziere hatten jedoch das Glück am 9. April in die Freiheit entlassen zu werden. So berichtete der Offizier Umberto Beltrami später, dass nur Gefangene bis zur Häftlingsnummer 700 entlassen worden sind.[1] Mit geschätzt 90 weiteren Gefangenen erreichte Beltrami nach einem mehrtägigem Marsch die Elbe und schließlich am 14. April 1945 den Ort Alt Garge.[2] Ungeklärt ist, ob dieser Marsch in Zusammenhang mit den Absetzungsbewegungen der Wachmannschaften und Aufseherinnen des Tannenberglagers zu setzten ist. Diese verließen am 11. oder 12. April 1945 das Tannenberglager und überließen die darin befindlichen Jüdinnen ihrem Schicksal. Diese wurden am Morgen des 13. April 1945 von bewaffneten Zivilisten mit Lastwagen in das KZ Bergen-Belsen gebracht und dort schließlich durch britische Truppen befreit.

Auf Umwegen fanden die italienischen Offiziere schließlich – teilweise im ehemaligen Oflag 83 in Wietzendorf – wieder Anschluss an ihre Kameraden und schließlich ihre Heimat. Andere wiederum waren von Celle aus mit dem Zug nach dorthin aufgebrochen. Die Berichte der Überlebenden eröffnen aus heutiger Sicht tiefe Einblicke in Zusammenhänge und eine zeit des Dritten Reiches aus der meist nur bruchstückhafte Quellen vorhanden sind. Da die italienischen Militärinternierten an diversen Orten untergebracht waren und vielseitige Eindrücke sammelten, tragen die Berichte der einstigen Zeitzeugen entscheidend dazu bei das Gesamtbild der Ereignisse dieser Zeit zu vervollständigen. 

Nichtsdestotrotz bleiben einige Aspekte bis heute im Unklaren. So konnte bis heute der Verbleib der Offiziere Alberto Pepe und Giorgio Tagliente nicht geklärt werden. Möglicherweise gehörten sie zu den nicht identifizierten Toten, die im Bereich des ursprünglichen AEL, hinter dem Männerlager III, im Juli 1945 aufgefunden worden waren. Ihre Namen werden in den offiziellen Berichten nicht genannt – möglicherweise, weil man ihnen alle Gegenstände abgenommen hatte, die eine Identifizierung ermöglicht hätten. Im Ergebnis bleibt somit die Ungewissheit wo die beiden italienischen Offiziere ihre letzte Ruhestätte fanden.

Gewissheit besteht indessen darüber was Menschen - unter entsprechenden Voraussetzungen - bereit sind ihren Mitmenschen anzutun.




[1] Beltrami, Übersetzung; Stiftung NG.
[2] Beltrami, Übersetzung; Stiftung NG.

Bild: Überreichung des Bundesverdienstkreuzes an Michele Montagàno am 17.12.2019. Quelle A. Parodi. 

Am 17. Dezember 2019 wurde Michele Montagàno, in Anerkennung seiner Leistungen des ihm zuteil gewordenen Unrechts, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er ist einer der letzten italienischen Offiziere, die sich am 24. Februar 1945 gegen das Dritte Reich zur Wehr setzten, indem sie sich auf dem Flugplatz Dedelstorf mutig vor ihre Kameraden stellten. Die Leiden der folgenden Monate sahen diese Soldaten nicht – für sie zählte die Menschlichkeit.

H. Altmann



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