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Dienstag, 10. März 2020

Typhusepidemie in Celle 1923 bis 1924


Anfang Dezember 1923 meldete ein Arzt einen auffälligen Anstieg von Typhuserkrankungen im Celler Stadtgebiet. Die Suche nach der Ansteckungsquelle führte von Papiergeld über Papiertüten - und schließlich zu einem Butter- und Käsegeschäft. 

Die Klinische Wochenschrift (3. Jg. Nr. 17) veröffentlichte am 22. April 1924 einen Beitrag des Celler Kreismedizinalrats Dr. Sorge über "Die Typhusepidemie 1923/24 in Celle". Ein auffälliger Anstieg der bakteriellen Fieberkrankheit lagen den Schilderungen zugrunde. In der ersten Dezemberhälfte wurden 51 Fälle von Typhus im Celler Stadtgebiet registriert - eine auffällig hohe Anzahl. Dr. Sorge beobachte insbesondere die Auswirkungen auf Personen, die zuvor eine Schutzimpfung empfangen hatten. 

Er konstatierte, dass bereits die zuerst gemeldeten Typhusfälle nicht auf ein bestimmtes Stadtgebiet beschränkt waren sondern vielmehr alle Bereiche der Stadt umfassten. Darüber hinaus ließ sich die Ausbreitung nicht auf bestimmte Bevölkerungsschichten eingrenzen. Im Gegensatz zu bisherigen Krankheitsfällen waren nicht vornehmlich Arbeiterfamilien betroffen sondern vor allem Familien aus höheren und mittleren Beamtenkreisen. 

Es wurde zunächst mit den Ärzten vereinbart, möglichst bald die Verdachtsfälle zu melden und dahin zu wirken, dass Kranke und Krankheitsverdächtige in den Krankenhäusern abgesondert würden. Die Kosten hierfür wurden von der Stadt übernommen, um den Ablauf zu beschleunigen. Zwischen Dezember 1923 und Januar 1924 wurden 117 Krankheitsfälle amtlich registriert. 

Bild: Allgemeines Krankenhaus Celle. Quelle: Postkarte, um 1925. 

Systematisch begann die Suche nach der Ursache der Ansteckungen im Stadtgebiet. Wasser und Milch konnten nach Befragungen der Erkrankten recht schnell ausgeschlossen werden. Ein Nahrungs- oder Genussmittel schien Dr. Sorge zufolge jedoch als Ursache sehr wahrscheinlich - hierfür sprach seiner Meinung nach auch die Art des Ausbruchs. 

Währenddessen entstanden in der Stadt vielfältige Gerüchte. Zuerst wurde vermutet Papiergeld aus Alfeld (Leine) hätte eine Übertragung von dortigen Typhuserkrankungen herbeigeführt. Somit hätten jedoch vor allem Bankangestellte an der Krankheit leiden müssen, was jedoch nicht der Fall war. Auch eine Verbreitung durch die - ebenfalls in Alfeld (Leine) - geklebten Papiertüten, die nach Celle verschickt wurden, konnte ausgeschlossen werden. 

Als Ursache konnte schließlich ein Butter- und Käsegeschäft ausgemacht werden. Die Tochter der Inhaberin hatte angenommen sich auswärts mit der Grippe angesteckt zu haben. Trotzdem hatte sie noch einige Zeit im Geschäft ihrer Mutter ausgeholfen, am Tresen bedient und die Waren mit bloßen Händen berührt. Es stellte sich heraus, dass ein Großteil der Infizierten zuvor in eben jenem Butter- und Käsegeschäft eingekauft hatten. 

Bild: Celler Schuhstraße in den 20er Jahren. Quelle: Postkarte, um 1923. 

Laut Dr. Sorge konnte in den meisten Fällen der gekaufte Limburger Käse als Ursache identifiziert werden - er wurde mit den Fingern aus seiner Hülle herausgenommen und meist ohne Abschaben der Kruste verzehrt. 

Hauptsächlich blieb die Epidemie auf das Stadtgebiet, Westercelle und Klein Hehlen beschränkt. Von den amtlich registrierten Erkrankten waren 5 Todesfälle zu verzeichnen. Es zeigte sich, dass viele ehemalige Soldaten die während des Ersten Weltkrieges gegen Typhus geimpft worden waren, nicht von der Erkrankung betroffen waren - obwohl übrige Familienmitglieder Symptome aufwiesen. 

Beachtlich ist die nachhaltige Systematik mithilfe derer die Ursachen und Ausbreitungswege aufgedeckt werden konnten. Dies belegt nachdrücklich welche Fortschritte die medizinische Heilkunde zu diesem Zeitpunkt bereits gemacht hatte. 

H. Altmann 



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