f Oktober 2019 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Zonengrenze Niedersachsen


"Mitten durch Deutschland zieht sich eine 1.345 km lange Demarkationslinie. 525 km davon bilden die Ostgrenze des Landes Niedersachsen" - so heißt es in einer Broschüre des Niedersächsischen Ministeriums für Bundesangelegenheiten aus dem Jahr 1971. Welche Spuren lassen sich heute noch von dieser innerdeutschen Grenze noch finden? 

Rund 50 km östlich von Celle verlief bis zum 17. Februar 1990 die innerdeutsche Grenzlinie zur ehemaligen DDR. Bis zu diesem Datum - und dem damit verbundenen Niedergang der Grenzeinrichtungen - war eine Überquerung der Demarkationslinie nur an ausgewählten Punkten möglich. Einst bestand die innerdeutsche Demarkationslinie aus eine Vielzahl infrastruktureller Grenzeinrichtungen, von denen bis heute im Gelände noch einige erkennbar sind. In diesem Beitrag soll eine kleine Auswahl ehemaliger Grenzeinrichtungen vorgestellt werden. 

Bild: Skizze des Sperrgürtels der sowjetischen Besatzungszone - der ehem. DDR. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Früher verlief im Bereich der Demarkationslinie ein tief gestaffeltes Sperrsystem aus Zäunen, Stacheldrahtsperren, Minengürteln, Bunkern, Beobachtungstürmen und vielen weiteren Einrichtungen. Bereits am 25.05.1952 beschloss der Ministerrat der DDR die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie", die später durch die "Verordnung zum Schutze der Staatsgrenze der DDR" ersetzt wurde. Entlang der Demarkationslinie wurde demgemäß eine ca. 5 km breite Sperrzone errichtet. Die daran anschließende 500 m Zone durfte nur mit einem besonderen Berechtigungsausweis betreten werden. 

Unmittelbar entlang der Demarkationslinie auf dem gebiet der DDR wurde ein 10 m breiter Streifen abgeholzt und umgepflügt. Bei einem Betreten dieses Streifens hatte die Grenzpolizei ohne Aufruf zu schießen. 

Die Chronik des Mauerbaus und die Geschichte der Grenzziehung lässt sich anhand verschiedener Quellen nachvollziehen und soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr soll das Augenmerk darauf gelenkt werden, dass sich die ehemalige innerdeutsche Grenze in knapper Entfernung zum Landkreis Celle befand. 

Bild: ehemalige Demarkationslinie. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Kurz hinter Wittingen war damals sprichwörtlich die "westliche" Welt zu Ende. In Waddekath - knapp 3 km östlich von Wittingen - verlief die unmittelbare Grenzlinie. 

Bild: Schild der Zonengrenze. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

Kurz vor Waddekath, auf westlicher Seite der Demarkationslinie, befand sich ein Übersichtspunkt mit Sicht in den Ort Waddekath sowie auf einen Beobachtungsturm. derartige Übersichtspunkte gab es in regelmäßigen Abständen entlang der Demarkationslinie - der nächste befand sich südlich im Ort Radenbeck. 

Bild: Übersichtspunkt Radenbeck. Quelle: Broschüre "Zonengrenze Niedersachsen", Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, 1971. 

In Waddekath erinnert heute noch ein Straßenschild an den einstigen Grenzverlauf - doch lassen sich auch abseits der Straße noch einige Hinterlassenschaften aus der Zeit des innerdeutschen Grenzverlaufs finden. 

Bild: Grenzverlauf, Waddekath heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Unmittelbar vor Waddekath wurde die Bahnstrecke unterbrochen die, bis zur Errichtung der Demarkationslinie, zwischen Wittingen und Diestorf verlief. Noch heute findet man die abgetrennten Bahngleise im Wald bei Waddekath. 

Bild: abgeschnittene Bahnstrecke; Wittingen-Diestorf, Waddekath heute. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Gegend lag unmittelbar in der Sperrzone - daher wurde hier eine umfangreiche Infrastruktur geschaffen. Diese diente einerseits dazu, Grenzübertritte in beiden Richtungen zu verhindern - andererseits sollte in diesem Bereich ein militärischer Aufmarsch binnen kürzester Zeit ermöglicht werden können. 

Kilometerlange Betonstraßen verliefen entlang der Demarkationslinie - im Extremfall hätten sich hier Panzer und Kolonnen zusammenziehen können. Noch heute sind viele dieser Relikte erhalten geblieben und können bei genauem Hinsehen im Gelände aufgefunden werden. 

Bild: Betonstraße nördlich von Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In den angrenzenden Wäldern finden sich ebenfalls noch militärische Hinterlassenschaften aus der Zeit der einstigen Sperrzone. Unter anderem sind in einigen Bereichen noch Lauf- bzw. Deckungsgräben erhalten geblieben. 

Bild: Deckungsgraben; Forst Vier. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Es finden sich darüber hinaus auch Gebäude, bzw. Relikte, die sich nicht mehr eindeutig zuordnen lassen. Die Möglichkeit Zeitzeugen zu befragen ist relativ eingeschränkt, da einst nur ein überschaubarer Personenkreis Zugang zur Sperrzone hatte. 

So finden sich beispielsweise nördlich von Hasselhorst, knapp hinter dem ehemaligen Sperrstreifen, noch Mauerreste, die vermutlich zu einer Wachbaracke gehört haben könnten. 

Bild: Mauerreste nördlich Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Erhalten geblieben ist auch ein ehemaliger Beobachtungsbunker an der Straße zwischen Hasselhorst und Lindhof - dieser dient heute als Unterschlupf für Fledermäuse. 

Bild: ehem. Beobachtungsbunker nördlich Hasselhorst. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Am 15.09.1961 wurde die Grenzpolizei der DDR in einer Stärke von 50.000 Mann als Kommando Grenze in die Nationale Volksarmee (NVA) eingegliedert. Entlang der Sperrzone entstanden Kasernenbauten für die Grenzkommandos - so beispielsweise auch an der Straße zwischen Bonese und Schmölau. 

Der Abschnitt wurde durch das Grenzkommando Nord und zugeordneten Grenzregiment 24 "Fritz Heckert" für den Bezirk Salzwedel gesichert. In Bonese war das II. Grenzbataillon GR-24 stationiert. Heute liegt die Kasernenanlage brach. 

Bild: ehem. Kaserne des GR-24 an der Straße zw. Bonese und Schmölau. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Weitere Einrichtungen bzw. Kasernen der Grenzkommandos gab es in Neuekrug, Holzhausen, Dahrendorf, und Dähre. 

Neben den Einrichtungen der Grenzkommandos, gab es damals auch Anlagen der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). Auf dem 108 m hohen Schwabenberg bei Bergmoor / Diestorf unterhielten die sowjetischen Streitkräfte seit 1967 eine Abhöranlage. In Hochzeiten waren rund 500 sowjetische Soldaten in der Einrichtung untergebracht. Im Sommer 1991 verließen die letzten sowjetischen Soldaten die Abhöranlage - das meiste Material war zu diesem Zeitpunkt bereits abtransportiert worden. Heute liegt das Areal brach. 

Bild: ehem. Abhöranlage des GSSD auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die Anlage verfügte einst über einen rund 70 m hohen Antennenträger aus massivem Stahlbeton. Dieses Objekt wurde allerdings im Sommer 1998 gesprengt, da es zusehends verfiel und eine Gefahr für die Flugsicherheit darstellte. 

Darüber hinaus war die Abhöranlage autark - sie verfügte dementsprechend über eigene Versorgungsanlagen, Küche und Kantine sowie ein eigenes Heizwerk. 

Bild: ehem. Heizwerk auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Nach Abzug der sowjetischen Truppen fiel das Areal brach. Ausgeplündert von Metall- und Schrottsammlern diente es fortan für die "wilde" Müllentsorgung. Im Volksmund hielt sich nur der einstige Name des sogenannten "Café Moskau". Jugendliche aus der Umgebung nutzten die leerstehenden Gebäude für Partys. 

Die massiven Gebäude der ehemaligen Abhöranlage sind bis heute größtenteils erhalten geblieben. Sie sind meist zweistöckig und verfügen noch über den alten Tarnanstrich. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Dem Anschein nach sind die Gebäude dem Verfall preisgegeben. In ihrem Innern blättert der Putz von den Wänden, teilweise wurden die Einrichtungen durch Vandalismus stark in Mitleidenschaft gezogen. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In einigen Bereichen wurden die Gebäude komplett entkernt - Fußböden herausgerissen und Trennwände durchbrochen. Von ihrem einstigen Stolz hat die ehemalige Abhöranlage bei Bergmoor vieles eingebüßt.

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Kasernengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Im hinteren Teil des Areals findet man noch heute einen alten Trimm-Dich-Pfad aus verschiedenen Turn- und Sportgeräten. Dieser diente einst den Soldaten der GSSD körperlich in Form zu bleiben, denn das gesamte Areal misst gerade einmal eine Gesamtfläche von 23 ha. Heute stehen die alten Sportgeräte allerdings nur noch verlassen herum. 

Bild: ehem. Sportgeräte auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Neben den Kasernen- und Unterkunftsgebäuden sind noch einige kleinere Nebengebäude erhalten geblieben. Es handelte sich dabei vermutlich um Lagergebäude und Wachbaracken. In Teilen weisen diese Anlagen mittlerweile jedoch einen stark vernachlässigten Zustand auf. 

Bild: ehem. Nebengebäude Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Bild: ehem. Nebengebäude auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Die ehemaligen Garageneinrichtungen sind bereits stark in Mittleidenschaft gezogen. Die Türen sind aus den Angeln gefallen, die Höfe mit allerlei Pflanzen überwuchert und die Gebäude ans sich sind schon teilweise eingestürzt. 

Bild: ehem. Garagenanlage auf dem Schwabenberg bei Bergmoor. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Es zeigt sich, dass die ehemalige Sperrzone im Bereich zwischen Wittingen und Diestorf auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch zu Teilen erkennbar ist. In vielen Bereichen hat sich die Natur allerdings den alten Anlagen wieder bemächtigt. 

Aus heutiger Sicht erscheint es selbstverständlich von West nach Ost und umgekehrt zu reisen. Den Meisten dürfte dabei kaum mehr bewusst sein, dass eine "Reise" von Diestorf nach Wittingen noch 40 Jahren undenkbar gewesen ist und in rund 50 km Entfernung von Celle bereits die einstige Landesgrenze lag. Die trennende Sperrzone gehört zum Glück der Vergangenheit an - ihre Relikte sind jedoch als mahnende Zeitzeugen der Geschichte bis heute auffindbar. 

H. Altmann