
In der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen wurde zu Kriegszeiten konventionelle Munition gefertigt und gelagert. Weniger bekannt ist: zu Kriegsende wurde ebenfalls chemische Kampfstoffmunition eingelagert. Was steckt dahinter?
Spuren aus der Zeit der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen sind am Reiherberg bis heute zu erkennen. Zusammengefallene Bunker, alte Straßenverläufe und Mauerreste. Die Relikte und Trümmer sind stumme Zeugen einer der größten Rüstungseinrichtungen die es bei Celle früher gegeben hat.
Bereits während des Ersten Weltkriegs gelangte ein ca. 210 ha großes Gelände "am Arloh" in Reichseigentum. Am 5. Dezember 1916 erwarb es die Kaiserliche Werft Wilhelmshafen das Areal und errichtete dort einen Marineflugplatz. In den Zwanzigerjahren hatte die Stadt Berlin einen Teilbereich des, zu dieser Zeit nicht mehr militärisch genutzten, Geländes erworben und dort ein Landerholungs- sowie ein Landerziehungsheim eingerichtet.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 führte zu einer raschen militärischen Wiederaufrüstung. Auf der Arloher Heide begann 1934 eine rege Bautätigkeit. Namenhafte Celler Bauunternehmen waren an der Errichtung der neuen Heeresmunitionsanstalt beteiligt. Diese bestand einerseits aus einem Fertigungs- bzw. Produktionsbereich und einem Lagerungsbereich. In diesem wurden etliche massive Lagerbunker errichtet.

Bild: Umzäunung des Lagerbereichs der Heeresmunitionsanstalt Scheuen. Quelle: Altmann, 2020.
Die Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen diente zur Fertigung von konventioneller Munition - eine Herstellung von Explosivstoffen erfolgte dagegen nicht. Gefertigt wurde insbesondere Granatwerfermunition, Granaten für Panzerabwehrkanonen sowie Flugabwehrkanonen und Granaten für Kanonen. Infanteriemunition ist in der Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen nicht gefertigt, sondern nur eingelagert worden.
Die Lagerung der Munition erfolgte in den zahlreichen Lagerbunkern, die sich nördlich an den Fertigungsbereich anschlossen. Zwei Typen von verbunkerten Lagerhäusern waren hierfür errichtet worden. Die größeren maßen eine Grundfläche von ca. 200 qm - die kleineren ca. 50 qm. Die Bunker waren an langen Verbindungsstraßen errichtet, sodass die Munition ohne größere Umstände ein- und ausgelagert werden konnte.

Bild: eingestürzter Lagerbunker der Heeresmunitionsanstalt Scheuen. Quelle: Altmann, 2020.
Die Präsenz der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt ist heute allgemein bekannt. Weniger bekannt ist dagegen, dass es in den letzten Kriegsmonaten zur Ein- und Auslagerung sogenannter Spitzenkampfstoffe kam. Es handelte sich um chemische Kampfstoffe - insbesondere Haut- und Lungenkampfstoffe, die in Bomben sowie Granaten gefüllt und verschossen werden konnten.
Aus den Erfahrungen den Ersten Weltkriegs fürchteten die alliierten Streitkräfte den Einsatz chemischer Kampfstoffe von Seiten des Deutschen Reiches. Dieses hatte die Erforschung und Entwicklung neuer, effizienter Kampfstoffe massiv vorangetrieben. Substanzen wie Tabun und Sarin - beides Nervenkampfstoffe - begründeten schließlich die Befürchtungen auf alliierter Seite. Bereits frühzeitig interessierte man sich daher für die Entwicklungen auf deutscher Seite.

Bild: US-Bericht über die Möglichkeiten der chemischen Kriegsführung von gegnerischer Seite. Quelle: US War Dep., 1943.
Begründet waren die Befürchtungen, dass es zu einem Einsatz chemischer Kampfstoffe kommen könnte, ebenfalls darin, dass von Seiten des Deutschen Reiches eine massive Aufrüstung der militärischen und zivilen Infrastruktur vorangetrieben wurde. Entsprechende Einrichtungen, wie die Heeresgasschutzschule in Celle, fielen hierbei in den Fokus der militärischen Aufklärung der Alliierten.
In der militärischen Ausrüstung sowie im Zivilschutz war die sogenannte "Gasabwehr" allseits präsent. Dennoch kam es von deutscher Seite nicht zu einem Einsatz chemischer Kampfstoffe. Bis heute halten sich diesbezüglich Gerüchte, dass Adolf Hitler - selber im Rang eines Gefreiten - im Ersten Weltkrieg die Auswirkungen des Gaskrieges zu spüren bekommen habe und daher vom Einsatz chemischer Waffen abgehalten habe. Dies ist allerdings weder belegbar - noch entsprach es der militärischen Realität in Anbetracht der "totalen" Kriegsführung der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs.
Bild: italienische Soldaten in Gasschutzausrüstung. Quelle: US War Dep., 1943.
Tatsächlich sind bislang nur wenige Quellen bekannt, die eine Anwesenheit chemischer Kampfstoffe im Raum Celle offiziell bestätigen. Unterlagen und Aktenbestände gingen größtenteils verloren. So beruhen die Angaben zu Rüstungstransporten in den letzten Kriegswochen nicht selten auf den Angaben Zeitzeugen.
Diese bezeugen, dass im Februar 1945 chemische Kampfstoffe in die Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen gelangt sein sollen. Hinsichtlich der Menge und Art bleiben die Berichte jedoch sehr vage. Vermutlich handelte es sich lediglich um wenige Güter- möglicherweise Kesselwagen, die per Bahntransport eintrafen. Weiteres Material erreichte die Heeresmunitionsanstalt im April 1945 und möglicherweise auch zuvor im März. Da die Transporte und Lagerorte strenger Geheimhaltung unterlagen, waren die entsprechenden Informationen nur wenigen Personen zugänglich. De facto existierten bei Kriegsende etliche Standorte an denen chemische Kampfstoffe gebunkert waren.
Bild: Sicherstellung von Spitzenkampfstoffen, 1945. Quelle: gdir, Bestand 500 Findbuch 12450 Akte 231.
In einem Schreiben des Generalquartiermeisters des Heeres an diverse nachgelagerte militärische Stellen vom 4. Februar 1945 betreffend "Gaskriegsvorbereitungen" heißt es wörtlich:
"Der Führer hat auf die Meldung des Generalquartiermeisters vom 2.2.45 (Bezug) entschieden:
1.) Kampfstoffe und Kampfstoffmunition dürfen nicht in Feindeshand fallen. Alle an der Räumung beteiligten Dienststellen haben durch vorausschauende, energische Maßnahmen den rechtzeitigen Abtransport sicherzustellen.
2.) Alle Zerstörungen und Sprengungen sind, auch bei Gefahr im Verzug, verboten."
In einem weiteren Schreiben vom 30.03.1945 führte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, aus, dass "Spitzenkampfstoffe (Sarin und Tabun) und sonstige moderne Kampfstoffe (Phosgen, Adamsit, G-Lost), die dem Gegner vermutlich nicht bekannt sind, unter keinen Umständen in seine Hände fallen" dürfen, sondern vorher abtransportiert werden sollen.
Karten aus kürzlich erschlossenen Aktenbeständen zeigen aus Celle als Standort abzutransportierender chemischer Kampfstoffe.

Bild: Celle als Standort abzutransportierender chemischer Kampfstoffe, 1945. Quelle: gdir, Bestand 500 Findbuch 12450 Akte 231.
Was genau nach Abtransport der (Spitzen-)Kampfstoffe mit diesen geschehen sollte, bleibt unklar. Vornehmlich sollte zunächst ein Zugriff der herannahenden alliierten Truppen verhindert werden. Von einigen Standorten war daher eine Verladung der chemischen Kampfstoffe auf Elbkähne vorgesehen worden. Diese hätten im Notfall in der Nordsee versenkt werden können, wie entsprechende Quellen belegen.
Bis kurz vor Eintreffen der Alliierten bemühte man sich, die chemischen Kampfstoffe abzutransportieren. Am 11. April 1945 - einen Tag vor der Übergabe an die britischen Truppen - fand in der Heeresmunitionsanstalt noch eine "Überprüfung der Durchführung des Führerbefehls über Sicherstellung der Spitzenkampfstoffmunition auf Kähne" durch einen Hauptmann statt. Laut seinem Bericht war das Leermaterial, d.h. die Güterwagen, für den Abtransport noch nicht bereitgestellt worden. Nach Vorsprache des Hauptmanns auf dem Kleinbahnhof Celle wurden 26 geschlossene und offene Güterwagen der Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen zugeführt und die notwendige Fahrtnummer erteilt.
Bild: Bericht Hauptmann (zensiert) über Sicherstellung der Spitzenkampfstoffmunition auf Transportkähne. Quelle: gdir, Bestand 500 Findbuch 12450 Akte 231.
Es stellt sich die Frage, wo die chemischen Kampfstoffe in der Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen eingelagert worden waren. Laut Nachkriegsaussagen von Zeitzeugen befand sich der Aufbewahrungsort dieser Substanzen im nordwestlichen Bereich der Einrichtung. Hier befanden sich einst größere Lagerbunker mit einer Grundfläche von ca. 200 qm. Der genaue Lagerort ist allerdings nicht mehr ermittelbar.
Neben einer Unterbringung in einem verbunkerten Lagerraum hätte die Aufbewahrung der chemischen Kampfstoffe auch unter freiem Himmel stattfinden können. Hierfür waren - insbesondere im Bereich des nordwestlichen Areals der Heeresmunitionsanstalt - ebenfalls einige Stellen geeignet.
Bild: Bereich in dem 1945 Spitzenkampfstoffe gelagert worden sein könnten. Quelle: war office map, celle, 1:25.000, 3rd. ed.
Für die Einlagerung in verbunkerten Lagerräumen kämen unter anderem die Bunker im äußersten nordwestlichen Bereich in Betracht. Einst befanden sich hier Bunker mit der Nummer 90 - und aufsteigend. Allerdings wurde dieser Bereich inzwischen neu bebaut - heute befindet sich hier ein ehemaliges Depot der Bundeswehr und eine Schießsportanlage.
Bild: Eingang Bunker Nr. 90. Quelle: Altmann, 2020.
Für die Einlagerung der chemischen Kampfstoffe kommt ebenfalls ein Bereich in Frage, der an die Laberbunker unmittelbar angrenzte. En handelte sich hierbei um eine Freifläche auf der offenbar zu Kriegsende noch eine Hallenkonstruktion errichtet worden war bzw. errichtet werden sollte. Ob diese bis April 1945 fertiggestellt worden war liegen keine Nachweise vor.
Von den einstigen Bauvorhaben finden sich heute noch einige Relikte. Die ehemalige Hallenkonstruktion lässt sich anhand von deutlich erkennbaren Fundamenten noch im Gelände erkennen.
Bild: Fundament der ehemaligen Hallenkonstruktion. Quelle: Altmann, 2020.
Dass es sich hierbei tatsächlich um eine Hallenkonstruktion aus der Zeit der letzten Kriegsmonate handelt, lässt sich insbesondere an den Relikten der Stahlbetonstützen erkennen. Entsprechende Baulichkeiten sind ebenfalls aus Konstruktionen bei Unterlüß und Höfer bekannt.
Bild: Stahlbetonstütze der ehemaligen Hallenkonstruktion. Quelle: Altmann, 2020.
Weitere Baulichkeiten im nordwestlichen Bereich der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt werfen bis heute Fragen auf. So befindet sich unmittelbar zwischen dem einstigen Lagerbereich im Nordwesten und dem Fertigungsbereich eine große erdüberhäufte Bunkerrohre. Diese war einst mit einer geschlossenen Stahlbetondecke versehen worden - diese wurde jedoch offenbar nach Kriegsende gesprengt.
Bild: Stahlbetonröhre. Quelle: Altmann, 2020.
Inwiefern ein Zusammenhang mit den benachbarten Lagerbunkern bestand, ist nicht abschließend geklärt. Die Beschaffung der Bunkerröhre legt eine mögliche Verwendung als Luftschutzraum nahe. Allerdings befinden sich darin keinerlei Sitzgelegenheiten oder Aborte, wie sie in einem Luftschutzbunker klassischerweise zu erwarten wären. Eventuell konnte das Bauwerk bis Kriegsende nicht fertiggestellt werden - oder es diente zu anderen Zwecken.
Bild: Stahlbetonröhre. Quelle: Altmann, 2020.
Ein Einsatz der chemischen Kampfstoffe schien für die oberste Reichsführung Mitte April 1945 nicht mehr in Frage zu kommen. Vielmehr wurden Überlegungen angestrengt, wie es vermieden werden konnte, dass es Seitens der Alliierten zu einem Einsatz chemischer Kampfstoffe kommen könnte. Bereits um den 15. April 1945 schien ein Abtransport der eigenen Kampfstoffreserven für die Reichsführung mehr als als unrealistisch. Nun ging es darum zu verhindern, dass die Alliierten im Wege ihrer längst bestehenden Luftüberlegenheit chemische Kampfstoffe gegen die deutsche Bevölkerung einsetzten. Hierfür nahm man zuletzt sogar in Kauf, dass die eigenen Reserven in feindliche Hände fielen.
Im Ergebnis kam es glücklicherweise nicht mehr zum Einsatz der Kampfstoffe. Die genauen Umstände ihres Abtransportes liegen allerdings bis heute im Unklaren. Nach bisherigem Kenntnisstand gelang es, einen Teil der Substanzen vor Eintreffen der alliierten Truppen abzutransportieren. Die Transporte sollen angeblich vorwiegend die Munitionsanstalt Munster / Oerrel erreicht haben.
Der vor Ort verbliebene Teil der chemischen Kampfstoffe wurde bei Eintreffen der alliierten Truppen sichergestellt und von diesen abtransportiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Substanzen ein umweltverträgliches Ende gefunden hätten. Sie wurden teilweise ebenfalls nach Munster / Oerrel transportiert und vergraben oder weiter an die Nordsee verbracht und dort schließlich versenkt.
H. Altmann
Hallo,
AntwortenLöschenbei den Resten der "Betonröhre" handelt es sich möglicherweise um eine gesprengte Löschwasserzisterne. Ähnliche Konstruktionen finden sich in der früheren Aussenmuna der H.Ma. Walsrode.