f Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 16. April 2014

Ein vergessener Weg zwischen Beedenbostel und Luttern

Die meisten Felder sind heute im Vergleich zu Früher riesig. Wenn man durch die Landschaft fährt, reihen sich große Ackerflächen aneinander. Das war natürlich nicht immer so. Anders als heute gab es noch vor 100 Jahren keine großen Maschinen, die eine einheitliche Feldbearbeitung ermöglicht hätten. 

Eine erhebliche Veränderung der Landschaft brachte der Prozess der Verkoppelung mit sich. Im Grunde war dies eine Flurbereinigung - Feldflächen wurden zusammen gelegt und es entstanden erstmals große Feldflächen. Der Prozess der Verkoppelung vollzog sich bereits gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber auch in den Jahren danach veränderte sich unsere Umgebung stärker, als jemals zuvor. Wälder wurden neu angepflanzt, andere wurden abgeholzt für neue Ackerflächen und Weiden. 

Nicht selten mussten alte Strukturen für neue Entwicklungen in der Kulturlandschaft weichen. Wenn man sich mit dem Thema Heimatgeschichte beschäftigt, kann man teilweise aus Bildern lesen, wie aus einem Buch. Bodenstrukturen geben jede Menge Aufschluss darüber, welche Geschichte sich vor Ort verbirgt. 

Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich zwischen den Ortschaften Beedenbostel und Luttern. Heute fährt man auf der ausgebauten Kreisstraße, aber noch vor 200 Jahren war der Wegverlauf völlig anders. Das Spannende: man erkennt den alten Weg noch heute auf Satellitenbildern. 

Bild: Rot: heutige Kreisstraße. Blau: Alter Wegverlauf. 
Quelle: Kurhannnoversche Landesaufnahme 1780. 


Auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme folgt der Weg zwischen Beedenbostel und Luttern den Flusslauf der Lutter. Noch auf dem Preußischen Messtischblatt von 1899 ist ein deutlicher, wenn auch begradigter Wegverlauf in dieser Richtung eingezeichnet. 

Bild: Kartenoverlay des Messtischblatts von 1899. Grader Wegverlauf. 
Quelle: Google Earth, Messtichblatt 1899. 


Aus dem direkten Vergleich wird deutlich, dass der Weg früher nicht in Richtung der heutigen Kreisstraße abknickte, sondern weiter gradeaus verlief. Das "Ansatzstück" existiert auch noch - in der rechten oberen Bildhälfte ist der ursprüngliche Wegverlauf sichtbar. Auf aktuellen Satellitenbildern erkennt man auch noch die Spuren des Weges im Boden. 

Bild: aktuelles Satellitenbild (2009) - rote Pfeile markieren den einstigen Wegverlauf. 
Quelle: Google Earth. 


Bild: aktuelles Satellitenbild (2014) - rote Pfeile markieren den einstigen Wegverlauf. 
Quelle: Google Earth. 


Das geübte Auge erkennt auch vor Ort, in der Bodenansicht, dass der Weg hinter Beedenbostel ungewöhnlich scharf abknickt. 

Bild: Rot markiert - ursprünglicher Wegverlauf. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: "Ansatzstück" des noch existierenden Wegverlaufs mit Blick in Richtung Luttern. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Rot markiert - ursprünglicher Wegverlauf. Blick in Richtung Beedenbostel. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Heute kann man keine Spuren des alten Weges mehr finden - außer auf den gezeigten Satellitenbildern. Und doch hat dieser Weg früher sicher eine Bedeutung gehabt. Natürlich ist er mittlerweile überflüssig geworden, untergepflügt und weitgehend vergessen. Heute fährt man auf der abseits gelegenen Kreisstraße zwischen den Ortschaften Beedenbostel und Luttern und man macht sich keine Gedanken darüber, dass der Weg einen noch vor 150 Jahren woanders entlang geführt hätte...


Viele Grüße, 
Hendrik



Freitag, 11. April 2014

Zerstörter Jagdpanther am ehem. Bahnhof Hainholz in Hannover

In diesen Tagen finden vielerorts Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Mitte April vor genau 69 Jahren waren britische und amerikanische Truppen bis hinter Hannover vorgestoßen. Bereits am 11. April 1945 stand die 84. U.S. Infanterie Division bei Burgdorf und war in ihren Spitzen sogar bis Gifhorn vorgestoßen. 

In Hannover kam es kurz vor Kriegsende zu einer kuriosen Geschichte: die Bürger der Stadt dürften ihren Augen nicht getraut haben, denn fast zeitgleich mit den U.S. Truppen eine schwere SS-Kampfgruppe, ausgerüstet mit neuen Halbkettenfahrzeugen und Panzern des Typs Jagdpanther nach Hannover gelangte. Es handelte sich um die Kampfgruppe Wiking unter dem SS-Hauptsturmführer Nikolussi-Leck. 

Ihr eigentlicher Einsatzort war die Ostfront gewesen - kurz vor Kriegsende wurde jedoch ein "Abholkommando" geschickt, um neue Panzer aus dem Reich an die Front im Osten zu bringen. In einem U.S. Bericht heißt es dazu scherzhaft: "They didn't send material after men - they were sending men after material" - Sie schickten keine Waffen zu den Männern, sondern Männer zu den Waffen. 

Bild: Frontverlauf am 11. April 1945
Quelle: War Office, 1945. 

Allerdings verlief die Abholung der Panzer nicht reibungslos. Das Unternehmen scheiterte, weil die Alliierten zu schnell in Richtung Osten vorstießen. Aus dem Abholkommando wurde eine Kampfgruppe, die immer wieder in kleinere Auseinandersetzungen mit vorrückenden U.S. Truppen verwickelt wurde. Zunächst sah es so aus, als würden die "Wikinger" bei Hannover in die Verteidigung gehen. Das Ende der Kampfgruppe fand jedoch anderen Ortes statt. Später ging die Geschichte der Durchquerung Hannovers als "Husarenritt" der Kampfgruppe in die Geschichte ein. Dabei gingen auch in Hannover Panzer verloren. 

JänzW hat sich mit der Geschichte der Kampfgruppe in Hannover beschäftigt. Anhand von Vergleichsbildern, die kurz nach Kriegsende aufgenommen wurden, identifizierte er die Stelle an der einer der getroffenen und zerstörten Jagdpanther gestanden hat. 

Bild: Gegend nordöstlich des ehem. Hainholzer Bahnhofs. 
Quelle: War Office Map, Hannover, 1955. 


Unmittelbar nordöstlich des ehemaligen Hainholzer Bahnhofs, an der Einmündung der Fenskestraße in die Schulenburger Landstraße, wurde der Jagdpanther getroffen und blieb liegen. Das heutige Satellitenbild zeigt, dass die Bebauung, bis auf den Bahnhofsbereich im Grunde dieselbe ist, wie zu Kriegsende. 

Bild: aktuelles Satellitenbild, Schulenburger Landstraße, Ecke Fenskestraße. 
Quelle: Google Earth. 


Auf einem Bild, welches unmittelbar nach Kriegsende entstanden sein muss, posiert ein U.S. Soldat vor dem zerstörten Panzer. Der mächtige Stahlkoloss ist auf seiner linken Seite schwer getroffen worden - die Kettenaufhängung ist völlig zerstört. Der Jagdpanther ist leicht geneigt - vermutlich da auch zahlreiche Laufräder der Kette durch den Treffer abgerissen wurden. Im Hintergrund erkennt man eine kleine Kirche. Ein markantes Gebäude ist offensichtlich ebenfalls durch Kriegseinwirkungen beschädigt worden - Fenster sind zerborsten und das Dach teilweise abgedeckt. Zur Linken erkennt man einen Schutthaufen, welcher ahnen lässt, dass die umliegenden Gebäude ebenfalls, sicherlich durch Bomben, beschädigt wurden. 

Bild: getroffener Jagdpanther. 


Ein anderes Bild, das aus höherer Distanz aufgenommen wurde, belegt die Situation umfassend. Ein größeres Wohnhaus auf der Ecke der Schulenburger Landstraße / Fenskestraße ist komplett zerstört. Neben der Ruine steht der Jagdpanther in der Einmündung der Fenskestraße. Auf der Schulenburger Landstraße fahren bereits U.S. Militär-Jeeps. 

Bild: Schulenburger Landstraße / Einmündung Fenskestraße zu Kriegsende. 
Quelle: Forum-Panzer-Archiv. 


JänzW hat aktuelle Bilder aus möglichst gleichen Perspektiven geschossen. Auf den ersten Blick erkennt man heute keinerlei Spuren vor Ort mehr. Erst durch den Vergleich mit den historischen Aufnahmen wird deutlich, dass sich eigentlich kaum etwas verändert hat. Natürlich wurden die Gebäude in Stand gesetzt und wieder aufgebaut. Obwohl heute die Oberleitungen der Straßenbahn und die Ampeln hinzugekommen sind, erkennt man doch sehr gut, dass es sich hier um den Ort handelte an dem vor 69 Jahren ein Jagdpanther abgeschossen wurde. 

Bild: Schulenburger Landstraße mit Blick auf die Fenskestraße heute. 
Quelle: JänzW. 



Bild: Schulenburger Landstraße mit Blick auf die Fenskestraße heute. 
Quelle: JänzW. 


Genau an dieser Stelle stand in den letzten Kriegstagen der getroffene Jagdpanther - mitten in Hannover. 

Bild: Fotomontage - einst und heute. 
Quelle: JänzW / Montage: Hendrik Altmann. 



Die Bilder belegen: der Krieg fand vor der eigenen Haustür statt. Für viele waren gerade die letzten Kriegstage eine schwere Gewissensprobe. Vielleicht flammte bei denjenigen, die an so etwas wie einen "Endsieg" glauben, noch einmal Zuversicht auf, als die Kampfgruppe Wiking nach Hannover gelangte. Ohne Frage handelte es sich bei ihr um einen der letzten wenigen zusammenhängenden Verbände im norddeutschen Raum. In der Literatur wird die Kampfgruppe teilweise sogar als der letzte schwere Panzerverband bezeichnet. 

Den Verlauf und das Ende des Krieges vermochte das alles nicht mehr zu beeinflussen. Heute, da sich in diesen Tagen das Kriegsende vielerorts zum 69 Mal jährt, erinnern sich viele bewusst der Ereignisse. Besonders, wenn man die Geschichte so greifbar machen kann wie mit den Bildern von JänzW ist zumindest ein Ziel erreicht: 

Das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 


Viele Grüße, 
Hendrik Altmann




Dienstag, 8. April 2014

Fundstelle - 20 mm bei Celle

Manchmal macht man Funde, die auf den ersten Blick umspektakulär und unscheinbar sind.  Dieser Fund könnte in die Kategorie "der Krieg war vor Deiner Haustür" eingeordnet werden. 

Kürzlich fand ich auf einem Acker zahlreiche auffällig große Patronenhülsen. Zufall? Nein - bei dieser Anhäufung nicht. Viele würden jetzt sagen: "Das ist doch nur Schrott..."  - Ja, vom Materialwert stimmt das. Vom historischen Aspekt, steckt aber auch dahinter eine Geschichte, die erzählt werden will. Es hilft also nichts - man muss recherchieren. 

Bild: neun gefundene Hülsen des Kalibers 20 mm. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: neun gefundene Hülsen des Kalibers 20 mm. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Patronenhülsen sind kleine Stolpersteine der Geschichte. Jede besitzt eine Prägung - den so genannten Bodenstempel. Dieser enthält meist Angaben zum Kaliber, Produktionsort und Herstellungsjahr. Die gefundenen Hülsen haben folgende Stempel: 

ST   1943 
RH  1944
RH  1944
K2   1944
GB   1944
RH   1944
ST      43
K2    1944
RH   1943

Bild: Bodenstempel ST 1943. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Bodenstempel RH 1944. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Was steht hinter diesen kryptischen Angaben? Das lässt sich durch eine Recherche in Erfahrung bringen: 

RH = Raleigh Cycle Co., Nottingham, U.K.
K2  = Kynoch (I.C.I.), Standish, Lancastershire, U.K. (1943-1944)
GB = Greenwood & Batley, Ltd., Leeds, U.K. 
ST  = ROF Steeton Yorkshire 

Das jeweils eingeprägte Jahr steht für das Herstellungsjahr. 

Alle gefundenen Hülsen stammen demnach aus Produktionsstätten in Groß Britannien und wurden in der Zeit zwischen 1943 und 1944 hergestellt. Das Kaliber 20 mm wurde im Zweiten Weltkrieg sowohl für Bordkanonen von Flugzeugen eingesetzt, als auch für  Geschütze der Flugabwehr. Bis heute ist es ein gängiges Kaliber für leichte Panzerkanonen und Flugabwehr. Die gefundenen Hülsen stammen allerdings nachweislich aus Bordmaschinenkanonen - offensichtlich britischen. 

Weiterhin lassen sich die Fundumstände analysieren. Die Hülsen konnten in einem schmalen Korridor auf dem Acker gefunden werden. 

Bild: Streuung der gefundenen Hülsen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Die Fundumstände deuten darauf hin, dass die Hülsen von einem Luftangriff stammen. Durch Übertragung der Fundorte ins aktuelle Satellitenbild erkennt man schnell in welcher Richtung der Angriff erfolgt sein muss. Entweder wurden die Geschosse im Luftkampf verschossen, oder in einem Bodenangriff. 

Bei einem Luftkampf hätten die einzelnen Hülsen einen großen Fallweg gehabt. Da sie jedoch dicht beieinander lagen kann man, trotz nachträglicher Bearbeitung des Ackers, annehmen, dass es sich nicht um einen Luftkampf handelte. Vermutlich wurden die sie also in einem Boden-Luft-Angriff verschossen. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass vor Ort ein Angriff eines britischen Jagdbombers auf ein Bodenziel erfolgt sein muss. Dieser ereignete sich wahrscheinlich zwischen 1944 und 1945, da die vorher produzierten Geschosse zunächst an die Front gelangen mussten. Was genau beschossen wurde, lässt sich anhand der Funde natürlich nicht nachvollziehen. Vermutlich handelte es sich um einen Angriff eines britischen Fliegers auf Bodenziele - im Extremfall sogar auf Zivilisten. Dies wäre nicht ungewöhnlich für diese Zeit. 

Es konnte gezeigt werden, dass auch solche Funde eine interessante Geschichte erzählen, die zunächst unscheinbar sind. 

Viele Grüße, 

Hendrik


Montag, 7. April 2014

Ein neues Luftbild vom Bombenangriff am 8. April 1945


Celle. Es ist der 8. April 1945 - ein warmer, sonniger Frühlingstag. Der Himmel ist wolkenfrei und es herrscht klare Sicht. So in etwa hätte der Wetterbericht vor 69 Jahren ausdrücken können. In Celle bereitete man sich in diesen Tagen auf die Ankunft der britischen und amerikanischen Truppen vor. Die Soldaten in den Celler Kasernen waren bereits seit Anfang des Monats April in erhöhter Alarmbereitschaft - man richtete sich auf die Nahverteidigung der Stadt Celle ein. Die alliierten Truppen waren zu diesem Zeitpunkt schon über die Weser gegangen - das Kriegsende war für viele Celler absehbar. 

Gegen Mittag des 8. April bombardierten einige Staffeln der 9. US-Luftflotte die Ölwerke in Nienhagen (mehr Informationen dazu: Die vergessene Mondlandschaft bei Nienhagen). Die Celler Bereitschaftsfeuerwehr rückte zur Hilfe aus. Niemand rechnete damit, dass Celle selber zum Ziel eines schweren Bombardements werden sollte. 

Um etwa 16:00 Uhr traf auf dem Celler Güterbahnhof ein Zug ein, der zuvor auf der Strecke Gifhorn-Celle unterwegs gewesen war. Er stammte aus dem KZ Drütte bei Salzgitter - einem Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg. Da amerikanische Flugzeuge die Bahnstrecke überflogen, ließ der Bahnhofsvorsteher den Zug in den Güterbahnhof nach Celle einfahren. 

An Bord des Zuges waren vorwiegend entkräftete Häftlinge, die zur Rüstungsproduktion in den Herrmann Göring Werken eingesetzt worden waren. Es handelte sich um etwa 4.000 Menschen, die aus fast allen Teilen Europas stammten. Im Celler Bahnhof hielt der Zug, da die Lokomotive ausgewechselt werden musste. Bevor er, wie geplant um 18.15 Uhr weiterfahren konnte, gingen um 17:45 Uhr die Luftschutzsirenen los. Vom Flugplatz Wietzenbruch vernahm man erstes Flak-Feuer. 

Insgesamt wurde Celle an diesem Tag von 132 zweimotorigen Flugzeugen des Typs B-26 Marauder angegriffen, die in mehreren Angriffswellen eine Bombenlast von etwa 240 Tonnen Sprengbomben über dem Bahnhofsbereich abwarfen. 


Bild: B-26 Marauder Bomber. 
Quelle: Wiki-Commons, Public License. 


Ausführliche und weiterführende Informationen zu dem Bombenangriff finden sich über die Seite "Celle im Nationalsozialismus" (Klick), sowie in Mijndert Bertram, April 1945 - Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ Häftlinge aus Drütte. Ebenfalls zu empfehlen ist die Reihe "Schicksalstage in der Heide", erschienen in der Celleschen Zeitung im Jahr 1985. 

Jedes Jahr im April wird den Opfern des Bombenangriffes gedacht. Regelmäßig werden die Geschehnisse erläutert - meist aufgrund der bekannten Informationen. Zumal die Ereignisse des 8. April weitgehend aufgearbeitet wurden, ist es nun, nach 69 Jahren schon eine kleine Sensation, wenn wirklich "neue" Materialien in diesem Zusammenhang bekannt werden. So war der kürzlich gemachte Fund von Handskizzen etwas ganz besonderes. 

Ebenfalls etwas besonderes ist ein Luftbild, was unmittelbar während dem Angriff aufgenommen wurde. Zwar sind bereits einige amerikanische Luftaufnahmen bekannt, die nach dem Angriff entstanden sind (Siehe hier: 1, 2, 3, ). Ein Luftbild, was das Geschehen zeigt, gab es bisher nicht. 

Vor einiger Zeit entdeckte ich bei einer Online-Auktion ein Angebot über ein amerikanisches Luftbild. Es wurde am 8. April 1945 aus ca. 9.000 Fuss Höhe aufgenommen und zeigt den Bereich des südlichen Güterbahnhofs, sowie Teile der Stadt Celle. Über Celles Dächern steht eine ungeheure Rauchsäule, die mehrere hundert Kilometer weit sichtbar gewesen sein muss. Im Bereich des Gleisabzweigs in Richtung Wietzenbruch und in Richtung Wienhausen / Gifhorn erkennt man unschwer detonierende Bomben. 

Mittels der Overlay-Technik in Google Earth lässt sich das Luftbild anschaulich darstellen. Einige Details werden bei der Vergrößerung sichtbar. 



Bild: Luftbild vom 8. April 1945. 
Quelle: Hendrik Altmann, Google Earth. 


Bild: Luftbild vom 8. April 1945 - eingebunden in das heutige Satellitenbild. 
Quelle: Hendrik Altmann, Google Earth. 


Die Bomben trafen offensichtlich den Bahnknotenpunkt, in welchem sich die Strecke Celle - Gifhorn mit der Strecke Hannover - Hamburg vereinigte. Mindestens drei schwere Detonationen liegen im unmittelbaren Bereich der Gleise, die nach dem Angriff nicht mehr befahrbar waren. 

Bild: Luftbild 8. April 1945 - Explosionen im Bereich des Gleisabzweigs nach Gifhorn. 
Quelle: Hendrik Altmann, Luftbild 8.04.1945. 


Der Vergleich mit einem einige Tage später entstandenen Luftbild zeigt: mehrere Bomben trafen den Gleiskörper. 

 
Bild: Luftbild - einige Tage später. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Wo sich früher noch weite Felder aneinander reihten, befinden sich heute Wohnsiedlungen und ein großer Einkaufsmarkt an der Straße, die Cellern als die "Tangente" bekannt ist. 

Mittels der Overlay-Technik kann man diese Zusammenhänge sehr schön bildlich darstellen: 

Bild: Luftbild 8. April 1945. Sichtbar auch: Raumnutzung heute. 
Quelle: Hendrik Altmann, Luftbild 8.04.1945. 


Die Klarsicht auf das aktuelle Satellitenbild zeigt es: die Bomben trafen einst den immer noch sichtbaren Bahnknotenpunkt. 

Bild: Satellitenbild aktuell. 
Quelle: Google Earth. 


Neben dem auffälligen Bombardement zeigt das Luftbild weitere interessante Dinge. Beispielsweise eine auffällige Bodenstruktur in der einstigen Celler Feldmark - relativ weit westlich der Bahnstrecke. Dort finden sich seltsam gekrümmte Linien am Boden. 

Bild: auffällige Bodenstruktur. 
Quelle: Hendrik Altmann, Luftbild 8.04.1945. 


Diese Linien sind deutliche Anzeichen, dass sich hier früher Schützengräben und Stellungen befunden haben. Aufgrund der Flughöhe und begrenzten Auflösung des originalen Luftbildes kann man schlecht sagen was für Stellungen es genau waren - ob sie der Verteidigung dienen sollten, oder aus einem Manöver stammten. Jedoch dürften diese Schützengräben auch nicht weiter von Bedeutung gewesen sein. Heute ist das Gebiet ebenfalls bebaut. Es liegt ziemlich genau im Straßenquadrat Mondhagen-Finkenstieg-Krähenberg-Drosselstieg. 

Bild: das Gebiet der Schützengräben heute. 
Quelle: Google Earth. 


Noch eine Bodenstruktur sticht auf dem Luftbild bei näherer Betrachtung ins Auge. Unmittelbar nördlich des Flugplatzes Wietzenbruch, direkt neben der Bahntrasse finden sich  sehr auffällige, symmetrische Rechtecke auf einem Feld. 

Bild: auffällige Bodenstrukturen. 
Quelle: Hendrik Altmann, Luftbild 8.04.1945. 


Es handelt sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um Flakstellungen. Möglicherweise waren es jene Flakstellungen, die das Feuer auf die anfliegenden Bomber eröffneten. Dass es sich bei den Bodenstrukturen um solche Stellungen und nicht nur um Einschlagskrater handelt, lässt sich daran erkennen, dass die Objekte an einem Weg gelegen sind und im Innern rechteckig sind. Bombeneinschläge wären rund. Um welche Art Flak es sich handelt ist ungewiss. Die Größe der Stellungen lässt aber darauf schließen, dass es wohl ein größeres Kaliber als nur 35 mm gewesen sein muss - möglicherweise waren es 8,8 cm Flakstellungen. Heute ist dieses Gebiet ebenfalls bebaut. Dort befindet sich eine große Schrebergärten-Siedlung. 

Bild: Luftbild 8. April 1945. Sichtbar auch: Raumnutzung heute. 
Quelle: Hendrik Altmann, Luftbild 8.04.1945. 


Bild: Satellitenbild aktuell. 
Quelle: Google Earth. 


Das hier in Ausschnitten gezeigte Luftbild konnte ich bei der genannten Online-Auktion glücklicher Weise ersteigern. Dies freut mich umso mehr, da das Bild in / über Celle aufgenommen wurde und nun schließlich "heimgekehrt" ist. Ich habe es hochauflösend eingescannt und an das Celler Kreisarchiv weitergeleitet. Wer möchte kann es dort einsehen. 

Der 8. April 1945 wurde zu einem schwarzen Tag für die Stadt Celle. Der Bombenangriff führte zu einer fürchterlichen Verfolgung und Jagd auf die entlaufenen Häftlinge. Viele jener starben in Folge dieser auf bestialische Weise. Eben dieser Menschen wegen, die ihr Leben unverschuldet, während eines auf ihrer eigenen Verschleppung eingelegten Zwischenhalts , ließen, dürfen die Geschehnisse nicht vergessen werden. 


Auch wenn heutigen Generationen keine Schuld daran gegeben werden kann, was sich vor ihrer Zeit ereignete, ist es trotzdem die Pflicht eines Jeden, sich der schlimmen Ereignisse bewusst zu sein, die sich heute vor 69 Jahren in Celle ereigneten. Nicht nur damit sich derartiges nicht wiederholt. Es ist vor allem deswegen wichtig, um heute selbstverständliche Grundrechte und Freiheiten richtig schätzen zu können. Heute vor 69 Jahren starben hunderte Menschen in Celle – weil eine Gesellschaft es zuließ, ihnen jene Rechte und Freiheiten abzuerkennen. Auch heute zeigt sich: Demokratie lebt von der Wachsamkeit der Bürger.


Viele Grüße, 

Hendrik Altmann. 



Donnerstag, 3. April 2014

Ausgrabungen Altencelle am 03.04.

Altencelle. Nachdem bereits vergangene Woche die Ausgrabungen an der Untersuchungsfläche Ecke Oelmannsweg weitgehend abgeschlossen waren, folgten heute noch abschließende Fotoarbeiten. Direkt nach den archäologischen Untersuchungen wird die Fläche neu bebaut. 

Das Grabungsteam um Dr. Lohwasser hatte heute daher alle Hände voll damit zu tun, die Fläche abschließend fotografisch festzuhalten. Was erst einmal harmlos klingt, stellt in der Praxis natürlich keinen einfachen Schnappschuss dar. In der Vorbereitung muss die Untersuchungsfläche "geputzt", d.h. von Bodenunebenheiten und Streuselsand befreit werden - und das geht nur in Handarbeit mit der Maurerkelle. 

Im Anschluss an diese Arbeiten konnten dann die entsprechenden Fotos geschossen werden. Auch die Sondengänger-Gemeinschaft Allertal war wieder vor Ort vertreten: Magnus Schäfer unterstützte heute das Grabungsteam und suchte den Aushub mit seinem Metalldetektor ab. Dabei kamen noch einige Münzen und andere kleinere Objekte ans Tageslicht. Dieter Reinebeck von der Fördergemeinschaft Historisches Altencelle war ebenfalls wieder vor Ort: er unterstützte das Grabungsteam mit Kaffee und Keksen. 

Morgen beginnen nun endgültig die Bauarbeiten in dem Bereich. Die archäologischen Untersuchungen werden an weiteren Stellen in Altencelle fortgesetzt. 


Siehe auch: 
Teil 1
Teil 2
Teil 3


Bild: Untersuchungsfläche Ecke Oelmannsweg. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Fotoaufnahmen der Untersuchungsfläche. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Bodenverfärbungen (Befunde) werden nach der Säuberung der Fläche sichtbar. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Untersuchungsfläche Ecke Oelmannsweg. 
Quelle: Magnus Schäfer. 


Bild: Fundstücke mit dem Metalldetektor. 
Quelle: Magnus Schäfer. 




Dienstag, 1. April 2014

Das geheime Reichsbank-Depot bei Wolthausen

Sicherlich kennen viele dieses mysteriöse Gelände, welches im Wald bei Wolthausen liegt. Eigentlich ist der Zutritt zu dem abgesperrten Bereich untersagt - auf Anfrage bei der zuständigen Behörde erhielt ich jedoch die Sondergenehmigung einen Blick hinter den Sicherheitszaun zu werfen. Die Ergebnisse meiner Recherchen möchte ich nun präsentieren. 

Bei Wolthausen befand sich zwischen 1917 und 1927 ein geheimes Depot der Reichsbank. Leider ist die Quellenlage sehr dünn - jedoch konnte ich einige spannende Hintergründe der Einrichtung recherchieren. 

Als sich der Erste Weltkrieg an der Westfront fest fraß und die Ressourcen im Reich immer knapper wurden, befürchtete die Oberste Heeresleitung (OHL), Unruhen und Putschversuche. Da Berlin als Standort der Devisenbestände zu unsicher wurde, musste die Reichsbank ihre Bestände auslagern. Die Goldbestände waren ohnehin zur Kriegsfinanzierung weitgehend aufgebraucht. Also sollte ein sicheres Depot für große Bestände an Reichsbanknoten und Münzen gefunden werden. Die OHL suchte ein entlegenes Gelände im Norden des Reiches - die Wahl fiel dabei auf Wolthausen. 

Einige Quellen berichten davon, dass Soldaten aus der Heidekaserne in Celle für den Schutz der Einrichtung verantwortlich waren. 

Bild: Soldaten der Heidekaserne - möglicherweise in Wolthausen. 
Quelle: private Fotografie. 

Nachdem der Krieg verloren war, wurden dem Reich schwere Repressionen auferlegt. In den folgenden Jahren kam es zunächst zur schleichenden - später zur galoppierenden Inflation. Das Geld wurde dabei rasant abgewertet. Somit wurde das Depot bei Wolthausen , in dem wohl mehrere Tonnen der Reichswährung gelagert wurden, schnell überflüssig. 

Welche Mengen an Geldbeständen in der Zeit zwischen 1917 und 1927 bei Wolthausen eingelagert wurden, ist unklar. 

Bild: Reichsbank-Depot östlich im Wald bei Wolthausen. 
Quelle: Google Earth u.a. 


Bild: Reichsbank-Depot östlich im Wald bei Wolthausen. 
Quelle: Google Earth u.a. 


Bild: Karte 1925 - Depot der Reichsbank bei Wolthausen. 
Quelle: Messtichblatt 237, Wolthausen, 1925. 


Im Messtischblatt von 1925 ist das Reichsbank-Depot als "RBD" verzeichnet. 

Da es bei Errichtung des Reichsbank-Depots keine Luftangriffe wie im Zweiten Weltkrieg gab, mussten auch keine unterirdische Bunker angelegt werden. So finden sich im Wald bei Wolthausen nur überirdische Gebäude. 

Bild: Reichsbank-Depot östlich im Wald bei Wolthausen. 
Quelle: eigenes Bild. 


Durch meine behördliche Genehmigung durfte ich auch einen Blick ins Innere einiger Gebäude werfen. Zu sehen gibt es dort eigentlich nicht viel. In einem alten Lagerraum liegen einige, teilweise noch verschlossene und verplombte Holzkisten umher. 

Bild: aufgebrochene Holzkiste im Reichsbank-Depot bei Wolthausen. 
Quelle: eigenes Bild. 


In diesen Kisten wurde einst Papiergeld und Münzen der Reichsbank eingelagert. Eine der Kisten war am Deckel beschädigt - so konnte ich einen Blick hinein werfen. Darin lagen etliche Reichsbanknoten und Münzen. Über den Inhalt der restlichen Kisten kann man nur spekulieren. Da das Geld in den 20er Jahren schnell an Wert verlor, blieb es wohl einfach als "Papiermüll" liegen...

Bild: Reichsbanknoten. 
Quelle: Hendrik Altmann. 


Bislang ist unklar, ob das Reichsbank-Depot bei Wolthausen auch im Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Der letzte Transport ist, laut Registerbuch der Einrichtung, eine Lieferung von 159.374 Reichsmark am 16. Januar 1927 gewesen. 

Auch wenn einiges im Dunkeln blieb, ist das Reichsbank-Depot bei Wolthausen ein wirklich spannender Ort. Umso erstaunlicher ist es, dass dieser geheimnisvolle Ort bis heute fast unberührt ist. Wo andernorts die Zäune bereits Löcher aufweisen, scheinen die "Betreten Verboten" Schilder bei Wolthausen noch ihre Wirkung zu haben. 

lirpA lirpA

Viele Grüße, 

Hendrik


p.S.: 

Dieser Beitrag war ein Aprilscherz.