f Ein versteckter Panzerzug in Polen? ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 1. September 2015

Ein versteckter Panzerzug in Polen?

In der Nähe von Walbrzych (ehem. Waldenburg) bei Breslau (Polen) soll ein deutscher Militärzug versteckt sein. Gerüchte kursieren, dass der Zug mit Wertgegenständen - vielleicht sogar gar Gold - beladen sein könnte. Wilde Spekulationen nützen sicher wenig - doch ein Blick auf die Karte kann ja nur  selten schaden... 

Schon seit einiger vermuten Forscher im Bereich Walbrzych (ehem. Waldenburg) verschollene Relikte aus der NS-Zeit. Die Region in Niederschlesien ist seit jeher von der Erzgewinnung geprägt - die bergige Landschaft gleicht sozusagen einem Schweizer Käse. In den Monaten vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ein gigantisches Untertage-Projekt vorangetrieben. Unter dem Decknamen "Riese" entstanden weitläufige Stollen und Lagersysteme im Untergrund. Diese sollten ganze Rüstungsfabriken und ein neues Führerhauptquartier aufnehmen können. Da es kaum noch originale Baupläne gibt und viele Eingänge zu den Stollen bei Kriegsende gesprengt wurden, kursieren die wildesten Gerüchte. So hält sich im Raum Walbrzych (ehem. Waldenburg) hartnäckig die Legende eines verschollenen Panzerzuges der Wehrmacht, welcher in den letzten Kriegstagen zwischen Breslau und Waldenburg versteckt worden sein soll. Medienberichten zufolge wollen Heimatforscher diesen Zug nun entdeckt haben. Seitens der regionalen Denkmalpflege wurde ein entsprechendes Gebiet untersucht. Geomagnetische Messungen  zeigen wohl tatsächlich ein Objekt, welches einem Zug untertage sehr nahe käme. Bislang gibt es allerdings keine Bilder davon. Die genaue Stelle wurde ebenfalls noch, aus Sorge vor Hobby-Schatzsuchern geheim gehalten. Aus Behördenangaben geht lediglich hervor, dass die Stelle zwischen dem Bahnkilometer 60 und 65 an der Strecke Breslau - Walbrzych liegt. 

Diese Angabe reicht natürlich völlig aus um sich mittels historischer Karten einen kleinen Überblick zu verschaffen. Zunächst werfen wir jedoch einen Blick auf die Entwicklungen, die sich in diesem Raum zu Kriegsende zugetragen haben. 

Waldenburg - heute Walbrzych liegt in etwa 13 Km Entfernung zur tschechischen Grenze. Im Frühjahr 1945 war dieses Gebiet schwer umkämpft. Nicht zuletzt da der Raum "Schlesien" elementar wichtig für die Versorgungslage war, wurde hier um jeden Meter besonders hart gerungen. Gegen Ende Januar vermerkte das Lagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) noch 1.600 abgefahrene Güterwaggons, die mit Kohle in Richtung Wien abfuhren. 

Als die Rote Armee den Durchbruch an der Weichsel erzielt hatten war klar, dass es kein Halten mehr geben würde. Der Gauleiter Niederschlesiens, Karl Hanke, ließ ab dem 20. Januar 1945 die Stadt Breslau evakuieren. Infolgedessen verließ eine Vielzahl der Breslauer die Stadt, welche nun als sogenannte "Festung Breslau" bezeichnet wurde. 

Bild: Festung Breslau Ende Januar (30.01.1945)
Quelle: Lagekarte Ost, nördlicher Frontabschnitt, 30.01.1945. 




Die Rote Armee setzte Mitte Februar im Rahmen der "Niederschlesischen Operation" nach. Breslau wurde eingekesselt und konnte lediglich aus der Luft versorgt werden. Während sich in Breslau die verbliebenen SS- und Wehrmachtsverbände in den folgenden Wochen blutige Häuserkämpfe mit der Roten Armee lieferten, litten die rund 150.000 in der Stadt verbliebenen Zivilisten stark. 

Durch das Vorrücken der Russen verlief die Front gegen Ende Februar unmittelbar nördlich von Waldenburg. Am 20. Februar verzeichnete das Lagebuch des OKW vermehrten Druck auf das Waldenburger Industriegebiet. Russische Vorstöße konnten allerdings abgewehrt werden. Am 2. März 1945 findet sich der nachfolgende Eintrag im Lagebuch des OKW: 

" (...) Trotzdem hält der Gegner an der Absicht des Angriffs gegen Berlin fest. Er hat anscheinend jedoch vorerst das Bestreben, seine Flanken freizukämpfen, indem er die eigenen Kräfte in Schlesien auf das Gebirge zurückdrängt (...). Besonderer Nachdruck wird auf die Sicherstellung des Kohlereviers von Karwin und Mährisch-Ostrau sowie des Industriegebietes von Waldenburg gelegt..."

In seinem, bereits 1963 erschienenen Werk "Der Kampf um Schlesien - 1944-1945" schilderte Generalmajor Hans von Ahlfen  ausführlich welche Kampfoperationen im schlesischen Raum durchgeführt wurden. Bei seinem Buch wirkten zahlreiche weitere Persönlichkeiten mit, die aktiv das Kampfgeschehen geleitet und daran teilgenommen hatten. Unter anderem würdigte von Ahlfen in einem Kapitel die entscheidenden Leistungen der Reichsbahn. Er listete unter anderem die folgenden wichtigen Transporte der Reichsbahn in den letzten Tagen auf: 

- Flüchtlinge 
- Kohle (Private Haushalte / Wirtschaft)
- Dienstkohle (Reichsbahn)
- Truppentransporte
- Verwundete 
- Versorgung der Truppe
- Industriegüter
- Dienstliches
- Verlegung von Reichsbahnstellen
- wirtschaftliches Räumungsgut

Besonders auf der Strecke Oderberg - Ratibor - Neisse - Kamenz - Waldenburg seien tagaus und tagein Truppentransporte unterwegs gewesen. Noch bis Anfang Mai wurden auf der Strecke kriegswichtige Truppen an die Front gebracht, wie etwa die Division "Brandenburg". 

Die entsprechende Lagekarte zeigt den deutschen Frontverlauf in dieser Zeit recht anschaulich: 

Bild: Frontverlauf am 30. April 1945. 
Quelle: Quelle: Lagekarte Ost, nördlicher Frontabschnitt, 30.04.1945. 


Bis zum Kriegsende konnte die Gegend gegen die Rote Armee verteidigt werden, sodass aus dem Waldenburger Industriegebiet noch bis zum 8. Mai 1945 Kohle abtransportiert werden konnte. Natürlich schrieb von Ahlfen in seinem Buch nichts über versteckte Panzerzüge, die vollbeladnen mit Goldbarren in unterirdischen Tunneln verborgen worden sind. Ob an dieser Geschichte tatsächlich etwas dran ist, wird man nur vor Ort klären können und die tatsächlichen Hintergründe werden vermutlich ohnehin nie abschließend geklärt werden können. 

Trotzdem ist es sehr beachtlich, dass die Gegend um Waldenburg zwar in unmittelbarer Frontnähe lag - jedoch bis Kriegsende nicht durch die Rote Armee besetzt wurde. Die 17. Armee hatte ihr Hauptquartier in Waldenburg und verfügte bis Mitte April über eine feste Front, die durch die vorgeschobenen Gebirgszüge gut zu verteidigen war. Nachdem der Sturm auf Berlin eingesetzt hatte, konzentrierte sich der russische Vormarsch auf die Hauptstadt. Somit gelang es der deutschen Verteidigung die niederschlesische Flanke zu halten. Auch die Stadt Breslau konnte fast bis zur Kapitulation gehalten werden. Am 9. Mai 1945 heißt es in der Abschlussmeldung des OKW: 

" Die Verteidiger von Breslau, die über zwei Monate lang den Angriffen der Sowjets standhielten, erlagen in letzter Stunde nach heldenhaftem Kampf der feindlichen Übermacht." 

Tatsächlich war Breslau bereits am 6. Mai 1945 in die Hände der Roten Armee gefallen. 

Neben der Tatsache, dass der Raum Waldenburg erstaunlich lange gegen die russischen Truppen gehalten werden konnte, gab es in diesem Raum Aktivitäten über die vermutlich nicht einmal hochrangiges Wehrmachtspersonal lückenlos informiert war. In der Gegend von Waldenburg, Bad Charlottenbrunn und Wüstewaltersdorf wurde ab dem 1. November 1943 am sogenannten Projekt "Riese" gebaut. Diese gigantische unterirdische Stollenanlage sollte vermutlich einen Produktionskomplex und vielleicht auch ein geheimes Führerhauptquartier beherbergen. Das Fassungsvermögen der Tunnels und Anlage wäre nach der Fertigstellung wohl kaum vorstellbar gewesen. Dazu kam es allerdings nicht mehr, denn die Arbeiten mussten im Februar / Mai 1945 kriegsbedingt eingestellt werden. 

Blaupausen oder Konstruktionspläne der Anlage gibt es keine. Teilweise sind die Sollen heute zugänglich und können besichtigt werden. Andere Teile der Anlage sind unzugänglich und bis heute unerforscht. Somit kann auch keine abschließende Aussage dazu getroffen werden, ob bereits alle Tunnel entdeckt worden sind. Möglicherweise wurden, wie anderenorts auch, manche der Stollen gesprengt, um sie dem Zugriff der Roten Armee zu entziehen. Über das wirkliche Ausmaß der Anlage "Riese" lässt sich also vortrefflich spekulieren. 

Tatsächlich wurden nun geomagnetische Untersuchungen durchgeführt, die auf ein größeres Objekt im Boden hindeuten. Diese Untersuchungen wurden laut Angabe der zuständigen Stellen etwa im Bereich zwischen dem Bahnkilometer 60 und 65 an der Strecke nach Breslau durchgeführt. Wirft man einen Blick auf aktuelle Satellitenbilder und die entsprechenden historischen Karten, so kommen zwei Stellen in diesem Bereich in Frage. 

Einmal wäre da die Gegend unmittelbar vor der Bahnstation Wałbrzych Szczawienko: 

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth. 


Laut Angaben örtlicher Heimatforscher  soll sich der versteckte Zug in diesem Bereich befinden. Auf einer historischen Karte sind in diesem Bereich keine auffällig verlaufenden Gleisstränge erkennbar.  

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth / War Office Map 1945. 


Ein Stück weiter nördlich zieht sich die Bahnlinie entlang des sogenannten "Daumenbergs" durchs Tal. Hier ist bereits auf Karten aus der Vorkriegszeit eine auffällige Linkskurve erkennbar. 

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth / Messtischblatt 1936. 


Auf aktuellen Satellitenbildern (2014) erkennt man in der Verlängerung der Bahnlinie eine steil zum Daumenberg verlaufende gerade Linie. Da das Satellitenbild aufgenommen wurde als die Bäume keine Blätter trugen ist die gerade verlaufende Spur im Wald gut sichtbar. Sie verläuft aus der Kurve heraus wieder in Richtung der Bahnlinie und schneidet dabei den Daumenberg. 

Bild: Auffällige Spur im Wald. 
Quelle: Google Earth. 


Alte Wege oder sonstige oberirdische Objekte sind dort nicht verzeichnet. In den historischen Karten finden sich keine Informationen die diese auffällige Spur im Wald erklären. Ob es sich dabei um einen Hinweis auf unterirdische Anlagen handeln könnte mag dahingestellt bleiben. 

Etliche Heimatforscher, Hobbyarchäologen und Schatzjäger spüren seit Jahren den Legenden um verschüttete Stollen und vergessene Relikte aus Kriegszeiten im Bereich Waldenburg nach. Da es kaum noch lebende Zeitzeugen gibt, die von den tatsächlichen Zusammenhängen berichten können, existieren zahlreiche Gerüchte was sich dort alles verbergen könnte. 

An der Geschichte des verschollenen Zuges scheint aber tatsächlich mehr dran zu sein, als bloße Vermutungen. So gab unter anderem Polens Vize-Kulturminister an er habe den Zug eindeutig auf Bildern der geomagnetischen Untersuchung erkennen können. Nun - wie dem auch sei - scheinbar ist auf diesen Bildern ein größeres Objekt im Boden sichtbar. Jedoch dürfte die Vorstellung vieler enttäuscht werden, wenn man davon ausgeht, dass ein unversehrter Zug voll beladen mit Kostbarkeiten aus der Erde hervorgeholt werden könnte. 

Ohnehin besitzt die Geschichte ein klein wenig von einem verspäteten Aprilscherz. Da berichtet jemand auf dem Sterbebett von einem versteckten Zug, der dazu noch möglicherweise in einem heute besiedelten Gebiet verborgen sein soll. Ich weiß ja nicht wie tief man in Polen die Fundamente für Gebäude anlegt, aber für die Industrieanlagen östlich der Bahnstrecke dürfte man schon einige Meter in den Boden gegangen sein. 

Fakt ist, dass sich die Gegend von Waldenburg grade aufgrund der Ereignisse der letzten Kriegstage vortrefflich für derartige Expertisen eignet. Wie dem aus sei - man wird sehen was dabei heraus kommt. Vielleicht findet man dort tatsächlich einen versteckten Militärzug - vielleicht aber auch nur einige rostige Loren aus einem Bergwerksschacht. 

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