f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 10. September 2015

Eine kleine Regenrunde


Am vergangenen Wochenende war die Sondengänger-Gemeinschaft Allertal mit vereinten Kräften im Einsatz. Trotz Starkregen konnten einige schöne Funde gemacht werden...

Es war bereits vorher klar, dass mit ein wenig Regen gerechnet werden musste. Auf dem Acker jedoch verwandelten sich die harmlosen Wasserspiele des Wetters in einen waschechten Monsun - mehr oder weniger dem Zufall ist es zu verdanken, dass sich die Sondengänger aus eigener Kraft retten konnten. 

Einsatzort war ein abgeernteter Getreideacker südöstlich von Celle. Das Feld gehörte einst zur unmittelbaren Feldflur eines Ortes, welcher bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Mit insgesamt vier Metalldetektoren und einem "Suchhund" waren die Sondengänger unterwegs. Leider musste die Suchaktion bereits nach einer knappen Stunde aufgrund des einsetzenden Starkregens abgebrochen werden. 

Bild: Sucherin im Regenanzug. 
Quelle: H. Altmann. 


Der besagte Acker blickt auf eine vergleichsweise lange Geschichte zurück. Bereits auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 finden sich hier Gewanne - also frühe Formen bestellter Äcker. Zu einer Seite des Feldes führte einst ein alter Verbindungsweg zwischen zwei Ortschaften entlang. Über das Feld selbst schlängelte sich später auch noch ein Wirtschaftsweg. 

Bild: gemeinsame Suchaktion. 
Quelle: M. Schäfer. 


Das Feld abzusuchen wäre eine echte Herausforderung da es rund 9,5 Ha. Fläche besitzt. Dennoch sollte es zumindest abschnittsweise abgegangen und fundtechnisch einmal angetestet werden. Schon dabei zeigte sich eine deutlich eine gesteigerte Fundverteilung zum Ortsrand hin. Vermutlich befanden sich dort einst Gärten und kleinere Flurstücke, die aufgrund ihrer Erreichbarkeit intensiver bewirtschaftet worden sind. 

Bild: gemeinsame Suchaktion. 
Quelle: H. Altmann. 


Die Funde waren aufgrund der wenigen eingesetzten Suchzeit eher mager. Im Verhältnis kamen allerdings schon einige schöne Dinge zum Vorschein. Es fanden sich jedoch auch zahlreiche Schnipsel von Aluminium, die die Detektoren immer wieder in die Irre führten. 

Vor allem alte Münzen eher geringerer Wertigkeit kamen aus dem Boden. Hier einige Fundbeispiele: 

Bild: ein Pfennig, Scheidemünze aus dem Jahr 1705, Georg Wilhelm, Celle, (Vorderseite). 
Quelle: H. Altmann. 


 
Bild: ein Pfennig, Scheidemünze aus dem Jahr 1705, Georg Wilhelm, Celle, (Rückseite). 
Quelle: H. Altmann. 


Bild: ein Pfennig, Scheidemünze unbekanntes Jahr, Hannover, (Vorderseite). 
Quelle: H. Altmann. 


Bild: ein Pfennig, Scheidemünze unbekanntes Jahr, Hannover, (Rückseite). 
Quelle: H. Altmann. 


Bild: ein Teil eines Armee-Nummernknopfes
Quelle: H. Altmann. 


Bild: ein altes 50g Gewicht mit Punze
Quelle: H. Altmann. 


Bild: Verschiedene Münzen, Knöpfe und eine Musketenkugel (von Links nach Rechts)
Quelle: H. Altmann. 


Der nachfolgende Fund wurde erst bei einer sorgfältigen und vorsichtigen Reinigung wieder erkennbar. Es handelt sich um ein ansteckbares Abzeichen des niedersächsischen Gausängerfestes, welches im Jahr 1939 in Hannover stattfand. 

Zu dem Ereignis findet sich heute nicht mehr viel - es erschien allerdings ein Buch zu dem Fest. Es fand vom 19. bis 21. Mai 1939, also noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges statt. Wie das Abzeichen in den Acker geraten ist, lässt sich allerdings leicht erklären. Als im April 1945 die US Truppen den östlichen Landkreis Celle besetzten, war die Zivilbevölkerung bemüht jegliche Verbindung zum NS-Regime zu kappen. Vermutlich wurde das Abzeichen daher einst einfach im Mist oder im Müll entsorgt und gelangte so auf das Feld. 

Bild: Abzeichen des niedersächsischen Gausängerfestes in Hannover, 1939, (Vorderseite). 
Quelle: H. Altmann.  


Bild: Abzeichen des niedersächsischen Gausängerfestes in Hannover, 1939, (Rückseite). 
Quelle: H. Altmann.  


Die gezeigten Funde stellen lediglich einen kleinen Ausschnitt der gesamten Funde dieses Tages dar. Sie sollen vor allem die Vielfältigkeit der auffindbaren Relikte im Boden demonstrieren. Die Funde müssen nun, je nach Art und Beschaffenheit, gereinigt und an den zuständigen Archäologen gemeldet werden. 

Insgesamt hat die kleine Regenrunde allen Suchern der Sondengänger-Gemeinschaft Allertal Spaß gemacht und wird - hoffentlich bei besserem Wetter - wiederholt. 






Mittwoch, 9. September 2015

Eine Hausruine bei Oberohe


Abseits eines alten Weges in der Heide bei Oberohe stehen die Fundamente eines Hauses. Vielleicht  handelt es sich aber auch um einen alten Bunker oder eine Schutzhütte. Was könnte der  einstige Sinn dieser Ruine gewesen sein? Eine Bestandsaufnahme...

Dieser "Found Place" liegt zugegebener Maßen recht abseits. Auf einer Tour durch die Gegend fielen mir die alten Fundamente auf - ein gutes Beispiel dafür wie wichtig Ortsbegehungen im Bereich Heimatgeschichte sind. 

Ausgehend vom Parkplatz bei Oberohe gelangt man recht bald an die ehemaligen Kieselgurgruben - deren historische Bedeutung noch einmal ein Kapitel für sich wären. Vorbei an ausgedehnter Heideflächen kann man den ausgeschilderten Wanderwegen in Richtung Lutterloh folgen. 

Bild: Lage der Hausruine. 
Quelle: Google Earth. 


Am östlichen Rand einer kleineren Heidefläche, unmittelbar am Waldrand zum sogenannten "Kalbsloh" befindet sich ein quadratisches Fundament im Boden. Die ca. 1 Meter hohen Wände aus Beton sind etwa auf Hohe des umliegenden Bodens und ragen nur ein kleines Stück darüber. Auf der Rückseite befindet eine Tür - einige Stufen führen hinunter. Auf der Vorderseite ist ein kleines Fenster erkennbar. 

Bild: Lage der Hausruine. 
Quelle: Google Earth. 


Die Wände messen eine Stärke von etwa 15-20cm. An den Ecken ragen rostige dicke Schrauben hervor. Einst muss das kleine Gebäude über eine Tür aus Holz verfügt haben, denn im Zugangsbereich findet sich noch eine Verankerung mit einem Hespen im Beton. 

Bild: Ruine Vorderansicht. 
Quelle: Google Earth. 


Bild: Ruine Vorderansicht. 
Quelle: Google Earth. 


Bild: Ruine Vorderansicht. 
Quelle: Google Earth. 


Bild: Ruine einstige Tür (Hespen noch erhalten). 
Quelle: Google Earth. 


Bild: Ruine - Schrauben an den Ecken
Quelle: Google Earth. 


Es stellt sich die Frage welchem Zweck dieses kleine Gebäude früher gedient haben könnte. Außer den genannten Merkmalen finden sich keine Hinweise um was es sich hier handeln könnte. An einem so abgelegenen Ort scheiden allerdings einige Möglichkeiten aus - es wird sich, auch aufgrund der Größe - nicht um ein Wohngebäude gehandelt haben. 

Weiterhin deuten die baulichen Umstände darauf hin, dass dieses Gebäude sehr stabil sein sollte / musste. Sonst hätte man sich kaum die Mühe gemacht Beton in dieser Stärke zu verbauen. Auffällig ist auch, dass das Gebäude in der Erde liegt und nicht darauf steht. Die Treppenstufen führen eindeutig nach Unten - das Gebäude ist also nicht abgesackt oder später von Sand umgeben worden. Nein - es wurde absichtlich derart eingebettet. Die Bauart und verwendeten Materialien lassen darauf schließen, dass das Gebäude in der Zeit zwischen 1900 und 1930 entstanden sein muss. In dieser Zeit fand ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Abbau von Kieselgur statt. Weiterhin wurde der Standort Unterlüß zu einem großen Schießplatz ausgebaut. 

Die Vermutung liegt nahe, dass es eine Schutzhütte, ein alter Bunker früherer Bauart oder ein Rest eines Trafohauses sein könnte. In alten Karten ist das kleine Gebäude nicht verzeichnet. 


Bild: Keine Hinweise in einer alten Karte (1900).
Quelle: Preußisches Messtischblatt Unterlüß, 1:25.000, 1900. 



Bild: Keine Hinweise in einer alten Karte (1945).
Quelle: War Office Map, 1:25.000, 1945. 


In den alten Kartenwerken sind Bienenzäune, Jagdhütten und die Gebäude der Kieselgurproduktion verzeichnet. Dahingehend sind die Karten für diese Gegend durchaus genau. Es stellt sich also die Frage, ob das besagte Gebäude vergessen - oder bewusst ausgelassen wurde. 

Sollte letzteres der Fall sein, könnte es sich um ein militärisch genutztes Objekt handeln, das man einst nicht verraten wollte. Zumal das Gebäude an einem alten Weg liegt könnte es einst ein kleinerer Kontrollposten gewesen sein. Inwiefern diese These Sinn ergibt ist allerdings unklar, denn in der näheren Umgebung gibt es nichts was durch einen solchen Kontrollposten hätte gesichert werden können. 

Noch heute führen Stromleitungen durch diese Gegend. Möglicherweise handelt es sich bei dem Gebäudefundament also um Relikte eines alten Trafohäuschens. Ein solches hätte jedoch in den Karten verzeichnet sein müssen. Sonstige Quellen zu diesem Objekt sind unbekannt - schriftlich ist nirgendwo ein Hinweis darauf zu finden. 

Es wird also noch einiger Recherchearbeit bedürfen, um den einstigen Zweck dieses Reliktes zu klären...

Hinweise gerne an: found-places@live.de


H. Altmann


Mittwoch, 2. September 2015

Der Eierberg bei Lachtehausen


Zwischen Lachtehausen und Beedenbostel erstreckt sich entlang der L 282 das Waldgebiet der "Sprache". Einige hundert Meter hinter dem Ortsausgang Lachtehausens befindet sich der sogenannte "Eierberg". Woher stammt dieser Flurname? 

Manchem Autofahrer wird diese markante Erhebung im Wald bei Lachtehausen bereits aufgefallen sein. Deutlich zeichnet sich im Gelände eine auffällige Erhebung ab, welche schon in alten Karten den Namen "Eierberg" trägt. Zumal der Eierberg der höchste Punkt in der Umgebung ist und östlich von ihm keine sonstigen Flurnamen zu finden sind, stellt sich die Frage woher der Flurname stammen mag. 

In der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 ist der Eierberg bereits verzeichnet. 

Bild: Eierberg bei Lachtehausen. 
Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 


Eine alte Sage belegt, dass der Celler Herzog Georg Wilhelm (1624-1705) mit seinem Gefolge einst in dieser Gegend unterwegs gewesen sein soll. Dem Gefolge begegnete unmittelbar an einer Anhöhe östlich von Lachtehausen eine alte Frau die eine Kiepe auf dem Rücken trug. Als Soldaten des herzöglichen Gefolges fragten was in der Kiepe sei entgegnete die Frau barsch "Eier!". 

Die Soldaten fragte weiter wer die Eier denn bekommen solle. Die Frau, die das herzögliche Gefolge nicht erkannt hatte, gab nur von sich: "Ach die soll ich dem alten Herzog in den Leib jagen." Sie war auf dem Weg ihren "Zehnten", also eine frühe Form der Steuer in Celle am herzöglichen Hof anzuliefern - natürlich war sie über diese Abgaben nicht erfreut. 

Die anwesenden Soldaten waren über die Beleidigung ihres Herzogs so erbost, dass sie zugleich eine Strafe über die arme Frau verhängten. Sie wurde an den Berghang gelegt und die Soldaten bewarfen sie mit den Eiern aus ihrer Kiepe. Völlig beklebt mit Eidotter konnte die Frau schließlich ihren Weg fortsetzen. 

Herzog Georg Wilhelm soll die Frau später reichlich für ihre Qual entschädigt haben. Seitdem trägt die Erhebung östlich Lachtehausens den Namen "Eierberg". 

Bild: Eierberg bei Lachtehausen. 
Quelle: H. Altmann. 


Inwiefern diese Legende zutreffend ist, mag dahingestellt bleiben. Weder in nachfolgenden Flurkarten, noch im Flurnamenbuch von Alpers / Barenscheer wird der Flurname "Eierberg" weiterführend erklärt. 

Da die alte Straße am Eierberg vorbeiführte ist es durchaus möglich, dass der Celler Herzog sie auf seinem Weg benutzte. Ob der Name allerdings tatsächlich auf Eier zurückzuführen ist, bleibt dahingestellt. Insgesamt ist es eine schöne legende, die diesen seltsamen Flurnamen möglicherweise erklären vermag. 



Dienstag, 1. September 2015

Ein versteckter Panzerzug in Polen?

In der Nähe von Walbrzych (ehem. Waldenburg) bei Breslau (Polen) soll ein deutscher Militärzug versteckt sein. Gerüchte kursieren, dass der Zug mit Wertgegenständen - vielleicht sogar gar Gold - beladen sein könnte. Wilde Spekulationen nützen sicher wenig - doch ein Blick auf die Karte kann ja nur  selten schaden... 

Schon seit einiger vermuten Forscher im Bereich Walbrzych (ehem. Waldenburg) verschollene Relikte aus der NS-Zeit. Die Region in Niederschlesien ist seit jeher von der Erzgewinnung geprägt - die bergige Landschaft gleicht sozusagen einem Schweizer Käse. In den Monaten vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ein gigantisches Untertage-Projekt vorangetrieben. Unter dem Decknamen "Riese" entstanden weitläufige Stollen und Lagersysteme im Untergrund. Diese sollten ganze Rüstungsfabriken und ein neues Führerhauptquartier aufnehmen können. Da es kaum noch originale Baupläne gibt und viele Eingänge zu den Stollen bei Kriegsende gesprengt wurden, kursieren die wildesten Gerüchte. So hält sich im Raum Walbrzych (ehem. Waldenburg) hartnäckig die Legende eines verschollenen Panzerzuges der Wehrmacht, welcher in den letzten Kriegstagen zwischen Breslau und Waldenburg versteckt worden sein soll. Medienberichten zufolge wollen Heimatforscher diesen Zug nun entdeckt haben. Seitens der regionalen Denkmalpflege wurde ein entsprechendes Gebiet untersucht. Geomagnetische Messungen  zeigen wohl tatsächlich ein Objekt, welches einem Zug untertage sehr nahe käme. Bislang gibt es allerdings keine Bilder davon. Die genaue Stelle wurde ebenfalls noch, aus Sorge vor Hobby-Schatzsuchern geheim gehalten. Aus Behördenangaben geht lediglich hervor, dass die Stelle zwischen dem Bahnkilometer 60 und 65 an der Strecke Breslau - Walbrzych liegt. 

Diese Angabe reicht natürlich völlig aus um sich mittels historischer Karten einen kleinen Überblick zu verschaffen. Zunächst werfen wir jedoch einen Blick auf die Entwicklungen, die sich in diesem Raum zu Kriegsende zugetragen haben. 

Waldenburg - heute Walbrzych liegt in etwa 13 Km Entfernung zur tschechischen Grenze. Im Frühjahr 1945 war dieses Gebiet schwer umkämpft. Nicht zuletzt da der Raum "Schlesien" elementar wichtig für die Versorgungslage war, wurde hier um jeden Meter besonders hart gerungen. Gegen Ende Januar vermerkte das Lagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) noch 1.600 abgefahrene Güterwaggons, die mit Kohle in Richtung Wien abfuhren. 

Als die Rote Armee den Durchbruch an der Weichsel erzielt hatten war klar, dass es kein Halten mehr geben würde. Der Gauleiter Niederschlesiens, Karl Hanke, ließ ab dem 20. Januar 1945 die Stadt Breslau evakuieren. Infolgedessen verließ eine Vielzahl der Breslauer die Stadt, welche nun als sogenannte "Festung Breslau" bezeichnet wurde. 

Bild: Festung Breslau Ende Januar (30.01.1945)
Quelle: Lagekarte Ost, nördlicher Frontabschnitt, 30.01.1945. 




Die Rote Armee setzte Mitte Februar im Rahmen der "Niederschlesischen Operation" nach. Breslau wurde eingekesselt und konnte lediglich aus der Luft versorgt werden. Während sich in Breslau die verbliebenen SS- und Wehrmachtsverbände in den folgenden Wochen blutige Häuserkämpfe mit der Roten Armee lieferten, litten die rund 150.000 in der Stadt verbliebenen Zivilisten stark. 

Durch das Vorrücken der Russen verlief die Front gegen Ende Februar unmittelbar nördlich von Waldenburg. Am 20. Februar verzeichnete das Lagebuch des OKW vermehrten Druck auf das Waldenburger Industriegebiet. Russische Vorstöße konnten allerdings abgewehrt werden. Am 2. März 1945 findet sich der nachfolgende Eintrag im Lagebuch des OKW: 

" (...) Trotzdem hält der Gegner an der Absicht des Angriffs gegen Berlin fest. Er hat anscheinend jedoch vorerst das Bestreben, seine Flanken freizukämpfen, indem er die eigenen Kräfte in Schlesien auf das Gebirge zurückdrängt (...). Besonderer Nachdruck wird auf die Sicherstellung des Kohlereviers von Karwin und Mährisch-Ostrau sowie des Industriegebietes von Waldenburg gelegt..."

In seinem, bereits 1963 erschienenen Werk "Der Kampf um Schlesien - 1944-1945" schilderte Generalmajor Hans von Ahlfen  ausführlich welche Kampfoperationen im schlesischen Raum durchgeführt wurden. Bei seinem Buch wirkten zahlreiche weitere Persönlichkeiten mit, die aktiv das Kampfgeschehen geleitet und daran teilgenommen hatten. Unter anderem würdigte von Ahlfen in einem Kapitel die entscheidenden Leistungen der Reichsbahn. Er listete unter anderem die folgenden wichtigen Transporte der Reichsbahn in den letzten Tagen auf: 

- Flüchtlinge 
- Kohle (Private Haushalte / Wirtschaft)
- Dienstkohle (Reichsbahn)
- Truppentransporte
- Verwundete 
- Versorgung der Truppe
- Industriegüter
- Dienstliches
- Verlegung von Reichsbahnstellen
- wirtschaftliches Räumungsgut

Besonders auf der Strecke Oderberg - Ratibor - Neisse - Kamenz - Waldenburg seien tagaus und tagein Truppentransporte unterwegs gewesen. Noch bis Anfang Mai wurden auf der Strecke kriegswichtige Truppen an die Front gebracht, wie etwa die Division "Brandenburg". 

Die entsprechende Lagekarte zeigt den deutschen Frontverlauf in dieser Zeit recht anschaulich: 

Bild: Frontverlauf am 30. April 1945. 
Quelle: Quelle: Lagekarte Ost, nördlicher Frontabschnitt, 30.04.1945. 


Bis zum Kriegsende konnte die Gegend gegen die Rote Armee verteidigt werden, sodass aus dem Waldenburger Industriegebiet noch bis zum 8. Mai 1945 Kohle abtransportiert werden konnte. Natürlich schrieb von Ahlfen in seinem Buch nichts über versteckte Panzerzüge, die vollbeladnen mit Goldbarren in unterirdischen Tunneln verborgen worden sind. Ob an dieser Geschichte tatsächlich etwas dran ist, wird man nur vor Ort klären können und die tatsächlichen Hintergründe werden vermutlich ohnehin nie abschließend geklärt werden können. 

Trotzdem ist es sehr beachtlich, dass die Gegend um Waldenburg zwar in unmittelbarer Frontnähe lag - jedoch bis Kriegsende nicht durch die Rote Armee besetzt wurde. Die 17. Armee hatte ihr Hauptquartier in Waldenburg und verfügte bis Mitte April über eine feste Front, die durch die vorgeschobenen Gebirgszüge gut zu verteidigen war. Nachdem der Sturm auf Berlin eingesetzt hatte, konzentrierte sich der russische Vormarsch auf die Hauptstadt. Somit gelang es der deutschen Verteidigung die niederschlesische Flanke zu halten. Auch die Stadt Breslau konnte fast bis zur Kapitulation gehalten werden. Am 9. Mai 1945 heißt es in der Abschlussmeldung des OKW: 

" Die Verteidiger von Breslau, die über zwei Monate lang den Angriffen der Sowjets standhielten, erlagen in letzter Stunde nach heldenhaftem Kampf der feindlichen Übermacht." 

Tatsächlich war Breslau bereits am 6. Mai 1945 in die Hände der Roten Armee gefallen. 

Neben der Tatsache, dass der Raum Waldenburg erstaunlich lange gegen die russischen Truppen gehalten werden konnte, gab es in diesem Raum Aktivitäten über die vermutlich nicht einmal hochrangiges Wehrmachtspersonal lückenlos informiert war. In der Gegend von Waldenburg, Bad Charlottenbrunn und Wüstewaltersdorf wurde ab dem 1. November 1943 am sogenannten Projekt "Riese" gebaut. Diese gigantische unterirdische Stollenanlage sollte vermutlich einen Produktionskomplex und vielleicht auch ein geheimes Führerhauptquartier beherbergen. Das Fassungsvermögen der Tunnels und Anlage wäre nach der Fertigstellung wohl kaum vorstellbar gewesen. Dazu kam es allerdings nicht mehr, denn die Arbeiten mussten im Februar / Mai 1945 kriegsbedingt eingestellt werden. 

Blaupausen oder Konstruktionspläne der Anlage gibt es keine. Teilweise sind die Sollen heute zugänglich und können besichtigt werden. Andere Teile der Anlage sind unzugänglich und bis heute unerforscht. Somit kann auch keine abschließende Aussage dazu getroffen werden, ob bereits alle Tunnel entdeckt worden sind. Möglicherweise wurden, wie anderenorts auch, manche der Stollen gesprengt, um sie dem Zugriff der Roten Armee zu entziehen. Über das wirkliche Ausmaß der Anlage "Riese" lässt sich also vortrefflich spekulieren. 

Tatsächlich wurden nun geomagnetische Untersuchungen durchgeführt, die auf ein größeres Objekt im Boden hindeuten. Diese Untersuchungen wurden laut Angabe der zuständigen Stellen etwa im Bereich zwischen dem Bahnkilometer 60 und 65 an der Strecke nach Breslau durchgeführt. Wirft man einen Blick auf aktuelle Satellitenbilder und die entsprechenden historischen Karten, so kommen zwei Stellen in diesem Bereich in Frage. 

Einmal wäre da die Gegend unmittelbar vor der Bahnstation Wałbrzych Szczawienko: 

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth. 


Laut Angaben örtlicher Heimatforscher  soll sich der versteckte Zug in diesem Bereich befinden. Auf einer historischen Karte sind in diesem Bereich keine auffällig verlaufenden Gleisstränge erkennbar.  

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth / War Office Map 1945. 


Ein Stück weiter nördlich zieht sich die Bahnlinie entlang des sogenannten "Daumenbergs" durchs Tal. Hier ist bereits auf Karten aus der Vorkriegszeit eine auffällige Linkskurve erkennbar. 

Bild: Bahnverlauf bei Wałbrzych Szczawienko. 
Quelle: Google Earth / Messtischblatt 1936. 


Auf aktuellen Satellitenbildern (2014) erkennt man in der Verlängerung der Bahnlinie eine steil zum Daumenberg verlaufende gerade Linie. Da das Satellitenbild aufgenommen wurde als die Bäume keine Blätter trugen ist die gerade verlaufende Spur im Wald gut sichtbar. Sie verläuft aus der Kurve heraus wieder in Richtung der Bahnlinie und schneidet dabei den Daumenberg. 

Bild: Auffällige Spur im Wald. 
Quelle: Google Earth. 


Alte Wege oder sonstige oberirdische Objekte sind dort nicht verzeichnet. In den historischen Karten finden sich keine Informationen die diese auffällige Spur im Wald erklären. Ob es sich dabei um einen Hinweis auf unterirdische Anlagen handeln könnte mag dahingestellt bleiben. 

Etliche Heimatforscher, Hobbyarchäologen und Schatzjäger spüren seit Jahren den Legenden um verschüttete Stollen und vergessene Relikte aus Kriegszeiten im Bereich Waldenburg nach. Da es kaum noch lebende Zeitzeugen gibt, die von den tatsächlichen Zusammenhängen berichten können, existieren zahlreiche Gerüchte was sich dort alles verbergen könnte. 

An der Geschichte des verschollenen Zuges scheint aber tatsächlich mehr dran zu sein, als bloße Vermutungen. So gab unter anderem Polens Vize-Kulturminister an er habe den Zug eindeutig auf Bildern der geomagnetischen Untersuchung erkennen können. Nun - wie dem auch sei - scheinbar ist auf diesen Bildern ein größeres Objekt im Boden sichtbar. Jedoch dürfte die Vorstellung vieler enttäuscht werden, wenn man davon ausgeht, dass ein unversehrter Zug voll beladen mit Kostbarkeiten aus der Erde hervorgeholt werden könnte. 

Ohnehin besitzt die Geschichte ein klein wenig von einem verspäteten Aprilscherz. Da berichtet jemand auf dem Sterbebett von einem versteckten Zug, der dazu noch möglicherweise in einem heute besiedelten Gebiet verborgen sein soll. Ich weiß ja nicht wie tief man in Polen die Fundamente für Gebäude anlegt, aber für die Industrieanlagen östlich der Bahnstrecke dürfte man schon einige Meter in den Boden gegangen sein. 

Fakt ist, dass sich die Gegend von Waldenburg grade aufgrund der Ereignisse der letzten Kriegstage vortrefflich für derartige Expertisen eignet. Wie dem aus sei - man wird sehen was dabei heraus kommt. Vielleicht findet man dort tatsächlich einen versteckten Militärzug - vielleicht aber auch nur einige rostige Loren aus einem Bergwerksschacht. 


Montag, 31. August 2015

Johann Heinrich Steffens

In Celle und Umgebung gab es schon vor langer Zeit Menschen, die sich mit dem Thema Heimatgeschichte befassten. Heute sind ihre Namen meist nicht mehr bekannt - dennoch haben sie oft den Grundstein für die heutigen Forschungen gelegt. 

Johann Heinrich Steffens wurde im Jahr 1711 in Nordhausen geboren. Er war Rektor der Lateinischen Schule in Celle, Lehrer, Philologe, Übersetzer und Heimatforscher. Sein Studium absolvierte Steffens in Jena. Über seinen Werdegang ist - mit Ausnahme diverser Veröffentlichungsdaten seiner Werke recht wenig bekannt. 

Bereits im Jahr 1746 veröffentlichte Steffens sein Werk "von der Moralität der Schauspiele" in Celle. Es folgten bis 1749 diverse Dramen und Trauerspiele. Im Jahr 1752 erschien Steffens erstes Werk mit Historienbezug - "Die Geschichte der alten Bewohner Teutschlands...". Darin untersuchte er die einstigen Ansiedlungen verschiedener Volksstämme in den deutschen Landen. Maßgeblich griff er dabei auf die Ausführungen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus zurück. 

Im Jahr 1763 erschien Steffens "historisch-diplomatische Abhandlungen in Briefen, von einigen besonderen Merkwürdigkeiten der Stadt Celle." Dieses kann als eines der ersten, bis heute überlieferten heimatgeschichtlichen Werke im Raum Celle angesehen werden. Steffens griff darin in verschiedenen Kapiteln Themen mit historischem Bezug zur Stadt Celle auf. Er widmete sich sowohl der Frage nach dem Namen der Stadt, als auch nach der Schifffahrt auf der Aller, der Frage nach der Sprache (Wald), dem Dorf Osterloh und vielen weiteren Themen der Celler Geschichte.

Bild: Buch Steffens über die Celler Heimatgeschichte. 
Quelle: J.H. Steffens, Celle 1763. 


In seinen literarischen Werken war Steffens recht eigen - er folgte nicht der Richtung seiner Zeit, da er augenscheinlich seine eigene Sicht der Dinge darstellen wollte. Die Poesie war für Steffens einer der vornehmsten Unterrichtsgegenstände. 

Kritiker des 19. Jahrhunderts betrachteten Steffens als trockenen und ungeschickten Versemacher - jedoch ebenso als eifrigen Pädagogen. Johann Heinrich Steffens starb am 26. Januar 1784. Heute ist der Name Steffens fast völlig aus dem heimatgeschichtlichen Zusammenhang verschwunden. Nur selten beziehen sich einzelne Beiträge noch auf Steffens Forschungen. Diese waren ihrer Zeit möglicherweise zu weit voraus, denn sie fanden noch weniger Anklang als die von Steffens entworfenen Dramen und Schauspiele. 

Dabei bewies Steffens in vielfacher Hinsicht, dass er sich im Raum Celle bestens auskannte und zahlreiche bestehende Quellen in seine Forschungen einbezog. Er fertigte unter anderem auch zahlreiche Ansichten der Stadt Celle und des Schlosses als Kupferdrucke an. 

Sicherlich sind die Untersuchungen Steffens aus heutiger Sicht immer kritisch zu hinterfragen. Allerdings stellen sie wertvolle historische Quellen aus einer Zeit dar in der ansonsten wenig zur regionalen Heimatforschung zu Papier gebracht worden ist. 


H. Altmann




Mittwoch, 26. August 2015

Die Dorfbewohner früher



Um die Entstehung der Dörfer im Landkreis Celle zu verstehen kommt man nicht umhin einige Begrifflichkeit zu klären, die aus dem heutigen Sprachgebrauch entschwunden sind. Oft liest und hört man etwas von "Meiern" und "Köthnern" - aber was hat es mit diesen Bezeichnungen auf sich? Die Dorfbewohner bildeten früher die kleinste Einheit in einem Ort - in diesem Beitrag sollen die unterschiedlichen Klassen von einst vorgestellt werden. 


Die heutigen Dörfer haben nur wenig mit ihrem traditionellen Erscheinungsbild gemeinsam. So lassen sich mancherorts kaum noch die historischen Dorfkerne erkennen - sie scheinen außerdem fast verschwindend klein im Vergleich zu den angesiedelten Neubauten. Orte wie Lachendorf beispielsweise sind um ein Vielfaches gewachsen und haben sich in den letzten 100 Jahren massiv ausgedehnt. Wo einst die ausgedehnten Felder des alten Dorfes lagen, stehen heute Ein- und Mehrfamilienhäuser. 


Bild: Lachendorf vor 115 Jahren und heute. 
Quelle: preuß. Messtischblatt 1900, Google Earth. 

Dabei hat sich natürlich das Gesamtbild des Dorfes und die wirtschaftlichen Betätigungsfelder seiner Bewohner erheblich gewandelt. Auch wenn nach wie vor Ackerbau auf den umliegenden Fluren betrieben wird, so stellt diese keinen Vergleich zu einst dar. Vielmehr findet sich in den Dörfer heute eine auf Handel und Dienstleistung ausgerichtete Wirtschaft. 


Auch die Art und Weise wie sich das Dorf entwickelt hat sich geändert. Heute hängt die Möglichkeit Bauland zu erwerben und ein Haus zu errichten maßgeblich vom zur Verfügung stehenden Einkommen des Einzelnen ab. Früher existierte neben diesen Faktoren ein weiterer wichtiger Aspekt: der gesellschaftliche Stand der betreffenden Person. 


Die Dorfbewohner gehörten einst unterschiedlichen Klassen an, von denen vieles im alltäglichen Leben abhing - unter anderem wo gesiedelt werden durfte und in welchem Ausmaß Land bestellt werden durfte. Die Entwicklung des Dorfes lässt sich aus heutiger Sicht nur dann sinnvoll nachvollziehen, wenn man diese Klassen berücksichtigt. 


In Dorfchroniken finden sich die Begriffe "Meier", "Kötner", "Häuslinge", "An- und Abbauer" oft ohne dass sie erklärt werden. Für das geschichtliche Verständnis der Dorfstruktur sind diese Bezeichnungen allerdings äußerst wichtig und sollen daher in diesem Beitrag vorgestellt werden. 





Die Meier

In frühester Zeit gab es nur zwei unterschiedliche Klassen der Dorfbewohner: die Meier und die Kötner. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen war nicht vorrangig die Größe ihrer Höfe und Ländereien, sondern vor allem ein rechtlicher. Es gab Meier- und Köthnerland. Meier waren die älteste, wohlhabendste und angesehenste Klasse im Dorf. Das Meierland wurde von einem Meierhof bewirtschaftet. Ein Vollmeierhof verfügte in der Regel über 4 Hufen (= 120 Morgen) Land. Im Falle einer Teilung entstanden zwei Halbmeierhöfe mit jeweils 60 Morgen Land. Derartige Teilungen kamen durchaus häufig vor, sodass es auch 1/8 Meierhöfe gab, was für den jeweiligen Hof einen Landbesitz von gerade einmal 15 Morgen bedeutete. Damit verfügte ein solcher Meierhof  im Grunde über weniger Land als mancher Köthnerhof. Dennoch wurde die Bezeichnung für solche zersplitterten Meierhöfe beibehalten - die Klasse der Meier stand somit im Vordergund der Unterscheidung. 

Grundsätzlich bestand das Meierland aus den ältesten und besten Flurstücken, d.h. in Bezug auf die Lage und Bodengüte war das Meierland im Regelfall besser als die Ländreien der anderen Klassen. 


Die Köthner

Neben den Meiern gab es einst die Köthner. Sie waren die, in einer Kote (= Haus) sitzenden, also selbst Besitzer eines Hofes. Köthnerhöfe waren oft Erweiterungen des Dorfes, wobei die Köthner grundsätzlich vollberechtigte Gemeindemitglieder waren. Teilte sich ein Köthnerhof auf, so konnten zwei Halbköthnerhöfe entstehen, deren Besitzer wiederum vollberechtigte Gemeindemitglieder waren. In vielen Fällen entstanden allerdings bei Teilungen nicht zwei neue Köthnerhöfe, sondern eine Abbauerstelle. 

Anders als das Meierland entstammte das Köthnerland nicht einer einzigen Herkunftsquelle. Es kam vielmehr im Lauf der Jahre durch verschiedene Rechtsgeschäfte, wie Ankäufe und Tausche zusammen. Daher besaß das Köthnerland grundsätzlich auch nicht den geschlossenen rechtlichen Zusammenhang wie das Meierland. 

Die Bezeichnungen der einzelnen Klassen waren im alltäglichen Leben präsent. In offiziellen Briefen wurden Meier, Köthner u.a. mit dem entsprechenden Zusatz benannt. 


Bild: Ausschnitt aus einem Briefkopf 1889 der Gemeinde Schwachhausen. 
Quelle: Archiv Altmann. 


Im 18. Jahrhundert erreichten die meisten Dörfer bereits ihre maximale Ausdehnung - zumindest auf die in Verwendung genommenen Flächen bezogen. Es wurden zwar nach wie vor Flächen urbar gemacht, aber dies geschah meist nur in den ohnehin rechtlich gesteckten Grenzen. Im Bereich der Dörfer entstanden in dieser Zeit die sogenannten Brinksitzerstellen. 


Die Brinksitzer

Brinksitzer wurden allgemein nicht mehr als "Höfe" bezeichnet. Die Brinksitzer bauten ihre Häuser auf dem "Brink" - dem Gemeindeanger, also Wiesen die zum Allmendebesitz der Meier und Köthner zählten. Die Allmende konnte von jedem (Meier, Köthner) gleichermaßen zum Weiden der Tiere genutzt werden und war daher Gemeinschaftsbesitz. Ob ein Brinksitzer auf dieser Fläche siedeln dürfe hing daher von der Zustimmung der eingesessenen Dorfbewohner abhängig. 

Die Rechte der Brinksitzer in der Gemeinde waren von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit sehr unterschiedlich. Inwiefern sie Anteile am Gemeindebesitz hatten wurde erstmals im Rahmen der Verkoppelung festgeschrieben. So könnte es dem Brinksitzer gestattet sein eine Kuh auf den Gemeindeanger zu stellen und diese dort weiden zu lassen. Allerdings musste er dafür ein entsprechendes Weideentgelt leisten. 


Die An- bzw. Abbauern

Eine weitere Klasse im Dorf waren die An- bzw. Abbauern. Sie besaßen weder Höfe noch übten sie selbstständig landwirtschaftliche Tätigkeiten aus. Oft waren die An- oder Abbauern Tagelöhner und Handwerker. Sie hatten zwar einen Anteil am Gemeindebesitz, jedoch regelmäßig kein Eigentum daran. Damit sind die An- und Abbauern eine jüngere Ausprägung der Brinksitzer. Sie standen außerdem meist in einem direkten Verhältnis zu einem vorhandenen Hof und bewirtschafteten zum eigenen Bedarf oft ein kleines Stück Gartenland. 


Die Häuslinge

Vom Besitz am Boden ausgeschlossen waren die Häuslinge, auch "Einlieger" genannt. Sie wohnten auf den Höfen und in den Gebäuden der anderen Klassen zur Miete. Während es früher vergleichsweise wenige Häuslinge gab, stieg ihre Anzahl aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert stark an. 


Die Altenteiler

Eine Untergruppe der Häuslinge, da in den bestehenden Rechten ähnlich ausgestattet, waren die Altenteiler. Solche hatten den Hof übergeben und sich auf Lebenszeit eine Wohnung als Nießbrauchsrecht vorbehalten. Diese Unterkunft könnte direkt auf dem Hof oder aus abseits davon liegen. 

Im Dorf lebten einst auch viele Personen die Hilfstätigkeiten ausübten. In diesem Zusammenhang ist vor allem das Gesinde des Bauern, also die Knechte und Mägde zu nennen. Auch Handwerker lebten einst in der Gemeinschaft des Dorfes, allerdings bezieht sich die Bezeichnung Handwerker nicht auf eine feste Klasse, sondern vielmehr auf eine ausgeübte Tätigkeit. Der Vollständigkeit halber sind somit ebenfalls die Beamten (Lehrer, Pfarrer, Förster) zu nennen. 

Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert beherbergte das Dorf nicht selten auch "die Reiter". Sie stellten eine ständige Einquartierung dar und gehörten somit nicht direkt zum Dorf, lebten aber dort. Ihre Pferde wurden auf dem sogenannten Reuteranger geweidet. Noch heute finden sich in vielen Dörfern Flurbezeichnungen wie "Reuterwiese" - sie deuten auf diese Zeit. 

Im nächsten Abschnitt wird die geschichtliche Entwicklung der Dörfer behandelt. 




Dienstag, 25. August 2015

Clemens Cassel

Er war einer der wichtigsten Celler Heimatforscher und eine bedeutende Persönlichkeit in der Celler Geschichte. In diesem Beitrag wird der Celler Lehrer und Heimatforscher Clemens Cassel vorgestellt. 

Clemens Cassel (* 12. März 1850 in Salzgitter; † 23. Juni 1925 in Celle) war Lehrer an der MittelschuleHeimatforscher und ChronistSein Vater war Töpfermeister und seine Mutter stammte aus einem einer Hofbesitzerfamilie aus Beuchte. Seine Eltern verstarben recht früh und so wuchs Cassel bei einer kinderlosen Tante auf. Cassel wurde Lehrer und nahm Stellen als Hauslehrer in der Nordheide und in Eckernförde an. 1878 legte er sein Mittelschullehrerexamen an seiner Schulstelle in Kronenberg bei Elberfeld ab. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit zwei Kollegen die "Chronik der Bürgermeisterei Kronenberg" verfasst. 1880 übernahm Cassel eine Lehrerstelle an der Mittelschule in Celle. Diese Stelle - zeitweise in Verbindung mit dem Amt des Waisenhausvaters - führte Cassel aus, bis er 1910 aufgrund seiner fortschreitenden Schwerhörigkeit vorzeitig pensioniert wurde. Seinen Ruhestand widmete Cassel fortan der Heimatgeschichte und Chronik. Seit 1894 besaß er ein Haus in der Braunhirschstraße. Aus zwei Ehen hatte er insgesamt vier Kinder.


Auf dem Boden des alten Celler Rathauses widmete sich Cassel den unsortierten und angesammelten Archivalien der Stadt Celle und verfasste, nach der ausdrücklichen Erlaubnis vom Oberbürgermeister Denicke, seine Chronik über die Celler Stadtgeschichte. Bei seiner Arbeit verband Cassel die wissenschaftliche Methodik mit seiner vortrefflichen Gabe anschaulich zu erzählen. Viele wissenschaftliche Kritiker zollten seinen Werken Respekt, da Clemens es überaus verstand, seine akademischen Defizite durch sein natürliches Talent und Verständnis für vergangene Epochen auszugleichen. Seiner Motivation und Hingabe ist es zu verdanken, dass die Celler Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg um eine umfangreiche Chronik bereichert wurde.


Bild: Clemens Cassel Portrait


Als er seine Stadtchronik im Jahr 1924 in der Entwurfsfassung vorlegte, wollte die Stadtverwaltung sie zunächst in mehreren Einzelabschnitten veröffentlichen. Dem widersprach Cassel, der stets für ein zusammenhängendes Geschichtsbild plädiert hatte. Im Alter von 75 Jahren, nur ein Vierteljahr nach seinem Geburtstag verstarb Cassel nach kurzer Krankheit. Seine Stadtchronik erschien zu seinem Geburtstag Ende Februar/März 1930.

Obwohl sich Clemens Cassel im Kontext der deutschen Klassiker sah und konservative Außenwirkung entfaltete, sind seine Werke von einer besonderen Gabe der Objektivität geprägt. Cassel erlebte in Salzgitter eine erfüllte Kindheit. Erfüllt von den vielseitigen Einflüssen der sich globalisierenden Welt, erfüllt jedoch auch von gezwungener Selbstständigkeit, die aus dem früher Tod seiner Eltern resultierte. Dreißig Jahre lang war Cassel Lehrer an der Celler Mittelschule. Er war musikalisch und zeichnerisch begabt. Wichtiger, als diese Begabungen, war jedoch Cassels Fertigkeit zu beobachten, zu verstehen und zu vermitteln. Damit gelang Cassel der berühmte Dreisprung: Wissen, interpretieren, weitergeben. Genau das, was einen Heimatforscher ausmacht! 

Clemens Cassel widmete sich wie kein anderer zuvor der Aufarbeitung der Celler Stadtgeschichte. Ihm ist eine Vielzahl heutiger Erkenntnisse über das Stadtbild zu verdanken.

Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934.



Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934.






Bild: Schriftprobe Clemens Cassel. Quelle: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934. 





Bild: handschriftliches Unterrichtsbuch von Clemens Cassel.