f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 2. Mai 2019

Das Barackenlager bei Steinhorst


Man erzählte sich, dass hier ein KZ entstehen sollte...“

In einem Waldstück zwischen Steinhorst und der ehemaligen Gastwirtschaft „Großer Kain“, an der heutigen Bundesstraße 4, befinden sich moosbewachsene Fundamente und Trümmer. Offenbar stammen die Relikte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und gehörten zu einem Lager, dass sich bei Ende des Krieges noch im Aufbau befand. 

Nach Kriegsende entstanden Gerüchte, wonach dort ein KZ entstehen sollte. Auch wenn diese Gerüchte nicht stimmten, stellt sich doch die Frage, zu welchem Zweck dieses Lager diente bzw. dienen sollte. Was ist heute noch darüber bekannt? Dieser Beitrag  dient als Zusammenfassung der bisher vorliegenden Erkenntnisse.

Östlich von Steinhorst, an der ehemaligen Gastwirtschaft „Großer Kain“, mündet die Landstraße 282 auf die Bundesstraße 4 – fast genau auf halber Strecke zwischen Uelzen und Gifhorn. Etwa 500 m vor der Kreuzung, in Richtung Steinhorst gelegen, befinden sich Hinterlassenschaften eines ehemaligen Barackenlagers nördlich der Landstraße 282. Vorbeifahrenden fallen die verwitterten Fundamente und maroden Mauerreste jedoch ebenso wenig ins Auge, wie sie den meisten Ortsansässigen bekannt sein dürften.

Bild: Lage des Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: Google Earth. 

Historische Luftbilder, aufgenommen von Aufklärungsflugzeugen der US Air Force, zeigen das Barackenlager Anfang April 1945 deutlich. Der 9. April 1945, als die Aufnahmen entstanden, war ein klarer, sonniger Tag. Die erkennbaren Schattenverläufe legen nahe, dass die Luftbilder zwischen 09.00 und 10.00 Uhr morgens entstanden sein müssen. 

Bei genauem Hinsehen ist erkennbar, dass sich das Lager noch im Ausbau befand – größere, helle und daher das Sonnenlicht reflektierende Flächen deuten auf bereits errichtete Fundamente im nordwestlichen Bereich des Barackenlagers hin. Im östlichen Teil scheinen zu diesem Zeitpunkt schon einige überdachte Baracken vorhanden gewesen zu sein –  die Schattenverläufe weisen hier auf vorhandene Satteldächer hin.

Bild: Luftaufnahme des Barackenlagers, 09.04.1945. Quelle: USAAF, NARA.  

Insgesamt 13 gebäudeähnliche Strukturen sind auf dem Luftbild zu erkennen, wobei kleinere Bauten von Bäumen verdeckt sein können. Zehn der Baracken deuten von ihren Abmessungen auf Unterkünfte hin. Sie weisen eine Länge von ca. 30 m und eine Breite von rund 14 m auf. 

Insgesamt hätten die Unterkünfte des Barackenlagers damit über eine Nutzfläche von etwa 4.200 m2 verfügt. Das Lager als solches hatte eine Ausdehnung von knapp 3,6 ha.

Bild: Lage des Barackenlagers, heute. Quelle: Google Earth. 

Schriftliche Quellen zur Geschichte und Entstehung des Barackenlagers sind so gut wie nicht vorhanden. In der Chronik der Paul König GmbH, einem (Beton-)Bauunternehmen mit Sitz in Hankensbüttel, findet sich ein Hinweis darauf, dass Unternehmen bereits in den 1930er Jahren an verschiedenen Bauprojekten im Bereich des ehemaligen Flugplatzes Dedelstorf beteiligt gewesen ist.[1] 

Zum Ende des Krieges war das Unternehmen am Bau einer Flugzeughalle am Standort Dedelstorf sowie bei den beginnenden Baumaßnahmen an einem Barackenlager westlich des Großen Kains beteiligt.[2]




[1] Chronik; 100 Jahre König – Baugeschichte, https://www.koenig-beton.de/_media/media/historie.pdf, Abgerufen am: 10.04.2019, 22:18 Uhr.
[2] Chronik; 100 Jahre König – Baugeschichte, https://www.koenig-beton.de/_media/media/historie.pdf, Abgerufen am: 10.04.2019, 22:18 Uhr.

Bild: Vermessung von Relikten im Bereich des ehemaligen Barackenlagers, heute. Quelle: H. Altmann.

Bereits die geografische Nähe des Barackenlagers und des ehemaligen Flugplatzes bei Dedelstorf lässt darauf schließen, dass beide Einrichtungen miteinander in Verbindung standen. Der Bau des Fliegerhorstes erfolgte ab Sommer 1936 in mehreren Abschnitten und dauerte und wurde zu wesentlichen Teilen bis 1939 abgeschlossen.[1] Das Rollfeld bestand zunächst ausschließlich aus einem geebneten Untergrund, der mit Gras und Klee bepflanzt wurde.[2] Ab Dezember 1944 wurde allerdings mit dem Bau einer betonierten Rollbahn im südlichen Teil des Flugfeldes begonnen.[3] 

Die Angaben hierzu sind laut den vorliegenden Quellen teilweise widersprüchlich. So soll die Rollbahn einerseits als Ausbau der heutigen Bundesstraße 4 erfolgt sein[4] - andererseits legen alliierte Luftbilder vom 9. April 1945 nahe, dass sich die, damals noch als solche bezeichnete, Reichsstraße 4 aufgrund des dichten Baumbestandes nicht als Start- bzw. Landebahn eignete. 

Vielmehr scheint die besagte Rollbahn in Ost-West-Richtung im südlichen Bereich des Flugfeldes verlaufen zu sein.[5] Fertiggestellt wurde dieses Bauprojekt allerdings nicht – Spuren davon sind im Gelände nur noch mit sehr genauem Hinsehen erkennbar.




[1] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 103.
[2] DeZeng, Luftwaffe Airfields 1935-45 – Germany (1937 Borders), S. 118.
[3] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.
[4] Seyffarth / Tronnier, Dedelstorf – eine Kaserne in der Heide – Geschichte des Standortes Dedelstorf 1935-1994, S. 133.
[5] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.

Bild: Übersichtskarte der auffindbaren Relikte des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am Bau der Rollbahn sollen unter anderem italienische Militärinternierte beteiligt gewesen sein, die zuvor aus dem Offizierslager (kurz: „Oflag“) 83 bei Wietzendorf eigens zu diesem Zweck nach Dedelstorf überstellt worden waren.[1] 

Die italienischen Offiziere waren im Rahmen des Militärputsches interniert worden, in dessen Zuge am 24. Juli 1943 der italienische Diktator Benito Mussolini von einer Gruppe um den Marschall Badoglio verhaftet worden war.[2] Durch den Abfall des ehemaligen Bündnispartners genossen die italienischen Militärinternierten keinen besonders hohen Stand im Deutschen Reich – im Gegenteil: man stufte sie vielmehr als Verräter ein.




[1] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 373.
[2] Michaelis, Die Endphase des 2. Weltkrieges und seine Folgen, in: Der Zweite Weltkrieg, Bertelsmann Lexikon-Verlag, S. 542 f.

Bild: das einstige Barackenlager befand sich links der Straße zwischen Steinhorst, kurz vor Erreichen der Kreuzung am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Über den Einsatz der italienischen Militärinternierten als Zwangsarbeiter im Bereich des Flugplatzes Dedelstorf liegen keine Unterlagen von deutscher Seite vor. Überstellungsbefehle, Gefangenenliste oder sonstige Dokumente, die detaillierten Aufschluss zur Unterbringung oder zum Arbeitseinsatz bei Dedelstorf geben könnten, sind nicht mehr vorhanden. Wohl aber existieren mehrere Berichte ehemaliger italienischer Häftlinge, die weitere Informationen zu den Zusammenhängen liefern.

Die Ankunft der italienischen Offiziere erfolgte demzufolge am 17. Februar 1945 am Bahnhof in Repke.[1] Die vorliegenden Quellen geben die Anzahl der bei Dedelstorf eingetroffenen italienischen Militärinternierten mit rund 214 Personen an.[2] Es liegt nahe, dass für diese entsprechende Unterkunftsmöglichkeiten eingerichtet worden sein müssen. 

Allerdings nehmen nur wenige Quellen hierauf Bezug – bei den meisten Berichten stehen die schlechten Lebensbedingungen, die mangelhafte Ernährung und die raue Behandlung durch die deutschen Bewacher im Vordergrund. Es ist daher in vielen Fällen nicht möglich, Rückschlüsse auf die genaue Lage der Unterkünfte zu ziehen.




[1] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Bechelloni, Deportati E Internati della Sicilia, S. 36; Ferrara, La vera storia deglui uffiviali italiani deportati nel campo di Unterlüss, http://www.associazioni.milano.it/aned/tr_udine/1998/1/article/1998-1--A-6.htm , abgerufen am 08.04.2019, 19:33; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[2] Guaresch, Relazioni Testimonianze, in: Il Grande Diario, S. 3; Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: mittlerweile wachsen Bäume im Bereich des ehemaligen Barackenlagers - es ist aus einiger Entfernung daher praktisch nicht mehr zu erkennen. Quelle: H. Altmann.

Dennoch finden sich stichhaltige Hinweise dafür, dass die italienischen Militärinternierten in dem, sich noch im Bau befindlichen, Barackenlager westlich des Großen Kains untergebracht worden sind. Unter anderem heißt es, dass die Italiener in einem Barackenlager in drei Kilometer Entfernung zum Flugplatz Dedelstorf untergebracht waren.[1] Die Relikte des Barackenlagers westlich der Straßenkreuzung am Großen Kain, liegen exakt drei Kilometer vom ehemaligen Flugplatz entfernt.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  

Bild: Bausandgrube im nordöstlichen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 18. Februar – also am Folgetag nach der Ankunft in der Gegend – wurden die Italiener in Gruppen für die Arbeit eingeteilt und zum Barackenlager gebracht.[1] Diego Are, der als Offizier interniert worden war, hielt die Ereignisse in seinem Tagebuch[2] folgendermaßen fest:

„Sie teilten uns in Dreiergruppen ein. Meine Gruppe kommt nach drei Kilometern, mitten in dem Flugzeuge versteckenden Fichtenwald, an einen Punkt wo Baracken hergestellt werden. Von einigen ist bereits die Decke zu sehen, von den anderen ist nur die Basis erstellt. Hilfsarbeiter zeigen uns unsere Arbeit: Wagen aufladen, „Populit-Platten“ transportieren, Erdboden begradigen.“

Aufgrund der hohen Belegung mit Flugzeugen, mussten diese teilweise in den Auflockerungsbereichen des Flugplatzes abgestellt werden. Hierzu wurden in der Nordwestecke und in der Südwestecke zu beiden Seiten der Landstraße zwischen Steinhorst und Hankensbüttel Lichtungen in die dort befindlichen Wälder geschlagen.[3] In diesen Bereichen wurden anschließend sogenannte Splitterschutzwälle aufgeschüttet und Flugzeuge abgestellt. Es liegt nahe, dass die italienischen Internierten auf dem Weg vom Flugplatz zum Barackenlager an solchen Abstellplätzen vorbeikamen.

Die Erwähnung von „Populit-Platten“ im Tagebuch[4] von Diego Are ist ebenfalls interessant. Bei Populit handelte es sich um einen experimentellen Zement-Baustoff, der mit Fasern von Pappeln und Algen vermischt wurde. Der Baustoff kam auch zur Zeit des Dritten Reiches zum Einsatz. Im Bereich des Barackenlagers westlich des Großen Kains finden sich noch heute zerbrochene Reste dieser alten Populit-Platten.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  
[3] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 102.
[4] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.  

Bild: Reste von "Populit-Platten" - die Überreste finden sich überall im Areal des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Aufgrund der allgemeinen Entkräftung und Erschöpfung, die maßgeblich auf die Verhältnisse im Oflag 83 zurückzuführen war, kam es zwischen dem 18. Und 24. Februar 1945 zu einer kollektiven Arbeitsverweigerung durch die italienischen Offiziere.[1] Einerseits sahen sich die Internierten körperlich außerstande die schwere Arbeit zu verrichten – darüber hinaus lehnte man es offenbar auch ab die deutsche Kriegswirtschaft aktiv zu unterstützen.[2] 

Nachdem Verhandlungsversuche ergebnislos verlaufen waren, erschienen laut Zeitzeugenberichten am 24. Februar 1945 Beamte der Gestapo im Lager.[3] Offenbar zur Machtdemonstration und als Strafmaßnahme wurden Schwache und Kranke ausselektiert – den Quellen nach schwanken die Angaben hierzu zwischen 21[4] und 25[5] Personen. Diego Are hielt hierzu fest[6]:

„Der Dolmetscher der Gestapo gibt bekannt, dass diese 25 Arbeiter ins Straflager geschickt werden und meldet, dass allen die nicht arbeiten wollen, das gleiche geschehen wird.“

Hierauf berichten die vorliegenden Quellen einheitlich, dass sich mehrere (40 oder 44) weitere der italienischen Internierten neben die soeben ausgewählten Personen gestellt hätten.[7] Sowohl die unfreiwillig ausgewählten, als auch die freiwillig hervorgetretenen Offiziere wurden schließlich in das Arbeitserziehungslager nach Unterlüß überstellt.[8] Ungeachtet dieses Vorgangs ging der Arbeitseinsatz für die in Dedelstorf verbliebenen Italiener weiter.




[1] Guaresch, Relazioni Testimonianze, in: Il Grande Diario, S. 3; Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 77.
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[3] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 78.
[4] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 82.
[5] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[6] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[7] Parodi, Gli Eroi Di Unterlüss, S. 82; Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109; Bechelloni, Deportati E Internati della Sicilia, S. 36; Ferrara, La vera storia deglui uffiviali italiani deportati nel campo di Unterlüss, http://www.associazioni.milano.it/aned/tr_udine/1998/1/article/1998-1--A-6.htm , abgerufen am 08.04.2019, 19:33; Beiletti / Di Giorgi, Rapporto sul Campo 83 – Wietzendorf, S. 21.
[8] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 373.

Bild: überall im Bereich des ehemaligen Barackenlagers liegen Trümmer verstreut. Quelle: H. Altmann.

Diego Are, der ebenfalls in Dedelstorf verblieb, schilderte in seinem Tagebuch den weiteren Verlauf der Arbeiten im März und Anfang April 1945. Die italienischen Internierten mussten in dieser Zeit Forstarbeiten ausführen und hierbei schwere Baumstämme per Hand transportieren.[1] 

In der Anlage zum Befehl OKL Gen.Qu. (Abt. LwBod.Org.II) vom 20. Dezember 1944 („Silberprogramm“) wurde für den Standort Dedelstorf angegeben: „Flugplatz, Ausbau einer Landstraße als Behelfsstartbahn, außerdem Startbahnneubau 1.700 x 50 m“.[2] 

Da vorhandenen Startbahnen für die neu entwickelten Düsenflugzeuge zu kurz waren, sollte der Startbahnneubau den Flugplatz für den Einsatz dieser neuartigen Waffen aufwerten. Im westlichen Bereich musste daher ein größerer Bereich von Bäumen befreit werden, wobei sehr wahrscheinlich die italienischen Internierten zum Einsatz gekommen sind.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[2] Zapf, Flugplätze der Luftwaffe 1934 – 1945 – und was davon übrig blieb, Bd. 7, S. 105.

Bild: Reste von Fundamenten im Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 8. März 1945 findet sich ein weiterer Eintrag im Tagebuch[1] von Diego Are, der Bezug auf das Barackenlager nimmt:

„Wir verlassen die Kaserne des Flugplatzes und wechseln dorthin, wo die Baracken gebaut werden – drei Kilometer entfernt. Die erste Baracke ist bedeckt, aber noch nicht fertig. Sie ist für unsere Unterbringung bestimmt. Das Wasser wird aus der Erde geholt, wozu man durch einen engen Gang hinuntergeht.“




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Grube im zentralen Bereich des ehemaligen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Am 29. März 1945 wechselten die Italiener offenbar zurück in die Kasernen.[1] Am 7. April, also knapp eine Woche vor der Ankunft der US Truppen, wurden die italienischen Internierten nach Celle geschickt, „um den Bahnhof von Trümmern zu befreien“, wie Diego Are in seinem Tagebuch[2] vermerkte. „Besser so. Wir nähern uns der Front und der Freiheit,“ so Are weiter. 

Allerdings könnte insoweit eine Verwechselung vorliegen, da der Celler Bahnhof erst am 8. April 1945 durch einen schweren alliiertenBombenangriff getroffen wurde und daher die Datumsangabe nicht ganz exakt ist.




[1] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.
[2] Are, Nebbia & Girasoli, S. 108-109.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

In Steinhorst scheint man von diesen Ereignissen offenbar so gut wie nichts mitbekommen zu haben. Erst nach Kriegsende machten Gerüchte die Runde, dass dort ein Konzentrationslager gebaut werden sollte.[1] Dies traf zwar nicht zu - vielmehr entstand dieses Gerücht aus den spärlichen Informationen vorhanden waren. Die älteren Steinhorster, also diejenigen die das Kriegsende bereits als Erwachsene erlebten, berichteten nach Ende des Krieges offenbar nur wenig über die Zusammenhänge. 

Es wurde nicht darüber gesprochen, man fragte nicht danach – man wollte das lieber nicht so genau wissen.[2] Ursprünglich stand das Land, auf dem das Barackenlager westlich der heutigen Bundesstraße 4 errichtet wurde, im Eigentum der Familie des ehemaligen Bürgermeisters Hasselmann. Doch offenbar erhielten auch die einstigen Eigentümer keine genauen Informationen darüber, zu welchem Zweck das Gelände genutzt werden sollte. 




[1] Hr. Hasselmann, Gespräch am 28.03.2019; Fr. Pagel, Gespräch am 04.04.2019.
[2] Hr. Hasselmann, Gespräch am 28.03.2019.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Bodenplatten für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Bild: betonierte Fundamente für ehemalige Baracken - heute vollkommen überwachsen. Quelle: H. Altmann.

Die Bandbreite der heute vorliegenden Zeitzeugenberichte reicht von Darstellungen, wonach an Ort und Stelle noch keine Baracken gestanden hätten bis hin zu Aussagen denen zufolge Fundamente, niedrige Mauern, gemauerte Kaminanschlüsse und Baumaterial vor Ort vorzufinden waren. 

Angehörige Soldaten des Dedelstorfer Flugplatzes berichteten später, dass sie auf ihrem Weg nach Steinhorst mit dem Fahrrad an dem Barackenlager vorbeikamen und manchmal sogar eine geladene Pistole dabei hatten – aus Sorge vor Überfällen von Arbeitern aus dem Lager.[1] Demzufolge sollen sich auch bereits Wachmannschaften bei dem Barackenlager befunden haben.[2]

Der Bau des Barackenlagers begann – einigen Zeitzeugen zufolge – bereits im August / September 1944.[3] Der Ausbau des Lagers war demzufolge jedoch bei Kriegsende noch längst nicht abgeschlossen. Vor Ort waren noch viele Baumaterialien vorhanden, die kurz nach Ende des Krieges von der Steinhorster Bevölkerung abgeholt wurden.[4] 

Im Bereich des Barackenlagers sollen sich bei Kriegsende demzufolge auch Teile gezimmerter Dachstühle befunden haben, die zusammen mit weiterem Baumaterial von der ortsansässigen abtransportiert wurden. Das Baumaterial wurde für verschiedene private Bauprojekte in Steinhorst verwendet – unter anderem zum Bau von Baracken an der Lachte. 

Zwischen Steinhorster Feuerwehrgebäude und dem heutigen Haus der Gemeinde entstanden bereits 1946 Unterkunftsbaracken für Polizeischüler.[5] Diese Baracken wurden anschließend mit Flüchtlingsfamilien belegt und später abgerissen. 




[1] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[2] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[3] Fr. Pagel, Gespräch am 04.04.2019; Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019.
[4] Fr. Scheller, Gespräch am 14.04.2019; Hr. Lamprecht, Gespräch am 14.04.2019.
[5] Müller, Heideort Steinhorst Niedersachsen: Geschichte, in: https://steinhorster.blogspot.com/p/blog-page_16.html, abgerufen am 13.04.2019, 11:08 Uhr.

Bild: Abriss der ehemaligen Polizei-Baracken. Quelle: urspr.: Fr. Drögemüller, Steinhorst; zur Verfügung gestellt von Hans-Hartmuth Müller, Steinhorst, Blog: https://steinhorster.blogspot.com/ .

Bild: Abriss der ehemaligen Polizei-Baracken. Quelle: urspr.: Fr. Drögemüller, Steinhorst; zur Verfügung gestellt von Hans-Hartmuth Müller, Steinhorst, Blog: https://steinhorster.blogspot.com/ .

Nach dem Abriss der Baracken an der Lachte gelangte auch dieses Baumaterial in privaten Gebrauch. Unter anderem kamen Teile der gezimmerten Dachstühle beim Bau eines Schuppens der Familie Pagel zum Einsatz. 

Die Holzsparren stammen offenbar von einer Dachseite – stellen also lediglich die Hälfte eines kompletten Dachstuhls dar. Insgesamt weisen sie eine Breite von 2 x 7,00 m, d.h. 14,00 m auf und entsprechen somit genau der Breite der Baracken, die sich einst westlich des Großen Kains befunden haben.

Bild: Dachsparren im Schuppen von Georg Pagel - sie stammen von den ehemaligen Polizeibaracken. Zuvor sollen diese Dachsparren vom einstigen Barackenlager am Großen Kain abtransportiert worden sein. Quelle: H. Altmann.

Georg Pagel erinnert sich daran wie er als Jugendlicher mit seinem Vater, der seinerzeit Jagdaufseher war, lange Zeit nach Kriegsende in den Wäldern westlich des Großen Kains unterwegs war. Aus Neugier stieg er einige Stufen in einen alten Keller hinab – wurde jedoch von seinem Vater zurückgerufen. 

Dieser sorgte sich offenbar vor herumliegender, alter Munition. In den 1970er Jahren waren die Baulichkeiten des Barackenlagers demnach offenbar noch zu Teilen vorhanden – erst in den 1980er Jahren rückten Planierraupen an, um die Trümmer zusammenzuschieben.

Bild: Trümmerreste im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Bild: Trümmerreste im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Im Zuge der Beseitigung des Barackenlagers wurden die oberflächlich erhaltenen Gebäudestrukturen weitgehend zerstört. Erhalten geblieben sind lediglich einige der massiven, gegossenen Fundamente im Untergrund sowie die großen Bodenplatten der einstigen Barackengebäude. 

Kellerräume existierten vor Ort – nach bisherigen Erkenntnissen – offenbar nicht. Möglicherweise verfügten die Baracken über eine Art Parterre zu dem einige Stufen hinab führten. Die Anlage tiefer liegender Kellerräume erscheint vor dem Hintergrund, dass oberirdisch ausreichend Platz für eine Vielzahl weiterer Barackengebäude zur Verfügung stand, aus Effizienzgründen daher nicht sinnvoll.

Bild: Reste einer ehemaligen Kloake im Bereich des einstigen Barackenlagers am Großen Kain. Quelle: H. Altmann.

Bild: Fundamente im Bereich des einstigen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Bild: Fundamente im Bereich des einstigen Barackenlagers. Quelle: H. Altmann.

Teilweise wurden die verschütteten Gemäuer mit dem damals umher liegenden Schrott verfüllt. So fanden sich in einer betonierten Vertiefung, die einst vermutlich als Kabelschaft oder Teil der Kanalisation vorgesehen war, einige alte Konservendosen, ein Deckel einer alten Feldflasche, Porzellanscherben sowie eine Vielzahl weiterer kleinteiliger Relikte. 

Bild: Konservendosen und weiterer Müll, der in einer betonierten Vertiefung vorgefunden wurde. Quelle: H. Altmann.


Insbesondere die kleineren Objekte geben weitere Hinweise auf die Geschichte des Barackenlagers. Ein Knopf, der die Beschriftung "Militaires Equipment" trägt, stammt aus französischer Produktion. Wie er zwischen den anderen Schrott im Loch gelangte, ist allerdings kaum noch zu klären. Möglicherweise wurde lediglich alte Militärkleidung entsorgt. 

Bild: französischer Uniformknopf - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.


Andere Objekte legen indessen nahe, dass sich im Lager möglicherweise Insassen bzw. Arbeiter verschiedener Nationalitäten befunden haben. So fand sich im Müll, in einer Vertiefung des Fundaments, eine Ein-Dinar-Münze aus Serbien - geprägt 1942. Serbien ging als Bündnispartner des Deutschen Reiches nach dem Umsturz in Rumänien im Spätsommer 1944 verloren. Während des Krieges waren allerdings bereits zahlreiche Arbeitskräfte ins Reichsgebiet gelangt.  


Bild: 1 Dinar, Münze - Serbien, 1942 - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament, Rückseite. Quelle: H. Altmann.

Bild: 1 Dinar, Münze - Serbien, 1942 - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament, Vorderseite. Quelle: H. Altmann.

Andere Objekte wiederum legen nahe, dass das Lager bei Kriegsende zu Teilen fertiggestellt worden sein könnte. So fanden sich massive Eisennägel, die offensichtlich zur Befestigung dickerer Holzbalken verwendet worden sein müssen. Dies lässt vermuten, dass die Arbeiten an den Baracken über bloße Fundamentierungsarbeiten hinausgegangen sein müssten. 


Zu welchem Gebäudeteil die Nägel, bzw. die Holzbalken gestammt haben, kann man nicht ohne Weiteres sagen. Allerdings sprechen ebenfalls einige der Zeitzeugen davon, dass die Baracken bei Kriegsende teilweise fertiggestellt waren bzw. Bauteile aus Holz vor Ort gelagert wurden. 


Bild: Eisennagel für einen Holzbalken - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Eine verbogene Fassung einer alten Glühbirne befand sich ebenfalls im Müllloch. Der Bauart nach kann dieses Objekt ebenfalls aus der Zeit stammen, in der das Barackenlager entstand. 

Bild: verbogenes Bauteil einer alten Glühbirne - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Das aufgefundene Bauteil der Glühbirne legt den Schluss nahe, dass vor Ort bereits elektrisches Licht vorhanden gewesen sein müsste. Dies wiederum lässt vermuten, dass sich das Lager zu Teilen bereits in Verwendung befand. 

Zweifelsfrei belegen lässt sich dies anhand eines einzelnen Zufallsfundes freilich nicht. Allerdings sprechen die vorliegenden Indizien sehr stark dafür, dass einige Gebäude des Lagers bei Kriegsende bereits kurz vor ihrer Fertigstellung standen bzw. die Bauarbeiten an ihnen schon beendet werden konnten. 


Bild: verbogenes Bauteil einer alten Glühbirne - aufgefunden zwischen sonstigem Müll in verfüllten Fundament. Quelle: H. Altmann.

Im Ergebnis ist festhalten, dass zwischen dem Großen Kain und Steinhorst kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein großes Barackenlager entstehen sollte. Inwiefern dieses bei Kriegsende bereits fertiggestellt war, konnte abschließend nicht geklärt werden.  

Zeitzeugen haben hierzu unterschiedliche Angaben gemacht. In einigen der Berichte heißt es, dass es nie ein solches Barackenlager gegeben habe oder dieses nicht bezugsfertig gewesen sei. Andere wiederum berichteten, dass einzelne Gebäude schon genutzt worden seien. 


Unabhängig davon führen die baulichen Relikte vor Ort eindeutig zu dem Schluss, dass sich dort einst mehr als lediglich Fundamente befunden haben. Obwohl die vorhandenen Gebäudeteile größtenteils als günstiges Baumaterial abtransportiert wurden, sind die Spuren des Lagers heute noch auffindbar. 


Laut den vorliegenden Quellen sollte das Barackenlager als Unterkunft für Arbeitskräfte dienen, die unter anderem bei Baumaßnahmen im Bereich des ehemaligen Flugplatzes Dedelstorf eingesetzt wurden. Die Aufzeichnungen ehemaliger italienischer Militärinternierter legen nahe, dass diese ebenfalls beim Bau des Lagers mitwirkten und dieses offenbar auch zeitweise als Unterkunft nutzen sollten bzw. bereits taten. 


Bisher war über das Barackenlager und seine Geschichte so gut wie nichts bekannt. Anwohnern aus Steinhorst kannten die Zusammenhänge nur vom Hörensagen und alten Gerüchten. In Gesprächen mit älteren Steinholstern wurde deutlich, dass über das Lager  von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis heute nicht besonders viel gesprochen wurde. Da die Fundamente und Relikte des Barackenlagers sich an einer recht abgelegenen Stelle befinden, geriet die Geschichte in Vergessenheit. Man fragte nicht danach und man sprach nicht darüber. 


Aus heutiger Sicht zeigen die Zusammenhänge recht deutlich, wie einfach es im Dritten Reich gewesen ist, Lager in unmittelbarer Nachbarschaft zu besiedelten Gebieten zu errichten, ohne dass dies von der breiten Masse der Zivilbevölkerung hinterfragt worden wäre. 


Umso wichtiger ist es, die einstigen Geschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren, damit sie nicht vergessen bleiben. 

H. Altmann





Dienstag, 30. April 2019

Vortragsveranstaltung am 19.05.2019



Von Straßen und Schienen - Entwicklung der Infrastruktur in Offensen-Schwachhausen 

Bild: Hans-Heinrich Heidmann mit dem Originalschild des Offensener Bahnhofs vor dem ehemaligen Bahnsteig. Quelle: Wilfried Hasselmann.  


Das Chronikteam führt am Sonntag, den 19. Mai 2019 um 15.00 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Offensen-Schwachhausen eine weitere Vortragsveranstaltung im Rahmen der Erstellung der Dorfchronik durch. 

Hans-Heinrich Heidmann spricht zuerst über die Eisenbahnstrecke Celle-Gifhorn. Bei der Vorstellung der Versammlungsprotokolle der damals noch selbstständigen Gemeinden Offensen und Schwachhausen zwischen 1890 und 1911 wird deutlich, dass auch schon früher Infrastrukturentscheidungen recht lange dauerten. Nach dem Bericht über den Bau des Offensener Bahnhofs mit der zugehörigen Verladerampe im Jahr 1913 geht er auf die Dreharbeiten zum Film Kongo-Expreß ein. 

Die 1947 erbaute Bahnhofsgaststätte mit der Brückenwaage, die Nutzung der Rampe für das Verladen von Kartoffeln und Zuckerrüben sowie die Fahrten mit den Schienenbussen zur Schule in Celle oder Westercelle werden bei vielen Anwesenden Erinnerungen an vergangene Zeiten wachrufen. 

Der zweite Teil der Vortragveranstaltung beginnt mit der Vorstellung der Straßen und Wege einschließlich der Brücken und Furten in der Zeit vor den Agrarreformen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach 1860 wurde das heute noch weitgehend vorhandene Straßennetz in den Ortschaften Offensen und Schwachhausen wie auch in den beiden Gemarkungen nahezu komplett neu erstellt. Bei den Ausführungen über die Straßenbefestigungen innerhalb der Ortschaften um 1900 werden alte Aufzeichnungen und Lieferscheine gezeigt. Berichte über den Wirtschaftswegebau beginnend in den 1950er Jahren und die Pflasterarbeiten des Bürgersteigs durch die Offensener Anlieger 1977 beschließen die Vortragsveranstaltung. 

Wir freuen uns auf viele Besucher und ein reges Interesse. 

Gäste sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei. 

Vorstand des Heimatvereins Offensen-Schwachhausen e.V. 


Hinweise zu der Veranstaltung: 

Veranstaltungsort: Dorfgemeinschaftshaus Offensen-Schwachhausen
Adresse: Offensen, Spitzweg
Datum: 19.05.2019, 15:00 Uhr
Eintritt : frei

Donnerstag, 11. April 2019

Blickwinkel #10 - Celle, Bahnhofstraße


Schon in früheren Zeiten entstanden in Stadt und Landkreis herrliche Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten, Straßenszenen und alltäglichen Begebenheiten. Manchmal sticht erst beim direkten Vergleich mit heutigen Aufnahmen ins Auge, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. In der Serie Blickwinkel werden alte Fotografien im historischen und lokalen Kontext vorgestellt. 

Die folgende Aufnahme unbekannten Entstehungsdatums stammt von einer Postkarte, die im Oktober 1915 von Celle nach Charlottenburg gelaufen ist. Die Aufnahme zeigt die Bahnhofsstraße zur Rechten mit Blickrichtung zur Innenstadt und zur Linken die Trittanlagen. Im Zentrum des Fotos ist die ehemalige Straßenbahnstrecke mit einem darauf fahrenden Triebwagen zu erkennen. 

Bild: Parte an der Bahnhofstraße. Quelle: Postkarte, 1915; Archiv Altmann. 

Die Celler Straßenbahn existierte zwischen 1905 und 1956. Der Bahnhof bildete die Endhaltestelle der Linie, die über den Großen Plan, über den Markt und bis zum Depot am Berggarten führte. An der Szene der Postkarte hat sich ansonsten kaum etwas verändert. Lediglich die mittlere Baumreihe ist verschwunden und das Gebäude der heutigen Sparkasse ist hinzugekommen.  

Bild: Ansicht heute. Quelle: Altmann, 2019. 



Bild: Ansicht heute / damals im direkten Vergleich. Quelle: Altmann, 2019. 


H. Altmann




Dienstag, 2. April 2019

Spektakulärer Fund in Winsen (Aller)



Nicht schlecht gestaunt haben Anwohner des Campingplatzes "Wachholderpark" bei Winsen, als im Zuge von Bauarbeiten vermeintliche Gehwegplatten aufgenommen wurden. Bei der Aktion kam ein spektakulärer Fund ans Tageslicht. 

Die unscheinbaren Platten bildeten seit vielen Jahren die Umrandung einer Gartenlaube und waren bereits vorhanden, als der heutige Eigentümer das Grundstück erwarb. Bei den aktuellen Baumaßnahmen wurden die Platten erstmalig umgedreht, sodass ihre Unterseiten sichtbar wurden. Hierauf waren regelmäßige Strukturen schwach erkennbar, die sich nach behutsamer Reinigung als alte Landkarten herausstellten. 

Bild: vermeintliche "Gehwegplatten". Quelle H. Altmann. 

Bei genauerem Hinsehen konnte festgestellt werden, dass es sich bei den Karten um topografische Messtischblätter der preußischen Landesaufnahme im Maßstab 1:25.000 handelt. Allerdings wurden die Karten nicht als solche aufgefunden, sondern vielmehr originale Steindruckplatten, die bei der Herstellung der eigentlichen Karten verwendet worden sind. 

Bild: Karte auf der oberen Steinplatte. Quelle H. Altmann. 

Das Kartenwerk der preußischen Landesaufnahme entstand in seiner Erstausgabe zwischen 1877 und 1912 nach neuer Triangulation und neuer topografischer Aufnahme. In den folgenden Jahren wurden die Karten durch Folgeausgaben ergänzt und fortgeführt. Eine der vorliegenden Druckplatten weist hierzu den folgenden Hinweis aus: 

"Herausgegeben von der Preußischen Landesaufnahme 1902
Reichsamt für Landesaufnahme berichtigt 1924
Einzelnachträge 1936"  

Bild: oben: Negativ - für den Druck, unten: in Positiv umgewandelt. Quelle H. Altmann. 

Die Steindruckplatten bestehen aus zwei zusammengesetzten Steintafeln, wobei die jeweilige Karte als Negativ in die obere Platte sehr fein eingraviert wurde. Das Material dieser Abdruckplatte ist sehr fein, sodass bei der Drucklegung keine Verunreinigungen durch die Körnung eintreten konnten. Beachtlich ist das hohe Gewicht der Druckplatten - mit rund 50 - 60 kg sind sie gewiss alles andere als handlich. 

Bild: die Druckplatten wurden aus zwei Materialien zusammengesetzt. Quelle H. Altmann. 

Wie die Platten an Ort und Stelle gelangten ist bisher nicht geklärt. Offenbar muss sie ein Vorbesitzer der Parzelle dorthin geschafft haben. Die bisher aufgenommenen Druckplatten geben leider auch keinen Hinweis darauf, aus welcher Gegend sie stammen mögen, da die dargestellten Karten aus völlig unterschiedlichen Gegenden Niedersachsens stammen. So zeigt ein Kartenblatt beispielsweise die Gegend von Uchte, südwestlich von Nienburg / Weser. 

Bild: Druckplatte im Fundzustand. Quelle H. Altmann. 

Wie hoch der Wert der Druckplatten ist, bzw. ob sie überhaupt einen solchen haben, ist fraglich. Der Stand der Karten ist natürlich stark veraltet und das Druckverfahren längst überholt. So kämen höchstens Sammler oder Museen in Frage, falls sich ihr aktueller Eigentümer davon trennen möchte. 

Hiervon unbenommen bleibt festzuhalten, dass es sich um einen wirklich erstaunlichen und spannenden Fund handelt, der erneut beweist, dass es sich durchaus lohnen kann, sich manche Steine ganz genau anzuschauen. 

H. Altmann



Donnerstag, 28. März 2019

Der ehemalige Truppenübungsplatz bei Klein Hehlen



Ehemaliger Truppenübungsplatz vor der Haustür: als in Klein Hehlen für den Zweiten Weltkrieg geübt wurde...

Auf der historischen Luftaufnahme sind die zickzackförmigen Splitterschutzgräben gut erkennbar – heute befinden sich an Ort und Stelle Häuserreihen und Vorgärten. Alteingesessenen Klein Hehlenern ist dieses Kapitel der Ortsgeschichte sicher noch bekannt. Jüngere werden dagegen vermutlich nicht ahnen, dass in der Nähe des Dorfes einst einen Truppenübungsplatz der Wehrmacht gegeben hat. Informationen zu diesem militärischen Gelände sind heute augenscheinlich kaum noch vorhanden. Aktuelle Recherchen brachten allerdings neue Details hierzu ans Tageslicht.

Mit Wirkung zum 1. April 1939 wurde der Ort Klein Hehlen aus dem Landkreis in den Stadtkreis Celle eingegliedert. Aufschluss hierüber liefert unter anderem das von dem Hilfsschullehrer Müsche im Jahr 1948 fertiggestellte „Dorfbuch von Klein Hehlen“. Allerdings musste der Ort in den letzten Jahren seines eigenständigen Bestehens noch große Entbehrungen verkraften. Hierzu zählten vor allem die Geländeabtretungen für die Errichtung der Kasernen an der heutigen Hohen Wende sowie Abgabe von Gemeindeflächen für die Nutzung als Truppenübungsplatz.

Bereits im 19. Jahrhundert, also zu Zeiten der Belegung durch das 2. Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 77, verfügte die Celler Garnison über einen großen Exerzierplatz auf der Scheuener Heide.[1] Der Platz befand sich gut eine Stunde Fußmarsch entfernt von den Celler Kasernen und wurde sowohl zu preußischer Zeit als auch zwischen den beiden Weltkriegen genutzt. 

Insbesondere die restriktiven Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags motivierten die Reichswehrführung nach dem Ersten Weltkrieg neuartige Technologien und Truppengattungen einzuführen.[2] Vor diesem Hintergrund erhielt Celle ab Oktober 1937 unter anderem eine ständige Belegung mit Einheiten der neu eingeführten „Werfer-“ bzw. „Nebeltruppe“[3] und gut ein Jahr später die Heeresgasschutzschule[4]. Bereits zur Mitte der 1930er Jahre war das Militär wohl zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor in Celle geworden.[5]

Bild: Soldaten der 1. Nebel-Abt. bei Marschierübungen in der ehem. v. Steckt-Kaserne an der Hohen Wende um 1938. Quelle: Fotoalbum, 1. Nebel-Abt., Archiv Altmann.

Ein vom einstigen Oberbürgermeister Ernst Meyer unterzeichneter Vermerk vom 1. Mai 1934 liefert Hinweise auf militärische Umstrukturierungen und das Bauprogramm seitens der Heeresverwaltung.[6] Demzufolge war noch nicht geklärt, welche Truppenkontingente nach Celle verlegt werden sollten – man plante allerdings bereits mit dem Eintreffen mindestens eines Infanterie-Bataillons sowie einer Abteilung schwerer Artillerie. Durch die Anlage der Heeresmunitionsanstalt Scheuen verkleinerte sich die Fläche des dortigen Exerzierplatzes auf ca. 160 ha. Der Vermerk konstatiert, dass für die neu eintreffenden Truppen eine Platzgröße von mindestens 180 ha erforderlich sei.

In einer Besprechung am 15. Mai 1934 wurde der Plan konkretisiert, einen neuen Truppenübungsplatz südlich der Landstraße zwischen Klein Hehlen und Boye zu errichten.[7] Das Gelände, im Süden durch die Aller begrenzt, lag in nur ca. 4 km Entfernung zur neuen von-Seeckt-Kaserne. Die Schießbahnen auf dem Scheuener Übungsgelände sollten dem Militär unabhängig von der Verlegung des Truppenübungsplatzes weiterhin zur Verfügung stehen. 

Der Celler Oberbürgermeister zeigte sich diesen Planungen gegenüber zunächst aufgeschlossen, obwohl der Heeresverwaltung im Rahmen des Geländetausches deutlich wertvollerer Grundbesitz zufiel und die Stadt mit einem Verlust von „sicherlich ½ Million“ Reichsmark rechnen musste. Auch war klar, dass das Gelände bei Klein Hehlen nach den Vorstellungen des Militärs umgestaltet werden musste. Hierzu waren umfangreiche Abholzungen erforderlich, die ganz nach den Erfordernissen der Heeresverwaltung ausgeführt werden sollten.



[1] Schimmelpfeng, Geschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regts. Nr. 77, 1913, S. 100.
[2] Fleischer, Deutsche Nebelwerfer 1934 – 1945, in: Waffen-Arsenal, S.Bd: S-40, S. 4.
[3] Tessin, Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen SS im Zweiten Weltkrieg 1939 – 1945, Bd. 14, S. 141.
[4] Möller, Celle-Lexikon, S. 163.
[5] Rohde/Wegener, Celle im Nationalsozialismus, S. 73.
[6] Vermerk aus der Besprechung mit Ministerialrat Drescher, Reichswehrministerium, StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.
[7] Vermerk aus der Besprechung zwischen Oberstleutnant Pflugradt, einem Vertreter der Kommandantur Braunschweig, dem Adjutanten Oberleutnant Pauli und Oberbürgermeister Meyer, StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.

Bild: Lage des ehem. Truppenübungsplatzes bei Kl. Hehlen. Quelle: Messtischblatt 1932, Ergänzungen anhand Planskizze aus StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.

Bereits wenige Tage später, am 19. Mai 1934, äußerte der Celler Oberbürgermeister jedoch „grundsätzliche Bedenken“ an dem Vorhaben.[1] Zur Begründung führte er an, dass die geplante Fläche bei Klein Hehlen rund 1/3 der Gemeindefläche umfasse und die örtlichen Bauern insbesondere durch den Verlust ihrer Weidegründe an der Aller enorm geschädigt würden. 

Alternativ offerierte der Oberbürgermeister dem Militär einen anderweitigen Geländevorschlag, der zu Teilen die weiter westlich befindliche Hambührener Gemarkung betraf. Postwendet wurde Oberbürgermeister Meyer von der Heeresverwaltung darüber aufgeklärt, dass seine Option aufgrund fehlender Visiermöglichkeiten für Artillerieübungen ausschiede.[2] 

Man einigte sich im Fortgang im Wege eines Kompromisses, sodass wenigstens einige Weidegründe den Klein Hehlener Bauern erhalten blieben. Zwischen 1935 und 1936 lief das Enteignungsverfahren in dessen Ergebnis das Gelände schließlich als Truppenübungsplatz umgestaltet werden konnte.


Bild: Soldaten der 1. Nebel-Abt. bei einer Übung - Flussüberquerung über die Aller, 1938. Quelle: Fotoalbum, 1. Nebel-Abt., Archiv Altmann.

Wie es bei militärisch genutzten Bereichen üblich ist, erhielt fortan nur noch ein abgeschlossener Personenkreis Zutritt zum Gelände – die Quellen zum laufenden Übungsbetrieb sind daher recht überschaubar. Historische Luftaufnahmen vom 24.03.1945 zeigen jedoch die Ausdehnung, die Geländenutzung und sogar vereinzelte Stellungen sowie vereinzelte Zickzack-Gräben im südöstlichen Bereich des Truppenübungsplatzes. Die letztgenannten Splitterschutzgräben lagen auf der Fläche, die sich heute östlich der Leberstraße, südlich der Witzlebenstraße und westlich des Wilhelm-Heinichen-Rings befindet.



[1] Schreiben Ernst Meyer an Oberstleutnant Pflugradt vom 19.05.1934, StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.
[2] Schreiben des Celler Oberbürgermeisters an den Stadtsyndikus Vogel vom 22.05.1934, StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.

Bild: Luftbildausschnitt, Stellungen auf dem Truppenübungsplatz Kl. Hehlen. Quelle: National Archive, NARA, Archiv Altmann.

Es stellt sich die Frage, wie sich der Truppenübungsplatz nach Kriegsende entwickelte – schließlich ist er mittlerweile vollständig aus dem Landschaftsbild verschwunden. Aufschluss geben hierzu Aktenbestände im Niedersächsischen Landesarchiv in denen die Wehrmachtsanlagen im Landkreis Celle nach Kriegsende erfasst worden sind. Laut einem Vermerk der Bezirksplanungsbehörde vom 29. Oktober 1945 waren einzelne Flächen direkt nach Ende des Krieges wieder in eine landwirtschaftliche Nutzung überführt worden.[1] 

In einem Schreiben der Kreisbauernschaft an das Landratsamt vom 12. Dezember 1945 heißt es hierzu: „was Kulturland war, ist bereits verpachtet und wird an die früheren Besitzer des Ortes Kl. Hehlen zurückgegeben. Der Rest ist nur zur Aufforstung geeignet.“[2] Das Landratsamt des Landkreises Celle äußerte sich mit einem Schreiben an die Bezirksplanungsbehörde am 20. Dezember 1945 dahingehend, dass der Übungsplatz bei Klein Hehlen ohne Gebäude sei und mit Hinblick auf seine ungünstige Verkehrslage für eine Nutzung zu gewerblichen Zwecken ausscheide.[3]

Bis das Gelände wieder vollständig in zivile Nutzung überführt werden konnte, verging offenbar noch einige Zeit, da die britische Militärverwaltung das Areal nicht freigab. „Bemühungen auf Freigabe sind seit ungefähr 2 Jahren im Gange“, heißt es hierzu in einem Schreiben des Celler Oberkreisdirektors an das Niedersächsische Innenministerium sowie an das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr vom 24. April 1948.[4] 


[1] Vermerk der Bezirksplanungsbehörde vom 29.10.1945, Nds. 120 Lüneburg, Acc. 51/79 Nr. 61.
[2] Schreiben der Kreisbauernschaft an das Landratsamt vom 12.12.1945, Nds. 120 Lüneburg, Acc. 51/79 Nr. 61.
[3] Schreiben des Landratsamtes des Landkreises Celle an die Bezirksplanungsbehörde vom 20.12.1945, Nds. 120 Lüneburg, Acc. 51/79 Nr. 61.
[4] Schreiben des Celler Oberkreisdirektors an das Niedersächsische Innenministerium sowie an das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr vom 24. April 1948, Nds. 120 Lüneburg, Acc. 51/79 Nr. 61.

Bild: Luftbild, Kl. Hehlen, Lage des ehem. Truppenübungsplatz. Quelle: NLD, Bildflug F025181, M.: 1:32.000, 1981. 

Tatsächlich kam es in der Nachkriegszeit zu einer Weiternutzung des Truppenübungsplatzes durch die britischen Besatzungstruppen. Zeitzeugen aus Klein Hehlen erinnern sich heute noch an einzelne Manöver, die britische Streitkräfte auf dem Areal ausübten. 

Heute ist das ehemalige Übungsgelände links und rechts des Wilhelm-Heinichen-Rings längst zu einem Stadtteil von Celle geworden – nichts deutet mehr darauf hin, dass sich hier einmal ein weitläufiges, militärisch genutztes Freigelände befand. 

Bild: Lage des ehem. Truppenübungsplatzes bei Kl. Hehlen heute. Quelle: Satellitenbild, Google Earth, Ergänzungen anhand Planskizze aus StadtA CE, Best. 05, Best. 5 O. Nr. 0006.

Mittlerweile bilden Boye und Klein Hehlen schon fast einen zusammenhängenden Stadtteil, der sich im Süden bis fast an die Aller erstreckt. Stellungen, Schützengräben und Schießbahnen gehören längst der Vergangenheit an und sich darüber hinaus schon lange aus dem Gelände verschwunden. 

Bild: Blick auf den ehem. Truppenübungsplatz bei Kl. Hehlen heute. Quelle: Luftaufnahme, H. Altmann, 2015.

Rückblickend zeigt sich, dass die Anlage eines militärischen Übungsgeländes in unmittelbarer Nähe zur Stadt letztlich nur deswegen realisierbar war weil die politische Situation nach der Machtergreifung 1933 diese Maßnahmen ermöglichte.

Zunächst profitierte die lokale Wirtschaft durchaus von der gesteigerten militärischen Präsenz. Nach Kriegsende stellten sich die einstigen Entscheidungen jedoch als Trugschluss heraus. Einerseits hatte die Stadt beim Geländetausch und der Verlegung des Übungsplatzes von Scheuen nach Klein Hehlen Verluste erwirtschaftet. Darüber hinaus musste fortan eine Vielzahl militärischer Liegenschaften verwaltet und unterhalten werden. Der ehemalige Truppenübungsplatz bei Klein Hehlen stellte insofern noch einen recht günstigen Fall dar, denn er konnte ohne größere Umstände wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt werden.

H. Altmann