f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 11. März 2014

Kampf der Riesen zwischen Osterloh und Oppershausen


Bereits an einigen Stellen wurde über die Geschichten von Zwergen und Riesen berichtet (siehe: hier und hier). 

Eine weitere Sage um Riesen stammt aus der Gegend zwischen Osterloh und Oppershausen. In einem verschlafenen Kiefernwald findet man dort heute eine der höchsten natürlichen Erhebungen im Landkreis Celle: den Lippoldsberg. 

Einer Sage nach sollen einst bei Celle, zwischen Osterloh und Oppershausen zwei mächtige Riesen miteinander gekämpft haben. Einer der beiden war der Riese Lippold, der aus dem Süden stammte. Nachdem Lippold den anderen Riesen in die Flucht geschlagen hatte, war er sehr müde und legte sich schlafen. Da die Gegend früher nur aus Heideland und Dünen bestand, hatte er eine ganze Menge Sand in die Schuhe bekommen. Also leerte er seine Schuhe aus, nachdem er wieder erwacht war. Zurück blieb ein hoher Berg aus feinem Pulversand. Dieser Berg heißt heute Lippoldsberg. Angeblich soll der Riese wieder in Richtung Süden gezogen sein...

Bild: Lippoldsberg zwischen Osterloh und Oppershausen. Quelle: Google Earth. 


Bild: Lippoldsberg von Süden aus gesehen. Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Lippoldsberg von Süden aus gesehen. Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Blick vom Lippoldsberg in Richtung Nordwesten. Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Blick vom Lippoldsberg in Richtung Osten. Quelle: Hendrik Altmann. 


Bild: Blick vom Lippoldsberg in Richtung Westen. Quelle: Hendrik Altmann. 



Bei dieser Sage kann man wohl davon ausgehen, dass sie nur als Erklärung für die natürliche Dünenbildung entlang der Aller dienen sollte. Die ausgeprägten Flussschleifen (Mäander) hinter Wienhausen haben die Aller einst in ein eigenwilliges Flussbett gezwungen. Bei Hochwassern lagerten sich große Mengen Sand auf den umliegenden Flächen ab, der vom Wind nach und nach zu hohen Dünen aufgeworfen wurde. Möglicherweise liegt der Ursprung der Sage darin, dass es sich beim Lippoldsberg um die einzige derartig hohe Düne handelt. Weit und breit findet sich keine vergleichbar hohe Düne. Einer Theorie zufolge mündete die Lachte, welche im Norden durch Lachendorf fließt, einst nicht bei Celle in die Aller, sondern in etwa dort, wo sich jetzt Oppershausen befindet. Das Dorf Oppershausen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Darin könnte eine mögliche Erklärung für eine so hohe Düne liegen. Möglicherweise lag sie am einstigen Zusammenfluss. Diese Theorie st bislang jedoch nicht bestätigt. 

Somit bleibt die Geschichte vom Riesenkampf zwischen Osterloh und Oppershausen immerhin eine schöne Sage...


Viele Grüße




Montag, 10. März 2014

Feldbegehung im Finkenherd und Prospektion an der Gertrudenkirche




Lachtehausen / Altencelle. Am 8. März trafen sich die in Altencelle forschende Archäologin Dr. Cornelia Lohwasser, der Kulturlandschaftsforscher Florian Friedrich, der Vorsitzende der Fördergemeinschaft Historisches Altencelle e.V., Dieter Reinebeck, sowie Mitglieder der Sondengängergemeinschaft-Allertal zu einer Feldbegehung im Finkenherd zwischen Altencelle und Lachtehausen.

Bild: Vorbesprechung am Finkenherd zwischen Altencelle und Lachtehausen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 

Hintergrund ist die Planung des dritten/mittleren Abschnitts der Celler Ortsumgehung. Durch die Straßenbauarbeiten wird das Celler Kulturdenkmal „Finkenherd“ mindestens tangiert werden, so Friedrich. Dabei finden sich im Gelände noch Spuren des einstigen Fangbereiches, welcher wohl bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts genutzt wurde. Ein gut sichtbarer Erdwall umgibt das Areal, in dem früher der fürstliche Vogelfänger – der so genannte Federschütz – unterschiedliche Vogelarten bejagte. Auch in Beedenbostel, Osterloh, Wolthausen und Winsen wurden solche Vogelfanganlagen nach 1670 unterhalten. Die erlegten Vögel wurden an die Hofküche des Celler Schlosses geliefert. 

Auf der Karte des Deutschen Reiches aus dem Jahr 1904 ist der Finkenherd noch verzeichnet. Heute liegt er rechts der Straße zwischen Lachtehausen und Altencelle. Diese Straße existierte allerdings früher noch nicht. Statt ihrer gab es nur einen Feldweg. Nach Auskunft von Herrn Reinebeck wurde die Straße erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch die Altenceller Allerbrücke wieder aufgebaut wurde, befestigt und ausgebaut. 

Bild: Finkenherd zwischen Altencelle und Lachtehausen. 
Quelle: Karte des Deutschen Reiches 1904, Blatt 262 Celle. 


Im Jahr 1732 war der heutige Finkenherd als "Vogelherd" verzeichnet: 

Bild: "Vogelherdt" zwischen Altencelle und Lachtehausen. 
Quelle: Environs von der Statt Zell 1732, BnF.  

Im Heimatbuch "der Speicher" findet sich eine Beschreibung des Beedenbostler Vogelherdes. Darin werden unter anderem auch Fangmethoden und die Organisation dieser Institution beschrieben. In diesem Zusammenhang findet auch der Vogelherd bei Lachtehausen Erwähnung. 

Es sei sehr bedauerlich, dass bisher kaum Nachforschungen zu diesem bedeutenden Celler Kulturdenkmal unternommen wurden, meint Friedrich. Die Suche gestaltet sich jedoch nicht einfach, zumal im Gelände - außer dem Wall - kaum Spuren der Vogeljagd zu finden sind. Gemeinsam mit Dr. Lohwasser, den Heimatforschern und Sondengängern war es nun möglich untersuchungsrelevante Stellen innerhalb des Finkenherdes ausfindig zu machen. 

Technische Geräte kamen dabei noch nicht zum Einsatz. Der nächste Schritt könnte eine Untersuchung mit Metalldetektoren und/oder eine Prospektion mit einem Magnetresonanzgerät sein, um mögliche verborgene Bodenstrukturen zu untersuchen. 


Bild: Feldbegehung im Finkenherd zwischen Altencelle und Lachtehausen. 
Quelle: Hendrik Altmann. 



Bild: Ein alter Forst-Grenzstein im Finkenherd. Quelle: Hendrik Altmann. 



Bild: Feldbegehung im Finkenherd. Quelle: Hendrik Altmann. 



Im Anschluss fand eine Prospektion an der Gertrudenkirche in Altencelle statt. Gemeinsam mit Dr. Lohwasser untersuchten Mitglieder der Sondengänger-Gemeinschaft Allertal eine Fläche zwischen der Kirche und einem Altarm der Aller. 

Bild: Sondengänger-Gemeinschaft Allertal mit Dr. Lohwasser an der Getrudenkirche. 
Quelle: Hendrik Altmann. 

Neben Müll, Metallschrott und „modernen“ Funden, wie verschossenen Patronenhülsen, kamen auch Knöpfe, eine Musketenkugel, ein Teil einer silbernen Gabel und etliche Scherben unterschiedlichster Datierung zu Tage. 

Viele der Metallfunde müssen erst gereinigt und bestimmt werden, bevor man genau sagen kann, in welchem Zusammenhang sie stehen. Dr. Lohwasser plant weitere Untersuchungen, über die sie bereits im Rahmen ihres kürzlich erfolgten Vortrages informierte.

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Archäologen, Denkmalschutzbehörden, Heimatforschern und (genehmigten) Sondengängern ist gerade bei großen Bauvorhaben unverzichtbar. Besonders, wenn Bodeneingriffe das Landschaftsbild nachhaltig und unwiederbringlich verändern, ist es wichtig, dass entsprechende Spuren der Geschichte vorab gesichtet und gesichert werden. 


Bild: Sondengänger-Gemeinschaft Allertal mit Dr. Lohwasser an der Getrudenkirche. 
Quelle: Hendrik Altmann. 






Freitag, 21. Februar 2014

Barbaren, Raubgräber und das, worüber Medien nicht berichten

Wie ein Komet schlug die Nachricht vom Schatzfund in der Südpfalz ein. Der Finder, ein Sondengänger, hatte in einem Waldgebiet bei Rülzheim einen einzigartigen Fund gemacht. Unter den gefundenen Objekten waren u.a. silberne Trinkschalen, goldene Schmuckstücke und Figuren. Zumal die Objekte in die Zeit der Völkerwanderung datieren, war schnell der Name „Barbarenschatz“ geboren. 


Insgesamt geht sein Wert vermutlich in die Hunderttausende. Jedoch beging der Finder einen folgenschweren Fehler. Da er den Schatz eigenmächtig dem Boden entriss, können Experten nun kaum Schlussfolgerungen zu den Fundumständen und den Hintergründen der gefunden Objekte machen. Hinzu kommt, dass der Sondengänger über keine Suchgenehmigung verfügte und die Stücke wohl erst nach einer Hausdurchsuchung an die Landesarchäologen übergab.

In den vergangenen Tagen konnte kaum ein Presseportal von der Geschichte des „Barbarenschatzes“ die Finger lassen – auch weil fachkundige Archäologen seine herausragende Bedeutung immer wieder betonten. Gebetsmühlenartig wird in den Medienberichten immer wieder betont, dass es sich beim Finder um einen „Raubgräber“ handelt. Der Begriff ist so selbsterklärend, dass er keiner Definition bedarf und dennoch könnte man den vorliegenden Fall als eine solche ansehen. Wer ungenehmigt (illegal) nach Bodendenkmälern sucht, Gegenstände birgt, mitnimmt und den Behörden vorenthält – das ist ein Raubgräber. Verständlich, dass für Archäologen der Raubgräber vergleichbar mit einem modernen Räuber Hotzenplotz daherkommt, nur, dass er statt zwei rauchenden Pistolen nun einen hochsensiblen Metalldetektor bei sich trägt.

In den gängigen Foren des Internets ist man bereits jetzt alarmiert. Nachdem die breite Medienlandschaft das Thema aufgegriffen hat, fürchten viele demnächst strengere Regeln und Kontrollen. Nicht unbegründet, denn in einem Interview des Deutschlandfunks wurden bereits Spaziergänger implizit dazu angehalten Sondengänger auf deren Suchgenehmigung anzusprechen.

Aber ist jeder Sondengänger ein Hotzenplotz? Der Finder des Barbarenschatzes meldete sich in einem Onlineforum bereits persönlich zu Wort. In der Sondengänger-Szene ist er nicht unbekannt, da er in der Vergangenheit mehrfach Videos ins Netz stellte, die seine Schatzsuchen auf Feldern, Wiesen und in Wäldern dokumentieren. Aus seinen Äußerungen geht unter anderem aber auch hervor, er werde niemals mit Archäologen und / oder Denkmalbehörden zusammenarbeiten. Letztlich schwanken in der Szene  daher die Meinungen zwischen Bewunderung, des tollen Fundes wegen und offener Kritik am Verhalten des Suchers. Viele sind der Ansicht der Finder habe mit seinem Verhalten nicht nur dazu beigetragen kulturelles Erbe zu zerstören, sondern er habe die Archäologen und Denkmalbehörden auch bewusst provoziert und somit den Ruf vieler Sondengänger nachhaltig geschädigt.

Bild: Metalldetektor im Einsatz. 
Quelle: H. Altmann
Dabei können es sich Archäologen und Denkmalbehörden heutzutage eigentlich gar nicht mehr erlauben auf die Unterstützung ehrenamtlicher Sondengänger zu verzichten. Deutschlandweit gibt es zahllose Sucher, die die Regionalarchäologie unterstützen und ihre Funde melden. Sie leisten freiwillig einen wichtigen Beitrag, zumal es den Denkmalbehörden an Mitteln und Kapazitäten fehlt. 

Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist jedoch eine Suchgenehmigung, welche nach den meisten Landesdenkmalschutzgesetzen beantragt werden kann. In Bundesländern wie Niedersachsen und Schleswig Holstein ist es möglich Kurse beim Landesamt für Denkmalpflege zu besuchen und dann die nötige Genehmigung zu beantragen.

Problematisch sind die, bundesweit nicht einheitlichen Denkmalschutzgesetze und ihre Umsetzung auf der unteren Verwaltungsebene. So gibt es Bundesländer, wie Bayern, die gar keine Genehmigungen vorsehen und andere Bundesländer in denen es zwar vom Gesetz her die Möglichkeit gäbe einen Antrag zu stellen, dieser jedoch faktisch keine Chance auf Erfolg hat. Diese Unstimmigkeiten führen dazu, dass viele Sondengänger gänzlich auf die Beantragung einer Genehmigung verzichten und automatisch unter die Definition eines Raubgräbers fallen, wenn sie ihrer Beschäftigung nachgehen.

Die Situation ist daher differenziert zu betrachten und viele Medien machen es sich sehr einfach, wenn sie von Raubgräbern sprechen und diese in einem Absatz mit Grabräubern in Ägypten, Libyen und Syrien nennen. Ganz sicher zeigt der Fall des „Barbarenschatzes“, dass sich ein unbelehrbarer Sucher rücksichtslos verhalten hat. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Sondengänger allgemein verteufelt werden. Für eine Verbesserung der Lage wäre es notwendig die gesetzlichen Vorschriften bundesweit anzupassen und darin ein festes Genehmigungsverfahren zu integrieren. Das schafft Rechtssicherheit bei denjenigen, die aus geschichtlichem Interesse heraus aktiv die Arbeit von Archäologen und Denkmalbehörden unterstützen wollen. Die Motivation derjenigen zu bestrafen, die freiwillig einen positiven Beitrag für Wissenschaft und Forschung leisten, scheint sachlich jedenfalls falsch und verfassungsmäßig fragwürdig.

Raubgräber hat es zu jeder Zeit gegeben. Die Unbelehrbaren, welche sich aus persönlichen Gründen gegen eine Zusammenarbeit mit Archäologen und Denkmalbehörden sperren, wird es auch weiterhin geben. Genauso wie sich Bankräuber nicht an Gesetze halten, gibt es auch in der Szene der Sondengänger immer wieder die berühmten schwarzen Schafe. Jedoch ist ein Metalldetektor, wie auch eine Schaufel, lediglich ein technisches Hilfsmittel. Dieses gehört nicht in die Hände eines Hotzenplotz, sondern in die eines verantwortungsbewussten, genehmigten Sondengängers, der mit Archäologen und Denkmalbehörden zusammenarbeitet und die von ihm gemachten Funde meldet.


Hendrik Altmann









Montag, 17. Februar 2014

CZ am 17. Februar 1943 - zwischen Ohnmacht und Selbsterkenntnis

Bild: Cellesche Zeitung am 17. Februar 1943. 
Quelle: CZ 17.02.1943. 



Gegen Anfang des Jahres 1943, also etwa um diese Zeit vor 71 Jahren, war es zu einer tragischen Wendung im Zweiten Weltkrieg gekommen. Die 6. Armee unter Führung des Generals der Panzertruppe Friedrich Paulus, war in Stalingrad an der Wolga eingekesselt worden. Nach einem vergeblichen Kapitulationsangebot, welches der deutschen Armeeführung am 10. Januar unterbreitet wurde, kam es in den folgenden Tagen zu einer sowjetischen Großoffensive. Die fast völlig verwüstete Stadt fiel, hunderttausende Soldaten fielen oder gerieten in Gefangenschaft. Aus historischer Sicht kam der Schlacht vor allem deswegen eine so erhebliche Bedeutung zu, da sie für viele den beginnenden Zusammenbruch des Dritten Reiches markierte. 


Bild: Sowjetische Soldaten im zerstörten Stalingrad. 
Quelle: RIA Novosti archive, image #602161 / Zelma / CC-BY-SA 3.0 (Wikipedia)


Nicht nur die militärischen Verluste an Soldaten und Gerät wogen auf deutscher Seite schwer. In der Heimat kam die deutsche Führung erstmals massiv in die Situation sich zu rechtfertigen - schließlich konnte man sich keine Schwäche gegenüber dem Feixnd eingestehen. 

Als am 17. Februar 1943 folgende Artikel in der Tagesausgabe der Celleschen Zeitung erschienen, kämpften immer noch versprengte deutsche Truppen in Stalingrad. Doch die Schlacht war verloren, zumal sich Paulus am 31. Januar 1943 in sowjetische Gefangenschaft begeben hatte. Vor allem in den unterirdischen Kanälen der Stadt wurde noch mehrere Wochen weitergekämpft. 

Davon stand natürlich nichts in einer deutschen Tageszeitung. Hier wurde der verlustreiche Ausgang der Schlacht um Stalingrad glorifiziert. 

Es war wohl die Rede von einem "verstärkten Widerstand" im Osten, im Hauptartikel der Titelseite vom 17. Februar 1943 wurde der Name "Stalingrad" aber nicht ein einziges Mal erwähnt. Es findet sich eine sachlich-nüchterne Beschreibung der Lage aus dem Führerhauptquartier, bekanntgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht. 

Darin werden u.a. die Kämpfe im Kuban- und im Donezgebiet erwähnt. Auch die Räume um Krakau und Kursk werden dahingehend mit "zähen" und heftigen Feindeinwirkungen umschrieben - diese seien aber, laut Bericht, bereits zurückgeschlagen worden. 

Auch die Regionen des Wolchow und Ladogasees, sowie südöstlich des Ilmensees werden erwähnt. Besonders in der letztgenannten war es bereits zuvor zu einer weiteren Einkesselung deutscher Truppen im Raum Demjansk gekommen, die jedoch durch eine immens aufwändige Luftbrücke stabilisiert werden konnte. Eine Taktik, die in Stalingrad nicht mehr geholfen hat. (Bild zum Vergrößern anklicken!)



Bild: Artikel "Verstärkter Widerstand im Osten" 
Quelle: CZ 17.02.1943. 



Wie sollte man also mit der Katastrophe von Stalingrad medienwirksam umgehen, ohne sich das eigene Unvermögen, nicht mehr Herr über die Lage zu sein, eingestehen zu müssen? 

Wie so oft, besann man sich auf die Geschichte und suchte nach Vergleichen. Die Schlacht sollte nicht als tragischer Wendepunkt, sondern als Beginn eines neuen Aufbegehrens glorifiziert werden. "Nun gerade!", lautete die Botschaft, welche der einstige Artikel auf der Titelseite der Zeitung verkündete. 

 "Nun gerade!" - dieser trotzige Ausspruch richtete sich nun an diejenigen, die durch die Ereignisse im Osten von beginnender Furcht ergriffen wurden. 

Friedrich der Große, Scharnhorst und Blücher sind nur einige, die für diese Propaganda herhalten mussten. Mit anderen Worten sagt der Artikel im Grunde aus, dass jeder große Feldherr Verlusten offensiv gegenübertreten muss, um dann später wieder siegreich zu sein. Schnell ist dabei natürlich auch die Parallele zur verlorenen Schlacht in Stalingrad gezogen. 

Anders als zu Zeiten Friedrichs des Großen richtete sich dieser Aufruf nun aber auch an die Zivilbevölkerung. "Jeder, ob Mann, ob Frau, Ob Junge oder Mädel" solle sich nach Leibeskräften anstrengen, sich nun erst recht für die Kriegsziele und Politik des Dritten Reiches einzusetzen. Und wie praktisch: die Gleichschaltung des Bürgers und innere Organisationsstruktur des Reiches macht es einem jeden auch sehr leicht möglich sich nach Leibeskräften anzustrengen. 

Vom Ausgang dieser Bestrebungen allein sei es abhängig, ob man mit dem Namen "Stalingrad" Niederlage oder Sieg verbindet, so der Autor in seinem Artikel. Wie man vor dem Hintergrund hunderttausender gefallener und vermisster Soldaten von einem Sieg sprechen kann, scheint an dieser Stelle mehr als fraglich. 

(Bild zum Vergrößern anklicken!)

Bild: Artikel "Nun gerade!" 
Quelle: CZ 17.02.1943. 



Ganz ohne Erfolge wollte man den Leser freilich nicht alleine lassen. So wurden aus den mickrigsten und für den Kriegsverlauf belanglosesten Meldungen auf einmal schlachtentscheidende Nachrichten. Und gab es auch solche nicht, musste eben die Kreativität des Schreibers herhalten und entsprechende Nachrichten oder Geschichten in den Verlauf der aktuellen Entwicklungen einbetten. 


So auch in diesem Fall, in dem von "Heldentaten in schwerer Winterschlacht" die Rede ist. 

Nur aufgrund fehlender Orts- und Eigennamen, sowie Regimentsbezeichnungen und Rängen, erkennt man, dass es sich hier um reine Fiktion handelt. Der vorliegende Artikel beschreibt anschaulich wie sich Grenadiere unter widrigsten Umständen kriegsheldenhaft gegen den Feind zur Wehr setzen. Die Betonung liegt zumeist auf der Unterordnung des persönlichen Schicksals gegenüber der Truppe. Gemäß dem Spruch "der Zweck heiligt die Mittel" wird beschrieben, wie sich einzelne Soldaten schonungslos gegen den Feind stellen. 

Anders als in der Realität ist hier noch von konsequenten Vorwärtsbewegungen die Rede. Dass sich die deutschen Heeresgruppen zu dieser Zeit an fast kaum einer Stelle mehr in solchen Vorwärtsbewegungen befanden, wird im Artikel selbstverständlich nicht erwähnt. Die Wirklichkeit sah an den meisten Orten völlig anders aus: unzureichende Mittel an Waffen, Ausrüstung und Verpflegung lähmten die Truppen. Das Wetter in Form von Eis und  Schnee, sowie unüberwindbarem Schlamm bei Tauwetter, machten größere Angriffsbewegungen quasi unmöglich. 

Das alles konnte man natürlich nicht in einer Zeitung in der Heimat schreiben. Daher mussten derartige Heldengeschichten herhalten - inspiriert von Einzelschicksalen oder reiner Fiktion.  

(Bild zum Vergrößern anklicken!)

Bild: Artikel "Heldentaten in schwerer Winterschlacht!" 
Quelle: CZ 17.02.1943. 


Bild: 329. Inf. Div. an der Ostfront.  
Quelle: H. Kaune. 



Und während das Heer im Osten unter massiver Feindeinwirkung und schlimmen Witterungsverhältnissen vielerorts um das blanke Überleben kämpfte, schlug die deutsche Propagandaführung in der Heimat ganz andere Töne an. Reichspropagandaminister Josef Goebbels prägte bei seiner Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den Begriff des "totalen Krieges". 

Bereits am 17. Februar 1943, also einen Tag vor der berüchtigten Rede im Sportpalast,  berichtete die Cellesche Zeitung über Maßnahmen im Artikel "Alle Kräfte für den totalen Krieg". Darin beziehen Goebbels und Funk (Reichswirtschaftsminister) Stellung zu der Frage nach der Stilllegung nicht kriegswichtiger Produktionen. 


Bild: Artikel "Alle Kräfte für den totalen Krieg" (Bild zum Vergrößern anklicken!)
Quelle: CZ 17.02.1943.  


Die damit verfolgte Intention ist eindeutig: es sollten alle Kapazitäten auf den Krieg ausgerichtet werden. Kriegsnotwendige Produktionen sollten daher Versorgungsvorrang erhalten und die Arbeitskräfte in relevante Industrien umgegliedert werden. Die Verkleinerung des Verwaltungsapparates und die Ausrichtung auf das einheitliche Ziel, den Krieg vehement und unter Einsparung alles "Unnötigen" doch noch einmal zu den eigenen Gunsten zu wenden, sollte dabei im Vordergrund stehen. Schließlich wusste wohl auch Goebbels, dass er in seiner Rede am darauffolgenden Tag schier Unfassbares von seinen Zuhörern verlangte. 

Derartige Verlautbarungen in den Tageszeitungen des Reiches sollten wohl dafür sorgen, dass zumindest leichtgläubige Bürger davon der Propaganda Glauben schenkten. Realistisch kann ein solches Vorhaben, welches massive wirtschaftliche Eingriffe erforderte, nicht als aussichtsreich bewertet werden. 

Aber wer wollte zu dieser Zeit schon wissen, was realistisch war? 

Man kann die Nachrichten, welche in den dargestellten Artikeln auch die Celler Bürger erreichten, nur als Zustandsberichte zwischen Ohnmacht und Selbsterkenntnis deuten. Einerseits wog die Niederlage in der Schlacht um Stalingrad zu groß, um eine solche Nachricht wirklich für die eigene Medienlandschaft zu nutzen. Der Versuch, darin die Opferbereitschaft des eigenen Volkes zu glorifizieren scheint vor dem Hintergrund der Ereignisse völlig unpassend. Andererseits sollte bei den Bürgern "nun gerade" die Selbsterkenntnis zur eigenen Opferbereitschaft gefördert werden. 


Viele Grüße, 

Hendrik.