f Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 25. August 2025

Die vergessenen Köhlerplätze in der Südheide


Im Rahmen der Auswertung von Laserscanaufnahmen im Bereich der heutigen Gemeinde Südheide konnte eine erhebliche Anzahl flacher, rundlicher Hügelstrukturen identifiziert werden. Bodenproben und die Auswertung historischer Quellen legen nahe, dass es sich hierbei um ehemalige Köhlerplätze handelt. Die Auswertung der vorhandenen Informationen gewährt einen Einblick in einen Wirtschaftszweig, der in den zurückliegenden 200 Jahren stark in Vergessenheit geraten ist.

Die Landschaft der Südheide hat sich in den zurückliegenden 200 Jahren erheblich gewandelt. Historische Kartenwerke, wie beispielsweise das im Jahr 1838 erschienene Hermannsburger Kartenblatt des „Topografischen Atlas des Königreis Hannover und Herzogtums Braunschweig von August Papen“[1] zeigen die Gegend zwischen Hermannsburg, Eschede und Hösseringen noch als größtenteils offene Heidelandschaft. Geprägt war diese durch weitläufige Heideflächen, die lediglich vereinzelt durch die – zumeist herrschaftlichen – Holtzungen unterbrochen wurden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, insbesondere als Folge der Flurreform im Zuge der Real- und Spezialteilung, die intensive Aufforstung der Heide. Der Celler Studienrat und Kommissar für Naturdenkmalpflege, Dr. Hermann Rüggeberg, konstatierte hierzu[2]:

„(...) Seit etwa 1860 geht die Fläche der Heide jährlich um Tausende von Morgen zurück. Nicht lange mehr wird es dauern und auch wir in unserer Südheide müssen mühsam suchen, wenn wir noch ein Stückchen davon finden wollen, das uns nur eine schwache Vorstellung von früheren Weiten gibt. (...) Das Reich der braunen Heide, von der Aller bis zur Elbe, einst nur unterbrochen von laubholzumsäumten Bächen, den grünen Flächen der Hofeichen in den Dörfern und einigen urwüchsigen Waldbeständen wie dem Lüßwalde, der Göhrde und der Raubkammer, wird jetzt immer mehr zu einer zusammenhängenden Kiefernforst, deren Schönheit zu entdecken späteren Generationen vorbehalten bleiben mag. (...)“

Bild: Landschaftsverhältnisse in Niedersachsen gegen Ende des 18. Jahrhunderts. 

Mit seiner Einschätzung lag Rüggeberg scheinbar nicht ganz falsch, denn die in der Südheide noch vorhandenen Heideflächen dürften ihre Existenz vorrangig dem Umstand verdanken, dass sie mittlerweile größtenteils unter Naturschutz stehen. Das äußere Erscheinungsbild ist jedoch nur ein Teilaspekt der gänzlich veränderten wirtschaftlichen Nutzungsweise der Landschaft. Aus der extensiven Weidehaltung auf den Flächen der allgemein verfügbaren Allmende entwickelte sich die zunehmende forstwirtschaftliche Nutzung. Hiermit einhergehend verschwanden auch einige gut erkennbare Spuren älterer Zeiten, bzw. wurden durch Bewuchs und Humusauftrag verdeckt. Aus heutiger Sicht ist es eine Herausforderung, die noch vorhandenen Spuren aufzuspüren und zu interpretieren.

Eine fortschrittliche Technologie, um in der Weite der heutigen Kiefernwälder der Südheide historische Spuren der einstigen Kulturlandschaft zu entdecken, ist die Auswertung sogenannter Lidar-Aufnahmen. Die Abkürzung steht für „Light imaging, detection and ranging“ – kurz gesagt eine Methode, um Abstand und Geschwindigkeit zu messen. Das Verfahren ist vielseitig einsetzbar. In der modernen Archäologie dient es dazu, Bodenunebenheiten zu bildlich darzustellen. Mittels feiner Laserabtastung können auch in Waldgebieten die Höhenverhältnisse des Bodens dargestellt werden. 

Störender Bewuchs durch Bäume und Sträucher wird ausgeblendet. Dies ist insbesondere in den Wäldern der Südheide von Vorteil, da hier, neben dem Waldbestand, auch ein dichter Bodenbewuchs durch Heidelbeeren vorhanden ist. Dieser gleicht natürliche sowie menschengemachte Unebenheiten nahezu vollständig aus. Erst die Auswertung von Lidar-Aufnahmen liefert in solchen Gegenden nähere Erkenntnisse über die tatsächliche Bodenbeschaffenheit.

Bild: Auswertung von LIDAR-Scans im Bereich des Lüßwaldes. Deutlich erkennbar sind die markierten, rundlichen Bodenstrukturen.. 

Im Rahmen der systematischen Auswertung der Lidar-Scans konnte eine Reihe auffälliger Bodenstrukturen in den Wäldern der Gemeinde Südheide ausfindig gemacht werden. Es handelt sich um kreisrunde abgeflachte Hügel. Diese weisen jeweils einen Durchmesser von etwa drei bis vier Meter und eine Höhe von bis zu rund 50 Zentimeter auf. Mit dem bloßen Auge wären diese unscheinbaren Relikte kaum auszumachen. Hinzu kommt, dass die flachen Hügel abseits von Wegen mitten im Wald liegen. 

Aufzufinden sind sie meistens in Gruppen mehrerer gleichartiger Hügel. Derartige Gruppierungen sind nördlich von Queloh, Starkshorn sowie südlich von Schafstall und südlich wie auch östlich von Unterlüß anzutreffen. Rund 70 dieser Hügel konnten im Bereich der genannten Orte im Gelände nachgewiesen werden. Weitere befinden sich im Wald südlich von Rebberlah sowie im Waldgebiet der Sprache zwischen Lachtehausen und Lachendorf. Es stellt sich die Frage, was es mit diesen Bodenstrukturen auf sich haben könnte.

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: rundliche Bodenstruktur im Gelände. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Im Rahmen von Ortsbegehungen und hierbei durchgeführten Probegrabungen zeigten sich im Bereich der Hügel jeweils Reste von Holzkohle in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. In direkter Umgebung der Hügel wurde dagegen keine Holzkohle im Boden aufgefunden. 

Ein Zusammenhang mit Waldbränden kann somit ausgeschlossen werden. Es ist nachgewiesen, dass der Holzkohleauftrag lediglich im unmittelbaren Bereich der Hügel vorliegt. Es kam daher die Vermutung auf, dass ein Zusammenhang zu ehemaligen Köhlerstätten bzw. Kohlenmeilern bestehen könnte.

Bild: Probegrabung an einem Verdachtspunkt. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus der Probegrabung. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus der Probegrabung. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bekanntermaßen stellt die Köhlerei ein Verfahren zur Gewinnung von Holzkohle dar, bei dem mitunter Scheitholz, aber auch minderwertige Holzsorten, wie Stuckenholz – zumeist aufgeschichtet – mit Erde überhäuft wird und dann unter nahezu vollständigem Luftabschluss verkohlt. Die Meiler brennen tagelang und unter ständiger Beaufsichtigung des Kohlmeisters bzw. des Köhlers. Das Endprodukt – die Holzkohle – weist einen entscheidenden Vorteil auf gegenüber dem Rohholz auf: das geringere Gewicht. In Zeiten, in denen der Großteil der Fracht mit Pferd und Wagen transportiert werden musste, war es deutlich wirtschaftlicher, einen Karren Holzkohle, statt einem Karren Rohholz zu transportieren. 

Hinzu kam, dass früher in der breiten Bevölkerung ein erheblicher Brennholzverbrauch pro Kopf bestand. Auch der Betrieb von Hochöfen erfolgte bis ins 19. Jahrhundert meistens mit Holzkohle, bis sich schließlich die Umstellung auf den Einsatz von Steinkohle durchsetzte.[3] Damit bestand jedenfalls in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung ein erheblicher Bedarf an Holzkohle.

Die Köhlerei reihte sich in ein forstwirtschaftliches System, das im Ergebnis zu einer erheblich gründlicheren Holznutzung führte, als dies heutzutage der Fall ist.[4] Erst nachdem Werk- und Bauholz aus dem Waldbestand herausgeschlagen waren, verwerteten Holz- und Kohlenbrenner die Reste – unter anderem die ansonsten wertlosen Stucken.

Obgleich ein Zusammenhang der im Gelände nachgewiesenen Holzkohlehügel mit ehemaligen Kohlenmeilern naheliegend erscheint, reichen diese Indizien noch nicht für eine abschließende Bestätigung aus. Wie eingangs dargelegt, hat sich das Landschaftsbild der Südheide im Zeitablauf stark gewandelt. Bei vielen der heutigen Waldflächen handelte es sich vor rund 200 Jahren um Heideflächen. Es darf insoweit als recht unwahrscheinlich angenommen werden, dass Kohlenmeiler auf offenen Heideflächen angelegt wurden, zu denen man das schwere Holz zunächst umständlich hätte transportieren müssen.

Bild: Lage der Köhlerplätze zwischen Starkshorn, Siedenholz und Unterlüß, markiert in der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1778 bzw. 1777, Kartenblätter Hermannsburg und Holdenstedt.

Die genaue Lokalisierung und Einmessung der Köhlerplätze ermöglicht einen Abgleich mit den kulturhistorischen Landschaftsverhältnissen anhand von historischen Kartenwerken. Diese lassen sich anhand aktueller Geodaten mittels Satellitenbildern georeferenzieren, so dass die Informationen aus den historischen Karten mit den eingemessenen Standorten der Köhlerplätze abgleichen werden können. Hierfür wurden insbesondere die Kartenwerke der Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahr 1777[5] sowie der Topografische Atlas des Königreichs Hannover und Herzogtums Braunschweig von August Papen aus dem Jahr 1838[6] herangezogen. 

Im direkten Abgleich zeigt sich, dass die Köhlerplätze insbesondere im Bereich der ehemals königlichen Holzungen des Hassel sowie des Lüß konzentriert waren. Die Holzkohlehügel befanden sich demzufolge nicht auf offenen Heideflächen, sondern im Bereich ehemals dichter Wälder. Gleichwohl ist festzustellen, dass sich das Erscheinungsbild dieser Bereich heutzutage kaum von der Bewaldung der umliegenden Kiefernforsten unterscheidet.

Bild: Lage der Köhlerplätze zwischen Starkshorn, Siedenholz und Unterlüß, markiert in Google Earth. 

Es stellt sich die Frage, ob für den Bereich der Südheide quellenmäßige Überlieferungen für die Köhlerei existieren. In einem Beitrag über das Forstwesen in der Lüneburger Heide hielt der Regierungs- und Forstrat Berthold diesbezüglich fest:[7]

„Die Köhlerei, andernorts ehemals von Poesie umwoben, hat in der Heide niemals große Ausdehnung gehabt.“

Fest steht, dass der Regierungs- und Forstrat Berthold (1876 – 1963) die Blütezeit der Köhlerei in seinen eigenen Zuständigkeitsbereichen selber nicht erlebt haben dürfte. Diese zählte zwar schwerpunktmäßig zu den Nebenbetrieben der Forstverwaltung[8] - ihr Hauptfeld lag allerdings im Bereich des Harzes. Der Darstellung über die forstwirtschaftlichen Verhältnisse des Königreichs Hannover von Burckhardt ist zu entnehmen, dass im Durchschnitt der vier Rechnungsjahre 1859 bis 1864 in den dortigen Kohlenmeilern insgesamt 45.182 Normalklafter (= ca. 112.855 Kubikmeter Holz) Kohlholz, d.h. Scheit- Knüppel-, Stöcker- und Stuckenholz, verkohlt wurden.[9] In den Lüneburger Landen wurden im gleichen Zeitraum lediglich 6.000 Normalklafter (= ca. 15.000 Kubikmeter Holz) Holz verkohlt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussage Bertholds durchaus zutreffend – die Köhlerei erreichte in der Heide längst nicht dieselbe Bedeutung, die sie in Regionen wie insbesondere dem Harz innehatte. Dennoch belegen die Darstellungen Burckhardts, dass die Köhlerei auch in der hiesigen Gegend präsent gewesen ist.

Bild: bei Forstarbeiten zerstörter Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: bei Forstarbeiten zerstörter Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bild: Holzkohlereste aus dem Kohlemeiler nördlich von Queloh. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Nicht abschließend geklärt bleibt bis auf Weiteres, in welcher Zeit die Anfänge der Köhlerei im Raum Celle zu suchen sind. Diesbezüglich legen einige Quellen nahe, dass bereits vor den oben genannten Angaben Burckhardts Köhlereistellen in der Celler Gegend unterhalten worden sind. So zeigt der „Grundriss von dem herrschaftlichen privaten Forsten, Die Sprache, der Finkenherdt und das Neue Gehege genannt, welche in der Königlichen und Churfürstlichen Burgvogtei Celle belegen“, aufgenommen durch E. J. Laenge im Jahr 1780, einen Platz im nördlichen Teil der Sprache, der als „vormalige Kohlstellen“ bezeichnet wurde.

Bild: Alte Köhlerstellen in der Sprache bei Lachtehausen/Celle. Quelle: Grundriss von denen Herrschaftlichen privativen Forsten Die Sprache, der Finkenherd und das Neue Gehaege genannt, welche in der Königlichen und Churfürstlichen Burgvoigtei Celle belegen, Zeichner: E. J. Laenge, NLA HA Kartensammlung Nr. 32 c Lachtehausen 1 k, CC-BY-NC-SA-Lizenz. 

Bei Ortsbegehungen konnten dieselben rundlichen Bodenstrukturen angetroffen werden, wie sie im Bereich der Südheide zu finden sind. Bodenproben ergaben auch für diese Stellen in der Sprache eindeutige Befunde von Holzkohleresten. Es darf damit als gesichert betrachtet werden, dass es sich tatsächlich um ehemalige Köhlerplätze handelt. Die Bezeichnung „vormalige Kohlstellen“ in der historischen Karte legt allerdings nahe, dass diese Köhlerplätze im Jahr 1780 bereits aufgegeben worden waren. Immerhin zeigt dieser Fund, dass im Raum Celle bereits vor 1780, also noch rund 80 Jahre bevor Burckhardt dies für das Königreich Hannover bestätigt, Köhlerei betrieben wurde.

Bild: Holzkohlereste aus einem Kohlemeiler in der Sprache. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Bislang liegen zu den Köhlerplätzen lediglich fragmentierte Quellenfunde vor, die allerdings einen interessanten Einblick in die historischen Zusammenhänge geben. Erstmalig ist die Einrichtung eines Köhlereibetriebs in einem Bericht des Oberforstamtes Celle an die Königliche Domänenkammer aus dem Jahr 1848 erwähnt.[10] Die Domänenkammer war als Behörde im Kurfürstentum bzw. im Königreich Hannover für die Finanzverwaltung sowie die fiskalische Verwaltung des staatseigenen Grundbesitzes zuständig. Sie hatte ihren Sitz im Leineschloss in Hannover. 

Im Schreiben vom 20. Juli 1848 berichtete das Celler Oberforstamt, dass in den Forsten der Hermannsburger Amtsverwaltung geringwertiges Holz und Erdstucken vorhanden seien, die keinen Absatz fänden. Daher zeigte man sich erfreut, als sich im Sommer des Jahres 1848 ein Harzer Köhler bereiterklärte 120 Malter[11] dieses minderwertigen Holzes zu verarbeiten.

Nachdem der Köhler jedoch die ersten 80 Malter verkohlt und diese nach Ilsenburg abgefahren hatte, hat er sich nicht mehr sehen lassen.[12] Seine Arbeiter ließ er unbezahlt zurück. Neben dem Holz hatte er offenbar auch die Forstverwaltung gehörig verkohlt. Diese war um Schadensbegrenzung bemüht und überließ den Arbeitern das verbliebene Holz, damit sie es verarbeiten und so ihren gerechten Lohn erhalten konnten. Aus dem leichtfertig gewährten Vertrauensvorschuss gegenüber dem betrügerischen Köhler wollte man offenbar entsprechende Lehren ziehen – das Schreiben der Forstverwaltung schloss mit folgenden Worten:

„Künftig wird übrigens keinem Köhler das Wegschaffen von Kohlen gestattet werden dürfen, ehe er nicht das empfangene Holz bezahlt hat. (...)“

Obwohl diese Erfahrungen der Forstverwaltung mit dem betrügerischen Köhler unerfreulich geendet hatten, wurden Bestrebungen unternommen, die anfallenden Erdstucken einem neuen Köhlereibetrieb zuzuführen. Das Totholz steigerte den Bestand schädlicher Insekten und behinderte den Forstbetrieb. Die Forstverwaltung sah daher in der Köhlerei eine Maßnahme den Wald nachhaltig und gesund bewirtschaften zu können.

Mit Schreiben vom 16. August 1848 eröffnete die Domänenkammer gegenüber dem Celler Oberforstamt, dass die Verwertung der minderwertigen Holzbestände durch einen Köhlereibetreib neu überdacht werden müsse.[13] Bislang sei die Verarbeitung insbesondere aufgrund der Abgelegenheit der Forstreviere unrentabel gewesen – nun ergäben sich durch die Errichtung der Eisenbahnstrecke neue Absatzmöglichkeiten. Gemeint war hiermit die Bahnstrecke zwischen Harburg und Lehrte, die am 1. Mai 1847 in Betrieb genommen wurde. Vor diesem Hintergrund bat die Domänenkammer um Mitteilung, welche Holzmengen aus den Forstbereichen Hankensbüttel, Eschede und Dannhorst im Durchschnitt dem angestrebten Köhlereibetrieb zugeführt werden könnten.[14] 

Konkret strebte man die Einrichtung eines Köhlereibetriebs an, der die minderwertigen Holzbestände vor Ort verkohlte und per Eisenbahn zu den Hüttenwerken im Harz verfrachtete. Aufgrund der Möglichkeit des Bahntransports erhoffte man sich Wettbewerbsvorteile gegenüber den Harzer Köhlereibetrieben, deren Einzugsgebiete regelmäßig schwerer zugänglich waren als die Forsten im norddeutschen Flachland.

Bereits am 23. August 1848 erreichte der Bericht über „disponsibles Holzmaterial zum Köhlerei-Betriebe“ der Forstinspektion Eschede das Celler Oberforstamt.[15] Für einen solchen Betrieb seien alleine die Bereiche der herrschaftlichen Sprache und in den Siedenholzer-, Queloher- und Mieler Forstbehängen geeignet, so die örtliche Forstinspektion. Weiter gab sie an, dass im Neustädter Holze die Stucken von den armen Einwohnern der Celler Vorstädte gerodet würden und alles weitere Kiefernholz dort nicht zur Verkohlung geeignet sei.[16]

Im Garßener Holze sowie im Scheuener Bruch stünden die eingeleiteten Teilungen einer entsprechenden Holzverwertung entgegen.[17] Gemeint waren hiermit die Flurbereinigungsmaßnahmen im Zuge der Real- und Spezialteilung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Raum Celle durchgeführt worden sind. Auch im Bereich der Weyhäuser sowie der Unterlüßer Forstbehänge stünden diese Zusammenhänge einer Verwendung der Holzbestände für einen Köhlereibetrieb entgegen, so die Forstinspektion. Die dortigen Restbestände könnten erst nach Befriedigung der Interessenten der Real- und Spezialteilungen verwendet werden.

Im Bereich der Helmerkämper Forst würden jährlich nur kleinere Flächen abgeholzt und die Nadelholzbestände befänden sich auf tiefgründigem Boden, so die Forstinspektion. Gegen die Einrichtung eines dortigen Köhlereibetriebes wurden außerdem die hohen Transportkosten bis zur Eisenbahn angeführt.

Insgesamt schätzte die Escheder Forstinspektion, dass aus der Sprache rund 520 Klafter Erdstucken und aus den Siedenholzer sowie Queloher Behängen etwa 600 Klafter Erdstucken jährlich für den Köhlereibetrieb bereitgestellt werden könnten. Hinzu kämen für die Jahre 1848 und 1850 zusätzliche 250 Klafter aus dem Mieler Forstbezirk. In Aussicht gestellt wurden außerdem rund 800 Klafter aus den Unterlüßer und Kohlenbacher Forstbehängen, die jedoch erst nach Abschluss der Flurbereinigungsmaßnahmen verfügbar seien. Sofort stünden dem Köhlereibetrieb aus dem Bereich der Escheder Forstinspektion damit 1.250 Klafter Erdstucken und kleinere Bestände minderwertigen Holzes zur Verfügung. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass sich die verfügbaren Holzbestände in einer Entfernung von höchstens 1,5 Stunden zur Eisenbahnstrecke befänden.[18]

Entsprechende Berichte lieferten am 25. August 1848 auch die Forstinspektionen Dannhorst[19] und am 30. August 1848 ebenfalls die Forstinspektion Hankensbüttel[20]. Die Details der darin enthaltenen Aufstellungen über die verfügbaren Holzmengen sollen an dieser Stelle nicht eingehend dargestellt werden. Während die Dannhorster Forstinspektion gehorsamst vermeldete, dass über mehrere Jahre hinweg auch noch aus älteren Abholzungsplätzen Erdstucken gewonnen werden könnten und darüber hinaus „taugliche Kohlplätze oder Meilerstellen überall zu finden“ seien, regten sich im Bereich der Hankensbüttler Forstinspektion mitunter Bedenken gegen die Einrichtung eines Köhlereibetriebs vor Ort. Zwar wurde eine jährliche Menge an Erdstucken von rund 600 Klafter in Aussicht gestellt.[21] 

Im Schreiben an das Celler Oberforstamt bemerkte die Forstinspektion, dass die Distanz zwischen den Köhlerplätzen und dem Verladepunkt an der Bahnstrecke bei Eschede mit mindestens vier Meilen sehr weit entfernt sei. Außerdem wäre die Anlage eines Kohlenschuppens erforderlich, der aus Effizienzgründen im Bereich von Wahrenholz oder Betzhorn anzulegen wäre. Allerdings müssten für ein solches Kohlenmagazin zusätzliche Forstbedienstete angestellt werden, da man mit dem Widerstand der örtlichen Bevölkerung gerechnet wurde. Es sei zu befürchten, dass in dortiger Gegend sich Leute finden werden, die mit der Einrichtung eines Köhlereibetriebs für den Harz unzufrieden sind und die eventuell sogar Brandstiftungen unternehmen könnten, so die Hankensbüttler Forstinspektion.[22] Obgleich diese Darstellung aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirkt, reichte sie das Celler Oberforstamt mit Schreiben vom 2. September 1848 an die Domänenkammer weiter. Die Einrichtung eines Köhlereibetriebs in der Forstinspektion Hankensbüttel wurde damit verworfen.

Mit Schreiben vom 16. September 1848 wandte sich die Domänenkammer in der Angelegenheit schließlich an das Königliche Berg- und Forstamt in Claustal.[23] Das Augenmerk sei darauf gerichtet, die „weniger gesuchten Holzsortimente ertragbar zu machen und (dies) durch eine Verwandlung des Holzes in bessere Kohle“ zu erreichen.[24] Im Folgenden wies die Domänenkammer darauf hin, dass die hergestellte Holzkohle per Eisenbahn zu den Harzer Hüttenwerken angeliefert werden könnte. Synergien entstünden bei dieser Vorgehensweise dadurch, dass mit der Eisenbahnverwaltung eine günstige Vereinbarung getroffen werden könnte, um die Steinwagen, die von Herzberg nach Hamburg-Harburg gelaufen waren, auf dem Rückweg für den Transport der Holzkohle zu verwenden. Auch machte die Domänenkammer darauf aufmerksam, dass das Holz zur Verkohlung in den Harzer Forsten vereinzelter und somit mühsamer zu gewinnen sei. Insgesamt wurde angestrebt, dass die eingesetzten Köhler im Raum Celle auf eigenes Risiko und eigene Kosten sowie unter Aufsicht der Forstbeamten tätig werden sollten. Empfohlen wurde für ein derartiges Projekt einen Versuch im Bereich der Forstinspektion Eschede zu unternehmen.

Das Berg- und Forstamt Claustal zeigte sich durchaus interessiert an dem Vorschlag. Gleichwohl enthielt das Erwiderungsschreiben vom 30. September 1848 einige Rückfragen zu den voraussichtlich anfallenden Kosten.[25] Die hergestellte Kohle war nach Darstellung des Berg- und Forstamtes Claustal lediglich in den „Unterharzischen Hütten“ – vorwiegend in der Okerhütte – wirtschaftlich einsetzbar.[26] Die Bleihütte Oker diente im 19. Jahrhundert der Buntmetallgewinnung. Um offene Fragen zu der Qualität und Lagerung der hergestellten Kohle zu erhalten, stellte das Berg- und Forstamt Claustal in Aussicht zunächst eigene Beamte in den Bereich der Forstinspektion Eschede entsenden zu wollen. Hierauf reagierte die Domänenkammer mit Schreiben vom 12. Oktober 1848 und machte darin entsprechende Angaben zu den nachhaltig lieferbaren Mengen sowie der hierauf entfallenden Abgabepreise.[27] Darüber hinaus verwies die Domänenkammer darauf, dass der Forstmeister Thielemann aus Eschede für die Rückfragen der Beamten des Berg- und Forstamtes Claustal zur Verfügung stünde.[28]

Insoweit enden die bislang recherchierten Aufzeichnungen über die Bestrebungen in der hiesigen Gegend einen Köhlereibetrieb zu etablieren. Inwiefern diese im Ergebnis erfolgreich waren, lässt sich somit nicht mehr abschließend beurteilen. Allerdings legen die, im Gelände der ehemaligen Forstinspektion Eschede nachgewiesenen, Überreste ehemaliger Kohlenmeiler nahe, dass das seinerzeitige Vorhaben tatsächlich umgesetzt worden ist. Eventuell wurde der Köhlereibetrieb nicht darüber hinausgehend ausgedehnt, da die hergestellte Holzkohle nach und nach durch effizientere Energieträger verdrängt wurde.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die hiesigen Köhlerplätze quellenmäßig bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert nachweisbar sind. Ob die Köhlerei schon vorher in größerem Umfang betrieben worden ist, bleibt fraglich. Ihre Blüte fiel sehr wahrscheinlich in die Mitte des 19. Jahrhunderts und somit in das Zeitalter der aufstrebenden Industrialisierung. Die historischen Zusammenhänge belegen die erheblichen Wechselwirkungen, die sich insbesondere aus der veränderten Landschaftsnutzung nach der Real- und Spezialteilung ergaben. Zudem belegt die Thematik, welchen maßgeblichen Einfluss die Errichtung der Eisenbahn damals auf die Ansiedlung neuer Wirtschaftsbetriebe entfaltete.

Vielen Dank an Marlies, die sehr bei der Übersetzung alter Schriften unterstützt hat.

H. Altmann

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[1] Blatt 32, Hermannsburg, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz – Kartenabteilung, Sign. Kart. N 25 675 – 32.
[2] Rüggeberg, in: Der Speicher, Helmke/Hohls, Celle 1930, S. 231 – 247, S. 231.
[3] Kremser, Niedersächsische Forstgeschichte, Rotenburg (Wümme), S. 136.
[4] Kremser, Niedersächsische Forstgeschichte, Rotenburg (Wümme), S. 139.
[5] Blatt 97 Eschede und Blatt 91 Hermannsburg.
[6] Blatt 32 Hermannsburg.
[7] Berthold, Forstwesen, in: Benecke, Lüneburger Heimatbuch, Bd. 1, Harburg, 1914, S. 441.
[8] Burckhardt, Die forstwirtschaftlichen Verhältnisse des Königreichs Hannover, Hannover 1864, S. 112.
[9] Ebd., S. 112.
[10] Schreiben des Oberforstamtes v. 20.07.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[11] Malter = Volumenmaß. Ein Malter = ca. 1,5 cbm Holz.
[12] Schreiben des Oberforstamtes v. 20.07.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[13] Schreiben Domänenkammer v. 16.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[14] Ebd.
[15] Schreiben Forstinspektion Eschede v. 23.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Ebd.
[19] Schreiben Forstinspektion Dannhorst v. 25.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[20] Schreiben Forstinspektion Hankensbüttel v. 30.08.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[21] Ebd.
[22] Ebd.
[23] Schreiben Domänenkammer v. 16.09.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[24] Ebd.
[25] Schreiben Berg- und Forstamt Claustal v. 30.09.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[26] Ebd.
[27] Schreiben Domänenkammer v. 12.10.1848; NLA Hann. 76a Nr. 860.
[28] Ebd.


Montag, 28. Oktober 2024

Geländesportschule bei Scheuen

 

Das Gelände am Reiherberg bei Scheuen blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Für wenige Jahre befand sich vor Ort eine Volks- bzw. Geländesportschule. Über diese Einrichtung war bislang kaum etwas bekannt geworden. Aktuelle Archivrecherchen geben Aufschluss über die historischen Hintergründe. 

Bereits in der Kaiserzeit wurde das Areal militärisch als Exerzierplatz genutzt.[1] Gegen Ende des Ersten Weltkriegs verwendete die Kaiserliche Werft Wilhelmshafen das Gelände als Marineflugplatz. Später zog ein Erholungsheim des Berliner Jugendamtes in die Gebäude ein. Im Jahr 1925 wurde im vorderen Bereich des Reiherbergs ein Landerziehungsheim der Stadt Berlin eingerichtet. Bevor schließlich die Heeresmunitionsanstalt Celle/Scheuen in den Dreißigerjahren auf dem Reiherberg errichtet wurde, war eine Volks- bzw. Geländesportschule in den Gebäuden des ehemaligen Marineflugplatzes untergebracht.

Tatsächlich handelte es sich bei dieser Volks- bzw. Geländesportschule jedoch nicht um einen vermeintlich harmlosen Freizeitort zur körperlichen Ertüchtigung. Wie andere im Reichsgebiet eingerichtete Schulen, diente auch die Sportschule bei Scheuen der Wiederherstellung der nationalen Wehrbereitschaft – dies insbesondere mit Blick auf die Ertüchtigung jüngerer Jahrgänge. Unterstützt durch die Reichsregierung, dienten die Sportschulen dazu, im Geheimen gezielt die Vorgaben des Versailler Vertrags zu unterlaufen. Die Ergebnisse aktueller Archivrecherchen belegen die historischen Zusammenhänge eindrucksvoll. 

Bild: Lage der ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: Messtischblatt Celle, 1:25.000, 1931. 

Der Friedensvertrag, der am 28. Juni 1919 geschlossen wurden („Versailler Vertrag“) sah erhebliche Einschränkungen für das im Ersten Weltkrieg unterlegene Deutschland vor. Insbesondere die Anzahl militärischer Ausbildungsschulen wurde drastisch reduziert.[2] Darüber hinaus wurde es Unterrichtsanstalten, Hochschulen, Kriegsvereinen, Schützengilden Sport- und Wandervereinen und überhaupt Vereinigungen jeder Art untersagt, sich mit militärischen Dingen zu befassen.[3] 

Verboten war insbesondere die waffentechnische Ausbildung. Eine Verbindung entsprechender Vereinigungen mit dem Kriegs- bzw. Reichswehrministerium sowie anderen militärischen Behörden war ebenfalls verboten. Der Reichswehrminister, Wilhelm Groener, äußerte in einem Schreiben an den Reichskanzler, Heinrich Brüning, zu den Bedingungen des Versailler Vertrags, dass dieser uns „zu einer Wehrverfassung (zwingt), innerhalb der keine Möglichkeit besteht, durch militärische Ausbildung der Masse der männlichen Bevölkerung einen heranzubilden, von dessen Güte und Ausbildungsgrad die Verteidigungsfähigkeit des Reiches wesentlich abhängig ist.“[4]

Bild: Lage der ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: Archiv Altmann. 

Von Seiten des Reichswehrministeriums bestand vor diesem Hintergrund ein gesteigertes Interesse, mögliche Schlupflöcher in der einschränkenden Gesetzeslage zu suchen. Somit rückte auch die körperliche Ertüchtigung der Jugend in den Fokus. Da nicht nur das Ausbildungswesen, sondern auch die allgemeine Wehrpflicht durch die Vorgaben des Versailler Vertrags kassiert worden waren, musste das restlich verbliebene Berufsheer mit einem einigermaßen ausgebildeten Personenersatz versorgt werden.[5] 

Bereits unter dem Vorgänger Groeners, dem Reichswehrminister Otto Geßler, war ab 1924 die sogenannte Volkssportorganisation geschaffen worden. Diese sollte dazu beitragen, dass im Ernstfall zumindest für den bereits überalterten Grenzschutz ein junger vorgebildeter Ersatz verfügbar war.[6] In jeder Provinz des Reiches wurden Volkssportschulen eingerichtet, deren inhaltliche Ausbildungstätigkeit u.a. in gymnastischen Übungen, Kleinkaliberschießen und Wanderungen bestand. Die Tätigkeiten innerhalb der Volkssportorganisation stellten von Beginn an eine Gradwanderung in Hinblick auf die restriktiven Vorgaben des Versailler Vertrags dar.

Bild: ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: 
NLA Hannover Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207. 

Die praktische Organisation der Volkssportschulen oblag in der Anfangszeit regelmäßig privaten Vereinigungen, die verschiedentliche staatliche Unterstützung erfuhren. Schwierigkeiten ergaben sich dadurch, dass die Vorgaben des Versailler Vertrags ebenfalls eine Verbindung von Militärbehörden und privaten Vereinigungen sanktionierten. Eine offizielle Einflussnahme des Reichswehrministeriums war hiernach eigentlich ausgeschlossen. Aus dessen Sicht ergaben sich zur Mitte der 1920er Jahre jedoch gravierende Nachteile aus der Zurückhaltung der Reichsbehörden. Bemängelt wurde unter anderem, dass der Fokus auf die Hebung der Durchschnittsleistung gelegt werden müsste, anstatt auf Spitzenleistungen in einzelnen Sportarten.[7] Schließlich benötigte man keine Spitzensportler, sondern Nachwuchs, der im Durchschnitt geistig und körperlich den Anforderungen genügte.

Politisch bestanden weitere Bedenken gegenüber der Volkssportorganisation außerhalb des staatlichen Zugriffs. Die vorhandenen privaten Vereinigungen würden die Abschottung gesellschaftlicher Schichten fördern und zu einer Politisierung beitragen. Rechtsgerichtete Vereine „treiben die Ausbildung ihrer Mitglieder vielfach mit einer innerpolitischen Tendenz gegen den Staat, der nichts tue, um die Jugend wehrhaft zu machen; Linksverbände betreiben die Ausbildung ihrer Mitglieder mit der innerpolitischen Tendenz zum „Schutze der Republik“, so Generalmajor von Schleicher in einem Schreiben an die Reichskanzlei.[8] Vor diesem Hintergrund bestand ein gesteigertes Interesse seitens der Reichsregierung, die Vielzahl privater Vereinigungen in einer einheitlichen Organisationsstruktur zu bündeln.

Eine große Herausforderung bestand darin, staatliche Stellen stärker in die vormilitärische Ausbildung einzubeziehen, ohne hierdurch Sanktionen des Versailler Vertrags zu provozieren. Einen möglichen Ansatzpunkt sah das Reichswehrministerium darin, die Auslegung des Versailler Vertrags anzupassen. Die „Wehrhaftmachung“ sollte nicht als „militärische Ausbildung“ im Sinne des Vertragstextes verstanden werden.[9] Bestimmte Übungen, verstießen nach Auffassung des Reichswehrministeriums demnach nicht gegen den Versailler Vertrag, wenn sie lediglich mit militärischen Aufgabengebieten in Verbindung gebracht werden können – entscheidend sei vielmehr ob die Zwecke der Übungen keine anderen als ein rein militärische sind.[10] Auf Grundlage dieser großzügigen Auslegung konnten eine Reihe von Aktivitäten als „sportlich“ anstatt als „militärisch“ eingestuft werden – darunter z.B. Gepäckmärsche, Schanzen, Kleinkaliberschießen u.v.m..

Bild: Übungen in der ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: NLA Hannover Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207. 

Das exakte Gründungsdatum der Volkssportschule in Scheuen ließ sich quellenseitig nicht ermitteln. Verschiedene Dokumente geben jedoch darüber Aufschluss, dass in der „Deutschen Volkssportschule Scheuen“ ab 1926 Lehrgänge durchgeführt worden sind.[11] Aus der Scheuener Schulchronik geht hervor, dass die Volkssportschule im März 1927 eröffnet worden sei.[12] Ausweislich einer zeitgenössischen Broschüre handelte es sich um eine Einrichtung des der „Reichsarbeitsgemeinschaft Volkssport“ in Berlin angeschlossenen „Vereins für Volkssport e.V.“.[13] Laut Broschüre stört „keine Politik, kein Parteigezänk ihren Frieden.“[14]

Es scheint jedoch bereits in der Anfangszeit der Volkssportschule Auffälligkeiten gegeben zu haben – in einem Schreiben des Celler Landrats an den Regierungspräsidenten in Lüneburg heißt es, die Volkssportschule in Scheuen würde in größerem Stil Propaganda machen.[15] Nicht abschließend geklärt ist, welche Verbindung zwischen dem „Verein für Volkssport e.V.“, der in Scheuen präsent war und der 1924 gegründeten Volkssportorganisation im Zeitablauf bestanden. Ein direkter Kontext dieser Institutionen liegt jedoch nahe. So gab der zuständige Provinzialvertreter des Verbands der Volkssportvereine Nordwest-Deutschland seinem Schreiben vom 12.12.1928 an den Regierungspräsidenten in Hannover an, dass die Volkssportschule in Scheuen der „vor etwa 4 Jahren entstandenen Volkssportbewegung“ angehört.[16] Diese Verbindung zur Volkssportorganisation spricht dafür, dass die Volkssportschule Scheuen nicht ausschließlich zivile Ausbildungsziele verfolgte.

Insbesondere das linke Spektrum begegnete den Volkssportschulen mit Skepsis. Die sozialdemokratische Tageszeitung „Volkswille“ in Hannover warnte unter der Überschrift „Eine reaktionäre Volkssportbewegung“ im März 1929 vor der aufstrebenden Bewegung. Obwohl der Verband der Volkssportvereine Nordwest-Deutschland nicht der Ansicht war, dass „die alljährliche Wiederholung tendenziöser Behauptungen in der Presse dazu beiträgt, ihre Glaubwürdigkeit, selbst bei leichtgläubigen Lesern zu erhöhen,“ sah man sich dennoch dazu verpflichtet die Aussagen aus der Presse ins rechte Licht zu rücken.[17] 

In seinem Schreiben an die Regierung in Hannover stellte der Provinzialvertreter des Verbands der Volkssportvereine Nordwest-Deutschland klar, dass weder vom Reichswehrministerium noch von sonstigen staatlichen Kassen Mittel zugeflossen seien. Ebenso wurde die verstärkte Beteiligung von vaterländischen Verbänden an den Lehrgängen der Sportschule Scheuen und auch die Fokussierung von militärischen Ausbildungsfächern, wie insbesondere dem Kleinkaliberschießen, vehement abgestritten.[18]

Bild: Auszug aus dem Jahresbericht 1931 der ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: NLA Hannover Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207. 

Nach Außen gab sich die Volkssportbewegung zunächst unauffällig – ihre Ausrichtung sei auf die „zielbewusste Körperschulung“ aller gesellschaftlicher Schichten fokussiert, heißt es in zeitgenössischen Broschüren Ende der 1920er Jahre.[19] Politisch sei die Volkssportbewegung vollkommen neutral – hinsichtlich Konfessionen und Stand gäbe es keine Unterschiede. Die positive Außendarstellung überrascht nicht. In den politisch turbulenten Zeiten der Weimarer Republik war es sicherlich noch zu früh, die tatsächlichen Absichten hinter der Volkssportbewegung offen zu kommunizieren. Die Organisation befand sich zudem noch im Aufbau. Um diesen nicht zu gefährden und gleichzeitig eine möglichst breite gesellschaftliche Basis zu schaffen, war eine auf positive Außendarstellung natürlich unentbehrlich.

Organisatorisch unterstand die Volkssportschule Scheuen in ihrer Anfangszeit der „Reichsarbeitsgemeinschaft Volkssport“, die im gesamten Reichsgebiet entsprechende Einrichtungen unterhielt. Der Reichsarbeitsgemeinschaft unterstanden weitere Regionalverbände. In Niedersachen war der „Verband der Volkssportvereine Nordwestdeutschland“ für die Sportschulen Detmold, Wilhelmshaven, Göttingen, Kettwig und Scheuen zuständig.[20] Direkt unterstand die Volkssportschule dem Provinzialvertreter des Verbands in Hannover, Hans Jahns.

Ihre tiefgestaffelte Organisationsstruktur nutzte die Volkssportorganisation, um ihren Einfluss auf Kommunal-, Landes- und Reichsebene stetig auszubauen. Kurioserweise unternahmen die angeschlossenen Verbände große Anstrengungen, um politische Anerkennung sowie die erforderlichen Geldmittel einzuwerben, obwohl die Unterstützung der Bewegung von Seiten der Regierung nie in Frage stand. Ein Umstand, der möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass eine offizielle Unterstützung von Seiten des Reichs vor dem Hintergrund des Versailler Vertrags problematisch war. Trotz einer gewissen Anlaufzeit gelang es den Vertretern der Volkssportbewegung bis Anfang der 1930er Jahre eine straffe Wehrsportorganisation aufzubauen. Dies bestätigt sich ebenfalls mit Blick auf den laufenden Betrieb der örtlichen Volkssportschule in Scheuen. 

Bis Ende der 1920er Jahre hatte sich die Institution der Geländesportschule in Scheuen fest etabliert. Im Jahr 1929 erwog der Regierungspräsident von Hannover staatliche Jugendpflegekurse des Regierungsbezirks Hannover in die Obhut der Volkssportschule Scheuen zu legen.[21] Der Verband der Volkssportvereine Nordwestdeutschland betrieb zu dieser Zeit intensive Lobbyarbeit, um weitere Unterstützung von Seiten der Landesregierung zu erhalten. Diese Bestrebungen zahlten sich aus – ab 1930 nahmen die Regierungen von Lüneburg und Hannover ihre Zusammenarbeit mit der Sportschule Scheuen auf.[22]

Der Jahresbericht der Deutschen Volkssportschule Scheuen für das Jahr 1929 belegt, dass der Sportschule von behördlicher Seite stetig wachsende Aufmerksamkeit zuteil wurde.[23] Darin führte der Sportschulleiter Böwing unter anderem aus, es sei „also ein erfreuliches Bild, dass diese Zusammenarbeit mit der staatlich geförderten Jugendpflege, die immer enger zu werden verspricht, bietet.“ Im August 1930 bestätigte der Regierungspräsident nochmals die Zufriedenheit in Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen der staatlich geförderten Jugendpflege und der Volkssportschule Scheuen.[24]

Der überwiegende Anteil der Lehrgangsteilnehmer bestand aus Arbeitern und Angestellten mit 42,5 % – gefolgt von Beamten mit 27,5 %. An den 14-tägigen Lehrgängen nahmen im Jahr 1929 insgesamt 227 Personen teil. Die 2-tägigen Kurzlegränge wurden von insgesamt 545 Personen besucht. Diese Zahlen sollten sich in den kommenden Jahren noch stark steigern. Inhaltlich standen Betätigungen, wie Leichtathletik, volkstümliche Übungen und Spiele auf der Tagesordnung.[25] Bis 1931 etablierten sich Sonderkurse im Rettungsschwimmen, Jiu-Jitsu-Lehrgänge und Kurse im Segelfliegen als feste Bestandteile des Tätigkeitsangebots der Volkssportschule Scheuen.[26]

Im Jahr 1931 schlossen sich mitgliederstarke Jugend- und Sportverbände zur sogenannten „Geländesport-Verbände-Arbeitsgemeinschaft“ zusammen (kurz: G.V.A.).[27] Nach eigener Darstellung war diese Organisation bestrebt, möglichst alle wehrwilligen Verbände heranzuziehen[28] – ihre Ausrichtung lag ganz klar auf einer wehrsportlichen Agenda. Einheitliche Richtlinien, die im Einvernehmen mit den zuständigen Behörden erfolgten, legten den Fokus des Geländesports insbesondere auf Leibesübungen, Ordnungsübungen, Sinnesschärfung, Kartenkunde, Tarnen, Spähen und Streifen, Geländespiele, Lager und technische Fähigkeiten.[29] Neben der einheitlichen Ausrichtung der angeschlossenen Verbände setzte sich die G.V.A. auch für eine gesicherte Finanzierung der Volkssportschulen ein. So wies der Generalleutnant aD Severin als Vertreter der Interessen der deutschen Volkssportschulen in einem Schreiben an den Reichsminister des Inneren im Juni 1932 darauf hin, dass die Gewährung finanzieller Mittel durch das Reich unabdingbar seien, falls man einer Schließung der Volkssportschulen vorbeugen wollte.[30]

Mit der zunehmenden Selbstorganisation der Volkssportverbände wuchs schließlich auch der politische Druck auf die Reichsregierung die aufstrebende Bewegung in geordnete Bahnen zu lenken. Am 13. September 1932 erging vor diesem Hintergrund der Erlass des Reichspräsidenten über die körperliche Ertüchtigung der Jugend. Um die bestehenden Volkssportvereinigungen zur gemeinsamen und einheitlichen Arbeit zusammenzufassen, berief der Reichspräsident mit diesem Erlass das sogenannte Reichskuratorium für Jugendförderung. Als geschäftsführender Präsident des Kuratoriums wurde bezeichnenderweise der General der Infanterie a.D. Edwin von Stülpnagel bestellt.[31] 

Die enge Verzahnung zum Militär erfolgte sicherlich nicht zufällig. Erst einen Tag zuvor hatte desbezüglich eine Ministerbesprechung zwischen dem Reichsminister des Innern sowie seinem Amtskollegen aus dem Reichswehrministerium stattgefunden. Insbesondere für Satzungsänderungen und etwaige personelle Wechsel in der Stelle des geschäftsführenden Präsidenten verpflichtete sich der Reichsminister des Innern zunächst die Zustimmung des Reichswehrministers einzuholen.[32] Spätestens ab diesem Zeitpunkt war eine direkte Involvierung der Reichsregierung in die Volkssportorganisation offensichtlich – diese dürfte nicht zuletzt im militärischen Interesse einer Wiederaufrüstung begründet gewesen sein.

Dies wird auch in Hinblick auf die Durchführung der Lehrgänge in der Volkssportschule Scheuen deutlich. In einer Ausschreibung des sogenannten Akademischen Wissenschaftlichen Arbeitsamts („AWA“) vom 12. Juli 1932 wird das AWA-Geländesportlager Herbst 1932 beworben – darunter ebenfalls ein Lehrgang der Gruppe I in Scheuen.[33] Die Tarnbezeichnung „Akademisches Wissenschaftliches Arbeitsamt“ sollte vom wehrsportlichen Charakter der Institution ablenken. Gegründet hatte sie der Ingenieur und Soldat Otto Schwab im Jahr 1930. 

Schwab, der später zunächst zum ersten Führer der Deutschen Burschenschaft gewählt wurde, galt als Experte für Wehrwissenschaften und stieg im Zweiten Weltkrieg in den Rang als SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS auf. Seit 1928 organisierte Schwab die paramilitärische Ausbildung von Studenten. In seiner 1933 erschienenen Schrift „Die totale Wehrhaftmachung“ schwadronierte Schwab nicht nur vom Sinn der deutschen Wehrhaftmachung und der Organisation des zivilen Wehrdienstes – er machte ebenso keinen Hehl daraus, dass er für Deutschland die Regierungsform einer Diktatur befürwortete und hierfür ein geeigneter Führer erstehen solle.[34] In den Geländesportschulen ließ Schwab unter dem Decknamen der AWA sodann wehrsportliche Grundausbildungen und hierauf aufbauende Führerausbildungen durchführen.

Bild: Postkartenansicht - Teilnehmer des AWA-Herbst-Lehrgangs im Jahr 1932 in der ehem. Geländesportschule Scheuen. Quelle: Archiv Altmann. 

Kürzlich konnte bei einer Auktion eine historische Postkarte ersteigert werden, die eben jene Entwicklungen in der Geländesportschule Scheuen belegt. Die Postkarte zeigt Teilnehmer aus der Stube 12 des AWA-Herbst-Lehrgangs der Gruppe I im November 1932 in der Geländesportschule Scheuen. Die Männer auf dem Gruppenbild sind von Kopf bis Fuß wie Soldaten eingekleidet. Schiffchen, Feldbluse, Koppel, Hose sowie Gamaschen und schwere Stiefel – einigen der Männer hängen Feldstecher an Lederriemen um den Hals. In der Mitte der Gruppe sitzt ein Deutscher Schäferhund. 

Es liegt nahe, dass hier keine zivilen Turnübungen absolviert werden sollten, sondern dass die Betätigung vielmehr aus paramilitärischen Wehrsportübungen bestanden haben dürfte. Die Volkssportschule Scheuen hatte sich in dieser Zeit zu einem Zentrum für wehrsportliche Aktivitäten entwickelt. Gegen Ende des Jahres 1932 war sie eine von 16 eingerichteten Geländesportschulen, die auf höchster Ebene dem Reichskuratorium für Jugendertüchtigung unterstanden.

Bild: Postkartenansicht - Teilnehmer des AWA-Herbst-Lehrgangs im Jahr 1932 in der ehem. Geländesportschule Scheuen (Rückseite). Quelle: Archiv Altmann. 

Am 6. März 1933 verstarb Edwin von Stülpnagel. Sein Nachfolger als Präsident des Reichskuratoriums für Jugendertüchtigung wurde der Major a.D. Georg von Neufville. Das Reichskuratorium wurde fortan dem Reichsarbeitsministerium unterstellt.[35] Für die Durchführung des Geländesports hatte dies zunächst keine unmittelbaren Folgen – weitaus gravierender waren dagegen die Auswirkungen die aus der nationalsozialistischen Machtübernahme folgten.

Nachdem der Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, übernahm dieser eine Koalitionsregierung bestehend aus NSDAP, DNVP und Stahlhelm. Für Anfragen und Vorschläge hinsichtlich der Organisation des Wehrsports bzw. der Jugendertüchtigung stand der neue Reichskanzler persönlich zunächst nicht zur Verfügung – aufgrund seiner „überaus starken Belastung mit Dienstgeschäften“. Anfragen wurden daher regelmäßig nur an die zuständigen Ministerien delegiert. Vorschläge zur Reorganisation der nationalen Jugendarbeit kamen seinerzeit vorwiegend von Seiten des Reichswehrministeriums. Insbesondere die Einrichtung eines neuen Reichsjugendministeriums wurde darin angeregt.[36] Ein solches wurde schließlich ab Mai 1934 in Form des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung eingeführt.

Für die Neuausrichtung der Jugendarbeit sah die nationalsozialistische Führung gleichgeschaltete Bahnen vor. Die gesamten Jugendorganisationen im Reichsgebiet waren Mitte des Jahres 1933 unter die einheitliche Führung der Jugend- und Nachwuchsorganisation „Hitlerjugend“ der NSDAP gestellt worden. Die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) wurde für entsprechende Altersklassen ab dem Jahr 1936 verpflichtend.

Der Übergang von der Weimarer Republik zur NS-Diktatur manifestierte sich auch in der Sportschule in Scheuen. Eine Postkarte aus dem Jahr 1934 zeigt bereits wehende Hakenkreuzflaggen. Auf der Stirnseite des ehemaligen Flugzeughangars wurde das große Schild des „Verein für Volkssport e.V.“ durch ein neues Schild mit Reichsadler und Hakenkreuz ersetzt. Auf diesem sowie auf der Bildunterschrift der Postkarte ist zu lesen „SA Sportschule“ – ein unmissverständlicher Beleg dafür, dass die Volkssportschule in der Gleichschaltung der Sportverbände unter der NS-Führung aufgegangen war.

Bild: Postkartenansicht der ehem. Geländesportschule Scheuen (1934). Quelle: Archiv Altmann. 

Wie lange die Sportschule in der NS-Zeit noch weiter betrieben worden ist, ließ sich anhand von Quellennachweisen bislang nicht eindeutig nachvollziehen. Auf dem Gelände am Reiherberg nördlich von Scheuen entstand ab dem Jahr 1934 die Heeresmunitionsanstalt. Deren Gebäude wurden in zeitgenössischen Karten aus Geheimhaltungsgründen nicht mehr verzeichnet. 

Der Abgleich mit historischen Luftbildern und später erschienenen Kartenwerken belegt aber, dass dort wo sich die Sportschule befunden hatte, später Produktions- und Lagergebäude der Heeresmunitionsanstalt errichtet worden sind. Es liegt somit nahe, dass die Sportschule bei Errichtung der Heeresmunitionsanstalt vermutlich aufgelöst worden ist.

Bild: Relikte der späteren Geländenutzung durch die Bundeswehr. Quelle: Archiv Altmann. 

Von der einstigen Sportschule ist heute im Gelände ebenso wenig zu erkennen, wie von den später dort errichteten Fertigungs- und Lagergebäuden der Munitionsanstalt. Die Quellenfunde belegen jedoch, dass die ehemalige Volkssportschule bei Scheuen bereits Mitte der 1920er Jahre eine von wenigen Einrichtungen ihrer Art im Reichgebiet war, in denen wehrsportliche Aktivitäten durchgeführt worden sind. Diese erfolgten unter dem Deckmantel des Volkssports, um so gezielt die Vorgaben des Versailler Vertrags zu unterlaufen. Die staatliche Einflussnahme wurde aus Sorge vor Sanktionen weitestgehend kaschiert.

Vermutlich trug nicht zuletzt der Umstand, dass tatsächlich keine Reaktionen der Siegermächte auf die Etablierung der Volkssportorganisation folgten, dazu bei, den staatlichen Einfluss auf die zunehmend vereinheitlichte Organisationsstruktur des Wehrsports zu verstärken. Hierbei wurde jedoch verkannt, dass es vorwiegend demokratiefeindliche und rechtsgerichtete Vereinigungen waren, die dem Wehrsport aktiv beiwohnten und diesen unterstützten.

Bild: von den Gebäuden der ehem. Geländesportschule ist vor Ort nichts mehr zu erkennen. Quelle: Archiv Altmann. 

Die wehrsportlichen Aktivitäten der Volkssportschulen reichten für sich betrachtet nicht aus, um Personalersatz in Armeestärke auszubilden. Die Bedeutung der Schulen dürfte daher vor allem in der ideologischen Prägung der Teilnehmer zu sehen sein. Die Lager der Volkssportschulen waren zudem eine Art Testlauf, den der NS-Staat bereitwillig im Zuge der planmäßigen Gleichschaltung der Volksgemeinschaft antizipierte. 

Ihrer Bestimmung, den Wehrersatz für eine vermeintliche Bedrohung des Staates von Außen zu sichern, wurden die Gelände- bzw. Volkssportschulen nicht gerecht. Dies ist nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass die äußeren Bedrohungen damals weniger ins Gewicht fielen, als die antidemokratischen inneren Bedrohungen.

Hendrik Altmann


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[1] Schimmelpfeng, Geschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77, S. 100.
[2] Art. 176, Friedensvertrag von Versailles.
[3] Art. 177, Friedensvertrag von Versailles.
[4] Schreiben des Reichswehrministers an den Reichskanzler v. 18.10.1930, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[5] Schreiben des Reichswehrministers an den Reichskanzler v. 18.10.1930, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[6] Generalmajor von Schleicher, Notizen zur Frage „Wehrhaftmachung der Jugend“, Schreiben an die Reichskanzlei v. 04.03.1931, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[7] Generalmajor von Schleicher, Notizen zur Frage „Wehrhaftmachung der Jugend“, Schreiben an die Reichskanzlei v. 04.03.1931, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[8] Generalmajor von Schleicher, Notizen zur Frage „Wehrhaftmachung der Jugend“, Schreiben an die Reichskanzlei v. 04.03.1931, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[9] Schreiben des Reichswehrministers an den Reichskanzler v. 18.10.1930, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[10] Generalmajor von Schleicher, Notizen zur Frage „Wehrhaftmachung der Jugend“, Schreiben an die Reichskanzlei v. 04.03.1931, Bundesarchiv, R 43 II/519.
[11] Jahresbericht 1932 der Deutschen Volkssportschule Scheuen, NLA Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/087 Nr. 254.
[12] Aus der Schulchronik von Scheuen von Lehrer Rahls; Auszüge aus der Schulchronik 1902 – 1927, Kreisarchiv Celle.
[13] Broschüre der Deutschen Volkssportschule Scheuen, NLA Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/087 Nr. 254.
[14] Broschüre der Deutschen Volkssportschule Scheuen, NLA Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/087 Nr. 254.
[15] Schreiben des Celler Landrats an den Regierungspräsidenten zu Lüneburg vom 02.05.1927, NLA Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/087 Nr. 254.
[16] Schreiben des Provinzialvertreters Hannover des Verbands der Volkssportvereine Nordwestdeutschland an den Regierungspräsidenten in Hannover vom 12.12.1928, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[17] Schreiben des Provinzialvertreters Hannover des Verbands der Volkssportvereine Nordwestdeutschland an die Regierung in Hannover vom 04.04.1929, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[18] Schreiben des Provinzialvertreters Hannover des Verbands der Volkssportvereine Nordwestdeutschland an den Regierungspräsidenten in Hannover vom 12.12.1928, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[19] Broschüre „Deutscher Volkssport“, 1928, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[20] Broschüre „Deutscher Volkssport“, 1928, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[21] Schreiben des Regierungspräsidenten von Hannover vom 18.01.1929, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[22] Schreiben des Regierungspräsidenten von Hannover vom 24.10.1929, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[23] Jahresbericht der Deutschen Volkssportschule Scheuen 1929, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[24] Schreiben des Regierungspräsidenten von Hannover vom 30.08.1930, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[25] Übersicht der Lehrgänge des Jahres 1930, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[26] Jahresbericht der Deutschen Volkssportschule Scheuen 1931, NLA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 207.
[27] Tätigkeitsbericht der G.V.A. für das Jahr 1931, Bundesarchiv, R 43 II / 519.
[28] Tätigkeitsbericht der G.V.A. für das Jahr 1931, Bundesarchiv, R 43 II / 519.
[29] Tätigkeitsbericht der G.V.A. für das Jahr 1931, Bundesarchiv, R 43 II / 519.
[30] Tätigkeitsbericht der G.V.A. für das Jahr 1931, Bundesarchiv, R 43 II / 519.
[31] Erlass des Reichspräsidenten über die körperliche Ertüchtigung der Jugend vom 13.09.1932, R 43 II / 519.
[32] Auszug aus der Niederschrift über die Ministerbesprechung vom 12.09.1932, R 43 II / 519.
[33] Ausschreibung AWA vom 12.06.1932, R 1501/125676.
[34] Schwab, Die totale Wehrhaftmachung, R 1501/125674.
[35] Schreiben des Reichskuratoriums für Jugendertüchtigung an den Reichsminister des Innern vom 09.05.1933, R 1501/125674.
[36] Schreiben Dr. Kayser, Reichswehrministerium an Staatssekretär Lammers, Reichkanzlei vom 28.03.1933, R 43II/519.