f Eine kleine Fabrikgeschichte... ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 10. Februar 2014

Eine kleine Fabrikgeschichte...


In Celle finden sich vielerorts die Relikte vergessener Tage. Darunter sind viele, die das einstige Firmen- und Geschäftsleben der Stadt prägten. Es finden sich zahlreiche außergewöhnliche Berufe. Unter anderem verfügte Celle einst über drei Glasmalereien, zwei Handschuhmacher, einen Lotterie-Einnehmer und sogar zwei "Mosaik-Fußbodenmacher". 

Nicht genug mit diesen, heute verschwundenen Berufen - Celle besaß einst eine Bürstenfabrik, welche sich an der Stelle eines Teilbereiches der alten Schirmfabrik befunden hat. Das hört sich doch schon einmal sehr kurios an, oder? 

Wo lag die alte Bürstenfabrik? Was befand sich dort vorher? Was hat es mit der Schirmfabrik auf sich? Dank einer einzigartigen Foto-Spende kann an dieser Stelle ein anschauliches Bild der Gebäude und ihrer Geschichte vermittelt werden. 



Die ganze Geschichte… 


Im Jahr 1836 ließ sich der Fabrikant Wilhelm Hugo aus Hildesheim in Celle nieder. Er eröffnete die erste fabrikmäßige Schirmproduktion in der Zöllnerstraße. Bereits in den Anfangsjahren wuchs sein Unternehmen beachtlich. Im Jahr 1849 beschäftigte Hugo ca. 70 Arbeiter und bezog seine Rohstoffe dabei aus vielen, der damals bedeutenden Mode- und Industrienationen (z.B. Frankreich, Italien, England, Schweiz). Die Erzeugnisse der Schirmproduktion (Sonnen- und Regenschirme) wurden zu gut zwei Drittel ins Ausland versandt - besonders nach Amerika. 

Vierzehn Jahre nach der Gründung mitten in Celle, wurde die Fabrik Anfang 1850 an die Blumenlage 129 verlegt. Der Betrieb in der Innenstadt war einfach den Anforderungen nicht mehr gerecht - ein größeres Gelände musste her. 

Bild: Hugo'sche Schirmfabrik an der Blumenlage. (Blick aus Richtung des Italienischen Gartens)
Quelle: F.G. Müller in C. Cassel, Die Geschichte der Stadt Celle. 


In der Fabrik an der Blumenlage wurden erstmals Maschinen zur Produktion der Schrime eingesetzt. Einige davon hatte Wilhelm Hugo selber entwickelt. Ab 1860 wurden diese Maschinen mit Dampfkraft betrieben (10-Pferdige Dampfmaschine!). Die Expansion zahlte sich aus: in Jahr 1870 stand die Celler Schirmproduktion in ihrer vollen Blüte. Es waren ca. 1.100 Arbeiter, teils auch in Heimarbeit, beschäftigt. Celle war damit Hauptsitz der weltweiten Schirmproduktion! 

Im Jahr 1869 wurde die Fabrik nochmals erweitert. Hugo erwarb dazu die Grundstücke "Im Kreise" mit der Nummer 1, 3 und 4. Dort wurden fortan die Holz- und Stahlproduktion bzw. die jeweiligen Fertigungsschritte angesiedelt. Hugo ließ in Celle alle Bestandteile seiner Schirme selber fertigen. Da die früheren Holzkonstruktionen der schirme mehr und mehr durch "moderne" Stahlbestandteile ersetzt wurde, musste Hugo expandieren. So wurden "Im Kreise" die nötigen Komponenten gefertigt. 

Bild: Die Gebäude "Im Kreise" Nummer 1, 3 und 4 zählten einst zur Schirmfabrik. 
Quelle: Preuß. Landesaufnahme von 1899. 


Im Jahr 1872 wurde die Schirmfabrik in ein Aktienunternehmen umgewandelt. Beim Gang an die Börse stand das Unternehmen in seiner Blüte und Wilhelm Hugo auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die ca. 1.100 Arbeiter fertigten jeden Tag ungefähr 150 Schirme, welche in die ganze Welt verschickt wurden. 

Im Jahr 1868 war es bereits zu einem Streik des "allgemeinen deutschen Arbeitervereins" gekommen. 1881 waren nur noch etwa 500 Arbeiter in der Fabrik beschäftigt. Dies lag unter anderem an der stetig fortschreitenden Industrialisierung. Im Jahr 1884 verstarb  Wilhelm Hugo. 1892 folgten weitere Streiks in der Schirmfabrik. 

Bild: Portrait Wilhelm Hugos auf seinem Gedenkstein. 
Quelle: Bernd Schwabe, Wiki-Commons. 


Schon im Jahr 1900 wurde das Unternehmen insolvent und meldete Konkurs an. Es wird angenommen, dass man sich bei der Produktion verspekuliert hatte. Die Vorgabe, alle Bestandteile der Schirme selber herzustellen, ohne dabei auf Kostendeckung und die möglichen Vorteile einer Fremdfertigung zu achten, wirkte sich anscheinend negativ auf die Umsätze aus. Der Drang Wilhelm Hugos zur Eigenproduktion in seiner Fabrik ging so weit, dass man sich in Celle darüber lustig machte. Einige spotteten Hugo halte sich auf der Aller ein Walpärchen, um die Produktion an Fischgräten aufrecht zu erhalten. 

Ein weiterer Grund für die entstandenen Schwierigkeiten war wohl, dass man versäumte rechtzeitig entsprechende Patente auf die Produkte eintragen zu lassen. So konnten andere Unternehmen auf den Markt drängen und die Celler Schirme imitieren. 

Zwei kaufmännische Beamte der Schirmfabrik, nämlich ein Kassierer und ein Vertreter gründeten eine eigene Schirmproduktion in Celle. Sie firmierte unter dem Namen "Kaufmann & Nolte", nach ihren Gründern und hatte ihren Sitz in der Schuhstraße 7. Die Firma, welche vor allem für den ausländischen Markt produzierte siedelte bereits 1894 nach Hannover um. 


Bild: Gedenkstein Wilhelm Hugos auf dem Friedhof der kath. Kirche in Celle. 
Quelle: Bernd Schwabe, Wiki-Commons. 


Bereits im Jahr 1907 findet sich im Celler Adressbuch ein neuer Eintrag für einen Teil der ehemaligen Schirmfabrik. Das Gebäude in der Straße "Im Kreise" Nummer 4 wird nun einem Fabrikanten Kurt Bonorden und einem Fabrikanten Wilhelm Borchers, beide anteilige Inhaber der "Celler Bürstenfabrik" zugeordnet. 

Ein Verweis auf Borchers Privatwohnung ist auch vorhanden: Fritzenwiese 48E. 



Bild: Celler Bürstenfabrik, "Im Kreise" Nummer 4 - ehemaliger Teil der Schirmfabrik. 
Quelle: Preuß. Landesaufnahme von 1899 / Google Earth. 


Bild: Celler Bürstenfabrik, "Im Kreise" Nummer 4 - ehemaliger Teil der Schirmfabrik. 
Quelle: Google Earth. 


Auch die Celler Bürstenfabrik existiert heute nicht mehr. Über die wirtschaftlichen Umstände sei an dieser Stelle nichts erwähnt, zumal die Fabrik über den Zweiten Weltkrieg hinaus existierte, soll dies auch nicht Gegenstand der historischen Betrachtung sein. 

Im Jahr 2006 erwarb die Firma FB-Immoblien das Gelände "Im Kreise" Nummer 4. Die Halle, welche auf der Rückseite des Hauptgebäudes stand, wurde abgerissen. In Absprachen mit der Stadt Celle konnte im Jahr 2008 das geplante Neubau-Konzept verwirklicht werden. Zwar wurde das Gebäude entkernt und komplett saniert, um darin hochwertige Eigentumswohnungen zu schaffen. Jedoch blieben wichtige Elemente der Außenfassade, wie der markante Giebel, erhalten. Mehr dazu: Hier . 


Bilder der Bürstenfabrik...


Kürzlich sind bisher unbekannte Aufnahmen der ehemaligen Celler Bürstenfabrik aufgetaucht. Sie zeigen die Fabrik in der Nachkriegszeit von Innen und von Außen. Es freut mich sehr, diese seltenen Aufnahmen eines vergessenen Fabrikgebäudes an dieser Stelle zeigen zu dürfen. Die Aufnahmen waren bei Aufgabe der Bürstenfabrik herrenlos geworden, da sie auf dem Müll gelandet waren. So fand Andreas F. die Aufnahmen und zumal er sich zu dieser Zeit sehr für das Thema Fotografie interessierte, nahm er die Bilder, die offensichtlich niemand mehr haben wollte, mit. Vor Kurzem gab er mir die Aufnahmen. An dieser Stelle nochmals vielen Dank dafür! 

Bild: Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 


Bild: Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 


Bild: Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 


Bild: Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 


Bild: Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 





Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Bild: Maschinen der Celler Bürstenfabrik "Borchers & Bonorden" Im Kreise Nummer 4. 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 



Ein Rätsel zum Schluss...


Das folgende Bild lag den Aufnahmen der ehemaligen Bürstenfabrik bei. Es könnte sich dabei um Wilhelm Borchers und seine Familie handeln. Die Gebäudefront im Hintergrund scheint gut zu den Gebäuden in der Celler Fritzenwiese zu passen. 

Vielleicht wird sich das demnächst klären lassen, zumal viele der angesprochenen Bilder bisher als Negative vorliegen. Es bleibt also spannend! 

 
Bild:  Wilhelm Borchers mit Familie? 
Quelle: unbekannter Fotograf, Bilder im Eigentum von Hendrik Altmann. 


Wenn noch jemand weitere Informationen zur Schirmfabrik oder zur Bürstenfabrik besitzt, kann er / sie mir gerne eine Nachricht hinterlassen, oder eine E-Mail an found-places@live.de schreiben. Antwort garantiert. 

Wenn jemand bei sich noch alte Bilder, oder Negative aus Kriegs-/Vorkriegszeiten hat, dann würde ich mich ebenfalls sehr über einen Kontakt freuen. Es ist heute kein Problem diese Bilder in guter Qualität zu entwickeln und gleichzeitig digital zu speichern. Ich würde mich sehr freuen, wenn der eine oder andere noch solche Bilder besitzt. Ich recherchiere gerne die dazugehörige Geschichte und die Original-Bilder / Negative bleiben natürlich beim Eigentümer, wenn dies gewünscht ist! 


Viele Grüße, 
Hendrik Altmann




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