f Heimatforschung im Landkreis Celle

Samstag, 9. Juli 2016

Vergessene Gebäude an der Zufahrt zum Marinesperrzeugamt



Über das Marinesperrzeugamt Starkahorn (MSA) wurde im Blog schon einige Male berichtet (IIIIII). Nun konnten weitere Relikte einstiger Gebäude aufgespürt werden...


Insgesamt ist die Historie des Marinesperrzeugamtes (MSA) schon recht absurd. In der Einrichtung, welche sich im Waldgebiet zwischen Eschede und Unterlüß befindet, wurden einst Torpedos, Seeminen und andere Waffen für die Deutsche Kriegsmarine gefertigt. 

Die Geschichte - und besonders das Ende - dieser militärischen Einrichtung sind bis heute noch kaum erforscht. Zu Kriegsende wurden massenhaft Unterlagen vernichtet. Nach der Einnahme durch das britische Militär im April 1945 erlebte das MSA eine wechselhafte Zeit. Zunächst kamen dort Flüchtlinge unter. Dann begann die Sprengung der Bunker und Munitionsbestände durch die Alliierten. Schlussendlich wurden die noch vorhandenen Überbleibsel von der örtlichen Zivilbevölkerung geplündert. Einige Gegenstände konnten auch durch die Wehrmachtsgutsverwaltungsstelle in Celle gesichert werden. 

Es ist daher nicht leicht die Geschichte des MSA bei Starkahorn zu rekonstruieren. Vermutlich werden immer wieder neue Dinge ans Tageslicht kommen. Durch einen kartenmäßigen Zufallsfund konnte nun ein weiterer Bereich des MSA gefunden werden. Er befindet sich direkt an der heutigen L 281 zwischen Eschede und Hermannsburg. 

Bild: Marinesperrzeugamt bei Starkshorn. Quelle: Google Earth. 


Das eigentliche MSA befand sich im Waldgebiet zwischen Unterlüß und Starkshorn unmittelbar westlich der Bahnstrecke Hannover-Hamburg. Die Ausmaße dieses Geländes sind bis heute ebensowenig geklärt wie die genaue Anzahl von Gebäuden und Bunkern, die sich dort einst befanden. Auf dem Gelände selbst gab es keine Straßen. Der Transport erfolgte ausschließlich über Feldbahngleise. Abtransportiert wurden die fertigen Erzeugnisse über die Bahnstrecke Hannover-Hamburg. 

Die offizielle Zufahrtsstraße mündete zwischen Starkahorn und Queloh auf die heutige Landstraße 281. Spuren davon sind noch heute zu finden, auch wenn sich vor Ort vieles stark verändert hat. 

Einst muss es in diesem Bereich auch noch Gebäude gegeben haben, die zum Marinesperrzeugamt Starkahorn gehörten. 

Bild: Marinesperrzeugamt bei Starkshorn. Quelle: Google Earth / Karte 1945. 


Besonders spannend an diesem Umstand ist, dass die Gebäude scheinbar noch über längere Zeit nach dem Krieg existiert haben. Der Großteil des MSA wurde bereits zu Kriegsende durch zahlreiche Sprengungen zerstört. Die Alliierten nutzten das abgelegene Areal, um dort unterschiedlichste Munitionsarten zu vernichten. Dabei wurden die Bunker zunächst mit Munition gefüllt und anschließend gesprengt. Allerdings detonierte auf diese Weise nicht die komplette Munition, was dazu führte, dass die Gegend bis heute belastet ist. Später ging man dann dazu über die Munition in Nord- und Ostsee zu verklappen. 

Doch zurück zu den eigenartigen Gebäuden am Anfang der Zufahrtsstraße. Diese sind noch auf Karten aus den 70er Jahren verzeichnet, was den Schluss nahelegt, dass sie bis in diese Zeit - vielleicht auch als Ruinen - existiert haben könnten. 

Bild: Marinesperrzeugamt bei Starkshorn. Quelle: Google Earth / Karte 1971.


Vor Ort ist von diesen Gebäuden allerdings so gut wie nichts mehr zu finden. Durch Aufforstungsmaßnahmen wurde sowohl der Boden als auch der Baumbestand völlig verändert. An der Stelle wo einst die Gebäude gestanden haben befindet sich heute ein kleiner dicht bewachsener Eichenwald und ein Parkplatz. 

Bild: Stelle an der die Gebäude standen. 


Aber natürlich sind nicht alle Spuren verschwunden. An manchen Stellen haben Wildschweine den Boden ziemlich stark umgewühlt. In den Löchern liegen Mauerreste, Ziegelsteine und Stahlbetonelemente. 

An einer Stelle liegen weiterhin in Bakelit gegossene Batterien, die ebenfalls im Hauptbereich des MSA aufgefunden wurden. Bei diesen Batterien handelt es sich tatsächlich um Batterien für Unterwasserminen. Abgesehen davon, dass die Batterien sicherlich nichts in der Umwelt verloren haben sind sie aber ungefährlich. 

Scheinbar wurden die Gebäude an der Zufahrt zum MSA erst relativ spät abgerissen und der Schutt teilweise einplaniert. 

Bild: Schuttreste. 


Dort wo auf den historischen Karten deutlich Gebäude verzeichnet sind, befindet sich heute ein Parkplatz für Besucher des Naturparks Südheide. Dementsprechend sind die Spuren in diesem Bereich natürlich nicht mehr erkennbar. 


Bild: Parkplatz - hier befanden sich einst die Gebäude. 


Direkt neben dem Parkplatz beginnt die Zufahrtsstraße zum Hauptbereich des MSA. Was heute nach einem unspektakulären Forstweg aussieht war früher die einzige ausgebaute Straße zur Munitions- und Waffenfabrik im Wald. Folgt man dieser Straße kann man dies an manchen Stellen mit einem guten Blick auch noch erkennen. 

Bild: Zufahrtsstraße zum MSA Starkshorn. 


Früher soll diese Straße durchgängig gepflastert gewesen sein. Nach Kriegsende wurde das Pflaster - vermutlich für anderweitige Ausbesserung- und Baumaßnahmen - abgetragen, schreibt Gries in seinem Heft "Was wir tun ist nicht gerade zu unserem Besten". Möglicherweise war die Straße aber auch gar nicht durchgängig mit Pflastersteinen befestigt. 

An diversen Stellen finden sich noch heute betonierte Fahrspuren im Bereich der Straße. Auf diese Weise wurden auch Straßen und Rollbahnen im Bereich der Flugplätze befestigt. Der Schluss liegt nahe, dass auch die Straße zum MSA eine solche "Fahrbahndecke" erhielt, da dieses Verfahren deutlich einfacher ist, als die aufwendige Verlegung von Straßenpflaster. 

Bild: Reste der befestigten Zufahrtsstraße. 


Am Ende dieser Zufahrt befand sich schließlich das MSA. Was dort im einzelnen genau entwickelt und hergestellt wurde ist nur zu Teilen bekannt. Aber die Beschreibungen früherer Arbeiter und anderer Zeitzeugen weisen auch Widersprüche auf. Darüber hinaus existieren nur wenige Karten oder sonstige Dokumente, die Aufschluss über die Tätigkeiten im MSA geben. Vieles wurde entwendet oder in der Nachkriegszeit zerstört. 

Auch die Verwendung der Gebäude an der Zufahrtsstraße ist noch ungeklärt. Die Karte von 1945 verzeichnet hier zwei größere Gebäude und zwei kleinere Nebenbauten. Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass sich in diesem Bereich ebenfalls Batterien für Unterwasserminen befinden. Dies würde stark dafür sprechen, dass hier ebenfalls irgendeine Art von Produktion untergebracht war. 

Vermutlich wird sich die Geschichte des MSA Starkshorn nie ganz aufklären lassen. Aber es tauen immer wieder neue Spuren auf, die neue Einblicke geben. 


Hendrik Altmann



Donnerstag, 16. Juni 2016

Geschichtliches zur Mühlenmasch in Celle



Wie es auf der Mühlenmasch weitergeht ist wohl noch nicht ganz geklärt. Sicher dürfte aber sein, dass sich die Gegend um den Schützenplatz verändert. Keine schlechte Gelegenheit, um sich die Geschichte der Mühlenmasch mal ein wenig genauer anzusehen...


Das Gelände der Mühlenmasch dürfte wohl einer der wenigen verbliebenen Plätze in unmittelbarer Nähe zur Celler Innenstadt sein das noch nie einer durchgängigen Bebauung ausgesetzt war. Wie kam es überhaupt zum Namen "Mühlenmasch"? Und was hat sich dort in der Vergangenheit alles so zugetragen? In diesem Beitrag sollen ein paar Schlaglichter der Geschichte der Celler Mühlenmasch vorgestellt werden. 

Herzog Otto der Strenge (*1266; + 1330) erließ als erster Weideberechtigungen auf der Mühlenmasch. Seither galt der Platz als Weidefläche für das Vieh der aufstrebenden Stadt (Masch = Platz für den Viehauftrieb). Die Bürger von Altenhäusen besaßen das Recht zur Schafweide auf der Mühlenmasch. Das letzte Pferdelager ist für das Jahr 1680 überliefert. 

Später wurde die Mühlenmasch zum Musterungsplatz der Celler Bürgerwehr. Für den 27. Mai 1667 ist eine Musterung mit Bürgern, die "Spieße" trugen überliefert. 

Am 30. September 1669 wurde von Herzog Georg Wilhelm der an der Mühlenmasch ansässige Schützenhof mit dem Recht auf freien Wein- und Bierschank ausgestattet. 

Um 1710 ist der Neubau der zur Mühlemasch führenden Allerbrücke überliefert. 

Düstere Zeiten erlebte die Mühlenmasch um das Jahr 1715. Bereits Spangenberg berichtet in seiner 1829 erschienenen Stadtbeschreibung von den einstigen Ereignissen. Im November des Jahres 1715 wurde Celle wiederholt von der Pest heimgesucht. Zuerst trat die Krankheit in der neuen Straße auf. Spangenberg berichtet "Zeug und Hausgerät aus den infizierten Häusern wurde des Nachts abgefahren und auf der Mühlenmasch teils gereinigt, teils verbrannt, das letztere den Eigentümern mit barem Gelde ersetzt." 

Im Jahr 1728 wurden die Weiderechte an der Mühlenmasch durch den Rat verpachtet. 

Am 15. August 1757 erschien eine Kompanie von 100-150 französischen Dragonern in Celle. Es war die Zeit des Siebenjährigen Krieges. Die weiter verlangten die Versorgung ihrer Pferde mit Stroh und Hafer. Vom Kornboden des auf der Mühlenmasch befindlichen Heu- und Strohmagazine wurden die Rationen entnommen, berichtet der Celler Stadtchronist Clemens Cassel. 

Im April des Jahres 1758 ließ der französische General Maurin eine Notbrücke von der Mühlenmasch zur Klein Hehlener Straße bauen, um sie um den 23. April 1758 mit seinen Einheiten zu überqueren. 

Bild: Mühlenmasch um 1758. 


Ein Stich in J.H. Steffens Werk "Celle im Lüneburgischen" zeigt einen Teil der Mühlenmasch im Jahr 1763...

Bild: Mühlenmasch um 1763. 


Kaum Veränderungen zu den früheren Karten und Bildnachweisen ergeben sich in der Kurhannoverschen Landesaufnahme um 1780. 

Bild: Mühlenmasch um 1780.  


In den Jahren 1803 - 1812 (Jahre der Fremdherrschaft) wurde die Mühlenmasch als Übungsplatz von der umliegend stationierten Reiterei genutzt. 

Ab dem Jahr 1824 wurden auf den Mühlenmasch regelmäßig Viehmärkte abgehalten. 

In der Neuzeit lebte auch das Schützenwesen auf. Das Schützenhaus wurde eine beliebte Gasstätte in unmittelbarer Stadtnähe. 

Bild: Mühlenmasch um 1840.  


Das Celler Schützenwesen blickt dabei auf eine lange Tradition zurück und hat einen deutlichen Bezug zur Zeit der Bürgerwehr. Dies belegen unter anderem die "Erläuterungen des Celler Stadt- und Bürgerrechts" aus dem Jahre 1758...


Bild: Auszug Celler Schützenordnung, 1758.  


Im Jahr 1845 setzte sich die die Stadt Celle mit den weideberechtigten Atenhäusenern (s.o.) dahingehen auseinander, dass diese ihre Weideberechtigungen gegen eine Abfindung aufgaben. Die Mühlenmasch wurde in den Jahren 1847 - 1852 in Rieselwiesen umgewandelt. Daraus generierte die Stadt schon bald wachsende Erträge. 

Um 1869 dienten die Räumlichkeiten des Schützenhauses auf der Mühlenmasch als Turnhalle. 

Schon im Jahr 1896 war beim Schützenhause an der Ratsmühle ein einfacher Ladeplatz angelegt worden. 

Am 13. November 1898 wurde die Celler Schleppschiffgesellschaft gegründet. Bereits im Jahr 1904 ließ die Stadt Celle an der Mühlenmasch einen Hafen anlegen, der fortan dem Flussverkehr diente. Mit einem Kostenaufwand von rund 172.000 Mark wurde der Hafen schließlich errichtet. Da der Schiffsverkehr gut anlief sah sich die Stadt bereits im Jahr 1905 veranlasst weitere 127.000 Mark für den Ausbau zu investieren. Im Jahr 1908 wurde ein Vertrag zwischen der Schleppschiffgesellschaft und der Stadt geschlossen welcher die Kanalisierung der Flusses sichern sollte. 


Bild: Celler Hafen an der Mühlenmasch um 1910 (?).  


Damit findet die historische Entwicklung der Mühlenmasch aber noch kein Ende. Zu Beginn des 20. Jh. siedelte sich der Schlachthof auf dem Gelände an. Es entstanden Gleisverbindungen zur Osthannoverschen Eisenbahn. 

Während des Zweiten Weltkriegs diente das Schützenhaus auf der Mühlenmasch als Lazarett. 

Bild: Mühlenmasch um 1945.  


Heute dient die Celler Mühlenmasch vielen als gut erreichbare Parkmöglichkeit. Dabei kennen nur wenige die historischen Hintergründe dieses Geländes. Demnächst stehen hier wohl Bauarbeiten an, die vielleicht einige Relikte vergangener Zeiten zutage fördern könnten. 

Bild: Mühlenmasch 2014.  


Die Celler Mühlenmasch hat schon einige interessante historische Epochen erlebt. Es bleibt zu hoffen, dass historisch relevante Spuren entsprechend gesichert werden und für die Nachwelt erhalten bleiben. Die Celler Mühlenmasch ist aus geschichtlichen Gesichtspunkten einer der interessantesten Untersuchungsräume im unmittelbaren Stadtgebiet... 

Hendrik Altmann 












Samstag, 28. Mai 2016

B-17 Bomber stürzte zwischen Langlingen und Hohnebostel ab



Hohnebostel / Langlingen. Es ist der 7. Mai 1944. Ein warmer Frühlingsmontag im vorletzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkrieges. Erwin Klingenspor aus Hohnebostel hat diesen Tag in Erinnerung behalten. Es war gegen Mittag als ein schwerer US Bomber des Typs B-17 "Flying Fortress" (Fliegende Festung) über dem Ort abstürzte. 


Am Morgen dieses schicksalhaften Tages startete gegen 5:30 Uhr das 612th Sq. der 401st Bomb Group der 8th US Air Force. Das Ziel ihres Angriffs: die Reichshauptstadt Berlin. Der angepeilte Abwurfpunkt liegt heute im Bereich der S-Bahnstation Friedrichstraße. Dort befanden sich zu dieser Zeit massiv ausgebaute Luftschutzanlagen. 

39 "Flying Fortress" starteten im britischen Deenethrope auf die Mission. Zu allen Seiten mit überschweren Maschinengewehren bestückt und in Formation fliegend, waren die Bomber quasi unangreifbar für deutsche Jagdflugzeuge. 

42-39943 lautete die Seriennummer einer der Bomber, besetzt mit einer erfahrenen Crew aus 10 Airforce-Soldaten. 2nd.Lieutenant Glen Grimmet Browning steuerte als Pilot das kampferprobte Flugzeug, welches den Spitznamen "Lassie come home" auf seiner Nase trug. Aufgezeichnete Bomben belegen die zahlreichen Einsätze des B-17 Bombers. 

Es war der erste Einsatz der Crew von Grimmet Browning an Bord dieses Bombers. 

Bild: B-17 Bomber "Lassie come home". 


Nach Abwurf der tödlichen Bombenlast drehte die B-17 Formation eine Schleife über der Reichshauptstadt und steuerte wieder in Richtung Westen. Gegen 11:25 Uhr erhielt die Crew von Grimmet Browning einen Flaktreffer. 1st. Lieutenant George F. Bingham war der letzte US Airforce Soldat, des 612th Sq. der "Lassie come home" sah. Wo genau diese letzte Sichtung erfolgte ist nicht sicher belegt. 

Bild: B-17 Bomber im Flug. 


Auf Hohnebostel zusteuernd ging der B-17 Bomber in einen steilen Sinkflug über, erinnerte sich Erwin Klingenspor. Er beobachtete den Absturz vor mehr als 72 Jahren und war einer der ersten an der Absturzstelle. Die Ereignisse sind ihm präsent. Auf einer Karte vermerkte er die genauen Stellen an denen Trümmerteile zu Boden gingen. 

Klingenspor erinnert sich, dass das Flugzeug aus großer Höhe in einen steilen Sinkflug überging. Einem Besatzungsmitglied gelang der Absprung mit dem Fallschirm. Pilot und Copilot steuerten gegen - das Höhenruder wurde so stark gezogen, dass es einen unglaublichen Lärm verursachte, bemerkt Klingenspor. Tatsächlich fing sich der abstürzende Bomber wieder. 

Aber dann brach eines der Leitwerke ab - es hat den hohen Kräften vermutlich nicht standgehalten. Es stürzte zu Boden und lag später am Ortsrand von Hohnebostel, weiß Klingenspor. Eine kleine weiße Nadel markiert den genauen Absturzort des Leitwerks auf seiner Karte. 

Damit war das Schicksal des Bombers und seiner Besatzung besiegelt. Der Stabilitätsverlust und die große Krafteinwirkung ließen den Rumpf in der Luft auseinanderbrechen. Der hintere Teil stürzte etwa dort zu Boden, wo sich heute der Hohnebostler Friedhof befindet. Die Tragflächen mit den vier schweren Motoren flogen noch ein Stück weiter. 

Bild: Absturzstellen des B-17 Bombers bei Langlingen / Hohnebostel. 


Kurz vor der ehemaligen Bahnstrecke Celle - Gifhorn ging der Vorderteil des B-17 Bombers schließlich zu Boden. Wie ein Segelflugzeug setzte er auf, erinnert sich Klingenspor, der sich aufmachte und die Absturzstelle in Augenschein nahm. Er entdeckte das abgebrochene Leitwerk, welches wenige hundert Meter vom heutigen Wohnhaus Klingenspors niederging. Es war etwa so groß, wie die komplette Tragfläche eines Jagdflugzeuges, erinnert sich der alteingesessene Hohnebostler. 

Durch ein kleines Waldstück erreichte Klingenspor schließlich die Absturzstelle. Er fand keine Hoheitszeichen auf den Teilen und wusste zunächst nicht welcher nation dieses Flugzeug zuzuordnen war. Dann entdeckte er eine kleine Banderole. Auf dieser stand: 

"Made in Buffalo, USA." 

Bild: Etwa hier stürzte der hintere Rumpfteil des B-17 Bombers ab. 


Der Navigator des Bombers, Raymond Kenneth Haines, war mit dem Fallschirm abgesprungen. Er landete unverletzt unmittelbar am südlichen Ortsrand Hohnebostels und wurde sogleich gefangen genommen. Klingenspor erinnert sich, dass es ein "großer langer Kerl" gewesen ist. Wo Haines verblieb ist ungeklärt. Vermutlich wurde er von Angehörigen des Volkssturmes oder Wehrmachtseinheiten in ein Gefangenenlager gebracht. 

Am vorderen Teil des Flugzeuges angekommen bemerkte Klingenspor keine Einschüsse. Auch roch es nicht nach Benzin. Das aufgerissene Wrack war so flach aufgeschlagen, dass es sich mit sand gefüllt hatte. Wehrmachtssoldaten bargen die Leichen der Airforce-Soldaten und legten sie in Särge, erinnert sich Klingenspor. 

Bild: Etwa hier stürzte der vordere Rumpfteil des B-17 Bombers ab. 


Durch den flachen Winkel, in welchem der B-17 Bomber schließlich zu Boden kam, war das Flugzeug äußerlich kaum zerstört. Innen war jedoch alles kaputt, da sich der Rumpf mit Sand gefüllt hatte. Die Wrackteile wurden später durch Wehrmachtssoldaten geborgen und auf einen Güterzug am Langlinger Bahnhof verfrachtet. Da es sich um Metalle handelte, die zu diesem Zeitpunkt im Reich Mangelware darstellten, wurden die Überreste des B-17 Bombers sehr wahrscheinlich abtransportiert und weiter verwertet. 

Alle Teile wurden jedoch nicht geborgen. So konnten bei der Oberflächensuche mit dem Metalldetektor noch eindeutige Beweise für den Absturz sichergestellt werden. Auffällig ist die große Anzahl an Aluminiumteilen, die für die Flugzeugproduktion sprechen. Auch die auffällige Lackierung einiger Teile belegt recht deutlich, dass es Flugzeugtrümmer sind. Die Konstrukteure strichen die Bomber von Außen mit einem speziellen Lack an. Wenn ein Flugzeug getroffen wurde, waren die beschädigten Stellen somit schnell erkennbar. 

Bild: Teile des B-17 Bombers "Lassie Come home", gefunden bei Hohnebostel. 


Insgesamt ist die Geschichte des B-17 Bombers "Lassie come home" und seiner Crew tragisch. Nur einer der 10 Crewmitglieder überlebte. Die restlichen liegen heute auf unterschiedlichen Friedhöfen im westlichen Europa. 

Nur wenige Abstürze lassen sich so lückenlos belegen wie dieser. Durch die Beobachtungen Erwin Klingenspors schließt sich der Kreis. Festzuhalten ist, dass es absolut nicht selbstverständlich ist heute noch Augenzeugen zu finden, denen die einstigen Ereignisse noch so präsent sind. Erwin Klingenspor hat die Geschichte des Absturzes am Leben gehalten. Neben der kartografischen Erfassung seiner Beobachtungen vor immerhin mehr als 72 Jahren, fertigte er ein Modell des entsprechenden B-17 Bombers an. An diesem sehr detaillierten Modell erklärte er mir genau, wo Teile des Flugzeuges zu Boden gingen. 

Am Anfang dieses Beitrags wurde nicht erwähnt, dass es die Familie eines Crewmitglieds des B-17 Bombers war, die diese Suche in Auftrag gegeben hatte. Letztlich konnte der genaue Absturzort von "Lassie come home" eindeutig belegt werden. Trotz des tragischen Schicksals welches die Besatzungsmitglieder erlitt, ist damit immerhin abschließende Gewissheit für die Angehörigen geschaffen. 


Hendrik





Donnerstag, 19. Mai 2016

Panzerwracks bei Müden...




Von dieser Geschichte hat sicher der ein oder andere bereits gehört. Angeblich sollen im Hahnenmoor bei Müden noch zwei alte Panzer liegen. Versenkt in den letzten Kriegstagen von der Waffen SS. Ins Moor gefahren und nie wieder aufgetaucht. So schreibt es auch U. Saft in seinem Buch "Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe". Saft dürfte damit sogar der Urheber dieser Legende sein, die seither viele zum träumen angeregt hat. Könnte man die versenkten Panzer nicht finden...und aus dem Moor ziehen? 

Die Sache hat einen gravierenden Haken. Leider ist die Geschichte der versenkten SS-Panzer frei erfunden. U. Saft erwähnte die Panzer in Zusammenhang zur SS-Kampfgruppe Wiking, die tatsächlich auch in dieser Gegend noch operierte. Allerdings gehörten die Panzer, welche ihr Ende am Rande des Hahnenmoores fanden, nicht zu der Kampfgruppe. Zeitzeugen belegen, dass Saft später sogar zugegeben haben soll, dass sein Buch fertig werden sollte - also wurden die Panzer, deren Verbleib man sich nicht erklären konnte, kurzerhand im Moor versenkt. Das Ende der Kampfgruppe Wiking fand anderenorts statt. 

Im After Action Report (Kampfbericht) des 638th Tank Destroyer Battalion der US Truppen findet sich am 14. April 1945 ein Nachtrag für den 12. April 1945. Unter der Überschrift "not previously reportet" (vorher nicht berichtet) findet sich der folgende Eintrag im Militärbericht: 

Bild: AAR des 638th TDBN, Report of operations, 14.04.1945. 


Handschriftlich wurde vermerkt: 

"Um 20:30 führten Sgt. Osborne und Private Remanszka des 1. Platoon eine Gruppe von 6 Infanteristenin den Wald (Koordinate: x828383) und nahmen 14 Jerrys und zwei SP 88 Panzer gefangen. Sie zerstörten die Panzer mit zwei Bazookas, Phosphor Granaten und Benzin". 

"Jerrys" war die in den Berichten übliche Bezeichnung für die Deutschen Soldaten. 
"SP 88" steht für "Self propelled gun" = Selbstfahrlafette, d.h. Panzerhaubitze des Kalibers 8,8cm. 

Mit dieser Beschreibung waren Panzer des Typs Jagdpanther SdKfz. 173 gemeint. Diese schweren Geschütze kamen in der Gegend gegen Kriegsende vermehrt zu Einsatz. Unter anderem hatte die Kampfgruppe Wiking ähnliche Geschütze in den Hanomag-Werken in Hannover übernommen. 

Bild: Jagdpanther Sonderkraftfahrzeug (SdKfz.) Nr. 173. 


Allerdings kann es sich bei den Panzern, welche östlich von Müden (Bokelberge) abgestellt wurden, nicht um Teile der Kampfgruppe Wiking handeln. Wie der After Action Report des 638th TDBN belegt, wurden die Panzer am am Abend des 12. April 1945 aufgefunden und zerstört. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Kampfgruppe Wiking in einem Waldgebiet zwischen Wienhausen und Langlingen. 

Es muss sich somit um eine andere deutsche Einheit handeln, welche am 12. April 1945 die zwei Panzer am Rande des Hahnenmoores verlor. Die 14 gefangen genommenen deutschen Soldaten, die der Militärbericht erwähnt, passen zahlenmäßig zumindest zur Besatzungsstärke der aufgefundenen Jagdpanther. 

Bild: In diesem Bereich befindet sich die Koordinate des Militärberichtes. 


Es handelte sich um Teile des 130. Panzer-Lehr-Regiments, welches in Braunschweig ein große Zahl Jagdpanther übernommen hatte. Was genau dazu führte, dass sich die Panzerbesatzungen  am 12. April zwischen Bokelberge und Wilsche aufhielten ist bislang nicht geklärt. Vermutlich wollten sie in Deckung vor feindlichen Tieffliegern bleiben und wurden durch die US Einheiten überrascht. 

Bild: Entlang des alten Postweges wurden die Jagdpanther abgestellt. 


Ein Zusammenhang zu den Panzern der Kampfgruppe Wiking unter dem SS-Hauptsturmführer Nikolussi-Leck kann allerdings ausgeschlossen werden. Seine Einheiten befanden sich am 12. April noch weiter westlich bei Wienhausen / Langlingen. Ein Vorgehen in diesen Raum wäre ohnehin nicht möglich gewesen, da die Langfinger Alleebrücke  bereits durch Einheiten der SS gesprengt worden war. Durch den Beleg der US Militärberichte kann eine Verbindung zur SS-Wiking somit ausgeschlossen werden. 




Freitag, 13. Mai 2016

Der falsche Ringwall bei Lachendorf



Vor einiger Zeit "entdeckte" ich in Lachendorf die Straße mit dem Namen "Ringwall". Kein großer Wurf, denn die unscheinbare Sackgasse liegt direkt am Altenceller Weg in Ortsrandlage. Da früher aber meist Befestigungsanlagen den Beinamen "Ringwall" erhielten, war das Interesse geweckt. Gab es bei Lachendorf tatsächlich etwas Ringwall-Ähnliches und wenn ja - was hatte es damit auf sich? 


In aktuellen Karten taucht die Straßenbezeichnung auf. Allerdings gilt es zu bedenken, dass dieser Teil Lachendorfs erst im letzten Jahrhundert bebaut wurde und Straßen angelegt wurden. Noch vor hundert Jahren gab es in diesem Bereich nur Felder und den Altenceller Weg. 

Topografische Karte, welche die Straße "Ringwall" bei Lachendorf zeigt. Quelle: Region Celle Navigatior. 


Wer diesen Blog liest weiß, dass ich ein Freund der praktischen Nachforschungen bin. Man kann noch so lange am heimischen Rechner sitzen - im Endeffekt muss man sich schon mal die Stiefel anziehen und an die frische Luft gehen. Das Gebiet westlich Lachendorf ist bewaldet - somit sind Satellitenbilder auch nur mittelmäßig hilfreich. 

Gesagt - getan. Nach einiger Suche im Wald fand sich tatsächlich ein nahezu kreisrunder Erdwall. 

Bild: deutlich erkennbarer Erdwall im Wald westlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 


Die Höhe des, durch einen niedrigen Graben umgebenen, Walls beträgt durchschnittlich etwa 30 cm. In der Umgebung findet sich weiterhin kein anderes Landschaftsmerkmal auf das die Beschreibung "Ringwall" passen würde. Es stellt sich somit die Frage, ob es sich bei dem aufgefundenen Erdwall wirklich um ein altes Befestigungsbauwerk handeln kann. 

Bereits die Untersuchungen in Altencelle haben gezeigt, dass von diesen Bauwerken in unserer Gegend nicht mehr viele Spuren erhalten sind. Es scheint daher fraglich, ob ein Erdwall mehrere Jahrhunderte überdauern konnte. 

Bild: deutlich erkennbarer Erdwall im Wald westlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 


Bis ins 19./20. Jahrhundert ist der Erdwall noch auf topografischen Karten verzeichnet. So zeigt die Preußische Landesaufnahme (Messtischblatt 1899, Beedenbostel) den Ringwall südwestlich von Lachendorf. Die Karte zeigt ebenfalls recht deutlich wie weit sich der Ort in späterer Zeit ausgedehnt hat. 

Bild: preußisches Messtischblatt von 1899. 


Die vorstehende Karte zeigt im Bereich des Erdwalles noch ausgedehnte Heideflächen. Diese gehörten zu der einstigen Allerheide, welche sich früher fast gänzlich zwischen Oppershausen und Lachendorf erstreckte. Ein letzter Rest davon ist als Dreieck noch heute südwestlich von Lachendorf erhalten. 

Indes liegt eine differenzierte Deutung des Ringwalles nahe. Während frühmittelalterliche Erdanlagen längst hätten eingeebnet sein müssen, handelt es sich hier wohl um ein Relikt späterer Zeit. 

Besonders auf den ausgedehnten Heideflächen wurde früher eine ausgiebige Bienenzucht betrieben. Die Gebiete waren mit Bienenstöcken quasi überseht. In der Heide, welche allgemeinfreie Allemende darstellte, konnte somit jeder fast nach Belieben Bienenvölker aufstellen. In einer Zeit in der die landwirtschaftlichen Nutzflächen knapp und die Ertragsmöglichkeiten begrenzt waren, stellte das Halten von Bienen einen wichtigen Faktor der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung dar. Einziges Problem war, dass Nutz- und Wildtiere den Bienenstöcken schaden konnten. Auch andere Einflüsse, wie Wind und Wetter machten den Bienenstöcken zu schaffen, sodass in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Bienenzucht einen ungeahnten Höhepunkt erlebte, neue Konzepte entstanden um die Bienenvölker zu schützen. 

Ratschläge zur verbesserten Bienenhaltung fanden sich unter anderem im "Lehrbuch der Bienenzucht", welches in erster Auflage im Jahr 1870 erschien. 

Bild: Ausschnitt aus dem "Lehrbuch der Bienenzucht", 1871, G. Dathe. 


Darin wurden neben dem klassischen Bienenzaun auch innovative Konzepte vorgestellt, wie die Bienenvölker am besten zu schützen seien. Unter anderem sollten runde oder eckig angeordnete Bienenschauer dienen Wettereinflüsse von den Bienenstöcken abzuhalten. 

So kamen auch in unserer Gegend zwischen 1800 und 1930 unterschiedlichste Möglichkeiten zum Einsatz. Die heute noch erkennbaren Relikte und Spuren verfolgen somit auch nur selten flächendeckend der gleichen Beschaffenheit. Die einstigen Bienenzäune sind daher nicht immer eindeutig als solche erkennbar. Auch der vermeintliche Ringwall südwestlich von Lachendorf ist ein alter Bienenstand. Zum Schutz vor Weichtieren und anderen schädlichen Einflüssen wurde ein Erdwall aufgeschichtet - aber auch, um die Besitzung gegenüber der Allende abzugrenzen. Denn anders als die Heidefläche durfte der Bienenstand natürlich nur von seinem Besitzer genutzt werden. 

Bild: Ausschnitt aus dem "Lehrbuch der Bienenzucht", 1871, G. Dathe. 


Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Bienenzucht früher eine maßgebliche Bedeutung innehatte. Alte Karten weisen noch zahlreiche Bienenstellen in unserer Gegend aus. Nicht immer sind diese heute noch als solche erkennbar. Mancherorts kommt es daher schon einmal zu Verwechselungen mit anderen Kultur- und Landschaftsdenkmälern. 

Die gesteigerte Bedeutung der Bienenzucht in früherer Zeit lässt noch heute im Bürgerlichen Gesetzbuch erkennen. Die §§ 961 ff. BGB behandeln ausnahmslos die Eigentumsverhältnisse an Bienenvölkern. Obgleich es heute amüsant klingt, wenn dort steht, der Eigentümer habe seinen Bienenstamm unverzüglich zu verfolgen, war es früher aufgrund der zahlreichen Bienenvölker notwendig diese gesetzlichen Regelungen zu haben...

Die Geschichte um den "Ringwall" bei Lachendorf wäre damit wohl geklärt :) 

Hendrik


Dienstag, 26. April 2016

Hexenbusch bei Schelploh



Auf der Liste der "Found Places" stand der Hexenbusch zugegebener Maßen nicht ganz oben. Duch Zufall war ich während einer Kartenrecherche über den Flurnamen gestolpert. Da der "Hexenbusch" recht weit ab vom Schuss liegt, hat er mich neugierig gemacht. Wieso trägt ein abgelegenes Waldgebiet diesen Namen? 

Im preußischen Messtischblatt von 1899 findet man den Hexenbusch als eingetragenen Flurnamen südwestlich der kleinen Ortschaft Schelploh im Norden des Landkreises Celle. Die Bezeichnung ist recht auffällig, denn auch früher war in dieser Gegend recht wenig los. Das bedeutet die Flurbezeichnung muss bewusst gewählt worden sein und hat sich, obgleich nur wenige Ortsansässige sie überlieferten, bis heute erhalten.  

Im Celler Flurnamenbuch nimmt F. Barenscheer an, dass es sich um einen heidnischen Platz handeln könnte, der nach Einzug des Christentums in unserer Gegend als solcher gekennzeichnet werden sollte. Im Übergang des traditionellen sächsischen Volksglaubens kam es durchaus vor, dass heidnische Kultstätten ganz bewusst als Kirchorte ausgewählt wurden. Dies nimmt man auch für Beedenbosetel und Wienhausen an. 

Doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Flurname "Hexenbusch" bis in die Zeit der Christianisierung, also ca. um 830 - 880 zurückreicht. Eher wahrscheinlich ist, dass der Name höchstens ins späte Mittelalter bzw. die frühe Neuzeit zurückreicht. 

Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: Preußisches Messtischblatt 1899. 


Erstmals taucht der Flurname im preußischen Messtischblatt aus dem Jahr 1899 auf. Die bis dahin erschienen Kartenwerke erwähnen noch keinen Hexenbusch. Allerdings gab es bis zum Erscheinen der Kurhannoverschen Landesaufnahme im Jahr 1780 noch kaum Kartenwerke, die überhaupt Flurnamen verzeichneten. Die lokalen Flurnamen können also durchaus älter sein, als es Karten verraten. 

Letztlich bleibt es dem Heimatforscher nicht erspart ein paar Schritte vor die Tür zu machen und diese Geschichten vor Ort zu erkunden. Somit begab ich mich am 23.04.2016 zu einem Ortstermin zum Hexenbusch. Ausgerüstet mit dem nötigen Equipment, begleitete mich Kira, meine Schäferhund-Bordercollie-Mischlingshündin. Das Wetter war optimal. Die Landschaft und Natur im mittlerweile als Naturpark Südheide ausgeschilderten Gebiet ist einzigartig. 

Bild: Wald in der Nähe des "Hexenbusches". Quelle: H. Altmann. 


Nach einigen Kilometern erreichten wir die Gegend am Hexenbusch. Wer diesen Blog nicht zum ersten Mal liest, dem ist wohl klar, dass ich bereits einige geschichtsträchtige Orte besucht habe. Die einschlägige Heimatliteratur ist voll mit Geschichten über Riesen, Geister, Werwölfe und Hexen. Nun kann man darüber denken wie man will. Ich persönlich glaube zwar, dass es diese Geschichten nicht ohne Grund gibt. Aber übersinnliche Erscheinungen vermute ich dahinter nicht. 

Nun...der Hexenbusch hat mich, was dies betrifft, durchaus nachdenklich gemacht. Kein Weg führt heute direkt zu dorthin. Er liegt recht abgelegen und ist nur querfeldein erreichbar. Aber es ist nicht so, dass man den Hexenbusch verfehlen könnte. 

Es fällt ins Auge, dass sich die Vegetation verändert. Dort, wo ich die GPS-Markierung aus der historischen Karte ins aktuelle Satellitenbild gesetzt habe, sind die Bäume meist abgestorben. Viel totes Holz liegt auf dem Boden, der mit altem vertrockneten Gras bewachsen ist. Die Bäume stehen eng beisammen und alles macht einen sehr verlassenen und trostlosen Eindruck. 

Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Angekommen im Hexenbusch hört man keine Vögel mehr zwitschern. Es ist auffällig still. Vielleicht gibt es dafür einen guten Grund - wenn dort aus natürlichen Gründen weniger gesunde Pflanzen wachsen, wäre es nur logisch, dass sich hier weniger Tiere aufhalten. 

Einige Tiere scheinen sich dennoch in den Hexenbusch zu verirren. Das belegen zumindest etliche Knochen, die hier herumliegen. Es ist beklemmend - diese Stille in einer so trostlosen und verlassenen Gegend...während am Boden Knochenreste zwischen abgestorbenen Bäumen liegen. 


Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Der Flurname und die Eindrücke vor Ort passen gut zueinander. Es bleibt die ungeklärte Frage wie der Name entstand. Hielten hier vielleicht einst Hexen heidnische Rituale ab? Oder handelt es sich möglicherweise um eine einstige Richtstätte an der möglicherweise Hexen einen grausamen Tod fanden? 

Von ungefähr kommt der Flurname gewiss nicht. Neben der bedrückenden Stimmung vor Ort gab mir vor allem eins nachhaltig zu denken. Am Hexenbusch angekommen verhielt sich der Hund anders. Normalerweise neugierig und lebendig war Kira wie ausgewechselt. Ich musste sie quasi zum Weitergehen überreden und sie wirkte dabei ängstlich und verstört. 


Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Bislang ließ sich nicht abschließend klären woher der Name "Hexenbusch" stammt. Solche Flurnamen - und noch dazu in so abgelegenen Gegenden - sind alles andere als gewöhnlich. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Ort eine bislang nicht bekannte Geschichte verbirgt. 

Umgeben von belebter Natur (immerhin haben wir Frühling) misst der Hexenbusch eine Fläche von rund 100 Quadratmetern, die einen trostlosen, einsamen und toten Eindruck machen. Es ist ein beklemmender und gruseliger Ort. Ehrlich gesagt war ich ganz froh, dass Kira dabei war. 

Hendrik


Freitag, 15. April 2016

Achtung – Überfall!


Momentaufnahmen der ersten beiden Schützenfeste nach dem Zweiten Weltkrieg


Schwarzweißbilder. Sorgfältig in ein stoffbespanntes Album eingeklebt. Gut 60 Jahre sind vergangen, seit die Aufnahmen entstanden. Auf ihnen zu erkennen: Uniformierte mit Gewehren, Reiter mit Pferden, eine große Kanone und sogar ein Panzer. An einem Ortseingang brennt Stroh auf dem Straßenpflaster - im Straßengraben daneben stehen junge Männer mit Gewehren.




Weitere Aufnahmen scheinen nach dem „Kampf“ entstanden zu sein. Ein berittenes Gespann aus vier Pferden zieht eine große Kanone. Ihre Besetzung trägt Stahlhelme aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Reiter vorneweg trägt eine Offiziersuniform. 





Die skurrile Szene stammt nicht etwa aus den letzten Kriegstagen, sondern vom ersten Schützenfest nach dem Zweiten Weltkrieg in Offensen/Schwachhausen. Es war eine schwierige Zeit. Der Krieg war verloren – Deutschland war in Besatzungszonen eingeteilt. Etliche junge Männer waren nicht aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt. Andere waren in Gefangenschaft, oder bereits heimgekehrt und vom Krieg gezeichnet. Mein Großvater kehrte 1950 aus einem Arbeitslager aus der UDSSR auf den Hof nach Schwachhausen zurück. Die Welt hatte sich nachhaltig verändert. Trotzdem wurde im Jahr 1952 in den Orten Offensen/Schwachhausen wieder Schützenfest gefeiert. 

Vor dem Hintergrund des verlorenen Krieges ist es schon verblüffend, dass man überhaupt ausgelassen feiern wollte. Darüber hinaus wurden viele Bestandteile des Volksfestes beibehalten. Bis heute haben sich manche dieser Traditionen erhalten – Grund genug einen Blick darauf zu werfen. 

Das Schützenfest in den Ortschaften Wienhausen, Bockelskamp, Oppershausen und Offensen/Schwachhausen ist etwas Besonderes. Die Dörfer wechseln sich der Reihe nach ab und so findet das Volksfest zwar jedes Jahr statt – wird aber im Wechsel in den beteiligten Ortschaften ausgerichtet. 

Einer der Höhepunkte des Schützenfestes ist der große Umzug am Freitag nach Himmelfahrt. Mit bunten Wagen, Spielmannszügen und den Schützen zieht der Umzug in die beteiligten Ortschaften (Königreiche). Hier gilt es das jeweilige Königreich durch einen in Szene gesetzten Kampf am Ortseingang zu erobern. Der unterworfene König muss anschließend die Schützengesellschaft auf seinem Anwesen beköstigen. Natürlich ist das alles nur Spaß. Es geht nicht um Kampf und Krieg. Wer das nicht verstanden hat, der hat das Schützenfest nicht verstanden. 

Als die Deutschen Städte noch zu großen Teilen in Trümmern lagen, lebte im Jahr 1950 die Schützenfesttradition wieder auf. In Offensen/Schwachhausen wurde 1952 wieder ein ausgelassenes Schützenfest gefeiert. Ab dem Jahr 1936 gab es das Volksfest schlicht nicht mehr. Heinrich Marwede aus Oppershausen erinnert sich: „...ja wer hätte denn da auch hingehen sollen? – Die ganzen jungen Männer waren doch im Krieg...“ 





Als im Jahr 1956 das zweite Schützenfest nach Kriegsende gefeiert wurde, war mein Großvater Schützenkönig. Er hatte zur Kavallerie gehört und die Pferde hochrangiger Offiziere betreut. Die Bilder des Schützenfestes im Jahr 1956 zeigen, dass noch viele Pferde in den Umzug integriert wurden. Und so ritt mein Großvater als Schützenkönig in die Wienhäuser Gastwirtschaft „Bauermeister“ ein (Heute Klosterwirt) und ließ sein Pferd aus dem Spülbecken in der Küche trinken. Aus Erzählungen mit Zeitzeugen erahnt man, was das für eine spannende Zeit gewesen sein muss. 

- Eine spannende und zugleich aus heutiger Sicht nicht immer ganz leicht greifbare Zeit. Wie kam man auf die Idee, direkt nach dem Krieg Panzer und Kanonen auf dem Schützenfest zu präsentieren? 




Wir vergessen heute zu leicht, dass die damalige Generation sechs Jahre Krieg und rund zehn Jahre Militarisierung erlebt hatte. Die Erlebnisse mussten sich wohl erst setzen. Und wer genau hinsieht, erkennt dies – es ging nicht vorrangig um eine Verherrlichung des Krieges. 

Zu bemerken ist, dass die Schützenfesttradition bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Ähnlich wie beim Karneval war es immer guter Brauch das politische Geschehen auf die Schippe zu nehmen. So betrachtet gab es 1952/1956 einiges nachzuholen, was zu Kriegszeiten undenkbar gewesen wäre. 

Nicht ohne Grund hatte man im Nationalsozialismus das Schützenfest verboten – es passte nicht in die gleichgeschaltete Gesellschaftsordnung, denn es beinhaltete immer schon unbewusst grunddemokratische Werte. Jeder konnte sich frei für seine Kostümierung entscheiden und es herrschte quasi „Narrenfreiheit“ – während im NS-System strikte Ordnung und absoluter Gehorsam zu achten waren. 

Darüber hinaus stellte die Schützengemeinschaft einen Gegensatz zum Führerstaat dar. So herrschte während des Schützenfestes immer eine vorbildliche Gastfreundschaft und gleichsam eine solide Verbundenheit der Schützengemeinschaft. Dies passte einfach nicht zum Kontrollgedanken der Nazis. 

Die vorstehenden Bilder zeigen vielfach die militärischen Aspekte des Schützenfestes. Diese gehörten aber auch vor dem Zweiten Weltkrieg zum Schützenfest – ebenso wie die Verkleidungen und die lockere Heiterkeit, die an diesen Tagen die Dörfer zu „Königreichen“ werden lässt. So überrascht es auch nicht, dass andere Bilder eben diese Seite des Schützenfestes widerspiegeln und damit eindrucksvoll belegen, dass „Schützenfest“ mehr als ein „Fest der Schützen“ ist. 



Kaum anderswo im Landkreis Celle hat sich die ursprüngliche Tradition des Schützenfestes so konsequent erhalten wie in den Orten Offensen und Schwachhausen. Dies erklärt auch, warum es gerade dieses recht kleine „Königreich“ ist, das mehr Schützen aufbieten kann, als die umliegenden Nachbar-Königreiche. 

Auch in diesem Jahr soll wieder ein Schützenfest in Offensen/Schwachhausen gefeiert werden. Sicherlich werden einige der historischen Traditionen gepflegt. Trotzdem lebt das Schützenfest durch seinen stetigen Bezug zum aktuellen Geschehen und ist so jedes Mal auf’s Neue wieder einzigartig und erlebenswert. 

Aktuelle Informationen zum Programm des diesjährigen Schützenfestes finden sich unter anderem auf der Seite des Heimatvereins: 


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Hendrik