f Heimatforschung im Landkreis Celle

Samstag, 28. Mai 2016

B-17 Bomber stürzte zwischen Langlingen und Hohnebostel ab



Hohnebostel / Langlingen. Es ist der 7. Mai 1944. Ein warmer Frühlingsmontag im vorletzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkrieges. Erwin Klingenspor aus Hohnebostel hat diesen Tag in Erinnerung behalten. Es war gegen Mittag als ein schwerer US Bomber des Typs B-17 "Flying Fortress" (Fliegende Festung) über dem Ort abstürzte. 


Am Morgen dieses schicksalhaften Tages startete gegen 5:30 Uhr das 612th Sq. der 401st Bomb Group der 8th US Air Force. Das Ziel ihres Angriffs: die Reichshauptstadt Berlin. Der angepeilte Abwurfpunkt liegt heute im Bereich der S-Bahnstation Friedrichstraße. Dort befanden sich zu dieser Zeit massiv ausgebaute Luftschutzanlagen. 

39 "Flying Fortress" starteten im britischen Deenethrope auf die Mission. Zu allen Seiten mit überschweren Maschinengewehren bestückt und in Formation fliegend, waren die Bomber quasi unangreifbar für deutsche Jagdflugzeuge. 

42-39943 lautete die Seriennummer einer der Bomber, besetzt mit einer erfahrenen Crew aus 10 Airforce-Soldaten. 2nd.Lieutenant Glen Grimmet Browning steuerte als Pilot das kampferprobte Flugzeug, welches den Spitznamen "Lassie come home" auf seiner Nase trug. Aufgezeichnete Bomben belegen die zahlreichen Einsätze des B-17 Bombers. 

Es war der erste Einsatz der Crew von Grimmet Browning an Bord dieses Bombers. 

Bild: B-17 Bomber "Lassie come home". 


Nach Abwurf der tödlichen Bombenlast drehte die B-17 Formation eine Schleife über der Reichshauptstadt und steuerte wieder in Richtung Westen. Gegen 11:25 Uhr erhielt die Crew von Grimmet Browning einen Flaktreffer. 1st. Lieutenant George F. Bingham war der letzte US Airforce Soldat, des 612th Sq. der "Lassie come home" sah. Wo genau diese letzte Sichtung erfolgte ist nicht sicher belegt. 

Bild: B-17 Bomber im Flug. 


Auf Hohnebostel zusteuernd ging der B-17 Bomber in einen steilen Sinkflug über, erinnerte sich Erwin Klingenspor. Er beobachtete den Absturz vor mehr als 72 Jahren und war einer der ersten an der Absturzstelle. Die Ereignisse sind ihm präsent. Auf einer Karte vermerkte er die genauen Stellen an denen Trümmerteile zu Boden gingen. 

Klingenspor erinnert sich, dass das Flugzeug aus großer Höhe in einen steilen Sinkflug überging. Einem Besatzungsmitglied gelang der Absprung mit dem Fallschirm. Pilot und Copilot steuerten gegen - das Höhenruder wurde so stark gezogen, dass es einen unglaublichen Lärm verursachte, bemerkt Klingenspor. Tatsächlich fing sich der abstürzende Bomber wieder. 

Aber dann brach eines der Leitwerke ab - es hat den hohen Kräften vermutlich nicht standgehalten. Es stürzte zu Boden und lag später am Ortsrand von Hohnebostel, weiß Klingenspor. Eine kleine weiße Nadel markiert den genauen Absturzort des Leitwerks auf seiner Karte. 

Damit war das Schicksal des Bombers und seiner Besatzung besiegelt. Der Stabilitätsverlust und die große Krafteinwirkung ließen den Rumpf in der Luft auseinanderbrechen. Der hintere Teil stürzte etwa dort zu Boden, wo sich heute der Hohnebostler Friedhof befindet. Die Tragflächen mit den vier schweren Motoren flogen noch ein Stück weiter. 

Bild: Absturzstellen des B-17 Bombers bei Langlingen / Hohnebostel. 


Kurz vor der ehemaligen Bahnstrecke Celle - Gifhorn ging der Vorderteil des B-17 Bombers schließlich zu Boden. Wie ein Segelflugzeug setzte er auf, erinnert sich Klingenspor, der sich aufmachte und die Absturzstelle in Augenschein nahm. Er entdeckte das abgebrochene Leitwerk, welches wenige hundert Meter vom heutigen Wohnhaus Klingenspors niederging. Es war etwa so groß, wie die komplette Tragfläche eines Jagdflugzeuges, erinnert sich der alteingesessene Hohnebostler. 

Durch ein kleines Waldstück erreichte Klingenspor schließlich die Absturzstelle. Er fand keine Hoheitszeichen auf den Teilen und wusste zunächst nicht welcher nation dieses Flugzeug zuzuordnen war. Dann entdeckte er eine kleine Banderole. Auf dieser stand: 

"Made in Buffalo, USA." 

Bild: Etwa hier stürzte der hintere Rumpfteil des B-17 Bombers ab. 


Der Navigator des Bombers, Raymond Kenneth Haines, war mit dem Fallschirm abgesprungen. Er landete unverletzt unmittelbar am südlichen Ortsrand Hohnebostels und wurde sogleich gefangen genommen. Klingenspor erinnert sich, dass es ein "großer langer Kerl" gewesen ist. Wo Haines verblieb ist ungeklärt. Vermutlich wurde er von Angehörigen des Volkssturmes oder Wehrmachtseinheiten in ein Gefangenenlager gebracht. 

Am vorderen Teil des Flugzeuges angekommen bemerkte Klingenspor keine Einschüsse. Auch roch es nicht nach Benzin. Das aufgerissene Wrack war so flach aufgeschlagen, dass es sich mit sand gefüllt hatte. Wehrmachtssoldaten bargen die Leichen der Airforce-Soldaten und legten sie in Särge, erinnert sich Klingenspor. 

Bild: Etwa hier stürzte der vordere Rumpfteil des B-17 Bombers ab. 


Durch den flachen Winkel, in welchem der B-17 Bomber schließlich zu Boden kam, war das Flugzeug äußerlich kaum zerstört. Innen war jedoch alles kaputt, da sich der Rumpf mit Sand gefüllt hatte. Die Wrackteile wurden später durch Wehrmachtssoldaten geborgen und auf einen Güterzug am Langlinger Bahnhof verfrachtet. Da es sich um Metalle handelte, die zu diesem Zeitpunkt im Reich Mangelware darstellten, wurden die Überreste des B-17 Bombers sehr wahrscheinlich abtransportiert und weiter verwertet. 

Alle Teile wurden jedoch nicht geborgen. So konnten bei der Oberflächensuche mit dem Metalldetektor noch eindeutige Beweise für den Absturz sichergestellt werden. Auffällig ist die große Anzahl an Aluminiumteilen, die für die Flugzeugproduktion sprechen. Auch die auffällige Lackierung einiger Teile belegt recht deutlich, dass es Flugzeugtrümmer sind. Die Konstrukteure strichen die Bomber von Außen mit einem speziellen Lack an. Wenn ein Flugzeug getroffen wurde, waren die beschädigten Stellen somit schnell erkennbar. 

Bild: Teile des B-17 Bombers "Lassie Come home", gefunden bei Hohnebostel. 


Insgesamt ist die Geschichte des B-17 Bombers "Lassie come home" und seiner Crew tragisch. Nur einer der 10 Crewmitglieder überlebte. Die restlichen liegen heute auf unterschiedlichen Friedhöfen im westlichen Europa. 

Nur wenige Abstürze lassen sich so lückenlos belegen wie dieser. Durch die Beobachtungen Erwin Klingenspors schließt sich der Kreis. Festzuhalten ist, dass es absolut nicht selbstverständlich ist heute noch Augenzeugen zu finden, denen die einstigen Ereignisse noch so präsent sind. Erwin Klingenspor hat die Geschichte des Absturzes am Leben gehalten. Neben der kartografischen Erfassung seiner Beobachtungen vor immerhin mehr als 72 Jahren, fertigte er ein Modell des entsprechenden B-17 Bombers an. An diesem sehr detaillierten Modell erklärte er mir genau, wo Teile des Flugzeuges zu Boden gingen. 

Am Anfang dieses Beitrags wurde nicht erwähnt, dass es die Familie eines Crewmitglieds des B-17 Bombers war, die diese Suche in Auftrag gegeben hatte. Letztlich konnte der genaue Absturzort von "Lassie come home" eindeutig belegt werden. Trotz des tragischen Schicksals welches die Besatzungsmitglieder erlitt, ist damit immerhin abschließende Gewissheit für die Angehörigen geschaffen. 


Hendrik





Donnerstag, 19. Mai 2016

Panzerwracks bei Müden...




Von dieser Geschichte hat sicher der ein oder andere bereits gehört. Angeblich sollen im Hahnenmoor bei Müden noch zwei alte Panzer liegen. Versenkt in den letzten Kriegstagen von der Waffen SS. Ins Moor gefahren und nie wieder aufgetaucht. So schreibt es auch U. Saft in seinem Buch "Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe". Saft dürfte damit sogar der Urheber dieser Legende sein, die seither viele zum träumen angeregt hat. Könnte man die versenkten Panzer nicht finden...und aus dem Moor ziehen? 

Die Sache hat einen gravierenden Haken. Leider ist die Geschichte der versenkten SS-Panzer frei erfunden. U. Saft erwähnte die Panzer in Zusammenhang zur SS-Kampfgruppe Wiking, die tatsächlich auch in dieser Gegend noch operierte. Allerdings gehörten die Panzer, welche ihr Ende am Rande des Hahnenmoores fanden, nicht zu der Kampfgruppe. Zeitzeugen belegen, dass Saft später sogar zugegeben haben soll, dass sein Buch fertig werden sollte - also wurden die Panzer, deren Verbleib man sich nicht erklären konnte, kurzerhand im Moor versenkt. Das Ende der Kampfgruppe Wiking fand anderenorts statt. 

Im After Action Report (Kampfbericht) des 638th Tank Destroyer Battalion der US Truppen findet sich am 14. April 1945 ein Nachtrag für den 12. April 1945. Unter der Überschrift "not previously reportet" (vorher nicht berichtet) findet sich der folgende Eintrag im Militärbericht: 

Bild: AAR des 638th TDBN, Report of operations, 14.04.1945. 


Handschriftlich wurde vermerkt: 

"Um 20:30 führten Sgt. Osborne und Private Remanszka des 1. Platoon eine Gruppe von 6 Infanteristenin den Wald (Koordinate: x828383) und nahmen 14 Jerrys und zwei SP 88 Panzer gefangen. Sie zerstörten die Panzer mit zwei Bazookas, Phosphor Granaten und Benzin". 

"Jerrys" war die in den Berichten übliche Bezeichnung für die Deutschen Soldaten. 
"SP 88" steht für "Self propelled gun" = Selbstfahrlafette, d.h. Panzerhaubitze des Kalibers 8,8cm. 

Mit dieser Beschreibung waren Panzer des Typs Jagdpanther SdKfz. 173 gemeint. Diese schweren Geschütze kamen in der Gegend gegen Kriegsende vermehrt zu Einsatz. Unter anderem hatte die Kampfgruppe Wiking ähnliche Geschütze in den Hanomag-Werken in Hannover übernommen. 

Bild: Jagdpanther Sonderkraftfahrzeug (SdKfz.) Nr. 173. 


Allerdings kann es sich bei den Panzern, welche östlich von Müden (Bokelberge) abgestellt wurden, nicht um Teile der Kampfgruppe Wiking handeln. Wie der After Action Report des 638th TDBN belegt, wurden die Panzer am am Abend des 12. April 1945 aufgefunden und zerstört. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Kampfgruppe Wiking in einem Waldgebiet zwischen Wienhausen und Langlingen. 

Es muss sich somit um eine andere deutsche Einheit handeln, welche am 12. April 1945 die zwei Panzer am Rande des Hahnenmoores verlor. Die 14 gefangen genommenen deutschen Soldaten, die der Militärbericht erwähnt, passen zahlenmäßig zumindest zur Besatzungsstärke der aufgefundenen Jagdpanther. 

Bild: In diesem Bereich befindet sich die Koordinate des Militärberichtes. 


Es handelte sich um Teile des 130. Panzer-Lehr-Regiments, welches in Braunschweig ein große Zahl Jagdpanther übernommen hatte. Was genau dazu führte, dass sich die Panzerbesatzungen  am 12. April zwischen Bokelberge und Wilsche aufhielten ist bislang nicht geklärt. Vermutlich wollten sie in Deckung vor feindlichen Tieffliegern bleiben und wurden durch die US Einheiten überrascht. 

Bild: Entlang des alten Postweges wurden die Jagdpanther abgestellt. 


Ein Zusammenhang zu den Panzern der Kampfgruppe Wiking unter dem SS-Hauptsturmführer Nikolussi-Leck kann allerdings ausgeschlossen werden. Seine Einheiten befanden sich am 12. April noch weiter westlich bei Wienhausen / Langlingen. Ein Vorgehen in diesen Raum wäre ohnehin nicht möglich gewesen, da die Langfinger Alleebrücke  bereits durch Einheiten der SS gesprengt worden war. Durch den Beleg der US Militärberichte kann eine Verbindung zur SS-Wiking somit ausgeschlossen werden. 




Freitag, 13. Mai 2016

Der falsche Ringwall bei Lachendorf



Vor einiger Zeit "entdeckte" ich in Lachendorf die Straße mit dem Namen "Ringwall". Kein großer Wurf, denn die unscheinbare Sackgasse liegt direkt am Altenceller Weg in Ortsrandlage. Da früher aber meist Befestigungsanlagen den Beinamen "Ringwall" erhielten, war das Interesse geweckt. Gab es bei Lachendorf tatsächlich etwas Ringwall-Ähnliches und wenn ja - was hatte es damit auf sich? 


In aktuellen Karten taucht die Straßenbezeichnung auf. Allerdings gilt es zu bedenken, dass dieser Teil Lachendorfs erst im letzten Jahrhundert bebaut wurde und Straßen angelegt wurden. Noch vor hundert Jahren gab es in diesem Bereich nur Felder und den Altenceller Weg. 

Topografische Karte, welche die Straße "Ringwall" bei Lachendorf zeigt. Quelle: Region Celle Navigatior. 


Wer diesen Blog liest weiß, dass ich ein Freund der praktischen Nachforschungen bin. Man kann noch so lange am heimischen Rechner sitzen - im Endeffekt muss man sich schon mal die Stiefel anziehen und an die frische Luft gehen. Das Gebiet westlich Lachendorf ist bewaldet - somit sind Satellitenbilder auch nur mittelmäßig hilfreich. 

Gesagt - getan. Nach einiger Suche im Wald fand sich tatsächlich ein nahezu kreisrunder Erdwall. 

Bild: deutlich erkennbarer Erdwall im Wald westlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 


Die Höhe des, durch einen niedrigen Graben umgebenen, Walls beträgt durchschnittlich etwa 30 cm. In der Umgebung findet sich weiterhin kein anderes Landschaftsmerkmal auf das die Beschreibung "Ringwall" passen würde. Es stellt sich somit die Frage, ob es sich bei dem aufgefundenen Erdwall wirklich um ein altes Befestigungsbauwerk handeln kann. 

Bereits die Untersuchungen in Altencelle haben gezeigt, dass von diesen Bauwerken in unserer Gegend nicht mehr viele Spuren erhalten sind. Es scheint daher fraglich, ob ein Erdwall mehrere Jahrhunderte überdauern konnte. 

Bild: deutlich erkennbarer Erdwall im Wald westlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 


Bis ins 19./20. Jahrhundert ist der Erdwall noch auf topografischen Karten verzeichnet. So zeigt die Preußische Landesaufnahme (Messtischblatt 1899, Beedenbostel) den Ringwall südwestlich von Lachendorf. Die Karte zeigt ebenfalls recht deutlich wie weit sich der Ort in späterer Zeit ausgedehnt hat. 

Bild: preußisches Messtischblatt von 1899. 


Die vorstehende Karte zeigt im Bereich des Erdwalles noch ausgedehnte Heideflächen. Diese gehörten zu der einstigen Allerheide, welche sich früher fast gänzlich zwischen Oppershausen und Lachendorf erstreckte. Ein letzter Rest davon ist als Dreieck noch heute südwestlich von Lachendorf erhalten. 

Indes liegt eine differenzierte Deutung des Ringwalles nahe. Während frühmittelalterliche Erdanlagen längst hätten eingeebnet sein müssen, handelt es sich hier wohl um ein Relikt späterer Zeit. 

Besonders auf den ausgedehnten Heideflächen wurde früher eine ausgiebige Bienenzucht betrieben. Die Gebiete waren mit Bienenstöcken quasi überseht. In der Heide, welche allgemeinfreie Allemende darstellte, konnte somit jeder fast nach Belieben Bienenvölker aufstellen. In einer Zeit in der die landwirtschaftlichen Nutzflächen knapp und die Ertragsmöglichkeiten begrenzt waren, stellte das Halten von Bienen einen wichtigen Faktor der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung dar. Einziges Problem war, dass Nutz- und Wildtiere den Bienenstöcken schaden konnten. Auch andere Einflüsse, wie Wind und Wetter machten den Bienenstöcken zu schaffen, sodass in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Bienenzucht einen ungeahnten Höhepunkt erlebte, neue Konzepte entstanden um die Bienenvölker zu schützen. 

Ratschläge zur verbesserten Bienenhaltung fanden sich unter anderem im "Lehrbuch der Bienenzucht", welches in erster Auflage im Jahr 1870 erschien. 

Bild: Ausschnitt aus dem "Lehrbuch der Bienenzucht", 1871, G. Dathe. 


Darin wurden neben dem klassischen Bienenzaun auch innovative Konzepte vorgestellt, wie die Bienenvölker am besten zu schützen seien. Unter anderem sollten runde oder eckig angeordnete Bienenschauer dienen Wettereinflüsse von den Bienenstöcken abzuhalten. 

So kamen auch in unserer Gegend zwischen 1800 und 1930 unterschiedlichste Möglichkeiten zum Einsatz. Die heute noch erkennbaren Relikte und Spuren verfolgen somit auch nur selten flächendeckend der gleichen Beschaffenheit. Die einstigen Bienenzäune sind daher nicht immer eindeutig als solche erkennbar. Auch der vermeintliche Ringwall südwestlich von Lachendorf ist ein alter Bienenstand. Zum Schutz vor Weichtieren und anderen schädlichen Einflüssen wurde ein Erdwall aufgeschichtet - aber auch, um die Besitzung gegenüber der Allende abzugrenzen. Denn anders als die Heidefläche durfte der Bienenstand natürlich nur von seinem Besitzer genutzt werden. 

Bild: Ausschnitt aus dem "Lehrbuch der Bienenzucht", 1871, G. Dathe. 


Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Bienenzucht früher eine maßgebliche Bedeutung innehatte. Alte Karten weisen noch zahlreiche Bienenstellen in unserer Gegend aus. Nicht immer sind diese heute noch als solche erkennbar. Mancherorts kommt es daher schon einmal zu Verwechselungen mit anderen Kultur- und Landschaftsdenkmälern. 

Die gesteigerte Bedeutung der Bienenzucht in früherer Zeit lässt noch heute im Bürgerlichen Gesetzbuch erkennen. Die §§ 961 ff. BGB behandeln ausnahmslos die Eigentumsverhältnisse an Bienenvölkern. Obgleich es heute amüsant klingt, wenn dort steht, der Eigentümer habe seinen Bienenstamm unverzüglich zu verfolgen, war es früher aufgrund der zahlreichen Bienenvölker notwendig diese gesetzlichen Regelungen zu haben...

Die Geschichte um den "Ringwall" bei Lachendorf wäre damit wohl geklärt :) 

Hendrik


Dienstag, 26. April 2016

Hexenbusch bei Schelploh



Auf der Liste der "Found Places" stand der Hexenbusch zugegebener Maßen nicht ganz oben. Duch Zufall war ich während einer Kartenrecherche über den Flurnamen gestolpert. Da der "Hexenbusch" recht weit ab vom Schuss liegt, hat er mich neugierig gemacht. Wieso trägt ein abgelegenes Waldgebiet diesen Namen? 

Im preußischen Messtischblatt von 1899 findet man den Hexenbusch als eingetragenen Flurnamen südwestlich der kleinen Ortschaft Schelploh im Norden des Landkreises Celle. Die Bezeichnung ist recht auffällig, denn auch früher war in dieser Gegend recht wenig los. Das bedeutet die Flurbezeichnung muss bewusst gewählt worden sein und hat sich, obgleich nur wenige Ortsansässige sie überlieferten, bis heute erhalten.  

Im Celler Flurnamenbuch nimmt F. Barenscheer an, dass es sich um einen heidnischen Platz handeln könnte, der nach Einzug des Christentums in unserer Gegend als solcher gekennzeichnet werden sollte. Im Übergang des traditionellen sächsischen Volksglaubens kam es durchaus vor, dass heidnische Kultstätten ganz bewusst als Kirchorte ausgewählt wurden. Dies nimmt man auch für Beedenbosetel und Wienhausen an. 

Doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Flurname "Hexenbusch" bis in die Zeit der Christianisierung, also ca. um 830 - 880 zurückreicht. Eher wahrscheinlich ist, dass der Name höchstens ins späte Mittelalter bzw. die frühe Neuzeit zurückreicht. 

Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: Preußisches Messtischblatt 1899. 


Erstmals taucht der Flurname im preußischen Messtischblatt aus dem Jahr 1899 auf. Die bis dahin erschienen Kartenwerke erwähnen noch keinen Hexenbusch. Allerdings gab es bis zum Erscheinen der Kurhannoverschen Landesaufnahme im Jahr 1780 noch kaum Kartenwerke, die überhaupt Flurnamen verzeichneten. Die lokalen Flurnamen können also durchaus älter sein, als es Karten verraten. 

Letztlich bleibt es dem Heimatforscher nicht erspart ein paar Schritte vor die Tür zu machen und diese Geschichten vor Ort zu erkunden. Somit begab ich mich am 23.04.2016 zu einem Ortstermin zum Hexenbusch. Ausgerüstet mit dem nötigen Equipment, begleitete mich Kira, meine Schäferhund-Bordercollie-Mischlingshündin. Das Wetter war optimal. Die Landschaft und Natur im mittlerweile als Naturpark Südheide ausgeschilderten Gebiet ist einzigartig. 

Bild: Wald in der Nähe des "Hexenbusches". Quelle: H. Altmann. 


Nach einigen Kilometern erreichten wir die Gegend am Hexenbusch. Wer diesen Blog nicht zum ersten Mal liest, dem ist wohl klar, dass ich bereits einige geschichtsträchtige Orte besucht habe. Die einschlägige Heimatliteratur ist voll mit Geschichten über Riesen, Geister, Werwölfe und Hexen. Nun kann man darüber denken wie man will. Ich persönlich glaube zwar, dass es diese Geschichten nicht ohne Grund gibt. Aber übersinnliche Erscheinungen vermute ich dahinter nicht. 

Nun...der Hexenbusch hat mich, was dies betrifft, durchaus nachdenklich gemacht. Kein Weg führt heute direkt zu dorthin. Er liegt recht abgelegen und ist nur querfeldein erreichbar. Aber es ist nicht so, dass man den Hexenbusch verfehlen könnte. 

Es fällt ins Auge, dass sich die Vegetation verändert. Dort, wo ich die GPS-Markierung aus der historischen Karte ins aktuelle Satellitenbild gesetzt habe, sind die Bäume meist abgestorben. Viel totes Holz liegt auf dem Boden, der mit altem vertrockneten Gras bewachsen ist. Die Bäume stehen eng beisammen und alles macht einen sehr verlassenen und trostlosen Eindruck. 

Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Angekommen im Hexenbusch hört man keine Vögel mehr zwitschern. Es ist auffällig still. Vielleicht gibt es dafür einen guten Grund - wenn dort aus natürlichen Gründen weniger gesunde Pflanzen wachsen, wäre es nur logisch, dass sich hier weniger Tiere aufhalten. 

Einige Tiere scheinen sich dennoch in den Hexenbusch zu verirren. Das belegen zumindest etliche Knochen, die hier herumliegen. Es ist beklemmend - diese Stille in einer so trostlosen und verlassenen Gegend...während am Boden Knochenreste zwischen abgestorbenen Bäumen liegen. 


Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Der Flurname und die Eindrücke vor Ort passen gut zueinander. Es bleibt die ungeklärte Frage wie der Name entstand. Hielten hier vielleicht einst Hexen heidnische Rituale ab? Oder handelt es sich möglicherweise um eine einstige Richtstätte an der möglicherweise Hexen einen grausamen Tod fanden? 

Von ungefähr kommt der Flurname gewiss nicht. Neben der bedrückenden Stimmung vor Ort gab mir vor allem eins nachhaltig zu denken. Am Hexenbusch angekommen verhielt sich der Hund anders. Normalerweise neugierig und lebendig war Kira wie ausgewechselt. Ich musste sie quasi zum Weitergehen überreden und sie wirkte dabei ängstlich und verstört. 


Bild: Hexenbusch bei Schelploh. Quelle: H. Altmann. 


Bislang ließ sich nicht abschließend klären woher der Name "Hexenbusch" stammt. Solche Flurnamen - und noch dazu in so abgelegenen Gegenden - sind alles andere als gewöhnlich. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Ort eine bislang nicht bekannte Geschichte verbirgt. 

Umgeben von belebter Natur (immerhin haben wir Frühling) misst der Hexenbusch eine Fläche von rund 100 Quadratmetern, die einen trostlosen, einsamen und toten Eindruck machen. Es ist ein beklemmender und gruseliger Ort. Ehrlich gesagt war ich ganz froh, dass Kira dabei war. 

Hendrik


Freitag, 15. April 2016

Achtung – Überfall!


Momentaufnahmen der ersten beiden Schützenfeste nach dem Zweiten Weltkrieg


Schwarzweißbilder. Sorgfältig in ein stoffbespanntes Album eingeklebt. Gut 60 Jahre sind vergangen, seit die Aufnahmen entstanden. Auf ihnen zu erkennen: Uniformierte mit Gewehren, Reiter mit Pferden, eine große Kanone und sogar ein Panzer. An einem Ortseingang brennt Stroh auf dem Straßenpflaster - im Straßengraben daneben stehen junge Männer mit Gewehren.




Weitere Aufnahmen scheinen nach dem „Kampf“ entstanden zu sein. Ein berittenes Gespann aus vier Pferden zieht eine große Kanone. Ihre Besetzung trägt Stahlhelme aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Reiter vorneweg trägt eine Offiziersuniform. 





Die skurrile Szene stammt nicht etwa aus den letzten Kriegstagen, sondern vom ersten Schützenfest nach dem Zweiten Weltkrieg in Offensen/Schwachhausen. Es war eine schwierige Zeit. Der Krieg war verloren – Deutschland war in Besatzungszonen eingeteilt. Etliche junge Männer waren nicht aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt. Andere waren in Gefangenschaft, oder bereits heimgekehrt und vom Krieg gezeichnet. Mein Großvater kehrte 1950 aus einem Arbeitslager aus der UDSSR auf den Hof nach Schwachhausen zurück. Die Welt hatte sich nachhaltig verändert. Trotzdem wurde im Jahr 1952 in den Orten Offensen/Schwachhausen wieder Schützenfest gefeiert. 

Vor dem Hintergrund des verlorenen Krieges ist es schon verblüffend, dass man überhaupt ausgelassen feiern wollte. Darüber hinaus wurden viele Bestandteile des Volksfestes beibehalten. Bis heute haben sich manche dieser Traditionen erhalten – Grund genug einen Blick darauf zu werfen. 

Das Schützenfest in den Ortschaften Wienhausen, Bockelskamp, Oppershausen und Offensen/Schwachhausen ist etwas Besonderes. Die Dörfer wechseln sich der Reihe nach ab und so findet das Volksfest zwar jedes Jahr statt – wird aber im Wechsel in den beteiligten Ortschaften ausgerichtet. 

Einer der Höhepunkte des Schützenfestes ist der große Umzug am Freitag nach Himmelfahrt. Mit bunten Wagen, Spielmannszügen und den Schützen zieht der Umzug in die beteiligten Ortschaften (Königreiche). Hier gilt es das jeweilige Königreich durch einen in Szene gesetzten Kampf am Ortseingang zu erobern. Der unterworfene König muss anschließend die Schützengesellschaft auf seinem Anwesen beköstigen. Natürlich ist das alles nur Spaß. Es geht nicht um Kampf und Krieg. Wer das nicht verstanden hat, der hat das Schützenfest nicht verstanden. 

Als die Deutschen Städte noch zu großen Teilen in Trümmern lagen, lebte im Jahr 1950 die Schützenfesttradition wieder auf. In Offensen/Schwachhausen wurde 1952 wieder ein ausgelassenes Schützenfest gefeiert. Ab dem Jahr 1936 gab es das Volksfest schlicht nicht mehr. Heinrich Marwede aus Oppershausen erinnert sich: „...ja wer hätte denn da auch hingehen sollen? – Die ganzen jungen Männer waren doch im Krieg...“ 





Als im Jahr 1956 das zweite Schützenfest nach Kriegsende gefeiert wurde, war mein Großvater Schützenkönig. Er hatte zur Kavallerie gehört und die Pferde hochrangiger Offiziere betreut. Die Bilder des Schützenfestes im Jahr 1956 zeigen, dass noch viele Pferde in den Umzug integriert wurden. Und so ritt mein Großvater als Schützenkönig in die Wienhäuser Gastwirtschaft „Bauermeister“ ein (Heute Klosterwirt) und ließ sein Pferd aus dem Spülbecken in der Küche trinken. Aus Erzählungen mit Zeitzeugen erahnt man, was das für eine spannende Zeit gewesen sein muss. 

- Eine spannende und zugleich aus heutiger Sicht nicht immer ganz leicht greifbare Zeit. Wie kam man auf die Idee, direkt nach dem Krieg Panzer und Kanonen auf dem Schützenfest zu präsentieren? 




Wir vergessen heute zu leicht, dass die damalige Generation sechs Jahre Krieg und rund zehn Jahre Militarisierung erlebt hatte. Die Erlebnisse mussten sich wohl erst setzen. Und wer genau hinsieht, erkennt dies – es ging nicht vorrangig um eine Verherrlichung des Krieges. 

Zu bemerken ist, dass die Schützenfesttradition bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Ähnlich wie beim Karneval war es immer guter Brauch das politische Geschehen auf die Schippe zu nehmen. So betrachtet gab es 1952/1956 einiges nachzuholen, was zu Kriegszeiten undenkbar gewesen wäre. 

Nicht ohne Grund hatte man im Nationalsozialismus das Schützenfest verboten – es passte nicht in die gleichgeschaltete Gesellschaftsordnung, denn es beinhaltete immer schon unbewusst grunddemokratische Werte. Jeder konnte sich frei für seine Kostümierung entscheiden und es herrschte quasi „Narrenfreiheit“ – während im NS-System strikte Ordnung und absoluter Gehorsam zu achten waren. 

Darüber hinaus stellte die Schützengemeinschaft einen Gegensatz zum Führerstaat dar. So herrschte während des Schützenfestes immer eine vorbildliche Gastfreundschaft und gleichsam eine solide Verbundenheit der Schützengemeinschaft. Dies passte einfach nicht zum Kontrollgedanken der Nazis. 

Die vorstehenden Bilder zeigen vielfach die militärischen Aspekte des Schützenfestes. Diese gehörten aber auch vor dem Zweiten Weltkrieg zum Schützenfest – ebenso wie die Verkleidungen und die lockere Heiterkeit, die an diesen Tagen die Dörfer zu „Königreichen“ werden lässt. So überrascht es auch nicht, dass andere Bilder eben diese Seite des Schützenfestes widerspiegeln und damit eindrucksvoll belegen, dass „Schützenfest“ mehr als ein „Fest der Schützen“ ist. 



Kaum anderswo im Landkreis Celle hat sich die ursprüngliche Tradition des Schützenfestes so konsequent erhalten wie in den Orten Offensen und Schwachhausen. Dies erklärt auch, warum es gerade dieses recht kleine „Königreich“ ist, das mehr Schützen aufbieten kann, als die umliegenden Nachbar-Königreiche. 

Auch in diesem Jahr soll wieder ein Schützenfest in Offensen/Schwachhausen gefeiert werden. Sicherlich werden einige der historischen Traditionen gepflegt. Trotzdem lebt das Schützenfest durch seinen stetigen Bezug zum aktuellen Geschehen und ist so jedes Mal auf’s Neue wieder einzigartig und erlebenswert. 

Aktuelle Informationen zum Programm des diesjährigen Schützenfestes finden sich unter anderem auf der Seite des Heimatvereins: 


Sowie auf Facebook: 




Hendrik




Mittwoch, 23. März 2016

Das verschwundene Dorf bei Langlingen


Einige Geschichten können heute kaum noch an handfesten Fakten überprüft werden können. So ist es im Bereich der Heimatforschung nicht ungewöhnlich die Sätze "dort soll mal etwas passiert sein" oder "da soll es mal das gegeben haben" zu hören. Dabei fällt es leicht den Wahrheitsgehalt solcher Geschichten zu kritisieren. Es stellt sich aber die Frage ob sich Wahrheit ausschließlich an gesicherten Fakten messen lässt... 

Ähnlich verhält es sich bei der nachfolgenden Geschichte. Es wird erzählt bei Langlingen habe es einst ein altes Dorf gegeben. Dieses soll westlich vom heutigen Langlingen gelegen haben. Weiterhin wird berichtet, dass der Ort verlassen werden musste, da die Äcker versandeten und das Dorf schließlich von Sand verschüttet wurde. 

Geschichten über verlassene und wüst gefallene Dörfer sind nicht ungewöhnlich. Zwar gab sind solche auch als Wüstungen bezeichneten Orte im Flotwedel bislang nicht nachgewiesen - im Raum Gifhorn existieren allerdings einige dieser Ortswüstungen. An sich ist es daher durchaus vorstellbar, dass auch bei Langlingen so etwas vorgekommen sein kann. Die Gründe für das Wüstfallen der Dörfer sind vielschichtig. Ohne an dieser Stelle weiter auf die Hintergründe der Entstehung von Wüstungen einzugehen lässt sich festhalten, dass es vor allem demographische und soziale Einflussfaktoren waren, die diese Prozesse hervorriefen bzw. begünstigen. 

Bezeichnend ist der Flurname "Dorplage" (Dorflage) für den unmittelbar westlich an Langlingen grenzenden Bereich. Heute ist dieser bewaldet und weist die, für die Gegend typischen Dünen auf. Über das Alter von Flurnamen kann vortrefflich spekuliert werden, denn leider gibt es niemanden mehr, der mit Gewissheit über ihre Entstehung berichten kann. Die Vermutung, dass die "Dorflage" tatsächlich auf ein altes Dorf hindeutet liegt nahe. Zu welcher Zeit das alte Dorf bleibt aber möglicherweise existierte unklar. 

Schriftliche Belege für das verschwundene Dorf liegen bislang nicht vor. Solche wären vornehmlich in Urkunden(-Büchern) sowie in  Zins- und Schatzregistern zu suchen. Diese schriftlichen Augzeichnungen beginnen etwa ab dem Jahr 1000 für diesen Raum relevant zu werden. Unter anderem sind einstige Grenzbeschreibungen oft gute Quellen zur Ortsnamenforschung. Aber für das mutmaßliche Dorf bei  Langlingen existieren solche Belege nicht. Um 1022 tauchen die meisten Orte im alten sächsischen Gau Flotwedel erstmals namentlich in Erscheinung. Für das verschwundene Dorf gibt es somit keinen vorliegenden schriftlichen Beleg. Dies legt die Annahme nahe, dass dieses Dorf möglicherweise bereits älter sein muss, als schriftliche Quellen zurückreichen. 

Da keine schriftlichen Quellen zu einem verschwundenen Dorf vorliegen müssen anderweitige Methoden zur Überprüfung dieser Geschcihte herangezogen werden. Beispielsweise historischer Karten, aber auch Beobachtungen von Ortsgebehungen können weitere Hinweise  liefern. Zunächst soll auf die Möglichkeiten eingegangen werden, welche sich mittels historischer Karten ergeben. Dabeisitzt zu  beachten, dass die ersten recht genauen Karten erst für die Zeit nach 1750 vorliegen. Vorherige Karten waren weder maßstabsgetreu und genau, noch wurden Karten in einem ausreichend kleinen Maßstab gezeichnet. Daher können die vorliegenden Karten auch keine abschließende Gewissheit liefern, denn sie stammen aus einer Zeit in welcher das Dorf, falls es denn existierte, bereits längst verschwunden sein musste. 

Lage der alten Feldfluren. Quelle: Google Earth. 


Dennoch kann die Analyse historischer Karten helfen. Einst veränderte sich die Landschaft nicht so rasant wie heute. Traditionelle Flurbezeichnungen und besitzrechtliche Angelegenheiten hatten früher deutlich länger Bestand. Erst durch staatliche Eingriffe wie beispielsweise die Verkoppelung, wurden neue und kurzlebigere Strukturen geschaffen. In diesem Zusammenhang können Karten - auch ,wenn sie nicht hundertprozentig genau gezeichnet wurden, eine Lücke schließen. Besonders durch den Vergleich mehrerer Kartenwerke  sowie den Abgleich mit aktuellen Satellitenbildern können Rückschlüsse auf die Landschaftsentwicklung gezogen werden. Dazu ist es notwendig die Karten zu digitalisieren und an das aktuelle Satellitenbild anzupassen. Den technischen Hintergrund dieses Verfahrens hatte ich vor einiger Zeit bereits im Blog erläutert (LINK KARTENLAYER IN GOOGLE EARTH). 

Die erste maßstabsgerechte Karte des Langlinger Holzes stammt aus dem Jahr 1753. Die topografische Karte zeigt unter anderem die historischen Weg- und Flussverläufe in der Gegend. Langlingen und die "Dorplage" sind ebenfalls erkennbar. Es ist nicht einfach die Karte auf ein aktuelles Satellitenbild zu legen, denn viele Merkmale passen nicht exakt zueinander. Dennoch gibt die Karte in Kombination mit dem aktuellen Satellitenbild wichtige Informationen preis. So scheint es um 1753 noch ausgedehnte und stark meandernde Flussarme südwestlich der "Dorplage" gegeben zu haben. Die Flur war von Heide- und Strauchbewuchs geprägt. Der wichtige Verkehrsweg, der spätere Postweg, von Celle nach Gifhorn ist ebenfalls auf der Karte verzeichnet. Er verlief direkt über die Dorplage. 

Karte des Langlinger Holzes um 1753.  


Eine landwirtschaftliche Nutzung der "Dorplage" ist aus der Karte von 1753 nicht erkennbar. In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass es äußerst ungewöhnlich ist, dass ein brachliegendes Gelände einen Flurnamen erhielt. Natürlich kann eine Ungenauigkeit der Karte nicht ausgeschlossen werden. Weiterhin ergeben sich keine Rückschlüsse darauf, dass die Fläche nicht eventuell beweidet wurde. 

Die Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1781 zeigt deutlich, dass an der Dorplage Gewanne (Felder) entstanden waren. Vor der Verkoppelung hatten die Dorfgenossen je nach Größe und rechtlicher Stellung einen Anteil an den Gewannen. Die Gewanne lassen sich am simpelsten als eine gesamt kultivierte landwirtschaftlich genutzte Fläche verstehen, die durch mehrere Besitzer genutzt wurde. In schmalen Streifen, die oft als "Handtücher" bezeichnet werden, lagen die einzelnen Ackerstreifen der Bauern. 

Kurhannoversche Landesaufnahme und aktuelles Satellitenbild. 


In der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1781 sind die ebenfalls die Wegverläufe eingezeichnet. Der Postweg von Celle nach Gifhorn verlief im nördlichen Vereich der Dorplage (in der Karte rot markiert). Im Süden führte ein weiterer Weg (gelb) von Langlingen in die Feldmark. Durch ihn könnten die Felder in der Flur "im Brande" erreicht werden. 

Lage der alten Wege. Quelle: Google Earth und Kurhannoversche Landesaufnahme. 


Die Entwicklung dieses Raumes lässt sich anhand der historischen Karten gut nachzeichnen. Etwa 50 Jahre nach der Kurhannoverschen Landesaufnahme erschien um 1832 der Papen Atlas. Im Maßstab leider etwas größer zeigt er trotzdem recht anschaulich wie in jener Zeit die Wege und Feldflur angeordnet waren. Für den Bereich der Dorplage zeigt allerdings auch der Papen Atlas lediglich Heide, bzw. Brachland. Hinweise darauf, dass sich die Langlinger Feldmark auf die Dorplage erstreckte bzw. diese einmal besiedelt war sind in der Karte nicht zu finden. 

Papen Atlas um 1839 auf aktuellem Satellitenbild. 



Mit der Verkoppelung zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden etliche Spuren und Überbleibsel der historisch gewachsenen Flurordnung. Durch die Zusammenlegung der schmalen Ackerstreifen zu großen Feldflächen und der Verteilung der Allmende, wurden vielerorts auch neue Ackerflächen erschlossen. Neue Technologien in der Landwirtschaft unterstützten den Prozess. Spuren und Landschaftsmerkmale aus älteren Epochen verschwanden ebenso wie viele alte Wege, die nun nicht mehr benötigt wurden. 

Die Verkopplungskarten sind eindrucksvolle Zeitzeugnisse, die diesen Prozess belegen. Sie zeigen sowohl den Stand vor der Verkoppelung, als auch danach. Daher sind die Karten aus heutiger Sicht eine wichtige Quelle in der heimatgeschichtlichen Forschung. Die Langlinger Verkopplungskarte aus dem Jahr 1852 zeigt die Doplage nach wie vor als ungenutztes Land. Die Wegverläufe entsprechen jenen aus dem Papen Atlas.


Dorplage um 1850. Quelle: Verdopplungskarte und aktuelles Satellitenbild (Google Earth). 


Rund 50 Jahre später erschien die preußische Landesaufnahme bzw. das Preußische Messtischblatt (1899). Das Urmesstischblatt ist als erste topografische Aufnahme des Raumes anzusehen und weist einen dementsprechend hohen Detailgrad auf. Im Anschluss an die vorgenannten Kartenwerke bildet das preußische Messtischblatt den logischen Abschluss und zeigt die Landschaft fast so wie wir sie heute kennen. Im Vergleich zu den gravierenden Veränderungen des 19. Jahrhunderts hat sich im 20. Jahrhundert kaum noch derart viel getan.

So erkennt man im entsprechenden Kartenausschnitt von Langlingen, dass die Umgebung der Dorplage dem aktuellen Satellitenbild in hohem Maße ähnelt. Es finden sich allerdings auch neue Landschaftsmerkmale, die allerdings auf den hohen Detailgrad der Karte zurückzuführen sind. So sind u.a. im Bereich der Dorplage erstmals Dünenaufwerfungen verzeichnet. Diese dürften aber bereits in den älteren Karten existiert haben - nur wurden sie in diese nicht aufgenommen. 


Dorplage um 1945. Quelle: War Office-Map / Google Earth. 

Die Felder südlich der Dorplage sind gemäß des preußischen Messtischblattes um 1900 fest im Beschlag des Ackerbaus. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass gerade in dieser Zeit, in der erstmals überhaupt mit großen Maschinen geackert werden konnte, die meisten frühzeitlichen Funde geborgen wurden. Diese Entwicklung lässt sich vielerorts beobachten. 

Auch im Bereich des Bradkampes bei Langlingen wurden derartige Funde gemacht. Es handelte sich um Urnenbeisetzungen, die vermutlich von Brandbestattungen aus der jüngeren Bronze- bzw. Eisenzeit stammen. Da der Brandkamp unmittelbar an die Dorplage grenzt könnte diesbezüglich eine Verbindung bestehen. Die nachstehende Katte zeigt die Lage des Brandkampes bei Langlingen. 

Brandkamp um 1945. Quelle: War Office-Map / Google Earth.  


Die vorstehenden Karten reichen über die letzten 250 Jahre zurück. Sicherlich ist zu berücksichtigen, dass die älteren Karten einen Stand zeigen, der sich über längere Epochen gehalten hat. Aber auch mit diesem zeitlichen Puffer können die Karten keinen Aufschluss über die frühesten Besiedlungen geben. Immerhin kann wohl ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem angeblich verschwundenen Dorf um eine Wüstung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges handelt. Sollte an dieser Geschichte etwas dran sein, müsste das Dorf viel früher entstanden sein. 

Der Legende nach wurde das Dorf verlassen, weil die Ackerflächen unter dem feinen Dünensand begraben wurden. Noch heute werden durch die Hochwasser in dem Gebiet große Mengen Sand angeschwemmt, die dann durch den Wind verteilt werden und sich auf den Wiesen teilweise sogar häufen. Als die Aller noch nicht begradigt war und die Hochwasser deutlich schwerer ausfielen, wurden größere Mengen Sand angeschwemmt, sodass es vom Grundsatz plausibel ist, dass bestimmte Bereiche stark unter der Versandung litten. 

Hintergrund der Geschichte des verschwundenen Dorfes ist weiterhin, dass Rewerts in seinem Buch "Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal" schreibt, dass im Langlinger Holz Wölbäcker bzw. Hochäcker unterhalb der Dünensandschicht gefunden wurden. Rewerts gibt an, dass die alten Acker flächendeckend in einem Bereich am ehemaligen Haltepunkt Offensen aufgefunden wurden. Hinsichtlich des Alters dieser einstigen Äcker vermutet Rewerts, dass diese auf die jüngere Bronzezeit zurückgehen könnten. Das nachstehende Bild verdeutlicht die, unter den Dünen vermuteten Wölbäcker. 

Skizze von Walbäckern. Quelle: E. Rewerts: Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal


Die Entstehung von solchen Wölbäckern von erheblicher Bedeutung für diese These. Die ursprüngliche Flurordnung sah, wie bereits erwähnt vor, dass die einzelnen Ackerstreifen in Gewannen geordnet waren. Ihre geringe Breite von nur wenigen Metern hatte erheblichen Einfluss auf die Bewirtschaftung, denn einst gab es keine Möglichkeit gleichmäßig zu pflügen. Kippbare Pflugschare wurden erst weitaus später eingeführt. Sowohl beim Hochpflügen an einer Seite, als auch beim anschließenden Runterpflügen auf der anderen Seite wurde daher in die Mitte des Feldstreifens gepflügt. Durch das Aufbringen von Plaggen, die einst oftmals der einzig vorhandene Dünger waren, gelangte neuer Boden auf die Ackerstreifen. Dieser verteilte sich stetig zur Mitte, sodass das Feld einen Buckel bekam. Da mehrere Ackerstreifen im Gewann lagen entstanden wellenförmige Formationen, die sich teilweise bis heute in der Landschaft auffinden lassen. 

Rewerts gab in seinen Ausführungen zur Besiedlungsgeschichte des Flotwedels an, dass die Wölbäckern unterhalb der Dünensandschicht im Langlinger Holz auffindbar sind. Er datierte die Äcker dabei in die jüngere Bronzezeit, da Urnen mit Brandbestattungen aus dieser Zeit in Bodenschichten oberhalb der Äcker aufgefunden wurden. Der logische Schluss liegt nahe, dass die Äcker vor dieser Zeit entstanden sein müssen. 

Ohne näher auf die Bestattungsrituale der jüngeren Bronzezeit einzugehen ist festzuhalten, dass im Bereich des Langlinger Holzes zahlreiche Urnen von Brandbestattungen aufgefunden wurden. Es ist allerdings fraglich inwiefern diese Funde Aufschluss über eine dauerhafte Besiedlung geben. 


Urnenbestattungen in Sanddünen. Quelle: J. Friesen: Einführung in Niedersachsens Urgeschichte. 

Die von Rewerts erwähnten Äcker unterhalb der Dünen sollen u.a. Im Bereich des einstigen Haltepunktes Offensen erkennbar sein. Tatsächlich findet sich in einem Sandstich eine entsprechende ca. 40cm starke, dunkle Bodenschicht. Fraglich ist, ob es sich dabei tatsächlich um alte Äcker handeln kann. Es ist zu bemerken, dass dieser Bereich rund 1,5 Kilometer von der Dorplage entfernt ist. Es stellt sich die Frage weswegen ausgerechnet hier die Äcker des alten Dorfes gelegen haben sollten, wo doch früher noch stärker als heute weite Wege vermieden werden mussten. 

Sandabstich in einer Kiesgrube - deutlich erkennbar: dunkle Bodenschicht. Quelle: H. Altmann. 


Bei der Propektion der Dorplage und der angrenzenden Fluren lassen sich auffällige Bodenstrukturen erkennen, die stark an Wölbäcker erinnern. Dabei dürfte es sich allerdings vielmehr um Spuren der früheren Aufforstung handeln. Für Wölbäcker sind die Streifen zu schmal. 


Auffällig gewölbte Bodenstruktur - allerdings keine Wölbäcker. Quelle: H. Altmann. 


Im Bereich der Dorplage sind bis heute die erheblichen Einflüsse der Wasserverläufe sichtbar. Früher werden die Auswirkungen noch zu einer stärkeren Abhängigkeit von der richtigen Standortwahl geführt haben. Es gab keine künstlichen Gräben, die das Wasser ableiten konnten. Der Schluss liegt also nahe, dass das Langlinger Holz, wie auch das umliegende Land, triefend nass und morastig gewesen sein muss. Unter diesen Bedingungen konnte eine Besiedlung überhaupt nur auf erhöhten Plätzen erfolgen, die zumindest geringen Schutz gegen drohende Überflutungen boten. 

Noch heute sind im Langlinger Holz alte Flussschleifen erkennbar, die von längst verlandeten Nebenarmen der Aller stammen. Aus diesen Nebenarmen stammt der Sand, welcher sich im Bereich der Dorplage ansammelte. 

Altes Flussbett mitten im Langlinger Holz.  Quelle: H. Altmann. 


Der unmittelbare Bereich der Dorplage ist durch mehrere mittelhohe Dünenzüge gekennzeichnet. Die Dünen weisen unterschiedliche Höhen und Formationen auf. Im Vergleich zu hohen Dünenbergen bei Sandlingen, Nordburg und Schwachhausen ist auffällig, dass die Dünen auf der Dorplage recht flach abfallen. Möglicherweise ist dies ein Zeichen dafür, dass sie nicht in derselben Geschwindigkeit entstanden und sich der Sand über einen größeren Raum ausbreiten konnte. 

Fünenhügel im Bereich der Torplage.  Quelle: H. Altmann. 


Es stellt sich die Frage ob sich unterhalb der Dünenaufwerfungen tatsächlich eine flächendeckende dunkle Bodenschicht befindet, die möglicherweise auf alte Äcker zurückzuführen ist. Weiterhin ist bislang noch nicht schlüssig dargelegt worden ob eine Besiedlung (ein Dorf) auf der Dorplage existiert haben könnte. Dies soll nun geschehen. 

Die Dünenberge im Bereich der Dorplage besitzen eine Höhe von rund 2m. Es ist davon auszugehen, dass die Hügel aus reinem Sand und Kies bestehen, denn "natürliche" Erhebungen im Gelände sind außer den Dünen nicht vorhanden. Aber auch der Boden in den Dünentälern besteht zu 100% aus Sand und Kies. Dies zeigt u.a. der nachstehende Bodenquerschnitt. Bis zum Grundwasser besteht der  Boden aus offensichtlich aus dem hellen, angeschwemmten Sand, der sich über die Zeit dort absetzte. Es sind keine Veränderungen erkennbar, die darauf schließen lassen, dass hier einmal ein fruchtbarer Untergrund für eine Besiedlung vorgelegen hätte. 

Keine dunkle Bodenschicht erkennbar - dafür aber eindringendes Grundwasser. 


Als es einst noch keine Abwassergräben gab, wird der Grundwassereintritt viel früher erfolgt sein. Dementsprechend waren die Voraussetzungen für die Besiedlung bzw. den Ackerbau im Bereich der Dorplage nicht vorteilhaft. 

Damit kann letztlich nicht abschließend ausgeschlossen werden, dass die Dorplage auf den Standort eines alten Dorfes hindeutet. Allerdings könnte gezeigt werden, dass sich weder in schriftlichen Quellen noch in Karten oder bei Begehungen vor Ort Anzeichen einer einstigen Siedlung finden lassen. So bleibt vorerst nur die Flurbezeichnung und eine Geschichte für die es bis auf weiteres keinen Beleg gibt. Sicherlich haben die vorzeitlichen (Urnen-)Funde immer wieder die Vermutung geschürt, dass es hier einen einstigen Siedlungsplatz gab. Möglicherweise wird ein solcher auch irgendwann nachwiesen. Die bisherigen Erkenntnisse sprechen allerdings gegen eine dörfliche Besiedlung wie wir sie aus heutiger Zeit kennen. Es bleibt die Frage wie die bisherigen vorzeitlichen Funde sinnvoll einzuordnen sind. Handelt es sich tatsächlich um Spuren einer dauerhaften Besiedlung oder lediglich um nicht sesshafte Nomaden, die vorübergehend diesen Bereich des Allerurstromtals nutzten? 

Ein Aspekt war bislang außen vor geblieben. Im Langlinger Holz existieren zahlreiche tief in die Dunenlandschaft eingeschnittene Wege. Diese beinahe als Hohlwege erkennbaren Wegverbindungen legen eine langjährige Nutzung nahe. Allerdings haben sie nichts mit einer früheren Besiedlung zu tun. 


Hohlwege im Bereich des Langlinger Holzes - kein Hinweis auf ein altes Dorf.  Quelle: H. Altmann. 


Ein weiterer Aspekt wurde bislang nicht beachtet. Möglicherweise besteht zwischen dem Flurnamen "Dorplage" und der einstigen Nutzung ein völlig anderer Zusammenhang. 

Früher gab es noch keine künstlichen Dünger. Die Felder wurden mit Mist gedüngt - von dem es aber nicht ausreichend gab, um alle Äcker damit zu versorgen. Daher wurde ebenfalls mit "Plaggen" gedüngt. Plaggen waren dabei gerodete Heidewurzeln. Diese wurden mit Hacken aus dem Boden gehauen - man nannte es auch den "Plaggenhieb". Anschließend wurden die Heide-Plaggen auf die Äcker aufgebracht. 

Es könnte somit sein, dass die Dorplage (Dorp - Plagge) auf eine Fläche hindeutet, die sich für den Plaggenhieb eignete. Für diese Theorie spricht u.a. dass in den historischen Karten im Bereich der Dorplage stets Heidebewuchs verzeichnet war.