f Hügelgräber zwischen Lachendorf und Gockenholz ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 4. September 2017

Hügelgräber zwischen Lachendorf und Gockenholz


Obwohl sie zu den am wenigsten erforschten Bereichen unserer Geschichte gehört, gerät die Ur- und Frühgeschichte oft in Vergessenheit. Das mag auch daran liegen, dass diese Zeit schon sehr lange zurück liegt. Trotzdem befinden sich bis heute Relikte frühester Besiedlungszeiten direkt vor unserer Haustür. Es handelt sich hierbei meist um alte Begräbnisstätten, da diese aufgrund ihrer Beschaffenheit die natürlichen Einflüsse recht gut überdauerten. Während Siedlungsplätze, Gebäude und andere Infrastruktur regelmäßig nur vergleichsweise kurze Zeit bestanden, waren es somit vor allem die Steingräber oder die Brandbestattungen in unterirdischen Urnengräbern, die bis in unsere Zeit überdauerten. 

Um sie zur erforschen muss man sie erhalten - um sie zu erhalten muss man überhaupt erst einmal Kenntnis von ihnen haben. Nicht ganz einfach also, wo man anfängt. Henne oder Ei.

Bis vor 200 Jahren waren noch recht viele Relikte aus Stein- und Bronzezeit im Landschaftsbild vorzufinden. Im Rahmen der umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen - insbesondere der Verkoppelung im 19. Jahrhundert wurden Flächen in landwirtschaftliches Nutzland umgewandelt und "urbar" gemacht. Die kleinen Felder verschwanden und große, schnurgerade Flurstücke entstanden. 

Vielerorts entdecken die Bauern in den Folgejahren eine Vielzahl von Scherben, Werkzeugen und sonstigen Alltagsgegenständen auf ihren Feldern, die nicht selten Grabbeigaben einstiger Bestattungen waren. Manche dieser Funde konnten sogar durch fachkundige Wissenschaftler begutachtet zu werden. Allerdings wurden die meisten Funde außerhalb ihres ursprünglichen Fundzusammenhangs geborgen, sodass sie nur noch wenige Informationen über die einstigen Kulturen verrieten

Auch durch Bauprojekte sind diese historischen Relikte gefährdet. Als regionales Beispiel mag hier die Behandlung der Hügelgräber zwischen Lachendorf und Gockenholz dienen. Bereits in der Aufstellung der "Vor- und frühgeschichtlichen Alterthümer der Provinz Hannover" von Studienrath Dr. J. H. Müller aus dem Jahr 1893 finden die Gräber Erwähnung. Nach dieser Beschreibung handelte es sich um 14 in der Lachteheide bei Gockenholz befindliche Erddenkmäler. Diese besaßen einen Umfang von 48 - 80 Schritten und maßen immerhin eine auffällige Höhe von 87 - 116 cm. 

Diese Anzahl (14) deckt sich mit der ersten Erwähnung der Hügelgräber gemäß der Verkoppelungsunterlagen des Ortes Gockenholz. Diesen zufolge befanden sich im Jahr 1853 die 14 Hügelgräber auf dem Land des Vollmeiers Schumeier. Dieser war verpflichtet, die Gräber in ihrer Lage zu belassen und sie einzufrieden. Darüber hinaus musste er jedem Zutritt gewähren. Als Entschädigung hierfür erhielt der Eigentümer einen Morgen Land der 9. Klasse an der Heide. 

Es spricht also einiges dafür, dass die Gockenholzer Hügelgräber zumindest in der ersten Zeit nach der Verkoppelung einen gewissen Schutz erfuhren. Die Lage der Gräber im Bereich der ehemaligen Flur der Lachteheide wird unter anderem auch durch das Preußische Messtischblatt von 1899 bestätigt. 

Bild: Lage der Hügelgräber. Quelle: Preuß. Messtischblatt, 1899; Google Earth. 


Lange währte die Ruhe der Gräber jedoch nicht mehr. Durch den Ausbau der Straße sowie der Eisenbahnlinie Celle - Wittingen mussten bereits einige der Gräber weichen. Die Eisenbahnlinie ging im Jahr 1904 schließlich in Betrieb. Fünf der Grabhügel waren dem Straßen- und Eisenbahnbau zu Opfer gefallen. Zwei weitere wurden durch den Superintendenten Woltmann ausgegraben - die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind jedoch unbekannt. 

Es blieben von den einst 14 Grabhügeln also noch 7 übrig. Von diesen lagen 5 nördlich der Bahnlinie auf einer Weide des Bauern W. Alps. die beiden anderen Grabhügel lagen im  spitzen Dreieck der Straße zwischen Celle und Beedenbostel und der Bahnlinie - ebenfalls auf einer Weide des Bauern W. Alps. 


Bild: Bahnlinie im Bereich der Hügelgräber. Quelle: H. Altmann. 


Die Gräber nördlich der Bahnlinie wurden zwischen dem 23.09.1938 und dem 19.10.1938 auf Veranlassung des Provinzialmuseums Hannover ausgegraben. Die Weide auf der sich die Grabhügel befanden sollte in Ackerland umgewandelt werden. Es handelte sich somit um eine Notgrabung der gefährdeten Bodendenkmäler. 

Die nachfolgenden Informationen gehen auf den Schulaufsatz des Gockenholzer Dorfschullehrers Hans-Jürgen Kruse zurück, der die Grabungen persönlich mehrfach besuchte (Lüneburger Heimatkalender, Jg. 1967, S. 76f.). 

Zunächst wurden die Grabhügel vermessen und ihre genaue Lage verzeichnet. Im Rahmen der eigentlichen Grabungsarbeiten wurden die Hügel Schicht um Schicht abgetragen, wobei auf besondere Bodenverfärbungen geachtet wurde. In einem der Hügel wurden rechteckige Spuren vorgefunden, die nach Meinung des Archäologen Dr. Scholler von einstigen Heideplacken stammen mussten. Man vermutete daher, dass das Grab aus einer Zeit stammen musste, als ringsherum bereits Heide vorhanden war. Hieraus wiederum schlossen die Archäologen, dass einst schon Weidevieh gehalten wurde. Das Grab wurde auf die frühe Bronzezeit bzw. späte Steinzeit datiert. 

Da man im zweiten Grabhügel ein vollständig bestattetes Skelett vorfand, sah man diese Annahme der Datierung bestätigt. Für spätere Zeitstellungen hätte man eine Brandbestattung erwarten können. 

Neben der Bestattung fand man im Grabhügel scheinbar auch Pfostenlöcher vor. Diese entstehen grundsätzlich durch Reste hölzerner Bebauung. Vorliegend reichten die Pfostenlöcher bis in den gewachsenen Boden hinein. Man stellte darüber hinaus sogar Spuren einer Palisadeneinfassung und eines Hauses fest. Vom letzteren fehlten jedoch Wände, sodass nicht geklärt werden konnte, was es hiermit auf sich hatte. 

Im zweiten Grabhügel fand man in der Ost-West-Wand ein Skelett, das lang ausgestreckt lag, die Arme dicht am Körper. Der Kopf lag nach Westen auf einem Sockel, sodass der Blick genau nach Osten gerichtet war. 

Im dritten Hügel fand man eine Urne, die der sogenannten Wessenstedt-Stufe zugeordnet wurde. Die Urne enthielt ein Beigefäß und Leichenbrand, der später in Lachendorf untersucht wurde. Die Urne wurde auf die frühe Eisenzeit datiert. Scherben von weiteren Urnen ließen auf mehrere Nachbestattungen in diesem Grabhügel schließen. Im Grabhügel fand man darüber hinaus eine Bronzespirale, teile eines bronzenen Armrings mit Verzierungen und einige Erdklumpen mit bronzener Patina. Es befanden sich zudem noch vier große Feldsteine im Grab, die etwa einen Ring um die Hügelmitte bildeten. Dies war ebenfalls im vierten Grabhügel der Fall. 

Der fünfte Grabhügel war bereits durch eingegrabene Zaunpfosten beschädigt worden. In ihm konnten außer einer Tonscherbe keine besonderen Funde sichergestellt werden. 

Luftbilder aus dem Jahr 1993 belegen die Lage der Grabhügel möglicherweise durch erkennbare Bewuchsmerkmale

Bild: mögliche Bewuchsmerkmale im Bereich der Bahnlinie / Heideeck, Lachendorf / Gockenholz. Quelle: Luftbild-Nr. 1804, Nds. Lds. Verw. Amt Landesvermessung, aufgenommen durch Aerowest Photogrammetrie GmbH. 


Es stellt sich die Frage, was mit den verbliebenen zwei Grabhügeln südlich der Bahnlinie geschah. Aus den Aufzeichnungen Kruses gehen hierzu keine weiteren Informationen hervor. Heute erstrecken sich auf beiden Seiten der Bahnlinie die Anbauflächen einer Obstplantage. 

Als auffälliges Landschaftsmerkmal ist das sogenannte "Franzosengrab" auf der gegenüberliegenden Seite der L 282 erhalten geblieben. Es handelt sich um einen kleinen Hügel, der von alten Bäumen gesäumt ist. Er liegt ebenfalls im Bereich der ehemaligen Lachteheide. Aus historischer Sicht wurde lange angenommen, dass dieses Bodendenkmal mit der Zeit des Siebenjährigen Krieges in Verbindung stehen könnte. Möglicherweise ist sein Ursprung allerdings auch schon weit vorher zu suchen. Es könnte sich grundsätzlich auch um einen letzten verbliebenen Grabhügel handeln. Da Bahnstrecke und Landstraße in einiger Entfernung angelegt wurden, könnte dieser Grabhügel bis heute überdauert haben. 

Bild: Obstplantage und Heideeck heute. Quelle: H. Altmann. 


Die vor- und frühgeschichtlichen Entwicklungen sind vor Ort noch nicht genügend erforscht, um eine abschließende Aussage zum Hintergrund der Hügelgräber zu treffen. In einigen älteren Darstellungen werden sie einem größeren Gräberfeld im Bereich des ehemaligen Allerurstromtals zugeordnet. Belege für diese These stehen jedoch weitgehend noch aus.

Auffällig ist vor allem, dass die Gräber in unterschiedliche Entwicklungsstufen und Epochen datiert wurden. Handelte es sich also tatsächlich um einen dauerhaften Siedlungsplatz, der mehrere Jahrhunderte Bestand hatte? Möglicherweise können neue Erkenntnisse regionaler Nachforschungen Licht ins Dunkel bringen. Diese wurden bislang allerdings lediglich theoriemäßig erfasst und warten derzeit noch auf fachkundige Begutachtung. 

Sollte es sich bei den, in den 30er-Jahren aufgefundenen Spuren von Pfostenlöchern allerdings tatsächlich um Gebäudereste handeln, könnte dies die Frage nach dem historischen Hintergrund neu aufrollen. 

Bild: Obstplantage und Heideeck heute. Quelle: H. Altmann. 


Es bleibt spannend am östlichen Ausgang des alten Waldgebietes im Landkreis. Die "Sprache" hält wohl noch so manches Geheimnis bereit. Der vorgestellte Fall beweist jedoch, dass künftige Bebauung nur unter unbedingter Berücksichtigung der möglicherweise noch vorhandenen Bodendenkmäler erfolgen sollte. 

H. Altmann




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