f Das Kriegsende - die letzten Tage vor dem Zusammenbruch - Teil (II) ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 11. April 2017

Das Kriegsende - die letzten Tage vor dem Zusammenbruch - Teil (II)


Die Fortsetzung der Beitragsreihe. Zum ersten Teil: hier (Klick) 

Teil II - Als der Krieg in die Heimat kam - Ereignisse bis zum 11.04.1945

Es ist der 11. April 1945. Im Raum Celle erwartete man die Ankunft der alliierten Truppen. Diese waren bis zum 10. April nach Hannover gelangt und hatten die Stadt ohne größere Gegenwehr einnehmen können. Britische Verbände waren nördlich von Hannover bis zur Aller vorgestoßen. Vom 10. auf den 11. April kam es in dieser Folge zu schweren Kämpfen. 

Auf deutscher Seite waren es vorwiegend Marineeinheiten und Soldaten des Reichsarbeitsdienstes (RAD), die bei Esel und Hademstorf die Allerbrücken verteidigten. Ihnen standen auf alliierter Seite unter anderem die gut ausgerüsteten Verbände der 11. UK Panzer-Division gegenüber. Es entwickelten sich schwere Gefechte, die auf deutscher Seite im Ergebnis den Verlust der Allerübergänge zur Folge hatten. 

Im Raum Celle hatte es am 8. April  schwere Luftangriffe auf Nienhagen und auf die Stadt Celle gegeben. 

Bild: Luftangriffe auf Celle und Nienhagen. Quelle: Hannah Fueß Berichte, Schulchronik Wathlingen vom 10.04.1945. 

Weiter südöstlich rückten derweil die Einheiten der 84. US Infanterie Division sowie der 5. US Panzer Division vor. Das 334. US Infanterie Regiment stieß bei seinem Vormarsch am 11. April bereits gegen 8:00 Uhr morgens auf Widerstand bei Altwarmbüchen. Hier verteidigten deutsche Einheiten unter Einsatz von schweren 8,8 cm Flakgeschützen in westliche Richtung. Laut dem After Action Report des 334. US Infanterie Regiments handelte es sich dabei um Hitlerjungen im Alter von 14 - 15 Jahren. 

Die Hitlerjungen machten bei Anrücken des 1. Bataillons des 334. US Infanterie Regiments keine weiteren Anstalten auf die Amerikaner zu feuern. Sie ergaben sich rasch und die 8,8 cm Geschütze konnten durch US Panzer unschädlich gemacht werden. 

Gegen 10:00 Uhr konnte schließlich das Tagesziel Burgdorf eingenommen werden. Das erste und zweite Bataillon sicherten bis zum späten Nachmittag die umliegenden Ortschaften - insbesondere Sorgensen und Dachtmissen. Es wurde kein größerer Widerstand festgestellt. 

Bis in die Abendstunden wurde die Gegend um Burgdorf gesichert und Planungen für den nächsten Tag gemacht - es galt die Aller möglichst schnell zu überqueren. 

Bild: Vormarsch des 334. US Infanterie Bataillons. Quelle: After Action Report, 334. US Infanterie Bataillon, 11.04.1945. 

Der Lagebericht im Kriegstagebuch der Wehrmacht spricht für den 11. April 1945 von "Druck in Richtung Celle und Kämpfe(n) bei Verden". 

Aus heutiger Sicht kann diese Formulierung als völlige Untertreibung gewertet werden. Seinerzeit standen den alliierten Truppen kaum noch zureichend ausrüstete Verbände auf deutscher Seite gegenüber. Die Wehrmacht befand sich vielerorts in unkoordinierter Aufstellung - viele Truppenteile fluteten zurück. 

Der Ablauf in den Orten war fast austauschbar. Einerseits richtete man sich auf die Ankunft der alliierten Truppen ein. Andererseits galt es dem politischen System bis zuletzt die Treue zu halten. Fanatische Verfechter der NS-Ideologie fanden sich fast überall. 

Am 11. April waren ebenfalls Einheiten der Aufklärungskompanie des 638. US Tank Destroyer Bataillon im Vormarsch über Burgdorf. Ein Kriegsgefangenenlager konnte befreit werden. Es konnten zahlreiche deutsche Soldaten gefangen genommen werden. 

In den umliegenden Orten vernahm man den Gefechtslärm bereits. In Wathlingen stand seit Tagen ein Versorgungszug der Wehrmacht im Bahnhofsbereich. Dieser sollte vor Eintreffen der US Truppen vernichtet werden - das Material sollte nicht in feindliche Hände geraten, heißt es in den entsprechenden Quellen. Man setzte sich jedoch dafür ein, dass der Zug auf noch verwertbare, nicht-militärische Gegenstände untersucht werden durfte. Diese wurden an die Bevölkerung und die Flüchtlinge vor Ort ausgehändigt. Anschließend wurde der Zug planmäßig durch deutsche Pioniere in Brand gesteckt. Den Quellen und Zeitzeugenberichten nach wurde dabei ein Armee-Archiv verbrannt. 

Die US Quellen belegen für den 11. April 1945 gegen 10:30 Uhr Aktivitäten deutscher Soldaten bei Burgdorf und Otze. Es wurde weiterhin bemerkt, dass US Kriegsgefangene in östliche Richtung marschiert seien. Berichte über den Durchmarsch von Kriegsgefangenen sind lokal unter anderem für Wathlingen überliefert. 

Bild: Meldungen des 334. US Infanterie Bataillons. Quelle: After Action Report, 334. US Infanterie Bataillon, 11.04.1945.  

Bereits hinter Hannover mussten sich die US Truppen darauf einrichten möglichst intakte Allerübergänge zu sichern. Die Aller war ein natürliches Hindernis, das überwunden werden musste, um den raschen Vormarsch bis zur Elbe zu ermöglichen. 

Erhebliche Probleme bereiteten den US Truppen die schlechten Straßenverhältnisse und die zahlreichen Brückensprengungen. Auf deutscher Seite hatte man fast jeden Durchlass zur Sprengung vorbereitet. Immer wieder mussten die US Pioniere die Hindernisse beseitigen, bevor die Kampfeinheiten weiter vorrücken konnten. Meist war der Volkssturm für die Sprengungen verantwortlich - das geht unter anderem aus den letzten Volkssturmbefehlen für Celle hervor. Aber auch die Aussagen von Zivilisten bestätigen dies. In Einzelfällen waren es aber auch Einheiten der SS und Wehrmacht, die vor allem größere Brücken zerstörten. Dies verzögerte den Vormarsch jedoch oft nur um Stunden. 

Bild: vorrückende US Infanterie. Quelle: Armor vs. Mud and Mines, 1965. 

In Wathlingen erwartete man die US Truppen am 12. April 1945. Es wurden von der Zivilbevölkerung entsprechende Vorkehrungen getroffen. So berichtete die Frau des Wathlinger Pastors, Hanna Bölsing, nach Kriegsende wie sie den Keller als Unterschlupf einrichtete. 

Bild: Hanna Bölsing zum Kriegsende. Quelle: Hannah Fueß Berichte

Tagelang waren bereits deutsche Truppenteile durch den Ort geflutet und hatten die Fuhsebrücke in nördlicher Richtung passiert. Es war unklar, ob es in Wathlingen zu Kampfhandlungen kommen würde. Die große Sorge war, dass es zu Kämpfen kommen könnte. 

Die US Truppen konnten sich in dieser Phase des Kriegs nicht erlauben, einen Ort mehrere Tage zu belagern. Die Tagesziele mussten zeitnah erreicht werden, um möglichst rasch an die Elbe zu stoßen. Daher setzten sie im Einzelfall regelmäßig schwere Waffen ein, um Orte in denen sich Gegenwehr regte zu beschießen. Genau davor fürchtete man sich - auch in Wathlingen. 

Aus westlicher Richtung stieß derweil die 15. schottische Division in Richtung Celle vor. Diese bestand aus der 46. und der 227. Infanterie Brigade und der 6. Garde-Panzer-Brigade. Geschätzt werden also rund 13.000 Soldaten und etwa 300 Panzer und Schützenpanzer im Vormarsch auf Celle gewesen sein. 

Bei Ehlershausen kam es in der Folge dieser Ereignisse zu Kampfhandlungen zwischen Einheiten der 46. Infanterie Brigade und rund 100 deutschen Soldaten der Nebeltruppenschule aus Celle. Mehrere britische Panzer und Panzerspähwagen wurden dabei abgeschossen und es gelang den Verteidigern Ehlershausen zu halten. 

Bild: Alfred Schlüter aus Adelheitsdorf zum Kriegsende. Quelle: Hannah Fueß Berichte

Die Verteidigung Ehlershausens war jedoch umsonst, denn weiter nördlich gelang der 227. Infanterie Brigade der kampflose Vormarsch über Fuhrberg, Allerhop und Wietzenbruch. Somit standen die britischen und schottischen Verbände am Abend des 11. April 1945 bereits vor den Toren Celles. Vermutlich wäre die Stadt sogar besetzt worden - allerdings wurden auch hier die alliierten Verbände durch gesprengte Brücken aufgehalten, sodass der weitere Vormarsch auf den 12. April 1945 verlegt werden musste. 

Am Abend des 11. April wurde schließlich noch die Lufthauptmunitionsanstalt in Hambühren gesprengt. Für alle musste nun klar sein, dass die Befreiung der Stadt Celle unmittelbar bevorstand und spätestens am kommenden Tag erfolgen würde. Dementsprechend richtete man sich auf die Ankunft der Alliierten ein. 

Fortsetzung folgt. 


H. Altmann
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