f Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 19. Februar 2015

Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945



Am 19.Februar 1945, einem für diese Jahreszeit recht warmen, Wintertag tobte der Zweite Weltkrieg an allen Fronten. Die Rote Armee hatte die Reichsgrenze überschritten* und die westlichen Alliierten rückten auf den Rhein vor. Während an diesem Tage deutsche Truppen die Stadt Breslau erbittert verteidigten, entbrannte im Pazifikkrieg die Schlacht um Iwojima. 


Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, kontaktierte den schwedischen Grafen Folke Bernadotte. Graf Bernadotte sollte, als Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes, eine Freilassung von KZ-Häftlingen erwirken. Himmler widersprach einer solchen Freilassung stimmte jedoch einer Betreuung durch das schwedische Rote Kreuz zu (Rettungsaktion der Weißen Busse). Bereits während der Gespräche versuchte Himmler einen separaten Frieden mit den westlichen Alliierten zu erwirken - allerdings ohne Erfolg. Auch im Landkreis Celle hinterließ dieser 19. Februar seine Spuren. Bereits häufiger war es in den vergangenen Tagen zu vereinzelten Tieffliegerangriffen gekommen. Von größeren Bombardierungen blieb Celle zumindest bis zum Anlaufen der "Operation Clarionam 22. Februar 1945 verschont. 



Bereits am 22. Januar 1945, also knapp einen Monat zuvor, war es zu einem Tieffliegerangriff auf einen Personenzug bei Winsen (Aller) gekommen. Vier Mädchen starben dabei. 

Am 19. Februar nun, verkehrte ein Personenzug zwischen Celle und Gifhorn. In der Langlinger Chronik erinnerte sich Helmut Siuts an jenen Tag. Er hatte am Morgen gemeinsam mit seinen Mitschülern den Zug von Müden (Aller) nach Celle bestiegen. Licht im Zug gab es keines - schließlich befürchtete man Tieffliegerangriffe. Der weithin sichtbare Dampf der Lokomotiven sorgte ohnehin schon für ausreichend Aufsehen. 

Siuts erinnerte sich, dass der Zug aus drei Personen-, einem Gepäckwaggon und einem Waggon mit einer Flugabwehrkanone (FLAK) bestand. Die FLAK wurde von zwei Soldaten bedient und sollte den Zug im Notfall gegen Flugangriffe schützen. 

Dieses Szenario wurde mehrfach geübt - ärgerlich für die Schüler war es nur, wenn solche Übungen auf dem Heimweg von Celle stattfanden, denn dann verzögerte sich die Ankunft Zuhause und es ging Freizeit verloren. Im Falle einer Luftschutzübung fuhr der Zug durch den Wienhäuser Bahnhof und überquerte die Straße nach Eicklingen, um anschließend im dichten Wald hinter dem Bahnübergang zu halten. Die Bäume sollten einen gewissen Schutz bieten - und dem angreifenden Piloten zumindest kein freies Schussfeld liefern. Im Rahmen der Übung mussten die Insassen den Zug verlassen und in Deckung gehen. Zumal die meisten Männer im Krieg waren, befanden sich vorwiegend Frauen, ältere Männer und Kinder in diesem Zug, der gegen Mittag des 19. Februar 1945 in Celle abfuhr.


Bild: Bahnhof Wienhausen (nach dem Krieg aufgenommen). 


Über Westercelle, Altencelle und Bockelskamp erreichte der Zug schließlich Wienhausen. Und wieder gab es hier Fliegeralarm. Man vermutete es handele sich auch jetzt nur um eine der Übungen. An diesem 19. Februar war es jedoch keine. 

Hermann Strothmann erinnerte sich, dass er sich als Jugendlicher zum Zeitpunkt des Angriffs im Wald hinter dem Wienhäuser Bahnhof aufhielt. Hier lag eine SS-Köhler-Kompanie, die in großen Meilern Holzkohle herstellte. Aufgrund der Benzinknappheit wurden damals einige Fahrzeuge (PKW und LKW), wie beispielsweise der VW Kübelwagen Typ 239 mit einem Holzkohlegemisch angetrieben. 

Es waren zwei englische Jagdflugzeuge - vermutlich Spitfires - die den Zug, nach Verlassen des Wienhäuser Bahnhofs, auf’s Korn nahmen. Strothmann bekam von seinem Standort aus nicht mit, welche Schäden die beiden Flugzeuge anrichten – wohl aber, dass sie mehrere Male kreisten und immer wieder erneut angriffen.


Bild: Bahnstrecke bei Wienhausen. Quelle: Google Earth / Karte 1945 als Overlay (grau schraffiert). 


Siuts erinnerte sich in der Langlinger Chronik, dass die beiden Soldaten, welche eigentlich die FLAK bedienten, zuvor auf dem Wienhäuser Bahnhof ausgestiegen waren. Der Zug fuhr scheinbar jedoch ein Stück weiter - der Fliegeralarm ist somit wohl nach Erreichen des kleinen Waldstückes hinter Wienhausen ausgegeben worden. 

Nun brach aber eine fürchterliche Schießerei los. Nach dem ersten Überflug kehrten die zwei Flugzeuge zurück. Passagiere stürzten auf beiden Seiten aus dem Zug. Siuts lief mit seinen Freunden in südliche Richtung – immer auf Eicklingen zu. Erneut setzten die Flugzeuge zum Angriff an. Die Menschen warfen sich der Länge nach auf den Boden. Jedes Mal, wenn die Flugzeuge den Zug überflogen hatten und in einer Schleife wendeten, konnten die Insassen ein kleines Stück weiter laufen, um aus dem Schussfeld zu entkommen. Dann setzte erneut der Beschuss ein. 

Erst nachdem der Angriff vorüber war, konnten die Überlebenden zum Zug zurückkehren. Karl Niemann, der als Schaffner den Zug begleitete, hatte noch die FLAK bedient und war tödlich verwundet worden. Bald trafen erste Rettungskräfte ein. Auf der linken Seite des Zuges, also nördlich der Bahnstrecke, war der Bewuchs spärlicher. Wegen der unzureichenden Deckung war es hier deutlich gefährlicher gewesen. Verwundete wurden in die Celler Krankenhäuser gebracht. Neben Karl Niemann wurden ebenfalls Margarethe Homann aus Langlingen und der Betriebsführer Robert Alexander Riedel tödlich verwundet.

Bild: Bahnstrecke bei Wienhausen heute. Quelle: Hendrik Altmann. 

Unverständlich bleibt, weswegen die Flugzeuge ein nicht-militärisches Ziel derart schwer attackierten. Es kann nur vermutet werden, dass die Piloten entweder absichtlich einen zivilen Personenzug angriffen, oder ihn für einen militärischen Transport hielten. Im letzteren Fall dürfte die zum Einsatz gekommene FLAK dazu beigetragen haben, dieses Missverständnis zu unterstützen. Das Motiv lässt sich bis heute nicht abschließend klären. Entsprechende Protokolle fehlen. Angriffe wie dieser waren in den letzten Kriegstagen allerdings keine Seltenheit. Den Überlebenden sind sie bis heute in Erinnerung geblieben.

Hendrik Altmann

*Anm.: Korrektur am 02.04.2015: 
Am 19. Februar stand die Rote Armee bereits auf dem deutschen Reichsgebiet. Breslau wurde bereits am 15. Februar von der Roten Armee eingeschlossen, jedoch noch bis um den 6. Mai 1945 durch die deutschen Truppen, welche in der Stadt eingeschlossen waren, verteidigt. 


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Quellen: 
H. Schmidt-Harries; Langlinger Chronik, S. 362 f. 
H.J. Oelker; Familiendatenbank Celle Süd-Ost. 
Mdl. Gespräch mit Hermann Strothmann. 

Reaktionen:

Kommentare:

  1. Guten Tag Herr Altmann,
    Sie schreiben in Ihrem Artikel -Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945- im ersten Absatz: "Die Rote Armee stand kurz vor der Reichsgrenze...Während an diesem Tage deutsche Truppen die Stadt Breslau erbittert verteidigten,..."
    Hier kann etwas nicht stimmen! Breslau ist die Hauptstadt von Niederschlesien, demzufolge hatte die Rote Armee die Reichsgrenze längst überschritten und das nicht nur in Schlesien sondern auch in Ostpreußen.
    Oder soll hier behauptet werden, dass die deutschen Ostgebiete nicht zum Reichsgebiet gehörten und Deutschland erst an der Oder begann?
    Mit der Bitte um Richtigstellung verbleibe ich mit freundlichen Grüßen.

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    1. Danke für den Hinweis. Die möglicherweise missverständliche Formulierung wurde entsprechend korrigiert.

      Beste Grüße
      Hendrik

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