f Die Welt und Celle - am 29. Mai 1940 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 29. Mai 2014

Die Welt und Celle - am 29. Mai 1940



Celle am 29. Mai 1940. Der Zweite Weltkrieg dauerte noch nicht einmal ein Jahr an. Es war die Zeit, in der erhebliche Flächengewinne verbucht wurden. Polen war besiegt. Mit Russland war ein Nicht-Angriffspakt geschlossen. Als sich die Wehrmacht in Richtung Westen wandte, wurden die Niederlande und Belgien quasi im Handstreich überrannt.  

Am 28. Mai - vor 74 Jahren auf den Tag - kapitulierte der belgische König Leopold der III. Die Meldung erschien am Tag darauf ebenfalls in der Celleschen Zeitung. Neben  umfangreichen Berichten von der Front, wurde auch über das Geschehen in Celle berichtet. 

Der folgende Beitrag soll einen Eindruck vermitteln, was heute vor 74 Jahren in Celle und der Welt passierte...


"Dem Feinde nach, vorbei an den Ruinen des Krieges"

Bild: "Dem Feinde nach, vorbei an den Ruinen des Krieges", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Noch waren zerstörte Städte und ruinierte Straßenzüge ein seltener Anblick in Europa. Bereits im Ersten Weltkrieg wurden kleinere Städte verwüstet, jedoch erreichten die Schäden nie die Ausmaße wie im Zweiten Weltkrieg. Auch, wenn die deutsche Propaganda durchweg den Blitzkrieg nach Außen trug, kam es in den Niederlanden bereits zu schweren Gefechten. Natürlich hatten Deutschlands Nachbarn nicht tatenlos zugesehen, als Hitler aufrüsten ließ. Spätestens nachdem es zum Anschluss Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes kam, mussten die Nachbarstaaten davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Krieg zu ihnen kommen würde. 

Dementsprechend setzte man in den Niederlanden, in Belgien und Frankreich auf einen massiven Ausbau der bestehenden Festungswerke. Nicht einmal diese waren es, die die deutschen Truppen aufhalten konnten - meist waren es gesprengte Brücken und der Widerstand im Häuserkampf in kleineren Städten und Dörfern. Dennoch wurden die westlich angrenzenden Nachbarstaaten quasi überrannt. 

Die Cellesche Zeitung berichtete wie folgt... 

(Der Artikel kann durch ANKLICKEN vergrößert werden!) 

Bild: "Belgien hat kapituliert", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Im Zweiten Weltkrieg kamen erstmals Kriegsberichterstatter in massiven Umfang zum Einsatz. So entstanden Unmengen Filmmaterial, welche die Bevölkerung dann in der "Wochenschau" zu sehen bekam. Auch für den 28./29. Mai 1940 gibt es diese Wochenschau-Berichte... (Anklicken). 


Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=1isTtczjOXk



Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=yXxnKovoHYE



Folgender Eintrag findet sich zum 29. Mai im Tagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht: 

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Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Mittwoch, 29. Mai 1940

Das Schicksal der französischen Armeen im Artois ist besiegelt. Ihr Widerstand im Raum südlich Lille ist zusammengebrochen. Die englische Armee, die im Raum Dixmuiden-Armentieres-Bailleul-Bergues - westlich Dünkirchen zusammengedrängt ist, geht durch unseren konzentrischen Angriff ebenfalls ihrer Vernichtung entgegen. Durch raschen Vorstoß in Nordflandern wurde Brügge durchschritten, Ostende genommen und Dixmuiden erreicht. An der Yser und dem Yser-Kanal, nördlich Ypern, leistet der Feind noch verzweifelten Widerstand. Über dem Mahnmal der deutschen Jugend bei Langemarck, dem Schauplatz ihres heldenmütigen Kämpfens 1914, weht die Reichskriegsflagge. Lille ist im Angriff von Osten und Westen erreicht, die Stadt genommen. Im Vorgehen von Westen her ist Armentieres besetzt. Bei Bailleul wird noch gekämpft. Ostwärts Cassel wurde die befestigte französische Grenzstellung, die der Gegner mit verkehrter Front verteidigte, durchbrochen und die belgische Grenze erreicht. Bei Wormhoudt sind noch Kämpfe im Gange. Dünkirchen liegt unter dem Feuer unserer schweren Artillerie. Die deutsche Luftwaffe bekämpfte am 28. Mai zurückflutende Kolonnen aller Art, Truppenansammlungen und Panzerwagen. Bei der bewaffneten Aufklärung vor der belgisch-französischen Küste und im Kanal wurden drei Zerstörer, zwei Transporter und zwei Frachtschiffe mit Bomben angegriffen und schwer beschädigt, in der mittleren Nordsee durch Bombentreffer ein feindliches Unterseeboot versenkt. Die Vernichtung eines weiteren Unterseebootes ist wahrscheinlich. Deutschen Schnellbooten gelang es, trotz ungünstiger Wetterlage, vor dem belgischen Kanalhafen Nieuport wiederum einen nach England flüchtenden großen feindlichen Zerstörer durch Torpedoschuss zu versenken. An der Südfront wurden einzelne Vorstöße feindlicher Infanterie mit Panzerkampfwagen abgewiesen. Die Verluste des Gegners in der Luft betrugen am 28. Mai insgesamt 24 Flugzeuge, davon wurden im Luftkampf 16, durch Flak acht abgeschossen. Drei deutsche Flugzeuge werden vermisst. Die Abschüsse durch Flakartillerie haben sich nach genaueren Feststellungen in der Zeit vom 16. bis 25. Mai von 100 bisher bekanntgegebenen auf 265 erhöht. Die Gesamtzahl der seit dem 10. Mai durch die Flakartillerie erzielten Abschüsse beträgt damit 607.  Außerdem vernichtete die Flakartillerie im gleichen Zeitraum 101 feindliche Panzerwagen. In Norwegen ist der Feind gestern, von zahlreichen Kriegsschiffen unterstützt, an der Erzbahn gelandet und von Norden her in Narvik eingedrungen. Deutsche Kampfverbände griffen die dort liegenden feindlichen Seestreitkräfte an. Ein größeres Kriegsschiff erhielt einen schweren Treffer mittschiffs und stellte unter starker Rauchentwicklung das Feuer ein. Drei Kreuzer und ein Zerstörer sowie ein Frachter erhielten schwere Bombentreffer. Truppenausladungen bei Ankenes wurden mit zahlreichen Bomben belegt.
SONDERMELDUNG
Im fortschreitenden Angriff zur Vernichtung der englischen Armee stürmten unsere Truppen Ypern und Kemmel.


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Bild: "Im Kampfflugzeug über dem fliehenden Feind", Quelle: CZ, 29.5.1940. 



Und in Celle?

Weit entfernt der Front war der Krieg zwar Gesprächsthema Nr. 1 - aber nur im Positiven. Für die Meisten war es nur eine Frage bis Frankreich erobert - und ebenfalls England in die Knie gezwungen wären. Dass der Krieg unmittelbare Auswirkungen innerhalb Deutschlands entfalten könnte ahnten noch die wenigsten, zumal Bombenangriffe auf Deutsches Terrain bislang eine Seltenheit waren. Dieses Thema klang ebenfalls in der CZ vom 29. Mai 1940 nur beiläufig an...

So gab man sich den "wirklich wichtigen Problemen hin"...

Bild: "An die Paddler!", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Ob den Enten damit geholfen werden konnte? Man weiß es nicht. Eine solche Meldung scheint vor dem Hintergrund des aktuellen Weltgeschehens jedoch ziemlich fraglich. Andererseits konnte man wohl auch nicht pausenlos über den Krieg schreiben...

Derweil in Wienhausen...

Bild: "Wienhausen", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


"Der Gouverneur" war ein Soldatenfilm aus dem Jahr 1939. Der Film spielt allerdings in einem skandinavischen Land. Hier ein kurzer Ausschnitt: 






Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-zfP5p9beKg


In Bergen kam es zu einer unschönen Hundeattacke auf ein kleines Kind...

Bild: "Bergen", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Weiterhin berichtete die NSDAP: 

Bild: "Mitteilungen aus der NSDAP", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Strümpfe stopfen und der SA-Sturm mögen mal vernachlässigt bleiben - jeder kann sich darunter etwas vorstellen. Aber was hat es mit der ominösen Motorsportgefolgschaft 1/77 auf sich? 

Sicherlich sind vielen die gängigen Organisationen der NSDAP bekannt. Dazu zählten unter anderem die Hitlerjugend (HJ) und der Bund Deutscher Mädchen (BDM). Was manche jedoch sicher nicht wissen: innerhalb dieser Organisationen gab es zahlreiche "Unterbanne", also Folgeorganisationen, die so genannten Gefolgschaften. In diesen konnte  sich jeder nach seinen persönlichen Interessen (Fliegerei, Motorsport, Marine, Reiten etc. ) einbringen. 

Die Gefolgschaft war einst eine übliche Bezeichnung für eine gewisse Anzahl Personen. In Abgrenzung zu einem Verein zeichnete sich eine Ge"folg"schaft dadurch aus, dass sie bereits auf gewisse Wertvorstellungen ausgerichtet war. In der HJ bestand eine Gefolgschaft aus vier Scharen, also ca. 120 bis 160 Jungen. Dabei konnte sie mehrere Ortsgruppen umfassen und war damit die unterste Verwaltungsdienststelle der HJ. Anführer einer Gefolgschaft war zwingend ein Hauptscharführer. Als unterste Verwaltungseinheit war eine Gefolgschaft ebenso die erste Gruppenstärke die zum Führen einer eigenen Fahre bemächtigt war. Beispiel einer HJ-Gefolgschaftsfahne: Hier (Wiki-Commons). Anders als die normalen Gruppen der HJ trugen die Gefolgschaften spezielle Farben in der Flagge. Für die Motor-HJ Gefolgschaft war es rosa. Der HJ Bann Celle hatte die Nummer 77 (aus offensichtlichen Gründen - siehe 77er Regiment...). 


Bild: "Schulterklappe des HJ Banns 77", Quelle: www.kpemig.de

Eine Kundgebung der HJ in Celle... (durch Anklicken vergrößern)




Bild: "Kundgebung der Celler HJ", Quelle: CZ, 29.5.1940. 


Aus heutiger Sicht scheint der letzte Absatz wie blanker Hohn zu klingen: "Um die Gegenwart (...) brauche uns nicht bange zu sein und auch um die Zukunft nicht..."

Dieser Ausschnitt der Rede anlässlich der Aktion "Versammlung der Jugend" am 28. Mai 1940 zeigt, wie sehr das NS-System auf den Nachwuchs seiner Unterorganisationen setzte. Im Grunde musste jedem schon damals klar sein, dass schon bereits 1940, als die Wehrmacht noch enorme Geländegewinne verbuchte, kein Pardon vor dem Einsatz von Jugendlichen gemacht werden würde. Und so sollte es dann auch kommen - zunächst als Flakhelfer und später auch als letztes Aufgebot, sollten viele die bittere Bedeutung der hier im gezeigten Artikel ausgesprochenen Worte erleben...


Warum wird nicht über die feindlichen Luftangriffe berichtet? (durch Anklicken vergrößern) 

Bild: "Warum kein Bericht über die Angriffe feindlicher Flieger?", Quelle: CZ, 29.5.1940. 

Eine gute Frage! Vermutlich weil sie nicht ganz unberechtigt war...

Zum Hintergrund muss man wissen, dass das britische Bomber Command vom 15.05. auf den 16.05.1940 den strategischen Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich eröffnete. Bereits am 12. Mai war Mönchengladbach durch britische Bomber angegriffen worden. Zu Beginn dieser Aktionen blieb der gewünschte Effekt jedoch aus - die Bomben waren zu dieser Zeit noch gegen militärische Ziele gerichtet - verfehlten diese aber meist, da die Zielvorrichtungen noch nicht für den Angriff auf Punktziele optimiert waren. 


Hendrik 



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