f Flüchtlinge, Vertriebene und Zivilisten... ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 11. Januar 2013

Flüchtlinge, Vertriebene und Zivilisten...

Flüchtlinge, Vertriebene und unser Haus...

Ein Bericht aus Erzählungen Meiner Großmutter über die Menschen die während des Zweiten Weltkrieges bei uns lebten. 


Vorwort...

Bereits in Beiträgen über das Kriegsende in Schwachhausen und über das Ende der Kampfgruppe Wiking habe ich über die Zeit des letzten Krieges in unserer Heimat berichtet. Was also gibt es für einen Grund noch weiter zu diesem Thema zu schreiben? Nun, ganz einfach: während die bisherigen Beiträge die Gesamtzusammenhänge beschrieben, soll nun auch die zivile Seite näher beleuchtet werden. 

Häufig wird vergessen, dass der Krieg ganze Familien zerriss. Menschen die sich weit entfernt von unserer Heimat eine Existenz aufgebaut hatten kamen in die Situation alles zurücklassen zu müssen und aufzugeben. Es soll in diesem Beitrag nicht darum gehen die Ereignisse jener Zeit bis ins Detail aufzuarbeiten. Dies wäre ohnehin nicht möglich, da wohl nicht alle Menschen von damals befragt werden können. Stattdessen handelt dieser Beitrag von den Ereignissen so wie sie meine Großmutter berichtete und an mich weitergegeben hat.



Bild: der Hof in Schwachhausen, um 1938.

Als der Krieg losbrach... 

... veränderte sich bald alles.
Die Familie meiner Großmutter bewirtschaftete schon seit eh und je den Hof Nr. 3 in Schwachhausen. Es gab weite Felder, Rinder, Kühe und Pferde. Natürlich durfte auch der Hofhund "Moppi", und einige Hühner nicht fehlen. Schon bald sollte in der beschaulichen Idylle eine ganz andere Realität herrschen...


Bild: Heuernte - im Wesentlichen eine mühsame Handarbeit (um 1936). 


Nach der Machtergreifung Hitlers wurde schnell deutlich: er war auf die Bauern in gleicher Maßen angewiesen, wie auf Großindustrielle, Banker und einfache Angestellte. Es etablierten sich rasch Hitlerjugend (HJ), der Bund deutscher Mädchen (BDM) und die Ausläufer der Partei (NSDAP). Es mag an dieser Stelle falsch sein zu behaupten man habe die Menschen mit aktiver Gewalt in diese Organisationen gedrängt. Dennoch erzählte meine Großmutter, wie es dazu kam, dass man in die Partei eintrat...

So kam es regelmäßig vor, dass die Kinder der Familien deren Eltern nicht NSDAP-Mitglieder waren in der Schule nachsitzen mussten bzw. lernen mussten. Die anderen Kinder durften an den Aktivitäten der HJ/des BDM teilnehmen.

Im gesellschaftlichen Leben kam es immer häufiger zu solchen Benachteiligungen für Nicht-Parteiler. Gerade in kleinen Dörfern mit einer geschlossenen Dorfgemeinschaft kann solch eine Gruppendynamik gefährliche Ausmaße annehmen. Mit anderen Worten: selbst diejenigen, die eigentlich nichts mit dem parteilichem Hintergrund der NSDAP am Hut hatten, gerieten in die Versuchung der NSDAP beizutreten.

Meine Großeltern und ihre Familien standen dem Regime wie viele andere auch anfangs äußerst kritisch gegenüber. Nichts desto trotz kam der Punkt an dem sie ihre Unabhängigkeit aufgaben. Es wäre äußerst vermessen aus heutiger Sicht über die damaligen Verhältnisse zu urteilen, da wir es heute besser wissen - und vor allem wissen, wohin die Geschichte geführt hat.


Schon kurze Zeit nach dem Überfall auf Polen im Sommer 1939 kamen die ersten Kriegsgefangenen. Meine Großmutter war zu dieser Zeit gerade 18 Jahre alt und lebte mit ihren Eltern und Ihrem Bruder (meinem Großonkel) dem Hof in Schwachhausen. 

Da viele der arbeitsfähigen Männer in den Wehrdienst eingezogen wurden, sollten die Kriegsgefangenen einen Teil des Arbeitsaufkommens ausgleichen. Die allgemeinen Berichte im Umgang mit diesen „Hilfskräften“ reichen von gut bis schlecht. Mancherorts wurden sie sehr schlecht behandelt, wurden geschlagen und litten ständige Angst von dem Bauern wegen etwaiger Verstöße an die SS übergeben zu werden. Bei uns war es nicht so. 

Bild: beschwerliche Landarbeit um 1936. Es wurden viele helfende Hände gebraucht...



1939/1940 kam ein Pole auf unseren Hof. Bei Luttermanns in Offensen (im Speicher) war das Lager der Kriegsgefangenen. Sie mussten in der ersten Zeit noch dort schlafen. Dann bekamen sie zivile Kleidung und wurden auf die umliegenden Höfe verteilt. Der Pole der auf unseren Hof kam war schon in seiner Heimat Bauer gewesen. Er soll ein sehr anständiger, ordentlicher und hilfsbereiter Mann gewesen sein, der seine Arbeit zuverlässig verrichtete. Seine Unterkunft war auf einer oberen Dachkammer. Sonntags ließ er die Arbeit stets ruhen. Als sich die Gelegenheit bot, verließ der Pole jedoch unseren Hof. Er wollte wieder in seine Heimat. Als Austausch für Ihn kam daraufhin sein Schwager. Die beiden mochten sich aber gegeneitig wohl nicht sonderlich...

Als Quartier hatte dieser die sog. Hechselkammer am Pferdestall bezogen. 


Alle die im Haus lebten, halfen auch auf dem Hof. So waren die Männer in der Feldarbeit und die Frauen meist in hauswirtschaftlichen Tätigkeiten eingesetzt.

Der Bruder meiner Großmutter wurde ebenfalls in den Armeedienst eingezogen...



Bild: Hilda und Heini Krohne (rechts im Bild) vor dem Hof in Schwachhausen.  



Bild: letztes Bild von Heini Krohne (Kreuz) in der Heidekaserne um den 14.08.1942. 


Bild: Die Heidekaserne in Celle. Heutiges Rathaus. 


Vom 14.08. bis zum 20.08.1942 wurde die Einheit in Northeim stationiert und dann nach Russland verlegt. Am 29.09.1942 fiel Heini Krohne bei einem russischen Tieffliegerangriff in Georijewsk im Kaukasus (heutiges Georgien).



Bild: Postkarte zum Tod Heinis...

Bild: Vorderseite der Postkarte - Gedicht "von einem Feldwebel" ... 

Ich muss nicht sagen, dass der Tod des einzigen Sohnes die Eltern meiner Großmutter schwer getroffen hat. Heini Krohne hätte als männlicher Erbe den Hof in Schwachhausen erben sollen. 




Zur selben Zeit war mein Großvater in Russland. Er diente in der 329. Infanterie-Division (553. Infanterie-Regiment - später 553. Grenadier-Regiment). 1942 fanden bei Demjansk und Staraja Russa verheerende Abwehrkämpfe statt (329. Infanterie-Division).










Bild: Heinrich Kaune (mein Großvater) zu Pferde...






Bild: Mein Großvater war bei einer Familie im heutigen Weißrussland einquartiert (1942)...


Bild: Mein Großvater war bei einer Familie im heutigen Weißrussland einquartiert (1942). Den Bildern nach stellte er sich gut mit den Leuten...



Bild: Verlobungsbild meiner Großeltern 1942. Verständlicherweise sehen beide trotz des freudigen Anlasses alles andere als heiter aus. Der Grund liegt auf der Hand: erst kurz zuvor war der Bruder meiner Großmutter (Heini Krohne) und ein Bruder meines Großvaters aus Lachendorf im Krieg gefallen...


1943 kam eine Frau Mostard mit ihrer Tochter (Franziska) aus Rotterdam. Franziska war drei Jahre alt. Der Vater und Ehemann war Soldat und daher nicht Zuhause. Die Tochter war noch sehr klein und plapperte ständig von:

„Tein feintlicher Tampfverband über dem Reichsgebiet…“. 

Die beiden wohnten in einer Kammer unterm Dach. Frau Mostard verließ den Hof mit Ihrer Tochter im Jahr 1944. 


Ebenfalls im Jahr 1943 kam die junge Maria S. aus Russland. 


Bild: Verwaltungs-Beitrags-Karte der M. S.



Bild: Maria S. vor der Eingangstür. 1944

Meine Großmutter erzählte sie sei ein sehr liebes Mädchen gewesen. Der Karte (s.o.) ist zu entnehmen, dass sie zwischen dem 01.05.1943 und dem 01.03.1944 auf dem Hof arbeitete. 












Zwischen dem 25.07. und dem 03.08.1943 fiel Hamburg der Operation "Gomorra" zum Opfer. Die geflogenen Angriffe der Royal Airforce sollten Rüstungsbetriebe treffen, richteten sich aber auch gegen die Bevölkerung und sollten den Kampfgeist des deutschen Volkes schwächen. Da Stalin auf dem Aufbau einer zweiten Front bestanden hatte, die Alliierten jedoch zunächst keine Bodentruppen einsetzen wollten, war die Bombardierung deutscher Großstädte vereinbart worden. Dabei kamen Luftminen, Sprengbomben und Phosphor Stabbrandbomben zum Einsatz. 

Meine Großmutter berichtete, dass der Feuerschein aus Hamburg bis nach Schwachhausen sichtbar gewesen ist: "der Himmel war hell erleuchtet!"

Schon sehr bald kamen die ersten Menschen aus Hamburg an. Auf den Hof in Schwachhausen kam eine Familie aus Hamburg Harburg/Wilhelmsburg. Sie stellten ihre Sachen zunächst im Haus unter. Dann meldeten sich die Leute nicht wieder. Nun kamen jedoch immer mehr Flüchtlinge. Als von der Familie aus Hamburg nach wie vor keine Rückmeldung kam, beschwerte sich die Gemeinde. Die Hamburger hatten ihr Hab und Gut (Koffer, ein Fahrrad, Wäschekörbe usw. ) auf der Kammer untergebracht - der Platz sollte nicht länger versperrt werden. So veranlasste die Gemeinde, dass die Gegenstände auf den Hausflur gebracht wurden. 

Ende 1943 kamen Tureks und eine ihnen zugehörige Bekannte (Frau Arlert). Herr und Frau Turek (90 und 87) kamen aus der "Tschechei" und waren von dort geflohen. Frau Arlerts Mann lebte schon nicht mehr. Daher war sie mit dem Ehepaar Turek fortgegangen. Tureks konnten weder lesen noch schreiben. Frau Arlert konnte lesen, schreiben und rechnen und half Tureks so häufig bei ihren Angelegenheiten. Zunächst waren Tureks wohl in die Gegend von Stettin/Swinemünde geflohen. Nun kamen sie in die Celler Gegend. Das Ehepaar lebte einige Zeit in Schwachhausen und half bei den häuslichen Tätigkeiten so gut es ging. 



Bild: Rinder bei Schwachhausen um 1942. Tureks halfen häufig die Kälber zu tränken...


Nach einiger Zeit zogen sie zu ihrer Tochter nach Dahlenburg. Frau Arlert war nun alleine. Prieß (Schwachhausen) hätten sie gerne bei sich auf dem Hof gehabt. Frau Arlert wollte das aber wohl nicht und zog daraufhin in ein Altersheim in Bergen. Meine Großeltern haben sie dort noch viele Male nach dem Krieg besucht. 

Ende 1943 kam ein Ehepaar mit zwei schulpflichtigen Töchtern: Die Familie Keuchels. Sie belegten in unserem Haus eine ehemalige Räucherkammer und eine Knechtekammer seitlich des Treppenhauses. Die Räucherkammer war auf Geheiß meiner Urgroßmutter von der Südseite des Hauses auf die Nordseite verlegt worden - also war dieser Raum verfügbar. 

1944 kam die Familie Rino nach Schwachhausen. Die Familie stammte aus Ostpreußen. Sie brachten mehrere Gespanne mit Pferden und Wagen mit. Die Familie bezog Quartier in der ehemaligen Gastwirtschaft (Zum Forsthof).
Den Offensenern und Schwachhäusern blieben Rinos in guter Erinnerung: sie brachten hervorragende Pferde mit, die sie an die Dorfbewohner für ihre Arbeiten ausliehen. 


Bild: 329. Inf. Div. auf dem Rückzug...

Die 329. Infanterie-Division, in der mein Großvater diente, befand sich zwischen Ende 1943 und Anfang 1944 auf dem Rückzug in Lettland. Sie erlitt dabei schwere Verluste und musste Mitte/Ende 1944 neu aufgestellt werden. Während der Neuaufstellung bekam mein Großvater Urlaub. Es war jedoch absehbar, dass er bald wieder in die Ungewissheit ziehen müsste...

Im Dezember 1944 heirateten meine Großeltern. 


Mein Großvater kam nach seinem Heimaturlaub wieder zu seiner Division. Diese wurde Ende 1944 mitsamt der gesamten Heeresgruppe Nord von der Roten Armee in Lettland eingekesselt (Kurlandkessel). Kurland ist heute noch eine ländliche Region Lettlands. Im Norden und Osten durch das Meer (Ostsee, Baltische See) begrenzt, blieb der Heeresgruppe Nord nur eine Evakuierung über den Seeweg oder ein Durchbruch aus dem Kessel Richtung Süden. Allerdings stand die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt schon in Polen. 



Bild: Kurland 1945. Quelle: http://mundosgm.com/frente-oriental-(1941-1945)/la-bolsa-de-curlandia-(kurland-kessel-1944-45). 


Hitler untersagte die Evakuierung Kurlands persönlich. Die Heeresgruppe Nord war damit praktisch verloren. Insgesamt wurden 6 Kurlandschlachten zwischen Oktober 1944 und April 1945 geschlagen. Einigen Soldaten gelang die Flucht mit Schiffen. 

Mehr zu diesem Thema: 


Video: Das Schicksal der Kurlandkämpfer Teil I


Video: Das Schicksal der Kurlandkämpfer Teil II


Video: Das Schicksal der Kurlandkämpfer Teil III


Video: Das Schicksal der Kurlandkämpfer Teil IV


Mein Großvater war nicht unter denjenigen die Kurland per Schiff verlassen konnten. Er geriet im März 1945 in sowjetische Gefangenschaft. 

Für meine Großmutter und ihre Familie begannen die Jahre der Ungewissheit ob und wann mein Großvater nach hause zurückkehren würde...

Der Krieg war in der Heimat noch nicht vorbei. Gegen 1945 kam die Deputatarbeiter-Familie (Deputatarbeiter) Lachutzki zu uns auf den Hof. Zunächst wohnten sie in der heutigen "kleinen Stube" und auf der Kellerkammer. Die Familie hatte 5 Kinder. 

Am 12. April 1945 war es dann soweit: das 333. und 335. Regiment der 101. U.S. Infanterie Division besetzten die Dörfer Offensen und Schwachhausen (siehe auch: Das Kriegsende in Schwachhausen

Meine Großmutter berichtet über folgende Ereignisse (Zitat): 

"Die deutschen Soldaten waren bei Eggelmanns (Schwachhausen) unter dem Schauer (Vordach). Dort gab es Suppe. Auf einmal waren von Offensen her die Amerikaner zu hören und alles geriet in Aufruhr."

Die Amerikaner marschierten im Dorf ein - ohne Gegenwehr. Das hielt sie aber nicht davon ab eine Maschinengewehrsalve durch den Ort zu jagen, der Teile unserer Hausfront durchlöcherte. Eine Kugel schlug durchs Fenster in das Holz-Buffet meiner Urgroßeltern ein. Die Kugel steckt noch heute darin... 

Ziel der U.S. Truppen war es, die Allerbrücke in Richtung Nordburg unzerstört einzunehmen. 

Meine Großmutter und ihre Familie waren in den Keller geflüchtet. Als amerikanische Soldaten das Haus inspizierten und meiner Familie befahl den Keller zu räumen, saß der oben erwähnte Pole quietschfidel auf dem besten Sofa. Er war mit einem der älteren Mädchen der Familie Lachutzki zusammen. Als die Amerikaner kamen erkannte er scheinbar seine Überlegenheit und obgleich er nie etwas auszustehen gehabt hatte meinte er nun Rache üben zu wollen. Er begrüßte die Familie daher mit den Worten 

"Jetzt ich Chef - Du nix mehr Chef...!" 

Die Familie meiner Großmutter musste wie die anderen Schwachhäuser auch nach Offensen. In Nordburg wurde noch gekämpft. Es blieb ihnen nur wenig Zeit um einen Wagen mit dem Nötigsten zu beladen und abzufahren. Sie kamen in Offensen bei Mohwinkels unter.

Als sie Tags darauf wieder nach Hause (Schwachhausen) auf den Hof kamen - die Kühe mussten gemolken werden - trauten sie ihren Augen nicht. Die Amerikaner saßen in den besten Sonntags-Möbeln auf der Veranda vorm haus und rauchten Zigarren...

Nichts desto trotz musste die Feldarbeit weiter gehen. Es spielte keine Rolle ob nun NSDAP oder amerikanische Militärregierung das Sagen hatte: die Ernte im Sommer 1945 musste eingefahren werden! 



Bild: Feldarbeit am Birkendamm...


Eine weitere Begebenheit aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg blieb meiner Großmutter bis heute in Erinnerung: 

Eines Tages sagte mein Urgroßvater (Vater meiner Oma) zu ihr:

"...dass heute wohl noch was angeht..." 

Er hatte gesehen wie "die Polen" in der Schweineküche Äxte scharf machten. Die Schweineküche ist bis heute der Raum, indem das Futter für die Schweine "zubereitet" wird (Wasser & Schrot). Dazu muss man wissen, dass die Polen sich nach Kriegsende regelrecht zusammenrotteten. Sie zogen teilweise durch die Dörfer und nahmen was nicht niet- und nagelfest war. Fahrräder und allerlei Kram fiel ihnen zu Opfer - wurde mitgenommen und kam nicht wieder. Aus Bockelskamp wird berichtet die Polen hätten richtige Banden gehabt, die die Landschaft unsicher machten... 

Als nachts der Mond schien, hörten meine Oma und ihre Eltern was "da anging": 
die Polen hatten auf einer Wiese jenseits der Aller ein Rind getötet. Noch vor Ort müssen sie das Tier zerlegt haben. 

Meine Familie tat zunächst nichts - aus Angst vor der Rache der Polen. Diese schreckten nicht davor zurück gegenüber ihren ehemaligen Bauern rabiat zu werden. Auf unserem Hof haben sie es sich zumindest recht gut gehen lassen: sie brannten illegal Schnaps aus Zuckerrüben. 

Eines Tages kamen sie mit Betten von Langlingen her und verbrannten diese hinter dem Schweinestall. Gut verständlich, dass das den Schwachhäusern nicht geheuer war! 

Nun kam die Geschichte mit dem Rind aber doch irgendwie heraus. Eines Tages erschien die amerikanische Militärpolizei mit dem Gendarm: Haussuchung! 
Alles war in heller Aufruhr. Im Bett des Polen (siehe Anfang) auf der Hechselkammer wurden etliche Handgranaten gefunden. Er muss sie in den letzten Kriegstagen aufgesammelt haben. Man will lieber nicht wissen was hätte passieren können...
Ein Gendarm sah, wie die Polen das geschlachtete Fleisch aus einem der Fenster warfen - sie wollten wohl schnell die Spuren verwischen. Die Militärpolizei machte kurzen Prozess: die Polen wurden allesamt abgeholt und nicht wieder gesehen. Es ist anzunehmen, dass sie nach kurzer Haft wieder in ihre Heimat gelangten. 

Nun kam eine Familie Schulz - sie bezog die Kornkammer. Später wurde dies die Melkekammer (beim Brand in der 80ern zerstört). Schultes waren Bruder und Schwester - beide Mitte 80. Sie kamen von der Familie Wrede aus Schwachhausen. 

Als die Briten nach dem Krieg begannen bei Unterlüß alte Munition zu sprengen (im Marinesperrzeugamt Starkshorn) mussten die dort lebenden Flüchtlinge ausziehen. Daher kam die Familie Lange zu uns. Eine Mutter, die Oma (geb. Karle) und drei Jungs. Sie stammten ursprünglich aus der Gegend von Görlitz. Herr Karle war bereits verstorben. Der Vater der Kinder und Mann von Frau Lange war noch in Russland. Er war zum Ende des Krieges schon in Kriegsgefangenschaft bei Hamburg (Neuengamme) das wusste seine Familie allerdings nicht. Als ihr ein Mitgefangener Grüße ihres Mannes bestellte, wusste Frau Lange überhaupt erst, dass ihr Mann noch lebte...

Nach Langes wurde die Stube frei. 

Die Familie zog später nach Bassum. Meine Großeltern hielten den Kontakt lange Zeit aufrecht. Erst vor einigen Monaten besuchten uns die jüngeren Brüder der Familie Lange. 

Später wohnten noch zeitweise Gotthart Karle und Frau Kammler bei uns. 

Am 29.12.1942 - nur zwei Tage vor 1950 kam mein Großvater aus russischer Gefangenschaft frei. 


 Bild: Zeitungsanzeige als mein Großvater heimkehrte. Quelle CZ.


Bild: Das Hochzeitsbild, das mein Großvater mit in Gefangenschaft hatte. Es ist in der Mitte durchtrennt.

Mein Großvater gelangte in das Auffanglager Friedland. Von dort kam er nach Frankfurt an der Oder. In den Kontrollen musste er seinen Dienstgrad verbergen - deswegen zerriss er das Hochzeitsbild von ihm und meiner Großmutter. Hatte er dies nicht getan, wäre er vermutlich noch länger in Gefangenschaft geblieben.

Meine Großmutter wusste überhaupt nichts von der Ankunft meines Großvaters. Seine Schwester fragte sie nach Weihnachten ob sie sich nicht über "die gute Nachricht" freuen würde - aber da wir damals kein Telefon hatten, wusste sie nicht, dass mein Großvater zu dieser Zeit schon auf dem Heimweg war.


In den folgenden Jahren setzten meine Großeltern alles daran den Hof in Schwachhausen zu bewirtschaften. Bald kamen mein Onkel und meine Mutter auf die Welt.


Fazit... 

Aus heutiger Sicht scheint es unvorstellbar welchen Strapazen und Opfer die Zeit den Menschen abverlangt hat. Die Behauptung die Leute hätten den Nationalsozialisten leichtfertig zugejubelt und damit ein vorbestimmtes Schicksal gewählt, erscheint vor dem Hintergrund dieser Geschichte fraglich. Vor dem Hintergrund der persönlichen Verluste erscheint es mir als sehr unwahrscheinlich, dass sich jemand freiwillig ein solches Schicksal ausgesucht hat. Letztendlich muss man annehmen, dass viele versuchten über die Runden zu kommen.

Wir, die wir in einer Welt ohne Krieg aufwachsen durften, sollten nicht so vermessen sein und im Nachhinein über andere Generationen urteilen. Es ist viel wichtiger aus der Geschichte zu lernen.




Viele Grüße,

Hendrik




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