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Freitag, 3. August 2012

"Zusammenhänge der Auffindung von Massengräbern bei Wienhausen im Jahr 1947"

Update - 24.05.2013



Einweihung einer Gedenkbank bei Wienhausen                                    
24.05.2013


Heute vor 66 Jahren, am 24.05.1947 erschien im Magazin Der Spiegel ein Artikel unter der Überschrift "Drei Gräber bei Wienhausen". 

Zu den Ereignissen, die diesem Artikel zu Grunde liegen und zur Aufklärung der Geschehnisse, die zwischen dem 6. und 7. April 1945 in den letzten Kriegstagen bei Wienhausen stattfanden habe ich eine umfangreiche Forschungsarbeit angefertigt: 


Anlässlich dieses Ereignisses wurde heute, 68 Jahre später, eine Bank mit einer Gedenktafel eingeweiht. 

Bild: Einweihung der Gedenkbank am ehemaligen Bahnübergang von Wienhausen nach Sandlingen. 

Anwesend waren die Gemeindevertreter: Bürgermeister Pickel, Samtgemeindebürgermeister Pohndorf, der Gemeinderat, die Wienhäuser Dorfhistoriker, die die Dorfrundgänge organisieren und Pastor Grön. 

Die Veranstaltung begann im Wienhäuser Rathaus. Nach der Einleitung und der Ansprache durch Bürgermeister Pickel hielt ich einen Vortrag in dem ich die Ereignisse, Ursachen und Konsequenzen kurz umriss. Samtgemeindebürgermeister Pohndorf und Pastor Grön sprachen ebenfalls zu den rund 20 Anwesenden. 

Der zweite Teil der Veranstaltung folgte anschließend an der neuen Gedenkbank. Sie steht von Sandlingen kommend an der rechten Seite in Höhe des ehemaligen Bahnüberganges nach Wienhausen. Unweit dieser Stelle waren Anfang April Häftlinge, aus einem Transportzug aus dem KZ Mittelbau Dora (Nordhausen, Thüringen), verscharrt worden. 

Auch hier sprach Pastor Grön einige sehr treffende Worte zu dem Anlass. Es folgte eine Schweigeminute. 

Bild: Gedenkbank. 


Bild: Inschrift der Tafel an der Bank. 


Die Inschrift der Bank lautet: 

Erinnern - Gedenken - Mahnen - Hoffen

Im April 1945 wurden hier neben der ehemaligen Bahntrasse, während eines längeren Zugaufenthalts, 45 KZ-Häftlinge begraben, die sich auf einem Bahntransport aus dem KZ Mittelbau Dora bei Nordhausen in das KZ Bergen-Belsen befanden und unterwegs unter unmenschlichen Umständen ums Leben gekommen waren. 

Das Massengrab wurde am 16. Mai 1947 entdeckt, die Leichen exhumiert und auf dem Waldfriedhof in Celle eingebettet. 

Nutzen Sie die Ruhepause, um darüber nachzudenken und sich daran zu erinnern, dass die Demokratie von der Wachsamkeit und Mitgestaltung der Bürger lebt


Bild: Gedenkbank bei Wienhausen. 


Ich freue mich wirklich sehr, dass die Gemeinde Wienhausen diesen verantwortungsbewussten Schritt gemacht hat. Viele andere Gemeinden gehen nicht so vorbildlich mit ihrer Geschichte um. Die Idee statt eines Gedenksteins eine Bank mit Tafel aufzustellen scheint mir sehr gelungen, denn so fällt das Verweilen und Erinnern sicherlich leichter. 

Den gesprochenen Worten der Anwesenden und den geschriebenen Zeilen auf der Tafel kann ich mich nur anschließen. 

Meine Forschungsarbeit wird in den kommenden Wochen ebenfalls in der 20. Auflage der Celler Chronik (Museumsverein Celle) erscheinen. 


Viele Grüße, 

Hendrik







Update - 24.03.2013









„Zusammenhänge der Auffindung von Massengräbern bei Wienhausen im Jahr 1947“ 

Forschungsarbeit 
zu den Ereignissen, die sich zwischen dem 06.04.1945 
und dem 08.04.1945 an der ehemaligen Bahnstrecke 
Gifhorn – Celle bei Bahnkilometer 30.8 zutrugen.




 Veröffentlicht auf www.found-places.blogspot.de


Erstellt von: 
Hendrik Altmann 
Email-Adresse: found-places@live.de 
Erstellungsdatum: 21.06.2012 
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved 



Einleitung 

Die Grausamkeit und der Terror des Dritten Reiches werden unmittelbar mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Verbindung gebracht, welche sich in den Konzentrationslagern (KZ) ereigneten. Damit verbunden „konzentriert“ sich ebenso auch die Betroffenheit und Fassungslosigkeit auf eben diese Orte, an denen Menschen systematisch zugrunde gerichtet wurden. 
  
 Ähnlich wie auch der Krieg, trugen sich diese Grausamkeiten jedoch nicht nur in der Ferne hinter verschlossenen Toren zu. Auf sogenannten Todesmärschen wurden gegen Ende des Krieges abertausende schwache und kranke Menschen auf unterschiedlichsten und umständlichsten Routen durch das Deutsche Reich geschickt. Währenddessen rückten Alliierte Truppen und die Rote Armee immer weiter auf deutschem Boden vor. 
Am 17.05.1947 erschien in der Deutschen Volkszeitung der Artikel „45 ermordete KZ Häftlinge.“Der Spiegel berichtete am folgenden Sonnabend – nur fünf Tage später von „Drei Gräbern bei Wienhausen“. 
1 Siehe Abbilung 1 
2 Vgl. Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8 

Bei den Toten handelte es sich um KZ Häftlinge aus dem KZ Mittelbau Dora bei Nordhausen, die sich auf einem Bahntransport in das KZ Bergen-Belsen befanden. Es wurden Menschen vergraben die während des Transportes starben aber auch noch lebende, schwache Menschen erschossen und im Wald verscharrt. Dies geschah nicht nur bei Wienhausen, sondern auch anderen Ortes. Nach dem Krieg wurden die Gräber bei Wienhausen entdeckt, Zeugen befragt und die Leichen exhumiert. Sie wurden auf den Celler Waldfriedhof überführt. Nach den Verantwortlichen wurde u.a. durch die Celler Kriminalpolizei gefahndet. Dazu wurden Überlebende des Transportes als Zeugen befragt. Verurteilt wurde für die Verbrechen dieses Transportes, wie bei so vielen Verfahren „gegen Unbekannt“ in der Nachkriegszeit, niemand. 

  

1954 wurde das Verfahren mit der Aktennotiz „weitere Ermittlungen zwecklos“eingestellt. Ohne jemals die genauen Umstände des Transportes untersucht/aufgeklärt zu haben geriet der Zusammenhang in Vergessenheit. Heute erinnern kein Stein, kein Wegkreuz und keine Tafel an die Opfer des Transportes, die bei Wienhausen ihre vorerst letze Ruhestätte fanden. 


 

Kaum jemand in der Klostergemeinde ist sich der Ereignisse bewusst. 

Verwunderlich erscheint dies nicht, da die Schatten des Krieges über dem Land lagen: es herrschte kaum eine Ordnung. Auch ist zu berücksichtigen, dass es weit verbreitet vorkam, dass Funktionäre des Nazi-Regimes untertauchten, oder sogar ihre bisherigen Posten weiter besetzten. Es herrschte ein allgemeiner Hang zur Verdrängung – niemand wollte gerne als „Nazi“ gelten und so wurde jede Verbindung zum Dritten Reich geleugnet. Die folgenden Generationen lernten, nach den Erlebnissen ihrer Eltern nicht zu fragen. Auch das erschwerte die Aufklärung der Naziverbrechen. 


 

Es soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein, Schuldzuweisungen zu machen. Vielmehr soll es um eine Vergangenheitsbewältigung gehen. Dabei stehen die aus heutiger Sicht belegbaren Fakten im Vordergrund. Ferner soll durch die logische Kombination eben dieser Fakten ein schlüssiges Gesamtbild der Zusammenhänge um die Auffindung der Massengräber bei Wienhausen entstehen. 

 An vielen Stellen werden absichtlich keine abschließenden Aussagen gemacht, denn es geht vielmehr darum die richtigen Fragen zu stellen.








Zeitungsausschnitt vom 17.05.1947, Deutsche Volkszeitung. 
Quelle: Stadtarchiv Celle. 
Hinweis: 
Später stellte sich heraus, dass der Zug aus dem KZ Mittelbau Dora stammte 



Bemerkung

Durch einen sachdienlichen Hinweis wurde ich im Sommer 2011 auf einen Spiegel-Artikel aufmerksam gemacht. Er trägt den Namen "Drei Gräber bei Wienhausen" und befasst sich mit der Auffindung von Massengräbern von KZ-Häftlingen bei Wienhausen.

Ich beschloss der Sache nachzugehen. Neben der Website des Spiegel war nur ein weiterer Blog zu finden, der sich mit diesem Artikel bereits auseinandergesetzt hatte - jedoch stellte sich schnell heraus, dass der Blog-Eintrag sehr unsauber recherchiert war und die Ereignisse auf eine Art und Weise schilderte, wie es eher zu einem Abendteuer-Roman gepasst hätte. Es handelte sich um eine unüberlegte Geschichtsverfälschung auf Kosten der tragischen Geschehnisse. Der Autor gestand dies nach kurzem Schriftwechsel ein und löschte den Beitrag.

Erst nach ausgiebiger Recherche im Celler Stadt- und Kreisarchiv, sowie dem Hauptstaatsarchiv Hannover, dem Bundesarchiv Berlin/Ludwigshafen und den Gedenkstätten Bergen-Belsen und Mittelbau Dora war es möglich die Ereignisse aufzuarbeiten.

Mithilfe von Zeugenaussagen, Ermittlungsprotokollen, Obduktionaunterlagen und Protokollen habe ich daraufhin eine umfangreiche Forschungsarbeit angefertigt. Sinn und Ziel war es dabei die Ereignisse anhand der Fakten in den Gesamtkontext einzuordnen. Es geht um die geschichtliche Aufklärung - um mehr nicht. Da sich dieser Aufsatz von den normalen Inhalten dieser Seite abhebt, soll er hier nicht nur "runtergeschrieben" werden.

Die komplette Forschungsarbeit ist als PDF-Download verfügbar.

Der Aufsatz ist unter folgenden Adressen abrufbar: 

1) Downloadlink 2) Downloadlink 

 


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Bei Fragen: found-places@live.de (E-Mail), Kommentare können unten auf dem Button "Add" hinzugefügt werden. 



Auffindung von Massengräbern bei Wienhausen im Jahr 1947



Am 24. Mai 1947 berichtete Der Spiegel“ über ein Geschehnis, an das sich ältere Wienhäuser vielleicht noch dunkel erinnern werden. An der ehemaligen Bahnstrecke Celle–Gifhorn wurden Mitte Mai 1947drei Massengräber entdeckt.

Bei den aufgefundenen Toten handelte es sich um Häftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen, die sich auf einem Zugtransport in das KZ Bergen-Belsen befanden. Es wurden Menschen vergraben, die an den Umständen des Transportes starben, schwache Häftlinge erschossen und im Wald verscharrt. Dies geschah nicht nur bei Wienhausen, sondern auch an anderen Orten. Nach dem Krieg entdeckte man die Gräber bei Wienhausen. Es wurden Zeugen befragt und Leichen exhumiert. Sie wurden auf den Celler Waldfriedhof überführt. Nach den Verantwortlichen wurde u.a. durch die Celler Kriminalpolizei gefahndet. Überlebende des Transportes sagten als Zeugen aus. Allerdings konnten, wie bei so vielen damaligen Verfahren „gegen Unbekannt“, die wahren Täter nicht ermittelt werden.



1954 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren mit der Aktennotiz „weitere Ermittlungen zwecklos“[1] ein. Ohne jemals die genauen Umstände des Transportes untersucht bzw. aufgeklärt zu haben geriet der Zusammenhang in Vergessenheit. Lange Zeit erinnerten kein Stein, kein Wegkreuz und keine Tafel an die Opfer des Transportes, die bei Wienhausen ihre vorerst letze Ruhestätte fanden. Erst 2012 – 66 Jahre später besteht die Möglichkeit neue Erkenntnisse vorzulegen und das Gedenken an die Opfer lebendig zu halten. 


Zeitungsausschnitt vom 17.05.1947, Deutsche Volkszeitung.

Quelle: Stadtarchiv Celle. Später stellte sich heraus, dass der Zug nicht aus dem Lager Groß Roosen, sondern aus Mittelbau-Dora stammte.



[1] Vgl. Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8.

Das KZ Mittelbau-Dora


Der Gründung des KZ Mittelbau-Dora ging die Entwicklung der „Vergeltungswaffe“ A4 in der Heeresanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom voraus[1]. Am 18. August 1943 führte ein schwerer Luftangriff dazu, dass die Raketenproduktion nicht auf Usedom weiter sicher betrieben werden konnte. Die Fertigung der später auch als „V2“ bekanntgewordenen Waffen zog daher in ein unterirdisches Treibstofflager der Wehrmacht im Kohnstein (bei Nordhausen in Thüringen). Zehn Tage nach der Bombardierung Peenemündes trafen die ersten Häftlinge aus dem KZ Buchenwald in der Region Nordhausen ein. Es entstand das Arbeitslager „Dora“, wie es von nun an bei der SS genannt wurde. Aufgabe der Häftlinge war es zum einen, in sogenannten „Baubrigaden“ die Stollensysteme weiter voranzutreiben. Es sollten neben der Raketenfertigung weitere rüstungsrelevante Betriebe, z.B. ein Werk zur Fertigung von Junkers-Flugzeugen, Untertage verlagert werden. Gleichzeitig wurden die KZ-Häftlinge in den schon fertigen Stollen zur Fertigung und der Montage von Rüstungsgütern eingesetzt.
Es konnte in der Anfangszeit nicht von einem geordneten Lager die Rede sein, denn die Häftlinge waren bis 1944 in sogenannten „Schlafstollen“ ohne sanitäre Einrichtungen untergebracht. Erst später kam ein Barackenlager hinzu. Der Ausbau der Raketenfabrik hatte Vorrang.Neben dem Stammlager Mittelbau existierten noch weitere Außenlager in der näheren Umgebung. So zählten Steinbrüche und andere Baustellen der Untertagebauvorhaben zum Außenbereich Mittelbau-Doras.Das Außenlager RottleberodeIn Rottleberode wurde ab Anfang 1944 ein Außenlager errichtet. Es unterstand zuerst direkt dem KZ Buchenwald. Das Lager beherbergte die Fertigung von Einzelteilen für die Produktion von Junkers-Flugzeugen (Ju 88 und Ju 188). Erster Kommandant war Heinrich Grabowski.[2] Er ist den Überlebenden als „korrekt“ in Erinnerung geblieben, zumal er willkürliche Bestrafungen am Arbeitsplatz verbot. [3] Nach Grabowski wurde die Kommandantur eine kurze Zeit durch den SS-Offizier Max Bendig übernommen. 

[1] Vgl. Website der Gedenkstätte Mittelbau-Dora[2] Blattmann: Die Todesmärsche 1944/45, S. 459.[3] Blattmann: Die Todesmärsche 1944/45, S. 459. 



Einschreiben zur Versetzung des Unterscharführers Max Bendig nach Buchenwald.[1]


[1] Quelle: KZ-Gedenkstätte Stutthof (in Polen)

Er war aber wohl nur für eineinhalb bis zwei Monate im Amt. Dann wurde Erhard Brauny Kommandant in Rottleberode.
Als Wachmannschaft für das Lager waren Soldaten der Luftwaffe aus Nordhausen herangezogen worden[1]. Im Lager selbst nahmen deutsche Häftlinge eine Vormachtstellung ein. So war der als „asozial“ eingestufte Häftling Walther Ulbricht ein wichtiger Funktionshäftling[2]Unter Brauny verschlechterten sich laut Aussagen von Überlebenden die Bedingungen im Lager extrem.


Das Außenlager Stampeda


Im August 1944 wurde in etwa 4,5 Kilometer Entfernung vom Lager Rottleberode das Lager Stampeda eingerichtet. Dort sollten weitere Bauvorhaben vorangetrieben werden. Stampeda war eines der am meisten gefürchteten Außenkommandos[3]. Zuständig war der SS-Unterscharführer Hermann Lamp. Er war einer der engsten Verbündeten von SS-Hauptscharführer Erhard Brauny. Die Ankunft von Lamp und Brauny markierte für viele Häftlinge eine Verschlechterung der Haftbedingungen. So wurden beispielsweise in Stampeda schwache Häftlinge in einem Tümpel mit eiskaltem Wasser ertränkt. Brauny verfügte regelmäßig, jüdische Häftlinge in das Lager Stampeda zu überstellen – in Kenntnis, dass diese dort zugrunde gerichtet wurden.

In der Literatur wird daher Lamp und Brauny erhebliche Schuld an den Zuständen und am Häftlingssterben in den Außenlagern Rottleberode und Stampeda zugeschrieben.


Das Häftlingsbordell

In den großen KZ wurden sogenannte Lagerbordelle bzw. Häftlingsbordelle eingerichtet. Das Bordell war meist Bestandteil der „Lagerkultur“ und stand wie z.B. die Bibliothek, das Kino und ähnliche Einrichtungen meist nur privilegierten Häftlingen zur Verfügung. Zur Arbeit in den Bordellen wurden Frauen gezwungen. Hierfür geeignete Frauen wurden speziell dazu ausgewählt. Das Lagerbordell unterstand meist einer strengen ärztlichen Überwachung, um die Ausbreitung von Krankheiten zu unterbinden. Juden wurden nicht für die Arbeit im Bordell ausgewählt – vermutlich, weil dies im Widerspruch zur nationalsozialistischen Ideologie stand.[4] Letztlich sind die Lagerbordelle als ein weiterer Bestandteil anzusehen, der zur menschlichen Erniedrigung der Häftlinge beitragen sollte. Es ist festzuhalten, dass die Transporte, auf denen sich Frauen aus dem Lagerbordell „Dora“ befanden, nach Bergen-Belsen fuhren[5].


Die Lage Ende März/Anfang April

Gegen Ende März 1945 standen britische, amerikanische und russische Truppen bereits auf dem Gebiet des Deutschen Reiches. Die amerikanischen Truppen rückten in Richtung Osten vor, sodass Anfang April 1945 das KZ Mittelbau-Dora evakuiert werden sollte. Als Ausweichlager bestanden noch Bergen-Belsen bei Celle, Neuengamme bei Hamburg und Sachsenhausen bei Oranienburg. Die Motivation, Zehntausende schwache und kranke Menschen durch halb Deutschland zu hetzen, kann man nicht rational begründen, denn gegen Ende des Krieges gab es kaum noch sichere Produktionsstätten, in denen ihre Arbeitskraft eingesetzt werden konnte. Mittelbau-Dora wurde ja gerade zum Zweck der Aufrechterhaltung der Produktion unter alliierten Bombardements eingerichtet. Eine „Verlagerung“ der Produktionskraft kommt als Grund für die Transporte nicht in Betracht. Die Lager waren nicht dazu angelegt worden, um derartige Transporte durchzuführen. Sonst wären gegen Ende des Krieges nicht fast alle bestehenden KZ derart überlastet gewesen. Die chaotischen Zustände innerhalb der Lager und die unsichere Nachrichtenlage führten häufig dazu, dass Transporte auf einen ungewissen Weg geschickt wurden.



Die Transporte


Die letzten Tage im KZ Mittelbau-Dora lassen sich nicht mehr einwandfrei rekonstruieren. Da die SS vor der Auflösung einzelner Lager Akten und Häftlingslisten zu großen Teilen vernichtet hat, lässt es sich aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehen, welche Personen wohin evakuiert wurden. So stützen sich die folgenden Darstellungen vor allem auf Zeugenaussagen von Opfern und nicht direkt beteiligter Personen. Nur selten kann auf Aussagen beteiligter Personen zurückgegriffen werden. Es lassen sich jedoch einige Transporte voneinander abgrenzen, sodass sich letztendlich ein plausibles Gesamtbild ergibt.

Im Folgenden sollen zwei Transporte, die auf Zügen durch Wienhausen geleitet wurden und die nachweislich für Bergen-Belsen bestimmt waren, erläutert werden.
Beide Transporte stammten aus unterschiedlichen Ausgangslagern. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Verwechslungen der beiden Transporte.


Transport „Salzgitter (Drütte)–Bergen-Belsen



Es findet sich in umfangreichem Maße Literatur zu den Ereignissen des 8. April 1945 in Celle. Am 7. April wurde ein Außenlager des KZ Neuengamme bei Salzgitter (Drütte) evakuiert. Zusammen mit Häftlingen aus den Außenlagern Salzgitter Bad und Holzen wurden sie in 50 bis 55 offenen Güterwagen abtransportiert[6]. Einige Quellen berichten, das Ziel des Transportes sei Neuengamme bei Hamburg gewesen. Andere geben Bergen-Belsen als Ziel an. Erwiesen ist, dass der Zug am 8. April 1945 den Celler Güterbahnhof erreichte. Aufgrund der Bedrohung durch Luftangriffe fuhr der Zug über Gifhorn, Müden (Aller) und Wienhausen. Die eingleisige Bahnstrecke existiert heute nicht mehr. Der Bahnhofsvorsteher in Wienhausen soll veranlasst haben, dass der Zug noch am 8. April 1945 umgehend nach Celle weitergeleitet wurde[7], da Celle bis dahin weitgehend von Luftangriffen verschont geblieben war[8]. Augenzeugen sahen am Mittag zwei lange Güterzüge den Ort Bockelskamp in Richtung Celle passieren, wobei von weither Gewehrschüsse zu hören waren[9].

In Celle angekommen, wurde der Zug im Güterbahnhof abgestellt. Neben dem Zug stand ein Personenzug der Wehrmacht, in dem auch Geräte, Waffen und Munition transportiert wurden[10]. Der Transportzug der Häftlinge wartete auf eine neue Lokomotive. Unvorbereitet wurde Celle an diesem Nachmittag durch einen Angriff von 132 amerikanischen B-26 Bombern getroffen. Die Flugzeuge warfen in drei Wellen eine Bombenlast von etwa 240 Tonnen Sprengbomben auf den Bahnhofsbereich ab. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Allerbrücke das Ziel des Luftangriffs war. Neue Forschungen ergaben, dass das Ziel höchstwahrscheinlich der Güterbahnhof war.[11] Der Häftlingszug wurde direkt getroffen. In den folgenden Stunden herrschte Chaos in Celle. Diejenigen Häftlinge, die fliehen konnten, wurden kurz darauf durch SS, SA und auch durch Zivilisten verfolgt. Dabei wurden viele von ihnen erschossen oder misshandelt. Dieses als sogenannte „Celler Hasenjagd“ in die Geschichte eingegangene Massaker soll an dieser Stelle nicht weiter beleuchtet werden[12].
Laut Auskunft der Gedenkstätte Bergen-Belsen gelangten Zugtransporte nach Bergen-Belsen über Soltau und Beckedorf. Dies scheint plausibel, wenn man bedenkt, dass Bergen bis heute nur über das Streckennetz der OHE mit dem Zug erreichbar ist. Damals wurde das Schienennetz von der Reichsbahn genutzt:
„Im Februar 1936 wurde diskutiert, ob das Lager Bergen-Belsen von der Kleinbahn angeschlossen werden sollte. Man entschied sich für die Kleinbahn und noch im Lauf des Jahres 1937 konnten der Bahnhof Bergen Lagerbahnhof und die ins Lager führenden Gleisanlagen in Betrieb genommen werden. 1938 fuhren 490 durchgehende Züge der Reichsbahn zum Lagerbahnhof. Das an den Bahnhof anschließende Lager war ein Kasernengelände der Wehrmacht. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen, welches 1943 aus einem bei Kriegsbeginn eingerichteten Gefangenenlager hervorging, lag etwa 5 km weiter südlich und verfügte über keinen direkten Gleisanschluss. Dennoch endeten die späteren Massentransporte zum KZ vermutlich im Lagerbahnhof, so dass die restliche Wegstrecke zu Fuß zurückzulegen war.“[13]



[1] Hierzu findet sich der Nachweis in: 1) einer Aussage von Bernhard Vorm-Brocke am 15.3.1970, AR-Z: 192/72 sowie 2) in Willy Mirbachs autobiografischen Bericht eines Luftwaffesoldaten im KZ Mittelbau.
[2] Er sagte später im Dachauer Prozess aus und war seinerseits angeklagt.
[3] Benz, Distel: Ort des Terrors. S. 335.
[4] Laut herrschender Meinung in der Fachliteratur.
[5] Vgl. R. Sommer: Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. S. 160
[6] Rohde/Wegener: Celle im Nationalsozialismus – ein zeitgeschichtlicher Stadtführer. S. 142
[7] Siehe u.a. auf der Website „Celle im Nationalsozialismus – Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ-Häftlinge aus Drütte – April 1945“.
[8] Es hatte bis zu diesem Zeitpunkt bereits Angriffe auf die Ölwerke in Nienhagen gegeben. Außerdem war bereits am 22.2.1945 der Celler Güterbahnhof Ziel eines Bombesangriffes, bei dem ein ungarischer Truppentransport für die Panzertruppenschule in Bergen-Belsen getroffen wurde. Die Toten sind ebenfalls auf dem Waldfriedhof bestattet. Außerdem fand am 4. April auf Rheinmetall in Unterlüß ein großer Angriff statt, bei dem ein Teil der Munitionsfabrik zerstört wurde.
[9] H. Fueß: Die Hannah Fueß Berichte – Zeugenbefragungen 1947-1948 (zu finden im Kreisarchiv Celle).
[10] Siehe u.a. auf der Website „Celle im Nationalsozialismus – Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ Häftlinge aus Drütte – April 1945“
[11] Strebel, 2000, Celle April 1945 revisited., S. 46–48.
[12] Es sei auf die umfangreiche Literatur verwiesen: Siehe u.a. auf der Website „Celle im Nationalsozialismus – Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ-Häftlinge aus Drütte – April 1945“.
[13] I. Hütter, T. Bretschneider, W. Uhl, L. Kasper, Verlag Kenning, 1997, „Vom Kleinbahnnetz zu den Osthannoverschen Eisenbahnen.“
Streckennetz der OHE. Die Strecke von Celle nach Bergen-Belsen ist farblich markiert.


Schrägflugbild des Celler Güterbahnhofs nach dem Luftangriff.

Quelle: Deutsche Luftbilddatenbank.

Am 11. April 1945 spät nachts wurden wichtige Brücken über die Aller, u.a. die Pfennigbrücke und die Eisenbahnbrücke gesprengt. Am 12. April 1945 marschierte die britische Armee in Celle ein. Somit waren alle Zugverbindungen von Hannover nach Norden ab der Nacht vom 11. April auf den 12. April nicht mehr passierbar.


 

Bild: Fotografie des Personenbahnhofs nach dem Bombenangriff.[1]


[1] Quelle: Thomas Kallwitz, Drehscheibe-Forum.



der Celler Güterbahnhof 1925.[1]

Bei einem Vergleich der Anzahl an Gleissträngen in Abbildung 2 und Abbildung 4 fällt auf, dass die Anschlussgleise aus Richtung Gifhorn (Strecke Wienhausen) und nahezu alle parallelen Gleise zerstört gewesen sein mussten.



[1] Quelle: Katasteramt Celle.
Züge, die nach dem 8. April 1945 in Richtung Bergen-Belsen und Neuengamme fuhren, können Wienhausen nicht passiert haben, da sie spätestens in Celle nicht mehr weitergekommen wären. Dies grenzt die Auswahl der infrage kommenden Transporte jedoch nur sehr grob ein.

Transport „Mittelbau (Dora)–Bergen-Belsen“-Ende in Gardelegen


Erwiesen ist, dass das Lager Rottleberode am 4. April 1945 zusammen mit weiteren Außenlagern (Stampeda, Ilfeld) evakuiert wurde. Erhard Brauny und Hermann Lamp führten dabei jeweils eine Gruppe Häftlinge aus den Lagern. Während Brauny den Bahnhof in Niedersachsenwerfen (etwa. 15 Kilometer Fußmarsch von Rottleberode) ansteuerte, ließ Lamp seine Gruppe, die aus weit mehr Häftlingen bestand, über den Harz marschieren. Sein Transport erreichte am 16. April nach zwölf Tagen Fußmarsch das KZ Sachsenhausen[1].

Brauny, der von der Marschroute Lamps offenbar nichts wusste, fuhr mit seinem Transport am 6. April 1945 gegen Mittag aus dem Bahnhof in Niedersachsenwerfen Richtung Osterode ab[2]. Ursprüngliches Ziel war das KZ Bergen-Belsen bzw. Neuengamme, jedoch erhielt Brauny am 8. April 1945 die Nachricht, dass die Strecke Hannover-Hamburg aufgrund der „Frontlage“ nicht passierbar sei[3]. Vermutlich war der zerstörte Gleiskörper bei Celle die Ursache. Das Ziel soll dann Oranienburg gewesen sein. Es wird vermutet, Brauny habe vielleicht vorab eine Absprache mit Lamp getroffen, im Notfall das KZ Sachsenhausen anzusteuern. Der Zug wurde unterwegs mehrfach durch Kampfflugzeuge angegriffen. In den darauffolgenden Verfolgungsjagden starben etliche Häftlinge, die in Massengräbern entlang der Bahnkörper verscharrt wurden. Der Transport Braunys erreichte auf Umwegen über Nebenstrecken[4] am 9. April die Ortschaft Mieste (Altmark). Etwa zehn Kilometer hinter Mieste war eine Weiterfahrt aufgrund der durch einen Luftangriff zerstörten Gleise nicht möglich. Nachdem der Transport zu Fuß die Stadt Gardelegen erreicht hatte und der Weitermarsch der völlig entkräfteten Häftlinge unmöglich schien, wurden am 13. April 1945 etwa 1.000 Häftlinge in die Isenschnibber Feldscheune gebracht[5]. SS-, Volkssturm- und Wehrmachtsangehörige schlossen die Häftlinge ein und zündeten die Scheune an. Diejenigen, die sich unter den Türen hindurch freigruben, wurden erschossen. Der Großteil der Häftlinge verbrannte bzw. erstickte.



[1] Blattmann, 2011, S. 473.
[2] Brauny sagte später im Dachauer Prozess aus, er hätte die Ankunft Lamps in Niedersachsenerfen erwartet. Als dieser nicht ankam, fuhr er selber mit einem Fahrrad zum Lager zurück, konnte Lamp aber nirgends finden. Lamp war zu diesem Zeitpunkt schon mit den Häftlingen unterwegs.
[3] Blattmann, 2011, S. 478.
[4] Vermutlich Helmstedt.
[5] Benz, Distel, S. 330.


 

Isenschnibber Feldscheune nach dem Massaker.[1]


[1] 405th Regiment, 102nd Division, 2nd Battalion der US Army: http://www.scrapbookpages.com/Gardelegen/Massacre.html


Der Halt bei Wienhausen…


Der Transport, den Erhard Brauny leitete, ist somit nicht nach Wienhausen gelangt.

An dieser Stelle sei erneut auf den am 24. Mai 1947 erschienenen Artikel des „Spiegel“ verwiesen. Laut dem Artikel zeigte Irma Schulte den Kriminalbeamten die Stelle, an der sich die Gräber befunden hatten[1]. Sie war eine der wenigen Frauen, die den Transport miterlebt und später als Zeugin ausgesagt hatten. Leider verfügt die Redaktion des „Spiegel“ heute über keinerlei Unterlagen aus der Zeit, in der der Artikel verfasst wurde[2]. Der Artikel sagt, über Irma Schulte aus, sie habe im Häftlingsbordell in Auschwitz arbeiten müssen. Später sei ein Bordell auch in anderen Lagern– beispielsweise im KZ Mittelbau und im KZ Bergen-Belsen etabliert worden. Da Irma Schulte als eine der wenigen Frauen Deutsche war, lassen sich ihre Aufenthalte anhand von Lagerlisten recht gut eingrenzen.
Im Hauptstaatsarchiv in Hannover befinden sich die originalen Ermittlungsunterlagen zu jenem Transport, der Ende März/Anfang April aus dem KZ Mittelbau nach Bergen-Belsen fuhr und bei Wienhausen hielt[3]. In Robert Sommers Werk „Das KZ-Bordell - Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“ finden sich Informationen, wonach ein Teil der im KZ Mittelbau zur sexuellen Ausbeutung genötigten Frauen Anfang April nach Bergen-Belsen gebracht wurden[4]. Demnach gelangten im Februar 1945 laut Überstellliste sieben deutsche Frauen aus dem KZ Auschwitz nach Mittelbau Dora. Sie waren schon in Auschwitz im Lagerbordell tätig. Da die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen vermieden werden sollte, wurden die Frauen von den anderen Häftlingen getrennt. Es arbeiteten immer dieselben Frauen im Lagerbordell, sodass die sieben aus Auschwitz überstellten deutschen Frauen ebenfalls im KZ Mittelbau ins Bordell integriert wurden. Als Ende März ein weiterer Transport mit Frauen für das Lagerbordell in Mittelbau eintraf, wurden diese zunächst unter Quarantäne gestellt und dann in einem „Schichtsystem“ eingesetzt[5]. Kontakt zwischen den schon länger im KZ befindlichen Frauen und den „Neuankömmlingen“ gab es laut Zeugenaussagen nicht. Die Frauen des ersten Transportes wurden vermutlich nach Bergen-Belsen gebracht.
Die Frauen des zweiten Transportes verließen das KZ am 5. April 1945 in Richtung Bergen-Belsen[6]. Unterwegs wurde der zweite Zug durch einen Luftangriff an der Weiterfahrt gehindert. Vielen Frauen gelang dabei die Flucht, da sie zivile Kleidung tragen durften[7]. Schließlich gelangte der Zug nach Bergen-Belsen-welche Route er genommen hat, ist unklar.
Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei dem Transport, in dessen Verlauf sich der Halt bei Wienhausen zutrug, um jenen ersten Zug, der Anfang April das KZ Mittelbau verließ und in dem sich die Frauen der „ersten Schicht“ des Lagerbordells im KZ Mittelbau befanden. Dies wäre ebenfalls zeitlich plausibel, denn auch wenn die genaue Route dieses Zuges bis Gifhorn unbekannt ist, hat er sich zumindest zwischen dem 6. April und 8. April auf der Strecke bei Wienhausen befunden.
In die Ereignisse um den Zugstopp bei Wienhausen reiht sich auch noch ein anderes Geschehen ein. Heinrich Friedebold aus Wienhausen erinnerte sich noch 2012: Kurz bevor die besagten Züge nahten, wurde ein Personenzug von alliierten Tieffliegern beschossen. Im Bereich der Stelle finden sich noch heute auf den Feldern Projektile.
Weiter erinnerte sich Friedebold, dass ebenfalls der KZ-Transport durch Tiefflieger angegriffen worden sei: „Die Soldaten haben auf die flüchtenden Häftlinge das Feuer eröffnet (…)“. Allerdings war die Gegend militärisch abgeriegelt–so konnte niemand sehen, was dort vor sich ging. Wurde der Zug bei Wienhausen durch amerikanische oder britische Tiefflieger angegriffen?


Die Zeugenaussagen



Zu den Ereignissen bei Wienhausen wurden im Wesentlichen vier Zeugen vernommen[8]. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass nach einem Transport von sicherlich mehreren hundert Menschen nur so wenige Zeugen aussagten, denn es handelte sich auf diesem Transport überwiegend um ausländische Häftlinge, die nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen zeitnah in ihre Heimat zurückkehrten[9]Die Aussagen der Zeugen stimmen in vielen Punkten nicht überein so gibt es unterschiedliche Aussagen zur Verpflegung, Dauer und Route.
Wichtige Übereinstimmungen gibt es jedoch auch[10]: Alle Zeugen benannten als Halt einen Ort vor Celle–bzw. nannten direkt Wienhausen. Auch sagten die Häftlinge aus ihr Transport sei durch Celle gefahren. Als Begleitpersonal benannten die Zeugen die Mannschaften der Luftwaffe und der SS aus Nordhausen. Die Namen der mutmaßlichen Täter sowie ihre Dienstgrade stimmen in fast allen Aussagen überein. Auch das brutale Vorgehen der Bewacher wird von allen Befragten ähnlich geschildert.
Laut der Aussagen hielt der Zug unterwegs mehrmals an[11]. Er soll einen gesonderten Wagen für die Leichen von verstorbenen Häftlingen mitgeführt haben[12]. Die Leichenbestattungen erfoltgen demnach meist in Waldstücken und auch an Äckern. Keiner konnte bestätigen, dass bei Wienhausen Häftlinge erschossen wurden. Jedoch sagten alle aus, dass beim Halt in Wienhausen ebenfalls Schüsse gefallen seien. Laut der Aussage des Zeugen B waren zwei der bei Wienhausen bestatteten Leichen blutverschmiert.[13] Der Zeuge B will auch beobachtet haben, wie zwei Mal ermattete Häftlinge von der Bewachungsmannschaft erschossen wurden. In den Zeugenaussagen werden namentlich der Transportleiter (ein SS-Oberscharführer F. ), eine SS Aufseherin (L. C.) sowie weitere SS-Ober- und Hauptscharführer belastet[14]. Der Zeuge C. konnte recht detaillierte Angaben zu den einzelnen Beschuldigten machen[15]. Auffällig ist, dass alle Zeugen den SS-Oberscharführer F, der den Transport leitete, beschuldigten, Häftlinge erschossen zu haben. So hat der Zeuge C gesehen, wie jener SS-Oberscharführer angeblich bei Walsrode Häftlinge erschoss[16]. Inwiefern dies in die Transportroute passt, ist unklar. Da der Transport auf Nebenstrecken auch nachts fuhr, ist es nahezu unmöglich, dass die Häftlinge genau wussten, wo sie sich gerade befanden. Im Vordergrund steht daher somit der sachliche Tatvorwurf gegen den benannten SS-Oberscharführer F.
Die Recherchen zu den einzelnen Personen haben ergeben, dass die Genannten tatsächlich im Zusammenhang mit derartigen Verbrechen gestanden haben. Dank der Mithilfe der KZ-Gedenkstätte Stutthof (Polen) konnten Schriftstücke gesichtet werden, die den Werdegang des SS-Unterscharführers Max Bendig belegen. Auch war es möglich über das Bundesarchiv die Daten des mutmaßlichen Transportleiters (SS-Oberscharführer F) und von Teilen des Begleitpersonals (z.B. der Aufseherin L. C.) zu recherchieren. F. stammte vermutlich aus Köln. Es gibt Hinweise darauf, dass F. zuvor im KZ Flossenbürg eingesetzt war und später nach Mittelbau Dora kam. Dort taucht sein Name unter den Rapportführern des Lagers auf[17]. Gegen F. wurde im Zusammenhang mit den Verbrechen im KZ Mittelbau-Dora ermittelt: „murder and other crimes, in civil life a musician, 1943-1945 Dora Camp?“ (Mord und andere Verbrechen, im zivilen Leben ein Musiker, 1943 bis 1945 KZ Mittelbau-Dora?)[18]. F. verstarb 1990 – die Ermittlungen wurden damit eingestellt.


„Diese völlig ermatteten Menschen, die sehr bald verstorben wären, hat der Oberscharführer F.mit dem Karabiner erschossen. Er schoss, wohin er traf. Es ist also nicht so, dass diese Personen durch Kopfschuss von ihm getötet wurden“ Zeugenaussage D.

In der Aussage eines polnischen Häftlings aus Auschwitz taucht der Name einer der beschuldigten SS-Aufseherinnen in Zusammenhang zu den Lagerbordellen auf.


Laut Aussage der Zeugen handelte es sich bei dem übrigen Begleitpersonal um Angehörige der Luftwaffe aus der Boelcke-Kaserne Nordhausen, die in der Nähe des KZ Mittelbau lag. Dies erscheint sehr plausibel, zumal auch Soldaten der Luftwaffe auf dem Transport, den Erhard Brauny leitete, als Begleitmannschaften eingesetzt wurden. Der Zeuge C sagte aus, dass die Begleitmannschaften der Luftwaffe sofort nach der Ankunft in Bergen-Belsen wieder im Kampf eingesetzt worden seien.

Keiner der Beschuldigten musste sich für Verbrechen auf diesem Transport vor Gericht verantworten.




[1] Siehe: Der Spiegel: Drei Gräber bei Wienhausen, 24. Mai 1947.
[2] Eine Anfrage an die Pressestelle wurde entsprechend ausführlich beantwortet.
[3] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Akte Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8
[4] Robert Sommer, 2009, Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, S. 256.  
[5] Vgl. Robert Sommer: Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. S. 156f. Die Zeugenaussage stammt von einer ebenfalls im Bordell beschäftigten Frau, die mit dem zweiten Transport angekommen war.
[6] Dies spricht ebenfalls dafür, dass auch der erste Transport nach Bergen-Belsen erfolgte, zumal andere KZ verbindungstechnisch nicht mehr erreichbar waren.
[7] R. Sommer 2009,  Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. S. 160.
[8] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Akte Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8. Eine Abschrift ausgewählter Zeugenaussagen befindet sich unter Anhang 2, jedoch wurden alle Namen anonymisiert.

[9] Nach Aussagen der Zeugen befanden sich vor allem Juden – darunter viele Russen, Polen, Ukrainer auf dem Transport.
[10] Da der Zeuge keine sachdienlichen Hinweise geben konnte, bezieht sich im Folgenden „alle Zeugen“ auf die restlichen verbleibenden Zeugen und.
[11]Danach soll es zu drei bis acht Aufenthalten gekommen sein. Eine genaue Anzahl wird nicht genannt, denn hier weichen die Aussagen voneinander ab.
[12] Siehe Anhang Aussage B.
[13] Die Namen der Zeugen sind anonymisiert. Die Buchstaben sind nach dem Alphabet genannt.
[14] Die Namen werden aus Datenschutzgründen hier nicht genannt.
[15] Diese Angaben wurden im Anhang aus Datenschutzgründen weggelassen.
[16] Siehe Anhang: Zeugenaussage C.
[17] Wagner, 2007, Produktion des Todes – Das KZ Mittelbau-Dora. Anlage 8.
[18] Siehe UNWCC-Listen, Auskunft durch das Bundesarchiv.


Die spätere gerichtsmedizinische Untersuchung konnte nur wenig über die Identität der Opfer feststellen. Die Leichen waren stark verwest und die gestreifte Häftlingskleidung nur noch teilweise erhalten[1]. Gegenstände, die die Häftlinge bei sich trugen, waren unter anderem Löffel, Lagergeld aus dem KZ Mittelbau sowie einfache Kleidungsstücke wie selbstgefertigte Westen. Ein Häftling trug einen selbst gemachten Rosenkranz bei sich. Da die Lagernummern-anhand derer die Häftlinge identifizierbar gewesen wären, -ebenfalls aus Stoff bestanden, konnten sie nicht mehr entziffert werden. Lediglich eine Nummer wurde explizit in den Protokollen aufgeführt, da sie noch lesbar war[2]Die Leichen der Häftlinge wurden am 17. Mai 1947 auf den Waldfriedhof in Celle bestattet[3]. Heinrich Brück aus Wienhausen erinnert sich: Als er Kühe in Richtung Nonnenbusch (Waldstück zwischen Wienhausen und Sandlingen) trieb, sah er die Leichenexhumierung. Gefängnisinsassen aus Celle mussten die Leichen der KZ-Häftlinge in Holzkisten legen.


Der Ort


Wie eingangs festgestellt, werden die Verbrechen im III. Reich häufig auf die Arbeits- und Konzentrationslager reduziert. Das mag vor allem daran liegen, dass viele Menschen einen konkreten Ort brauchen, den Sie mit derartigen Ereignissen in Verbindung bringen können. Der hier beschriebene Ort der Gewalt gegen im Reich „unerwünschte“ Menschen befindet sich direkt hinter der letzten Hausreihe der heutigen Klostergemeinde Wienhausen.

Die Lage der Massengräber ist in den Zeugenaussagen, den Ermittlungsunterlagen und den Obduktionsunterlagen wie folgt beschrieben:
·      500 bis 700 Meter vom ehemaligen Bahnhof Wienhausen entfernt
·      Zwischen Bahnkilometer 30.7 und 30.8 und der Straße nach Sandlingen gelegen
·      An der Kreuzung zweier Radwege aufgefunden
·      In einer Tannenschonung laut dem Zeugen B gelegen
·      Auf dem Brandschutzstreifen links des Bahnkörpers aus Richtung Gifhorn gesehen gefunden.
Die Unterlagen geben somit klaren Aufschluss darau, dass sich die Gräber am ehemaligen Bahnübergang des Weges von Wienhausen nach Sandlingen befanden.


[1] Siehe Anhang 3 und 4.
[2] Siehe Anhang 3.
[3] Siehe Grabnummern in Anhang 3 und 4


Bild: Kreuzung des Sandlinger Weges und der ehem. Bahnlinie bei Wienhausen. Quelle: Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung (LGLN). 


Bild: Kreuzung des Sandlinger Weges und der ehem. Bahnlinie bei Wienhausen. Quelle: Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung (LGLN). 


Bild: Weg zw. Wienhausen und Sandlingen an der Stelle. 


 Bild: ehem. Bahnlinie Celle - Gifhorn. 


Das amerikanische Luftbild vom 31. April 1944 zeigt an jener Stelle eine freie, recht sandige Fläche[1]. Der Baumbewuchs rund um den Ort war zu dieser Zeit weniger stark ausgeprägt als heute. Schon im Jahr 1947 waren die Gräber kaum noch auffindbar. Da die Bahnstrecke zurückgebaut wurde und nur stellenweise als Rad- bzw. Reitweg genutzt wird, wird es zunehmend schwerer, die Stelle zu identifizieren.


Fazit und Zusammenfassung


Es ist für uns unbegreiflich, welche Qualen die Menschen auf ihrer unfreiwilligen Reise im Jahr 1945 erleiden mussten. Bis heute werden nach Auskunft der Gedenkstätte Mittelbau-Dora noch Massengräber vermisst. Nach den Zeugenaussagen befanden sich die Gräber meist in Wäldern. In Waldstücken war der Zug sicherlich zumindest in einem gewissen Maße vor Luftangriffen sicher. Da Wälder aber nicht wie Ackerland „tief“ gepflügt werden, besteht wenig Hoffnung, ohne zumindest grobe Ortsangaben Gräber zu finden.

Es ist in der Betrachtung wichtig, drei Zugtransporte voneinander abzugrenzen. Grund dafür ist, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu Verwechselungen kam. Vor allem der Transport aus einem Außenlager von Neuengamme bei Salzgitter Drütte, der am 8. April 1945 auf dem Celler Güterbahnhof durch amerikanische Bomben getroffen wurde, wurde häufig mit dem aus dem KZ Mittelbau-Dora stammenden Zug verwechselt.
Warum die Zivilbevölkerung nichts von den Ereignissen mitbekam, erscheint aus heutiger Sicht schwer vorstellbar. Ob die Bevölkerung von den Zuständen in den Konzentrationslagern wusste bzw. überhaupt wissen konnte, sei dahingestellt. In Bezug auf die Kenntnis der Transportzüge, die die Bahnstrecke bei Wienhausen benutzten, gilt es, weitere Umstände zu berücksichtigen. Auf dem bereits erwähnten amerikanischen Luftbild ist erkennbar, dass zwischen dem Wald und der alten Ortsgrenzen Wienhausens noch ausgedehnte Felder lagen. Der Wald war somit weiter vom Ortszentrum entfernt als heute-anders als in Bockelskamp lag die Bahnstrecke daher weiter außerhalb des Ortes. Der Weg nach Sandlingen war zudem wie noch heute nur ein Waldweg. Zeugenaussagen aus Schwachhausen bei Wienhausen belegen, dass in den letzten Kriegstagen das Langlinger Holz nicht ohne Erlaubnis betreten werden durfte[2]. Das Langlinger Holz geht in den Wald bei Wienhausen und den Klosterforst über. Da in Wienhausen Kampfhandlungen wegen der Brücke über die Aller nicht ausgeschlossen werden konnten, ist von großer Angst und Vorsicht der Bevölkerung auszugehen. Trotzdem zeigen die Zeugenaussagen aus Bockelskamp, dass die Zivilbevölkerung zumindest gewusst haben könnte, was für Züge dort unterwegs waren. Gewehrschüsse, Tausende von Häftlingen in gestreifter Kleidung und offene Güterwagen deuten zumindest darauf hin, dass seitens der Begleitmannschaften keine Notwendigkeit gesehen wurde, die Transporte vor der eigenen Bevölkerung geheimzuhalten. Die Wachmannschaften hatten ohnehin andere Sorgen: sie hatten ständig mit alliierten Luftangriffen auf die Züge zu rechnen. Selbst große Waldgebiete stellten meist nur eine unzureichende Deckung dar.
Das wesentliche Problem seitens der Bevölkerung war, dass die Menschen zu jener Zeit zu wenig hinterfragt haben, was sich um sie herum abspielte. Viele wussten von dem Lager Bergen-Belsen.[3] Jedoch war es zur damaligenZeit nicht ungewöhnlich, dass Häftlinge zum Arbeitsdienst gezwungen wurden. Viele akzeptierten, dass keine Fragen nach dem zu stellen waren, was sich hinter den Lagerzäunen abspielte.
Diesem Aufsatz wurden die Ermittlungsunterlagen aus dem Jahr 1947 zugrunde gelegt.[4] Über Gedenkstätten und Archive ließen sich–anders als im Jahr 1947-auch die Namen der Beschuldigten recherchieren. Wie sollte mit diesen Erkenntnissen umgegangen werden? Sinn dieser Arbeit ist es nicht anzuklagen. Dennoch hat die heutige Generation nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht die Ereignisse kritisch zu hinterfragen. Für mich steht dabei fest, dass man keinesfalls von einer Verknüpfung zwischen den Massengräbern und dem Ort Wienhausen ausgehen sollte. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass Wienhausen vorsätzlich als Halt des Zuges ausgewählt wurde. Vielmehr muss beachtet werden, dass die Umstände die Begleitmannschaft dazu bewegten den Zug bei Wienhausen halten zu lassen. Nur wenige Tage später erreichte das 333. und 335. U.S. Regiment die Ortschaft. Der Bevölkerung wartete quasi auf die Ankunft der alliierten Truppen. Sicherlich wollte in dieser Situation niemand ausgedehnte Waldspaziergänge machen!
Der Fundort der Gräber vorgefunden wurden, liegt an einem zugänglichen Platz und an einem Weg, der heute oft von Spaziergängern, Radfahrern und Joggern genutzt wird. Vor diesem Hintergrund sollte man der Geschichte hier mit Respekt begegnen. Es liegt in den Händen der Gemeinde vor Ort an die Geschehnisse zu erinnern.



[1] Aufgrund von Veröffentlichungsrechten kann das betreffende Luftbild nicht mit in die Arbeit eingebunden werden.
[2] Die Aussage stammt von H. K., die den Krieg als Jugendliche erlebte. Ihr zufolge durften auch Bauern, die dort Felder hatten das Langlinger Holz in den letzten Tagen des Krieges nur mit einer speziellen Erlaubnis betreten.
[3] Hinweis: das belegen Zeugenbefragungen aus Schwachhausen.
[4] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Akte Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8.


Literaturverzeichnis

Hauptstaatsarchiv Hannover: Akte Nds. Lüneburg Acc. 153a/82 Nr. 8, Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Stadtarchiv Celle, Exhumierungsliste und Umbettungsprotokolle.

Blattman, Daniel: Die Todesmärsche 1944/45 – das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Reinbek 2011.

Spiegel, Drei Gräber bei Wienhausen, 24. Mai 1947 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41122551.html).  

Fueß, Hanna: Die Hanna Fueß Berichte – Zeugenbefragungen 1947-1948, Kreisarchiv Celle.

Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen, Niedersachsenviewer 2011.

Rohde, Reinhard, Wegener, Tim: Celle im Nationalsozialismus – ein zeitgeschichtlicher Stadtführer,  Bielefeld 2012.

Sommer, Robert, Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Paderborn 2009.

Strebel, Bernhard,. Celle April 1945 revisited, Bielefeld 2008.

US-Chronik: http://www.scrapbookpages.com/Gardelegen/Massacre.html
Wagner, J-C.: Produktion des Todes – Das KZ Mittelbau Dora. Göttingen, 2001.

Website der Gedenkstätte Mittelbau Dora: www.Dora.de

Willy Mirbach „Damit du es später deinem Sohn erzählen kannst…“ Der autobiografische Bericht eines Luftwaffesoldaten im KZ Mittelbau (August 1944 – Juli 1945), Geldern, 1997, S. 95 bis 96.

Benz, Wolfgang; Distel, Barbara (Hrsg.): Der Ort des Terrors Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslagers. Bd. 7: Wewelsburg, Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch/Vught, Bergen-Belsen, Dora-Mittelbau. München: C.H. Beck Verlag 2008.


Anhang


Ausschnitte - Zeugenaussagen:



Zeugenaussage: A.

(...)
Anmerkung:
Der Zeuge A. konnte weder den Tathergang schildern, noch Ortsangaben bestätigen/Namen nennen, die in den folgenden Ermittlungen genutzt wurden. Er konnte lediglich bestätigen in dem betreffenden Transport gewesen zu sein und ebenso konnte er den Umgang der SS mit den Häftlingen bestätigen.


Zeugenaussage B.

1939 kam ich wegen Verbindung mit polnischen Geheimfliegern in das KZ Ravensbrück. Von dort wurde ich in das Lager Auschwitz und später in das Lager Dora bei Nordhausen überführt. Der letzte Transport dem ich angehörte, verließ das Lager Dora als letzter Ende März oder Anfang April 1945, als die amerikanischen Truppen sich dem Lager näherten. Der Transport war 8 bis 10 Tage unterwegs und berührte die Orte Rothenburg, Hastberg, möglicherweise aus Leipzig. Weitere Orte sind mir nicht bekannt.
Als Verpflegung für die ganze Transportdauer bekamen (…) Frauen eine Wehrmachtsbüchse Schweinefleisch mit und außerdem erhielten immer 3 Frauen ein Kommisbrot – ein Gewicht von 4-5pfd. Während der Fahr wurde weitere Verpflegung nicht empfangen. Ich weiß mit Sicherheit, dass der Transport, dem ich angehörte, auch den Ort Wienhausen bei Celle berührt hat. Auf der Strecke Gifhorn – Wienhausen und zwar in dem Waldstück in dem jetzt das Massengrab gefunden wurde, hat der Transport etwa 2 bis 2 1/2 Stunden gehalten. Wasser haben wir unterwegs nicht erhalten.
In dem Zuge befand sich ein besonderer Waggon, in dem die Leichen niedergelegt wurden. Jedes Mal, wenn der Zug hielt, wurden die Leichen bestattet. Während der ganzen Fahrt sind etwa 6 - 8 Mal Leichenbestattungen vorgekommen. Sie erfolgten meist in Waldstücken, 1-2 Mal auch an einem Ackerstück in der Nähe von Gebüschen.
Mir ist nicht bekannt, ob von den Leichen die im Massengrab bei Wienhausen gefunden wurden, welche durch Mord geendet sind. Im Transport wurde allerdings davon gesprochen, dass auch hier erschossene Häftlinge bestattet wurden.
Jedem Waggon waren 1 bis 2 SS-Leute zur Bewachung zugeteilt. Während des Transportes ist auch ständig geschossen worden. Ich habe aber nicht beobachtet, dass Menschen erschossen worden sind. Bei Wienhausen habe ich beobachtet, dass zwei Leichen mit Blut behaftet waren. Ich kann aber nicht sagen, ob diese Häftlinge erschossen worden sind. Es kann auch sein, dass die blutigen Verletzungen durch die Schläge von Gewehrkolben herrührten. Die SS-Bewachungsmannschaften hatten nämlich die Angewohnheit, auch mit den Gewehrkolben nach den Häftlingen zu schlagen. Ich habe während der ganzen Zeit in der der Transport unterwegs war niemals gesehen, dass Häftlinge von den SS-Bewachungsmannschaften erschossen worden sind. Schießen dagegen habe ich mehrfach gehört. Beobachtet habe ich ferner, dass ein- oder zweimal Häftlinge, die als Tote aus den Waggons herausgezogen waren, am Grabe aber noch Lebenszeichen von sich gaben, von der Bewachungsmannschaft erschossen worden sind. Die abgegebenen Schüsse kann man als Gnadenschüsse bezeichnen. Die Erschossenen waren meines Erachtens nicht mehr lebensfähig.
Ich möchte fast annehmen, dass dieser Fall der Erschießung von KZ-Häftlingen am Grabe sich bei Wienhausen ereignet hat. Mit Sicherheit kann ich e aber nicht sagen.
Nach meiner Überzeugung müssen sich außer dem einen bisher gefundenen Massengrab noch zwei weitere Massengräber im gleichen Waldstück befinden. Bereits seit Herbst vergangenen Jahres habe ich und auch <Name> nach den Massengräbern gesucht. Als die strenge Kälte war (Winter 1946/47) glaubte ich auch die Massengräber gefunden zu haben, jetzt ist aber alles mit Gras bewachsen und es ist mir unmöglich gewesen, die Gräber wiederzufinden. Nach meiner Überzeugung müssen die anderen beiden Gräber weiter von der Bahnstrecke ab, sich in der Tannenschonung befinden.
Der Transportführer des Transportes, mit dem auch ich befördert worden bin, war der Oberscharführer <Name>. Alles, was auf dem Transport geschah, wurde nur auf Befehl des Transportführers ausgeführt. Allein Er kann also auch nur den Befehl zum Erschießen der Häftlinge gegeben haben. Ich weiß weder die Heimatanschrift des <Name>, noch seinen jetzigen Aufenthaltsort. Im Lüneburger-Prozess, in dem das Aufsichtspersonal vom KZ- Lager Bergen-Belsen verurteilt worden ist, ist <Name> als beschuldigter nicht aufgetreten. Den Transport begleitet haben noch: Oberscharführer <Name>, er muss aus Ostpreußen oder Litauen stammen. Seine Personalien und sein Aufenthaltsort sind mir nicht bekannt. Die anderen Begleitmannschaften sind mir namentlich nicht bekannt. Sie will aber <Name> von hier angeben können. In meinem Waggon befand sich die SS-Aufseherin <Name> und eine weitere SS-Aufseherin, deren Namen mir nicht bekannt ist. Die <Name> soll sich in Essen/Westfahlen aufhalten, dort ist sie auch geboren. In dem Transport, in dem ich mich befand, waren nur drei deutsche Frauen. Die anderen Häftlinge waren sämtlich Ausländerinnen. (Polinnen/Russinnen). Die Ausländerinnen sind in ihre Heimatländer zurückgegangen. Eine von den deutschen Frauen ist in Bergen-Belsen umgekommen, sie kann aber auch bereits auf dem Transport verstorben sein. Von der anderen Frau sind mir weder Namen noch Wohnort bekannt. Der Transportzug, in dem ich mich befand, ist weder von feindlichen Fliegern bombardiert, noch beschossen worden. An welchem Tage wir bei Wiehausen angelangt waren, weiß ich nicht. Mir ist es überhaupt unmöglich eine bestimmte Zeitbestimmung zu geben.


Zeugenaussage C.

(…)
Etwa am 02.04.1941 verließ das Lager DORA der 3 Transport. Zurück blieben nur die Kranken und ein Spezialkommando unter dem Decknamen „IIO“. Der Transport sollte nur 2 Tage unterwegs sein. Da aber eine Aufnahme der Häftlinge in den KZ Bergen-Belsen und Neuengamme wegen Überfüllung abgelehnt worden war, blieb der Transportzug 7-8 Tage unterwegs. (…).
An dem Tage, an dem der Bombenangriff auf Celle stattfand (8.04.1945), befand sich der Transportzug kurz vor Wienhausen. Auch hier sind Leichen in einem Waldstück bestattet worden. Ich habe erfahren, dass sich in diesem Waldstück 2 Massengräber befinden sollen. Ich selbst habe die Massengräber nicht gesehen, - habe aber gesehen, dass an zwei Stellen gegraben wurde. Es sind auch bei dem Aufenthalt vor Wienhausen Schüsse gefallen. Beobachtet habe ich aber das Erschießen von Häftlingen nicht. Die Anordnung zum Erschießen von Häftlingen und auch zu ihrer Beerdigung, gab in jedem Falle der Transportscharführer- oder Oberscharführer <Name> (oder <Name>) aus Köln.
(Teil der Personenbeschreibung ausgelassen).
Dass er Kölner war, konnte man aus seiner Sprache entnehmen. Den Aufenthaltsort des <Name> weiß ich nicht. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Gesehen habe ich aber, dass <Name> an 2 Gräbern selbst Erschießungen vorgenommen hat. Wie viele Menschen allerdings durch ihn erschossen worden sind, vermag ich allerdings nicht zu sagen. Auch bei den Erschossenen handelt es sich um Personen, die nicht mehr lange zu leben hatten. So habe ich beobachtet, dass er bei Walsrode Häftlinge am Grab erschossen hat. Wenn ich mich recht erinnere, hat er 1 oder 2 Mann erschossen. Auf dem einen hatte er noch mehrere Schüsse und zwar Brustschüsse abgegeben. Die Gräber wurden stets von gesunden Häftlingen ausgehoben. Sie hatten eine Tiefe von ca. 1,75m. Die Leichen wurden immer in 2 schichten übereinander gelagert und zwar so, dass die Beine immer nach der Mitte kamen. Der Transportzug ist weder unterwegs bombardiert, noch beschossen worden.
Die Hälfte der Begleitmannschaft gehörte der Luftwaffe Boelke-Kaserne Nordhausen an. Sie war zu diesem Transport nur abkommandiert. Namen sind mir nicht bekannt. Nach unserer Ankunft in Bergen-Belsen, sind die Luftwaffesoldaten sofort wieder in den Kampf eingesetzt worden.


Zeugenaussage D.:
(…)
Wir waren 7 bis 8 Tage auf dem Transport. Ich befand mich auf dem Zuge der bei Wienhausen einige Zeit angestellt war. Durch welche Orte wir gekommen sind, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe mir die Namen dieser Orte nicht eingeprägt. Ich weiß aber, dass der Transportzug Wienhausen und Celle passiert hat. Von Celle fuhr der Zug Richtung Hannover (ODER vielleicht Hamburg???), später Richtung Neuengamme und da dort scheinbar unsere Aufnahme nicht erfolgen konnte wurde der Transport nach Bergen-Belsen umgeleitet.

(…)

Diese völlig ermatteten Menschen, die sehr bald verstorben wären, hat der Oberscharführer <Name> mit dem Karabiner erschossen. Er schoss wohin er traf. Es ist also nicht so, dass diese Personen durch Kopfschuss von ihm getötet wurden. In Wienhausen sind meines Wissens 2 Gruben ausgeboben worden in die die Toten kamen. Ich selbst habe das eine Grab mit ausheben helfen. In dieses Grab werden ungefähr 20 Tote gebettet worden sein. In das andere Grab sind meines Wissens etwa 8-10 Leichen gekommen. Die Stelle hat man nicht besonders gekennzeichnet. Die Gräber sind so eingeebnet worden, dass man später nichts mehr davon gesehen hat. Die Vorfälle bei Wienhausen können sich etwa am 7 April abgespielt haben. Sie ereigneten sich einen Tag vor der Bombardierung von Celle. Der Transportzug stand an diesem Tage von 8:00 bis 15:00 Bei Wienhausen. Außer bei Wienhausen sind noch an 3 weiteren Stellen Häftlinge begraben worden.



Exhumierungsprotokoll Mai, 1947. Original aus dem Celler Stadtarchiv (Umgebettete KZ Häftlinge auf dem Waldfriedhof 1945 -1950) - Reinform:

Lfd. Nr.
Arzt
Alte Grab Nr.
Lagernummer und Merkmale
Neue Grab Nr.
237
Fr. Hiestermann
Wienhausen links der Bahnlinie Gifhorn – Celle, zwischen 30.8 Km und der straße nach Sandlingen auf dem Brandschutzstreifen

16.05.1947
KZ Häftling, keine Schuhe, mittelkräftige männliche Leiche, Weichteile völlig zersetzt, keine Aufrisse, Verletzungsfolgen (unleserlich)
Nummer auf KZ Kleidung nur teilweise erhalten, aber nicht lesbar. 
117D
17.05.1947
238


KZ-Kleidung mangelhaft erhalten, keine Schuhe, Haarreste kurz u. dunkel. Knöchener Schädel gut erhalten, Gebiss gut erhalten, Verletzungsfolgen weder am Schädel noch Kleidung feststellbar
1171
17.05.1947
239


KZ Kleinung, keine Schuhe, Weichteile völlig zersetzt, knöcherner Schädel gut erhalten, Haar kurz u. dunkel, Gebiss gut erhalten, Im Falle des knöchernen Schädels: obere rechte Stirn (unleserlich) … Umgebung enorm gesplittert, an Kleidung keine Blutspuren Aufrisse gefunden.
1172
17.05.1947
240





















KZ Kleidung keine Schuhe, Weichteile völlig zersetzt, Knochengerüst lag wirr durcheinander, Zähne völlig erhalten, Haar kurz dunkel-braun, keine Verletzungsfolgen an Schädel und Kleidung gefunden, auf linker Brustseite Stoffnummer völlig erhalten, aber nicht lesbar.
1173
17.05.05.1947
241
Fr. Hiestermann
Wienhausen links der Bahnlinie Gifhorn – Celle, zwischen 30.8 Km und der straße nach Sandlingen auf dem Brandschutzstreifen

16.05.1947
KZ Kleidung, darunter fabrikgestrickte gestreifte Weste, in der Tasche selbstgefertigter Rosenkranz, Weichteile völlig zersetzt, Knochen liegen durcheinander, Schädel unzerlegt, Haare kurz und dunkel, Oberkiefer: völliger Ersatz, Unterkiefer: keine Zähne, Verletzungsfolgen   weder an Kopf noch an Kleidung gefunden.
Hinweise: Lagergeld (aus) Mittelbau,
Ferner Stoffnummer: 75936
1174
17.05.1947

242


KZ Kleidung, darunter braungestreifte Stoffweste, Weichteile völlig zersetzt, Schädel gut erhalten, Haar kurz, dunkel,. Fast sämtliche Zähle fehlen. Verletzungsfolgen nicht gefunden – auch nicht an der Kleidung. Erkennungszeichen nicht festgestellt.
1175
17.05.1947
243


KZ Kleidung mit Stoffgürtel, Weichteile völlig zersetzt, Haare nicht mehr vorhanden, Gebiss: 1. Mahlzahn links oben: Goldkrone. Verletzungsfolgen nicht festgestellt – weder am Kopf noch an Kleidung. An linker Brustseite rote Drucknummer: KLM,
2 Paar raue, graue Baumwollsocken, weiter keine Hinweise gefunden
1175
17.05.1947
244
Frau Glossar
(gleicher Fundort)
19.05.1947

KZ Kleidung ungeheuer zerfallen, Haarreste kurz dunkelbraun, Keine Schädelverletzung, Erkennungszeichen: unleserliche Stoffnummer.
1177
20.05.1947
245









KZ Häftling, Leiche ungeheuer zerfallen, Haarreste dunkelbraun, keine Schädelverletzung, Gebiss lückenhaft aber große Zähne, unleserliche Stoffnummer.
1178
20.05.1947

246



KZ Kleidung Haarreste kurz, schwarz, keine Schädelverletzung, Gebiss lückenhaft, Leiche weitgehend zerfallen, keine Erkennungszeichen.

1179
20.05.1947
247


KZ Kleidung, Haarreste kurz dunkelbraun, Gebiss: Unterkiefer unten links: 4. Zahn Goldkrone, keine Schädelverletzung, keine Erkennungszeichen.
1180
20.05.1947
248


KZ Kleidung, Holzpantoffeln (?), Haarreste kurz, dunkel, Leiche weitgehend zerfallen, keine Schädelverletzung, Gebiss gut erhalten.
1181
20.05.1947
249


KZ Kleidung, Leiche weitgehend zerfallen, Haare kurz, dunkel, Keine Schädelverletzung, Gebiss lückenhaft, aber sonst gut erhalten, Hosenträger. In Hosentasche: Löffel, Seife, Taschentuch, Lagergeld aus Mittelbau, Teelöffel, Sonst weiter keine Erkennungszeichen.
1182,
20.05.1947
250


KZ Kleidung, Haarreste dunkel, Schädel nicht verletzt, Gebiss lückenhaft aber gut erhalten, Leiche weitgehend zerfallen, Keine Erkennungszeichen
1183
20.05.1947
251


KZ Kleidung, Leiche weitgehend zerfallen, Haarreste kurz, dunkel, Zähne gut erhalten, Keine Schädelverletzung, keine Erkennungszeichen
1184
20.05.1947







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Die Arbeit wurde bereits bei den Gedenkstätten, Archiven und zuständigen Stellen eingereicht. 

Vielen Dank an alle, die meine Nachforschungen unterstützt haben.  




Gruß, 

S.t.a.l.k.e.r.








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Wichtiger Hinweis: 

Ich suche jederzeit Material zur Heimatgeschichte. Wenn Sie alte Fotos, Postkarten, Zeichnungen, Karten oder andere geschichtliche Dokumente besitzen und gerne etwas dazu erfahren möchten, dann bitte ich Sie mich zu kontaktieren. Alle Informationen werden mit größter Sorgfalt behandelt! 

Für Hinweise in Form von Dokumenten bin ich bereit zu zahlen! 

Bei Fragen/Anregungen/Kritik bitte ich Sie mir eine kurze Mail zu schreiben. 

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