f Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 16. Juli 2018

Ein vergessener Rüstungskomplex bei Unterlüß?


In Unterlüß konzentrierte sich während des Zweiten Weltkriegs kriegswichtige Rüstungsindustrie. Bis heute sind aus dieser Zeit Relikte erhalten - manche davon sind mehr, andere jedoch bis heute weniger bekannt... 

Es ist der 04.04.1945 - nur wenige Tage vor dem Einmarsch der alliierten Truppen. Mit mehreren Geschwadern griffen amerikanische Bomberverbände tagsüber Unterlüß an. In 13 Angriffswellen entluden die Geschwader hunderte Tonnen Spreng- und Brandbomben über dem nordwestlichen Bereich von Unterlüß. 

Im Protokoll der 351. Combat Mission der 303rd. Bomb Group heißt es, dass 39 Flugzeuge des Typs B-17 304 t schwere Sprengbomben sowie 157 t Brandbomben über Unterlüß abwarfen. Da mehrere Gruppen am Angriff beteiligt waren, handelte es sich hierbei nur um einen Bruchteil der insgesamt auf Unterlüß abgeworfenen Bombenlast von diesem Tag. 

Der Angriff traf die Produktions- und Forschungseinrichtungen der Firma Rheinmetall-Borsig schwer. Ebenfalls die angrenzende Munitionsanstalt "Eschengrund" wurde in Mitleidenschaft gezogen. Alliierte Luftbilder vom 07.04.1945 zeigen das Ausmaß des Luftangriffs eindrucksvoll. 

Bild: Luftangriff am 04.04.1945 auf Unterlüß. Quelle: http://www.303rdbg.com/missionreports/351.pdf 

Neben der Bombardierung zeigen die Luftaufnahmen Anlagen, die heute längst in Vergessenheit geraten sind. Es handelt sich hierbei offenbar um Rüstungsanlagen bzw. diesen zugehörige Einrichtungen. 

Im Raum Unterlüß waren bis April 1945 neben den Werksanlagen der Firma Rheinmetall-Borsig und der angrenzenden Munitionsanstalt Eschengrund noch eine Vielzahl weiterer Rüstungsanlagen entstanden. Für die Arbeiter wurden mehrere (Baracken-)lager errichtet, die mit unterschiedlichen Personengruppen belegt wurden. 

Noch heute sind in Unterlüß die baulichen Entwicklungen aus dieser Zeit gut erkennbar - allerdings sind die meisten direkt im Ort befindlichen Rüstungsanlagen, wie insbesondere Verladerampen, Barackensiedlungen sowie Fertigungs- und Lagerhallen, mittlerweile verschwunden. Schon zu Kriegszeiten konzentrierten sich die Anlagen der Firma Rheinmetall-Borsig auf den nördlichen sowie - mit dem Werk Neulüß - auf den nordöstlichen Bereich von Unterlüß. 

Die nun aufgefundenen Relikte belegen jedoch, dass es auch westlich von Unterlüß entsprechende Entrichtungen gegeben haben muss - beziehungsweise, dass sich solche in ihrer Entstehung befanden. 

Rund 600 m westlich verläuft parallel zum Altensothriethweg eine auffällige Trasse im Wald. Sie misst ungefähr eine Breite von 6 m und wird seitlich durch Böschungen begrenzt. 

Bild: Trasse westlich von Unterlüß. Quelle: H. Altmann. 

In nördlicher Richtung folgend, quert die Trasse mehrere Forstwege. Es handelt sich bei dieser Trasse offenbar nicht um einen Forstweg - auch wenn Teile davon zeitweise und in manchen Abschnitten als Weg genutzt wurden. 

Bild: Trasse westlich von Unterlüß. Quelle: H. Altmann. 

Im Abschnitt, der zwischen der westlichen Verlängerung der Magdeburger Straße und der Burgstraße liegt, befinden sich entlang der Trasse deutlich erkennbare Reste von drei größeren Gebäudefundamenten. 

Die massiven quadratischen Grundrisse messen eine Länge von ca. 60 m und eine Breite von rund 15 m. Die Gebäude wiesen somit eine Grundfläche von etwa 900 Quadratmetern auf. 

Bild: Gebäudereste westlich von Unterlüß. Quelle: H. Altmann. 

Es dürfte sich um recht massive - vermutlich mehrstöckige - Gebäude gehandelt haben, denn die Fundamente weisen eine Stärke von etwa 30 - 50 cm auf. Während sich die im Boden befindlichen Relikte recht gut erhalten haben, ist von den aufstehenden Gebäuden nichts mehr erhalten. 

Die drei Gebäude standen auf einer Fläche von ca. 4,3 Ha versetzt zueinander. Mitten durch das Gelände verlief die o.g. Trasse. 

Bild: Fundamente - Schrägsicht. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Fundamente - Schrägsicht. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Fundamente - Schrägsicht. Quelle: H. Altmann. 

Erhalten geblieben sind u.a. die Bodenplatten der Gebäude. Diese bestanden aus gegossenem Stahlbeton, der nur an wenigen Stellen aufgebrochen ist. In einigen Bereichen haben Tiere die Bodenplatten unterhöhlt. 

Bild: Fundamente - Bodenplatte. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Fundamente - Bodenplatte. Quelle: H. Altmann. 

Es finden sich keine Anzeichen darauf, dass die Gebäude unterkellert waren. In einigen Bereichen haben umgestützte Bäume Teile der Bodenplatten aufgebrochen - unter diesen befindet sich lediglich sandiger Boden. Offenbar wurden die Gebäude somit nur oberirdisch genutzt bzw. als solche errichtet. 

Bild: aufgebrochenes Fundament - Bodenplatte. Quelle: H. Altmann. 

Im ganzen Bereich verstreut finden sich Reste von kaputten Ziegel- und Dachsteinen sowie Mörtelreste. Ähnlich wie bei anderen Relikten von Rüstungsanlagen im Raum Celle scheint auch hier brauchbares Baumaterial entnommen worden zu sein. Zurück blieben offensichtlich nur noch Trümmer der einstigen Einrichtungen. 

Bild: Trümmerreste. Quelle: H. Altmann. 

Luftbilder vom 07.04.1945 zeigen die drei Gebäude westlich von Unterlüß und legen nahe, dass sich die Anlagen noch im Bau befanden. Das größte der drei Gebäude misst entsprechend dem alliierten Luftbild eine Länge von ca. 80 m und erstreckte sich direkt längs der gradlinig durch das Gelände verlaufenden Trasse. 

Dieses Gebäude war offenbar bei Kriegsende noch nicht fertiggestellt, denn es weist heute keinerlei Relikte bzw. Fundamente auf. Lediglich Vertiefungen und Umrisse im Boden geben Hinweis auf seine Lage. Die Vertiefungen sind ebenfalls auf den historischen Luftbildern erkennbar, sodass der Schluss nahe liegt, dass hier möglicherweise weitere Fundamente gegossen werden sollten. Die unmittelbare Nähe zur einstigen Trasse lässt vermuten, dass es sich eventuell um eine Verladerampe gehandelt haben könnte. 

Bild: Vertiefungen - möglicherweise einstige Baustelle. Quelle: H. Altmann. 

Darüber hinaus finden sich im Bereich der drei Gebäude weitere Erdböschungen und Reste kleinerer Fundamente. Worum es sich hierbei im Einzelnen handelte ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. 

Bild: Weitere Fundamente. Quelle: H. Altmann. 

In Richtung des heutigen Forstwegs ist weiterhin eine auffällige Vertiefung erkennbar. In dieser befindet sich ein gegossenes Fundament, das drei massive Gewindeeisen aufweist. Die einbetonierten Eisen sind dreiecksförmig angeordnet und besitzen eine Stärke von etwa   3,5 cm. Möglicherweise handelt es sich hierbei um das Fundament eines alten Mastes - vielleicht ein ehemaliger Funkmast (?) ... 

Bild: Fundament mit Gewindeeisen. Quelle: H. Altmann. 

An der äußeren Ecke des südlich liegenden Gebäudes befindet sich ein ehemaliger Schachteingang. Eisentritte wurden darin einbetoniert. Zunächst war unklar worum es sich bei diesem Eingang gehandelt haben könnte, da der Zugang bis auf einen halben Meter verschüttet war. 

Bild: Schachteingang. Quelle: H. Altmann. 

Nach Räumung des im Schacht befindlichen Schutts konnten weitere Rückschlüsse auf die umliegenden Gebäude(-fundamente) gezogen werden. Der Schacht ist quadratisch (ca. 80 x 80 cm) und reicht in eine Tiefe von rund 2,5 m unter die Erdoberfläche. 

Bild: Schachteingang. Quelle: H. Altmann. 

Es handelt sich bei diesem Schacht allerdings nicht um einen Keller- oder Stollenzugang, wie anfänglich nicht ausgeschlossen werden konnte. Vielmehr dürfte es sich um einen Teil der ehemaligen Kanalisation handeln, denn in der Tiefe von 2,5 m befindet sich eine massive Bodenplatte aus Gussbeton. An einer Seite öffnet sich der Schacht - hier lagen früher vermutlich Rohre. Aufgefundene Kabelreste lassen darüber hinaus darauf schließen, dass hier ebenfalls Elektroinstallationen verlegt gewesen sein können. 

Bild: Schachteingang. Quelle: H. Altmann. 

Bei der Beräumung wurden Lederreste mit erkennbarem Nahtmuster sowie ein alter Deckel einer Bügelflasche aufgefunden. Weitere Hinweise fanden sich im Schacht leider nicht. 

Bild: Lederrest. Quelle: H. Altmann. 

Bild: Deckel, Bügelflasche. Quelle: H. Altmann. 

Es stellt sich insofern die Frage welchem Zweck diese alten Gebäude gedient haben. Neben dem Nachweis in historischen Luftaufnahmen finden sich kaum Hinweise auf diese Anlagen. Die Karte des britischen War Office aus dem Jahr 1945 zeigt die Gebäude interessanterweise nicht. 

Erst im Messtischblatt aus dem Jahr 1950 (ergänzt um Nachträge) sind die Gebäude verzeichnet. Das ist durchaus spannend, denn die Anlagen wurden zweifelsohne währen des Zweiten Weltkriegs erbaut - offenbar jedoch nur in späteren Karten verzeichnet. Im genannten Messtischblatt ist allerdings in diesem Bereich nur ein Gebäude verzeichnet. Es ist mit der Bezeichnung "Werkstatt" versehen. 

Bild: Gebäudekomplex westlich von Unterlüß. Quelle: Messtischblatt 1950, Google Earth. 

Auch im Messtischblatt aus dem Jahr 1957 sind an Ort und Stelle Gebäude verzeichnet. In dieser Karte wurden jedoch drei Gebäude eingetragen, die mit der Bezeichnung "Schuppen" versehen wurden. 

Bild: Gebäudekomplex westlich von Unterlüß. Quelle: Messtischblatt 1957, Google Earth. 

Offenbar blieben die Gebäude - um welche Art es sich dabei auch gehandelt haben mag - bis nach Kriegsende bestehen. Dies legen ebenfalls die weitaus detaillierteren Flächenutzungspläne der ehemaligen Gemeinde Unterlüß nahe. In diesen ist vor Ort ebenfalls ein Gebäude verzeichnet - allerdings legt der eingezeichnete Baumbewuchs nahe, dass das Gelände nicht mehr genutzt wurde - scheinbar lag das Areal nach Kriegsende brach. 

Auch die gradlinig verlaufende Trasse wirft nach wie vor Fragen auf. Den historischen Luftbildern zufolge begann diese Trasse im Bereich der heute noch vorhandenen Gebäudereste und endete in der Munitionsanstalt Eschengrund. Dies legt den Schluss nahe, dass die Gebäude in direktem Zusammenhang zur einstigen Munitionsanstalt bzw. der angrenzenden Rüstungsbetriebe standen. 

In aktuellen Karten ist die Trasse in einigen Abschnitten noch als Waldweg verzeichnet. Im Rahmen von Ortsbegehungen konnten jedoch Erkenntnisse gewonnen werden, die andere Schlüsse nahe legen. Zwar werden einige Bereiche der einstigen Trasse heute als Forstweg genutzt - damals jedoch scheint sich hier eine Bahnstrecke befunden zu haben. 

Bild: Tief eingeschnittene Böschung der ehemaligen Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann. 

Entlang des heutigen Weges in nördlicher Richtung finden sich noch heute auffällig hohe Seitenböschungen. In manchen Abschnitten sind tiefe Mulden und Spuren der einstigen Bauarbeiten anzutreffen. Offenbar wurde die Bahnstrecke damals nicht fertiggestellt und blieb eine Zeit unvollendet bestehen - bis die Natur das Gelände zurück eroberte. 

Bild: Baugruben entlang der ehemaligen Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Rund 1,2 km nördlich der Gebäudereste befindet sich ein Streckenabschnitt der ehemaligen Bahnstrecke der künstlich erhöht wurde. Der angeschüttete Bahndamm weist auf einer Länge  von ca. 200 m eine Höhe von etwa 15 m auf. 

Im Gelände befand sich eine natürlich Mulde, die scheinbar mittels des Bahndamms überwunden werden sollte. Heute liegt die einstige Bahntrasse überwachsen und vergessen im Wald...

Bild: Vertiefung - ehemalige Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Bild: ehemalige Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Bild: ehemalige Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Bild: ehemalige Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Bild: ehemalige Bahnstrecke. Quelle: H. Altmann.

Es stellt sich die Frage, wie eine ca. 2 km lange Bahnstrecke nach Kriegsende in Vergessenheit geraten konnte. Eine mögliche Erklärung: Teile der einstigen Bahntrasse wurden als Forstweg genutzt - die ursprüngliche Verwendung war schon nach wenigen Jahren nicht mehr zu erkennen. Im Bereich der aufgefundenen Gebäudereste gab es bereits einen Forstweg der unmittelbar neben der Bahntrasse verlief. Es war in diesem Bereich somit nicht nötig zwei Wege zu unterhalten - die Bahnstrecke wuchs mit der Zeit zu. 

Hinzu kommt außerdem, dass die Bahntrasse bei Kriegsende offenbar nicht vollständig fertiggestellt worden war. Andernfalls wäre sie in Karten zumindest in der Nachkriegszeit als Bahnstrecke eingetragen worden. Es finden sich allerdings keinerlei kartografische Belege für die Bahntrasse. Die legt nahe, dass sich der Bahnkörper noch im Bau befand und nicht fertiggestellt wurde. 

Bild: ehemalige Bahnstrecke. Quelle: Messtischblatt 1957; Google Earth; H. Altmann.

Im nördlichen Abschnitt mündet die ehemalige Bahntrasse in das heutige Firmengelände von Rheinmetall (ehem. Rheinmetall-Borsig). Direkt auf dem einstigen Verlauf befindet sich heute ein Schießstand für Kurzwaffen. Bis Kriegsende war hier die Munitionsanstalt Eschengrund untergebracht. Karten und Luftbilder zeigen eindeutig den geschwungenen Verlauf der einstigen Bahntrasse der sich innerhalb der ehemaligen Munitionsanstalt verzweigte. 

Bild: ehemalige Bahnstrecke - Übergang zur einstigen Munitionsanstalt Eschengrund. Quelle: H. Altmann.

Heute ist von der ehemaligen Bahnstrecke in diesem Bereich so gut wie nichts mehr erkennbar. Ein Forstweg, der in die Straße "Im Grunde" (Unterlüß) mündet quert die alte Bahntrasse. Im nachfolgenden Bild würde die Bahnstrecke von links nach rechts verlaufen. Links befindet sich das Gelände der einstigen Munitionsanstalt Eschengrund (heute: Rheinmetall) - rechts ist der Verlauf der Bahnstrecke durch einen aufgeschobenen Haufen Torholz verdeckt. 

Bild: ehemalige Bahnstrecke - Übergang zur einstigen Munitionsanstalt Eschengrund. Quelle: H. Altmann.

Im Ergebnis ergaben die bisherigen Nachforschungen, dass bis Kriegsende westlich von Unterlüß massive, große Gebäude im Wald erbaut wurden. Diese wurden allerdings offenbar nicht fertiggestellt. Ein Teil dieser Gebäude wurde auch noch nach Ende des Zweiten Weltkriegs als mögliche Lagerhalle (Schuppen / Werkstatt) genutzt. Dies legen entsprechende Karten aus der Nachkriegszeit nahe. 

Verbunden waren die die Gebäude offenbar mit der ehemaligen Munitionsanstalt Eschengrund über eine Bahnstrecke, die allerdings ebenfalls nicht fertiggestellt wurde. Anwohner konnten die Existenz einer alten Bahnstrecke belegen - an alte Gebäude in diesem Bereich erinnerte sich allerdings keiner mehr. 

Bild: Gebäudekomplex westlich von Unterlüß. Quelle: H. Altmann.

Insgesamt stellt sich die Frage welchem Zweck die Gebäude gedient haben und warum ein so erheblicher Aufwand betrieben wurde, um diesen Gebäudekomplex mit der Munitionsanstalt zu verbinden. Die unvollendete Eisenbahntrasse lässt jedenfalls den Schluss nahe, dass in den Gebäuden, die jeweils über eine erhebliche Grundfläche verfügten, möglicherweise Produktionen stattfanden, die direkt mit der Munitionsanstalt in Verbindung standen. Lagerkomplexe scheinen dagegen eher unwahrscheinlich, denn die aufgefundenen Fundamente sprechen im Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen eher für Fertigung als Einlagerung. Offenbar wurden die Einrichtungen nicht mehr fertiggestellt. In keinem der bekannten Protokolle finden sie Erwähnung. Auch finden sich keine Hinweise auf die Demontage. 

Über weitere Hinweise zu diesen Gebäuden, der Bahnstrecke und der Unterlüßer Geschichte würde ich mich sehr freuen! 

H. Altmann





Montag, 11. Juni 2018

Dieser Fund gibt Rätsel auf...


Bei Bauarbeiten kommen gelegentlich spannende Funde ans Tageslicht. So konnten beispielsweise bei Baumaßnahmen im "Pottgarten" in Altencelle aufregende neue Erkenntnisse im Rahmen der archäologischen Untersuchungen gewonnen werden. Nun kam beim Pflastern eines Garagenhofes in der Hildebrandstraße ein interessanter Stein zu Tage, der offenbar eine Inschrift trägt und bisweilen Rätsel aufgibt...

Schlecht gestaunt haben sie nicht - als sie ihren Garagenhof pflastern wollten, stießen die Bewohner eines Miethauses in der Celler Hildebrandstraße - unweit der Hannoverschen Heerstraße - auf einen beschrifteten Stein. Rund 45 cm hoch, 30 cm breit und ca. 8 cm dick ist die Steinplatte, die in deutlich erkennbaren Zeichen die Beschriftung "AL 702" trägt. Die Finder konnten sich zunächst keinen Reim auf diesen Fund machen - weitere Objekte waren in der rund 40 cm tiefen Grube auch nicht zu entdecken. Beim Einbringen von Mineralgemisch war der seltsame Stein zutage gekommen. 

Bild: Fundort in der Hildebrandstraße. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Lässt man die Fundumstände zunächst außer Acht, wirft der Stein an sich bereits Fragen auf. Es handelt sich hierbei um einen massiven Körper, der im oberen Bereich leicht abgerundet ist. Die Aufschrift AL 702 befindet sich in der unteren Hälfte. 

Die Kombination aus Buchstaben und Zahlen scheint in den Körper gepresst worden zu sein. Es handelt sich offenbar um eine Art Abdruck, die möglicherweise unter Hitzeeinfluss in eingeprägt worden ist. Um die Prägung ist der Abdruck einer Platte erkennbar auf der die Zeichen offenbar angebracht waren. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Das Material des Steins ist bislang noch unbestimmt. Auffällig sind allerdings die blasenartigen Aufwerfungen an der Oberseite. Der Körper scheint also unter Hitzeeinfluss gegossen worden zu sein, wobei während des Erkaltens Luftblasen nach Außen drangen. Möglicherweise handelt es sich um ein Gemisch aus Bitumen und anderen Stoffen. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

An einer Seite der Steinplatte war ein kleines Stück abgebrochen. In diesem Bereich zeigt sich der Struktur der Oberfläche besonders deutlich. Es handelt sich um ein dunkles Material, das zahlreiche Lufteinschlüsse aufweist. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Das Bruchstück zeigt ebenfalls eine Vielzahl von Lufteinschlüssen. Dies legt den Schluss nahe, dass der Stein insgesamt kein Naturprodukt ist, bzw. dass er künstlichen Ursprungs sein muss. 

Bild: Steinfund. Quelle: H. Altmann, 2018. 

Besonders eigenartig erscheint die Inschrift der Steintafel. In der Facebookgruppe "Du kommst aus Celle, wenn..." in die der Fund eingestellt war, kamen skurrile Theorien auf, worum es sich hierbei wohl handeln könnte. Von einem Grabstein oder einem Grenzstein war unter anderem die Rede. 

Letztere Annahme stützte auch der Celler Kulturlandschaftsforscher und Autor Florian Friedrich, der im Raum Celle bereits etliche alte Grenzsteine ausgewertet hat. Die Echtheit von Grenzsteinen wurde früher oft durch das Vergraben sogenannter "Zeugen" verifiziert. Dabei wurden Bruchstücke von Tonscheiben unterhalb des eigentlichen Grenzsteins platziert, um so die Echtheit des jeweiligen Grenzpunktes zu bestätigen. Ebenfalls war es früher üblich, dass mehrere unsichtbare Grenzsteine einen "echten" Grenzstein im Schnittpunkt gedachter Sichtachsen belegen sollten. 

Dass es sich um einen alten Grenzstein handeln könnte leuchtet durchaus ein. Allerdings gab es noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch keine Hildebrandstraße. Die heutige Bebauung erfolgte erst in den 60er Jahren. Wie historische Karten belegen, befanden sich vorher lediglich Felder in diesem Bereich. 

Bild: Gegend der Hildebrandstraße um 1925. Quelle: Katasterkarte Celle, 1925. 

Es stellt sich somit die Frage, welche Grenze in diesem Bereich einst verlaufen sein mag. Das Celler Katasteramt teilte auf Anfrage mit, dass sich die Feldfluren vor Ort im Laufe der Zeit verändert haben. Allerdings scheint es sich hiernach nicht um einen alten Grenzstein zu handeln, denn der aufgefundene Stein passt seiner Beschriftung nach weder zu den bekannten Fluren - noch konnten bisher vergleichbare Grenzsteine aufgefunden werden. 

Anfragen beim Celler Bomann-Museum, dem Celler Stadtarchiv und der Stadt Celle verliefen bislang ebenfalls ohne Ergebnis. Vergleichbare Steine kamen bisher nicht ans Tageslicht. 

Kurios ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass die einstige Stadtgrenze Celles tatsächlich unweit der heutigen Hildebrandstraße verlief. Karten aus den 50er Jahren zeigen die ehemalige Grenze noch, die südlich entlang des Waldwegs und östlich an der Hannoverschen Heerstraße verlief. 

Bild: Verlauf der einstigen Stadtgrenze. Quelle: Messtischblatt 1950, Google Earth.  

Ob es sich bei dem Fund also tatsächlich um einen alten Grenzstein handelt, oder vielleicht um etwas ganz anderes, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden. Die kryptische Beschriftung und das Erscheinungsbild würden zu einem Grenzstein passen - es stellt sich jedoch die Frage zu welcher Grenze dieser Stein einst gehört haben mag. 

Im Ergebnis ist es jedoch sehr erfreulich, dass der Fund bekannt wurde. Vermutlich werden bei privaten Baumaßnahmen häufiger Funde gemacht, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Gerne können solche Funde per E-Mail an die folgende Adresse gemeldet werden: found-places@live.de Eine Weiterleitung an die zuständigen Stellen erfolgt selbstverständlich. 

Über weitere Hinweise zu dem Steinfund würde ich mich sehr freuen. Diese können gerne  ebenfalls an die o.g. E-Mail-Adresse gerichtet werden. Sofern es neue Erkenntnisse gibt, wird dieser Eintrag natürlich aktualisiert. 


H. Altmann






Mittwoch, 6. Juni 2018

Die ehemaligen Flentje Häuser in Celle


Celle ist überregional für das größte zusammenhängende Fachwerk-Ensemble bekannt. Dieser glückliche Umstand gründet sich nicht zuletzt darauf, dass die Celler Innenstadt während des Zweiten Weltkriegs von Bombenangriffen verschont geblieben ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Fachwerkhäuser gleich alt sind, denn an einigen Stellen wurde die alte Bausubstanz geschickt ersetzt... 

Die Fachwerkhäuser sind der Stolz und das Aushängeschild Celles - und das nicht erst in heutiger Zeit. Umso stärker wird seit jeher darauf geachtet, dass sich Neubauten harmonisch in das Stadtbild einfügen. So ist für Touristen - aber vermutlich auch für viele Einheimische - manchmal nicht sofort zu erkennen, welches Gebäude tatsächlich alt ist und welches nur vorgibt es zu sein. 

Ein gutes Beispiel sind die ehemaligen Flentje Häuser. Schon dieser Name dürfte heute den meisten Cellern kaum mehr geläufig sein. Dabei handelt es sich um Gebäude inmitten der Innenstadt, in der Zöllnerstraße Nummer 44 - 46, die im Jahr 1960 abgebrochen und neu aufgebaut wurden. Heute sind diese Häuser den meisten vermutlich als Standort der Handelskette Müller bekannt. 

Die Geschichte der Flentje Häuser war von Höhen und Tiefen geprägt. Erstmals wurde hier bereits im Jahr 1836 ein Kaufhaus von Karl Wasserfall gegründet. Im Jahr 1895 übernahmen die neuen Inhaber Goedecke und Mittelmann das gleichnamige Kaufhaus. 

Bild: Flentje Häuser an der Ecke Zöllnerstraße / Poststraße. Quelle: Lüneburger Heimatkalender 1958. 

Im Jahr 1909 zog in das Gebäude schließlich das Unternehmen Flentje und Beck ein. Dieses überdauerte beide Weltkriege - auch, weil es sich gegen die örtliche Konkurrenz durchsetzen konnte. Diese bestand unter anderem in dem Traditionskaufhaus der Familie Freidberg am Markt 5 - 9. Bereits seit dem Jahr 1895 existierte das Freidbergische Kaufhaus am Markt - der damals beliebtesten Einkaufsstraße in Celle. 

Bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik kam es zu Problemen für die jüdische Familie Freidberg. Plakate wurden mit Hakenkreuzen beschmiert - ja, es kam sogar das Gerücht auf, dass die Ornamente an der Eingangstür des Kaufhauses gegen Christen gerichtet seien. Der Architekt des Gebäudes, Otto Haesler, bemühte sich um Klarstellung. Die Anfeindungen nahmen jedoch nicht ab - im Gegenteil. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wuchsen die Erschwernisse für die jüdischen Kaufleute. Am 01.04.1933 postierten sich SS-Männer mit Plakaten vor dem Kaufhaus. Die Geschäfte liefen zunehmend schlecht und im November des Jahres 1936 entschied Ida Freidberg das Unternehmen an den Konkurrenten Flentje & Beck zu verkaufen.  Sie selbst emigrierte in die USA. Celle war somit um ein Kaufhaus ärmer geworden. 

Unter dem Traditionsnamen Gödecke & Mittelmann führten die Inhaber Flentje das Kaufhaus in der Zöllnerstraße fort. Es entwickelte sich zu einem beliebten Modezentrum vor Ort und über die Grenzen der Stadt hinaus. Zu einem ersten Umbau des Stammhauses in der Zöllnerstraße 44 - 46 kam es bereits im Jahr 1937 - allerdings blieben hierbei die Außenfassaden erhalten. man richtete ein modernes Kaufhaus ein, das über großzügige Schaufensterauslagen verfügte. Hierauf wies man durch entsprechende Anzeigen (siehe Bild rechts: CZ vom 11./12.03.1939) auch explizit hin. Wie bereits eingangs erwähnt blieb die Celler Innenstadt durch alliierte Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs glücklicherweise verschont. So konnte auch das Kaufhausgebäude in der Zöllnerstraße nach Kriegsende von den Inhabern Flentje weiter betrieben werden. 

Bis zum Jahr 1960 zierten die mittlerweile als "Flentje Häuser" bekannten Gebäude das Celler Stadtbild. Besonders auffällig war das Gebäude an der Ecke Zöllnerstraße / Poststraße, da es aufgrund seiner Höhe viele der umliegenden Gebäude überragte. Auffällig war insbesondere der treppenförmige Giebel mit dem vorstehenden Erker. Darstellungen aus den späten 40er Jahren zeigen die Flentje Häuser als markante Fachwerkgebäude. 

Bild: Flentje Häuser in der Zöllnerstraße 44-46. Quelle: Adressbuch Celle 1949. 

Im Jahr 1960 sollte an Ort und Stelle das Warenhaus "Kepa" entstehen. Für dessen Neubau wurde der Abriss der Flentje Häuser notwendig. Dieser fand im Jahr 1960 statt und rief eifrige Diskussionen hervor. Allerdings entschied sich der Architekt die traditionelle Fachwerkfassade mit ihrer Holzkonstruktion zu belassen. Dagegen wurde der Neubau des Karstadtgebäudes auf Grundlage einer modernen Kombination von Stahlbeton und Fachwerk gewagt - eine Mischung die sich bis heute schwer in den baulichen Kontext der Innenstadt einfügt. 

  
Bild: links: Flentje Häuser vor dem Abbruch 1960; rechts: Neubau im Juli 1961. Quelle: Lüneburger Heimatmalender 1962. 

Das neue Erscheinungsbild der ehemaligen Flentje Häuser fügte sich so gut in das Celler Stadtbild, dass vielen Cellern heute schon nicht mehr bewusst sein wird, dass sich jemals andere Gebäude an Ort und Stelle befunden haben. 

Das neue Kaufhaus Kepa konnte sich an seinem neuen Standort in der Zöllnerstraße 44 - 46 bis ins Jahr 1980 behaupten - dann bezog schließlich das Unternehmen Karstadt - zunächst mit seinem "Hobby-Haus" das Gebäude. Zu diesem Zeitpunkt besaßen die Häuser bereits das charakteristische Aussehen, das sie bis heute behalten haben. 

Vor einigen Jahren bezog schließlich die Handelskette Müller die Gebäude und ist seither darin ansässig. Von Innen mag sich in der Zwischenzeit vieles verändert haben - äußerlich sind die Neubauten, die auf die ehemaligen Flentje Häuser folgten - so erhalten geblieben, wie sie im Jahr 1961 fertiggestellt wurden. 

Heute dürfte mitunter nur noch wenigen Cellern der bauliche Wandel bekannt sein, der sich vor noch nicht allzu langer Zeit inmitten der altehrwürdigen Fachwerkstadt vollzogen hat. 

Bild: Innenstadt Celle; Am Markt; Stechbahn; Zöllnerstraße; Poststraße. Quelle: H. Altmann, 2014. 

Was die bauliche Zukunft in Celle mit sich bringen mag ist schwer abzuschätzen. Heute sind die Gestaltungen der Außenfassaden durch entsprechende denkmalrechtliche Vorschriften reglementiert. Insgesamt kann man nur hoffen, dass das traditionelle Stadtbild mit seinen Fachwerkhäusern noch möglichst lange Bestand haben wird. 

H. Altmann