f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 7. September 2017

Historischer Okerverlauf im Flotwedel



Im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen erkennt man noch heute ein altes Flussbett. Der Flurname „Laake“[1] lässt nicht unmittelbar darauf schließen, dass es sich bei diesem Flusslauf um die alte Oker[2] handelt, die sich einst zwischen Wienhausen und Bockelskamp mit der Aller vereinigte. Bekanntermaßen mündet die Oker heute bei Müden in die Aller.

Schon vor 1650 muss dieser künstliche Flussabschnitt zwischen Meinersen und Müden hergestellt worden sein.[3] Karten, der im Jahr 1519 ausgebrochenen Hildesheimer Stiftsfehde belegen den von Menschenhand geschaffenen Flussverlauf nördlich von Meinersen.[4] Nach der Verlegung des fließenden Stroms verlandete die alte Oker mit dem Lauf der Jahre. Historische Karten belegen den als Altarm erkennbaren Fluss noch bis ins Jahr 1771.[5] Vor dem Hintergrund des Handelsverkehrs, der zwischen den Hansestädten Braunschweig und Bremen stattfand, könnte die Oker eine wichtige Rolle eingenommen haben.[6] Im Schrifttum ist jedoch umstritten, wie bedeutend die Schifffahrt tatsächlich war.[7]

Nicht nur in Bezug auf den Handel war die alte Oker (möglicherweise) relevant.[8] Auch hinsichtlich bedeutsamer Ortsbeschreibungen[9] war der Fluss maßgeblich – insbesondere für die Frage nach dem Standort der frühmittelalterlichen Mundburg.[10] Insgesamt erscheint sogar ein Zusammenhang zwischen der Entstehung der heutigen Stadt Celle und dem Niedergang der Schifffahrt auf der Oker bzw. Aller naheliegend.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Bereits Steffens bringt die Entstehung Celles in Zusammenhang mit der Schifffahrt auf der Aller.[11] Seine Überlegungen stützen bis heute die Vermutung, dass die Stadt Celle ihren Ursprung in einem mittelalterlichen Hafen hat.[12] Die Hintergründe wurden intensiv untersucht.[13] Zuletzt wurden im Jahr 2014 im Bereich Altencelles archäologische Untersuchungen vorgenommen, die im Ergebnis historische Hafenanlagen nachweisen konnten.[14]

Die Oker-Schifffahrt ist quellenmäßig schlaglichtartig überliefert.[15] Dabei stellt Meibeyer zutreffend fest, dass ein Ausbau der unteren Oker erst im späten Mittelalter erfolgt sein kann.[16] Es finden sich ab dem Jahr 1367 quellenmäßige Nachweise zur Nutzung der Oker für die Schifffahrt.[17] Die wenigen schriftlichen Belege der Oker-Schifffahrt geben jedoch nur unzureichend Rückschluss auf den geografischen Flussverlauf. Insofern kann zumindest angenommen werden, dass die Oker bis 1371 derart verlandet war, dass der Celler Herzog Magnus sich dafür einsetzte, das Okerbett ausräumen zu lassen, damit der Fluss wieder mit Schiffen in Richtung Celle befahrbar wurde.[18]

Meibeyer verneint allerdings, dass der Fluss schon im Hochmittelalter als wichtige Wasserstraße ausgebaut wurde.[19] Dieser Umstand kann hier aber vernachlässigt werden, da sich die wirtschaftspolitische Relevanz der Flussverbindung erst im Rahmen der hansischen Rivalitäten zwischen Magdeburg und Lüneburg gegen Braunschweig um 1439 deutlich zeigte.[20] Spätestens zum Anfang des 15. Jahrhunderts wurde der Oker zwischen Meinersen und Müden ihr heutiger Lauf gegeben.[21] Der ursprüngliche Verlauf der Oker blieb somit bis ins späte Mittelalter erhalten.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Interessanter für Celle und die Orte im Flotwedel ist jedoch die Frage, welchem Verlauf die Oker vorher gefolgt ist. Unter anderem ist die Standortbeschreibung der Mundburg („am Zusammenfluss von Aller und Oker“) der Biografie des Hildesheimer Bischofs Bernward zu entnehmen und war bereits Gegenstand eines vorangegangenen Beitrags.[22] Insofern sprechen die Quellen dafür, dass die besagte Mundburg nicht bei Müden, sondern bei Wienhausen zu suchen ist.[23]

Wie bereits Cassel zutreffend herausstellte, war für die Entwicklung der Stadt Celle die Anbindung an die Aller / Oker maßgeblich.[24] Ausgehend von ihrer ersten Gründung in Altencelle[25] verlagerte sich die Stadt Celle weiter flussabwärts.[26] Hierbei spielten wirtschaftspolitische Interessen in Verbindung mit wichtigen Handelswegen eine maßgebliche Rolle, wie schon Kittel erläuterte.[27] Der Prozess der Verlagerung wird somit dynamisch erfolgt sein.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Celle war ein wichtiger Umschlagplatz für den Warenverkehr und erlebte im Schatten der Hansestädte Bremen, Braunschweig, Lüneburg und Hamburg sowie Magdeburg einen rasanten Aufstieg. Diese Entwicklung fällt unmittelbar in die Übergangsphase von der Kaufmannshanse hin zur Städtehanse. Dies stützt sich unter anderem auf die Bedeutung der bei Celle erhobenen Zölle, die bereits 1225 Erwähnung[28] finden – also noch bevor Herzog Otto den Celler Bürgern das Lüneburger Stadtrecht verlieh.[29]

Die „Verlagerung“ der Stadt Celle war weniger geplant, als durch politische und wirtschaftliche Interessen beeinflusst, wie schon Cassel[30] und Kittel[31] festhielten. Der Standort der heutigen Stadt Celle bot seinerzeit günstigere Bedingungen für den Warenverkehr – hier konnte das Umladen von Gütern aufgrund von Stromschnellen vermieden werden.[32] Weiterhin passierte im Bereich des „neuen“ Celles eine wichtige Fernhandelsstraße die Aller.[33]

Die Stadt Braunschweig erlangte zur Mitte des 13. Jahrhunderts hansische Privilegien und wurde später in den Reigen der Hansestädte aufgenommen.[34] Als es dazu kam, hatten sich die wirtschaftspolitischen Gegebenheiten allerdings bereits weiterentwickelt und in der neuen Stadt Celle („Nitzellis“)[35] wurde verstärkt auf den Handel über Land gesetzt.[36] Insofern existierten für das „neue“ Celle durchaus triftige Interessen den Schiffshandel über die Oker zu behindern – schließlich verkörperten die Landverbindung und Flussquerung weiter flussabwärts und die damit verbundenen Zolleinnahmen wichtige Grundlagen der neuen Stadt.[37] Braunschweig gelang der Aufstieg zur Hansestadt - auch ohne auf den Schiffshandel über die Oker angewiesen zu sein, wie bereits Meibeyer herausstellte.[38]

Bild: Alter Okerverlauf nördlich von Sandlingen. Quelle: Preußisches Messtischblatt 1899; Google Earth. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die aufstrebende Stadt Celle an ihrem heutigen Standort von der rückläufigen Nutzung der alten Oker profitieren konnte. Die Handelswaren konnten im Bereich des einstigen „Kreuzenwerders“[39] leicht abgewickelt und verzollt werden. Von hier gelangten sie nach Lüneburg, Hamburg und Bremen – regelmäßig ohne, dass mehrfaches Verladen erforderlich war. Der Aufstieg des „neuen“ Celles bis 1292 belegt die gestiegene Bedeutung der Handelsstraßen. Vor dem Hintergrund, dass es bis 1371 praktisch keine schriftlichen Nachweise einer umfangreichen Schifffahrt auf der Oker gab, passen also plausibel ins Bild.[40] Bis ins hohe Mittelalter ist die Oker daher offensichtlich ihrem natürlichen Bett im Flotwedel gefolgt.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Im Ergebnis gehören die Ausläufer der alten Oker im Wald zwischen Wienhausen und Sandlingen somit zu den letzten Zeugnissen einer regionalhistorisch bedeutsamen Zeit – auch, wenn die Schifffahrt auf der Oker nur indirekt zum Aufstieg der neuen Stadt Celle an ihrem heutigen Standort beitrug.

Hendrik Altmann





[1] Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, Celle 1952, S. 83.
[2] Seiler, Die Aller – ein Fluss verändert seinen Lauf, Celle 2002, S. 45. 
[3] Merian, Ducatus Luneburgensis, 1650-1655; Mellinger, Ducatus Luneburgensis, um 1645.
[4] Krabbe, Chorographia der Hildesheimer Stiftsfehde, 1591.
[5] Karte der „Environs von der Stadt Celle“ 1771, Staatsarchiv Hannover, 31c-1pm.
[6] Hill, Die Stadt und ihr Markt, Bremens Umlands- und Außenbeziehungen im Mittelalter (12. – 15. Jahrhundert), Stuttgart, S. 160 ff.
[7] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[8] Altmann, Die Mundburg – Analyse und Auswertung von Einflussfaktoren auf den möglichen Standort, https://found-places.blogspot.de/2014/03/die-mundburg-analyse-und-auswertung-von.html, abgerufen: 03.04.2017, 21:36 Uhr.
[9] Thangmar, Thangmari Vita S. Bernwardi episcopi Hildesheimensis, in: Lebensbeschreibungen einiger Bischöfe des 10. – 12. Jahrhunderts, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte Bd. 22, Darmstadt 1973, S. 272-361.
[10] Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg bei Wienhausen?, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Stuttgart 2002, Bd. 71, S. 47-51.
[11] Steffens, Historische und diplomatische Abhandlungen in Briefen, Celle 1763, S. 14 ff.
[12] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 20 f.
[13] U.a. in: Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31 ff.; Pröve/Ricklefs, Heimatchronik der Stadt und des Landkreises Celle, Köln 1956, S. 27.
[14] CZ vom 18.07.2014, Archäologen entdecken Hinweise auf Altenceller Hafen; Altmann, Wurde de Altenceller Hafen gefunden?, https://found-places.blogspot.de/2014/07/wurde-der-altenceller-hafen-gefunden.html, abgerufen: 03.04.2017, 22:02 Uhr.
[15] Hansisches Urkundenbuch, Halle 1896, Bd. 4, S. 84; Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 6, Urkunde 610, Magdeburger Urkundenbuch, Halle 1894, Bd. 2, Urkunde 395.
[16] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210. 
[17] Hansisches Urkundenbuch, Halle 1896, Bd. 4, S. 84.
[18] Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 6, Urkunde 610.
[19] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210. 
[20] Magdeburger Urkundenbuch, Halle 1894, Bd. 2, Urkunde 395.
[21] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[22] Thangmari vita Bernwardi ep. c. 7, ap. Pertz IV 761; Altmann, Ein Ort mit Geschichte: Betrachtungen zum Ursprung Wienhausens, CZ v. 15.10.2017.
[23] Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg bei Wienhausen?, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Stuttgart 2002, Bd. 71, S. 47-51.
[24] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31.
[25] Busch, Die Burg in Altencelle – Ihre Ausgrabung und das historische Umfeld, Celle 1990, S. 27f.; Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 13f.
[26] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 20 f.
[27] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 37f.
[28] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 29; Bremisches Urkundenbuch Abt. 12.
[29] Brosius, Urkundenbuch der Stadt Celle, Hannover 1996, S. 1.
[30] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31.
[31] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 37f.
[32] Steffens, Historische und diplomatische Abhandlungen in Briefen, Celle 1763, S. 16.
[33] Engelke, Die Grenzen und Gaue der älteren Diozöse Verden, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 21, Hildesheim 1949, S. 72.
[34] Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 5, Urkunde 350.
[35] Sudendorf, Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Bd. 1, Hannover 1859, Urkunde 187.
[36] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 30.
[37] Cassel, Celler Land im Munde der Vorzeit, CZ v. 12.06.1925.
[38] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[39] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 30.
[40] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.

Montag, 4. September 2017

Hügelgräber zwischen Lachendorf und Gockenholz


Obwohl sie zu den am wenigsten erforschten Bereichen unserer Geschichte gehört, gerät die Ur- und Frühgeschichte oft in Vergessenheit. Das mag auch daran liegen, dass diese Zeit schon sehr lange zurück liegt. Trotzdem befinden sich bis heute Relikte frühester Besiedlungszeiten direkt vor unserer Haustür. Es handelt sich hierbei meist um alte Begräbnisstätten, da diese aufgrund ihrer Beschaffenheit die natürlichen Einflüsse recht gut überdauerten. Während Siedlungsplätze, Gebäude und andere Infrastruktur regelmäßig nur vergleichsweise kurze Zeit bestanden, waren es somit vor allem die Steingräber oder die Brandbestattungen in unterirdischen Urnengräbern, die bis in unsere Zeit überdauerten. 

Um sie zur erforschen muss man sie erhalten - um sie zu erhalten muss man überhaupt erst einmal Kenntnis von ihnen haben. Nicht ganz einfach also, wo man anfängt. Henne oder Ei.

Bis vor 200 Jahren waren noch recht viele Relikte aus Stein- und Bronzezeit im Landschaftsbild vorzufinden. Im Rahmen der umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen - insbesondere der Verkoppelung im 19. Jahrhundert wurden Flächen in landwirtschaftliches Nutzland umgewandelt und "urbar" gemacht. Die kleinen Felder verschwanden und große, schnurgerade Flurstücke entstanden. 

Vielerorts entdecken die Bauern in den Folgejahren eine Vielzahl von Scherben, Werkzeugen und sonstigen Alltagsgegenständen auf ihren Feldern, die nicht selten Grabbeigaben einstiger Bestattungen waren. Manche dieser Funde konnten sogar durch fachkundige Wissenschaftler begutachtet zu werden. Allerdings wurden die meisten Funde außerhalb ihres ursprünglichen Fundzusammenhangs geborgen, sodass sie nur noch wenige Informationen über die einstigen Kulturen verrieten

Auch durch Bauprojekte sind diese historischen Relikte gefährdet. Als regionales Beispiel mag hier die Behandlung der Hügelgräber zwischen Lachendorf und Gockenholz dienen. Bereits in der Aufstellung der "Vor- und frühgeschichtlichen Alterthümer der Provinz Hannover" von Studienrath Dr. J. H. Müller aus dem Jahr 1893 finden die Gräber Erwähnung. Nach dieser Beschreibung handelte es sich um 14 in der Lachteheide bei Gockenholz befindliche Erddenkmäler. Diese besaßen einen Umfang von 48 - 80 Schritten und maßen immerhin eine auffällige Höhe von 87 - 116 cm. 

Diese Anzahl (14) deckt sich mit der ersten Erwähnung der Hügelgräber gemäß der Verkoppelungsunterlagen des Ortes Gockenholz. Diesen zufolge befanden sich im Jahr 1853 die 14 Hügelgräber auf dem Land des Vollmeiers Schumeier. Dieser war verpflichtet, die Gräber in ihrer Lage zu belassen und sie einzufrieden. Darüber hinaus musste er jedem Zutritt gewähren. Als Entschädigung hierfür erhielt der Eigentümer einen Morgen Land der 9. Klasse an der Heide. 

Es spricht also einiges dafür, dass die Gockenholzer Hügelgräber zumindest in der ersten Zeit nach der Verkoppelung einen gewissen Schutz erfuhren. Die Lage der Gräber im Bereich der ehemaligen Flur der Lachteheide wird unter anderem auch durch das Preußische Messtischblatt von 1899 bestätigt. 

Bild: Lage der Hügelgräber. Quelle: Preuß. Messtischblatt, 1899; Google Earth. 


Lange währte die Ruhe der Gräber jedoch nicht mehr. Durch den Ausbau der Straße sowie der Eisenbahnlinie Celle - Wittingen mussten bereits einige der Gräber weichen. Die Eisenbahnlinie ging im Jahr 1904 schließlich in Betrieb. Fünf der Grabhügel waren dem Straßen- und Eisenbahnbau zu Opfer gefallen. Zwei weitere wurden durch den Superintendenten Woltmann ausgegraben - die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind jedoch unbekannt. 

Es blieben von den einst 14 Grabhügeln also noch 7 übrig. Von diesen lagen 5 nördlich der Bahnlinie auf einer Weide des Bauern W. Alps. die beiden anderen Grabhügel lagen im  spitzen Dreieck der Straße zwischen Celle und Beedenbostel und der Bahnlinie - ebenfalls auf einer Weide des Bauern W. Alps. 


Bild: Bahnlinie im Bereich der Hügelgräber. Quelle: H. Altmann. 


Die Gräber nördlich der Bahnlinie wurden zwischen dem 23.09.1938 und dem 19.10.1938 auf Veranlassung des Provinzialmuseums Hannover ausgegraben. Die Weide auf der sich die Grabhügel befanden sollte in Ackerland umgewandelt werden. Es handelte sich somit um eine Notgrabung der gefährdeten Bodendenkmäler. 

Die nachfolgenden Informationen gehen auf den Schulaufsatz des Gockenholzer Dorfschullehrers Hans-Jürgen Kruse zurück, der die Grabungen persönlich mehrfach besuchte (Lüneburger Heimatkalender, Jg. 1967, S. 76f.). 

Zunächst wurden die Grabhügel vermessen und ihre genaue Lage verzeichnet. Im Rahmen der eigentlichen Grabungsarbeiten wurden die Hügel Schicht um Schicht abgetragen, wobei auf besondere Bodenverfärbungen geachtet wurde. In einem der Hügel wurden rechteckige Spuren vorgefunden, die nach Meinung des Archäologen Dr. Scholler von einstigen Heideplacken stammen mussten. Man vermutete daher, dass das Grab aus einer Zeit stammen musste, als ringsherum bereits Heide vorhanden war. Hieraus wiederum schlossen die Archäologen, dass einst schon Weidevieh gehalten wurde. Das Grab wurde auf die frühe Bronzezeit bzw. späte Steinzeit datiert. 

Da man im zweiten Grabhügel ein vollständig bestattetes Skelett vorfand, sah man diese Annahme der Datierung bestätigt. Für spätere Zeitstellungen hätte man eine Brandbestattung erwarten können. 

Neben der Bestattung fand man im Grabhügel scheinbar auch Pfostenlöcher vor. Diese entstehen grundsätzlich durch Reste hölzerner Bebauung. Vorliegend reichten die Pfostenlöcher bis in den gewachsenen Boden hinein. Man stellte darüber hinaus sogar Spuren einer Palisadeneinfassung und eines Hauses fest. Vom letzteren fehlten jedoch Wände, sodass nicht geklärt werden konnte, was es hiermit auf sich hatte. 

Im zweiten Grabhügel fand man in der Ost-West-Wand ein Skelett, das lang ausgestreckt lag, die Arme dicht am Körper. Der Kopf lag nach Westen auf einem Sockel, sodass der Blick genau nach Osten gerichtet war. 

Im dritten Hügel fand man eine Urne, die der sogenannten Wessenstedt-Stufe zugeordnet wurde. Die Urne enthielt ein Beigefäß und Leichenbrand, der später in Lachendorf untersucht wurde. Die Urne wurde auf die frühe Eisenzeit datiert. Scherben von weiteren Urnen ließen auf mehrere Nachbestattungen in diesem Grabhügel schließen. Im Grabhügel fand man darüber hinaus eine Bronzespirale, teile eines bronzenen Armrings mit Verzierungen und einige Erdklumpen mit bronzener Patina. Es befanden sich zudem noch vier große Feldsteine im Grab, die etwa einen Ring um die Hügelmitte bildeten. Dies war ebenfalls im vierten Grabhügel der Fall. 

Der fünfte Grabhügel war bereits durch eingegrabene Zaunpfosten beschädigt worden. In ihm konnten außer einer Tonscherbe keine besonderen Funde sichergestellt werden. 

Luftbilder aus dem Jahr 1993 belegen die Lage der Grabhügel möglicherweise durch erkennbare Bewuchsmerkmale

Bild: mögliche Bewuchsmerkmale im Bereich der Bahnlinie / Heideeck, Lachendorf / Gockenholz. Quelle: Luftbild-Nr. 1804, Nds. Lds. Verw. Amt Landesvermessung, aufgenommen durch Aerowest Photogrammetrie GmbH. 


Es stellt sich die Frage, was mit den verbliebenen zwei Grabhügeln südlich der Bahnlinie geschah. Aus den Aufzeichnungen Kruses gehen hierzu keine weiteren Informationen hervor. Heute erstrecken sich auf beiden Seiten der Bahnlinie die Anbauflächen einer Obstplantage. 

Als auffälliges Landschaftsmerkmal ist das sogenannte "Franzosengrab" auf der gegenüberliegenden Seite der L 282 erhalten geblieben. Es handelt sich um einen kleinen Hügel, der von alten Bäumen gesäumt ist. Er liegt ebenfalls im Bereich der ehemaligen Lachteheide. Aus historischer Sicht wurde lange angenommen, dass dieses Bodendenkmal mit der Zeit des Siebenjährigen Krieges in Verbindung stehen könnte. Möglicherweise ist sein Ursprung allerdings auch schon weit vorher zu suchen. Es könnte sich grundsätzlich auch um einen letzten verbliebenen Grabhügel handeln. Da Bahnstrecke und Landstraße in einiger Entfernung angelegt wurden, könnte dieser Grabhügel bis heute überdauert haben. 

Bild: Obstplantage und Heideeck heute. Quelle: H. Altmann. 


Die vor- und frühgeschichtlichen Entwicklungen sind vor Ort noch nicht genügend erforscht, um eine abschließende Aussage zum Hintergrund der Hügelgräber zu treffen. In einigen älteren Darstellungen werden sie einem größeren Gräberfeld im Bereich des ehemaligen Allerurstromtals zugeordnet. Belege für diese These stehen jedoch weitgehend noch aus.

Auffällig ist vor allem, dass die Gräber in unterschiedliche Entwicklungsstufen und Epochen datiert wurden. Handelte es sich also tatsächlich um einen dauerhaften Siedlungsplatz, der mehrere Jahrhunderte Bestand hatte? Möglicherweise können neue Erkenntnisse regionaler Nachforschungen Licht ins Dunkel bringen. Diese wurden bislang allerdings lediglich theoriemäßig erfasst und warten derzeit noch auf fachkundige Begutachtung. 

Sollte es sich bei den, in den 30er-Jahren aufgefundenen Spuren von Pfostenlöchern allerdings tatsächlich um Gebäudereste handeln, könnte dies die Frage nach dem historischen Hintergrund neu aufrollen. 

Bild: Obstplantage und Heideeck heute. Quelle: H. Altmann. 


Es bleibt spannend am östlichen Ausgang des alten Waldgebietes im Landkreis. Die "Sprache" hält wohl noch so manches Geheimnis bereit. Der vorgestellte Fall beweist jedoch, dass künftige Bebauung nur unter unbedingter Berücksichtigung der möglicherweise noch vorhandenen Bodendenkmäler erfolgen sollte. 

H. Altmann