f Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 27. Januar 2021

Hambühren, Sonnabend 26. November 1944: „Aufsicht bei 275 Judenfrauen“


Im Frühjahr 1944 entstand tief unter Hambühren eine Großbaustelle. Für das geheime untertägige Rüstungsprojekt „Hirsch“ musste auch oberirdisch Infrastruktur geschaffen werden. Die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG beschäftigte zeitweise hunderte weibliche jüdische KZ-Häftlinge vor Ort. 

Mit dem Bau der Lufthauptmunitionsanstalt Hambühren 1/XI wurde bereits zur Mitte der 1930er Jahre begonnen.[1] Die Rüstungseinrichtung, deren Ausdehnung große Teile der heutigen Gemeinde Hambühren und Ovelgönne vereinnahmte, konnte bis zum Kriegsende nicht vollständig fertiggestellt werden. Der voranschreitende Kriegsverlauf, die zunehmende Bedrohung durch alliierte Luftangriffe und das hiermit verbundene Erfordernis sicherer Produktionsstätten bescherten Hambühren allerdings noch zusätzliche Rüstungsprojekte. 

Am 3. Mai 1944 wurde im Rahmen einer Tagung des Jägerstabs in Lüneburg, an der alle Dienststellen und Behörden der Rüstungsinspektion XI teilnahmen, der Firma Focke-Wulf die Grube Prinz Adalbert bei Hambühren zugewiesen.[2] Untertage sollte eine sichere Produktionsstätte für Flugzeugteile eingerichtet werden. Der Ausbau der Grube bzw. einzelner Abschnitte sowie der Schachtanlagen, die mit den Tarnnamen „Hirsch I“ und „Hirsch II“ versehen waren, stand unter der Leitung eines Regierungsbaurates als Sonderdezernent des Baubevollmächtigten im Rüstungsministerium unter Albert Speer.[3]

Die Realisation des Vorhabens gestaltete sich jedoch schwierig, da die Schachtanlagen bereits im Jahr 1926 stillgelegt worden waren, „sodass alles Material vom Schienennagel bis zur Fördermaschine erst beschafft werden“ musste.[4] Während die untertägigen Ausbaumaßnahmen Anfang des Jahres 1945 keineswegs abgeschlossen waren,[5] liefen die oberirdischen Arbeiten bis Ende des Jahres 1944 auf Hochtouren. Zu dieser Zeit war bereits die Oberbauleitung Ost-Hannover-Süd der Einsatzgruppe „Hansa“ der Organisation Todt (OT) in Hambühren untergebracht.[6]

Im August des Jahres 1944 gelangten 400 jüdische Frauen in einem ersten Transport aus Auschwitz über das KZ-Bergen-Belsen in das Lager III nach Hambühren/Ovelgönne.[7] Dieses Barackenlager befand sich östlich des heutigen Wiesenwegs in Ovelgönne – in Höhe der Einmündung des Ostlandrings.[8] Aufsicht über das – auch als „Waldeslust“ bezeichnete - Lager III führte SS-Oberscharführer Karl Heinrich Reddehase.[9] Er wurde am 16.05.1946 vom britischen Militärgericht in Celle zum Tode verurteilt und am Morgen des 11.10.1946 im Zuchthaus Hameln gehängt.[10]



[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 33.
[2] Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüneburg 01.04.-30.06.1944, NLA Nds. 800 Acc. 2014/036 Nr. 16.
[3] Ebd.
[4] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 31.07.1944, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[5] Schreiben des Bergamtes Celle an das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld zum Stand der Verlagerungsaktion vom 23.01.1945, NLA BaCl Hann. 184 Acc. 9 Nr. 3750.
[6] Stellenbesetzung bei OT-Oberbauleitungen, Bundesarchiv R 50-I/59.
[7] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[8] G.S.G.S. Map, Winsen (Aller), Sheet 3325, 1:25:000; 4th Edition.
[9] Deposition of Karl Heinrich Reddehase, 30.01.1946.
[10] Fabisch, Muna Hambühren, S. 59.

Bild: Transportverlauf bis nach Waldeslust (Hambühren); Quelle: DEGOB; Goldberger; 1946. 

Die Zusammenhänge des Lagers III „Waldeslust“ wurden bereits umfassend recherchiert[1] - allerdings war über die Beteiligung ortsansässigen Unternehmen im Zusammenhang mit der Beschäftigung von KZ-Häftlingen bis heute wenig bekannt. Bekannt dagegen ist die lange Liste von Firmen und Handwerksbetrieben, die damals in Hambühren tätig waren – schließlich wurden die Betriebe vor Ort zur Gewerbesteuer veranlagt.[2] 

Ein Abgleich der Geschäftsfelder der ortsansässigen Betriebe mit den Tätigkeitsbeschreibungen überlebender ehemaliger KZ-Häftlinge zeigt Übereinstimmungen. Ehemalige Häftlinge gaben an, dass sie unter anderem im Straßenbau arbeiten mussten.[3] Die Landwirtin und Zeitzeugin Frieda Glier aus Ovelgönne bestätigte dies am 26. Juni 1947 im Gespräch mit der Redakteurin Hanna Fueß wie folgt:[4]

„Die Jüdinnen, die hier waren, arbeiteten an der Oldauer Straße, etwa 40 bis 50 Frauen; sie luden Steine ab und bauten das Fundament für Baracken in der Ausschachtung. Die Jüdinnen lagen im Lager III, das war an der neuangelegten Straße von Hambühren bis Oldau, es war früher ein Waldweg. Frauen in feldgrauer Kleidung waren als Bewachung bei ihnen.“




[1] Fabisch, Muna Hambühren, S. 58 ff.; Wienecke, Besondere Vorkommnisse nicht bekannt, S. 154 ff; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284; Plattner, in: Füllberg-Stolberg/Jung/Riebe/Scheitenberger: Frauen in Konzentrationslagern, S. 75f.
[2] Gemeindearchiv Hambühren, Fach 67 Nr. 7, Gewerbesteuer Hambühren 1935-1951.
[3] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 284.
[4] Glier, in: Schulze Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945 – 1949, S. 94.

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Bild: Lage ds Lagers Waldeslust in Hambühren; Quelle; War Office Map 1945; Google Earth. 

Straßenbauarbeiten wurden zu dieser Zeit insbesondere durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ausgeführt. Das bereits im Jahr 1910 gegründete, in Westercelle ansässige, Unternehmen wurde nach dem Tod des Gründers im Jahr 1928 von dessen Schwiegersohn, Helmut Thiele, weitergeführt.[1] 

Thiele war Mitglied der Wirtschaftsgruppe Bauindustrie[2] - in den 30er Jahren erhielt das Bauunternehmen diverse Großaufträge verschiedener Truppengattungen. So war es vor Kriegsbeginn unter anderem am Bau der Heeresmunitionsanstalt Scheuen, der Anlage von Gleisanlagen in Unterlüß, Bauarbeiten auf dem Flugplatz Dedelstorf und Arbeiten im Bereich des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne beteiligt.[3]




[1] Möller, Celle-Lexikon, S. 224.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71.
[3] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15f.

Bild: Straßenbauarbeiten an der Straße Unterlüß-Lutterloh durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1937. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Deutschlandweit war das Westerceller Unternehmen auf diversen Baustellen eingesetzt und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges intensivierte sich das Auftragsvolumen. Zwischen 1943 und 1945 rechnete das Unternehmen gegenüber der Einsatzgruppe Russland-Süd der Organisation Todt (OT), Oberbauleitung Lützow ab – bei Kriegsende bestanden noch erhebliche Restforderungen aus dem „Fronteinsatz Westküste“.[1]




[1] Schreiben betreffend Gesamtforderungen der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vom 26.09.1945, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.

Bild: Einbindung der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG in die Ogranisation Todt. Quelle: Firmenchronik S. 17.

Eigenen Angaben zufolge standen die Auslandstätigkeiten in Bezug auf die OT in Zusammenhang mit Straßen-, Bahnhofs- und Gleisbauarbeiten in der Ukraine sowie Arbeiten am Atlantikwall in Frankreich.[1] Dort wurden eine Festungsanlage an der Steilküste zwischen Le Pornichet und Le Croisic sowie die Flakstellungen auf der Höhe 16 erbaut.[2] Aber auch in unmittelbarer Nähe des Westerceller Firmensitzes war das Bauunternehmen unter der Leitung von Helmut Thiele im Zuge von Baumaßnahmen während des Krieges tätig. 




[1] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.
[2] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 17f.

Bild: Gleisbauarbeiten bei Ehlershausen durch die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG im Jahr 1938/1939. Quelle: Firmenchronik S. 18. 

Viele der Arbeiten konnten bis Kriegsende nicht vollständig abgeschlossen werden – mehrere Rechnungen gegenüber den jeweiligen Oberbauleitungen der OT blieben daher unbeglichen. Dieser Umstand veranlasste die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG die offenen Gesamtforderungen in Höhe von 543.074,42 Reichsmark mit Schreiben vom 26. September 1945 an den Leiter der Abrechnungsstelle der Oberbauleitung Wiesbaden und Giessen, geltend zu machen - unterzeichnet durch Helmut Thiele.[1]

Eine, dem Schreiben beigefügte, Rechnungsaufstellung enthält die Rechnung Nr. 5326 vom 19. Juni 1945 an die OT Oberbauleitung Ost-Hannover Hambühren i.H.v. 2.294,14 Reichsmark.[1] Gegenstand der Rechnung war folgender: „Auf Schacht I Lagerplatz für Packlage hergestellt, Steine losgebrochen, gesammelt und aufgeladen in der Zeit vom 1.-30.11.44.“[2] Die in der Rechnung aufgeführten Positionen beinhalten 1.975 Tagwerke für „ausländische Arbeiterinnen“, die á 70 Pfennig zuzüglich 20 % Unkostenpauschale angesetzt worden sind.[3] 

Die beiliegende Einzelaufstellung der Tagelohnarbeiten belegt, dass diese 1.975 Tagwerke von jüdischen Frauen verrichtet worden sind.[4] Zwischen dem 01.11.1944 und 29.11.1944 arbeiteten demnach jeden Tag – auch an Sonntagen – mindestens 40 - in Spitzenzeiten hunderte jüdische Frauen an dem Bauprojekt.[5] Eine handschriftlich ausgefüllte Tätigkeitsliste belegt, dass darin namentlich genannte Aufsichtspersonen bis zu 10 Stunden täglich Aufsicht bei „Judenfrauen“ führten.[6] Am Sonntag, den 26. November 1944 wurden demnach 275 jüdische Frauen beaufsichtigt.[7]

Bild: Standort des ehemaligen Lagers "Waldeslust" - heute der Ostlandring in Ovelgönne. Quelle: H. Altmann; 09/2019.

Eine ähnliche Rechnung, nebst beiliegender Aufstellung über die Tagelohnarbeiten, datiert auf den 20. Juni 1945. Darin wurden 400 Tagwerke ausländischer Arbeiterinnen – ebenfalls á 70 Pfennig, zuzüglich 20 % Unkostenpauschale – für die „Baustelleneinrichtung in Oldau sowie Gleistransport und Gleisbau in der Zeit vom 20.11. bis 30.11.1944“ abgerechnet.[8] Es liegt nahe, dass die ausländischen Arbeiterinnen bei diesem Arbeitseinsatz ebenfalls Jüdinnen aus dem Lager III waren. Im Februar 1945 wurde das Lager III aufgelöst – die vor Ort befindlichen Jüdinnen wurden in das KZ Bergen-Belsen gebracht.[9]

An anderen Orten scheint das Vorgehen ähnlich gewesen zu sein. Mit Hinblick auf Bautätigkeiten in Unterlüß liegt nahe, dass die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ebenfalls jüdische KZ-Häftlinge eingesetzt hat. In einem Schreiben an die Gemeinde Unterlüß vom 29. Januar 1945 wird das Bauunternehmen neben weiteren Betrieben genannt, die Frauen aus dem sogenannten Tannenberglager bei Altensothrieth – rund 6 km westlich von Unterlüß – beschäftigt haben.[10] Auch in diesem Fall gaben überlebende Häftlinge an, dass sie unter anderem zu Straßenbauarbeiten eingesetzt worden waren.[11]. Und auch in diesem Fall war die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG vor Ort mit derartigen Baumaßnahmen beauftragt.[12]

In der Nachkriegszeit steigerte die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG ihr Auftragsvolumen nochmals. Helmut Thiele ließ am Sitz der Firma in Westercelle im Jahr 1965 einen Neubau der Verwaltungszentrale errichten.[13] 

Das Unternehmen verfügte über eine vielseitige Auftragslage: Baumaßnahmen am Autobahnkreuz Hannover-Ost, Straßenbaumaßnahmen, Ausbau der Südtangente bei Celle, Errichtung von Sportanlagen – u.a. in Nienhagen, Bau des Allerwehres bei Osterloh, Regulierung der Aller im Bereich Altencelle bis Schwachhausen, Kanalbau, Ingenieurbauprojekte, Brückenbauten – u.a. Bau der Straßenbrücke über die Aller am Harburger Berg im Jahr 1952, Bau der Kläranlage der Stadt Celle, Bauarbeiten für die Papierfabrik in Lachendorf, uvm.[14] Im Jahr 1973 wurde der Finkenweg in Westercelle in die Helmut-Thiele-Straße umbenannt.[15]




[1] Ebd.
[2] Rechnung vom 19.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[3] Ebd.
[4] Aufstellung der Tagelohnarbeiten für die OT-Bauleitung Hambühren auf Schacht I, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[5] Ebd.
[6] Handschriftliche Aufstellung für die OT-Bauleitung in Hambühren der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[7] Ebd.
[8] Rechnung vom 20.06.1945 für die vormalige OT-Bauleitung Ost-Hannover in Hambühren, Bundesarchiv, R/50/I 687 51 M 1 05.
[9] Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 285.
[10] Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG an die Gemeinde Unterlüß vom 29.01.1945, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[11] Wolf, DEGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945; Horstmann, in: Margargee, Encyclopedia of camps and ghettos 1933-1945, S. 286.
[12] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 15; Schreiben der Rheinmetall-Borsig AG betreffend der gewerblichen Niederlassung auswärtiger Firmen in Unterlüß vom 10.07.1944, Gemeindearchiv Unterlüß, Karton 23 Nr. 2.
[13] Firmenchronik, Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, S. 10.
[14] Ebd. S. 19 ff.
[15] Straßenverzeichnis, Straßenumbenennungen und entfallene Straßen Stadt Celle, Stand 10/2017, S. 1.

Bild: Neubau der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG, Hauptverwaltung Westercelle, erbaut im Jahr 1965. Quelle: Firmenchronik S. 10. 

Bild: Ehemaliges Hauptverwaltungsgebäude der Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

In einer umfassenden Auswertung untersuchte eine Bewertungskommission die Celler Straßennamen und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus. [1] Hierin wurde u.a. festgestellt, dass Thiele, „da der Gewinn seiner Firma in den Jahren 1937 bis 1944 exorbitant (auf durchschnittlich über ein Zehnfaches) angestiegen war (...) als typischer Nutznießer des NS-Systems (galt), der aufgrund seiner zahlreichen Mitgliedschaften in den verschiedenen NS-Organisationen mit lohnenden Rüstungsaufträgen betraut wurde. Ob weitere Erklärungen von Thiele und ein Gutachten diesen Vorwurf tatsächlich entkräften, konnte im Rahmen dieser Recherche nicht geklärt werden“, schloss die Stellungnahme seinerzeit zu Helmut Thiele.[2]



[1] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 71f.
[2] Strebel, Es ist nicht ganz einerlei, wie die Straße heißt, in der man wohnt – Straßennahmen in Celle und personelle Verbindungen mit dem Nationalsozialismus, S. 72.


Bild: Helmut-Thiele-Straße in Westercelle. Quelle: H. Altmann, 09/2019. 

Die Bewertungskommission kam später hinsichtlich Helmut Thiele zu der in seiner Einschätzung, dass das Material nicht für eine Umbenennung ausreiche.[1] In der dritten Sitzung der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle stimmten die Anwesenden dieser Einschätzung zu – der Straßenname blieb, da seinerzeit keine entsprechenden Belege vorlagen.[2]

Quellenseitig ist belegt, dass sich die Friedrich Marahrens Nachf. Helmut Thiele KG insbesondere in den letzten Kriegsjahren günstiger Arbeitskräfte bediente, die sich – wie im Fall von Hambühren – teilweise auch aus KZ-Häftlingen zusammensetzten. Diese Ereignisse fanden nicht in fernen Ländern statt, sondern in ca. 10 km Entfernung vom Westerceller Firmensitz. 

So spannend Rüstungsprojekte, wie die untertägige Flugzeugproduktion in Hambühren auch sein mögen, darf nicht in Vergessenheit geraten, dass sie zu erheblichen Teilen auf einem Fundament der Ausbeutung und des Unrechts errichtet worden sind.

H. Altmann




[1] Stadt Celle, Bewertung Jantzen, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20618.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:30 Uhr.
[2] Protokoll der Bewertungskommission zu Straßennamen in Celle am 03.09.2010, 11 Uhr, https://www.celle.de/Startseite/Volltextsuche/index.php?La=1&NavID=2727.2&object=med,342.20614.1.PDF, Abgerufen am 06.11.2019 um 23:37 Uhr.


Nachtrag vom 09.05.2025: 

Eine Gruppe von Schülern des Hölty-Gymnasiums hat im Rahmen einer Projektarbeit unter Leitung des Jugendbildungsreferenten der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover eine Gedenktafel gestaltet. Der Erinnerungsort wurde am 08.05.2025 am Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers "Waldeslust" eingeweiht. Weitere Informationen: Celler Presse: Vor dem Vergessen bewahrt – Hölty-Schüler schaffen Erinnerungsort




Mittwoch, 13. Januar 2021

Spektakulärer Waffenfund bei Bokel im Landkreis Gifhorn


Was ein spektakulärer Fund von Waffen und Ausrüstungsgegenständen über die letzten Kriegstage in den Landkreisen Celle und Gifhorn verrät. 

Es ist eher ungewöhnlich aber nicht gänzlich ausgeschlossen, dass 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch Relikte auftauchen, die mehr sind als nur bloße Fundstücke. Als im Jahr 2004 zwölf Aktenordner mit Dokumenten – dem schriftlichen Nachlass der 4. Armee – in einem Waldstück im Grenzbereich der russischen Exklave Kaliningrad (ehem. Königsberg) und Polen gefunden wurden, war dies eine Sensation. Vielleicht etwas weniger ungewöhnlich aber nicht weniger geschichtsträchtig ist nun der Fund von rund 90 Stahlhelmen und mehreren Waffen im beschaulichen Bokel im nördlichen Landkreis Gifhorn. Spektakulär ist, dass diese militärischen Überbleibsel offenbar weitere Erkenntnisse zum Kriegsende liefern. 

Am 7. Januar 2021 berichtete zuerst das Isenhagener Kreisblatt, wie ein Bokeler bei der Suche mit einem Metalldetektor auf dem eigenen Grundstück auf die Kriegsrelikte gestoßen war. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst rückte aus und entfernte die teilweise scharfen Kriegsrelikte. Es handelte sich um mehrere Maschinengewehre, Panzerfäuste, Handgranaten sowie um besagte rund 90 deutsche Stahlhelme. 

Insbesondere die Anzahl der Helme lässt aufhorchen, da man schließlich annehmen kann, dass in jedem dieser Helme damals ein Kopf gesteckt haben könnte – es also eine größere Ansammlung von Soldaten vor Ort gegeben haben müsste. In welchem Zusammenhang die Waffen und Ausrüstungsgegenstände auf das Grundstück gelangten, war bislang jedoch unklar. Im Ort konnte sich bisher niemand an entsprechende Ereignisse aus jener Zeit erinnern. Was war damals geschehen? 

Bild: Panzerfäuste in einer Kiste. Quelle: US Military Intelligence Service, War Department, German Infantry Weapons, 1943. 

Am Morgen des 12. April 1945 waren britische Einheiten in Celle einmarschiert und hatten es geschafft, an diversen Stellen die Fuhse und die Aller zu überqueren. Zwar hatte Generalmajor Paul Tzschökell die Sprengung der wichtigen Allerbrücken im Stadtgebiet veranlasst[1] – den alliierten Vorstoß konnte dies aber nur für einige Stunden bremsen. Der Zeitgewinn sollte dazu dienen, eine mutmaßliche Verteidigungslinie in Höhe Unterlüß-Weyhausen aufzubauen, berichtete der Generalmajor später nach Kriegsende. 

Trotz mehrerer Straßensprengungen der ehemaligen Reichsstraße (heute: B191) zwischen Celle und Weyhausen, gelang es britischen Verbänden, die deutsche Verteidigung auszuhebeln und in nordöstliche Richtung vorzustoßen. Generalmajor Tzschökell konnte einer Vereinnahmung durch britische Einheiten nur noch knapp entkommen – ein schwerer britischer Panzer stand bereits vor dem Haus in dem er Quartier bezogen hatte.[2] Schon am 14. April 1945 standen die Briten kurz vor Uelzen. 

Bild: Maschinengewehr 42. Quelle: US Military Intelligence Service, War Department, German Infantry Weapons, 1943. 

Ohnehin war die militärische Lage für die Reichsführung mehr als aussichtslos geworden. Im Osten gab es kein Halten für die Rote Armee. Im Westen waren britische und US Truppen seit Überschreiten des Rheins weit ins Landesinnere vorgedrungen und hatten dabei nahezu die gesamte Heeresgruppe B im sogenannten „Ruhrkessel“ vom Nachschub und Anschluss an die eigene Truppen abgeschnitten. 

In dieser, an sich ausweglosen, Situation wurde vom Generalstab des Heeres am 4. April 1945 mit dem Befehl „Zeppelin 2648“ die Aufstellung der 45. Panzerdivision „Clausewitz“ befohlen. Zusammen mit der ebenfalls neu aufzustellenden RAD-Infanteriedivision „Schlageter“ sowie Resten der zuvor bei Wesel aufgeriebenen 84. Infanteriedivision sollte die Pz.Div. Clausewitz das XXXIX. Panzer-Korps bilden, dass eigentlich zusammen mit der 12. Armee unter General Walther Wenck östlich der Elbe operieren sollte.[3] 

Durch den schnellen Vormarsch – insbesondere der 5. US Panzerdivision – bis an die Elbe, wurde vom ursprünglichen Vorhaben abgelassen. Stattdessen sollte die Pz.Div. Clausewitz nun aus dem Raum Uelzen in südliche Richtung vorstoßen, dabei den britischen sowie den US Vormarschkorridor durchqueren und sich im Harz mit der dort stehenden 11. Armee vereinigen. [4] Tatsächlich waren die erforderlichen Einheiten bis Mitte April noch nicht vollständig aufgestellt und befanden sich noch in Entstehung, als die Briten die Stadt Celle bereits hinter sich gelassen hatten. 

Bild: Bokel im Jahr 1944, die britischen Truppen trafen aus südwestlicher Richtung ein. Quelle: War Office, G.S.G.S. Map 1:25.000, sheet 3129 Wieren, published 1944, public license. 

Was damals in Bokel, Luftlinie ca. 15 km südlich von Uelzen geschah, lässt sich anhand der britischen Militärberichte gut nachvollziehen. So heißt es im War Diary des 4th Tank Battalion „The Coldstream Guards“ für den 14. April 1945, dass sich die Panzer und Infanterie bei Sprakensehl neu formierten und anschließend in nordöstliche Richtung auf Bokel vorgingen.[5] Weiter heißt es darin, die Einheiten seien in Bokel nicht auf Widerstand gestoßen, jedoch habe sich eine Anzahl deutscher Soldaten kampflos ergeben. Der Vormarsch des 4th Tank Battalion führte weiter in nördliche Richtung auf Nienwohlde / Nettelkamp / Stadensen, wo sich in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 ein schweres Nachtgefecht mit gepanzerten Einheiten der in Aufstellung befindlichen 45. Pz.Div. Clausewitz zutrug. 

Im War Diary des 15th Scottish Reconnaissance Regiment (Aufklärung) heißt es für den Nachmittag des 14. April 1945, dass Bokel gegen 16:10 Uhr feindfrei erklärt wurde und 170 PW ( = Prisoners of War, Kriegsgefangene) gemacht worden waren.[6] Die deutschen Soldaten wurden laut Bericht offenbar vollkommen durch die britischen Einheiten überrascht. 

Bild: Blick auf Bokel aus Richtung Behren. Der Ort Bokel befindet sich in einer Tallage, tiefer als das Umland. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Dieser Ablauf des 14. April 1945 wird gestützt durch Aussagen von Zeitzeugen, die sich in der Bokeler Ortschronik finden. So berichtete Irene Plieth, dass am 14. April 1945 deutsche Soldaten mit LKW-Kolonnen aus Richtung Behren angekommen waren, die im Ort mit Nahrungsmitteln versorgt wurden.[7] Aus Richtung Behren/Sprakensehl anrückende britische Einheiten nahmen die Ansammlung deutscher Soldaten unter Feuer, wobei zwei deutsche Soldaten tödlich getroffen wurden. 

Bei den Toten handelte es sich um den Obergefreiten Hans Hahn, geb. 15.08.1902 und den RAD-Mann Werner Schmetjen, geb. 24.09.1927 – letzterer war also gerade einmal 17 Jahre alt. Beide wurden auf dem Bokeler Friedhof bestattet. 

Die restlichen gefangengenommenen deutschen Soldaten wurden über Nacht in einer Scheune in Bokel eingesperrt und am 15. April 1945 abtransportiert, so Irene Plieth. 

Bild: Soldatengräber auf dem Friedhof Bokel. Quelle: H. Altmann, 2021. 

Vor diesem Hintergrund scheint naheliegend, dass die gefundenen Waffen und Ausrüstungsgegenstände von jenen deutschen Soldaten stammen dürften, die am 14. April 1945 durch britische Truppen in Bokel überrascht und gefangen genommen worden sind. Insbesondere die große Anzahl gefundener Stahlhelme spricht dafür, dass hier ein Zusammenhang vorliegen könnte. Auch die Fundumstände legen nahe, dass das Kriegsmaterial „entsorgt“ werden sollte. Ob dies vor oder nach Eintreffen der britischen Truppen geschah, bleibt ungewiss. 

Im Regelfall wurden Waffen und andere militärisch relevante Gegenstände unmittelbar nach Ankunft der Alliierten unbrauchbar gemacht. Man fürchtete Partisanen- bzw. sogenannte „Werwolf-“Angriffe. Es wäre daher ungewöhnlich, dass die britischen Truppen ein derart großes Waffenarsenal offen zurückgelassen hätten. Nicht auszuschließen ist, dass die Waffen und Ausrüstungsgegenstände auf anderen Wegen nach Bokel gelangten. Möglicherweise könnten die nun aufgefundenen militärischen Gegenstände von den schweren Gefechten bei Nettelkamp / Stadensen stammen. Die Zusammenstellung der Funde spricht aber eher dafür, dass sich im Ort deutsche Truppen abgerüstet haben und erscheint vor dem Hintergrund der militärischen Berichterstattung durchweg plausibel. 

Im Ergebnis bleibt die Erkenntnis, dass auch 76 Jahre nach Kriegsende noch Funde gemacht werden, die Aufschluss über die Abläufe jener Zeit geben können. Vermutlich wäre die Geschichte um das Kriegsende in Bokel ohne diesen beachtlichen Fund noch länger im Dunkeln geblieben. 

Nichtsdestotrotz zeigt der Fund auch, dass die Nutzung von Metalldetektoren berechtigterweise einigen Vorgaben unterliegt. In Niedersachsen ist für die Suche nach im Boden verborgenen Objekten mithilfe eines Metalldetektors eine sogenannte Nachforschungsgenehmigung (NFG) erforderlich - hierauf verweis ebenfalls der Gifhorner Kreisarchäologe, Dr. Eichfeld (Braunschweiger Zeitung v. 13.01.2021). Die NFG kann bei der örtlich zuständigen unteren Denkmalbehörde beantragt werden und ist an weitere Voraussetzungen geknüpft. Weitere Informationen hierzu sind beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege verfügbar. 

H. Altmann 


Weitere Informationen:


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[1] U. Saft, Krieg in der Heimat, S. 79f. 


[2] U. Saft, Krieg in der Heimat, S. 241. 


[3] Unrein, Bericht über Einsatz der Panzerdivision „Clausewitz“. 


[4] Gellermann, Die Armee Wenck – Hitlers letzte Hoffnung, S. 32ff. 


[5] War Diary 4th Tank Battalion „The Coldstream Guards“ für den 14. April 1945. 


[6] War Diary 15th Scottish Reconnaissance Regiment für den 14. April 1945. 


[7] Irene Plieth, in: Karfeld/Wagner/Cohrs/Cohrs/Helms/Karfeld/Plieth/Schulenburg: Bokel – ein Dorf, wie es im Buche steht.