f 2026 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 4. März 2026

Bombenteppich ging südlich von Altencelle nieder

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  


Ein missglückter Luftangriff verwandelte die Feldmark zwischen Bockelskamp und Altencelle im März 1945 in eine Kraterlandschaft.

Aus Celle kommend, vor dem ehemaligen Bahnübergang an der heutigen Bundesstraße 214, klafft neben der Fahrbahn ein tiefer Erdtrichter. Weitere markante Vertiefungen sind in einem kleinen Eichenwäldchen rund 230 Meter südlich des Bruchkampwegs zu finden. Auch in einem Kiefernwald, rund 400 Meter östlich der Altenceller Trift, befindet ein großes, kreisrundes Loch im Boden. Es ist unschwer erkennbar, dass es sich hierbei um Bombenkrater handelt. Bislang war kaum etwas über die Krater bekannt.

Eine gutachterliche Luftbildauswertung kam bereits Ende 2013 zu dem Ergebnis, die Bombentrichter stammten von einem nicht dokumentierten Luftangriff, der vermutlich zwischen Ende Februar und Mitte bis Ende März 1945 stattgefunden habe. Mutmaßliches Ziel: die damals noch in Betrieb befindliche Bahnlinie Celle-Gifhorn. 

In der Celleschen Zeitung war im Februar 2014 zu lesen, die Bombentrichter ständen in Verbindung mit den Luftangriffen am 8. April auf Celle und Nienhagen.[1] Die Fördergemeinschaft Historisches Altencelle setzte sich unter ihrem damaligen Vorsitzenden, Dieter Reinebeck, für eine Erhaltung der verbliebenen Krater als Gedenkort ein. Dieses Vorhaben wurde nicht realisiert. Die historischen Zusammenhänge blieben weiter unklar.

Bild: Bombentrichter neben der Bundesstraße 214 in Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Auf Luftaufnahmen, die gegen Ende März 1945 aufgenommen worden sind, ist eine erhebliche Anzahl von Bombentrichtern beiderseits der heutigen B 214 zu erkennen. Es mögen rund 140 sichtbare Krater sein, die teils eng beieinander liegen. 

In seiner maximalen Ausdehnung weist der getroffene Bereich einen Durchmesser von ca. 700 Metern auf. Weitere Einschläge können durch Wolken verdeckt oder durch ihre Lage in Waldbereichen nur schwer zu identifizieren sein.

Bild: Luftaufnahme nach Kriegsende zeigt Spuren der Bombentreffer. Quelle: NARA, 10.10.1945, use unrestricted. 

Die Annahme, eine solche Konzentration von Bombenkratern könne auf einen nicht dokumentierten Luftangriff zurückzuführen sein, ist nicht haltbar. Tatsächlich wurden derartige Luftangriffe geplant durchgeführt, nachträglich ausgewertet und selbstverständlich auch entsprechend dokumentiert. Ebenso erscheint es fraglich, dass die relativ unbedeutende Nebenbahnstrecke zwischen Celle und Gifhorn mit einer so überaus großen Anzahl Sprengbomben belegt worden sein soll.

In der nachfolgenden Ansicht wurde die jeweilige Lage der erkennbaren Bombentrichter anhand historischer Luftaufnahmen in ein aktuelles Satellitenbild übertragen. 

Bild: Übertragung der einzelnen Bombentrichter in ein aktuelles Satellitenbild. Quelle: Google Earth; H. Altmann, 2025. 

Zunächst ist zu klären, wann genau sich der Luftangriff ereignet hat. In seinen Aufzeichnungen, die der Altenceller Bauer Ernst Lindemann am 23. Juni 1946 der Celler Redakteurin und Heimatforscherin, Hanna Fueß, zur Verfügung stellte, hatte er die Abläufe wie folgt festgehalten: „Am 3. März 1945 haben amerikanische Bomber im Raum zwischen Braunschweiger-Heerstraße-Bahnübergang (Schaperkrug)-Strohkrug-Gr. Ottenhaus-Kibitzbruch 120 schwere Bomben geworfen. Adolf Knoop hatte schweren Gebäudeschaden, die eine Seite der neuen Scheune war völlig aus dem Fundament gerückt.[2] 

Auch der Altenceller Bauer Willi Deecke berichtete später gegenüber Hanna Fueß über den Bombenabwurf zwischen Strohkrug und Schaperkrug – allerdings ohne ein konkretes Datum zu benennen.[3] 

Ebenso Dr. Phil. Arndt Wallheinke, der am 2. Februar 1948 gegenüber Hanna Fueß berichtete: „An einem Nachmittag warf ein kleiner Verband im Bereich von Burg einen kleinen Teppich ab, der wohl gegen einige abgestellte Eisenbahnwagen gerichtet war.“[4]

Bild: Bombentrichter neben der Bundesstraße 214 in Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Einen besonderen Zeitzeugenbericht konnte Hermann Strothmann beisteuern – rund 70 Jahre nach Kriegsende berichtete er über seine damaligen Erlebnisse.[5] Gemeinsam mit drei Freunden aus Wienhausen war Strothmann im März 1945 mit dem Fahrrad auf dem Rückweg aus Celle. Bei klarem Wetter sahen die Jungen, wie sich über der Straßenkreuzung an der Bahnstrecke „vier Tannenbäume setzten“. Dies waren von alliierten Bombern abgeworfene Leuchtkörper, die dazu dienten, das Zielgebiet für nachfolgende Geschwader zu markieren. Der Begriff entstand aufgrund der Form, die diese leuchtenden Körper am nächtlichen Himmel annahmen. 

Für die Jungen war dies ein deutliches Warnsignal – sie liefen sofort in ein Wäldchen beim Strohkrug in Altencelle. Wenig später rauschten – wie Strothmann schätzte – etwa 200 Fliegerbomben zu Boden. Der gesamte Acker – vom Bahnübergang angefangen – war verwüstet, so Strothmann. Die Straße war nur von zwei Bomben getroffen worden – die meisten fielen ins offene Feld. Der trockene, gefrorene Sand erzeugte eine riesige Staubwolke.

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group - rechts im Bild: Beschuss durch Flugabwehr.  
Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

Die Zeitzeugenberichte passen zu einem dokumentierten Luftangriff vom 3. März 1945. An jenem Tag starteten gegen 8:00 Uhr morgens auf dem Airfield Debach – rund 12 Kilometer nordöstlich der britischen Stadt Ipswich – schwere B-17 Bomber der 493. Bomb Group. Von dem weiter nördlich gelegenen Airfield Eye startete die 490. Bomb Group – ebenfalls mit B-17 „Flying Fortress“. 

An diesem Datum waren 1.102 Bomber – davon 789 B-17 und 313 B-24 aus drei Air-Divisions – für eine großangelegte Luftoperation gegen sechs deutsche Ölraffinerien, Fabrikstandorte und weitere strategische Bodenziele eingesetzt. 

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

Vorgesehen war, dass die 490. und die 493. Bomb Group mit ihren jeweils drei Squadrons die Erdölwerke bei Nienhagen bombardieren sollten.[6] Tatsächlich flogen allerdings lediglich 56 Maschinen ihr Primärziel Nienhagen an.[7] Dies lag vor allem an den massiven Angriffen durch deutsche Jagdflugzeuge.

Von den Flugplätzen Brandenburg-Briest, Oranienburg und Parchim waren am 3. März 1945 insgesamt 29 moderne Düsenjäger des Typs Me-262 aufgestiegen. Sie gehörten zur III. Gruppe des Jagdgeschwaders 7 „Nowotny“ – sie gingen auf Abfangkurs zu den einfliegenden alliierten Luftverbänden. 

Die drei Squadrons der 493. Bomb Group befanden sich um kurz nach 10:00 Uhr bereits im koordinierten Anflug auf Nienhagen, als plötzlich drei Me-262 auftauchten und zunächst drohten, das höher fliegende B-Squadron zu attackieren.[8] Die schweren Maschinengewehre der „Fliegenden Festungen“ hämmerten in Richtung der anfliegenden Me-262s, woraufhin diese zum Angriff auf das formationsführende A-Squadron sowie auf das formationsschließende C-Squadron übergingen. Aus dem A-Squadron wurde daraufhin eine B-17 schwer getroffen. Die angreifenden Me-262 entkamen.

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

In dieser Situation wurde entschieden, dass das zurückliegende C-Squadron das Sekundärziel in Hildesheim bombardieren sollte. Es wurde von dem Rest der Formation getrennt, die weiter das Primärziel bei Nienhagen ansteuerte. Direkt nach Abwurf seiner Bombenlast über Hildesheim wurde das C-Squadron durch drei deutsche Jagdflugzeuge des Typs Me-109 attackiert. Eine Me-109 wurde durch Abwehrbeschuss aus den B-17 abgeschossen. 

Wenig später flogen zwei Me-262 an der Formation vorbei – eine wurde mutmaßlich ebenfalls durch MG-Feuer aus den B-17 getroffen. Kurz darauf griff eine einzelne Me-262 erneut an und schoss einen B-17-Bomber ab, der daraufhin aus der Formation abstürzte. Es handelte sich um das Flugzeug mit der Seriennummer 43-39050, das dem Kommando des 2nd Lieutenant George Graff unterstand. 

Sechs Crewmitglieder überlebten – drei kamen zu Tode.[9] Die angreifende Me-262 wurde ebenfalls getroffen und stürzte ab. Möglicherweise handelte es sich um die Maschine von Hauptmann Heinz Gutmann (Werk-Nr.: 110558).[10] Er stürzte mit ihr bei Üfingen ab – die genaue Absturzstelle wurde mittlerweile lokalisiert.[11]

Währenddessen war der Rest der 493. Bomb Group über Nienhagen angekommen. Gegen 10:25 bombardierten das A- sowie das B-Squadron das vermeintliche Zielgebiet auf Sicht.[12] Die Maschinen waren jeweils mit vierzehn 500 Pfund schweren Sprengbomben des Typs „General Purpose“, d.h. Allzweckbomben, beladen. Diese kamen bei derartigen Angriffen auf Bodenziele standardmäßig zum Einsatz.

Nach der Bombardierung traten die B-17 ihren Rückflug an. Die beim Jagdfliegerbeschuss schwer getroffene Maschine auf Position Nr. 3 des A-Squadrons ging jedoch kurz darauf mit einem brennenden Triebwerk in einen steilen Sinkflug über. Es war die B-17 mit der Kennung 43-38297 unter dem Kommando des 1st. Flight Lieutenant Charles Andrew Jr. White. 

Die Mitglieder anderer Crews bestätigten später, dass die abstürzende Maschine offenbar kontrolliert in Richtung Boden gesteuert wurde – möglicherweise auch, um den Brand im Triebwerk durch den steilen Sinkflug zu löschen. Die Notlandung war vermutlich geplant und die mitgeführte Bombenlast wurde noch über dem Ziel abgeladen, um keine Risiken bei der feldmäßigen Landung einzugehen.

White ging mit seiner B-17 gegen 10:55 Uhr auf einem Feld 500 Meter südlich der Ortschaft Apelern, ca. 16 Kilometer südlich von Wunstorf zu Boden. Die Fliegerhorstkommandantur Wunstorf bestätigte die Bergung der notgelandeten B-17 und die Übernahme der in Gewahrsam genommenen Besatzung.[13] Alle neun Crewmitglieder hatten die Landung überlebt – die Maschine war lediglich zu 30 % beschädigt. Bereits am 5. März 1945 wurden die Crewmitglieder zur Auswertungsstelle West Oberursel, in das sogenannte Durchgangslager – DULAG Luft – bei Wetzlar überstellt.[14]

Bild: Abschussmeldung. Quelle: KU-3782, NARA, NAID: 147916074, use: unrestricted. 

Die nachträglichen Auswertungen des Headquarters der 8th USAAF ergaben, dass der Luftangriff auf die Erdölwerke Nienhagen ein Fehlschlag war. Die Bomben des B-Squadron waren eine halbe Meile südlich des Zielpunktes in freiem Gelände aufgeschlagen. Die Bomben des A-Squadron gingen ca. viereinhalb Meilen nordöstlich des Zielpunktes zu Boden.[15] 

Dies entspricht exakt der Kraterlandschaft an dem Bahnübergang der B 214, die auf Luftbildern erkennbar und durch Zeitzeugen bestätigt wurde. Auch die Bomben der 490. Bomb Group verfehlten den Zielpunkt. Die Erdölwerke bei Nienhagen wurden daher am 14. März sowie am 8. April 1945 erneut bombardiert.

Bild: Auszug interpretation report. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Auffällig ist, dass die Anzahl der Bombenkrater an der B 2014 nicht mit der berechneten Bombenlast des A-Squadron übereinstimmt. Nach dem Einsatzbericht nahmen sieben B-17 des A-Squadron an der Bombardierung teil. Bei jeweils 14 mitgeführten Bomben, müssten erwartungsgemäß 98 Bombentrichter zu erkennen sein. Auf den historischen Luftaufnahmen sind jedoch mühelos weit über 100 Krater zu sehen. Eventuell hatte ein Squadron der 490. Bomb Group seine Ladung ebenfalls über diesem Bereich abgeladen.

Bild: Bombentrichter bei Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Die Kraterlandschaft an der B 214 existierte vermutlich nicht lange. Bereits am 4. März haben 20 Mann und 10 Gespanne gearbeitet, um die Straße wieder fahrbar zu machen, berichtete der Bauer Lindemann später.[16] 

Auch die Krater auf den umliegenden Äckern wurden in den folgenden Monaten weitestgehend verfüllt. Luftaufnahmen aus Oktober 1945 zeigen bereits eine deutlich geringere Anzahl vorhandener Bombentrichter. 

Bild: Auszug Exhumierungsprotokolle. Quelle: StadtA CE, Best. 05 5 O, Nr. 0124. 

Eine weitere zeithistorische Quelle bestätigt jedoch deren Existenz bis in den November 1945. Laut einem Exhumierungsprotokoll vom 12. November 1945 wurden vor dem Bahnübergang an der ehemaligen Braunschweiger Heerstraße in einem Bombentrichter die sterblichen Überreste eines KZ-Häftlings gefunden.[17] 

Laut der aufgenähten Nummer auf seiner gestreiften KZ-Kleidung ist der Häftling einem Todesmarsch aus dem KZ-Außenlager Kleinbodungen bei Nordhausen zuzuordnen. Wahrscheinlich wurde seine Leiche in den Bombenkrater geworfen, als die Marschkolonne die Straße in Richtung Celle passierte.

Hendrik Altmann

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Stand: 29.02.2026

[1] Cellesche Zeitung vom 14.02.2014, https://www.cz.de/lokales/celle-lk/celle/altencelle-bombentrichter-als-gedenkort-erhalten-4ABB5D544FDBADDD4F3E4DECEA.html
[2] KrA Celle, Lindemann, Altencelle, Aufzeichnungen 23.06.1946, Hanna Fueß.
[3] KrA Celle, Deecke, Altencelle, Aufzeichnungen 01.05.1947, Hanna Fueß.
[4] KrA Celle, Wallheinke, Burg, Aufzeichnungen 02.02.1948, Hanna Fueß.
[5] Strothmann, Gespräch am 13.02.2015.
[6] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[7] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[8] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[9] NARA; MACR 12886.
[10] Forsyth, Jagdgeschwader 7 „Nowotny“, S. 61.
[11] Hauptmann Gutmanns letzter Flug, Salzgitter Zeitung vom 11.10.2009, https://www.braunschweiger-zeitung.de/archiv/article150452563/Hauptmann-Gutmanns-letzter-Flug.html.
[12] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[13] NARA, KU 3782.
[14] NARA, KU 3782.
[15] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[16] KrA Celle, Lindemann, Altencelle, Aufzeichnungen 23.06.1946, Hanna Fueß.
[17] StadtA CE, Best. 05 5 O, Nr. 0124.



Mittwoch, 25. Februar 2026

Bombensuche am Celler Bahnhof

Bild: NARA, 342-FH-3A21066-B59502AC, Hqs., 15th AAF photo tech. Unit, APO 696. Use: Unrestricted.

Bekanntermaßen wurde Celle am 8. April 1945 durch einen alliierten Luftangriff getroffen. Dieser richtete sich schwerpunktmäßig auf den Bereich des Güterbahnhofs. Allerdings waren auch dessen Umgebungen betroffen. Das Ereignis wirkt sich bis in die heutige Zeit aus. 

Kürzlich berichtete die Cellesche Zeitung über die Suche nach Kampfmitteln im Bereich des Celler Bahnhofs (08.09.202512.09.2025, 25.02.2026). Anlass sind die geplanten Bauarbeiten im Bereich des Gleistrogs. Dieser ist offenbar undicht geworden – es tropft gelegentlich in die Gleisunterführung. 

Die historischen Hintergründe des Luftangriffs am 8. April 1945 wurden bereits mehrfach in diesem Blog thematisiert. An jenem Tag wurden die Celler Bahnanlagen zwischen 18:10 Uhr und 19:15 Uhr durch mehrere aufeinanderfolgende Angriffswellen verschiedener Bomb Groups der USAAF schwer getroffen. Mindestens 80 Flugzeuge des Typs B-26 „Marauder“ (dt.: „Plünderer“) warfen ca. 360 Minen- und Sprengbomben ab. An dem Angriff waren die 322., die 344. Sowie 391. Bomb Group beteiligt. Die Auswirkungen des Angriffs wurden später in Karten dokumentiert. 

Mittlerweile konnte anhand der Planungsunterlagen, die der Vorbereitung des Luftangriffs am 8. April 1945 zugrunde lagen, geklärt werden, dass das Angriffsziel an jenem Tag nicht der Celler Personenbahnhof war. Dies wurde lange vermutet – Dokumentenfunde in den US Archiven belegen jedoch, dass sich die meisten Ziele für den Angriff im Bereich des Güterbahnhofs befanden.

Die Field Order No. 839 & 840 des Headquarters der 9. Bombardement Division belegt für die jeweiligen Bomb Groups die erfolgreiche Bombardierung der Celler Bahnanlagen. Lediglich einzelne Staffeln konnten die Ziele am Boden aufgrund der bereits eingetretenen erheblichen Rauchentwicklung nicht genau treffen.

Im Zuge der Auswertung des Luftangriffs wurden zu verschiedenen Zeitpunkten mehrfach Luftaufnahmen erstellt. Der Schwerpunkt des Angriffs konzentrierte sich auf die Gegend des Güterbahnhofs. Erhebliche Teile der angeworfenen Bomben trafen auch den Bereich der Unterführung der Straße Heese. Ein weiteres Bombencluster ging im Bereich der Unterführung der Bahnhofsstraße nieder – dieses erstreckte sich bis in die Fuhseaue in Richtung des ehemaligen Gaswerks. Auch die Bahnhofsstraße wurde unmittelbar im Bereich des südlichen Personenbahnhofs getroffen.

Der Bereich der Gleisanlagen nördlich der Unterführung in der Bahnhofsstraße weist auf verschiedenen Luftaufnahmen des 10. und 11. April 1945 dagegen keine größeren Ansammlungen von Bombentrichtern auf. Die Bahnbrücke über die Aller wurde nicht durch Fliegerbomben zerstört, sondern durch eine gezielte Sprengung. Auf diese Weise sollte den britischen Truppen bei Kriegsende ein Vorrücken auf das nördliche Allerufer erschwert werden.

Die Beschädigungen durch die Bombardierung am 8. April 1945 sind u.a. auf einem Schrägflugbild zu erkennen, das nach Kriegsende aufgenommen wurde. Der nördliche Teil der Gleisanlagen und die Bahnsteige im Bahnhofsbereich sehen weitestgehend unbeschädigt aus. 

Allerdings: herabstürzende Bomben, die beim Aufprall nicht detonierten, konnten mehrere Meter ins Erdreich eindringen. Da sie nicht explodierten, hinterließen sie keinen auffälligen Krater. Es bleibt daher abzuwarten, ob sich die kürzlich im Bereich des Celler Bahnhofs untersuchten Stellen tatsächlich als Kampfmittelfunde herausstellen. 

H. Altmann

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Stand: 25.02.2026


Mittwoch, 4. Februar 2026

Die Köhler-Kompanie der Waffen-SS in Wienhausen



Mit Augenzeugen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sprechen, ist inzwischen – über 80 Jahre nach Kriegsende – nahezu unmöglich geworden. Noch lebende Zeitzeugen waren damals meistens zu jung, um heute über Kriegsereignisse berichten zu können. 

Viele Informationen dürften somit inzwischen unwiederbringlich verloren gegangen sein, sofern sie nicht bereits gesichert werden konnten. Genau dies geschah vor einigen Jahren, als der mittlerweile bereits verstorbene Malermeister Hermann Strothmann aus Wienhausen in einem ausführlichen Gespräch über persönliche Erlebnisse aus Kriegszeiten in Wienhausen berichtete. Unter anderem erzählte er von einer Köhler-Kompanie der Waffen-SS, die in Wienhausen eingesetzt war.

Als Schüler war Strothmann noch zu jung für den Kriegsdienst und verbrachte seine Freizeit mitunter damit, den Soldaten der Köhler-Kompanie bei deren Arbeit zuzusehen. Die SS-Soldaten produzierten im Wald zwischen Wienhausen, Bockelskamp und Groß Eicklingen Holzkohle, die zum Antrieb der damals eingesetzten Holzgas-LKW benötigt wurde. Hintergrund war die im fortschreitenden Kriegsverlauf zunehmende Betriebsstoffverknappung. Die Verwendung von Holzkohle als Treibstoff war unter anderem aus deswegen vorteilhaft, da sie günstig und dezentral hergestellt werden konnte und die Produktion damit weniger anfällig für Luftangriffe war.

In Wienhausen und den benachbarten Ortschaften waren im Lauf des Zweiten Weltkriegs verschiedene Wehrmachts- und SS-Einheiten untergebracht. Dass Strothmann beispielsweise die Einheiten der Nebelwerfer oder des Technischen Bataillon Mineralöl mit der von ihm beschriebenen SS-Köhler-Kompanie verwechselte, ist jedoch aufgrund seiner detaillierten Darstellungen nahezu ausgeschlossen. Der Hinweis auf die Anwesenheit der besagten Köhler-Kompanie bei Wienhausen ist auch deshalb erwähnenswert, weil über diese Einheiten insgesamt nur sehr spärliche Informationen vorliegen.

Bild: vermutlicher Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen. Strothmann berichtete, dass die Einheit unmittelbar südlich des Postwegs angesiedelt war. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Über die offiziellen Hintergründe erfuhr Strothmann damals von den SS-Soldaten nur wenig. Angeführt wurde die Truppe seinen Angaben zufolge von einem Saarländer, der zuvor im Bergbau tätig gewesen war und sich daher mit Kohle auskannte. Ihm unterstanden rund 20 Soldaten, wie sich Strothmann erinnerte. Bei dieser Mannschaftsstärke kann daher nicht von einer kompletten Kompanie ausgegangen werden. 

Aktuelle Recherchen belegen, dass die Köhlerkompanien regelmäßig zugweise aufgeteilt worden sind und dann in kleineren Gruppen an verschiedenen Orten zum Einsatz kamen.[1] Strothmann erinnerte sich, dass es sich bei den SS-Soldaten vorwiegend um Jugoslawen und Rumänen gehandelt habe. Auch diese Aussage deckt sich mit den verfügbaren Quellennachweisen. Demnach waren bei den Köhler-Kompanien vorwiegend kriegsverwendungsunfähige Unterführer und ältere Mannschaften eingesetzt, die aus dem südosteuropäischen Raum stammten.[2]

Die Arbeiten wurden größtenteils von Hand verrichtet – die Bäume wurden mit Handsägen gefällt, zu Meterenden gesägt, das Holz gespalten und das Scheitholz in speziellen Kohlenmeilern aufgestapelt. Diese Meiler bestanden aus großen Metallringen, wie Strothmann berichtete. Mindestens vier Stück bildeten die Umrandung. Das Holz in traditionellen Kohlenmeilern zu verkohlen, d.h. einzugraben und mit Erde zu überhäufen, war viel zu aufwändig. 

Die vorgefertigten Kohlenmeiler verfügten über gebohrte Lufteinlässe, um die Luftzufuhr zu regulieren. Nachdem das Holz in den Meilern gestapelt war, wurden diese mit Lehm abgedichtet. In der Mitte des Meilers befand sich gut brennbares Kienholz, das mit einem langen Haselnussstock von Außen entzündet wurde. Nach rund vier Tagen, wurden die Metallringe abgebaut und Holzkohle nach dem Abkühlen in Papiersäcke gefüllt. Der SS-Köhlertrupp verfügte laut Strothmann über einen Raupenschlepper sowie einen Anhänger, mit dem Baumstämme aus dem Wald gezogen werden konnten und die Säcke mit der fertigen Holzkohle zum Wienhäuser Bahnhof transportiert werden konnten.

Bild: auf historischen Luftbildern ist der Standort der ehem. Köhlerkompanie bei Wienhausen nicht zu erkennen. Möglicherweise wurde die Einheit erst dort stationiert, nachdem die Überflüge stattfanden. Quelle: NARA, public domain. 

Wie Strothmann berichtete, hatten sich die SS-Soldaten im Wald einen Brunnen gebohrt, eine einfache Toilette gebaut und eine Baracke errichtet. Diese war notwendig, da es im Winter sehr kalt wurde. Hieraus folgt, dass die SS-Köhler vermutlich erst im Laufe des Jahres 1944 nach Wienhausen kamen, da sie offenbar nur einen Winter dort blieben. Neben den genannten Einrichtungen errichtete die Truppe laut Strothmann auch noch eine Feldscheune.

Die Abläufe, die Strothmann sehr detailreich beschrieb, werden in gleicher Art und Weise in einigen Berichten aus dem Nachlass von Wolfgang Vopersal erwähnt. Dessen Nachlass umfasst in erster Linie die Sammlung der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, die von Wolfgang Vopersal, dem Dokumentar des Verbandes, aufgebaut und verwaltet wurde.[3] 

Für einen Beitrag, den Vopersal im Jahr 1976 in der Zeitschrift „Der Freiwillige“ publizierte, hatte er entsprechende Informationen ehemaliger Angehöriger der Köhlerkompanien zusammengetragen.[4] Aufgrund der erheblichen Überschneidungen steht somit fest, dass im Wald bei Wienhausen tatsächlich eine Köhler-Kompanie der Waffen-SS bzw. Teile einer solchen zum Einsatz gekommen sind.

Strothmann berichtete, dass die Kohlenmeiler und die Baracke in unmittelbarer Nähe des alten Postwegs südlich des Wienhäuser Bahnhofs befunden haben. Seiner Beschreibung zufolge kommt für den genauen Standort nur ein Bereich in Frage. Dort lassen sich bei genauer Betrachtung noch flache, rechteckige Bodenstrukturen erkennen, die von ehemaligen Gebäuden stammen können. 

Sehr wahrscheinlich befanden sich die Einrichtungen der Köhler-Kompanie dort, wo zuvor die Erdölbohrung „Wienhausen Nr. 2“ niedergebracht worden war. Die Bohrstelle wurde nie für die Erdölförderung genutzt. Bis heute weist der Bereich einen schweren, lehm- und tonhaltigen Boden auf. Für die Abdichtung der Kohlenmeiler war diese Gegebenheit sicher ideal.

Bild: rechts im Bild - Lage der ehemaligen Erdölbohrstelle "Wienhausen Nr. 2" bei Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Am 19. Februar 1945 gegen Mittags – Strothmann befand erneut bei den SS-Köhlern – setzte unvermittelt ein Tieffliegerangriff auf die Bahnstrecke Celle-Gifhorn ein. Von einer Anhöhe im Wald beobachtete Strothmann, wie zwei alliierte Kampfflugzeuge einen Personenzug beschossen, der in Richtung Langlingen unterwegs war. In mehreren Anläufen beschossen die Flugzeuge den Zug – drei Menschen starben. Die Verletzten wurden in die Celler Krankenhäuser gebracht.[5] Strothmann selbst blieb während des Tieffliegerangriffs bei der Köhler-Kompanie in Deckung.

Bis zum Herannahen der Front, blieben die Soldaten der Köhler-Kompanie in Wienhausen. Um den 8. April 1945 trafen in der Gegend zunehmend zurückflutende deutsche Truppenteile ein. Die SS-Köhler schlossen sich dieser Absetzungsbewegung an. Was sie noch tragen konnten, verluden sie auf ihren Anhänger und den Raupenschlepper und fuhren in Richtung Uelzen. Bei Neu Darchau überquerten sie die Elbe auf einer Fähre. Durch Ludwigslust gelangte die Gruppe weiter nach Osten – bis wohin genau, war Strothmann nicht bekannt. 

Offenbar gerieten die Soldaten der Köhler-Kompanie in Gefangenschaft, konnten sich jedoch aus einem provisorisch eingezäunten Sammelbereich bei Dunkelheit absetzen. In den Nächten marschierten sie durch Waldgebiete – tagsüber hielten sie sich versteckt. Mit einem alten, notdürftig reparierten Kahn setzten sie wieder zurück über die Elbe. Nach mehreren Tagen Fußmarsch kamen die SS-Köhler wieder in Wienhausen an. Wohin sie von hieraus weiter gelangten, wusste Strothmann nicht mehr. Allerdings hätte er wohl kaum etwas über den abenteuerlichen Rückmarsch der Truppe erfahren können, wenn diese nicht tatsächlich wieder in Wienhausen Halt gemacht hätte.

Bild: Ausschnitt aus Unterlagen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain. 

Aus den Aufzeichnungen Vopersals geht hervor, dass im Verlauf des Sommers 1944 insgesamt drei selbstständige Köhler-Kompanien der Waffen-SS aufgestellt wurden.[6] Dies basierte allerdings lediglich auf den Hinweisen, die Vopersal von ehemaligen Angehörigen dieser Einheiten erhalten hatte. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es darüber hinaus weitere Köhler-Kompanien gab oder dass diese im Zeitablauf anders gegliedert waren. 

Laut Vopersal wurde die 1. SS-Köhler-Kompanie bei der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der SS in Wien im Juli 1944 aufgestellt. Es ist als unwahrscheinlich anzusehen werden, dass von dieser Einheit Teile nach Norddeutschland gelangt sind. 

Die 2. SS-Köhler-Kompanie wurde durch das Amt X, d.h. das Amt für Kraftfahrzeugwesen beim SS-Führungshauptamt Bereich des Scharmützelsees südöstlich von Berlin aufgestellt. Die Aufgabe der Einheit bestand darin, den Bedarf an Holzkohle und Tankholz für den Kraftfahrzeugpark des SS-Führungshauptamtes sicherzustellen. 

Die 3. SS-Köhler-Kompanie wurde mit Wirkung vom 2. Mai 1944 in Stadtroda (Thüringen) aufgestellt. Nach den Informationen Vorpersals verteilte sich diese Kompanie auf Meiler- und Tankholzsstationen in Böhmisch-Mähren, Deutsch-Eylau, Aila/Thüringen, Unna, Westf. Radolfzell und Eichstätt.[7]

Bild: Gliederung der sog. Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des Unternehmens "Eisberg". Quelle: NARA, T-175 R-169., public domain. 

Die weite Streuung der Einheiten der 3. SS-Köhler-Kompanie überrascht. Sofern dies den damaligen Verhältnissen entsprach, könnte die Köhlereinheit in Wienhausen möglicherweise zu eben dieser 3. SS-Köhler-Kompanie gehört haben. Denkbar wäre aber auch, dass tatsächlich mehr als diese drei SS-Köhler-Kompanien existierten und die Einheit in Wienhausen eventuell einer solchen angehörte.

Neben der militärischen Zugehörigkeit jener SS-Köhlereinheit bei Wienhausen ist bislang auch ihr genauer Einsatzort bei Kriegsende unbekannt. Quellenseitig ist belegt, dass die genannten SS-Köhler-Kompanien – trotz mangelnder Ausbildung und Ausrüstung – zuletzt zu Kampfeinsätzen herangezogen worden sind. Laut Strothmann verfügten die SS-Köhler lediglich über Handfeuerwaffen – Karabiner des Typs 98. Eine Kampfausbildung hatten vermutlich die wenigsten von ihnen.

Relativ gut dokumentiert ist der Einsatz der 2. Köhler-Kompanie als Köhler-Alarm-Kompanie im Rahmen des „Unternehmens Eisberg“. Es galt die aus Berlin ausgelagerten Einrichtungen des SS-Führungshauptamtes südwestlich von Berlin gegen vorrückende Verbände der Roten Armee zu verteidigen. Entsprechende Aufstellungsbefehle belegen die Gliederung der hierzu herangezogenen Truppenteile ab dem 31. Januar 1945. Genannt wird dabei auch die 2. Köhler-Kompanie und ihr Einsatzraum bei Bad Saarow am Scharmützelsee.[8]

Obwohl der Abzug der SS-Köhler aus Wienhausen in östliche Richtung auf den ersten Blick zu diesen Ereignissen zu passen scheint, ist es fraglich, ob die rund zwanzig Mann starke Gruppe tatsächlich zu den operativen Vorbereitungen des „Unternehmens Eisberg“ gehörte. Insbesondere die Tatsache, dass die Köhler-Einheit aus Wienhausen erst Anfang April abrückte, spricht eher dagegen. Wahrscheinlicher ist es, dass die Einheit aus Wienhausen bei Kriegsende in einem anderen Frontabschnitt eingesetzt werden sollte. Nach Aussage Strothmanns kam die Gruppe kurz nach Kriegsende wieder vollständig nach Wienhausen zurück. Dies könnte bedeuten, dass sie nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligt gewesen ist.

Im Gespräch kam Strothmann seinerzeit eher beiläufig auf die SS-Köhlereinheit. Auf Rückfragen konnte er dann jedoch erstaunlich viele Details benennen. Sein Zeitzeugenbericht vervollständigt die Recherchen rund um die historischen Zusammenhänge währen des Zweiten Weltkriegs in Wienhausen.

H. Altmann

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Stand:     04.02.2026

[1] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[2] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[3] Bundesarchiv, Unterlagen zum Einsatz der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg, https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/unterlagen-zum-einsatz-der-waffen-ss-im-zweiten-weltkrieg/, abgerufen: 01.12.2025.
[4] Vopersal, Die Prüf- und Versuchsabteilung der Kraftfahrtechnischen Lehranstalt der Waffen-SS in Wien (1941 – 1945), in: Der Freiwillige 17/1976.
[5] Hendrik Altmann, Tieffliegerangriff bei Wienhausen am 19. Februar 1945, Blogeintrag: www.found-places.blogspot.com2015/02/tieffliegerangriff-bei-wienhausen-am-19.html.
[6] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[7] Bundesarchiv, N 756-314/a.
[8] Befehl für Gliederung, Ausbildung und Einsatz der Alarmeinheiten des SS-FHA vom 31.01.1945, NARA, T-175 R-169.


Sonntag, 4. Januar 2026

Existierte zwischen Osterloh und Oppershausen eine alte Mühle?

Möchte man heute in der Landschaft den eigenen Standort bestimmen oder einen Grenzverlauf nachvollziehen, reicht häufig bereits ein Smartphone aus. Noch vor rund 200 Jahren existierten dagegen nur wenige präzise Landkarten unserer näheren Umgebung. Die dörflichen Grenzen hatten weniger einen politischen sondern vielmehr einen wirtschaftlich geprägten Charakter. Relevant waren insbesondere die traditionellen Weideberechtigungen, die mangels überregionaler Festlegung nicht selten Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten waren.

Ohnehin war die Landschaft individueller ausgestaltet, als es heutzutage der Fall ist. Äcker und Wiesen wurden regelmäßig nicht gradlinig angelegt, denn rundliche Feldfluren eigneten sich besser für die Bewirtschaftung mit Gespannen. Auch war die Landschaft viel stärker durch althergebrachte Flurbezeichnungen geprägt. Von diesen sind im Laufe der Zeit viele abhanden gekommen. Dies nicht zuletzt, weil man die alten Bezeichnungen nach umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen im 19. Und 20. Jahrhundert schlichtweg nicht mehr benötigte. Mit den alten Flurnamen geriet jedoch auch die historische Geländenutzung in Vergessenheit.

Auch wenn der Niedergang der dörflichen Romantik beklagenswert sein mag – durch die Auswertung historischer Quellen bieten sich nun umso spannendere Einblicke in die längst vergangene Regionalgeschichte. Ein Beispiel hierfür sind die historischen Hinweise auf eine alte Mühle, die sich einst nördlich der Aller zwischen Oppershausen und Osterloh befunden haben könnte.


Recherche in historischen Karten...

Die vielzitierte Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1781[1] weist an der besagten Stelle unmittelbar am Rande der Oppershäuser Gemarkung den Flurnamen „Mühlenberg“ aus. Durch die dunkle Schraffierung wird in der Karte deutlich auf eine Geländeerhebung hingewiesen. Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs verlief ein Weg. In der Karte direkt benachbarte Feldfluren weisen auf alte Äcker in direkter Nachbarschaft hin. Gebäude sind in der Karte nicht verzeichnet.

Bild: Mühlenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781. 

Zusätzliche Informationen liefert eine historische Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung“, die Ende des 18. Jahrhunderts von der Topografischen Landesaufnahme kopiert wurde.[2] In dieser Karte ist der Mühlenberg als „Mullenberg“ verzeichnet. 

Unmittelbar nördlich sind ebenfalls die o.g. Ackerflächen verzeichnet. Weiter nördlich schließt sich eine als „Mullenheide“ bezeichnete Fläche an. Es steht zu vermuten, dass in dieser Karte ältere Flurnamen aufgenommen worden sind, die in der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1781 keinen Eingang fanden.

Bild: Mullenheide und Mullenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung", NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg, public domain. 

Als eine weitere historische Karte gibt die „Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen“, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann näheren Aufschluss über die lokalen Begebenheiten.[3] Es handelt sich hierbei um die Karte, in der die örtlichen Zustände vor und nach der sogenannten Real- und Spezialteilung festgehalten worden sind. Diese allgemein auch als Verkoppelung bezeichnete Flurbereinigung zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte einen der umfangreichsten organisatorischen Eingriffe in die traditionell gewachsene dörfliche Feldflur dar. 

Die Verkoppelungskarte weist an der Stelle der genannten Flurbezeichnungen – abweichend zu den älteren Kartenwerken – auf die Flur „Im Mollershoop“ hin. In der angrenzenden „Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle“, aufgemessen im Jahre 1849 durch B.F. Walte ist ein Weg, der aus Osterloh in Richtung Oppershausen führt mit der Bezeichnung „nach dem Möllershoop“ versehen.[4]

Bild: Mollershoop zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Ausschnitt der Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann. 

In den später erschienenen Kartenwerken des 19. und 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise dem fortgeführten Preußischen Messtischblatt, werden die genannten Flurnamen nicht mehr erwähnt. 

Erst in der aktuellen Ausgabe der topografischen Karte 1:25.000 tauchen die Flurnamen „Im Möllershoop und Lippelsberg“, „Möllerhoopsweg“ und „Möllershop“ wieder auf. Allerdings sind sie an völlig anderen Stellen verortet, als in den historischen Karten. So beispielsweise ist der „Möllershop“ um ca. 700 Meter in westliche Richtung gewandert.


Deutung der Flurnamen

Es ist anzunehmen, dass der Möllershoop auf eine ehemalige Hofstelle des Müllers hinweist. Der Mühlen- bzw. Mullenberg mag die Anhöhe bezeichnen auf oder bei der sich die alte Mühle befand. Die Mullenheide scheint dagegen eine angrenzende Heidefläche gewesen zu sein, die nur aufgrund ihrer Nähe zum Müllerhof und der Mühle ihre Bezeichnung erhielt. Heideflächen gehörten vor der Real- und Spezialteilung im Regelfall zur sogenannten Allmende und waren damit der Allgemeinheit zugänglich. Dass die Mullenheide zum Müllerhof gehörte ist daher unwahrscheinlich.

Bild: alte Eichen im Bereich des Möllerhoops heute. Quelle: H. Altmann, 2025

Die historischen Flurnamen konzentrierten sich ursprünglich auf einer begrenzten Fläche. Erst durch – vermutlich falsche Übernahme aus anderen Karten – verschoben sich die Flurbezeichnungen später. 

Alle genannten Flurnamen deuten auf das Vorhandensein einer alten Mühle und eventuell sogar auf eine Hofstelle hin. Eine alte Mühle vermuteten bereits Paul Alpers und Friedrich Barenscheer in dieser Gegend.[5] Allerdings gingen sie offenbar aufgrund der Wegbezeichnung davon aus, dass die Mühle bei Osterloh gestanden habe.


Schriftliche Quellen?

Mühlen waren einst ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt. Sie transformierten den Rohstoff Getreide in das Lebensmittelvorprodukt Mehl und waren somit essentiell für die vorindustrielle Gesellschaft. Auch wirtschaftlich hatten Mühlen regelmäßig große Bedeutung, denn die Bauern konnten ihr Getreide üblicherweise nicht selber mahlen – sie mussten es abliefern und für die Dienstleistung des Müllers ein Entgelt entrichten. Es liegt auf der Hand, dass Mühlen anhand schriftlicher Quellen teilweise bis ins Mittelalter gut belegbar sind. Sie waren regelmäßig Gegenstand herrschaftlicher Urkunden und wurden als solche darin vielfach erwähnt.

Auch in Bezug auf die vermutete Mühle am Rande der Oppershäuser Gemarkung scheint es, als gäbe es eindeutige schriftliche Belege. Mit gesiegelter Urkunde vom 6. Mai 1590 belehnt Wilhelm, Landgraf zu Hessen, Hans von Oldershausen, Sohn Dietrichs, nebst seinen Brüdern Thomas, Lippolt und Dietrich mit 4 Hufen zu Hasen und einer Mühle zu Oppershausen.[6] Bis in das Jahr 1674 finden sich in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs urkundliche Hinweise auf diese Mühle zu Oppershausen.[7] 

Es verlockt, diese Quellen mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen im Landkreis Celle in Verbindung zu bringen. Immerhin ist in unmittelbarer Nähe des vermeintlichen Standorts der Mühle sowie des Müllerhofs auch der Flurname „Lippoltsberg“ zu finden. Es handelt sich hierbei um eine der höchsten Binnendünen in der Samtgemeinde Flotwedel. Die Sage, ein Riese namens Lippolt habe an dieser Stelle den Sand aus seinen Schuhen ausgeschüttet[8], mag zum Schmunzeln anregen – die Namensherkunft klärt sie jedoch nicht.

Bei genauer Durchsicht der urschriftlichen Quellen zeigt sich jedoch: die genannten Urkunden können nicht mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen in Verbindung gebracht werden. Das alte niedersächsische Adelsgeschlecht der von Oldershausen wurde mit den Urkunden wahrscheinlicher mit der Mühle in Opperhausen, nördlich von Kalefeld, beliehen. Für den vermuteten Mühlenstandort der Oppershäuser Mühle fehlen somit bislang schriftliche Quellenbelege. Möglicherweise ein Indiz darauf, dass es sich um eine private Mühle gehandelt haben könnte. Doch auch die örtlich einschlägigen Schatzregister schweigen zu der vermuteten Mühle.


Erkenntnisse aus Ortsbegehungen

In historischen Karten des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind keinerlei Gebäude im Bereich des Mühlenbergs bzw. des Müllerhofes verzeichnet. Möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits längst abgebrochen waren. Umso anspruchsvoller gestaltet es sich heute, also rund 250 Jahre später, im Gelände noch sichtbare Spuren zu finden. 

Unterstützt werden die Untersuchungen vor Ort durch moderne Laserscanaufnahmen. Diese geben Aufschluss über Bodenunebenheiten – auch wenn diese so schwach ausgeprägt sind, dass sie dem menschlichen Auge ansonsten verborgen bleiben würden.

Bild: Mühlenberg heute. Quelle: H. Altmann, 2025

Die in den historischen Karten als „Mühlenberg“ bezeichnete Stelle hebt sich als markantes Plateau vom übrigen Gelände ab. Mit einer Breite von rund 40 Metern und einer Länge von etwa 60 Metern wäre der Mühlenberg groß genug gewesen, um eine Mühle darauf zu errichten. 

Zwar befindet sich unmittelbar südlich an den Mühlenberg angrenzend ein Tümpel, der vermutlich von einem alten Flussarm der Aller stammen kann. Dieser Altarm muss jedoch bereits vor sehr langer Zeit von der Aller abgeschnitten gewesen sein. In den historischen Karten wurde er nicht verzeichnet. Dieser Erkenntnis folgend, spräche einiges dagegen, dass es sich bei der vermuteten Mühle um eine Wassermühle handelte. Stattdessen liegt es näher, dass es sich um eine Windmühle – sehr wahrscheinlich auf dem exponierten Plateau des Mühlenbergs – gehandelt haben dürfte.

Bild: Mühlenberg heute - im Vordergrund: verlandeter Altarm der Aller. Quelle: H. Altmann, 2025

Die Laserscandaten liefern weitere Erkenntnisse im Bereich des mutmaßlichen Mühlenstandorts. Bereits die historischen Karten weisen darauf hin, dass sich in unmittelbarer Nähe des „Möllerhoops“ d.h. des Müllerhofes einst alte Ackerfläche befanden. Dies wird durch die Laserscanaufnahmen bestätigt. 

Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs liegen schwach ausgeprägte Strukturen von Wölbäckern, die sich eindeutig von der Umgebung abgrenzen. Weiter nordöstlich des Mühlenbergs befindet sich ein kleinerer umwallter Kamp. Dieser ist auch in den historischen Karten verzeichnet worden. Aus diesen lässt sich schließen, dass die Umwallung des Kamps sehr wahrscheinlich angelegt wurde, weil dieser in der „Mullenheide“ lag. Die Umwallung war somit erforderlich, um den Privatbesitz von der Allmende abzugrenzen. 

Umgeben ist der Kamp von angepflanzten Eichen. Mit einem gemessenen Stammumfang von ca. 2,5 Metern sind diese Eichen rund 120 Jahre alt und damit zu jung, um über das tatsächliche Alter des Kamps oder gar der „Mullenheide“ Aufschluss geben zu können. Diese müssen bereits bei der Erstellung der Kurhannoverschen Landesaufnahme im Jahr 1781 vorhanden gewesen sein. Bei den heutigen Eichen scheint es sich demzufolge um spätere Nachpflanzungen zu handeln.

Bild: Begrenzung des alten Kamps nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.

Nördlich des alten Kamps zeichnen sich in den Laserscanaufnahmen deutlich die Überreste alter Flussmeander ab. Ortsbegehungen bestätigen dies – tatsächlich zeigen sich im Gelände entsprechende Relief- und Bewuchsmerkmale. 

Die alten Flussschleifen scheinen jedoch deutlich älter sein und dürften mit der vermuteten Mühle nichts zu tun gehabt haben.

Bild: Überreste alter Flussmeander nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.

Markant sticht in den Laserscanaufnahmen ein leicht geschwungener Graben hervor, der aus Richtung Süden auf den alten „Möllerhoopsweg“ trifft. In diesem Bereich befindet sich eine kleine Senke, in der eine rechteckige Bodenstruktur auffällt. Ihren Ausmaßen zufolge könnte es sich um ein altes Gebäudefundament handeln. Diese Bodenstruktur liegt inmitten der alten Wölbäcker.


Weitere Nachforschungen erforderlich

Mehrere eindeutige Flurnahmen sowie alte Äcker deuten auf die Existenz der alten Mühle hin. Inwiefern die vorhandenen Bodenstrukturen hierzu passen, kann möglicherweise im Rahmen weiterer Nachforschungen geklärt werden. Ebenso sind weitere Untersuchungen zu möglicherweise noch vorhandenen schriftlichen Quellen nötig. 

So bleibt bis auf Weiteres lediglich die substantiierte Annahme, dass es zwischen Osterloh und Oppershausen einen ehemaligen Mühlenstandorts gab.

Hendrik Altmann


Stand: 01/2026

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[1] Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781.

[2] NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg.

[3] NLA Hann.; Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, Celle 211.

[4] NLA Hann.; Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle, Celle 203.

[5] Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, S. 162.

[6] NLA HA Dep. 31 A Nr. 157

[7] NLA HA Dep. 31 A Nr. 256

[8] Aplers/Breling, Celler Sagen aus Stadt und Land, S. 8 f.