Möchte man heute in der Landschaft den eigenen Standort bestimmen oder einen Grenzverlauf nachvollziehen, reicht häufig bereits ein Smartphone aus. Noch vor rund 200 Jahren existierten dagegen nur wenige präzise Landkarten unserer näheren Umgebung. Die dörflichen Grenzen hatten weniger einen politischen sondern vielmehr einen wirtschaftlich geprägten Charakter. Relevant waren insbesondere die traditionellen Weideberechtigungen, die mangels überregionaler Festlegung nicht selten Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten waren.
Ohnehin war die Landschaft individueller ausgestaltet, als es heutzutage der Fall ist. Äcker und Wiesen wurden regelmäßig nicht gradlinig angelegt, denn rundliche Feldfluren eigneten sich besser für die Bewirtschaftung mit Gespannen. Auch war die Landschaft viel stärker durch althergebrachte Flurbezeichnungen geprägt. Von diesen sind im Laufe der Zeit viele abhanden gekommen. Dies nicht zuletzt, weil man die alten Bezeichnungen nach umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen im 19. Und 20. Jahrhundert schlichtweg nicht mehr benötigte. Mit den alten Flurnamen geriet jedoch auch die historische Geländenutzung in Vergessenheit.
Auch wenn der Niedergang der dörflichen Romantik beklagenswert sein mag – durch die Auswertung historischer Quellen bieten sich nun umso spannendere Einblicke in die längst vergangene Regionalgeschichte. Ein Beispiel hierfür sind die historischen Hinweise auf eine alte Mühle, die sich einst nördlich der Aller zwischen Oppershausen und Osterloh befunden haben könnte.
Recherche in historischen Karten...
Die vielzitierte Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1781[1] weist an der besagten Stelle unmittelbar am Rande der Oppershäuser Gemarkung den Flurnamen „Mühlenberg“ aus. Durch die dunkle Schraffierung wird in der Karte deutlich auf eine Geländeerhebung hingewiesen. Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs verlief ein Weg. In der Karte direkt benachbarte Feldfluren weisen auf alte Äcker in direkter Nachbarschaft hin. Gebäude sind in der Karte nicht verzeichnet.

Bild: Mühlenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781.
Zusätzliche Informationen liefert eine historische Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung“, die Ende des 18. Jahrhunderts von der Topografischen Landesaufnahme kopiert wurde.[2] In dieser Karte ist der Mühlenberg als „Mullenberg“ verzeichnet.
Unmittelbar nördlich sind ebenfalls die o.g. Ackerflächen verzeichnet. Weiter nördlich schließt sich eine als „Mullenheide“ bezeichnete Fläche an. Es steht zu vermuten, dass in dieser Karte ältere Flurnamen aufgenommen worden sind, die in der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1781 keinen Eingang fanden.

Bild: Mullenheide und Mullenberg zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Karte „vom Lauf der Aller von Langlingen bis Celle mit weiterer Umgebung", NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg, public domain.
Als eine weitere historische Karte gibt die „Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen“, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann näheren Aufschluss über die lokalen Begebenheiten.[3] Es handelt sich hierbei um die Karte, in der die örtlichen Zustände vor und nach der sogenannten Real- und Spezialteilung festgehalten worden sind. Diese allgemein auch als Verkoppelung bezeichnete Flurbereinigung zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte einen der umfangreichsten organisatorischen Eingriffe in die traditionell gewachsene dörfliche Feldflur dar.
Die Verkoppelungskarte weist an der Stelle der genannten Flurbezeichnungen – abweichend zu den älteren Kartenwerken – auf die Flur „Im Mollershoop“ hin. In der angrenzenden „Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle“, aufgemessen im Jahre 1849 durch B.F. Walte ist ein Weg, der aus Osterloh in Richtung Oppershausen führt mit der Bezeichnung „nach dem Möllershoop“ versehen.[4]

Bild: Mollershoop zwischen Oppershausen und Osterloh. Quelle: Ausschnitt der Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, aufgemessen im Jahre 1831/1832 durch C.W. Niemann.
In den später erschienenen Kartenwerken des 19. und 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise dem fortgeführten Preußischen Messtischblatt, werden die genannten Flurnamen nicht mehr erwähnt.
Erst in der aktuellen Ausgabe der topografischen Karte 1:25.000 tauchen die Flurnamen „Im Möllershoop und Lippelsberg“, „Möllerhoopsweg“ und „Möllershop“ wieder auf. Allerdings sind sie an völlig anderen Stellen verortet, als in den historischen Karten. So beispielsweise ist der „Möllershop“ um ca. 700 Meter in westliche Richtung gewandert.
Deutung der Flurnamen
Es ist anzunehmen, dass der Möllershoop auf eine ehemalige Hofstelle des Müllers hinweist. Der Mühlen- bzw. Mullenberg mag die Anhöhe bezeichnen auf oder bei der sich die alte Mühle befand. Die Mullenheide scheint dagegen eine angrenzende Heidefläche gewesen zu sein, die nur aufgrund ihrer Nähe zum Müllerhof und der Mühle ihre Bezeichnung erhielt. Heideflächen gehörten vor der Real- und Spezialteilung im Regelfall zur sogenannten Allmende und waren damit der Allgemeinheit zugänglich. Dass die Mullenheide zum Müllerhof gehörte ist daher unwahrscheinlich.

Bild: alte Eichen im Bereich des Möllerhoops heute. Quelle: H. Altmann, 2025.
Die historischen Flurnamen konzentrierten sich ursprünglich auf einer begrenzten Fläche. Erst durch – vermutlich falsche Übernahme aus anderen Karten – verschoben sich die Flurbezeichnungen später.
Alle genannten Flurnamen deuten auf das Vorhandensein einer alten Mühle und eventuell sogar auf eine Hofstelle hin. Eine alte Mühle vermuteten bereits Paul Alpers und Friedrich Barenscheer in dieser Gegend.[5] Allerdings gingen sie offenbar aufgrund der Wegbezeichnung davon aus, dass die Mühle bei Osterloh gestanden habe.
Schriftliche Quellen?
Mühlen waren einst ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt. Sie transformierten den Rohstoff Getreide in das Lebensmittelvorprodukt Mehl und waren somit essentiell für die vorindustrielle Gesellschaft. Auch wirtschaftlich hatten Mühlen regelmäßig große Bedeutung, denn die Bauern konnten ihr Getreide üblicherweise nicht selber mahlen – sie mussten es abliefern und für die Dienstleistung des Müllers ein Entgelt entrichten. Es liegt auf der Hand, dass Mühlen anhand schriftlicher Quellen teilweise bis ins Mittelalter gut belegbar sind. Sie waren regelmäßig Gegenstand herrschaftlicher Urkunden und wurden als solche darin vielfach erwähnt.
Auch in Bezug auf die vermutete Mühle am Rande der Oppershäuser Gemarkung scheint es, als gäbe es eindeutige schriftliche Belege. Mit gesiegelter Urkunde vom 6. Mai 1590 belehnt Wilhelm, Landgraf zu Hessen, Hans von Oldershausen, Sohn Dietrichs, nebst seinen Brüdern Thomas, Lippolt und Dietrich mit 4 Hufen zu Hasen und einer Mühle zu Oppershausen.[6] Bis in das Jahr 1674 finden sich in den Beständen des Niedersächsischen Landesarchivs urkundliche Hinweise auf diese Mühle zu Oppershausen.[7]
Es verlockt, diese Quellen mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen im Landkreis Celle in Verbindung zu bringen. Immerhin ist in unmittelbarer Nähe des vermeintlichen Standorts der Mühle sowie des Müllerhofs auch der Flurname „Lippoltsberg“ zu finden. Es handelt sich hierbei um eine der höchsten Binnendünen in der Samtgemeinde Flotwedel. Die Sage, ein Riese namens Lippolt habe an dieser Stelle den Sand aus seinen Schuhen ausgeschüttet[8], mag zum Schmunzeln anregen – die Namensherkunft klärt sie jedoch nicht.
Bei genauer Durchsicht der urschriftlichen Quellen zeigt sich jedoch: die genannten Urkunden können nicht mit der gesuchten Mühle bei Oppershausen in Verbindung gebracht werden. Das alte niedersächsische Adelsgeschlecht der von Oldershausen wurde mit den Urkunden wahrscheinlicher mit der Mühle in Opperhausen, nördlich von Kalefeld, beliehen. Für den vermuteten Mühlenstandort der Oppershäuser Mühle fehlen somit bislang schriftliche Quellenbelege. Möglicherweise ein Indiz darauf, dass es sich um eine private Mühle gehandelt haben könnte. Doch auch die örtlich einschlägigen Schatzregister schweigen zu der vermuteten Mühle.
Erkenntnisse aus Ortsbegehungen
In historischen Karten des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind keinerlei Gebäude im Bereich des Mühlenbergs bzw. des Müllerhofes verzeichnet. Möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits längst abgebrochen waren. Umso anspruchsvoller gestaltet es sich heute, also rund 250 Jahre später, im Gelände noch sichtbare Spuren zu finden.
Unterstützt werden die Untersuchungen vor Ort durch moderne Laserscanaufnahmen. Diese geben Aufschluss über Bodenunebenheiten – auch wenn diese so schwach ausgeprägt sind, dass sie dem menschlichen Auge ansonsten verborgen bleiben würden.

Bild: Mühlenberg heute. Quelle: H. Altmann, 2025.
Die in den historischen Karten als „Mühlenberg“ bezeichnete Stelle hebt sich als markantes Plateau vom übrigen Gelände ab. Mit einer Breite von rund 40 Metern und einer Länge von etwa 60 Metern wäre der Mühlenberg groß genug gewesen, um eine Mühle darauf zu errichten.
Zwar befindet sich unmittelbar südlich an den Mühlenberg angrenzend ein Tümpel, der vermutlich von einem alten Flussarm der Aller stammen kann. Dieser Altarm muss jedoch bereits vor sehr langer Zeit von der Aller abgeschnitten gewesen sein. In den historischen Karten wurde er nicht verzeichnet. Dieser Erkenntnis folgend, spräche einiges dagegen, dass es sich bei der vermuteten Mühle um eine Wassermühle handelte. Stattdessen liegt es näher, dass es sich um eine Windmühle – sehr wahrscheinlich auf dem exponierten Plateau des Mühlenbergs – gehandelt haben dürfte.

Bild: Mühlenberg heute - im Vordergrund: verlandeter Altarm der Aller. Quelle: H. Altmann, 2025.
Die Laserscandaten liefern weitere Erkenntnisse im Bereich des mutmaßlichen Mühlenstandorts. Bereits die historischen Karten weisen darauf hin, dass sich in unmittelbarer Nähe des „Möllerhoops“ d.h. des Müllerhofes einst alte Ackerfläche befanden. Dies wird durch die Laserscanaufnahmen bestätigt.
Unmittelbar nördlich des Mühlenbergs liegen schwach ausgeprägte Strukturen von Wölbäckern, die sich eindeutig von der Umgebung abgrenzen. Weiter nordöstlich des Mühlenbergs befindet sich ein kleinerer umwallter Kamp. Dieser ist auch in den historischen Karten verzeichnet worden. Aus diesen lässt sich schließen, dass die Umwallung des Kamps sehr wahrscheinlich angelegt wurde, weil dieser in der „Mullenheide“ lag. Die Umwallung war somit erforderlich, um den Privatbesitz von der Allmende abzugrenzen.
Umgeben ist der Kamp von angepflanzten Eichen. Mit einem gemessenen Stammumfang von ca. 2,5 Metern sind diese Eichen rund 120 Jahre alt und damit zu jung, um über das tatsächliche Alter des Kamps oder gar der „Mullenheide“ Aufschluss geben zu können. Diese müssen bereits bei der Erstellung der Kurhannoverschen Landesaufnahme im Jahr 1781 vorhanden gewesen sein. Bei den heutigen Eichen scheint es sich demzufolge um spätere Nachpflanzungen zu handeln.

Bild: Begrenzung des alten Kamps nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.
Nördlich des alten Kamps zeichnen sich in den Laserscanaufnahmen deutlich die Überreste alter Flussmeander ab. Ortsbegehungen bestätigen dies – tatsächlich zeigen sich im Gelände entsprechende Relief- und Bewuchsmerkmale.
Die alten Flussschleifen scheinen jedoch deutlich älter sein und dürften mit der vermuteten Mühle nichts zu tun gehabt haben.

Bild: Überreste alter Flussmeander nordöstlich des Möllerhoops. Quelle: H. Altmann, 2025.
Markant sticht in den Laserscanaufnahmen ein leicht geschwungener Graben hervor, der aus Richtung Süden auf den alten „Möllerhoopsweg“ trifft. In diesem Bereich befindet sich eine kleine Senke, in der eine rechteckige Bodenstruktur auffällt. Ihren Ausmaßen zufolge könnte es sich um ein altes Gebäudefundament handeln. Diese Bodenstruktur liegt inmitten der alten Wölbäcker.
Weitere Nachforschungen erforderlich
Mehrere eindeutige Flurnahmen sowie alte Äcker deuten auf die Existenz der alten Mühle hin. Inwiefern die vorhandenen Bodenstrukturen hierzu passen, kann möglicherweise im Rahmen weiterer Nachforschungen geklärt werden. Ebenso sind weitere Untersuchungen zu möglicherweise noch vorhandenen schriftlichen Quellen nötig.
So bleibt bis auf Weiteres lediglich die substantiierte Annahme, dass es zwischen Osterloh und Oppershausen einen ehemaligen Mühlenstandorts gab.
Hendrik Altmann
Stand: 01/2026
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[1] Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 111 Gr. Eicklingen, 1781.
[2] NLA Hann.; Kartensammlung Nr. 31c/21pg.
[3] NLA Hann.; Charte von der in der Amtsvogtei Eicklingen belegenen Feldmark Oppershausen, Celle 211.
[4] NLA Hann.; Karte von der Feldmark Osterloh und den Osterbruchwiesen der Burgvoigtey Celle, Celle 203.
[5] Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, S. 162.
[6] NLA HA Dep. 31 A Nr. 157
[7] NLA HA Dep. 31 A Nr. 256
[8] Aplers/Breling, Celler Sagen aus Stadt und Land, S. 8 f.

Hallo nach Celle, der Mühlenbweg verweist ziemlich sicher auf einen Mühlenberg. Möllershoop und Mullenheide können auch Flächen sein, die dem Müller gehören oder gehörten, und so benannt wurden, etwa wenn es viele Flächenbesitzer gleichen Nachnamens gab. Vage: Vll. wurde mal eine Mühle auf dem Berg geplant, aber dann doch nicht gebaut, oder nach wenigen Jahren versetzt.
AntwortenLöschenVielleicht wissen die Mühlenfreunde im Landkreis oder im Landesverband etwas.