f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 6. September 2012

Was war eigentlich los am... (06.09.1940)?

Zeitschrift zum Tag (heute: 06.09.1940)


Am einfachsten erfasst man die Dinge doch, wenn man sich in die Situation selbst hineinversetzt. So geht es einem häufig bei Problemen, die einem ein anderer berichtet: erst wenn man sich selber in die Situation versetzten kann, versteht man meist das Problem.

So ist es wohl auch bei Geschichte - wie soll man aus heutiger Sicht Dinge verstehen und beurteilen, die außerhalb des persönlichen Bereiches liegen. Durch eine gewisse Vorbildung kann man sein Denken dahingehend schulen. Trotzdem ist die einfachste Möglichkeit sich in etwas hineinzuversetzen und es so zu verstehen, indem man denselben Blickwinkel wählt. Das soll in diesem Zusammenhang keineswegs missverstanden werden - der Blickwinkel meint nicht die persönliche Meinung und Einstellung zu etwas - vielmehr geht es um den "Blick auf eine Sache".

Um dies zu demonstrieren berichte ich heute über eine alte Zeitschrift: "Die SA" vom 06.09.1940 (also genau heute vor 72 Jahren). Damals mag alles etwas anders gewesen sein, als heute. Dennoch waren bestimmte Dinge auch identisch z.B. die Gefühle der Menschen in Bezug auf den sich neigenden Sommer. Zumindest ist das sehr wahrscheinlich - wenn man mal alle anderen Geschehnisse plakativ ausblendet.


Ich möchte in diesem Beitrag einige der Inhalte der Zeitschrift vom 06.09.1940 vorstellen. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um eine Verherrlichung - sondern eine geschichtliche Betrachtung handelt die zeigen soll, was die Menschen genau heute vor 72 Jahren lasen. (Alle nationalsozialistische Zeichen wurden natürlich entfernt!)


Die Zeitschrift


Frontcover der Zeitschrift.

Unten erkennbar: 06.09.1940.
Das Hakenkreuz wurde entfernt.
















Der Hauptartikel "Lüge und Revue - Ausdruck britischen Geisteslebens".


Der Artikel ist mehr oder weniger eine Abhandlung progagandistischer Art über Großbritannien". Im Wesentlichen werden darin britische Ideale verunglimpft und ihnen jede Form von Ehrbarkeit abgesprochen.

Letztlich lässt sich der Artikel in die einfachen Worte fassen:"Deutsche sind toll - Briten nicht!" - sicherlich nicht ungewöhnlich für Zeit und Kontext.










In Zeichnungen wie dieser soll an Kriegstugenden appelliert werden. Diese Zeichnung beispielsweise seitenfüllend - es fehlt eigentlich nur noch der Hinweis "reiß mich aus und häng mich auf..."

Die Handzeichnung stammt von einem unbekannten "E.R. 40". Ein typisches Propagandabild. Mit ihm soll der Einzelne auf die allgemein und typisch heroischen Ideale der SA eingeschworen werden.












Auch mal ganz praktisch:
nebenbei lernt der aufmerksame Leser, wie er mit der Gasmaske II umgehen muss. Könnte ja sein, dass man die mal braucht.

Dazu findet man eine Seite vorher auch noch die Benutzeranleitung. Im oberen Drittel dieser Darstellung sieht man, wie die Gasmaske anzulegen ist. In der Mitte und Unten haben wir dann die Darstellung, wie die Gasmaske korrekt zu tragen ist - zu Fuss und auf dem Pferd.

Fragt sich wo das Pferd seine Gasmaske trägt...









Interessant:
Feldpost. "Aus dem Dienst und dem Leben der SA".

Zitat:
"Der alte Kampfgeist der SA, verbunden mit dem Geist der Wehrmacht, wird auch den letzte Widerstand brechen. Ich hoffe nur, auch beim letzten Sturm dabei zu sein." (Gefr. W. Obersturmbannführer).













Weitere "Leserbriefe" der Feldpost. Daneben immer wieder Zeichnungen von Wehrmachtssoldaten. Beim Stellungsbau, beim Anreichen von Artielleriemunition (beliebtes Motiv), beim Essen und beim Funk.



Es ist dem objektiven Beobachter aus heutiger Sicht natürlich klar, was sich hinter solchen "Leserbriefen" steckt. Der damalige Leser sollte neugierig auf den Dienst an der Waffe gemacht werden. Natürlich konnte man hier keine objektiven Berichte drucken. 











Was haben wir denn da?

Eine Karte von Großbritannien mit Flughäfen und Marinehäfen. Na so ein Zufall!
- Wo wir doch auf den Seiten 1 bis 5 darauf eingeschworen wurden, dass uns die Briten nicht mögen - wir aber besser sind als sie. Was soll man daraus schließen...

Anders als heute wurde das Volk mittels solcher Darstellung aktiv zum Strategen und Feldherren. Jeder konnte sich leicht ein Bild der Lage machen und fachsimpeln, wie man den Gegner in die Knie zwängen könnte. Das war der Propagandaführung natürlich schnell aufgefallen:
Die Menschen hinterfragten an dieser Stelle nur das "wie" - wie kann man die Briten besiegen? Aber nicht das "Warum" - das wurde nämlich vorgegeben. Und zwar auf den Seiten 1 - 5...




Auch beliebt:
Kleinanzeigen. Auf dieser Seite erfährt man unter anderem, dass "die Front der Arbeit den "Angriff" liest" und wird über "Kleinigkeiten von Bedeutung" (Kleinkalibergewehre) von der Marke Walther informiert.
















Ein heroischer Abschluss darf natürlich nicht fehlen...

















Fazit

Natürlich waren das nicht alle Seiten der Zeitschrift vom 06.09.1940. Bei Sammlern werden derartige Exemplare hoch gehandelt - um die 25 bis 45€ habe ich einige Male im Internet gefunden. Ob ich dafür so viel Geld ausgeben würde? Eher nicht. Denn ich glaube fast nicht, dass sich die anderen Ausgaben wesentlich in ihrem Inhalt unterscheiden. Vielleicht wird darin dann nicht auf Großbritannien sondern den USA, Russland oder Frankreich herumgehackt...

Für einen Einblick reichen die oben dargestellten Seiten wohl aus. Sie vermitteln uns auf anschauliche Weise, wie die Propaganda damals eingesetzt wurde.

September 1940 - da herrschte gerade ein Jahr Krieg. Und heute vor 72 Jahren hatten viele einen unerschütterlichen Glauben an ein politisches System wie es es hoffentlich nie mehr geben möge!


Damit soll es für den 06.09. erst einmal gut sein.


Beste Grüße,
S.t.a.l.k.e.r.





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Ich suche jederzeit Material zur Heimatgeschichte. Wenn Sie alte Fotos, Postkarten, Zeichnungen, Karten oder andere geschichtliche Dokumente besitzen und gerne etwas dazu erfahren möchten, dann bitte ich Sie mich zu kontaktieren. Alle Informationen werden mit größter Sorgfalt behandelt! 

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Dienstag, 4. September 2012

Die alten (bäuerlichen) Berufsbezeichnungen vom Dorfe

Hallo zusammen, 


heute gibt es so viele Berufe, dass man in der Schule nicht nur lernen muss einen bestimmten Beruf auszuüben, sondern auch, überhaupt erst einmal den richtigen zu finden. Es fällt schwer sich vorzustellen sich ohne Jobbörsen und das Internet auf dem Arbeitsmark zurecht zu finden.

Manchmal stoßen wir auf alte Namen mit denen man im ersten Moment keinen der uns bekannten Berufe verbindet. Wer würde heute annehmen, dass ein "Altenteiler" eine Bezeichnung eines Berufes ist. Auch Kötner, Höfner und Abbauern sind aus unserer Zeit gewichen.

Wenn man sich für die Lokalgeschichte interessiert, muss man diese Begriffe jedoch kennen - und trennen können. Früher wurde mit dem Beruf in ländlichen Regionen - mehr noch als heute - auch der gesellschaftliche Stand verbunden.
Daher werde ich mich in diesem Beitrag den alten Berufs- und Ständebezeichnungen widmen, da ich glaube, dass sie ein unumgänglicher Schritt sind, um unsere Geschichte zu verstehen. Exemplarisch möchte ich anhand der bis 1928 eigenständigen Gemeinde Schwachhausen (heute Samtgemeinde Flotwedel) vorgehen. Schwachhausen bietet sich zu diesem Zweck nicht nur an, weil es sich dabei um mein Heimat- und Lieblingsdorf handelt. Kaum ein anderes Dorf im Landkreis Celle ist seinen Wurzeln bis heute so treu geblieben - und daher kann man anhand der Namen auch interessante Rückschlüsse auf das Hier und Jetzt ziehen.


Zuvor werde ich die Begriffe aber kurz erklären, damit wir alle wissen, wovon wir eigentlich reden!



Abbauer:

Fälschlicherweise könnte man denken dieser Bauer würde etwas ab-bauen. Das ist auf den zweiten Blick gar nicht SO falsch. Der Abbauer war ein Pächter mit einem kleinen Eigenbesitz. Er war auch anzusehen als ein Neusiedler. Er war jemand, der von einem bestehenden Hofe "abbaut" - also ein Stück gepachtetes Land bekam, dort ein Haus baute und kleinere Ländereien bewirtschaftete. 



Anbauer: 

Von den Größenverhältnissen verhielt es sich beim Anbauer ähnlich wie bei Abbauer. Auch er hatte Land von einem Hof erhalten. Der wesentliche Unterschied zum Abbauer bestand darin, dass der Anbauer die Allmende benutzen durfte. Unter der Allmende verstand man eine Wiese, Weide, Tränke oder sonstige öffentlich nutzbare Einrichtung und Fläche. Den meisten Mitgliedern des Dorfes war die Nutzung der Allmende gestattet. (In der VWL beschäftigen sich ganze Semester mit dem Problem der "Tragik der Allmende" d.h. dem Problem, dass ein für alle nutzbares Gut nicht bereitgestellt wird, da es zu ehr ausgenutzt werden würde...)



Altenteiler: 

Man hat hier sofort den alten Greis vor Augen, der zwar auf dem Hof lebt, aber nicht mehr wirtschaftet. Das ist auch schon fast korrekt! Der Altenteiler war ein Bauer im Ausgedinge, nach Übergabe des Anwesens an den Sohn; Nutznießer des Altenteils. Heute würde in diesem Fall ein gesetzliches Wohnrecht eingetragen und bestimmte Vorschriften im Hofübergabevertrag festgelegt. Früher verstand es sich, dass der Erbe den "Alten" auf dem Hof wohnen lässt und versorgte. 


Brinksitzer: 

Diese Herrschaften waren nicht so vermögend, wie ihr Name klang. "Brink-Sitzer" stammt von "Brink" - ein dörflicher Außenbezirk in dem das Vieh weidete und "Sitzer" - von "dort ansässig". Brinksitzer waren meist eher ärmliche Bauern mit wenig oder gar keinem Land. Ihre Flächen waren meist gepachtet und am Rand des Dorfes gelegen. 



Köt(h)ner: 

Die Köthner, Kötner oder Kätner ließen sich in Voll-, Mittel- und Halbköthner oder auch Groß- und Kleinköthner unterscheiden. In Bezug auf Schwachhausen findet sich nur die einfache Bezeichnung "Köthner". Das liegt vermutlich daran, dass das Dorf sehr überschaubar war und keine Unterscheidung der Hofgrößen vorgenommen werden musste um zu wissen von welchem Bauern die Rede war. Die Köthner bewirtschafteten Flächen zwischen 2 - 30 Morgen. Der Wortursprung wird im Begriff "Kate" gesehen - einem kleinen, bewohnbaren Haus. Die Köthner verrichteten meist auf dem zugehörigen Gut Erntedienste und Spanndienste. 
Das Land welches sie bewirtschafteten gehörte häufig durch Zuweisung oder Besitz ihnen selbst. 



Höfner: 

Auch bei den Höfnern lässt sich in Voll-, Dreiviertel-, Halb- und Viertelhöfner unterscheiden. Diese Bauern besaßen meist ganze Höfe (Vollhöfner) und hatten nach dem Gutsherren die größte lokale Macht. Ihre Ansiedlung geht bis zur ersten Siedlungsstufe (nach Pröve) zurück. Die Höfner waren häufig auch Gutsverwalter oder Großknechte - unterstanden also direkt dem Gut. 



Fazit: 

Es ist nicht ganz leicht die Berufsbezeichnungen zu trennen - obgleich man sie früher wie selbstverständlich verwendete. Etwas anschaulicher wird die Sache, wenn man sich einem konkreten Sachverhalt widmet...



Zu Schwachhausen: 

Mehr zu Schwachhausen findet man auch hier: Mehr zu Schwachhausen (Click). 




Der Nachweis, dass es Höfner, Köthner und Abbauern gab, findet sich in einer Aufstellung der Gemeinde Schwachhausen vom 22 Oktober 1876 (Siehe Überschrift im Bild rechts oben. In dem Dokument findet sich eine Aufstellung der Steuerzahlungen - aber auch die Einteilung der Höfe in den jeweiligen Stand. 


Wie üblich wurde auf der ersten Seite eine Erklärung dazu abgegeben worum es ging. Die betreffenden Bauern unterschrieben daneben: 




Genannt werden: 

- Ortsvorsteher Krohne
- Vollhöfner Pries
- Köthner Tietje
- Abbauer H. H. (Hans Heinrich?) Tietje, sowie die Abbauern: 
- Bütepage
- Gerloff
- Hr. Surburg
- Fr. Charbonier
- Spittau
- Wilf. Tietje
- Jos. Hr. Tietje
- Hr. Kaune. 


Die Namen sind uns noch heute sehr vertraut. Viele davon finden sich noch immer unter den Bewohnern der Dörfer Offensen/Schwachhausen. Beim Ortsvorsteher "Krohne" müsste es sich um meinen Ur-Urgroßvater handeln. 
Der Name Pries findet vor allem nach dem Aussterben der adeligen Familie Zu Winterstedt (wohnhaft auf dem Gut zu Schwachhausen) Erwähnung. Es wird der Familie Pries eine Verbindung zum Gut unterstellt, die sich bis heute nicht einwandfrei nachweisen ließ. Zumindest kann man es vermuten, da der recht große Hof durch den letzten Schenk zu Winterstedt an die Familie Pries übertragen wurde. In anderen Dokumenten dieser Zeit wird auch der Name Pries zeitweilig im Amt des Ortsvorstehers (später Gemeindvorstehers) genannt. Der Name Krohne wird in der Aufstellung ebenfalls unter "Köthner" geführt. 
Die tabellarische Liste umfasst vier Seiten mit den Bezeichnungen der einzelnen Bauern und ihrem Stand/Beruf. Dass es derart viele "Abbauern" gibt ist nicht weiter verwunderlich. Das alte Höferecht sieht seit jeher vor, dass der älteste Sohn den Hof erbt - in einer Zeit ohne Sozialversicherungen, die erst unter Bismarck eingeführt wurden, waren die Familien aber meist eher kinderreich. Die jüngeren Söhne wurden daher häufig zu Abbauern, die zwar relativ frei das Land bestellen konnten, faktisch aber zum ursprünglichen Hofe gehörten. 



Hier noch einmal eine Übersicht aus der Kurhannoverschen Landesaufnahme (1781):

1. Das Gut
2. Bislang noch unbekannt - vielleicht auch mehrere Höfe?
3. Pries
4. Tietje
5. Krohne.













In dem Messstichblatt (Bröckel) um 1900 stellt der Sachverhalt folgend dar:

Man erkennt die großen Höfe noch - aber auch, dass z.B. am Lindenweg ein neuer Hof entstanden ist. Heute wird dieser Hof als "Feldpries" bezeichnet - es handelt sich um den Hof eines Abbauern vom Hofe Pries.













Noch eine kleine Geschichte...

Was den Schwachhäuser Teil meiner Familie angeht, so stamme ich von den Familien Krohne und Kaune ab. Die Familie Krohne gehörte zu den großen Köthnerfamilien des Ortes. Die Familie Kaune soll zu jener Zeit (zwischen 1750 und 1900) den ehemaligen Gutskrug bewirtschaftet haben. Das Gebäude existiert heute leider nicht mehr. Im Beitrag Mehr zu Schwachhausen (Click) finden sich noch einige Bilder dazu...


Ich hoffe es ist mir gelungen ein wenig Klarheit über die alten (bäuerlichen) Berufe in unserer Heimat zu geben. 


Beste Grüße und bis bald, 
S.t.a.l.k.e.r.





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Ich suche jederzeit Material zur Heimatgeschichte. Wenn Sie alte Fotos, Postkarten, Zeichnungen, Karten oder andere geschichtliche Dokumente besitzen und gerne etwas dazu erfahren möchten, dann bitte ich Sie mich zu kontaktieren. Alle Informationen werden mit größter Sorgfalt behandelt! 

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Freitag, 24. August 2012

Das Marinesperrzeugamt Starkshorn







Hallo zusammen, 

meine heutige Exkursion führte mich in den Lüß-Wald (bei Unterlüß). Der Wald ist nordwestlich von Eschede gelegen. Man kennt den Wald meist nur von der Bahn aus gesehen. Der Lüß erstreckt sich quasi komplett geschlossen von Eschede bis Unterlüß. 
Was man von der Bahn aus jedoch nicht sehen kann: in diesem Wald gibt es eine viele Bunker (-ruinen). 

Erst neulich gab es wieder eine Diskussion am Lagerfeuer: 
"Bei Eschede im Wald gibt es große Bunker..."
"...Ja, das habe ich auch gehört - angeblich sind einige unterirdisch..." 
"Einige der Bunker wurden noch nie aufgemacht..." 


Erst einmal vorab etwas Geschichtliches zu den Bunkern im Lüß: 


Da es über das Sperrzeugamt heute so gut wie keine Informationen mehr gibt, habe ich für folgende Darstellungen auf die veröffentlichen Recherchen von Joachim Gries und Joachim Hoppe zurückgegriffen. Von ihnen stammt das Buch: "...Was wir tun, ist nicht gerade zum Guten" Das Marinesperrzeugamt Starkshorn 1937 bis 1945. Es ist bei der Gemeinde Eschede zu bestellen: 








In Niedersachsen entstand zwischen 1933 und 1945 eine große Anzahl von Heeresmunitionsanstalten (sog. Munas). Diese Betriebe (z.B. Hambüren, Hänigsen, Höfer) dienten in erster Linie zur Herstellung und Produktion von Sprengstoffen und dem Zusammenbau von Sprengwaffen. Einige der Betriebe waren (wie z.B. Hänigsen oder Höfer) in ehemalige Salzstollen auf einer Sohle von bis zu 900m eingelagert. Dies sollte vor den alliierten Luftangriffen schützen, aber auch eine möglichst unauffällige Produktion gewährleisten. 

Während die o.g. Munas vorrangig die Wehrmacht mit Munition versorgten, gab es ebenso weitere Einrichtungen für die Marine: die sog. Marinesperrzeugämter. 

Durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages war die deutsche Marine bis 1935 starken Sanktionierungen unterworfen. Mit dem Flottenabkommen 1935 wurde die deutsche Flottengröße auf 35% der britischen Flotte reglementiert. Durch das Reichskriegsminesterium in Berlin wurden daher Pläne aufgenommen die Flotte aufzurüsten. Auch die Produktion von "Sperrgeräten" wie See- und Torpedominen wurde neu überdacht. 

Zum 01.10.1937 erhielt die Marinewerft Wilhelmshafen eine etwa 250 Ha große Waldfläche zwischen Eschede und Unterlüß von der Gemeinde Starkshorn. Alsbald wurde mit dem Bau der Anlage begonnen. Da es sich um eine oberirdische Einrichtung handelte, wurde der Hochwald des Lüß zu weiten Teilen geschützt. Er sollte später die Gebäude und Bunker verbergen. Von Starkshorn aus wurde eine gepflasterte Straße angelegt um das Marinesperrzeugamt erreichbar zu machen. 
Auf dem Gelände selber gab es so gut wie keine Straßen. Die Bunker und Gebäude waren nur durch schmale Pfade und ein Feldbahnnetz (Spurweite 64 cm) miteinander verbunden. Die Feldbahn verfügte über 4-5 kleine Disellokomotiven und endete an einer Verladerampe, etwa 1500m vor dem Bahnhof Unterlüß. Dort wurden die produzierten Güter auf die Fernbahn verladen und abtransportiert. 


Was wurde produziert? 

Im Zweiten Weltkrieg setzte die Kriegsmarine zwischen 220.000 und 230.000 Seeminen ein. Die Seemine verblieb planungsgemäß unter Wasser bis sich ein Schiff näherte und sie durch Kontakt auslöste (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Seemine).  

In Starkshorn wurden einerseits Berührungszünderminen (die bei Berührung detonierten) und andererseits auch Fernzünderminen (die auf magnetische, akustische oder Druckveränderungen reagierten) produziert. Besonders weit entwickelt wurden sog. "Torpedominen" - sie hatten denselben Umfang wie Topedos und konnten daher aus Torpedoschächten abgeworfen werden.
Nachweislich wurden bei der Produktion auch polnische, französische und russische Kriegsgefangene eingesetzt.

Am 04.10.1944 kam es in einem Keller eines der Gebäude zu einer Explosion. Es wurde gemutmaßt, es habe sich um eine neuartige Sperrwaffe gehandelt, die unplanmäßig detonierte. Bei der Explosion starben 3 Waffenwarte.

Am 13.04.1945 erreichten Soldaten des 7. Bataillons der "Seaforth Highlanders" den sog. Wacholderhof - den zentralen Platz des Marinesperrzeugamtes.

Nachdem die Briten die Anlage besetzt hatten, wurde dort Munition aller Art aus dem gesamten norddeutschen Raum gesprengt. Von Munition aus Handfeuerwaffen bis hin zu V1 und V2 Sprengköpfen reichte dabei die Palette.
Nach dem die Sprengungen eingestellt wurden kamen immer wieder Schrottsammler auf das Gelände des Sperrzeugamtes. Am 09.06.1950 kam es zu einem Unfall, als ein 48 jähriger Vater und sein 18 jähriger Sohn mit anderen Schrottsammlern auf dem Gelände waren. Es war eine 150 Kg Bombe detoniert. Die Cellische Zeitung berichtete am folgenden Tag, dass von dem Sohn nur noch ein Oberarm und der Kopf gefunden werden konnte und Fleischfetzen in einem Umkreis von 200m gefunden wurden.

Bis in den Sommer 1991 wurden immer wieder gefährliche Sprengstoffe sichergestellt.



Bitte beachten: 

Ich finde es sehr verwunderlich, dass es heute so gut wie keine Warnschilder am Gelände gibt. Wenn man aus Richtung Süden kommt findet man lediglich Hinweise auf das Verbot die Forstwege zu befahren. Weitere Schilder weisen nur auf Radwege oder den niedersächsischen Fernwanderweg hin. Meines Erachtens wurde hier versucht "Gras" über die Sache wachsen zu lassen. Die Anlage liegt fernab von der Zivilisation und ist auch schon zu großen Teilen aus der Erinnerung gewichen. Aber man kann bei der Größe des Geländes unmöglich von einer kompletten Räumung aller Altlasten ausgehen. Nebenbei ist das Gelände durch den alten Postweg Starkshorn - Unterlüß erreichbar. Ich bin das Gelände von der kompletten Südseite aus umlaufen und habe nicht ein einziges Hinweisschild gefunden.

Ich rate davon ab sich das Gelände anzusehen. Nicht weil dort überall Munition liegen könnte, sondern, weil es dort einfach nichts zu sehen gibt. Tatsächlich kann man kaum noch nachvollziehen wo welche Gebäude gestanden haben. Überall liegen Trümmer der gesprengten Bunker - ich war mit Bergschuhen unterwegs und habe langjährige Erfahrung als Bergsteiger, aber wenn man sich dort die Haxen bricht, findet einen so schnell keiner.
Die umliegenden Wälder sind dazu auch noch mit Wildschweinen überlaufen. Zwar sind diese eigentlich grundsätzlich friedlich, aber wenn sie ihre Jungen in Gefahr sehen oder sich in die Enge getrieben fühlen, können sie zum Angriff übergehen.

Abgesehen davon gibt es dort wenig Interessantes zu sehen. Folgende Bilder zeigen das Interessanteste was es dort gibt. Ich würde daher jedem raten auf die Kraxelei, Schweine und Insekten zu verzichten;) 


Heutige Ansichten der Anlage. Zum Vergrößern der Bilder - einfach anklicken...




Gesamtübersicht. Zur Vergrößerung bitte anklicken. Ich habe einige, aber längst nicht alle Bauwerke markiert. Rot sind riesige Sprengkrater...



gesprengter Bunker



Man erkennt noch schwach das Tonnendoch.



Nur noch ein Berg Trümmer.



Entweder eine Art "Wanne", oder ein umgekipptes Tonnendach eines Bunkers...



Eingang eines Bunkers.




Ein großer Krater...



Bunkerfragmente

Unterseite einer Batterie...


Oberseite einer Batterie....


Batterien im Wald...


Das Schwarze ist die innere Isolationsschicht der Bunker. Vermutlich Teer...


Bunkereingang. 


In einem Bunker (ohne Dach)...


Bunkereingang...


Gebäudefragmente im Wald. 


Bunkereingang - verschüttet. 


Bunker-Geröll. 



Steine im Wald...ehemaliges Baumaterial.



Bunkerreste.



Ein RICHTIG tiefes Loch...Sprengkrater.



Erhaltener Bunkereingang. Der Rest fehlt.



Blick aus dem Bunker. 


Hinterwand des Bunkers steht noch...



Lüftungsschacht eines zusammengestürzten Bunkers.



Bunkereingang.


Länglicher Bunkerstollen. 



Bunkereingang. 


Rundumsicht einer der Bunker...





Röhrenförmiger Bunker.



Im Röhren-Bunker.



Bunkerreste.



Einer der Sprengplätze... (oben rot).

Rundumsicht der Kuhle...








Gesprengtes Cal. 50 BMG.



Mauerreste - Barracke? 



Eine Eichenallee mitten im Wald...




Das "gute" Porzellan...


Unterstand. 


Das "Brandenburger Tor". Vorderfront eines ehemaligen Hauses. 


Ansicht gesamt. 


Ansicht links. 



Ansicht hinten. 


Noch mal Ansicht hinten. 


Ehemalige Feldbahnstrecke...



Eisenstufen. Möglicherweise wurden hier Wassertests durchgeführt...



Werft-änliches Betongebilde...


Bunkerreste. 


Betonkante an der ehemaligen Felsbahn. 




Feldbahnstrecke...



Ein Teil der Kanalisation?


Bunkerreste...


Bunkerreste...


Pfad oder Feldbahn?


Bunkerrest. 


Bunkereingang. 




Eisenfragment. Splitter?



Einziger noch erhaltener Bunker. Innen ist er leider schon mit Graffitis beschmutzt. Ansonsten gut erhalten.



So in etwa sahen wohl auch die übrigen Bunker aus...



Erhaltener Bunker. 




Zerstörter Bunker.



Bunkereingang. 




Noch ein Grund die Gegend zu meiden: Dort hat mich eine Bremse gebissen...die muss einen ziemlich soliden Kiefer gehabt haben;)


Fazit...

Das ehemalige Marinesperrzeugamt ist zwar ganz interessant vom Hörensagen her - lohnt aber eigentlich für einen Besuch nicht. Es gibt dort weder verschlossene Bunker, noch anderweitige Dinge, die spannend sind. Darüber hinaus liegt es am Ende der Welt und bietet eine Rückzugszone für Tiere.

So gerne ich auch über tolle, spannende Orte schreibe und ich diesem Platz einen gewissen Charme zuschreiben muss - gebe ich ihm auf einer Skala von 1 - 10 maximal eine 5. Denn man muss wirklich einiges an Fantasie haben um sich vorzustellen, dass dort einmal eine geheime Bunkeranlage stand.


Alles in allem war es eine nette Expedition.


Beste Grüße,

S.t.a.l.k.e.r.



Quellen
Joachim Gries und Joachim Hoppe "...Was wir tun, ist nicht gerade zum Guten" Das Marinesperrzeugamt Starkshorn 1937 bis 1945. 







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