f Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 7. Februar 2018

Das ehemalige KZ-Außenlager Tannenberg bei Unterlüß



Dieser Beitrag wurde am 16.12.2019 durch einen Nachtrag (s.u.) ergänzt. 

"Jetzt will ich versuchen wieder ein bisschen Mensch zu werden und mich dann über meine Zukunft entscheiden..." 


F. Eisenstätter am 25. Juli 1945 im Heim des Landeskomitees für Deportiertenfürsorge in Budapest, Überlebende des KZ-Außenlagers "Tannenberg" bei Altensothrieth, Unterlüß im Landkreis Celle. 

Die Geschichte eines KZ-Außenlagers bei Unterlüß im Landkreis Celle...

Im Raum Celle gab es zwischen 1933 und 1945 eine erhebliche Anzahl von Rüstungsbetrieben.  Insbesondere handelte es sich hierbei um Einrichtungen zur Herstellung und Befüllung von Munition. Die Gründe für die hohe Dichte von Rüstungsbetrieben fußten unter anderem auf den geografischen und politischen Standortfaktoren. Die Verfügbarkeit günstiger Flächen, das Vorhandensein von militärischen Einrichtungen in der näheren Umgebung und der politische Rückhalt in der Bevölkerung trugen zur Ansiedlung entsprechender Rüstungsbetriebe bei.[1]

Da viele Tätigkeiten von Hand zu verrichten waren, kamen in der Rüstungsproduktion vielerorts Zwangsarbeiter zum Einsatz, die in entsprechenden Lagern untergebracht wurden. Die Hintergründe dieser Lagereinrichtungen sind mittlerweile bereits weitgehend erforscht worden.[2]

Das Lager Tannenberg...

Einen Sonderfall stellt das sogenannte Lager "Tannenberg" bei Unterlüß dar. In diesem waren jüdische Frauen inhaftiert, die aus dem KZ Auschwitz zum Arbeitseinsatz nach Norddeutschland gebracht worden waren. Zwar liegen heute einige Quellen zu diesem Lager vor - vor Ort weisen jedoch nur noch ein paar moosbewachsene Mauerreste, Gräben und Fundamente auf die Existenz der Einrichtung hin. 


Kein Schild und keine Gedenktafel erinnert heute somit an das Schicksal hunderter Häftlinge, die bis unmittelbar vor Kriegsende unweit heutiger Wanderwege im KZ-Außenlager Tannenberg eingesperrt waren. Ziel dieses Beitrags ist es, anhand des vorliegenden Quellenmaterials, die Zusammenhänge des Lagers Tannenberg bei Unterlüß darzulegen. 

Sofern es zu diesem Thema weitere Ergänzungen / Hinweise geben sollte, würde ich mich  sehr freuen, wenn diese an die folgende E-Mail-Adresse gerichtet werden: found-places@live.de


Die Hintergründe...

Am 15.10.2013 wurde auf der ersten Seite des Mitteilungsblatts der Gemeindeverwaltung Unterlüß ("Lüßblatt") ein Brief der Kunstprofessorin Edith Balas veröffentlicht. Frau Balas (geb. Lövy), die heute als Professorin an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh tätig ist, wies in ihrem Brief an die Unterlüßer darauf hin, dass sie bis wenige Tage vor Kriegsende in einem Frauenlager nahe des Ortes untergebracht war und mit hunderten anderen inhaftierten jüdischen Frauen Schwerstarbeit leisten musste.[3]

Die Cellesche Zeitung berichtete am 29.07.2013 über diesen Brief.[4] In Ihrem 2013 erschienenen Buch erläutert Edith Balas, wie sie aus ihrer ursprünglichen Heimat im heutigen Rumänien zunächst ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurde und wie sie schließlich ins Lager Tannenberg bei Unterlüß gelangte.[5]

Bild: Cover Vogel im Flug (Orig.: Bird in Flight) von Edith Balas. Quelle: H. Altmann.

Die Geschichte von Edith Balas beginnt in der Stadt Klausenburg, in der sie am 20.06.1929 geboren wurde. Klausenburg gehörte damals zum Großfürstentum Siebenbürgen, das in Folge des Ersten Weltkriegs zunächst an Rumänien und dann, im Rahmen des Zweiten Wiener Schiedsspruches, wieder zurück an Ungarn fiel. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs stand Ungarn als Verbündeter an Deutscher Seite. 

Mit der verlustreichen Schlacht von Stalingrad geriet die ungarische Regierung unter Zugzwang. Als die Rote Armee vor den Landesgrenzen stand, wollte Ungarn nicht auf Seiten Nazideutschlands stehen. Da Ungarn drohte auf Seiten der Alliierten zu wechseln,  wurde das Land am 19.03.1944 durch die Deutsche Wehrmacht besetzt. Bereits im April 1944 begann ein speziell gebildetes Sondereinsatzkommando des Reichssicherheitshauptamtes unter der Führung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann die ungarischen Juden systematisch zu erfassen und in Konzentrationslager zu deportieren.

Die Familie von Edith Balas wurde zunächst in einer Ziegelfabrik nahe der Stadt Klausenburg untergebracht, die als Sammellager bzw. Ghetto für die jüdische Bevölkerung diente.[6] Von dort aus wurde die Familie gemeinsam mit vielen weiteren nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Innerhalb weniger Monate gelangten hunderttausende Juden aus ganz Ungarn in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie entweder sofort in Gaskammern umgebracht oder zu Arbeitseinsätzen ausselektiert wurden.

Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter verließ Edith Balas im August 1944 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und erreichte nach mehrtägigem Transport in Viehwaggons das Konzentrationslager Bergen-Belsen und schließlich Unterlüß.[7] Hier befand sich ein Außenlager des KZ Bergen-Belsen, das als das Lager „Tannenberg“ bezeichnet wurde.[8]

Bild: Luftaufnahme Lager Tannenberg. Quelle: US Luftbild 1945. 

Über das KZ-Außenlager Tannenberg ist heute nur wenig bekannt, was auch mit der historischen Entwicklung des Lagers bei Kriegsende zusammenhängt. Dennoch liegen einige Quellen und Unterlagen zur Geschichte des Lagers Tannenberg vor. Insbesondere die Protokolle des National Committee for Attending Deportees (DEGOB), die in Ungarn seit dem Frühjahr 1945 aufgenommen wurden[9], liefern heute wichtige Hinweise zum damaligen Lageralltag.

Das KZ-Außenlager Tannenberg[10] befand sich etwa in 6 km westlich von Unterlüß, unmittelbar südlich von Altensothrieh. Historische Luftaufnahmen und militärische Karten zeigen das Lager Tannenberg etwa 400m südlich der heutigen Landstraße 280 zwischen Unterlüß und Müden (Örtze), in Höhe des ehemaligen Hofes Altensothrieh.[11] Das Lager war auf einer kleinen Anhöhe errichtet worden. Nordwestlich fällt das Gelände bis zu den morastigen Flächen der Sothrieth ab. Im südwestlichen Bereich grenzte das Lager an eine offene Heidefläche, die noch heute in Teilen vorhanden ist.

Bild: Luftaufnahme Lager Tannenberg. Quelle: US Luftbild 1945; Google Earth. 

Aus den vorhandenen Quellen geht hervor, dass Ende August 1944 etwa 400 bis 800 jüdische Frauen aus Auschwitz ins Lager Tannenberg gelangten. Sie stammten hauptsächlich aus Polen und Ungarn sowie zu kleineren Teilen auch aus Jugoslawien, Tschechien und Rumänien.[12] Die Jüdinnen arbeiteten hauptsächlich in einer Munitionsfabrik der Firma Rheinmetall-Borsig in Unterlüß[13], bauten Straßen, räumten Schutt, verlegten Schienen und verrichteten Forstarbeiten.[14] 

Bild: Cover DEGOB-Protokoll. 

Zur genauen Anzahl der inhaftierten Jüdinnen gibt es keine eindeutigen Aussagen. Während Überlebende die Zahl der Häftlinge mit ca. 900 – 1.000 angeben[15], waren anderen Aussagen nach maximal ca. 450 – 500 jüdische Frauen inhaftiert.[16] Dabei gehen letztere Aussagen lediglich von Berechnungen aus nach denen das Lager Tannenberg aus drei Häftlingsbaracken bestand, die jeweils ca. 360 m2 umfassten und damit pro Baracke 150 Personen Platz boten.[17]

Tatsächlich belegen historische Luftaufnahmen jedoch, dass es vor Ort mindestens fünf größere Baracken gab, wobei kleinere Nebengebäude nicht mit eingerechnet sind. Die größeren Baracken umfassten eine Gesamtfläche von ca. 2.300 m2 – also rund doppelt so viel Platz. Auch wenn zwei der größeren Gebäude gemeinschaftlich genutzte Flächen waren (wie z.B. Küchenbaracke), bleiben noch rund 1.600 m2 für Häftlingsbaracken. Bei einer angenommenen Pritschenlänge von 1,80 m und einem Abstand von 30 cm auf jeder Seite, sowie einem entsprechenden Mittelgang wäre eine Häftlingsanzahl von 900 – 1.000 somit durchaus plausibel – zumal es sich meist um Doppelstockbetten handelte. 

Eine Aufstellung der weiblichen Arbeitskräfte des KZ Bergen-Belsen gibt an, dass sich am 15.03.1945  517 weibliche Häftlinge im Lager Tannenberg befanden.[18] Im Originaldokument werden die 517 Häftlinge allerdings direkt dem Rüstungsbetrieb Rheinmetall-Borsig AG zugeordnet[19] - nicht abschließend geklärt ist insofern, ob im Lager Tannenberg weitere Häftlinge untergebracht waren, die andere Tätigkeiten ausführten. 

Bild: Lager Tannenberg bei Altensothrieth. Quelle: War Office Map, published 1944, 3rd. Edition; Google Earth. 

Die Arbeit im KZ-Außenlager Tannenberg war hart. Aus den DEGOB-Protokollen gehen detaillierte Hinweise zu den Einzeltätigkeiten hervor. Insbesondere arbeiteten die Frauen in zwölfstündiger Schicht, d.h. von 6:00 Uhr morgens bis 18:00 abends.[20] Sie waren dabei in der Munitionsfabrikation der Firma Rheinmetall in Unterlüß eingesetzt.[21]

Darüber hinaus wurden Forstarbeiten[22] verrichtet und Straßen[23] gebaut. Auch mussten nach Aussage Überlebender Häftlinge Bunker und Wasserbecken gebaut werden.[24] Edith Balas vermerkte in ihrem Buch, dass sich die Holzfällarbeiten vor allem auf einen „schwarzen Wald“ bezogen, der aufgrund eines Waldbrandes so genannt wurde.[25]

Bild: Lager Tannenberg bei Altensothrieth heute - ehem. Eingangsbereich. Quelle: H. Altmann. 

Zur anstrengenden Arbeit kam die spärliche Beköstigung[26] und die rohe Behandlung durch die Bewachungsmannschaften[27] hinzu. Insbesondere die SS-Aufseherinnen werden in den Berichten der Überlebenden mehrfach in diesem Zusammenhang genannt.[28] Auch die Kälte des Winters[29] 1944 / 1945 und die unhygienischen Bedingungen[30] im Lager setzten den Frauen zu. 

Bild: Lager Tannenberg bei Altensothrieth. Quelle: War Office Map, published 1944, 3rd. Edition; Google Earth. 

Die jeweiligen Darstellungen zu den Abläufen im Lager Tannenberg variieren in manchen Aspekten, da die Wahrnehmung der inhaftierten Frauen individuell erfolgte. Viele hatten bereits unterschiedliche Konzentrationslager durchlaufen – daher verfügten die Häftlinge über verschiedene Erfahrungen vor deren Hintergrund die Erlebnisse im Lager Tannenberg bewertet wurden. 

So waren einige sogar im ersten Moment erleichtert, als jeder der Inhaftierten bei Ankunft ein eigener Teller, ein Löffel und ein eigenes Bett zugeteilt wurden.[31] Auch Edith Balas bemerkte in ihrem Buch, dass die Mahlzeiten „wunderbar“ im Vergleich zu dem waren, was sie zuvor in Auschwitz bekommen hatten.[32] Andere wiederum beurteilten die Kost als spärlich und schlecht.[33] Nach Einzelaussagen belief sich die Tagesration an Nahrung auf 400 g Brot und 750 ml Suppe pro Tag.[34]

Übereinstimmend sind die Aussagen der Überlebenden vor allem in Bezug auf die schlechte Behandlung durch die Lagerkommandanten und die SS-Aufseherinnen. Zwar enthalten nicht alle DEGOB-Protokolle detaillierte Angaben zu Misshandlungen seitens der SS - allerdings kam es nach Kriegsende auf der Grundlage einzelner Aussagen zu Ermittlungen durch die britische Militärpolizei, die weitere Einblicke geben.[35]

Bild: Lager Tannenberg bei Altensothrieth heute - ehem. Zufahrt. Quelle: H. Altmann.  

Obwohl das Lager Tannenberg nur für kurze Zeit, d.h. zwischen August 1944 und April 1945 als KZ-Außenlager genutzt wurde, wechselten die Lagerkommandanten in recht schneller Folge. Zuerst war der, SS-Hauptsturmführer Friedrich Diercks in den Monaten September / Oktober 1944 als Lagerkommandant eingesetzt.[36] Diercks wurde als ein „relativ harmloser Mann“, der am Geschehen im Lager nicht weiter interessiert war, beschrieben.[37]

Unter Diercks tat insbesondere der SS-Hauptscharführer Rudolf Wandt im Winter 1944 / 1945 sowie im Februar 1945 Dienst im Lager Tannenberg.[38] Nach Wandt folgte in den letzten Kriegsmonaten noch der SS-Unterscharführer Hans Stecker, der unter den Häftlingen als äußerst brutaler Mensch bekannt wurde.[39] Überlebende berichteten nach Kriegsende, dass Stecker die Häftlinge oft stundenlang in der Kälte Appell stehen ließ und die Frauen nach Belieben verprügelte. 

Bild: Lager Tannenberg heute - Reste eines Gebäudes. Quelle: H. Altmann. 

In Erinnerung blieb den Überlebenden des Lagers Tannenberg aber vor allem die SS-Aufseherin Susanne Hille, deren brutales Vorgehen in den DEGOB-Protokollen mehrfach genannt wird.[40] Edith Balas berichtet in ihrem Buch von einer jungen, dunkelhaarigen SS-Aufseherin, die von den Häftlingen „die Schwarze“ genannt wurde.[41] Es kann sich hierbei eigentlich nur um die besagte Susanne Hille handeln, deren äußeres Erscheinungsbild von mehreren Häftlingen beschrieben und ebenfalls in den Ermittlungsunterlagen der britischen Untersuchungsbehörden aufgeführt wurde. 

Bei einer Gelegenheit hetzte diese SS-Aufseherin deutsche Schäferhunde auf Edith Balas und ihre Schwester und schlug auf die beiden Frauen mit ihrem Gummiknüppel ein.[42] Angeblich soll die besagte Aufseherin in ihrem bürgerlichen Leben eine Reitkünstlerin im Zirkus gewesen sein.[43]

Dies trifft allerdings nicht zu. In ihrer Vernehmung berichtete eine der Blockältesten aus dem Lager Tannenberg, Irene Glück, von den Lagerkommandanten – und auch von Susanne Hille, die demnach aus „Altenberg oder Altenburg“ stammte.[44] Tatsächlich enthält die Arbeitskräftekartei des ehemaligen Arbeitsamtes Altenburg (Thüringen) eine Karte von Susanne Hille. Sie wurde 1922 in Altenburg geboren – war also bei Kriegsende 22 bzw. 23 Jahre alt. Sie wurde 1937 / 1938 zur Verkäuferin ausgebildet – arbeitete als solche jedoch nur zwei Monate.[45] Später war sie als Hilfsarbeiterin in einer Spielkartenfabrik und wieder später als Kontrollarbeiterin in einem ortsansässigen Rüstungsbetrieb tätig.[46]

Bild: Lager Tannenberg heute - Reste eines Gebäudes. Quelle: H. Altmann.  

Während ihre zivile Karriere offenbar nur mittelmäßig verlief, scheint Susanne Hille in der Schutzstaffel (SS) recht schnell aufgestiegen zu sein. Im Tannenberglager galt sie durch diverse Misshandlungen von Häftlingen als „berüchtigt“. Aussagen von Überlebenden  belegen, dass sie Hunde auf die Frauen gehetzt haben soll und bei vielen Gelegenheiten ohne Grund von ihrem Schlagstock Gebrauch machte.[47]

Berüchtigt war die SS-Aufseherin auch, weil sie Frauen, die ihr „auffielen“ ohne Weiteres abtransportieren ließ – die anderen sahen diese Frauen nicht mehr wieder.[48] In einem Fall wurde „eine junge Frau ausselektiert, weil sie nur die Musik liebte“.[49] Auch solche Frauen die nicht gut arbeiteten wurden einfach „weggeschickt“.[50] Die Vermutung liegt nahe, dass diese Frauen zurück nach Bergen-Belsen überstellt wurden. Ihr Verbleib ist jedoch ungeklärt.

Bild: Lager Tannenberg heute - Reste eines Kellers. Quelle: H. Altmann. 

Die Arbeit in der Munitionsfabrik der Rheinmetall-Borsig AG im Werk Neulüss setzte den Frauen zu. Die Jüdinnen mussten jeden Tag den Fußmarsch von Altensothrieth nach Unterlüß antreten – dabei wurden sie von der SS bewacht.[51] In Unterlüß mussten die Frauen Schützen- bzw. Splitterschutzgräben ausheben, Luftschutzbunker errichten und den Untergrund für eine neue Fabrikhalle der Firma Rheinmetall-Borsig am Standort Neulüß planieren. In der ortsansässigen Munitionsfabrik mussten die Frauen Geschosse befüllen, wobei der Kontakt mit den giftigen Stoffen und das Einatmen der chemischen Dämpfe die Gesundheit zerstörten.[52]

Die Schwester von Edith Balas arbeitete ebenfalls in der Munitionsfabrik – ihre Haare und Kleidung verfärbten sich im Laufe der Arbeit aufgrund der eingesetzten Chemikalien orange-gelb.[53] Um dem Gift und dem bitteren Geschmack, der durch das Einatmen der Dämpfe hervorgerufen wurde, entgegenzuwirken, erhielten die Mädchen eine Ration Milch[54] – dieses konnte die Beeinträchtigungen jedoch natürlich nicht heilen.[55] Im späteren Entschädigungsprozess gegen Rheinmetall wurde dieser Umstand allerdings nochmals relevant.[56]

Bild: Lager Tannenberg heute - Reste eines Kellers. Quelle: H. Altmann. 

Auch wenn das Lager Tannenberg im Wald bei Altensothrieth recht abgelegen war, wusste die Unterlüßer Bevölkerung vom KZ-Außenlager.[57] Insbesondere beim täglichen Marsch durch das Dorf zur Munitionsfabrik nahm die Bevölkerung wahr, dass die Frauen KZ-Kleidung trugen und geschorenes Haar hatten.[58] Damit unterschieden sich die Jüdinnen  äußerlich bereits auffällig von den anderen Zwangsarbeitern im Ort. Edith Balas berichtet in diesem Zusammenhang von einer Begegnung bei der die Häftlinge auf eine Mutter mit ihrem kleinen Kind trafen.[59] Die Mutter forderte ihr Kind auf mit Steinen nach der Frauen zu werfen – das Kind gehorchte.[60]

Am 04.04.1945 griff die 8. US Air Force in mehreren Wellen die Anlagen von Rheinmetall-Borsig an.[61] Durch den Bombenangriff wurde die Munitionsfabrik vollkommen zerstört.[62] Es war dem Zufall geschuldet, dass der Angriff an einem Tag erfolgte, an dem kein Arbeitseinsatz der Häftlinge aus dem Lager Tannenberg vorgesehen war.[63] Nur wenige Tage nach dem Bombenangriff auf Unterlüß näherten sich die alliierten Truppen aus südwestlicher Richtung. 

Am 11.04.1945 zeichnete sich bereits ab, dass Celle von britischen Einheiten eingenommen werden würde.[64] Aus der Ferne waren auch im Lager Tannenberg der Kanonendonner und die Sprengungen von Brücken deutlich vernehmbar.[65] Die deutschen Verbände fluteten stetig in nordöstliche Richtung zurück. Die Besetzung der Stadt Celle durch die britischen Truppen erfolgte schließlich - ohne größere Gegenwehr - am 12.04.1945.[66]

Die militärischen Entwicklungen hatten ebenfalls Auswirkungen auf das Lager. Die Lagerverwaltung und die Wachmannschaften setzten sich kurzerhand ab[67] – offenbar um einer Verhaftung / Verurteilung durch die anrückenden Alliierten zu entgehen. Und so war es der Lagerkoch, der den Frauen, nach Abzug der Wachmannschaften, ihre Freiheit verkündete.[68] Die Erleicherung unter den Lagerinsassen war unbeschreiblich groß, schrieb Edith Balas später.[69]

Bild: Lager Tannenberg heute - es befindet sich unmittelbar an der Grenze zum Schießplatz. Quelle: H. Altmann. 

Allerdings weilte die Freude im Lager Tannenberg nur kurz. Bereits wenig später erreichten bewaffnete Zivilisten das Lager und verfrachteten die Jüdinnen auf Lastwagen, um sie fortzubringen.[70] Tatsächlich handelte es sich bei den „bewaffneten Zivilisten“ um Einheiten des Unterlüßer Volkssturms.[71] Dies bestätigte auch der frühere Ortsgruppenleiter von Unterlüß, Hermann Denecke, in einem Schreiben vom 14.06.1947. In diesem gab er an, dass der Unterlüßer Volkssturm angefordert worden sei, um die Jüdinnen mit Lastwagen nach Lüneburg zu bringen. Dort wurde jedoch die Aufnahme der Frauen verweigert und der Transport gelangte schließlich auf Umwegen nach Bergen-Belsen. Edith Balas resümierte, dass die Unterlüßer kein Konzentrationslager in ihrer Nähe haben wollten, als die Alliierten eintrafen.[72]

Die Hintergründe der Transportaktion werfen somit bis heute Fragen auf. Die Protokolle des Unterlüßer Volkssturmbataillons 24/29 weisen keinen offiziellen Befehl oder sonstige Anweisungen für die Abholung der Jüdinnen auf.[73] In der Chronik der Gemeinde Unterlüß heißt es hierzu lediglich, dass die Bewachung das Lager fluchtartig verließ und die Frauen per LKW nach Lüneburg transportierte.[74] Einen Nachweis dafür, dass die Wachmannschaften die Jüdinnen abtransportierten wird jedoch durch keinen der Häftlingsberichte gestützt – in diesen ist stets von "bewaffneten Zivilisten" die Rede. 

Da offenbar weder Befehle ergingen, noch die zuständigen Wachmannschaften den Abtransport organisierten, liegt der Schluss nahe, dass tatsächlich Zivilisten aus Unterlüß oder der näheren Umgebung diese Aktion durchführten. 


Während des Abtransports wurde eine der Frauen bei einem Fluchtversuch angeschossen.[75] Von den 500 Frauen, die das Lager Tannenberg am frühen Morgen des 13.04.1945 verließen, starben ca. 300 in Bergen-Belsen, wie die Überlebende Valerie Jakober-Furth später angab.[76] Der Rest von ihnen wurde schließlich von den britischen Truppen befreit.

Bild: Lager Tannenberg heute - angrenzende Heidefläche. Quelle: H. Altmann. 

Trotz intensiver Ermittlungen der britischen Militärverwaltung konnte keiner der gesuchten SS-Leute aus dem Außenlager Unterlüß juristisch zur Rechenschaft gezogen werden.[77]

Das Schicksal der SS-Aufseherin Susanne Hille ist mittlerweile bekannt. Nachdem sie sich offenbar mit dem Rest des SS-Lagerpersonals absetzen konnte, gelangte sie bis über die Elbe nach Bresegard bei Hagenow (Mecklenburg), wo sie am 07.05.1945 verstarb. Sie erlebte die Kapitulation am darauffolgenden Tag folglich nicht mehr und wurde vor Ort bestattet. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt.

Bild: Lager Tannenberg heute - nur 200 m entfernt: Altensothrieth. Quelle: H. Altmann. 

In den Nachkriegsjahren kam es zu Entschädigungsprozessen gegen Unternehmen, die zu Kriegszeiten Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Im Dezember 1957 wurde eine erste Anklage gegen die Rheinmetall Berlin AG beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erhoben.[78] In seinem 1981 erschienenen Buch „Lohn des Grauens“ fasste der Jurist Benjamin Ferencz die Zusammenhänge um die Entschädigungsforderungen gegen die Rheinmetall AG zusammen.  

Ferencz war zuvor Chefankläger im sogenannten Einsatzgruppen-Prozess – einem Nachfolgeprozess im Rahmen der Nürnberger Prozesse. Aus offiziellen Unterlagen ging hervor, dass Rheinmetall mehr als 5.000 KZ-Insassen beschäftigte, Juden wie Nichtjuden, und dass Auschwitz-Kommandant Höß wie auch SS-Obergruppenführer Pohl die Beteiligung der Firma am Programm zur Nutzung der Arbeitskräfte in den Lagern bestätigt hatten.[79]

Es begannen zähe Verhandlungen mit der jüdischen „Claims Conference“ in deren Verlauf Rheinmetall zwar einerseits erklärte Rechtsnachfolger der Rheinmetall-Borsig AG zu sein, die während des Krieges KZ-Häftlinge beschäftigte und sich bereit erklärte, Ansprüche, die aus dieser Zeit stammen zu befriedigen[80], gleichzeitig jedoch forderte, dass diese Ansprüche bewiesen werden müssten. Laut Benjamin Ferencz war ein „äußerst ungewöhnlicher Handel“ maßgeblich dafür verantwortlich, dass es im Ergebnis zu einer Einigung kam.[81]

Die US-Regierung wollte damals 20 mm Geschütze des deutschen Rüstungskonzerns erwerben – das Pentagon fürchtete jedoch einen politischen Rückschlag, falls der Kauf abgeschlossen würde, bevor eine Vereinbarung über die jüdischen Ansprüche getroffen war.[82] So floss letztlich eine Geldsumme an die hierfür eingerichtete Kompensations-Treuhandgesellschaft der Claims Conference, die an die ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiter verteilt werden musste. 

Wenn eine Antragsstellerin den Namen Unterlüß oder Tannenberg / Unterlüß erwähnte oder sie sich an die Tasse Milch und an die Hautverfärbungen erinnern konnte, hatte die Kompensations-Treuhandgesellschaft keine Schwierigkeiten, die Antragsstellerin als Rheinmetall-Arbeiterin anzuerkennen und der Forderung ohne Verzögerung zuzustimmen.[83]

Bild: Wegweiser unweit des ehem. KZ-Außenlagers Tannenberg. Quelle: H. Altmann. 

Die Überreste des ehemaligen Lagers Tannenberg liegen noch heute im Wald bei Altensothrieth in der Gemeinde Unterlüß.[84] Neben alten Fundamenten und überwucherten Ziegelsteinen erinnert vor Ort nichts mehr an das Schicksal der Häftlinge, die einst in diesem KZ-Außenlager untergebracht waren. 

Die Wegbeschreibungen der angrenzenden Wanderwege des Naturparks Südheide weisen zwar auf die Schönheit der Heidelandschaft hin – verschweigen indessen jedoch die Geschichte des Lagers. Da dieses kurz vor Eintreffen der britischen Truppen aufgelöst wurde und die Häftlinge „gerade noch rechtzeitig“ in das Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert wurden, gerieten die Zusammenhänge rund um das KZ-Außenlager Tannenberg in Vergessenheit.

Bild: Touristisch erschlossene Heidefläche neben dem ehem. KZ-Außenlager Tannenberg. Quelle: H. Altmann.  

Objektiv stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, warum die Gemeindeverwaltung von Unterlüß - trotz ihrer Kenntnis um das ehemalige KZ-Außenlager Tannenberg - nicht längst etwas unternommen hat, um darauf entsprechend hinzuweisen. Spätestens seit dem Brief von Edith Balas, der im Lüßblatt vom 15.10.2013 veröffentlicht worden ist, sind die Hintergründe des Lagers grundsätzlich bekannt. 

Obwohl nachfolgende Generationen nicht für die damaligen Zustände verantwortlich gemacht werden können und sollen, wäre es im Rahmen eines verantwortungsbewussten Umgangs mit der Geschichte grundsätzlich ein Zeichen des Respekts, wenn die Geschichte des ehemaligen Lagers Tannenberg nicht vergessen wird. 

Nachtrag, 02.09.2018
Am 01.09.2018 fand eine Gedenkveranstaltung am ehemaligen KZ-Außenlager Tannenberg statt. Weitere Informationen dazu hier: Gedenkveranstaltung am 01.09.2018

Nachtrag, 16.12.2019: 
Seit 2018 setzt sich eine parteiübergreifende Bürgerinitiative für das Gedenken an das Tannenberglager ein. Derzeit beteiligen sich die Gemeinde Südheide, die Rheinmetall AG sowie die Bürgerinitiative an einem Projekt zur Errichtung einer Gedenkstätte, an der die respektvolle Erinnerung an die Insassen der Unterlüßer Lager - insbesondere des Tannenberglagers - gepflegt werden soll. Über dieses Projekt wird zeitnah weiter berichtet werden. 

Hendrik Altmann





[1] Wienecke, „Besondere Vorkommnisse nicht bekannt“ – Wie ein Heidedorf kriegswichtig wurde, S. 46f. 
[2] Köhler, Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, S. 145 ff. 
[3] Mitteilungsblatt der Gemeindeverwaltung Unterlüß vom 15.10.2013, Nr. 10/2013, S. 2. 
[4] Cellesche Zeitung vom 29.07.2013, Edith Balas hegt keinen Groll. 
[5] Balas, Vogel im Flug, S. 52ff.
[6] Balas, Vogel im Flug, S. 36.
[7] Balas, Vogel im Flug, S. 52.
[8] Rahe, Unterlüß Tannenberg, in: Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 7 S. 220; Wenck, Zwischen Menschenhandel und „Endlösung“ – das Konzentrationslager Bergen-Belsen, S. 345; Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[9] Fritz, Nach Krieg und Judenmord: Ungarns Geschichtspolitik seit 1944, S. 92. 
[10] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286.
[11] War Office Map, No. 4414, 3rd Edition, 1944. 
[12] Rahe, Unterlüß Tannenberg, in: Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 7 S. 220. 
[13] Wenck, Zwischen Menschenhandel und „Endlösung“ – das Konzentrationslager Bergen-Belsen, S. 345
[14] Rahe, Unterlüß Tannenberg, in: Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 7 S. 220; Meyer, ‪Ein Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager in seinem Umfeld: Bergen-Belsen von außen und von Innen 1941-1950, S. 63. 
[15] E. Halpert, DGOB-Protokoll A-25393, 26.08.1945; B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945. 
[16] Lüllwitz, in: Cellesche Zeitung vom 26.01.2008; Ceyp, in: Cellesche Zeitung vom 26.01.2008. 
[17] Lüllwitz, in: Cellesche Zeitung vom 26.01.2008. 
[18] Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge des Aufenthaltslagers Bergen-Belsen am 15. März 1945, Nederlandse Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD, Amsterdam). 
[19] Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge des Aufenthaltslagers Bergen-Belsen am 15. März 1945, Nederlandse Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD, Amsterdam). 
[20] E. Halpert, DGOB-Protokoll A-25393, 26.08.1945; 
[21] E. Halpert, DGOB-Protokoll A-25393, 26.08.1945; F. Eisenstätter, DGOB-Protokoll 015/2238, 25.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945. 
[22] R. Wolf, DGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945;
[23] R. Wolf, DGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945;
[24] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945.
[25] Balas, Vogel im Flug, S. 53. 
[26] E. Kaufmann, DGOB-Protokoll Nr. 395, 11.07.1945; F. Eisenstätter, DGOB-Protokoll 015/2238, 25.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945. 
[27] E. Kaufmann, DGOB-Protokoll Nr. 395, 11.07.1945; B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945; I. Goldberger DGOB-Protokoll 1757, 21.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945. 
[28] F. Eisenstätter, DGOB-Protokoll 015/2238, 25.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945; S. Kleimann, DGOB-Protokoll A-5991, 25.07.1945. 
[29] Balas, Vogel im Flug, S. 53; I. Goldberger DGOB-Protokoll 1757, 21.07.1945. 
[30] I. Goldberger DGOB-Protokoll 1757, 21.07.1945. 
[31] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945. 
[32] Balas, Vogel im Flug, S. 53.
[33] I. Goldberger DGOB-Protokoll 1757, 21.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945; F. Eisenstätter, DGOB-Protokoll 015/2238, 25.07.1945; R. Wolf, DGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945. 
[34] R. Wolf, DGOB-Protokoll 015/1772, 26.08.1945.
[35] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives. 
[36] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives.
[37] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives. 
[38] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives.
[39] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945; [39] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives..
[40] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945; Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[41] Balas, Vogel im Flug, S. 55. 
[42] Balas, Vogel im Flug, S. 55.
[43] Balas, Vogel im Flug, S. 55.
[44] I. Glück, Deposition in the matter of war crimes and Unterluss Camp, 08.11.1945, WO 309/1698 XC 6/2, National Archives; Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[45] Karteikarte Susanne Hille, Arbeitsamt Altenburg Arbeitskräfte Kartei, 39/1/337. 
[46] Karteikarte Susanne Hille, Arbeitsamt Altenburg Arbeitskräfte Kartei, 39/1/337.
[47] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945. 
[48] H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945
[49] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945.
[50] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945.
[51] Kröger / Busse, Bericht vom 02.06.1948, in: Schulze, Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945 – 1949, Bd. 8, S. 255. 
[52] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[53] Balas, Vogel im Flug, S. 54.
[54] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 190. 
[55] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286.
[56] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 190. 
[57] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[58] Kröger / Busse, Bericht vom 02.06.1948, in: Schulze, Unruhige Zeiten – Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945 – 1949, Bd. 8, S. 255.
[59] Balas, Vogel im Flug, S. 54.
[60] Balas, Vogel im Flug, S. 54. 
[61] Combat Chronology of he US Amry Air Force, April 1945. 
[62] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[63] Balas, Vogel im Flug, S. 56.
[64] Saft, Krieg in der Heimat, S. 75 ff. 
[65] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945. 
[66] Altmann, Die letzten Kriegstage – Kampfhandlungen im Flotwedel und angrenzenden Ortschaften, 10. bis 20. April 1945, S. 63. 
[67] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286.
[68] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945.
[69] Balas, Vogel im Flug, S. 56.
[70] E. Halpert, DGOB-Protokoll A-25393, 26.08.1945; I. Goldberger DGOB-Protokoll 1757, 21.07.1945; H. Herschkovita, DGOB-Protokoll 1770, 01.08.1945; Balas, Vogel im Flug, S. 57.
[71] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[72] Balas, Vogel im Flug, S. 57. 
[73] Akte des Volkssturmbataillons 24/29 in Unterlüß, Landkreis Celle, betreffend Befehle und Anordnungen der Kreisleitung Celle, NLA HA, Hann. 310 I, Nr. 326.
[74] Gedicke, Chronik der politischen Gemeinde Unterlüß, Bd. 2, S. 168. 
[75] B. Kroo, DGOB-Protokoll A-8853, 24.08.1945; [75] Balas, Vogel im Flug, S. 57. 
[76] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[77] Horstmann, die Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in: Magargee, Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, S. 286. 
[78] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 166.
[79] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 171.
[80] Beitrag in der Zeitung Bild vom 15.02.1966, in: [80] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 179.
[81] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 183.
[82] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 183.
[83] Ferencz, Lohn des Grauens – Die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter – Ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, Kap. 5 : Die Geschütze von Rheinmetall, S. 190.
[84] Krause-Schmitt‪ / Ngo / Einbrodt, Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstandes 1933-1945 (Germany), ‪Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945: Regierungsbezirke Braunschweig und Lüneburg, Bd. 2, S. 78ff.

Donnerstag, 18. Januar 2018

Die Allerheide bei Lachendorf



Heute erinnern nur noch wenige Überbleibsel daran, dass die Stadt Celle früher inmitten "der Heide" lag. Eine der größten Heideflächen im heutigen Landkreises befand sich östlich der Stadt - die sogenannte Allerheide bei Lachendorf. Da die Heide mittlerweile fast restlos verschwunden ist, wird es höchste Zeit für eine Spurensuche. 

Zwischen Oppershausen und Lachendorf erstrecken sich heute ausgedehnte Kiefernwälder. Gemeinsam mit dem angrenzenden Waldgebiet der "Sprache" handelt es sich um die größten Waldflächen im östlichen Landkreis Celle. Doch so wie sich die Landschaft heute gibt, hat sie nicht immer ausgesehen. 

Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erstreckten sich südlich der Orte Lachendorf und Ahnsbeck die ausgedehnten Heideflächen der sogenannten Allerheide. Diese reichte vom Rand der Allerdreckwiesen im Osten bis zur Sprache im Nordwesten und im Südwesten bis ans Osterbruch bei Osterloh. im Süden bildete der Ort Oppershausen den Abschluss. Insgesamt umfasste die Fläche eine Größe von ca. 25 kmdie sich durch sehr arme Böden auszeichnete. Spätere Bodenuntersuchungen ergaben, dass sich die Allerheide auf dem ursprünglichen Schwemmfächer der Lachte befindet, also einem Gebiet, das unmittelbar mit der Entwicklung des einstigen Allerurstromtals zusammenhängt. 

Eine frühe Erwägung fand die Allerheide bereits in der Zeit der Hexenverfolgung. Da es sich um eine karge und trostlos anmutende, für gewöhnlich menschenleere Gegend handelte, entstanden abergläubische und mystische Geschichten um die Heide. Am 09.10.1572 bekannte Anneke Mechels aus Ahnsbeck, dass sie mit Margarete Krauel, von der sie überhaupt erst die Zauberei erlernt hatte, am Fastelabend ( = Fastnacht) auf der Allerheide bei den Weizenkämpen an einem Nachttanz teilgenommen habe. Sie beschrieb Rituale bei denen sie mit einer schwarzen Salbe an Kopf, an den Knien und an den Füßen bestrichen wurde und schließlich linksherum getanzt habe. Anneke wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 

Auch die von ihr beschuldigte Margarete Krauel bekannte sich im peinlichen Verhör, d.h. unter Folter, zu diversen Zaubereien. Insbesondere gab sie an zum Nachttanz auf der Allerheide durch den ganz in grün gekleideten Geist Lucifers auf einem schwarzen Ziegenböcke gebracht worden zu sein. Auch Margarete Krauel wurde vom Gericht zum Tod durch Verbrennen verurteilt. 

Historische Karten zeigen die Allerheide noch als große monotone Heide ohne nennenswerten Baumbewuchs. Einzige Ausnahme bildet hierbei der stets erwähnte und in Karten verzeichnete Birkenbusch, der auch in den frühen schriftlichen Beschreibungen der Allerheide Erwähnung findet. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

In einer frühen Beschreibung Lachendorfs, im Hausbuch der Amtsvogtei Beedenbostel aus dem Jahr 1663, heißt es: 

"Das Dorf Lachendorf hat seine Hut und Weide vor der Eicklinger Grenze, vor Oppershausen, vor dem Osterbruch bei der Sprache, hinter Gockenholz herum, hinter Beedenbostel nach Höfer, Jansen, Bunkenburg, vor Spechtshorn, Helmerkamp und Ahnsbecker Feld. (...) An Wald haben sie nichts Eigenes als ihre selbst gepflanzten Eichen um das Dorf herum, von denen sie jedoch ohne Erlaubnis keine hauen dürfen. Dann haben noch einen Birkenbusch in der Allerheide, nicht weit von der Sprache entfernt."  
(Wittmann/Seebo, Lachendorf - Beiträge zur Geschichte des Dorfes, Bd. 1 S. 18). 

Den Birkenbusch gibt es heute zwar nicht mehr. Mithilfe historischer Karten lässt sich aber seine ungefähre Lage in der einstigen Allerheide noch recht gut bestimmen. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: Papen Atlas, 1833. 

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Heideflächen grundsätzlich gemeinschaftlich genutzt. Sie zählten damit zur Allmende - nur einzelne Bereiche waren hiervon ausgenommen. Anders als die in den Gewannen liegenden Äcker war die Allmende keinem Hof direkt zugeordnet. Lediglich das ganze Dorf besaß bestimmte Heideberechtigungen, die im Regelfall durch den örtlichen Viehhirten ausgeübt wurden. Dieser zog mit dem Vieh auf die gemeinschaftlichen Weideplätze, sodass letztlich alle Höfe im Dorf die Allmende gleichermaßen beanspruchten. 

Die Allerheide wurde jedoch nicht nur von den Lachendorfer Bauern beweidet. Auch die anderen angrenzenden Dörfer und sogar die Stadt Celle besaß hier entsprechende Weideberechtigungen. Allerdings wurden diese bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr ausgeübt, wie Clemens Cassel berichtete (C. Cassel, Die Geschichte der Stadt Celle, Bd. 2, S. 293). Als die Stadt Celle im Jahr 1849 die Berechtigung zur Kuhweide auf der Allerheide aufgab, war die hierfür erhaltene Geldsumme relativ gering, da die Berechtigung seit Menschengedenken nicht mehr ausgeübt worden war (C. Cassel, Die Geschichte der Stadt Celle, Bd. 2, S. 297)

Neben der Nutzung als Weideflächen diente die Allerheide auch militärischen Zwecken. Bis zum Jahr 1866 unterhielt die Hannoversche Armee hier einen sogenannten Exerzierplatz, der für Truppenübungen benutzt wurde. Auf historischen Karten ist dieses Gelände noch verzeichnet. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: War Office Map 1945. 

Die Lage des ehemaligen Exerzierplatzes kann durch Verwendung der Karte als Overlay in Google Earth genauer bestimmt werden. Der Platz befand sich südlich der Straße nach Ahnsbeck und westlich der Verbindungsstraße zwischen Lachendorf und Oppershausen. Allerdings wurde der Exerzierplatz ab 1866 offenbar kaum noch genutzt und ist heute längst in Vergessenheit geraten. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: War Office Map 1945; Google Earth.  

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an die alte Allerheide. Grund hierfür ist vor allem die Verkoppelung, die im 19. Jahrhundert gravierende Einschnitte im traditionellen Landschaftsbild mit sich brachte. Im Rahmen der sogenannten Generalteilung wurden solche Flächen aufgeteilt, die zuvor der Allgemeinheit zugehörig waren - also die bereits erwähnten Flächen der Allmende. Im Jahr 1844 wurde die Generalteilung der Allerheide beantragt und im Jahr 1861 endgültig abgeschlossen. 

Durch aufwändige Bewertungsverfahren wurde in der Zeit zwischen 1844 und 1861 den einzelnen Dörfern und Grundbesitzern entsprechende Flächenanteile an der Allerheide zugewiesen. Nach Beendigung des Verfahrens gab es keine Allmendeflächen mehr. 

Die Folge war, dass sich nun die einzelnen Grundbesitzer um die optimale Nutzung ihres Flächenanteils sorgten. Da es sich bei der Allerheide jedoch um recht karge Böden handelte, deren Nutzung für Ackerlang unter den einstigen Bedingungen kaum in Frage kam, wurden die Flächen meist für forstwirtschaftliche Zwecke umfunktioniert. Fuhren bzw. Kiefern, die vergleichsweise geringe Anforderungen an die Bodengüte stellten, wurden ausgespäht. Auf diese Weise entwickelte sich eine schnell wachsende und widerstandsfähige Vegetation auf den einstigen Heideflächen, die der Landschaft noch heute ihr prägendes Bild vermittelt. 


Bild: Kiefernwälder südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Heutzutage werden einige der einstigen Flächen landwirtschaftlich genutzt. Künstliche Düngemittel haben hier das vollbracht was jahrhundertelang unmöglich erschien und aus den kargen Böden nutzbares Ackerland gemacht. Durch den zeitweisen Bewuchs mit Kiefern konnte in diesen Bereichen ebenfalls eine nachhaltige Anreicherung der oberen Bodenschichten mit wichtigen Nährstoffen erzielt werden. 

So erstrecken sich mittlerweile südlich von Lachendorf saftige Weiden und ertragreiche Äcker auf der einstigen Allerheide. Kaum vorstellbar erscheint es daher, dass hier früher eine karge und eintönige Ödnis vorzufinden war. 

Bild: Äcker südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Heideflächen sind so gut wie gar nicht mehr anzutreffen. Obwohl es sich bei dieser Gegend einst um die größten Heidegebiete im Raum Celle handelte, ist diese Erscheinung nahezu vollständig aus dem Landschaftsbild verschwunden. Heute prägen dagegen die ausgedehnten Kiefernwälder die örtliche Wahrnehmung... 


Bild: Äcker südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Nur an wenigen Stellen kann man noch ein blasses Bild der einstigen Allerheide erahnen. So gab es bis in die 90er Jahre eine kleine, dreieckige Restfläche südwestlich von Lachendorf. Im südlichen Teil dieser verbliebenen Heidefläche befindet sich noch heute ein Erinnerungsstein an den ostpreußischen Ort "Riesenburg"


Bild: Heidefläche südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 

Allerdings ist such diese kleine Heidefläche mittlerweile fast vollständig mit Kiefern bewachsen, sodass kaum noch Heidekraut durchdringt. Diese Pflanze, de damals denn gesamten Landstrich südlich Lachendorfs prägte, ist somit fast vollständig verschwunden. Nur noch entlang einiger Wege finden sich die Reste der alten Allerheide. 

Bild: Heidefläche südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 

Die Allerheide bei Lachendorf zeigt eindrucksvoll, welchen Einfluss der Mensch bereits früher auf seine Umgebung ausübte. Durch Überweidung und Ausbeutung des Boden, die insbesondere durch den sogenannten Plaggenhieb erfolgte, entstand einst die karge Landschaft der Allerheide. Dort gab es nicht außer Sandwegen, Heide und vereinzelten Wacholderbüschen. 

Erst die Maßnahmen der Verkoppelung wandelten das örtliche Landschaftsbild nachhaltig. Heute lässt sich kaum noch erkennen, dass es einmal derart ausgedehnte Heideflächen gegeben hat. Lediglich einige Relikte, wie Schanzen des ehemaligen Exerzierplatzes sowie alte Immenstellen weisen auf die einstige Allerheide hin. 

Vielleicht trägt dieser Beitrag dazu bei, dass die Allerheide nicht gänzlich in Vergessenheit gerät und der ein oder andere die Landschaft - vielleicht bei der nächsten Fahrradtour - mit anderen Augen sieht... 

H. Altmann


Donnerstag, 28. Dezember 2017

Die Kapelle auf der Blumlage



Kürzlich erreichte mich über Facebook die Frage, ob es in der "Blumlage" - an der heutigen Jänickestraße früher mal einen Friedhof gegeben habe. Um die Antwort vorwegzunehmen - ja einen Friedhof hat es gegeben. Allerdings kamen im Zuge der Recherchen interessante Zusammenhänge ans Licht. insbesondere konnte festgestellt werden, dass früher "Blumlage" nicht gleich "Blumlage" war... 


Die Celler Blumlage ist heute ein markanter Straßenzug, der sich zwischen dem Maschplatz und der Straße Sankt Georg Garten erstreckt und schließlich in die Braunschweiger Heerstraße übergeht. An der Ecke Blumlage-Jänickestraße (früher: Vereinsstraße) befindet sich heute die Blumläger-Schule (Grundschule). Auf Karten des 20. Jahrhunderts war an Ort und Stelle bereits die Volksschule I verzeichnet. 

Die Karten zeigen einen schmalen Friedhof neben dem Schulgelände, der an die Blumlage angrenzte und einige hundert Meter parallel zur heutigen Jänickestraße verlief. 

Bild: Friedhof an der Blumlage. Quelle: preußisches Messtischblatt, 1899. 


Heute deutet auf den ersten Blick nichts mehr auf die Existenz des alten Friedhofs hin. Dort wo dieser einst in historischen Karten verzeichnet war, stehen mittlerweile moderne Schulgebäude der Blumläger-Schule. 

Bild: Blumläger-Schule heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 


Es stellt sich die Frage um was für einen Friedhof es sich gehandelt haben könnte. Blickt man hierbei etwas weiter in der Geschichte der Blumlage zurück, können wiederum historische Karten dabei helfen, sich die örtlichen Gegebenheiten von damals zu vergegenwärtigen. 

Johann Friedrich Borchmann (1694 - 1772), der als Baumeister in Celle wirkte, veröffentlichte im Jahr 1757 eine Beschreibung der Stadt und ihren Vorstädten. Insbesondere legte er die bauliche Situation Celles dar und gab die wichtigsten Gebäude mit ihrem jeweiligen Standort an. In seiner Beschreibung ist auch der Friedhof an der Blumenlage verzeichnet. Darüber hinaus sind angrenzende Gebäude zu erkennen. 

Besonders kurios: inmitten des Straßenverlaufs der Blumlage ist in alten Karten ein Sakralbau eingezeichnet.  

Bild: Kapelle und Friedhof in der Blumlage um 1757. Quelle: Borchmann, 1757. 


Auch der Celler Rektor Johann Heinrich Steffens hatte die Blumlage mitsamt Kapelle und Friedhof in seinem bereits 1747 erschienenen "Plan der Stadt Zelle nebst ihren Vorstädten und zunächst umliegenden Gegenden" verzeichnet. 

Die Blumlage wird in den Karten des 17. Jahrhunderts dabei stets vor der Stadtbefestigung dargestellt. Sie war einst ein langer, schlauchartiger Straßenzug, von dem sich im Bereich des heutigen Maschplatzes die Straße "Masch" abzweigte. 

Bild: Celle und die Vorstadt "Blumlage" um 1757. Quelle: J.H.F. Steffens, 1747. 


Damit dürfte hinreichend belegt sein, dass es in der Blumlage einen Friedhof und auch eine zugehörige Kapelle gegeben hat. Spannend wird es jedoch in Bezug auf die Frage um welche Kapelle es sich genau handelte. Zur Annäherung an diese Frage ist es erforderlich die Entstehung der Blumlage näher zu betrachten. 

Zwischen der ersten Erwähnung der Blumlage und der Zeit in der die o.g. Karten entstanden liegen maßgebliche Entwicklungen der Stadt Celle. Bereits der Celler Stadtchronist Clemens Cassel stellte Ernüchternd fest, dass nicht alle Zusammenhänge um die Blumlage geklärt wären (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 108). 

Die Schwierigkeit die Historie der Blumlage richtig einzuordnen könnte darin begründet sein, dass es gewichtige Anzeichen dafür gibt, dass sich die heutige Blumlage erst später entwickelte und der ursprüngliche Ort "Blomelaghe" näher bei der heutigen Innenstadt Celles befunden haben könnte. Cassel sieht die Begründung für eine Verlagerung der Blumlage insbesondere in der Gertrudenkapelle, die sich einst im Bereich des ursprünglichen Ortes "Blomelaghe" befunden haben soll. 

Bild: Cassel forschte u.a. zum Ursprung der Blumlage. Quelle: C. Cassel, Geschichte der Stadt Celle, 1930


Nun läge der Schluss, dass es sich bei der Gertrudenkapelle in "Blomelaghe" um die spätere Kapelle auf der Blumlage handelt, etwas zu nahe. Hier ist es notwendig einen Blick in die ältesten Urkunden zu werfen, die uns in diesem Zusammenhang vorliegen. 

Erstmal erwähnt wird die "Blumenlage" in einer Urkunde vom 23.06.1308 - also nur 16 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt "Neu-Celle", durch Herzog Otto den Strengen vom 25.05.1292. Die Blumenlage war dieser urkundlichen Erwähnung nach zwar zur Pfarrkirche nach Celle eingepfarrt - gehörte jedoch nicht zur Stadt und war nicht von deren Schutz(-befestigung ?) umfasst (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 37). 

Cassel ging davon aus, dass der ursprüngliche Ort "de olde Blomelaghe" - also die alte und ursprüngliche Blumlage - sich einst unmittelbar südlich vom heutigen Celle befand und dass die Bergstraße - ursprünglich "Blomenstrate" - und auch der Große Plan damals zum Ort Blumlage gehörten. 

Die Mauernstraße liefert ebenfalls ein Indiz für diese Theorie. Sie verläuft oberhalb des alten Ortes "Blomelaghe" und markiert den Verlauf der ursprünglichen Stadtmauer, die bis Anfang des 16. Jahrhunderts die Stadt nach Süden absicherte. Diese Mauer bestand allerdings nur aus gebrannten Ziegeln und war somit in Zeiten moderner Belagerungswaffen - insbesondere Kanonen - nicht mehr auf dem Stand der Technik. Unter Herzog Ernst dem Bekenner (1497 - 1546) wurden schließlich die Stadtbefestigungen ausgebaut und die alte Stadtmauer gegen eine massive Umwallung ausgetauscht. Im Zuge dieser Maßnahme musste der alte Ort "Blomelaghe" weichen. 

Bild: die alte Blumlage ("de olde Blomelaghe"). Quelle: H. Altmann


Noch ein weiteres Indiz spricht für die Lage der ursprünglichen Blumlage im Bereich des Großen Plans, wie bereits Cassel schlüssig anhand von historischen Urkunden darlegen konnte. 

Herzog Friedrich der Fromme (1418 - 1478) war für seinen Hang zum Glauben bekannt. Er gründete unter anderem im Jahr 1452 das Franziskanerkloster am Heiligen Kreuz - die Straße trägt heute noch diesen Namen. Ebenso war es Herzog Friedrich, der am 22.07.1464 eine Kapelle "up der Blomenlage" stiftete und diese mit dem Namen "Gertruden-Kapelle" versah. Die Urkunde vom Gründungstag beschreibt recht detailliert mit welchen Rechten und Pflichten die Kirche und der jeweilige Kirchherr ausgestattet war. Auch erwähnt die Urkunde den Standort dieser alten Kapelle auf der Blumlage recht genau. 

Zur Gertruden-Kapelle sollten zwei Heiligensteine gehören, an denen Opfergaben und Spenden abgelegt werden konnten. Damals waren diese Gaben für den Unterhalt der Gotteshäuser und ihr Wirken durchaus von Bedeutung. Die genannte Urkunde beschreibt nun, wo sich diese Heiligensteine genau befunden haben. 

Der eine Stein stand "alß man gayth uth der Stad na dem Blomenlagen Stoven" - also dort wo man aus der Stadt zu den Blumlagen Stuben geht. Bei diesen Stuben handelte es sich um die Badestube auf der Blumlage, die sich erwiesenermaßen am Kleinen Plan bei der Hausstelle Nr. 3 befand (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 107). 

Der zweite Stein befand sich "twischen dem Steindore und dem Blomleger Dore, dar me uth  ryt na Brunswigk" - also zwischen dem Steintor und dem Blumläger Tor, dort wo man ausreist nach Braunschweig. Das Steintor (bis 1376 hieß es Mutekentor) befand sich einst in etwa zwischen dem Heiligen Kreuz Nr. 17 und der Mauernstraße 33 (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 58). Es war allerdings so schmal, dass es für den Wagenverkehr ungeeignet war. Das Blumläger Tor (später: Braunschweiger Tor) stand im Schnittpunkt der Post-, Mauern- und Rundestraße. Bei späteren Kanalisationsarbeiten wurden massive Findlingsblöcke des Tores an dieser Stelle aufgefunden. 

Bild: Am Heiligen Kreuz - Blick in Richtung Kleiner Plan. Hier wäre man früher zum Steintor gelangt. Quelle: H. Altmann


Die Stellen der Heiligensteine, die zur Gertruden-Kapelle auf der alten "Blomelaghe" gehörten, zählten somit zu den Hauptverkehrspunkten in südliche Richtung und waren vermutlich eine gute Einnahmequelle. Cassel wies anhand von Aufzeichnungen aus dem Jahr 1520 nach, dass in unmittelbarer Nähe der Gertruden-Kapelle das Haus Großer Plan Nr. 13 gestanden hat (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 108). Er schloss hieraus, dass sich die Kapelle daher am Großen Plan auf dessen Westseite befunden haben muss. 

Doch die Tage der Kapelle und der alten Blumlage waren gezählt. Es waren wohl nicht zuletzt die Ereignisse der Hildesheimer Stiftfehde von 1519, die Herzog Ernst dazu antrieben die Befestigung der Stadt Celle voranzutreiben. Der Ausbau der Stadtwehren verschlang immense Summen der Stadtkasse und führte zur Eingliederung der alten Blumlage in die Stadt Celle. Als neue Blumlage entstand vor den neuen Stadttoren eine entsprechende Siedlung in der Form wie wir sie noch heute als Blumlage kennen. 

Die Karte des Rektors Johann Heinrich Steffens aus dem Jahr 1747 zeigt die Umwallung der Stadt sowie die Lage der neuen Blumlage. Im Bereich der alten Blumlage hatte sich bereits die Stadtbebauung etabliert. verwendet man die karte als Overall in Google Earth lässt sich die Entwicklung in Kontrast zum heutigen Stand verdeutlichen. 

Bild: Celle und die Vorstadt "Blumlage" um 1757 vs. heutiger Entwicklungsstand. Quelle: Google Earth; J.H.F. Steffens, 1747. 


Damit wird allerdings auch eines deutlich - die Kapelle auf der heutigen Blumlage kann nicht mit der Kapelle auf der alten Blumlage übereinstimmen. Denn erst durch den Ausbau der Befestigungen entstand eine neue Vorstadt, die wir heute als Blumlage bezeichnen. Die alte Blumlage jedoch muss eine gewachsene Siedlung gewesen sein - sonst hätte sie keine eigene Kapelle erhalten, die sich nach Cassel eindeutig im Bereich des heutigen Großen Plans befunden haben muss. 

Vor diesem Hintergrund wurde zumindest geklärt, dass die Gertruden-Kapelle offenbar für einen Standort auf der neuen Blumlage ausscheidet. Die Kapelle, die neben dem ehemaligen Friedhof im Bereich der heutigen Blumläger-Schule stand, muss also eine andere gewesen sein. 

Hier können möglicherweise die Ausführungen von Ernst Peter Johann Spangenberg (1784 - 1833) hilfreich sein, die er im Jahr 1828 in seiner "Historisch topografisch-statistischen Beschreibung der Stadt Celle im Königreich Hannover" niederschrieb. Spangenberg war zwar selber nicht abschließend gewiss darüber wann genau die Celler Vorstädte entstanden sind. Wohl aber datierte er die Blumlage zur ältesten Vorstadt Celles (Spangenberg, Beschreibung der Stadt Celle, S. 38)

Spangenberg konstatierte, dass die Kirche Sankt Georg, die bis heute auf der Blumlage vorhanden ist, wahrscheinlich aus der alten Kapelle "Zum Heiligen Geist" hervorgegangen ist, die bereits seit 1392 auf der Blumlage gestanden hat. Allerdings verfügte die Kirche Sankt Georg zunächst nicht über eigene Glocken - diese hingen vielmehr in einem Bretterverschlag neben der in der Mitte der Blumlage befindlichen Kapelle (Spangenberg, Beschreibung der Stadt Celle, S. 271). Die Kapelle sei nun zur Parochialschule aptirt - also umfunktioniert worden, führt Spangenberg weiter aus. 

Bild: Sankt Georgs Kirche in der Blumläger Vorstadt. Quelle: Ausschnitt aus "Der fürstliche Sitz Celle", kolorierter Kupferstich, C. Buno, 1750. 


Offenbar kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Verwechselungen der Kirchen und Kapellen. Aber durch den Hinweis Spangenbergs, dass die Kapelle später als Parochialschule bzw. Volksschule diente, wird deutlich, dass es tatsächlich zwei Kapellen gegeben haben muss. Aus einer entstand später die Kirche Sankt Georg dort wo sie heute noch steht. 

Bei der anderen Kapelle handelte es sich um die gesuchte. Im Jahr 1661 erhielt die junge Blumläger Kirchgemeinde durch Herzog Christian Ludwig (25.02.1622 - 15.03.1665) ihr Geläut. Da es an einem Glockenturm fehlte und die Kirche Sankt Georg noch ein ganzes Stück weiter stadtauswärts lag, wurden die beiden Glocken in einem einfachen Glockenstuhl am Kirchhof untergebracht, der sich mitten in der Gemeinde Blumlage befand. Bereits wenig später - im Jahr 1678 - wurde schließlich auch ein richtiger Glockenturm erbaut. Dieser befand sich jedoch nicht auf dem Friedhof, sondern etwas abseits mitten auf der Hauptstraße. Hier wurde dann im Jahr 1683 eine Kapelle für Leichenpredigten errichtet die sich im Eigentum der politischen Gemeinde befand (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 441)

Der Friedhof an dem sich diese Leichenkapelle befand war also bereits vor der Errichtung der Kirchengemeinde auf der Blumlage vorhanden. Er diente lange Zeit zur Bestattung der Toten aus der Blumlage, der Masch und aus dem Kreise (heutiger Straßenname). 

Im Jahr 1849 wurde der Friedhof von der politischen Gemeinde an die Kirche abgetreten. Er bestand noch bis ins 21. Jahrhundert - allerdings wurde er schon 1885 geschlossen, d.h. diente nicht mehr für neue Bestattungen. 

Bis ins Jahr 1749 diente die Kapelle für Leichenpredigten. Dann allerdings veranlasste eine schwere Ruhrepidemie die Abschaffung der Predigten - es war schlicht zu aufwändig geworden für jeden Toten eine Predigt zu halten. Im Jahr 1772 wurde die Kapelle dann zunächst als Spritzenhaus genutzt bevor sie schließlich 1777 in den Besitz der Kirche überging. Zwischen 1808 bis 1839 und von 1876 bis 1888 wurde die Kapelle als Schulzimmer genutzt. Allerdings war sie im Laufe der Jahre baufällig geworden - der Turm mit den Glocken war bereits im Jahr 1868 aus Sicherheitsgründen abgebaut worden. Am 27.06.1892 brannte die einstige Kapelle schließlich ab und wurde nicht wieder neu aufgebaut. 

Bis auf dem von L. Holle gedruckten und im Jahr 1855 verlegten "Plan von der Stadt Celle" ist die Kapelle noch in der Kartenlegende aufgeführt. Spätere Kartenwerke verzichteten auf den Hinweis auf das einstige Gotteshaus ganz. Noch auf einer 1925 erschienen Karte des Celler Tiefbauamts ist der Friedhof verzeichnet - die Kapelle aber längst nicht mehr. 

Bild: alter Friedhof an der Blumlage. Quelle: Karte Tiefbauamt Celle, 1925. 


Heute sind die Spuren der einstigen Kapelle und des Friedhofs längst aus dem Stadtbild verschwunden. Es scheint schwer vorstellbar, dass die Blumlage einst nicht im Bereich des heutigen Straßenzugs lag, sondern ein eigenständiges Dorf war. Diese Zusammenhänge werden allerdings an anderer Stelle aufgearbeiteten untersucht. 

Zumindest konnte in diesem Rahmen die Geschichte des einstigen Friedhofs und der ihm zugehörigen Kapelle aufgeklärt werden. 

Bild: alter Friedhof an der Blumlage. Quelle: H. Altmann, 2017. 


An der Geschichte des alten Friedhofs auf der Blumlage wird deutlich, wie eng die historischen Zusammenhänge bei der Entwicklung der Stadt Celle miteinander verbunden sind. Ursprünglich existierte nur das alte Dorf "Blomelaghe" - das vielleicht sogar schon vor der Neugründung der Stadt vorhanden war. 

Allerdings erforderte der Ausbau der Stadtverteidigung eine Verlegung der Blumlage. So entwickelte sich vor den Toren Celles die Blumlage als Vorstadt. Von diesen Zeiten ist heute allerdings nicht mehr viel  zu erkennen, denn längst ist die Blumlage Teil des Celler Stadtgebiets geworden. 

H. Altmann


p.S.: vielen Dank an die freundlichen Mitarbeiter des Celler Stadtarchivs, die noch kurz vor den Feuertagen mit wichtigen Informationen weiterhelfen konnten!