f Overling/Oberling - die vergessene Ortschaft... ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 3. Dezember 2012

Overling/Oberling - die vergessene Ortschaft...

Update - 12.11.2012: 

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2012 aktualisiert. Der ursprüngliche Beitrag wurde nicht verändert. Die Aktualisierung wurde unterhalb des Beitrages eingefügt! 

___________________________________________




Overling/Oberlingen - die vergessene Ortschaft...

Lage, Name und Geschichte eines Ortes, den wir nicht mehr kennen.



Wer kann schon von sich behaupten etwas besonderes gefunden zu haben? Nun gut, vielleicht sind dort einige, die schon einmal über Schmuck oder Geld auf offener Straße "gestolpert" sind. Aber einen Ort? Und dazu noch vor der eigenen Haustür? Das dürfte wohl eher zu den selteneren Funden zählen...

Was war Overling/Oberlingen...? 

Vermutlich war Overling/Oberlingen kein sehr großer Ort. Vielleicht ein bis zwei Gehöfte - mehr aber auch nicht. Bereits im Sachsenspiegel (Beilage der Celleschen Zeitung) vom 09.04.1955 war von diesem Ort die Rede. Damals mutmaßte Friedrich Barenscheer:"gab es im Amt Beedenbostel keinen Ort Overlingen?" 

Hintergrund des Sachsenspiegels waren die Jubiläen des Landkreises Celle und des Amtsbezirkes Lüneburg. In diesem Zusammenhang präsentierte der Autor einen Ausschnitt einer alten Karte aus dem Lüneburgischen. Nüchtern stellte er fest, dass die Karte im Amt Beedenbostel eine Auffälligkeit innehatte: sie zeigte den alten Kirchort Beedenbostel nicht. Stattdessen fand F. Barenscheer den Ort "Overling"... 

Diese Absurdität bewertete er in seinem Beitrag als Ungenauigkeit der Karte. 

Da uns der Autor um zahlreiche Beiträge und Forschungen zur Heimatgeschichte beschenkt hat, wäre es ungerechtfertigt seine Bemühungen die Karte zu deuten als unkorrekt abzutun. Nur kann man heute den Standpunkt Overling sei reine Fiktion gewesen weiter aufrecht erhalten? 

Kartengrundlagen...

Hätte F. Barenscheer 1955 schon auf hochauflösende digitalisierte Kartenwerke zugreifen können, wäre er vermutlich zu einer anderen Annahme gelangt. Daher wäre es auch sehr vermessen heute, da wir über diese Möglichkeiten verfügen, über die damaligen Forschungsergebnisse zu urteilen. 

Vorab möchte ich allerdings darauf hinweisen, welche Probleme und Herausforderungen es bedeutet mithilfe alter Karten Aussagen zu treffen. Wie schon an anderer Stelle beschrieben sind Karten erst seit Ende de 18 Jh./Beginn des 19 Jh. eine verlässliche Quelle. Je weiter vor dieser Zeit angefertigte Karten zurückreichen umso größer sind die enthaltenen Abweichungen. Ein weiteres Problem bekommen wir, wenn wir Karten als aufeinander aufbauend betrachten. Nicht immer haben sich Kartografen die Mühe gemacht jeden Winkel des Landes neu zu erfassen. Leider wurde nicht selten auf vorhergehende Kartenwerke zurückgegriffen. Mit der Konsequenz, dass Fehler weitergegeben wurden. 

Man sollte somit vorsichtig sein und einer Karte immer mit der gebotenen Kritik begegnen! 

Overling in Karten...


Bild: 
Wir finden Overling schon in den ersten Karten des Landkreises Celle. Es liegt hier zwischen Beedenbostel und Alvern...

Quelle: Johannes Mellinger, Atlas des Fürstentums Lüneburg um 1600. 






Bild: Overling. Quelle: Ducatus Luneburgici et Dannebergersis, 1720, Deutsche Fotothek.


Bild: Overling. Quelle: L'Electorat De Hannover, 1745, Deutsche Fotothek. 


Bild: Overling. Quelle: A New Map of the King of Great Britains Dominions in Germany 1789, Deutsche Fotothek. 


Nun haben wir schon drei Karten mehr als F. Barenscheer für unsere Analyse zur Verfügung hatte. Nach diesen recht ungenauen Karten lag Overling südlich von Höfer, westlich von Beedenbostel, nördlich von Lachendorf und östlich von Alvern. 

Bis zu diesem Punkt könnte man Overling für das spätere Gockenholz halten, denn es liegt heute genau an der eben beschriebenen Lage. 

Doch so einfach ist es nicht...

Bild: Oberlingen. Quelle: Topografische Spezialkarte Celle, 1822-1823. Deutsche Fotothek. 


Bild: Oberlingen. Quelle: Topografische Karte Herzogtum Braunschweig 1845. Deutsche Fotothek. 


Aus Overlingen wurde also Oberlingen. Und so zeigen uns selbst Kartenwerke des 19 Jh. den Ort. Am präzisesten ist dabei eine Aufnahme des Herzogtum Braunschweigs von 1845. Wie man erkennen kann war Oberlingen eine Ortschaft, die zwischen Beedenbostel und Gockenholz lag. Aber diese Karte sagt noch mehr aus: Oberlingen lag auf einer Anhöhe und bestand (laut Karte) aus wenigen Gebäuden. Auch kann man erkennen, dass Oberlingen an einem Weg zwischen Beedenbostel und Alvern gelegen haben muss. 

Bild: Kein Oberlingen mehr. Quelle: Messstichblatt Beedenbostel, 1901. Deutsche Fotothek. 


Bild: Kein Oberlingen mehr. Quelle: Aufnahme des Deutschen Reiches, Blatt Celle, 1904. Deutsche Fotothek. 


Ab 1900 gibt es dagegen keinerlei kartografische Hinweise mehr darauf, dass es Oberlingen gegeben hat. Man erkennt zwar den Weg zwischen Beedenbostel und Alvern - aber es gibt keinen Schriftzug "Oberlingen" mehr. 


Wo ist Oberlingen geblieben...? 

Ist der Ort einfach verloren gegangen, aufgegeben worden oder ähnliches? Wir wissen, dass in früherer Zeit Ortschaften nicht selten zu Geister-Orten wurden. Die großen Kriege (Dreißigjähriger Krieg, Siebenjähriger Krieg), die Pest oder die Verarmung weiter Landstriche und die Auswanderung in die Neue Welt (USA) stellten maßgebende Ereignisse dar. Ausgehend vom Kartenmaterial scheint der Ort um 1850 verschwunden zu sein. Zu dieser Zeit war die Industrialisierung in vollem Gange - es herrschte eine große Bewegung in die Ballungsräume. Somit wanderten viele aus ländlichen Gebieten in die Städte - oder unternahmen sogar einen größeren Schritt und wanderten aus. Besonders die Hoffnung auf einen neuen Anfang brachte viele dazu die "Alte Welt" Europa zu verlassen und in die USA zu emigrieren. 

War das das Verhängnis für Oberlingen? Vermutlich. 

Aber sicherlich kam auch noch ein anderer Umstand hinzu: 

Bild: Kein Overlingen. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. Landesamt für Vermessung und Geoinformation Hannover. 


- Auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme ist kein "Overling" zu sehen, obwohl die oben gezeigten Karten den Ort lückenlos von um 1600 bis 1845 bezeugen. Wie kann das sein? 

Wir sehen, dass zwischen Gockenholtz und Beedenbostel eine Ortschaft ohne Namen eingetragen ist. Natürlich könnte man denken, dass beide Teile die Ortschaft Gockenholz bilden - dem wage ich aber zu widersprechen. Es handelt sich um keine uns bekannte Dorfbildungs-Form. D.h. es liegt weder ein Haufendorf (Haufendorf), noch ein Straßendorf (Straßendorf) vor. Die beiden Orte scheinen einfach sehr dicht beieinander zu liegen...

Der Name Overling/Oberlingen...

Der Vorsilbe "Over-" bzw. "Ober-" bedarf es kaum einer Erklärung. Damit es ein höher liegender Ort gemeint - vgl. Obershausen, Obersdorf. "Over-" kann dabei aus englischer Zeit stammen, oder auch kongruent zum Plattdeutschen sein. Es wird in seinem Ursprung auf "Ober-" im Sinne von "über etwas liegend" oder "over, ower, öwer" - dementsprechend "über-" im Sinne von "überschauen, überblicken" zurückzuführen sein. In jedem Fall kann man es als einen geografisch erhöhten Ort deuten. 

Die Nachsilbe "-ling" bzw. "-lingen" lässt sich unterschiedlich deuten. Am sinnvollsten scheint die Deutung im Sinne eines Ortes zu sein. Danach stammt es vom Urwort "-laga" (eine freie offene Fläche) ab. In dieser Verwendung findet man es im Flotwedel (z.B. Eicklingen, Langlingen, Sandlingen). Die geschwächte Form ist lege, leghe - später wurde dies häufig zu "-lingen" (Quelle: Lüneburger Heimatbuch, 1901). 

Wenn man dies zusammensetzt, erhält man einen Ort auf freier Fläche, der über dem Umland liegt - d.h. einen Ort auf einer Anhöhe. 


Oberlingen heute...

leider kann man auf den folgenden Bildern nur mühsam erkennen, dass Oberlingen auf einem Hügel lag. Der Anstieg des Hügels ist sehr flach - aber man kann ihn erkennen, wenn man auf den Horizont achtet. Auch die dunklen Flecken auf den Feldern im nachstehenden Google Earth Bild zeigen die Erhöhungen...



Bild: Lage Oberlingens heute. Quelle: Google Earth. 


Bild: Weg in Richtung Alvern.


Bild: Blick in Richtung heutiges Gockenholz


Bild: Blick in Richtung Lachendorf.


 
Bild: Blick in Richtung Beedenbostel.


Bild: Blick auf die Anhöhe vom alten Oberlingen - heute Gockenholz. 


Fazit - meine These zu Overling/Oberlingen...

Anhand der vorliegenden Fakten muss nun eigentlich jeder selber beurteilen, ob es den Ort Overling/Oberlingen gab. Natürlich waren die alten Karten sehr unpräzise und ungenau. Es wäre sicher nicht der erste Ort der an falscher Stelle eingezeichnet oder gar erfunden wurde. 

Allerdings muss man sich fragen - ein Ort der auf Karten seit dem 16 Jh. konsequent auftaucht und noch dazu laut Karten des 19 Jh. auf einer Anhöhe gelegen haben soll? Und das ausgerechnet dort, wo es auch heute wirklich noch einen Ort und eine Anhöhe gibt? Darüber hinaus die Lage am Weg Richtung Alvern - alles Zufall? 

Wenn man sich den Spaß macht und in die einzelnen Karten die Luftverbindungen der Ortschaften Höfer, Beedenbostel, Lachendorf, Gockenholz, Ahnsbeck, Ohe und Alvern einzeichnet, erhält man eine Art Spinnennetz. Erstaunlich ist, dass Oberlinen immer auf besagter Anhöhe liegen muss - egal welcher Karte man Glauben schenkt. 

Nördlich von Beedenbostel sind mehrere Flurstücke mit "Lienhof", "Auf dem Lienhof", "Lienhops Gehege" oder "Am Lienhop" bezeichnet. Ob darin ein Zusammenhang zu Oberlingen besteht, weiß ich nicht. Ich habe die Gegend begutachtet und konnte dabei keinerlei Auffälligkeiten (Erdwälle, Ruinen etc...) feststellen. 

Vor dem Hintergrund dieser Betrachtungen vermute ich daher, dass Oberlingen ein alter Ortsteil des heutigen Gockenholz ist. 

Wie schon die Kurhannoversche Landesaufnahme (siehe Oben) belegt war Gockenholz ein Ort, der anscheinend aus zwei Hälften bestand - recht ungewöhnlich! Nach den Karten des 19 Jh. lag Oberlingen am heutigen Beedenbostler Kirchweg. Oberlingen und Gockenholz sind über die Zeit zusammengewachsen - am Ende war nur noch Gockenholz übrig. Möglich, dass Oberlingen immer weniger Einwohner hatte, oder seine Einwohner umsiedelten (z.B. nach Gockenholz oder Beedenbostel durch Heirat). Gockenholz erhielt durch die Frachtfuhrleute im 19 Jh. mehr und mehr Aufmerksamkeit - Oberlingen lag anders als die Orte Lachendorf, Gockenholz und Alvern abseits der Route und des alten Kirchortes Beedenbostel. Es war sozusagen ein "toter Flecken" zwischen den wichtigen Strecken (Celle - Höfer, Gifhorn-Langlingen-Ülzen, Höfer-Beedenbostel). 

F. Barenscheer lag meiner Meinung nach - trotz allen Bemühungen - falsch. Oberlingen hat es gegeben. Allerdings war Oberlingen wohl nie ein großes Dorf und es wird zu Oberlingen auch keine ausführlichen Aufzeichnungen gegeben haben, da dort vermutlich ausschließlich Bauern gegeben haben.

Mir scheint es gut möglich, dass Overling sogar ältere Wurzeln hat als Gockenholz. 


Gruß, 

S.t.a.l.k.e.r.





Update - 12.11.2012: 


Vorwort...

Am 08.11.2012 veröffentlichte die Cellesche Zeitung einen Artikel über "Overling/Oberlingen" (Artikel vom 08.12.2012). Am Tage zuvor war ich mit dem Reporter André Batistic und einem Fotografen der CZ vor Ort in Gockenholz. Leider war es mir bis dahin nicht möglich Quellen oder schriftliche Beweise aus Aufzeichnungen zum Ort Overling/Oberlingen zu finden. Beim Treffen teilte ich Herrn Batistic meinen Kenntnisstand mit und verwies auch darauf, dass sicherlich Anwohner aus Gockenholz aus mündlichen Überlieferungen etwas zu Overling/Oberlingen wissen müssten

Aus meiner Sicht hätte es daher keinen Anlass gegeben am 11.12. eine Art "Richtigstellung" in der CZ zu veröffentlichen (Artikel vom 11.12.). Es scheint wohl leider eine Art Missverständnis gegeben zu haben, denn bereits im Fazit meines Beitrags zum Ort Overling/Oberlingen habe ich festgestellt, dass der Ort mit Gockenholz verschmolzen sein muss. Dies wurde letztendlich im Artikel der CZ vom 11.12. durch eben solche Gockenholzer bestätigt die ich Herrn Batistic vor dem Erscheinen seines ersten Artikels generell als mündliche Quellen nahegelegt hatte.
Es freut mich, dass der Artikel vom 08.12. viele Heimatforscher auf den Plan rief, die sich bei mir meldeten. So ist es mir nun möglich die Frage nach Overling/Oberlingen zu einem meiner Meinung nach runden Abschluss zu bringen...

Over(l)ing/Oberlingen - Ergebnisse...

Wie Hans-Günther Michels, ein begeisterter Geschichtsforscher und Publizist sagen würde:"...wenn man weit in der Geschichte zurückblickt, ist eine gewisse Phantasie nicht verboten...!"

Wir wollen also versuchen ein Gefühl für die Geschichte zu entwickeln und eine Aussage treffen, was wahrscheinlich damals gewesen sein mag. 

Wie in meinem Beitrag (siehe oben) erwähnt, haben wir gewisse Probleme historische Karten zu Rate zu ziehen. Ungenauigkeiten beim Abzeichnen, Unkenntnis über geografische Gegebenheiten und andere Fehlerquellen haben sich in diverse Kartenwerke eingeschlichen, sodass selbst Fachleute alte Karten häufig nicht für verlässlich halten. 

Aber was bleibt uns für eine Wahl? 

Irgendwo muss man schließlich ansetzen. Außerdem sollte man historische Karten nicht per se verdammen. Wenn man um die Fehlerquellen weiß und diese einbezieht, bieten historische Karten - trotz aller Kritik - eine wertvolle Quelle. 


Bild: Älteste kartografische Dokumentierung Overlings. Quelle: Mellinger Karte (Mappe) von 1593 - "Vogtey Beedenbostel". 

Schon in meinem ersten Beitrag (siehe oben) wurde die Mellinger Karte von 1593 zugrunde gelegt. Sie zeigt Overling auf einer Linie mit Beedenbostel unterhalb von "Kokenholt/Gokenholt". Ohne Zweifel ist dies die älteste Karte des Ortes. Um die Ursprünge des Ortes zu finden müssen wir uns aber weiter in die Vergangenheit zurückversetzen - erheblich weiter. 

Für Herrn Michels aus Suderwittingen geht die Gründung Over(l)ings auf die Jahre 779 bis 782 zurück. Er findet hier die ersten Ansätze zur Findung des Dorfes "Overinge" in der Urpfarrei-Stiftung Karl des Großen - dazu bietet sich die Stiftung von "Beyburstell" (Beedenbostel) an. Michels übersetzte in mühevoller Kleinarbeit und auf eigene Kosten (!!!) Schatzregister der letzten 800 Jahre. 

Noch ein weiterer Hinweis, dass es sich bei Over(l)ing um einen alten Ort handelt, findet sich in der Namensgebung: 

Bild: Karte der auf "ing", "ingen" endenden Orte im Celler Kreis. Quelle: H.G. Michels. 

Das Suffix "ing" deutet auf einen alten Ort hin - welcher im zeitlichen Zusammenhang einer Erwähnung um 1600 klassisch für eine frühere karolingische Stiftung erscheint. Michels und sein Freund und Forscherkollege K.D. Hanke hatten schon lange ein Fragezeichen hinter die Geschichte Over(l)ings/Oberlingens gesetzt. 

Michels sieht eine Ungereimtheit im Celler Schatzregister von 1438 (nach Grieser), denn es werden darin zwei Orte mit "Gokenholt" ausgewiesen. Neben drei Vollhöfen in Gokenholt selbst weist das Schatzregister den Ort 
"to Gokenholte" aus: 


Quelle: Grieser, Rudolf. 
Das Schatzregister der Großvogtei Celle von 1438 und andere Quellen zur Bevölkerungsgeschichte der kreise Celle, Fallingbostel, Soltau und Burgdorf zwischen 1428 und 1442. 

Diese 6 Schatzzahlen "niederer Ministerialität" müssen somit entweder zum richtigen Gokenholt gehört haben, oder aber zu "Overinge". - Beides ist nach Michels ausgeschlossen. Das bestätigen auch die alten Karten - es gab nur einen Ort Gokenholt. Weist der Zusatz "to" auf die Zugehörigkeit hin - und gehörte damit vielleicht Over(l)ing zu Gokenholt - sehr wahrscheinlich. 

Warum nun der Ort im Schloss-Vogtey-Register von 1378 nicht aufgeführt ist liegt in einer bürokratischen Ursache begründet: er gehörte vermutlich zur Pfarrei-Kirche und somit nicht dem Herzog. 

Für Michels stellt sich im Zusammenhang mit dem Ort vor allem eine Frage: 
Warum wird der Ort Over(l)inge(n) konsequent unterhalb von Gokenholt/Kokenholt verzeichnet? (Siehe Kartenausschnitte oben). 

Könnte es sein, dass über die Zeit Ober- und Unterdorf ihre Plätze tauschten? 

Wenn, wie aus den Grieser'schen Schatzregistern ersichtlich oder zumindest in Betracht gezogen werden kann, dass noch beide Orte "Schatz" bezahlten, kann der Ort nur um 1600 - 1700 einer tragischen Wendung zum Opfer gefallen sein. Dies habe ich ebenfalls in meinem Beitrag geschlossen und stimme in diesem Punkt mit Herrn Michels überein. 

Herr Klatt, ein engagierter Heimatforscher aus Endeholz (Schmarloh) gab mir den Hinweis, dass der Name "Oberling" nach Prof. Meibeyer (Braunschweig) aus der Nachbesiedlung einer alemannischen Familie im 12 Jh. rührtZu diesem Namen finden sich ebenfalls Hinweise im Gifhorn'schen. 

Herr Kaiser aus Gockenholz schrieb mir, dass beim Bau des Hauses durch seinen Vater alte Mauerfragmente gefunden wurde - im vermuteten Teil des früheren Over(l)ings/Oberlingens. Dort soll früher ein Hof abgebrannt sein. Dazu passt ebenfalls das, was mir Frau Hagen-Bleuel schrieb: eine Ackerfläche im alten Oberlingen wurde als  "Alter Hof" bezeichnet, bis dort eine neue Hofstelle geschaffen wurde. Mathias Blazek nennt in seiner Chronik einen Jürgen Rodewohlt, der einen Hof im vermuteten Teil Over(l)ings besessen haben soll. Im Hause von Frau Hagen-Bleuel findet sich eine Holztafel mit eben diesem Namen. 

Herr Gabriel und Herr Kaiser aus Gockenholz berichteten mir davon, dass Gockenholz zu ihrer Kindheit (1970/1980) noch in Ober und Unterdorf unterschieden wurden. Es hat Fußballspiele "Oberdorf" gegen "Unterdorf" gegeben, von denen Herr Gabriel erzählte. Viele Gockenholzer sehen in dieser Auffassung die klare Bestätigung: das Unterdorf lag demnach dort wo heute die K 76 vom Heideeck Richtung Garßen führt. Das Oberdorf lag laut mündlicher Überlieferung am alten Kirchweg Alvern - Beedenbostel. Auch heute ist die Unterscheidung in Ober- und Unterdorf geläufig. 


Zwischenfazit...

Einige Fragen konnten bislang beantwortet werden. Over(l)ing/Oberlingen ist und bleibt kein "verschwundenes" Dorf. Es spricht wohl vieles dafür, dass der Ort später zu Gockenholz wurde und für die Gockenholzer das "Oberdorf" bildet. 

Jedoch wirft der Ort weiter Fragen auf und ist somit, wie Herr André Batistic in seinem CZ Artikel vom 08.12.2012 schrieb, weiterhin "geheimnisumwittert" : 

  • Warum liegt Gokenholt auf alten Karten (siehe Mellinger 1593 und andere Karten oben) konsequent über dem Ort Overling? Ist dies nur ein kartografischer Fehler, oder gab es sogar einen Tausch innerhalb des Ortes? 
  • Wie lässt sich erklären, dass auf dem Luftbild von 1942 ein einwandfrei erkennbarer Hof mit Haupthaus und Stallungen erkennbar ist, der auf Karten aus der Zeit (siehe oben) nicht verzeichnet ist? 


  • Wie kann es sein, dass sich ein eigenständiger Ort in den Schatzregistern nur derart mühsam nachvollziehen bzw. nur durch Schlussfolgerungen auffinden lässt? 
  • Was waren die Gründe, warum Over(l)ingen von den Karten verschwand? 

Wie in meinem vorangegangenen Beitrag dargestellt taucht Overling in Form von Oberlingen auf Karten des 18/19 Jh. auf. Wie selbstverständlich scheint es den Platz eingenommen zu haben - ebenso selbstverständlich wie heutige Gockenholzer den Ort Over(l)ing/Oberlingen zum Oberdorf erklären. Aber ist das so einfach? 

Der renommierte Heimatforscher Michels geht in seiner These zu Over(l)ing sogar noch weiter: die Namensgebung von Gokenholt könnte auf einen alten "Go"- Ort hindeuten. Dabei stammt das "Go" vom althochdeutschen "gouwe" und entwickelte sich auch zum bekannten "Gau" - einer Ortsbezeichnung germanischen Ursprungs. Bekanntermaßen wurden die heidnischen Thingplätze (Versammlungsstätten) durch die Karolinger zunächst zerstört. Als Karl der Große aber ihren Wert erkannte ließ er die ersten Urpfarreien auf eben diesen Plätzen errichten. Wir finden eine solche in Beedenbostel...

Könnte dies bedeuten, dass Gokenholt nicht vom germanischen "Kuckuckswald" (vgl. Wikipedia) herstammt, sondern von einer alten Bezeichnung des "gouwe" Waldes des Ortes Beedenbostel - sozusagen dem Gau-Wald? Eine interessante Frage! 

Fazit...

Nun schon das zweite in diesem Beitrag - was und deutlich macht, dass es nicht die Geschichte gibt, sondern nur ihre Interpretation. Meiner Meinung nach wird häufig zu sehr wird der Wert darauf gelegt die Dinge zu den Akten zu legen und die Geschichte abzuschließen. 

Dies soll hier vermieden werden. Es ist sehr wohl erlaubt einige Fragen ungeklärt zu lassen. Denn wie schon gesagt - F. Barenscheer schloss noch es gäbe dort kein Overling, da er nicht über diversifizierte Möglichkeiten der Online-Recherche verfügen konnte. Heute wissen wir - es gab den Ort sehr wohl.  

Geschichtsinterpretation muss also nicht statisch, sondern vielmehr dynamisch erfolgen und damit abhängig vom Innovationsstand und den damit verbundenen Recherchemöglichkeiten bewertet werden. Bereits im Start-Post auf Found Places habe ich den Wert von qualifizierten Fragen deutlich gemacht - sie führen uns viel weiter als bloßes Faktenwissen!

Ich möchte damit meine bereits aufgestellte These untermauern, dass Over(l)ing einer der ältesten Orte in der ehem. Amtsvogtei Beedenbostel ist. Die Lage - früher am Rand der alten Sprache im Urstromtal der Aller auf einer Anhöhe - dies alles sind günstige Faktoren, die eine frühe Besiedlung plausibel erscheinen lassen. Entlang des Urstromtals wurden viele bronzezeitliche Grabhügel entdeckt. Einige Forscher erkennen darin sogar ein weites Gräberfeld, welches sich von Alvern über Gockenholz nach Lachendorf und weiter Richtung Ummern/Käsdorf erstreckt.

Die ersten schriftlichen Erwähnungen gehen - und dabei stimme ich Herrn Michels zu - auf die Nennung in den Schatzregistern zurück. Wie der Ort im Zuge der Stiftungen Karls des Großen um 778 bis 782 in die Grafschaftsverfassung/Urpfarrei eingegangen ist, kann Herr Michels wesentlich anschaulicher erklären. 

Unklar bleibt, ob es sich bei den Karten (siehe Beitrag oben) um Fehler in der Darstellung handelt, oder ob es wirklich über die Zeit einen "Tausch" zwischen der Orte Gokenholt und Overling gab. Dabei wäre das damalige Overling das heutige Gockenholz und umgekehrt. Für dies gibt es jedoch lediglich kartografische Belege - die, wie bereits beschrieben, in der damaligen Zeit etlichen Fehlern unterlagen. 

Mysteriös bleibt auch das "Verschwinden" des Ortes. Selbst wenn Experten auf dem Gebiet der Heimatforschung wie Mathias Blazek den Ort in seinem Dasein bestätigen können - Hinweise warum er aus den Karten verschwunden ist, gibt es keine. H.G. Michels mutmaßte es könne sich um eine Katastrophe der Bauernkriege/des Dreißigjährigen Krieges handeln. Dies würde ich ausschließen, da Oberlingen auf Karten im 19 Jh. verzeichnet ist und die genannten Ereignisse im 17 Jh. stattfanden. Ich bleibe somit bei meiner These, dass der Ort durch normale und natürliche Gegebenheiten (Heirat von Töchtern nach Auswärts, keine Geburt von Söhnen, Aus-/Abwanderung) und die geografische Lage (Nähe zu Gockenholz --> dortige Lage an wichtigen Handelsrouten) zunehmend kleiner wurde und später ganz in Gockenholz überging. 

Allerdings gebe ich auch zu bedenken, dass die Übergänge zwischen Fehlern der Kartografie und dem realen Bestehens eines Ortes fließend sein können. So ist es durchaus möglich, dass Over(l)ing bereits um 1650 kein eigenständiger Ort mehr war, weil kein Zehnt mehr entrichtet wurde - es aber dennoch weiterhin (aus Gewohnheit) auf Karten eigenständig als Ortsteil verzeichnet wurde. 

Vielleicht haben wir es bei diesem Ort auch mit einer beachtlichen Lücke der damaligen Bürokratie zu tun. 

Vieles spricht zumindest dafür, dass die Aufzeichnungen um Over(l)ing/Oberlingen nicht sauber geführt wurden. - Anders lässt sich ebenfalls nicht das Fehlen des Hofes (in Karten) erklären der auf einem amerikanischen Luftbild deutlich erkennbar ist (siehe oben). 


Ich möchte meinen herzlichen Dank an all diejenigen aussprechen, die sich bei mir gemeldet haben um meine Recherchen zu unterstützen. Herr Michels (85), dem an dieser Stelle besonderer Dank gebührt, würde sagen das Privileg des Alters ist es den ein oder anderen Ortsnamen nicht sofort abrufbereit zu haben. Genauso beanspruche ich als relativ junger Heimatforscher das Recht noch nicht alle Tricks und Kniffe zu kennen. Vielmehr sehe ich darin die Chance meine Leser nicht zu überrumpeln und alleine zu lassen, sondern sie thematisch abzuholen und mitzureißen. Darin liegt das Konzept dieses Blog - und auch sein Erfolg, den ich in rund 38.000 Aufrufen in den letzten 10 Monaten und regelmäßigen Lesern aus der ganzen Welt bestätigt sehe. 


Viele Grüße, 

Hendrik Altmann




_________________________________________________________________
Mail: found-places@live.de


Wichtiger Hinweis: 

Ich suche jederzeit Material zur Heimatgeschichte. Wenn Sie alte Fotos, Postkarten, Zeichnungen, Karten oder andere geschichtliche Dokumente besitzen und gerne etwas dazu erfahren möchten, dann bitte ich Sie mich zu kontaktieren. Alle Informationen werden mit größter Sorgfalt behandelt! 

Für Hinweise in Form von Dokumenten bin ich bereit zu zahlen! 

Bei Fragen/Anregungen/Kritik bitte ich Sie mir eine kurze Mail zu schreiben. 

Mail: found-places@live.de



_______________________________________________________________________



Die Schatzregister (zu erwerben): 




__________________________________________________________


Schatzsuche:  die Teufelsinsel in Wietze: 



________________________________________________________________________


Antiquarische Bücher: Celler Versandantiquariat Ehbrecht: 



Reaktionen:

Kommentare:

  1. Mit Interesse habe ich diesen hervorragend recherchierten Bericht gelesen. Wirklich erstaunlich, was es nicht alles gibt bzw. gab. Vielen Dank dafür und ...weiter so!

    AntwortenLöschen
  2. Gockenholz ist tatsächlich in zwei inoffizielle Hälften geteilt. Das Unter- und das Oberdorf. Die Trennlinie ist eine immer noch existierende, große Bebauungslücke auf der Dorfstraße.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Stefan,

    danke für die Antwort! - Ja ich find besonders anhand der Kurhannoverschen Landesaufnahme lässt sich das gut nachvollziehen.

    Beste Grüße,
    Hendrik

    AntwortenLöschen