f März 2026 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 4. März 2026

Bombenteppich ging südlich von Altencelle nieder

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  


Ein missglückter Luftangriff verwandelte die Feldmark zwischen Bockelskamp und Altencelle im März 1945 in eine Kraterlandschaft.

Aus Celle kommend, vor dem ehemaligen Bahnübergang an der heutigen Bundesstraße 214, klafft neben der Fahrbahn ein tiefer Erdtrichter. Weitere markante Vertiefungen sind in einem kleinen Eichenwäldchen rund 230 Meter südlich des Bruchkampwegs zu finden. Auch in einem Kiefernwald, rund 400 Meter östlich der Altenceller Trift, befindet ein großes, kreisrundes Loch im Boden. Es ist unschwer erkennbar, dass es sich hierbei um Bombenkrater handelt. Bislang war kaum etwas über die Krater bekannt.

Eine gutachterliche Luftbildauswertung kam bereits Ende 2013 zu dem Ergebnis, die Bombentrichter stammten von einem nicht dokumentierten Luftangriff, der vermutlich zwischen Ende Februar und Mitte bis Ende März 1945 stattgefunden habe. Mutmaßliches Ziel: die damals noch in Betrieb befindliche Bahnlinie Celle-Gifhorn. 

In der Celleschen Zeitung war im Februar 2014 zu lesen, die Bombentrichter ständen in Verbindung mit den Luftangriffen am 8. April auf Celle und Nienhagen.[1] Die Fördergemeinschaft Historisches Altencelle setzte sich unter ihrem damaligen Vorsitzenden, Dieter Reinebeck, für eine Erhaltung der verbliebenen Krater als Gedenkort ein. Dieses Vorhaben wurde nicht realisiert. Die historischen Zusammenhänge blieben weiter unklar.

Bild: Bombentrichter neben der Bundesstraße 214 in Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Auf Luftaufnahmen, die gegen Ende März 1945 aufgenommen worden sind, ist eine erhebliche Anzahl von Bombentrichtern beiderseits der heutigen B 214 zu erkennen. Es mögen rund 140 sichtbare Krater sein, die teils eng beieinander liegen. 

In seiner maximalen Ausdehnung weist der getroffene Bereich einen Durchmesser von ca. 700 Metern auf. Weitere Einschläge können durch Wolken verdeckt oder durch ihre Lage in Waldbereichen nur schwer zu identifizieren sein.

Bild: Luftaufnahme nach Kriegsende zeigt Spuren der Bombentreffer. Quelle: NARA, 10.10.1945, use unrestricted. 

Die Annahme, eine solche Konzentration von Bombenkratern könne auf einen nicht dokumentierten Luftangriff zurückzuführen sein, ist nicht haltbar. Tatsächlich wurden derartige Luftangriffe geplant durchgeführt, nachträglich ausgewertet und selbstverständlich auch entsprechend dokumentiert. Ebenso erscheint es fraglich, dass die relativ unbedeutende Nebenbahnstrecke zwischen Celle und Gifhorn mit einer so überaus großen Anzahl Sprengbomben belegt worden sein soll.

In der nachfolgenden Ansicht wurde die jeweilige Lage der erkennbaren Bombentrichter anhand historischer Luftaufnahmen in ein aktuelles Satellitenbild übertragen. 

Bild: Übertragung der einzelnen Bombentrichter in ein aktuelles Satellitenbild. Quelle: Google Earth; H. Altmann, 2025. 

Zunächst ist zu klären, wann genau sich der Luftangriff ereignet hat. In seinen Aufzeichnungen, die der Altenceller Bauer Ernst Lindemann am 23. Juni 1946 der Celler Redakteurin und Heimatforscherin, Hanna Fueß, zur Verfügung stellte, hatte er die Abläufe wie folgt festgehalten: „Am 3. März 1945 haben amerikanische Bomber im Raum zwischen Braunschweiger-Heerstraße-Bahnübergang (Schaperkrug)-Strohkrug-Gr. Ottenhaus-Kibitzbruch 120 schwere Bomben geworfen. Adolf Knoop hatte schweren Gebäudeschaden, die eine Seite der neuen Scheune war völlig aus dem Fundament gerückt.[2] 

Auch der Altenceller Bauer Willi Deecke berichtete später gegenüber Hanna Fueß über den Bombenabwurf zwischen Strohkrug und Schaperkrug – allerdings ohne ein konkretes Datum zu benennen.[3] 

Ebenso Dr. Phil. Arndt Wallheinke, der am 2. Februar 1948 gegenüber Hanna Fueß berichtete: „An einem Nachmittag warf ein kleiner Verband im Bereich von Burg einen kleinen Teppich ab, der wohl gegen einige abgestellte Eisenbahnwagen gerichtet war.“[4]

Bild: Bombentrichter neben der Bundesstraße 214 in Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Einen besonderen Zeitzeugenbericht konnte Hermann Strothmann beisteuern – rund 70 Jahre nach Kriegsende berichtete er über seine damaligen Erlebnisse.[5] Gemeinsam mit drei Freunden aus Wienhausen war Strothmann im März 1945 mit dem Fahrrad auf dem Rückweg aus Celle. Bei klarem Wetter sahen die Jungen, wie sich über der Straßenkreuzung an der Bahnstrecke „vier Tannenbäume setzten“. Dies waren von alliierten Bombern abgeworfene Leuchtkörper, die dazu dienten, das Zielgebiet für nachfolgende Geschwader zu markieren. Der Begriff entstand aufgrund der Form, die diese leuchtenden Körper am nächtlichen Himmel annahmen. 

Für die Jungen war dies ein deutliches Warnsignal – sie liefen sofort in ein Wäldchen beim Strohkrug in Altencelle. Wenig später rauschten – wie Strothmann schätzte – etwa 200 Fliegerbomben zu Boden. Der gesamte Acker – vom Bahnübergang angefangen – war verwüstet, so Strothmann. Die Straße war nur von zwei Bomben getroffen worden – die meisten fielen ins offene Feld. Der trockene, gefrorene Sand erzeugte eine riesige Staubwolke.

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group - rechts im Bild: Beschuss durch Flugabwehr.  
Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

Die Zeitzeugenberichte passen zu einem dokumentierten Luftangriff vom 3. März 1945. An jenem Tag starteten gegen 8:00 Uhr morgens auf dem Airfield Debach – rund 12 Kilometer nordöstlich der britischen Stadt Ipswich – schwere B-17 Bomber der 493. Bomb Group. Von dem weiter nördlich gelegenen Airfield Eye startete die 490. Bomb Group – ebenfalls mit B-17 „Flying Fortress“. 

An diesem Datum waren 1.102 Bomber – davon 789 B-17 und 313 B-24 aus drei Air-Divisions – für eine großangelegte Luftoperation gegen sechs deutsche Ölraffinerien, Fabrikstandorte und weitere strategische Bodenziele eingesetzt. 

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

Vorgesehen war, dass die 490. und die 493. Bomb Group mit ihren jeweils drei Squadrons die Erdölwerke bei Nienhagen bombardieren sollten.[6] Tatsächlich flogen allerdings lediglich 56 Maschinen ihr Primärziel Nienhagen an.[7] Dies lag vor allem an den massiven Angriffen durch deutsche Jagdflugzeuge.

Von den Flugplätzen Brandenburg-Briest, Oranienburg und Parchim waren am 3. März 1945 insgesamt 29 moderne Düsenjäger des Typs Me-262 aufgestiegen. Sie gehörten zur III. Gruppe des Jagdgeschwaders 7 „Nowotny“ – sie gingen auf Abfangkurs zu den einfliegenden alliierten Luftverbänden. 

Die drei Squadrons der 493. Bomb Group befanden sich um kurz nach 10:00 Uhr bereits im koordinierten Anflug auf Nienhagen, als plötzlich drei Me-262 auftauchten und zunächst drohten, das höher fliegende B-Squadron zu attackieren.[8] Die schweren Maschinengewehre der „Fliegenden Festungen“ hämmerten in Richtung der anfliegenden Me-262s, woraufhin diese zum Angriff auf das formationsführende A-Squadron sowie auf das formationsschließende C-Squadron übergingen. Aus dem A-Squadron wurde daraufhin eine B-17 schwer getroffen. Die angreifenden Me-262 entkamen.

Bild:B-17 Bomber der 493rd Bomb Group. Quelle: 493rd Bombardement Group: a pictorial review of operations in the ETO, 1945.  

In dieser Situation wurde entschieden, dass das zurückliegende C-Squadron das Sekundärziel in Hildesheim bombardieren sollte. Es wurde von dem Rest der Formation getrennt, die weiter das Primärziel bei Nienhagen ansteuerte. Direkt nach Abwurf seiner Bombenlast über Hildesheim wurde das C-Squadron durch drei deutsche Jagdflugzeuge des Typs Me-109 attackiert. Eine Me-109 wurde durch Abwehrbeschuss aus den B-17 abgeschossen. 

Wenig später flogen zwei Me-262 an der Formation vorbei – eine wurde mutmaßlich ebenfalls durch MG-Feuer aus den B-17 getroffen. Kurz darauf griff eine einzelne Me-262 erneut an und schoss einen B-17-Bomber ab, der daraufhin aus der Formation abstürzte. Es handelte sich um das Flugzeug mit der Seriennummer 43-39050, das dem Kommando des 2nd Lieutenant George Graff unterstand. 

Sechs Crewmitglieder überlebten – drei kamen zu Tode.[9] Die angreifende Me-262 wurde ebenfalls getroffen und stürzte ab. Möglicherweise handelte es sich um die Maschine von Hauptmann Heinz Gutmann (Werk-Nr.: 110558).[10] Er stürzte mit ihr bei Üfingen ab – die genaue Absturzstelle wurde mittlerweile lokalisiert.[11]

Währenddessen war der Rest der 493. Bomb Group über Nienhagen angekommen. Gegen 10:25 bombardierten das A- sowie das B-Squadron das vermeintliche Zielgebiet auf Sicht.[12] Die Maschinen waren jeweils mit vierzehn 500 Pfund schweren Sprengbomben des Typs „General Purpose“, d.h. Allzweckbomben, beladen. Diese kamen bei derartigen Angriffen auf Bodenziele standardmäßig zum Einsatz.

Nach der Bombardierung traten die B-17 ihren Rückflug an. Die beim Jagdfliegerbeschuss schwer getroffene Maschine auf Position Nr. 3 des A-Squadrons ging jedoch kurz darauf mit einem brennenden Triebwerk in einen steilen Sinkflug über. Es war die B-17 mit der Kennung 43-38297 unter dem Kommando des 1st. Flight Lieutenant Charles Andrew Jr. White. 

Die Mitglieder anderer Crews bestätigten später, dass die abstürzende Maschine offenbar kontrolliert in Richtung Boden gesteuert wurde – möglicherweise auch, um den Brand im Triebwerk durch den steilen Sinkflug zu löschen. Die Notlandung war vermutlich geplant und die mitgeführte Bombenlast wurde noch über dem Ziel abgeladen, um keine Risiken bei der feldmäßigen Landung einzugehen.

White ging mit seiner B-17 gegen 10:55 Uhr auf einem Feld 500 Meter südlich der Ortschaft Apelern, ca. 16 Kilometer südlich von Wunstorf zu Boden. Die Fliegerhorstkommandantur Wunstorf bestätigte die Bergung der notgelandeten B-17 und die Übernahme der in Gewahrsam genommenen Besatzung.[13] Alle neun Crewmitglieder hatten die Landung überlebt – die Maschine war lediglich zu 30 % beschädigt. Bereits am 5. März 1945 wurden die Crewmitglieder zur Auswertungsstelle West Oberursel, in das sogenannte Durchgangslager – DULAG Luft – bei Wetzlar überstellt.[14]

Bild: Abschussmeldung. Quelle: KU-3782, NARA, NAID: 147916074, use: unrestricted. 

Die nachträglichen Auswertungen des Headquarters der 8th USAAF ergaben, dass der Luftangriff auf die Erdölwerke Nienhagen ein Fehlschlag war. Die Bomben des B-Squadron waren eine halbe Meile südlich des Zielpunktes in freiem Gelände aufgeschlagen. Die Bomben des A-Squadron gingen ca. viereinhalb Meilen nordöstlich des Zielpunktes zu Boden.[15] 

Dies entspricht exakt der Kraterlandschaft an dem Bahnübergang der B 214, die auf Luftbildern erkennbar und durch Zeitzeugen bestätigt wurde. Auch die Bomben der 490. Bomb Group verfehlten den Zielpunkt. Die Erdölwerke bei Nienhagen wurden daher am 14. März sowie am 8. April 1945 erneut bombardiert.

Bild: Auszug interpretation report. Quelle: Archiv H. Altmann. 

Auffällig ist, dass die Anzahl der Bombenkrater an der B 2014 nicht mit der berechneten Bombenlast des A-Squadron übereinstimmt. Nach dem Einsatzbericht nahmen sieben B-17 des A-Squadron an der Bombardierung teil. Bei jeweils 14 mitgeführten Bomben, müssten erwartungsgemäß 98 Bombentrichter zu erkennen sein. Auf den historischen Luftaufnahmen sind jedoch mühelos weit über 100 Krater zu sehen. Eventuell hatte ein Squadron der 490. Bomb Group seine Ladung ebenfalls über diesem Bereich abgeladen.

Bild: Bombentrichter bei Altencelle. Quelle: H. Altmann, 2025. 

Die Kraterlandschaft an der B 214 existierte vermutlich nicht lange. Bereits am 4. März haben 20 Mann und 10 Gespanne gearbeitet, um die Straße wieder fahrbar zu machen, berichtete der Bauer Lindemann später.[16] 

Auch die Krater auf den umliegenden Äckern wurden in den folgenden Monaten weitestgehend verfüllt. Luftaufnahmen aus Oktober 1945 zeigen bereits eine deutlich geringere Anzahl vorhandener Bombentrichter. 

Bild: Auszug Exhumierungsprotokolle. Quelle: StadtA CE, Best. 05 5 O, Nr. 0124. 

Eine weitere zeithistorische Quelle bestätigt jedoch deren Existenz bis in den November 1945. Laut einem Exhumierungsprotokoll vom 12. November 1945 wurden vor dem Bahnübergang an der ehemaligen Braunschweiger Heerstraße in einem Bombentrichter die sterblichen Überreste eines KZ-Häftlings gefunden.[17] 

Laut der aufgenähten Nummer auf seiner gestreiften KZ-Kleidung ist der Häftling einem Todesmarsch aus dem KZ-Außenlager Kleinbodungen bei Nordhausen zuzuordnen. Wahrscheinlich wurde seine Leiche in den Bombenkrater geworfen, als die Marschkolonne die Straße in Richtung Celle passierte.

Hendrik Altmann

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Stand: 29.02.2026

[1] Cellesche Zeitung vom 14.02.2014, https://www.cz.de/lokales/celle-lk/celle/altencelle-bombentrichter-als-gedenkort-erhalten-4ABB5D544FDBADDD4F3E4DECEA.html
[2] KrA Celle, Lindemann, Altencelle, Aufzeichnungen 23.06.1946, Hanna Fueß.
[3] KrA Celle, Deecke, Altencelle, Aufzeichnungen 01.05.1947, Hanna Fueß.
[4] KrA Celle, Wallheinke, Burg, Aufzeichnungen 02.02.1948, Hanna Fueß.
[5] Strothmann, Gespräch am 13.02.2015.
[6] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[7] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[8] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[9] NARA; MACR 12886.
[10] Forsyth, Jagdgeschwader 7 „Nowotny“, S. 61.
[11] Hauptmann Gutmanns letzter Flug, Salzgitter Zeitung vom 11.10.2009, https://www.braunschweiger-zeitung.de/archiv/article150452563/Hauptmann-Gutmanns-letzter-Flug.html.
[12] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[13] NARA, KU 3782.
[14] NARA, KU 3782.
[15] Mission Report March 3, 1945, 493rd Bomb Group, NARA, NAID: 2893659.
[16] KrA Celle, Lindemann, Altencelle, Aufzeichnungen 23.06.1946, Hanna Fueß.
[17] StadtA CE, Best. 05 5 O, Nr. 0124.