f August 2015 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 31. August 2015

Johann Heinrich Steffens

In Celle und Umgebung gab es schon vor langer Zeit Menschen, die sich mit dem Thema Heimatgeschichte befassten. Heute sind ihre Namen meist nicht mehr bekannt - dennoch haben sie oft den Grundstein für die heutigen Forschungen gelegt. 

Johann Heinrich Steffens wurde im Jahr 1711 in Nordhausen geboren. Er war Rektor der Lateinischen Schule in Celle, Lehrer, Philologe, Übersetzer und Heimatforscher. Sein Studium absolvierte Steffens in Jena. Über seinen Werdegang ist - mit Ausnahme diverser Veröffentlichungsdaten seiner Werke recht wenig bekannt. 

Bereits im Jahr 1746 veröffentlichte Steffens sein Werk "von der Moralität der Schauspiele" in Celle. Es folgten bis 1749 diverse Dramen und Trauerspiele. Im Jahr 1752 erschien Steffens erstes Werk mit Historienbezug - "Die Geschichte der alten Bewohner Teutschlands...". Darin untersuchte er die einstigen Ansiedlungen verschiedener Volksstämme in den deutschen Landen. Maßgeblich griff er dabei auf die Ausführungen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus zurück. 

Im Jahr 1763 erschien Steffens "historisch-diplomatische Abhandlungen in Briefen, von einigen besonderen Merkwürdigkeiten der Stadt Celle." Dieses kann als eines der ersten, bis heute überlieferten heimatgeschichtlichen Werke im Raum Celle angesehen werden. Steffens griff darin in verschiedenen Kapiteln Themen mit historischem Bezug zur Stadt Celle auf. Er widmete sich sowohl der Frage nach dem Namen der Stadt, als auch nach der Schifffahrt auf der Aller, der Frage nach der Sprache (Wald), dem Dorf Osterloh und vielen weiteren Themen der Celler Geschichte.

Bild: Buch Steffens über die Celler Heimatgeschichte. 
Quelle: J.H. Steffens, Celle 1763. 


In seinen literarischen Werken war Steffens recht eigen - er folgte nicht der Richtung seiner Zeit, da er augenscheinlich seine eigene Sicht der Dinge darstellen wollte. Die Poesie war für Steffens einer der vornehmsten Unterrichtsgegenstände. 

Kritiker des 19. Jahrhunderts betrachteten Steffens als trockenen und ungeschickten Versemacher - jedoch ebenso als eifrigen Pädagogen. Johann Heinrich Steffens starb am 26. Januar 1784. Heute ist der Name Steffens fast völlig aus dem heimatgeschichtlichen Zusammenhang verschwunden. Nur selten beziehen sich einzelne Beiträge noch auf Steffens Forschungen. Diese waren ihrer Zeit möglicherweise zu weit voraus, denn sie fanden noch weniger Anklang als die von Steffens entworfenen Dramen und Schauspiele. 

Dabei bewies Steffens in vielfacher Hinsicht, dass er sich im Raum Celle bestens auskannte und zahlreiche bestehende Quellen in seine Forschungen einbezog. Er fertigte unter anderem auch zahlreiche Ansichten der Stadt Celle und des Schlosses als Kupferdrucke an. 

Sicherlich sind die Untersuchungen Steffens aus heutiger Sicht immer kritisch zu hinterfragen. Allerdings stellen sie wertvolle historische Quellen aus einer Zeit dar in der ansonsten wenig zur regionalen Heimatforschung zu Papier gebracht worden ist. 


H. Altmann




Mittwoch, 26. August 2015

Die Dorfbewohner früher



Um die Entstehung der Dörfer im Landkreis Celle zu verstehen kommt man nicht umhin einige Begrifflichkeit zu klären, die aus dem heutigen Sprachgebrauch entschwunden sind. Oft liest und hört man etwas von "Meiern" und "Köthnern" - aber was hat es mit diesen Bezeichnungen auf sich? Die Dorfbewohner bildeten früher die kleinste Einheit in einem Ort - in diesem Beitrag sollen die unterschiedlichen Klassen von einst vorgestellt werden. 


Die heutigen Dörfer haben nur wenig mit ihrem traditionellen Erscheinungsbild gemeinsam. So lassen sich mancherorts kaum noch die historischen Dorfkerne erkennen - sie scheinen außerdem fast verschwindend klein im Vergleich zu den angesiedelten Neubauten. Orte wie Lachendorf beispielsweise sind um ein Vielfaches gewachsen und haben sich in den letzten 100 Jahren massiv ausgedehnt. Wo einst die ausgedehnten Felder des alten Dorfes lagen, stehen heute Ein- und Mehrfamilienhäuser. 


Bild: Lachendorf vor 115 Jahren und heute. 
Quelle: preuß. Messtischblatt 1900, Google Earth. 

Dabei hat sich natürlich das Gesamtbild des Dorfes und die wirtschaftlichen Betätigungsfelder seiner Bewohner erheblich gewandelt. Auch wenn nach wie vor Ackerbau auf den umliegenden Fluren betrieben wird, so stellt diese keinen Vergleich zu einst dar. Vielmehr findet sich in den Dörfer heute eine auf Handel und Dienstleistung ausgerichtete Wirtschaft. 


Auch die Art und Weise wie sich das Dorf entwickelt hat sich geändert. Heute hängt die Möglichkeit Bauland zu erwerben und ein Haus zu errichten maßgeblich vom zur Verfügung stehenden Einkommen des Einzelnen ab. Früher existierte neben diesen Faktoren ein weiterer wichtiger Aspekt: der gesellschaftliche Stand der betreffenden Person. 


Die Dorfbewohner gehörten einst unterschiedlichen Klassen an, von denen vieles im alltäglichen Leben abhing - unter anderem wo gesiedelt werden durfte und in welchem Ausmaß Land bestellt werden durfte. Die Entwicklung des Dorfes lässt sich aus heutiger Sicht nur dann sinnvoll nachvollziehen, wenn man diese Klassen berücksichtigt. 


In Dorfchroniken finden sich die Begriffe "Meier", "Kötner", "Häuslinge", "An- und Abbauer" oft ohne dass sie erklärt werden. Für das geschichtliche Verständnis der Dorfstruktur sind diese Bezeichnungen allerdings äußerst wichtig und sollen daher in diesem Beitrag vorgestellt werden. 





Die Meier

In frühester Zeit gab es nur zwei unterschiedliche Klassen der Dorfbewohner: die Meier und die Kötner. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen war nicht vorrangig die Größe ihrer Höfe und Ländereien, sondern vor allem ein rechtlicher. Es gab Meier- und Köthnerland. Meier waren die älteste, wohlhabendste und angesehenste Klasse im Dorf. Das Meierland wurde von einem Meierhof bewirtschaftet. Ein Vollmeierhof verfügte in der Regel über 4 Hufen (= 120 Morgen) Land. Im Falle einer Teilung entstanden zwei Halbmeierhöfe mit jeweils 60 Morgen Land. Derartige Teilungen kamen durchaus häufig vor, sodass es auch 1/8 Meierhöfe gab, was für den jeweiligen Hof einen Landbesitz von gerade einmal 15 Morgen bedeutete. Damit verfügte ein solcher Meierhof  im Grunde über weniger Land als mancher Köthnerhof. Dennoch wurde die Bezeichnung für solche zersplitterten Meierhöfe beibehalten - die Klasse der Meier stand somit im Vordergund der Unterscheidung. 

Grundsätzlich bestand das Meierland aus den ältesten und besten Flurstücken, d.h. in Bezug auf die Lage und Bodengüte war das Meierland im Regelfall besser als die Ländreien der anderen Klassen. 


Die Köthner

Neben den Meiern gab es einst die Köthner. Sie waren die, in einer Kote (= Haus) sitzenden, also selbst Besitzer eines Hofes. Köthnerhöfe waren oft Erweiterungen des Dorfes, wobei die Köthner grundsätzlich vollberechtigte Gemeindemitglieder waren. Teilte sich ein Köthnerhof auf, so konnten zwei Halbköthnerhöfe entstehen, deren Besitzer wiederum vollberechtigte Gemeindemitglieder waren. In vielen Fällen entstanden allerdings bei Teilungen nicht zwei neue Köthnerhöfe, sondern eine Abbauerstelle. 

Anders als das Meierland entstammte das Köthnerland nicht einer einzigen Herkunftsquelle. Es kam vielmehr im Lauf der Jahre durch verschiedene Rechtsgeschäfte, wie Ankäufe und Tausche zusammen. Daher besaß das Köthnerland grundsätzlich auch nicht den geschlossenen rechtlichen Zusammenhang wie das Meierland. 

Die Bezeichnungen der einzelnen Klassen waren im alltäglichen Leben präsent. In offiziellen Briefen wurden Meier, Köthner u.a. mit dem entsprechenden Zusatz benannt. 


Bild: Ausschnitt aus einem Briefkopf 1889 der Gemeinde Schwachhausen. 
Quelle: Archiv Altmann. 


Im 18. Jahrhundert erreichten die meisten Dörfer bereits ihre maximale Ausdehnung - zumindest auf die in Verwendung genommenen Flächen bezogen. Es wurden zwar nach wie vor Flächen urbar gemacht, aber dies geschah meist nur in den ohnehin rechtlich gesteckten Grenzen. Im Bereich der Dörfer entstanden in dieser Zeit die sogenannten Brinksitzerstellen. 


Die Brinksitzer

Brinksitzer wurden allgemein nicht mehr als "Höfe" bezeichnet. Die Brinksitzer bauten ihre Häuser auf dem "Brink" - dem Gemeindeanger, also Wiesen die zum Allmendebesitz der Meier und Köthner zählten. Die Allmende konnte von jedem (Meier, Köthner) gleichermaßen zum Weiden der Tiere genutzt werden und war daher Gemeinschaftsbesitz. Ob ein Brinksitzer auf dieser Fläche siedeln dürfe hing daher von der Zustimmung der eingesessenen Dorfbewohner abhängig. 

Die Rechte der Brinksitzer in der Gemeinde waren von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit sehr unterschiedlich. Inwiefern sie Anteile am Gemeindebesitz hatten wurde erstmals im Rahmen der Verkoppelung festgeschrieben. So könnte es dem Brinksitzer gestattet sein eine Kuh auf den Gemeindeanger zu stellen und diese dort weiden zu lassen. Allerdings musste er dafür ein entsprechendes Weideentgelt leisten. 


Die An- bzw. Abbauern

Eine weitere Klasse im Dorf waren die An- bzw. Abbauern. Sie besaßen weder Höfe noch übten sie selbstständig landwirtschaftliche Tätigkeiten aus. Oft waren die An- oder Abbauern Tagelöhner und Handwerker. Sie hatten zwar einen Anteil am Gemeindebesitz, jedoch regelmäßig kein Eigentum daran. Damit sind die An- und Abbauern eine jüngere Ausprägung der Brinksitzer. Sie standen außerdem meist in einem direkten Verhältnis zu einem vorhandenen Hof und bewirtschafteten zum eigenen Bedarf oft ein kleines Stück Gartenland. 


Die Häuslinge

Vom Besitz am Boden ausgeschlossen waren die Häuslinge, auch "Einlieger" genannt. Sie wohnten auf den Höfen und in den Gebäuden der anderen Klassen zur Miete. Während es früher vergleichsweise wenige Häuslinge gab, stieg ihre Anzahl aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert stark an. 


Die Altenteiler

Eine Untergruppe der Häuslinge, da in den bestehenden Rechten ähnlich ausgestattet, waren die Altenteiler. Solche hatten den Hof übergeben und sich auf Lebenszeit eine Wohnung als Nießbrauchsrecht vorbehalten. Diese Unterkunft könnte direkt auf dem Hof oder aus abseits davon liegen. 

Im Dorf lebten einst auch viele Personen die Hilfstätigkeiten ausübten. In diesem Zusammenhang ist vor allem das Gesinde des Bauern, also die Knechte und Mägde zu nennen. Auch Handwerker lebten einst in der Gemeinschaft des Dorfes, allerdings bezieht sich die Bezeichnung Handwerker nicht auf eine feste Klasse, sondern vielmehr auf eine ausgeübte Tätigkeit. Der Vollständigkeit halber sind somit ebenfalls die Beamten (Lehrer, Pfarrer, Förster) zu nennen. 

Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert beherbergte das Dorf nicht selten auch "die Reiter". Sie stellten eine ständige Einquartierung dar und gehörten somit nicht direkt zum Dorf, lebten aber dort. Ihre Pferde wurden auf dem sogenannten Reuteranger geweidet. Noch heute finden sich in vielen Dörfern Flurbezeichnungen wie "Reuterwiese" - sie deuten auf diese Zeit. 

Im nächsten Abschnitt wird die geschichtliche Entwicklung der Dörfer behandelt. 




Dienstag, 25. August 2015

Clemens Cassel

Er war einer der wichtigsten Celler Heimatforscher und eine bedeutende Persönlichkeit in der Celler Geschichte. In diesem Beitrag wird der Celler Lehrer und Heimatforscher Clemens Cassel vorgestellt. 

Clemens Cassel (* 12. März 1850 in Salzgitter; † 23. Juni 1925 in Celle) war Lehrer an der MittelschuleHeimatforscher und ChronistSein Vater war Töpfermeister und seine Mutter stammte aus einem einer Hofbesitzerfamilie aus Beuchte. Seine Eltern verstarben recht früh und so wuchs Cassel bei einer kinderlosen Tante auf. Cassel wurde Lehrer und nahm Stellen als Hauslehrer in der Nordheide und in Eckernförde an. 1878 legte er sein Mittelschullehrerexamen an seiner Schulstelle in Kronenberg bei Elberfeld ab. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit zwei Kollegen die "Chronik der Bürgermeisterei Kronenberg" verfasst. 1880 übernahm Cassel eine Lehrerstelle an der Mittelschule in Celle. Diese Stelle - zeitweise in Verbindung mit dem Amt des Waisenhausvaters - führte Cassel aus, bis er 1910 aufgrund seiner fortschreitenden Schwerhörigkeit vorzeitig pensioniert wurde. Seinen Ruhestand widmete Cassel fortan der Heimatgeschichte und Chronik. Seit 1894 besaß er ein Haus in der Braunhirschstraße. Aus zwei Ehen hatte er insgesamt vier Kinder.


Auf dem Boden des alten Celler Rathauses widmete sich Cassel den unsortierten und angesammelten Archivalien der Stadt Celle und verfasste, nach der ausdrücklichen Erlaubnis vom Oberbürgermeister Denicke, seine Chronik über die Celler Stadtgeschichte. Bei seiner Arbeit verband Cassel die wissenschaftliche Methodik mit seiner vortrefflichen Gabe anschaulich zu erzählen. Viele wissenschaftliche Kritiker zollten seinen Werken Respekt, da Clemens es überaus verstand, seine akademischen Defizite durch sein natürliches Talent und Verständnis für vergangene Epochen auszugleichen. Seiner Motivation und Hingabe ist es zu verdanken, dass die Celler Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg um eine umfangreiche Chronik bereichert wurde.


Bild: Clemens Cassel Portrait


Als er seine Stadtchronik im Jahr 1924 in der Entwurfsfassung vorlegte, wollte die Stadtverwaltung sie zunächst in mehreren Einzelabschnitten veröffentlichen. Dem widersprach Cassel, der stets für ein zusammenhängendes Geschichtsbild plädiert hatte. Im Alter von 75 Jahren, nur ein Vierteljahr nach seinem Geburtstag verstarb Cassel nach kurzer Krankheit. Seine Stadtchronik erschien zu seinem Geburtstag Ende Februar/März 1930.

Obwohl sich Clemens Cassel im Kontext der deutschen Klassiker sah und konservative Außenwirkung entfaltete, sind seine Werke von einer besonderen Gabe der Objektivität geprägt. Cassel erlebte in Salzgitter eine erfüllte Kindheit. Erfüllt von den vielseitigen Einflüssen der sich globalisierenden Welt, erfüllt jedoch auch von gezwungener Selbstständigkeit, die aus dem früher Tod seiner Eltern resultierte. Dreißig Jahre lang war Cassel Lehrer an der Celler Mittelschule. Er war musikalisch und zeichnerisch begabt. Wichtiger, als diese Begabungen, war jedoch Cassels Fertigkeit zu beobachten, zu verstehen und zu vermitteln. Damit gelang Cassel der berühmte Dreisprung: Wissen, interpretieren, weitergeben. Genau das, was einen Heimatforscher ausmacht! 

Clemens Cassel widmete sich wie kein anderer zuvor der Aufarbeitung der Celler Stadtgeschichte. Ihm ist eine Vielzahl heutiger Erkenntnisse über das Stadtbild zu verdanken.

Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934.



Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934.






Bild: Schriftprobe Clemens Cassel. Quelle: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner. (in zwei Bänden) W. Ströher, Celle 1930/1934. 





Bild: handschriftliches Unterrichtsbuch von Clemens Cassel.




Südgeorgien / Sandwichinseln - Der Urlaubsbeitrag


Traditionsgemäß erscheint zur Urlaubszeit im Sommer ein Beitrag, der absolut nichts mit Celle zu tun hat. Die letzten Male waren es Beiträge zu Bunkern auf der dänischen Insel Römö - dieses Mal soll es etwas weiter weg gehen. Allerdings war ich selber nicht vor Ort - ich vermute fast, dass es nur wenige Orte auf der Erde gibt, die weiter entfernt liegen und schwerer erreichbar sind... 


Der Sommerurlaub steht bei vielen an. Warum also nicht einmal verreisen? Wer nicht auf überfüllte Strände oder langweilige Hotelanlagen steht, könnte sich ja auf eine spannende Tour in den Südatlantik begeben. So circa knapp über dem Südpol soll es ja ganz schön sein...sagt man. Wie wäre es also mit den südlichen Sandwichinseln ? 

Sicher ist das nichts für jeden - aber auf jeden Fall scheint es dort recht interessant zu sein. Vor allem, wenn man sich ein wenig für historische Relikte begeistert. Die 4.000 qm große Insel ist lediglich von rund dreißig Personen "bewohnt". Es gibt verlassene Dörfer, verlassene Schiffe, verlassene Friedhöfe und vieles verlassenes Meer/Mehr. 

Namensgeber der sogenannten südlichen Sandwichinseln war "Lord Sandwich". Das hört sich lustig an...stimmt aber. Faktisch war es sogar John Montagu - der 4. Earl von Sandwich - und ja, nach ihm wurde auch das belegte Toastbrot benannt. Wenn das mal nicht einladend klingt. 

Die südlichen Sandwichinseln schließen sich südöstlich an Südgeorgien an. Die Inseln tragen teils die Namen großer Entdecker - sind allerdings heute wie früher auch ziemlich einsam und verlasen. Und dennoch gab es eine Zeit, in der das ganz anders war. 

Bild: James Cooks Karte Südgeorgiens aus dem Jahr 1777. 
Quelle: Wikipedia, public domain. 


Vermutlich vom Spanier Anthony de la Roche im Jahr 1675 entdeckt, gelangte rund 100 Jahre später auch James Cook nach Südgeorgien. "Südgeorgien, so Cook, widerlege die landläufige Meinung, dass jeder Teil der Erde, der wildeste und kälteste nicht ausgenommen, Menschen zum Aufenthalt dienen könne." 

Wahrlich muss das Eiland eine Enttäuschung für seine Entdecker gewesen sein, denn neben Packeis und Eisbergen gab es lediglich hunderte Pelzrobben. 

Bild: Am anderen Ende der Welt. 
Quelle: Google Earth. 


In seinem Werk "Sturm auf den Südpol" beschrieb der Autor H.H. Houben ausführlich die Geschichte der Entdeckung Südgeorgiens. Schon im 18. und 19. Jahrhundert kamen die ersten Robben- und Waljäger und ließen sich auf der Hauptinsel nieder. Die Jäger betrieben  ihr Geschäft dabei so rücksichtlich und umnachhaltig, dass bereits gegen Mitte des 19. Jahrhunderts eine Ausrottung der Robbenbestände drohte. 

Die Gewinnung von Tran geriet nach und nach stärker in den Fokus - etliche verrostete Tanks in den verlassenen Walfangstationen zeugen noch heute davon. 

Bild: verlassene Walfangstation auf Südgeorgien. 
Quelle: Google Earth. 


Südgeorgien wurde zum weltgrößten Walfangzentrum – es gab Küstenbasen in Grytviken (betrieben von 1904 bis 1964), Leith Harbour (1909 bis 1965), Ocean Harbour (1909 bis 1920), Husvik (1910 bis 1960), Stromness (1912 bis 1961) und Prince Olav Harbour (1917 bis 1934). 

Während des Zweiten Weltkriegs wurden sämtliche Walfangstationen bis auf Grytviken und Leith Harbor geschlossen. Die meisten der britischen und norwegischen Fabriken und Walfangschiffe wurden von deutschen Kriegsschiffen zerstört, während die restlichen unter alliiertem Kommando einberufen wurden. Die britischen Magistraten W. Barlas und A.I. Fleuret übernahmen die Verteidigung der Insel während des Kriegs. Die Royal Navybewaffnete das Handelsschiff Queen of Bermuda, um in den Gewässern um Südgeorgien zu patrouillieren. Außerdem wurden zwei 102-mm-Kanonen an Schlüsselstellen aufgestellt, um den Zugang zur Cumberland Bay und zur Stromness Bay, das heißt nach Grytviken und Leith Harbour zu schützen. Diese immer noch präsenten Batterien wurden von Freiwilligen unter den norwegischen Walfängern besetzt, die für diesen Zweck ausgebildet worden waren.

Bild: verlassenes Walfängerschiff in einer Bucht Südgeorgiens. 
Quelle: Google Earth. 


Während des Falklandkrieges wurde Südgeorgien durch argentinische Streitkräfte besetzt und bald darauf von britischen Truppen befreit. Seitdem gilt die Insel zu Groß Britannien zugehörig und wird fast ausschließlich zu Forschungszwecken genutzt. 

Heute sind noch etliche Relikte vergangener Zeiten auf Südgeorgien sichtbar. In den Buchten befinden sich verlassene Walfangstationen. Manchmal liegen Schiffswracks in den Häfen. 

Bild: verlassene Bucht in Südgeorgien. 
Quelle: Google Earth. 


Neben den Rückständen der Walfangindustrie sorgen heute vor allem Schädlinge für Probleme. So wanderten mit den Walfängern einst auch Ratten auf der Insel ein. Sie haben dort keine natürlichen Feinde und vermehren sich scheinbar unkontrolliert. Seit einiger Zeit werden daher Giftköder ausgeworfen, um die Ratten zu dezimieren. In manchen Gegenden drohen die Schädlinge bereits die Population der nistenden Vögel zu vernichten. 

Bild: verlassene Bucht in Südgeorgien. 
Quelle: Google Earth. 


Im einst größten Walfangstandort der Welt rosten heute die Gebäude vor sich hin. Ob eine Reise dorthin wirklich erstrebenswert ist, kann ich nicht aus eigener Erfahrung beurteilen. Alleine die verlassenen Orte sehen jedoch schon ganz reizvoll aus. 

Wer nun mit dem Gedanken spielt alle seine Ersparnisse für eine Reise nach Südgeorgien zu verpulvern, könnte sich zunächst noch mal einen Überblick auf der offiziellen Website der Stellvertretung auf der Insel verschaffen. Auch sind in der Vergangenheit einige interessante Artikel über Südgeorgien erschienen. 

Damit wünsche ich (weiterhin) einen schönen Sommerurlaub und gestehe, dass ich dann doch lieber in unseren Breitengraden bleibe ;-) 


Hendrik


Montag, 24. August 2015

Woher die Sprache ihren Namen hat



Kaum eine Gegend im Landkreis Celle ist so von Mythen umrankt wie das Waldgebiet "die Sprache" zwischen Lachtehausen und Beedenbostel. Schon ihr Name ist besonders - woher er kommt - das ist bislang ungeklärt. In diesem Beitrag werden mögliche Erklärungen vorgestellt. 

Vor allem Jüngeren ist sie bekannt - die Sage der "weißen Frau aus der Sprache". Ob diese tatsächlich stimmt? Moderatoren des Radiosenders ffn nahmen die Geschichte kürzlich ein wenig auf die Schippe. Eine abschließende Erklärung der Sage wird es vermutlich nicht geben. Doch die Sprache bietet weitere spannende Geschichten, Sagen und Mythen. Bis heute ist der Name dieses Waldgebietes ungeklärt. 

Bild: mystisch schlängelt sich die Lachte durch die Sprache. 
Quelle: H. Altmann. 


Ein alter Versammlungsplatz? 

Der Rektor der lateinischen Schule in Celle, Johann Heinrich Steffens, erwähnte die Sprache bereits 1763 in seiner "historischen und diplomatischen Abhandlungen in Briefen". Laut Steffens war die Sprache einst wesentlich ausgedehnter als die es heute ist. So sollen sich ausgedehnte Eichenwälder bis hinter das heutige Altenhagen erstreckt haben. Dies scheint durchaus plausibel zu sein, denn auch in alten Karten finden sich Hinweise darauf, dass die Sprache einst um einiges größer gewesen ist. 

Bild: Celle und die Sprache um 1640. 
Quelle: Marchiae Brandenburgensis 1640. 


Auch alte Flurnamen im Raum Altenhagen deuten auf einstige Waldungen in diesem Bereich hin - das sogenannte "Roland" zwischen Altenhagen und Garssen sei nur ein Beispiel. Steffens gab in seinem 1763 erschienenen Werk an, dass einige alte Gebäude in Celle aus den starken Eichenstämmen von dort errichtet worden seien. 

Im Zusammenhang zu Altenhagen deutete Steffens den Namen Sprache als einst "Sprake" bzw. "Hagesprake". Dahingehend wertete Steffens die Sprache als alten Versammlungs- und Gerichtsplatz. Der deutsche Hauslehrer, Archäologe und Schriftsteller, Johann Georg Keyßler hatte in seiner Abhandlung über das Leben der alten sächsischen und keltischen Stämme bereits um 1720 berichtet, dass Wälder und Flüsse als traditionelle Versammlungsplätze genutzt wurden. 

Steffens sah die Sprache somit als einen traditionellen Versammlungsplatz der sächsischen Vorfahren an. Allerdings soll es sich nicht um einen Landtagsplatz, sondern vielmehr um einen Versammlungsort für untergeordnete, die einzelnen Gaue betreffende Angelegenheiten gehandelt haben. 


Was hatte es mit den Gauen auf sich?

In der Tat scheint die Sprache einst eine Rolle bei der Grenzziehung gespielt zu haben. Noch nachdem Karl der Große um 803 die Sachsenstämme mit dem Schwert zum Christentum zwang, existierten die alten Gaugrenzen fort. Diese dienten einst, um die Stammesgebiete zu unterteilen und waren sozusagen Verwaltungsbezirke in denen der jeweilige Stammesfürst seine Macht ausübte. Es kann nicht genau beziffert werden wie alt diese alten Gaue waren - vermutlich reicht ihre Existenz allerdings weit in die Geschichte zurück.  

Celle gehörte einst zum Gau Flotwedel (= Flutwidde), welches sich heute noch als Namen für die politische Samtgemeinde Flotwedel erhalten hat. Früher war dieser Gau allerdings um einiges größer. Celle befand sich in einem Untergau des Flotwedel - dem sogenannten "Mulbeki" oder auch "Mulbeze". Die Aller trennte den Gau Flotwdel bei Celle vom sogenannten Lohengau, bzw. dem Muthwidi (="Schutzwald"). Weiter östlich schloss sich der Gretingau ("Gred" = Weide) an. 

Eine nachfolgende Karte zeigt die einstige geografische Lage der drei Gaue. 


Bild: Gaugrenzen um Celle.  
Quelle: aus Clemens Cassel, Geschichte der Stadt Celle. 


Der einzige Treffpunkt der drei alten sächsischen Gaue war ein Ort im Norden der Sprache - hier trafen Lohengau, Flotwedel und Gretingau zusammen. In diesem Bereich befindet sich die sogenannte "Hohe Warte". Die alten Gaugrenzen stimmten regelmäßig mit den späteren Grenzen der kirchlichen Diözesen überein. So finden sich die Grenzen der alten Gaue in den Grenzbeschreibungen der späteren Diözesen wieder. 

Die "Hohe Warte" wäre ein möglicher Punkt, der für das Zusammentreffen der alten Gaugrenzen geeignet scheint. Hier befinden sich einige höher gelegene Dünenhügel, die bereits vor hunderten Jahren existiert haben müssen. Clemens Cassel gibt in seiner geschichtlichen Betrachtung Celles das Jahr 1447 als erste Erwähnung an - leider ohne eine Quelle zu benennen. Ob die Hohe Warte der einstige Treffpunkt der Gaugrenzen war, bleibt dahingestellt. Vieles spricht dafür, dass hier eine traditionelle Grenze verlief, denn Grenzen wurden früher über lange Zeit beibehalten. 


Bild: Hohe Warte in der Sprache.  
Quelle: H. Altmann. 


Die Hohe Warte scheint als nördlichste Grenze Celles bestens geeignet gewesen zu sein, um vorbeiziehendes Kriegsvolk zu beobachten. Noch heute finden sich in dieser Gegend zahlreiche alte Grenzsteine, welche die Forstgrenzen markieren. Natürlich sind diese Steine neuzeitlicher Herkunft - jedoch wurden Grenzen nicht selten seit jeher beibehalten. 


Bild: Grenzstein an der Hohen Warte.  
Quelle: H. Altmann. 


An der Sache mit den Gaugrenzen scheint zumindest einiges dran zu sein. Die Hohe Warte als markante Flurbezeichnung eines Dünenzuges im nördlichen Bereich der Sprache kommt scheint auf einen möglichen Versammlungsort, bzw. einen Ausguck hinzudeuten. Leider gibt es keine schriftlichen Belege, die diese Theorie stützen. 



Was alte Karten verraten...

Blickt man in historische Karten, so findet man zahlreiche Belege für den Waldnamen "die Sprache". Bereits um 1650 gab es kartografische Belege für den Namen. Allerdings sind Karten aus dieser Zeit recht ungenau. Straßen und Wege sind nur grob erkennbar und haben kaum etwas mit der heutigen Topografie gemeinsam. Vielmehr zählt daher der Erkennbare Name "Sprache, welcher in der Karte östlich von Lachtehausen verzeichnet ist. 

Hier wurde die heutige "Sprache" noch als "Sprake" bezeichnet. 

Bild: Die Sprache 1650.  
Quelle: Archiv Altmann. 


Der Name dauerte fort - auch im Jahr 1706 wurde das Waldgebiet als "die Sprake" bezeichnet. 

Bild: Die Sprache 1706.  
Quelle: Ducatus Luneburgensis. 


Es stellt sich die Frage wann die heutige Straße durch die Sprache entstand. Im Jahr 1727 entstand die Karte der "Environs der Statt Zell" - also eine Umgebungskarte der Stadt Celle. Sie zeigt den Waldnamen der Sprache und einen Weg der sich in östliche Richtung von Lachtehausen durch den Wald schlängelt. Aber auch dieser Weg ist aufgrund der Ungenauigkeiten des Kartenwegs noch nicht mit der heutigen Straße gleichzusetzen. 

Bild: Die Sprache 1727.  
Quelle: Environs von der Statt Zell.


Erst 1780 zeigt eine Karte einen nachvollziehbaren Wegverlauf durch die Sprache. So führte die Straße einst nördlich der heutigen L 282 entlang der Lachte durch den Wald. Die Kurhannoversche Landesaufnahme zeigt sowohl den Verlauf dieses Weges, als auch eine angelegte Allee in welche die Straße bei Lachtehausen mündete. 

Bild: Die Sprache 1780.  
Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme.


Noch bis ins 19. Jahrhundert musste man einige Wegschlenker beim Passieren der Sprache in Kauf nehmen. So zeigt die topografische Spezialkarte aus dem Jahr 1822 "die Spracke" noch mit dem alten Wegverlauf entlang der Lachte. 

Bild: Die Sprache 1822.  
Quelle: Topografische Spezialkarte.


Noch 1839 war dieser Wegverlauf üblich und wurde genutzt. Die heutige schnurgerade Straße gab es noch nicht. Allerdings findet sich in den entsprechenden Kartenwerken bereits der heute übliche Name des Waldgebietes "Sprache". 

Bild: Die Sprache 1839.  
Quelle: Papen Atlas.


Erst im preußischen Messtischblatt von 1899 ist die heutige L 282 in ihrem geraden Verlauf verzeichnet. Die alte Straße in der Sprache ist allerdings heute noch erkennbar - zum Beispiel auf einem aktuellen Satellitenbild. Hier ist ebenfalls die Hohe Warte verzeichnet. Sie liegt hart nördlich der alten Straße. 

Bild: Die Sprache- alte Wegverläufe und Hohe Warte.  
Quelle: Google Earth.


Zusammenfassung...

Die Sprache hat ihren Namen über die Jahrhunderte beibehalten. Es ist schwer zu sagen woher dieser rührt. Möglicherweise gab es in diesem Waldgebiet einst tatsächlich einen Versammlungsort der angrenzenden Gaue. Stimmen die alten Grenzbeschreibungen trafen am nördlichen Rand der Sprache der Lohengau, der Gretinggau und der Flotwedel aneinander. Hier befindet sich ebenfalls die "Hohe Warte" - eine Dünenerhebung, die einst den alten Grenzverlauf markiert haben soll. 

Einst war die Sprache vermutlich ein schwer passierbares Gebiet. Einige Heimatforscher gehen deshalb davon aus, dass größere Heereszüge die Sprache einst nicht passieren konnten und in südliche- bzw. nördliche Richtung ausweichen mussten. Ohne Frage - vor der Anlegung zahlreicher Abwassergräben war der Wald sicher noch morastiger als heute. Der Heimatforscher Hans-Günther Michels aus Suderwittingen vermutet sogar, dass einst Karl der Große bei seinen Eroberungszügen bei Altencelle über die Aller ging. Allerdings geht Michels davon aus, dass Karl der Große nicht durch die Sprache gehen konnte, sondern südlich in Richtung Ahnsbeck auswich. 

Bild: Morastiges Gelände.  
Quelle: H. Altmann.


Inwiefern diese Vermutungen stimmen ist ungewiss. Es gibt weder Belege für einen Durchmarsch Karls des Großen, noch für die Existenz eines alten Versammlungsplatzes im Waldgebiet der Sprache. Allerdings scheinen einige der Annahmen nicht mal so abwegig zu sein, denn eines kann man dem Namen "Sprache" nun wirklich nicht absprechen: dass er durchaus langlebig ist. 

Eben dies deutet tatsächlich auf einen Zusammenhang zu alten Grenzen hin. Die einstigen Gaugrenzen waren über lange Zeit die wichtigsten Gebietseinteilungen. An ihnen wurden nicht selten spätere Ämter-, Kirchen- Landkreis- und Gerichtsgrenzen festgemacht. Somit besaßen die Grenzen der früheren Gaue oft einen Bezug zu späteren Verwaltungsgrenzen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich in der Sprache eine solche Grenze befunden hat. 

Da sich der Name zumindest über die letzten Jahrhunderte erhalten hat, kann man zweifellos davon ausgehen, dass der Wald einen markanten historischen Bezug besitzt. Dafür stehen ebenfalls die Sagen und Legenden, welche von Begebenheiten im Zusammenhang mit der Sprache erzählen. 


H. Altmann



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Quellen:
- Johann Heinrich Steffens, Celle im Lüneburgischen, 1763
- Schulchronik Nienhagen
- Clemens Cassel, Geschichte der Stadt Celle, 1930.
- Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes, 1897. 



Samstag, 22. August 2015

Wie kam die Munition nach Ahnsbeck?


Nachdem am vergangenen Mittwoch drei schwere 105 cm Sprenggranaten und diverse Infanteriemunition in Ahnsbeck gefunden wurden, war unklar in welchem Zusammenhang diese Rückstände in den Boden geraten sind. Mittlerweile hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst die Munition entfernt. Wie kamen diese schweren Geschosse nach Ahnsbeck? Hier eine mögliche Erklärung...

Die älteren Dorfbewohner mögen sich vielleicht noch an jene Tage im Frühjahr 1945 erinnern, als in Ahnsbeck zu Kriegsende mit schweren Kalibern geschossen wurde. Am 14. April gegen 13:00 Uhr Mittag befanden sich verschiedene Kompanien des 771. US Tank-Destroyer-Bataillon in Ahnsbeck. Diese Einheiten verfügten über Panzer des Typs M36 Jackson und M10 Wolverine. Die US Truppen hatten sich auf einen schnellen Vormarsch eingerichtet – Gefechte waren in dieser Phase des Krieges bereits zur Seltenheit geworden. Somit sicherten die Einheiten vermutlich vor allem in nördliche Richtung. 

Gegen Mittag des 14. April geschah allerdings das unvorstellbare – eine schwere deutsche Panzereinheit näherte sich aus der südlich gelegenen Allerheide bei Lachendorf. Die deutschen Panzer des Typs „Jagdpanther“ waren ausgerüstet mit der schweren 8,8 cm Kanone. Es handelte sich um Einheiten der SS-Kampfgruppe Wiking unter dem SS-Hauptsturmführer Nicolussi-Leck. Die deutsche Kampfgruppe hatte es bislang geschafft quasi unentdeckt hinter feindlichen Linien in östliche Richtung vorzugehen. Als die schweren deutschen Panzer sich Ahnsbeck näherten, überrumpelten sie die US Truppen vermutlich völlig. 

Bild: Ahnsbeck heute. 
Quelle: H. Altmann. 


Zwei US Panzer waren durch Treffer ausgeschaltet, bevor auch nur ein einziges amerikanisches Geschütz in Richtung der Angreifer ausgerichtet werden konnte. Umherfliegende Splitter trafen einen amerikanischen LKW, der mit Munition beladen war. Mindestens zwei US Soldaten wurden getötet – weitere mussten mit Verletzungen evakuiert werden. Ein Kind wurde schwer verletzt und von den US Truppen ins Lazarett nach Bückeburg gebracht. 

Auch die deutschen Angreifer hatten Verluste. Ein Panzer wurde getroffen und blieb am Weg nach Bunkenburg stehen – mindes zwei Soldaten starben. Einige erlitten schwere Verwundungen und wurden in einem Behelfslazarett in Lachendorf behandelt. Die SS-Kampfgruppe konnte das Gefecht für sich entscheiden und verzichtete dennoch auf die Einnahme Ahnsbecks. Stattdessen rückten die Deutschen weiter in östliche Richtung ab. 

Im kürzlich erschienenen Buch „Die letzten Kriegstage – Kampfhandlungen im Flotwedel und angrenzenden Ortschaften – 10. bis 20. April 1945“ werden diese Ereignisse untersucht. Es werden unter anderem deutsche und amerikanische Militärberichte, sowie die Aussagen von Zeitzeugen ausgewertet. 

Weitere Informationen ebenfalls unter: http://found-places.blogspot.de/2015/07/die-letzten-kriegstage-buch.html

Bild: Buchcover. 
Quelle: H. Altmann



Mittwoch, 19. August 2015

Woher das Heideeck seinen Namen hat


Folgt man der L 282 aus Lachtehausen in Richtung Beedenbostel, so erreicht man kurz hinter dem Waldgebiet "die Sprache" das sogenannte Heideeck. Heute befindet sich hier ein Kreisel, an dem sich die L 282 mit der Straße zwischen Gockenholz und Lachendorf kreuzt. Weit und breit ist hier allerdings keine Heidefläche zu sehen. Woher stammt also dieser Name, der eigentlich jedem in der Umgebung bekannt sein dürfte? 

Wie so häufig fußt der Name auf historischen Wurzeln. Allerdings scheint es sehr unwahrscheinlich, dass heute noch Zeitzeugen berichten können, denn das "Heideeck" ist deutlich älter als Menschen es jemals werden können. 

Bild: Heideeck heute - Luftbild 2014 - Blick in Richtung Lachendorf. 
Quelle: H. Altmann. 


Geht man in der Geschichte zurück, so fällt zunächst auf, dass die Straßenkreuzung am Heideeck recht alt sein muss. Die entsprechende Karte aus dem Jahr 1945 zeigt bereits das X-förmige Heideeck und die, parallel zur Straße in Richtung Lachendorf, verlaufende Bahntrasse. Auch ist in dieser Karte ein Wirtshaus verzeichnet. Die Bereiche westlich des Heideecks sind in der Karte als Weide- bzw. Grasland verzeichnet. 

Bild: Heideeck 1945. 
Quelle: War Office Map 1945. 


Blickt man etwas weiter auf der Zeitachse zurück, so lässt sich die Verkopplungskarte aus dem Jahr 1860 heranziehen. Das Heideeck ist als Straßenkreuzung bereits in dieser Karte erkennbar. Es liegt zwischen dem Dürskamp, welcher zur Gockenholzer Gemarkung gehörte und dem Lachenkamp, der zur Lachendorfer Gemarkung zählte. Die Karte verrät außerdem einiges über die Entwicklung der Straßen und Felder rund ums Heideeck. Die Straße nach Beedenbostel, in der Karte rot verzeichnet, verlief einst ein Stück südlich der heutigen L 282. Die Äcker bestanden aus schmalen Flurstücken, die - anders als heute - von einzelnen Höfen bewirtschaftet wurden. 

Bild: Heideeck 1860. 
Quelle: Verkopplungskarte Lachendorf.  


Das Heideeck ist allerdings noch einige Jahre älter. Bereits die Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 gibt Hinweise darauf. Eine wichtige Flurbezeichnung ist in den späteren Kartenwerken abhanden gekommen: die Lachteheide. Diese Heidefläche lag einst entlang der heutigen L 282, nördlich der Lachte und westlich des heutigen Heideecks. Dieses bildete quasi den östlichen Rand - also gewissermaßen eine "Ecke" - der einstigen Heidefläche. Sehr wahrscheinlich rührt der Name somit aus diesen Tagen. Doch ohne eine Straße zwischen Gockenholz und Lachendorf hätte es logischerweise keine solche "Ecke" gegeben. Daher scheint es naheliegend, dass die Wegverbindung zwischen diesen beiden Orten schon damals relevant gewesen sein muss. 

Bei der Urbarmachung der einstigen Lachteheide wurden bronzezeitliche Grabhügel entdeckt. Sie stammen aus einer Zeit in der es definitiv noch kein Heideeck gab. 

Bild: Heideeck 1780. 
Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt Beedenbostel.  


Namensgeber für das heutige Heideeck war also die einstige Lachteheide. Heideflächen waren einst Allmendeflächen und konnten somit von allen Höfen gleichermaßen genutzt werden. Mit dem Prozess der Verkopplung verschwanden solche gemeinschaftlich genutzten Flächen aus dem Landschaftsbild. 

Heute hat sich lediglich der Name des Heideeck als letzter Hinweis auf die einstige Lachteheide erhalten. 



H. Altmann




Funde vom 14.08.2015



Seit längerer Zeit war ich mal wieder im Suchgebiet unterwegs. Zunächst wurde ein nachweislich alter Acker unter die Lupe genommen. Die unmittelbare Lage an einem Ort und zu einem Flusslauf machten das Feld zusätzlich interessant, denn solche Stellen waren schon früher regelmäßig genutzt. Gemeinsam mit weiteren genehmigten und zertifizierten Sondengängern der Gemeinschaft Allertal  begann also die Suche. Gegen Abend wechselte ich den Acker. Die nachfolgenden Funde konnten an diesem Tag geborgen werden - allerdings stammen sie nicht vom selben Feld. Sie wurden nach dieser Aufnahme wieder separiert, beschriftet und gesondert verpackt. 

Bild: Gesamtfundkomplex des 14.08.2015.
Quelle: H. Altmann


Es fand sich auf den Feldern vor allem eines: viele kleine Aluminiumteile, die den Detektor herausforderten. Trotzdem konnten einige wirklich schöne Funde gemacht werden. 

Unter anderem diese Verzierung eines Schlüssellochs kam zum Vorschein. Die kleine Platte aus Kupfer war einst als Blende vor einem Schlüsselloch - vielleicht an einer kleinen Kommode o.ä. angebracht. Vermutlich datiert sie in die Mitte des 19. Jh. - in jedem Fall handelt es sich um einen neuzeitlichen Fund. 

Bild: Verzierung eines Schlüssellochs.
Quelle: H. Altmann


Es kamen auch Fundstücke zum Vorschein, die der Zeit des Dritten Reiches zuzuordnen sind. So etwa diese Auflage eines Koppelschlosses des "Deutschen Jungvolkes (DJ)". Die sogenannten "Pimpfe" waren einst die Vorgängerorganisation der Hitlerjugend (HJ). Jungen im Alter zwischen 10 und 14 gehörten dieser Organisation an. Ab 14 kamen sie dann in die HJ oder verblieben in Führungsrängen weiterhin beim Deutschen Jungvolk. Zeichen des DJ war eine einfache S-Rune. 

Das gefundene Koppelschloss gehörte einst also einem "Pimpf" - ob es verloren ging, oder bei Kriegsende mutwillig entsorgt wurde, kann natürlich nicht festgestellt werden. 

Bild: Koppelschloss des Deutschen Jungvolkes (S-Rune nicht gezeigt).
Quelle: H. Altmann


Auch zwei schöne Silbermünzen gelangten bei der Suche an die Oberfläche. Es handelt sich um einen Groschen aus dem Jahr 1858, Königreich Hannover und eine vier Pfennig Münze aus dem Jahr 1837, Braunschweig-Calenberg-Hannover. Beide Münzen sind gut erhalten, was sicherlich auch auf die hohe Qualität des Materials zurückzuführen ist. 

Bild: Silbermünzen (Vorderseiten). 
Quelle: H. Altmann



Bild: Silbermünzen (Rückseiten). 
Quelle: H. Altmann


Es waren allerdings auch Funde dabei, die sich leider nicht so eindeutig bestimmen lassen, wie die Münzen. Ein ca. 4 cm langes und leicht gekrümmtes Objekt scheint die Nachbildung eines Blattes oder einer Ranke zu sein. An einem Ende weist das Objekt eine Bruchstelle auf. Etwa in der Mitte befindet sich am Rand außerdem ein kleines Loch. Sicherlich diente der Gegenstand einst zur Zierde - sonst ergäbe die kunstvolle Gestaltung keinen Sinn. Das Material ist Kupfer. Ösen oder Spuren auf der Rückseite sind nicht vorhanden. Es wird sich daher vermutlich um einen Beschlag handeln und nicht um eine Fibel. Allerdings muss dieses Objekt in jedem Fall gemeldet werden und weiter untersucht werden worum es sich handeln könnte. 

Bild: Beschlag oder vielleicht doch Fibel? 
Quelle: H. Altmann


Ein anderes Objekt kann zumindest zeitlich näher eingegrenzt werden. Es handelt sich um einen Orden bzw. Anstecker mit recht eindeutigen Motiven. Ein Hakenkreuz unter einem Eichenkranz wird von einem Schwert überlagert. Derartige Abzeichen hat es um 1943 gegeben: siehe hier


Bild: Anstecket aus der NS-Zeit.  
Quelle: H. Altmann


Rätsel gibt nach wie vor das nachfolgende Objekt auf. Es handelt sich um eine Art Blume aus Kupfer bzw. Messing, die an manschen Stellen scheinbar einst vergoldet gewesen ist. Sicherlich diente sie einst zur Verzierung - es ist aber nicht geklärt in welchem Zusammenhang. Vermutlich entstammt sie dem 19. Jahrhundert. 

Bild: Blume (?) aus Messing / Kupfer.   
Quelle: H. Altmann


Neben den gezeigten Objekten wurden ebenfalls einige Knöpfe, Plomben und Musketenkugeln gefunden. Insgesamt handelt es sich um klassische Ackerfunde. Sie alle besitzen eine Geschichte und sind Relikte vergangener Zeiten. Allerdings besitzen sicher nicht alle Fundstücke einen wissenschaftlichen Wert. Ob einzelne Fundstücke von Relevanz sind muss daher in Absprache mit den zuständigen Archäologen geklärt werden.